Die Lienener Kapelle und der Name Pellemeier/Pellemeyer

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Lienener Familienname Pellemeier/Pellemeyer ist ein wichtiges Zeugnis der Lienener Kirchengeschichte. Denn er erinnert an eine ehemalige Kapelle, die an der Trasse des Deetweges gelegen war, des alten Überlandweges entlang des Südrandes des Teutoburger Waldes. Doch wann entstand diese Kapelle eigentlich und warum sind von ihr heute nur noch Fundamentreste zu finden?

Ein erster Schritt, sich dem Alter der Kapelle zu nähern, ist der Name Pellemeier/Pellemeyer selbst. Denn die Kapelle muss vor der Entstehung des Namens vorhanden gewesen sein. Leider tritt der Name erstmals im Jahr 1577 auf.[1] Doch ist die Lienener Kapelle älter. Erstmals schriftlich erwähnt wird sie 1456 in einem Abgabenregister (Capella).[2] Ein baulicher Überrest, nämlich ein erhaltener Gewölbeschlussstein mit ausgehauenem Stern, wird allerdings von Kunsthistorikern auf die Zeit um 1380 datiert, sodass die Kapelle vermutlich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts errichtet wurde.[3] Dieser Erbauungszeitraum passt optimal in den historischen Kontext, denn das Spätmittelalter war eine Epoche verstärkter Frömmigkeit. Die Impulse für das religiöse Leben gingen vor allem von den Städten aus. Kennzeichen waren eine intensive Stiftungspraxis der Bürger und das Aufkommen neuer Orden und anderer religiöser Gemeinschaften. Doch auch auf dem Land nahmen im Laufe des Mittelalters die frommen Aktivitäten zu. Eine wichtige regionale Quelle dafür ist das Anschreibebuch des Osnabrücker Offizials Reiner Eissinck (1488–1509), der für das Bistum Osnabrück zwischen 1488 und 1509 die Genehmigungen für kirchliche Erweiterungsbauten erteilte.[4] Vergrößerungen der Dorfkirchen durch Choranbauten und Seitenschiffe finden sich über das gesamte Osnabrücker Bistum verteilt. Romanische Kirchenschiffe wurden aufgestockt, neue Kirchhöfe und Beinhäuser angelegt, Glocken in Auftrag gegeben und Kapellen in den Bauerschaften gebaut.[5] Auch die Kirche in Lienen erhielt 1491 einen neuen Chor.[6] Zudem erlebten das Wallfahrtwesen und die Flurprozessionen im späten Mittelalter ihre Blüte.[7] Vor diesem Hintergrund vermehrter spätmittelalterlicher Frömmigkeit ist auch die Einrichtung der Kapelle beim Hof Pellemeier zu verstehen. Möglicherweise wurde das kleine Gotteshaus als Station einer Flurprozession mit dem Bild des hl. Jacobus des Älteren von Glane nach Lengerich erbaut. An der Grenze zwischen Lienen und Lengerich soll der Heilige dann schließlich mit der Lengericher Patronin Margaretha von Antiochien zusammengetroffen sein. Allerdings geht diese Nachricht erst auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück.[8] Der Flurname „Hilliger Stohl“ an der Grenze zwischen Lienen und Lengerich, der bereits mehrfach im 15. Jahrhundert (erstmals 1447) erwähnt wird, ist aber ein wichtiges Indiz für eine Flurprozession in der betreffenden Umgebung.[9]

Mit der Reformation, spätestens mit der Hinwendung der Tecklenburger Grafen zum Reformiertentum Ende des 16. Jahrhunderts, verlor die Kapelle ihre eigentliche Funktion. In der Folge dürfte sie verfallen sein oder ihre Baumaterialien wurden anderweitig verwendet.

Die Lienener Kapelle bestand also nur etwa zwei Jahrhunderte. Vermutungen der neueren Heimatforschung, an ihrem Standort habe sich in vorchristlicher Zeit ein Heiligtum des Gottes Ziu oder Donar befunden[10], sind reine Spekulation und entbehren jeglicher Grundlage.[11]

Der Sielenkamp

Noch einer weiteren Vermutung der Heimatforschung ist in diesem Zusammenhang eine Absage zu erteilen: Wilhelm Wilkens nimmt an, das Erstglied des Namens Pellemeier/Pellemeyer sei erst eine sekundäre Umdeutung nach dem Bau der Kapelle Ende des 14. Jahrhunderts aus angeblich älterem Sel/Sil/Siel. Der mutmaßlich ursprüngliche Name *Sellemeier sei durch ein Siel, einen angestauten Teich am Mühlenbach, motiviert gewesen. Als Beleg dient Wilkens dafür der beim Hof Pellemeier gelegene Seilenkamp (!).[12] Doch gibt es für diese Behauptung keinerlei Anhaltspunkte. Der von Wilkens ins Feld geführte Teich wurde erst im 18. Jahrhundert angelegt, wie eine darüber angefertigte Karte aus dem Jahr 1797 belegt.[13] Und auch der angebliche Flurname Seilenkamp, der auf besagter Karte als Sellenkamp, im Urkataster als Sielenkamp[14] auf der Deutschen Grundkarte als Siälenkamp erscheint[15], lässt sich anders erklären. Zudem muss er in keinen Zusammenhang mit dem Hofnamen Pellemeier stehen, sondern kann durchaus einen gänzlich anderen Ursprung haben. Eine sprachliche Analyse des Flurnamens Sellenkamp kann hier allerdings Klarheit schaffen. Die Formen des Bestimmungswortes Sellen-, Sielen-, Siälen– zeigen (die Schreibungen ie und iä sind Wiedergaben des mundartlichen kurzen Brechungsdiphthongs aus altem kurzen e), dass es sich um ein ursprünglich kurzes e gehandelt haben muss.[16] Deshalb könnte das Erstglied Selle– zu mittelniederdeutsch selle ‚Niederung, feuchte Wiese‘[17] (zu altenglisch *sele ‚Moor, Sumpf, Marschland, mittelniederdeutsch sêle, zeyle, seile ‚Feuchtwiese, Niederung‘) gestellt werden. Der Sellenkamp wäre dann ein ‚Kamp bei der Niederung, bei den feuchten Wiesen‘ gewesen.

Allerdings gibt es im Hinblick auf die Kapelle noch eine weitere Möglichkeit. Das Bestimmungswort sellen könnte auch den Genitiv Singular zu mittelniederdeutsch selle ‚Kaplan, Geselle, Gehilfe‘ enthalten. Etymologisch gehört das Wort zu altsächsisch seli, mittelniederdeutsch sêl, althochdeutsch, mittelhochdeutsch sal ‚Saal, Raum, Gebäude, Haus‘. Der selle, geselle ist also ursprünglich derjenige, der im selben Haus wohnt, der zum Haus gehört‘.[18] Der Sellenkamp könnte also auch der ‚Kamp des Kaplans‘ gewesen sein. Mit der in unmittelbarerer Nähe gelegenen Kapelle beim Hof Pellemeier besitzt eine solche Erklärung auch einen historischen Anhalt.

 

[1] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 225: Schatzungsregister der Grafschaft Tecklenburg mit Ausgabenrechnung (1577), Bl. 51.

[2] Johannes Kretzschmar, Der Türkenzehnte von 1456–58 in Osnabrück, in: Mittheilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 22 (1897), S. 253–273, hier S. 257.

[3] Wilhelm Wilkens, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 133–135.

[4] Josef Prinz, Aus dem Anschreibebuch des Osnabrücker Offizials Reiner Eissinck (1488–1509), in: Osnabrücker Mitteilungen 67 (1956), S. 81–115.

[5] Werner Freitag, Kirche und Frömmigkeit im spätmittelalterlichen Westfalen, in: Goldene Pracht. Mittelalterliche Schatzkunst in Westfalen, hrsg. v. Bistum Münster u.a., München 2012, S. 30–39; Ders., Die Reformation in Westfalen. Regionale Vielfalt, Bekenntiskonflikt und Koexistenz, 2. durchges. Aufl., Münster 2017, S. 23–38.

[6] Prinz, Anschreibebuch, S. 101 u. S. 111.

[7] Karl-Ferdinand Beßelmann, Stätten des Heils. Westfälische Wallfahrtsorte des Mittelalters, Münster 1998.

[8] Friedrich Smend, Kirchengeschichte der Grafschaft Tecklenburg, Gütersloh 1850, S. 12; Adalbert Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen und einigen andern, besonders den angrenzenden Gegenden Nordwestdeutschlands, Teil 1: Sagen, Leipzig 1859, S. 82, Nr. 73: Der eiserne Birnbaum.

[9] Christof Spannhoff, Die Gewässernamen Drevanameri und Heiliges Meer, in: Nordmünsterland. Forschungen und Funde 1 (2014), S. 223–248; Ders., Quelle mit heilender Wirkung? Die „Heilige Welle“ [bei Tecklenburg] wird erstmals im 16. Jahrhundert erwähnt, in: Unser Kreis 2015. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 28 (2014), S. 63–68.

[10] Wilkens, Lienen, S. 27.

[11] Vgl. zu dieser fragwürdigen Vorgehensweise der Heimatforschung auch: Paul Derks, Trigla Dea und ihre Genossen. Drüggelte und sein angeblicher Heidentempel. Ein Literaturbericht mit Ausblicken nach Ense, Bremen und Wormbach, in: Soester Zeitschrift 101 (1989), S. 5–78; Paul Derks, „Cenobium Herreke“ und die „Hertha-Eiche“. Eine Nachlese zum Herdecker Stadtjubiläum, in: Der Märker. Landeskundliche Zeitschrift für den Bereich der ehem. Grafschaft Mark und den Märkischen Kreis 41 (1992), S. 207–223; Christof Spannhoff, Keine vorchristliche Kultstätte. „Heidentempel“ des Jahres 610 ist eine Erfindung des Chronisten Rump, in: Unser Kreis 2016. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 29 (2015), S. 109–115.

[12] Wilkens, Lienen, S. 120f. u. 135.

[13] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A 5114: Ocular Plan vom Lauf des Quell-Bachs der in dem gemeinen Berge oberhalb dem Dorffe Lienen entspringt und nach dem Mühlenteiche der Mühle im Dorffe Lienen fliesset (1797).

[14] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A 35753.

[15] Die Blätter der Deutschen Grundkarte können unter https://www.tim-online.nrw.de eingesehen werden.

[16] Hermann Niebaum, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen. Die Mundart von Laer (Landkreis Osnabrück), Köln u. Wien 1974, S. 331–338; Gunter Müller, Das Vermessungsprotokoll für das Kirchspiel Ibbenbüren von 1604/05. Text und namenkundliche Untersuchungen, Köln u.a. 1993, S. 55.

[17] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. IV, S. 179f.

[18] Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. Aufl., Berlin 2002, S. 352.

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