Der Flurname Wierwöste in Lienen

Von Dr. Christof Spannhoff

Wüsten gibt es nicht nur in südlichen Gefilden, sondern – im niederdeutschen Sprachgewand als Wöste – auch in Westfalen. So liegt in der Lienener Bauerschaft Holzhausen zum Beispiel die sogenannte Wierwöste. Diese Flur (hier in der Form Weerwöste) erstreckte sich nach Auskunft des Urkatasters von 1829 direkt nördlich der heutigen Kattenvenner Straße und westlich der Straße Am Mühlenbach.[1]

Doch eine Wüste in Lienen? Kann das wirklich sein? Die Lösung des Rätsels liegt darin, dass sich die Bedeutung des Wortes Wüste im Lauf der Zeit verändert hat. Heute ist dieses Wort durch seine geographisch-fachsprachliche Festlegung geprägt und meint großräumige, vegetationsfeindliche, sandige und steinige, von Verwitterungs- und Oxydationsvorgängen gekennzeichnete Trocken- und Heißgebiete entlang den beiden Wendekreisen. Wir denken bei dem Begriff an Sand und Hitze, an Karawanen und Kamele. Doch in vormoderner Zeit ist eine Wüste eigentlich jede Stelle und jeder Platz gewesen, der nicht ackerbaulich genutzt wurde und einen Wildnis-Charakter aufwies.[2] Auch ein üppiger Wald und eine faunen- und florenreiche Heide waren im damaligen Verständnis der Menschen also Wüste. Das galt noch bis ins 18. und 19. Jahrhundert. Die Wierwöste war also eine wüste Stelle, eine Wildnis. Doch was bedeutet der erste Teil des Flurnamens Wier-?

Es gibt vergleichbare Namen, die in dieser Frage weiterhelfen können. Im Kreis Rothenburg (Wümme) finden sich die Fluren im Wier, das Wiersmor und ein Wierenbrocksmoor, das ein *Wierenbrock voraussetzt. Letzter Name lässt sich mit einer 1692 erwähnten Form Wiedenbrock identifizieren. Dieser historische Beleg gibt einen wichtigen Hinweis auf die lautliche Entwicklung der Flurnamen mit dem Erstglied Wier-. Er zeigt, dass das r in Wier– nicht ursprünglich ist, sondern durch sogenannten Rhotazismus entstand, also den Lautwandel eines beliebigen Mitlautes zu r; in diesem Fall des Lautes d. Dieser Vorgang zeigt sich etwa auch im plattdeutsch-dialektalen Nebeneinander von Bedde und Berre für ‚Bett‘. Das d in Wieden– wurde also durch Rhotazismus zu r, wodurch die Form Wier– entstand.[3]

Da für die Lienener Wierwöste ältere Belege bislang fehlen, ist eine ähnliche Entwicklung wie bei den Rothenburger Flurnamen zu unterstellen. Auch für die Lienener Wierwöste ist also eine ursprüngliche Form *Wied(en)wöste anzunehmen. Damit bieten sich zwei Anschlüsse für den ersten Teil des Namens: zum einen mittelniederdeutsch wîde ‚Weidenbaum‘, zum anderen altniederdeutsch widu, mittelniederdeutsch wede ‚Wald‘.

Doch kann man entscheiden, welches Wort in Frage kommt? In der mundartlichen Aussprache handelt es sich bei dem ie in Wier– um einen gebrochenen Zwielaut (Diphthong), der als i+e und nicht als langes î zu sprechen ist. Im Urkataster erscheint zudem die Form Weer-. Beide Befunde lassen erkennen, dass das i in Wier– ursprünglich kurz gewesen ist und durch die sogenannte mittelniederdeutsche Zerdehnung zu i+e bzw. gelängtem e geworden ist.[4] Damit kommt aber nur altniederdeutsch widu, mittelniederdeutsch wede für die Wierwöste in Betracht. Die Wierwöste ist also übersetzt eine ‚Wald-Wüste‘ bzw. eine ‚Wald-Wildnis‘.

[1] Katasteramt Steinfurt, 5047-1-04, Nr. 36, Flur21: Hölscher (1829).

[2] Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Bochum 2010, S. 173.

[3] Reinhold Möller, Dentalsuffixe in niedersächsischen Siedlungs- und Flurnamen in Zeugnissen vor dem Jahr 1200, Heidelberg 1992, S. 135.

[4] Hermann Niebaum, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen. Die Mundart von Laer (Landkreis Osnabrück), Köln u. Wien 1974, S. 331–338. Mit Flurnamen-Beispielen: Christof Spannhoff, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 50–52.

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Der Familien- und Hofname Tassemeier

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Familienname Tassemeier / Tassemeyer, der noch heute im Tecklenburger Land anzutreffen ist, stammt ursprünglich aus Westerkappeln. In der Bauerschaft Sennlich lag der Hof Tassemeier (heute Sennlicher Weg 3), dessen Bewohner ebenfalls diesen Namen trugen. Doch welchen Ursprung hat dieser ungewöhnliche Name? Hat er etwas mit einer Tasse, also mit einem mit einem Henkel versehenen, kleinen Trinkgefäß zu tun? Um diese Frage beantworten zu können, ist eine sprachwissenschaftliche Analyse des Namens notwendig.

Der Name gehört zu den zahlreichen westfälischen Hof- und Familiennamen auf –meier, –meyer, die auch in Westerkappeln sehr häufig anzutreffen sind. Der Namenbestandteil –meier geht zurück auf die Amtsbezeichnung meier. Der Meier, von lateinisch maior ‚der Größere‘, war im Mittelalter der leitende Wirtschafter auf einem Herrenhof.[1] Ein solcher Herrenhof konnte als „Oberhof“ mehrere abhängige Bauernstätten, sogenannte Hufen (lat. mansi), unter sich haben (Villikation oder Hofverband[2]), von denen der Meier die Abgaben für seinen Herrn einzog. Neben der ökonomischen Funktion konnte ein „Meierhof“ (lat. curtis oder curia[3]) aber auch andere Verwaltungsaufgaben erfüllen, musste also nicht unbedingt einen ihm zugehörigen Hofverband aufweisen. Der Verwalter eines derartigen Hofes wurde lateinisch als villicus (von lat. villa ‚herrschaftliches Haus‘) bezeichnet.[4] Es ist bis heute an der regionalen Verteilung von Hof- und Familiennamen (z.B. Meier zu N.N.; Schulte-N.N.) abzulesen, dass diese Amtsbezeichnung in Ostwestfalen und im Osnabrücker Land zumeist mit dem lateinischen Lehnwort meier (von lat. maior ‚der Größere‘ [s.o.]) in die Volkssprache übersetzt, im Münsterland hingegen mit dem niederdeutschen Begriff Schulte benannt wurde (aus altsächsisch *skuldhêtio > *skuldhete > skult(h)ete > schulte, Bildung aus altsächsisch skuld ‚Schuld‘ und dem starken Verb hêtan ‚heißen‘. Der „Schulte“ war also derjenige, der „geheißen“ wurde, die Abgaben aus seinem Hofverband an seinen Herrn abzuliefern[5]).

Das Tecklenburger Land stellt in diesem Zusammenhang eine Region des Übergangs der beiden volkssprachlichen Übersetzungen für den villicus dar.[6] So finden sich hier Schulten- und Meier-Bezeichnungen nebeneinander.[7]

Mit der Auflösung der Villikationen oder Hofverbände wurde die Bezeichnung meier von ihrer rechtlichen Fixierung für den Verwalter eines Herrenhofes frei und konnte zur Namenbildung für gewöhnliche Bauernstätten (Hufen) genutzt werden (vgl. die Entwicklung von N.N. uff der Horst > Horstmeier, N.N. uffm Felde > Feldmeyer, N.N. im Elsen > Elsmeyer etc.).[8] Diese Beispiele zeigen, dass das Grundwort –meier, meyer oftmals mit Flurbezeichnungen zusammengesetzt ist. Genauso verhält es sich auch bei dem Familiennamen Tassemeier / Tassemeyer.

Doch was bedeutet der erste Bestandteil des Namens? Das Trinkgefäß Tasse kann hier nicht vorliegen, weil dieses Wort im Niederdeutschen nicht existierte. Da der Name Tassemeier / Tassemeyer aber in Westerkappeln entstanden ist, also im niederdeutschen Sprachraum, muss er auch aus dem Niederdeutschen heraus erklärt werden. Das hochdeutsche Wort Tasse wurde aus italienisch tazza ‚Trinkschale‘ nur in das Oberdeutsche entlehnt und später an die französische Form tasse angeglichen. Diese Form gelangte dann in die deutsche Hochsprache. Das italienische tazza ist übrigens ebenfalls eine Entlehnung aus arabisch tâs ‚Schälchen‘, das wiederum auf das persische täšt ‚Becken, Schale‘ zurückgeht.[9]

Wenn also der hochdeutsche Begriff Tasse ‚Trinkgefäß‘ nicht im ersten Teil des Namens enthalten sein kann, muss ein anderer Anschluss gefunden werden. Dazu hilft ein Blick auf die älteren Belege des Namens:

1580 Tassemeier[10]

1621 Tasschemeier[11]

1634 Taschemeier[12]

1643 Taßemejer[13]

1755 Tassemeyer[14]

Die älteren Belege des Namens zeigen, dass in seinem Erstglied das Wort mittelniederdeutsch tasche, taske, tasse ‚Tasche‘ anzusetzen ist.[15] Der Begriff Tasche findet sich vereinzelt in Flurnamen, so z.B. in Schönemark bei Detmold (1782 Tasche), Nordrheda (in der Tasche) oder Holzhausen bei Höxter. Auch in Westerkappeln gab es den Flurnamen Tasche. Entweder meint diese Flurbezeichnung eine beutelartige Ausbuchtung im Gelände bzw. eine Vertiefung oder das Flurstück war nur von einer Seite her zugänglich, so wie eine Tasche nur eine Öffnung hat (vgl. auch den Flurnamen Sack bzw. die Sackgasse).[16]

Der Hof- und Familienname Tassemeier / Tassemeyer ist also zu übersetzen als ‚derjenige, der an einer Flur namens Tasche wohnte‘. Das Benennungsmotiv der namengebenden Flur Tasche / Tasse geht entweder auf die Form des Flurstücks bzw. auf dessen Zugänglichkeit zurück.

[1] Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erweiterte Aufl., Münster 2014, S. 529–531.

[2] Ebd., S. 770f.

[3] Ebd., S. 206.

[4] Ebd., S. 771f.

[5] Ebd., S. 663–671.

[6] Gunter Müller, Schulte und Meier in Westfalen, in: Gedenkschrift für Heinrich Wesche, hrsg. v. Wolfgang Kramer u.a., Göttingen 1979, S. 143–164

[7] Vgl. Müller, Schulte; Pierre Hessmann, Die Namen auf -man im Twenter Schatzungsregister von a. 1475, in: Gedenkschrift für Heinrich Wesche, hrsg. v. Wolfgang Kramer u.a., Göttingen 1979, S. 65-78.; Friedrich Walter, Zur Entstehung münsterländischer Hofnamen, besonders im Raum Telgte. Ein Beitrag zur Methodik der Hofnamenforschung, in: Niederdeutsches Wort 6 (1966), S. 73–96.

[8] Vgl. Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 324–360 (Register).

[9] Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002, S. 907.

[10] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, S. 22.

[11] Ebd., S. 22.

[12] Ebd., S. 23.

[13] Ebd., S. 103.

[14] Ebd., S. 160.

[15] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. IV, S. 513.

[16] Gunter Müller u. Bärbel Wagner, Die Flurnamen der Gemeinde Westerkappeln, 2 Bde., Westerkappeln 1993 u. 1995, Bd. 2: Namenerklärungen, S. 297.