Historisch-geographische Nachrichten die Grafschaft Tecklenburg betreffend von Friedrich Meese

Vorbemerkungen

Demjenigen, der sich mit der Geschichte des Tecklenburger Landes beschäftigt, dürfte die „Historisch-topographisch-statistische Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg“ des königlich-preußischen Assistenzrats August Karl Holsche aus dem Jahre 1788 als wichtige regionalgeschichtliche Quelle bekannt sein. Neben den historischen Nachrichten aus älterer Zeit, die von Holsche auf der Basis des ihm seinerzeit vorliegenden Urkunden- und Aktenmaterials zusammengestellt wurden, und dem Abdruck zahlreicher zeitgenössischer Verordnungen, liegt der Wert dieser Landesbeschreibung in der Schilderung der geographischen, sozialen, rechtlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Zustände zur Zeit ihrer Abfassung (1788). Wenigen ist jedoch bekannt, dass ein Zeitgenosse Holsches, der Tecklenburger Legge-Assistent Friedrich Meese, zwei Jahre nach Erscheinen von Holsches Darstellung (1790) eine Ergänzung veröffentlichte. Meese schreibt in einer Anmerkung: „Obige Nachrichten enthalten manches Neues, das sich weder in Holsches Beschreibung dieser Grafschaft, noch im 13ten Hefte dieses Magazins befindet“.[1] Seine Ausführungen erschienen im achten Heft des zweiten Bandes der von Peter Florenz Weddigen herausgegebenen Zeitschrift „Neues Westphälisches Magazin zur Geographie, Historie und Statistik“ auf den Seiten 319–331. Der Fokus von Meeses Ausführungen liegt auf der Beschreibung des Tecklenburger Leinenhandels. Ein Umstand, der aufgrund seines Amtes als Assistent der Tecklenburger Legge nicht verwundert. Im Folgenden soll nun der Text der regionalgeschichtlich relevanten Quelle wiedergegeben werden. Ergänzungen des Bearbeiters wurden in eckige Klammern [ ] gesetzt:

Historisch-geographische Nachrichten die Grafschaft Tecklenburg betreffend

„[S. 319] Die Grafschaft Tecklenburg ist auf der Karte vom Bisthum Münster deutlich zu sehen, die aber in Ansehung dieser Provinz viele Verbesserungen bedarf. Eine kleine Karte von den Grafschaften Tecklenburg und Lingen, welche in Berlin für den genealogischen Kalender vom Jahre 1780 gestochen ist, hat in Ansehung dieser Grafschaft viele Fehler; es hat aber der Assistenzrath Holsche in seiner Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg von 1788 eine besondere kleine Karte von derselben mitgetheilet, die sich zwar nicht auf genaue [S. 320] Vermessungen gründet, in welcher aber doch die Größe, Lage und Entfernung der Oerter mit vieler Genauigkeit angegeben ist. Es sind aber auf derselben die Berge bey Lotte, Habichtswalde und Osterberg nicht abgezeichnet. Desgleichen ist die Entfernung Lienens von Lengerich auch eine Viertelstunde zu weit. Sie ist aber bis jetzt die beste und genaueste Karte so man hat, deren Zeichner der Kondukteur Luge in Lingen ist. Gegen Norden und Osten gränzet sie an das Hochstift Osnabrück, gegen Süden und Westen an das Hochstift Münster. Ihre Größe beträgt nach obiger Beschreibung 4 Meilen in der Länge, und ihre Breite, da wo sie am größten ist, 2 Meilen, welche höchsten 6 ½ □ [Quadrat]- Meilen ausmachen sollen.

Die Hälfte des Landes ist bergig. Die Berge aber sind oben flach und hangen zusammen und die freyen Aussichten so man von denselben hat, sind angenehm, besonders nach Süden und Südwesten zwischen Bentheim und Warendorf. Man siehet bey heller Witterung am Horizont Gebierge, die wegen der Weite wie aufsteigende Gewitterwolken aussehen, und welche man für die Gebirge im Sauerlande hält. Gegen Norden verhindert zum Theil der Dickenberg die Aussicht, der in der Ober-Grafschaft Lingen, dessen kleinster Theil der Schaafberg heißt und in dieser Grafschaft liegt. Die vornehmsten Berge sind, der Leeder- Lengericher und Lienerberg, (welche beyden letzteren in einer Strecke bis Bielefeld gehen, und theils mit Holz bewachsen, größtentheils aber kahl sind). Der Lengericher- und Lienerberg bestehen aus Kalksteine, der Leederberg aber aus Sandsteine, und der Schaafberg aus Steinkohlen; viele der übrigen Berge oder Hügel enthalten Mergel, der gegenwärtig allenthalben aufgesucht und zur Düngung der Aecker vortheilhaft gebraucht wird. Die Kirchspiele Ladbergen, Lienen und Wersen haben einen sandigten Boden, welcher vielen Buchweitzen oder Heidekorn liefert; alle übrige haben einen bessern Boden, der Getreide aller Art auch Weitzen hervorbringt, gute Viehweiden, Gartengewächse, Obst- Büchen und Eichbäume hat.

Wegen des starken Flachs- und Hanfbaues und wegen der vielen Heuerleuten die hier wohnen, reichet das Getreide zur Nothdurft der Einwohner nicht zu (ausgenommen in den Kirchspielen Cappeln und [S. 321] Schale, welche ein ansehnliches übrig haben), sondern das Fehlende wird aus dem Bisthum Münster eingeführet.

Seit dem Jahre 1703 hat sich die Bevölkerung stark vermehret, und Ackerbau und Manufakturen sind in Aufnahme gekommen. Viele unangebaute Gegenden sind urbar und wohnbar gemacht, und der Werth der Ländereyen ist gestiegen. Es liegt aber noch ein Ansehnliches wüste, welches jetzt ausgemessen wird und vertheilt werden soll. Die Hornviehzucht reicht nicht nur zum Bedürfnis des Landes zu, sondern es wird auch noch ein Ansehnliches an Butter und Kälber nach den Städten Osnabrück und Münster zum Verkauf gebracht. Die Schweinezucht ist gut, und von dieser werden des Jahrs über 1000 Stück Schinken nach Holland versandt. Außer dem vielen Holze, welches besonders die Bauern in den Kirchspielen Ledde, Leeden, Lotte und Lengerich auf ihren Stätten besitzen, und wovon sie ein Ähnliches nach Osnabrück zum Verkauf fahren, ist hinlängliches Holz vorhanden; es ist aber seit 15 bis 20 Jahren im Preise gestiegen, und in verschiedenen Gegenden hat es sehr abgenommen. In den Kirchspielen Cappeln, Liene und Ladbergen, wo es am wenigsten vorhanden ist, hat man hinlänglichen Torf. Die landesherrl.[ichen] Forsten betragen 1821 Magdeburger Morgen[2], und bestehen aus lauter Büchen und Eichen. Unter diesen sind der Habichtswald von 1400 und der Sundern von 200 M.[agdeburger] Morgen die größesten. Auf dem Schaafberge im Kirchspiel Cappeln ist ein Steinkohlenbergwerk, welches diese Grafschaft und die Stadt Osnabrück mit Steinkohlen versiehet. Die Steingruben an und auf dem Leederberg liefern Steine zur Ausfuhr.

Die Hase und die Düte sind fischreiche kleine Flüsse oder vielmehr Bäche. In den königl.[ichen] Forsten und auf dem Lienerberge giebt es viele wilde Schweine, Rehe und sonstiges Wild.

Die Bauern sind theils königliche theils gutsherrliche Eigenbehörige, theils auch freye Leute. Die königl.[ichen] Eigenbehörige genießen jetzt die sogenannte Meyerstättsche Freyheit, die darin bestehet, daß sie sich unter der Fixation der ungewissen Eigenthumsgefälle begeben, da sie sonst selbige, als Sterbfälle, Erbgewinne, und Freykäufe auf der [S. 322] Amtsstube behandeln musten, und sind solche jetzo nach der Contributions-Angabe bestimmt worden. Indessen müssen sie die Handels- und Nadelgelder nach Erbgerechtigkeit bis jetzt bezahlen. Von den Freykäufen müssen sie aber die Handelsgelder und Präsidenten-Emolumente[3] entrichten. Noch nie ist der Bauernstand hier so blühend gewesen als jetzt. Ein langer Friede, bisherige Befreyung von der Werbung[4], das Zunehmen ihrer Manufaktur, der hohe Preis des Linnens, der seit dem Kriege und besonders seit 5 Jahren gestiegen ist, und der gute Absatz der Lebensmittel, sind die Quellen die gegenwärtig den Bauernstand so florisant machen. Viele Bauernstätten die durch schlechte Haushaltung in den vorigen Zeiten fast ganz zu Grunde waren, sind jetzt in dem besten Stande, und es giebt deren nicht wenige, die wirklich Capitalien besitzen.

Der Heuermann, der die zweyte Klasse der Landeseinwohner ausmacht, stehet sich durchgehends gut. Seit 20 Jahren lebt er gleichsam, wenn ich so sagen mag, im goldenen Zeitalter. Die Quellen Geld zu verdienen und sich leicht zu ernähren sind auch die Ursachen, daß so häufige Ehen unter den Heuerleuten geschlossen werden, da es ihnen oft noch an einer Wohnung fehlt. Denn sie verlassen sich darauf, daß der Mann nach Holland gehen kann, um sich Geld zu verdienen, indessen sich die Frau und Kinder zu Hause mit Linnenmachen abgeben, woran der Mann im Winter mit spinnen hilft. Kinder sind hier für die Bauern und Heuerleute von großen Nutzen und ein Segen zu nennen. Denn wenn sie erst 5 bis 6 Jahre erreicht haben, helfen sie schon spinnen, und verdienen also bey den Aeltern die Kost und Kleidung. Hat der Heuermann viele Kinder, so müssen dieselbe den Bauern als Knechte und Mägde dienen. Der Bauer giebt ihnen nicht allein Kost und Lohn dafür, sondern auch etwas an Kleidungsstücken, und ist auch schuldig ihnen auf seinem Lande ein gewisses an Hanf- und Leinsaamen zu säen, welches sie im Winter, wenn sie ihre Hausarbeit verrichtet, und dem Bauern sein gewisses Garn gesponnen haben, für sich spinnen, Linnen daraus bereiten und es zur Legge bringen, woraus sie sich denn oft 15 bis 20 Rthlr. erwerben. [S. 323] Viele von den Heuerleuten haben sich seit dem Kriege 1763 eigenen Colonate angelegt. Jetzt, bey Vertheilung des wüsten Grundes, haben sich hiezu gleichfals viele gemeldet.

Die Einwohner haben eine angeborenen Furcht und Widerwillen für den Soldatenstand. So bald nur Anschein zum Kriege da ist, laufen sie außerhalb Landes. Im Bayerschen Kriege riß dieses so sehr ein, daß die Frauensleute die Aecker bestellen und die Todten begraben musten.

In der Grafschaft sind drey kleine Städte und sieben andere Kirchspiele, 40 Dörfer und Bauerschaften; neun adeliche und verschiedene bürgerliche Güter, und vier königliche Vorwerke, wovon das zum Habichtswalde das wichtigste ist.

Bey dem Regierungsantritt des jetztregierenden Königs von Preußen Friedrich Wilhelms II. wurde eine allgemeine Zählung vorgenommen, wo es sich denn fand, daß in den Städten 371 Feuerstellen, 1993 Menschen, 50 Pferde und 448 Kühe; auf dem Lande aber 2770 Feuerstellen, 15241 Menschen, 2288 Pferde, 640 Ochsen, 5645 Kühe und 7412 Schaafe waren. Man hat aber Ursache zu glauben, daß die Hornviehzucht und Schweine nicht richtig aufgenommen sind, und sich beynahe noch einmal so hoch beläuft. Es ist auch nicht allein wahrscheinlich, sondern gewiß, daß die Anzahl der Menschen größer ist, und daß viele aus Furcht für den Soldatenstand verschwiegen sind. Man kann aus gutem Grunde annehmen, daß wenigstens 18.000 Menschen vorhanden gewesen, und daß nunmehr die wahre Anzahl zwischen 18 und 19.000 fällt.

Die Einwohner sind sehr arbeitsam und thätig, und man wird weing Länder finden, wo durchgehens so viel Industrie herrschet, als in dieser kleinen Provinz. Des Winters wird von Alt und Jung, beiderley Geschlechts, gesponnen, und sobald der Frühling und Sommer eintritt, wird von denen Frauensleuten gebleichet und gewebet, die übrigen bringen den Acker zu Stande, und so bald dieser bestellet ist, gehen einige Hunderte von den Heuerleuten und unverheyratheten Mannsleuten nach Holland, allwo sie 12 bis 15 Wochen arbeiten, und gewöhnlich in dieser Zeit 40 bis 80 Gulden erübrigen und baar zu Hause bringen. [S. 324] Das vornehmste Gewerbe und Nahrungsmittel bestehet in Verfertigung und Versendung des in Westphalen häufig gemachten Löwendlinnens, welches von verschiedener Güte und 1 Brabandter Elle breit ist. In sechs Jahren, nemlich von 1780 bis 1786, sind von diesem Linnen auf die Legge zu Tecklenburg, als der einzige im Lande, in neun Kirchspielen der Grafschaft (denn Schale ist ausgenommen, wo kein Löwend- wol aber etwas feinere Linnen gemacht werden) 50.930 Stück zu 3 Millionen und 918.659 Legge-Ellen (auf allen Löwendlinnen-Leggen in Westphalen wird nach Legge-Ellen gerechnet, wovon 100 = 175 Brabandter Ellen sind), oder 6 Millionen 857.654 Brabandter Ellen gestempelt und von hieraus ausgefahren worden, deren Werth nach der damaligen Legge- oder dem Einkaufspreise der Kaufleute 826.630 Rtlr. betrug, welches im Durchschnitt für jedes Jahr 8500 Stück von 1.142.942 Brabandter Ellen und an Gelde 137.772 Thaler in Golde betragen haben. Diesen Preis setzet die Kriegs- und Domänen-Cammer zu Lingen mit Zuziehung der Kaufleute fest, und stehet derselbe immer öffentlich auf der Legge angeschrieben.

Die Kaufleute gewinnen ohngefähr 6 bis 7 Procent, und schlagen ihre Gelder 3, 4 bis 5 mal um, so daß man, dieses mitgerechnet, annehmen kann, daß für das hiesige Löwendlinnen ohngefähr 148 bis 150.000 Rthlr. ins Land kommt.

Der fremde Hanf- und Leinsaamen der jährlich eingeführt wird, und zwar ersterer aus dem Ravensbergischen, letzterer aber aus Riga, beträgt ohngefähr höchstens 9 bis 10.000 Rthlr.; aller übriger noch erforderlicher Saamen wird von den Einwohnern selbst gewonnen, die sich je mehr und mehr auf den Saamenbau legen.

Von dem ausgehenden Leinwand, welches größtentheils aus Hanf und nur weniges aus Flachs besteht, und worunter es wieder etwas giebt, welches aus beiden Theilen zusammen bestehet, geht das von Hanf gewebte nach England, der weit geringere ganz flächserne Theil aber nach Spanien, wo es größtentheils in diesen Ländern bleibt, das übrige aber nach Amerika und Westindien versandt, und zu allerhand Kleidungen und Haushaltungsstücken gebraucht wird.

[S. 325] Wenn man das Kirchspiel Schale ausnimmt, wo das Linnenmachen nicht so stark getrieben wird, so hat nicht nur jede Familie ihren Weberstuhl, sondern viele haben deren zwey. Die Zahl der sämmtlichen Weberstühle dieser Grafschaft beläuft sich auf 2000 und einige Hundert. Was die Einwohner an Garn für sich behalten, und welches größtentheils aus Flachs bestehet, und zu mancherley Kleidungs- und Haushaltungsstücken, zu Hemden, Bettüchern, Drell u.s.w. verarbeitet wird, beträgt wahrscheinlich 50 tausend Thaler an Werth, so daß man behaupten kann, daß der Werth dessen, was hier jährlich aus Hanf und Flachs verbauet und veredelt wird, sich auf 200.000 Rthlr. beläuft.

Das hiesige Linnen ist von dreyerley Art: Oberband, das beste und häufigste; Unterband, wenig von dem ersten unterschieden; und Einband, das schlechteste und auch das wenigste.

Der Handel mit diesen Linnen nimmt seinen Anfang eben vor und gleich nach Pfingsten, und dauert bis Anfang Novenber, wo es mit ganzen Fudern nach Tecklenburg zur Legge gefahren wird. Hier wird es gemessen, aufgenommen, dem Leggemeister vorgesetzt, der es mit dem Wapen der Grafschaft Tecklenburg und Lingen stempelt. Die Kaufleute versenden es in Packen von 40 bis 50 Stück mit Bremer Fuhren nach Bremen ab, von wo es nach London, Bristol, und a.O. versandt wird. Diese Fuhrleute bringen das ganze Jahr Kaufmannsgüter von Bremen mit, welche nach Münster und den umliegenden Oertern gehen, haben gemeiniglich ihre Niederlag in Tecklenburg und lassen die Waare durch hiesige Bauren weiter fahren.

Der einländische Handel wird folgendermaaßen getrieben: Ein jeder Linnenhändler, deren es in der Grafschaft 26 giebt, hat, der eine weniger der andere mehr, eine Anzahl Bauern und Heuerleute, die man Linnenkunden nennet, welche ihnen das Jahr hindurch ihr Linnen bringen, und welche oft schon das Geld ein halb Jahr voraus von dem Kaufmann erhalten haben. So bald nun der Kaufmann das Linnen erhält, rechnet er mit den Bauern ab und sorget ihm auf sein künftiges Linnen wieder von neuem Geld und Waare. [S. 326] Vor 20 und mehr Jahren war der Linnenhandel für die Kaufleute ein sehr vortheilhafter Handel, und viele sind dadurch reiche Kaufleute geworden. Seit der Zeit, und insbesondere seit sechs Jahren, ist von den Kaufleuten viel verdienet worden, und der Bauer genießt den Nutzen allein. Verschiedene Kaufleute, besonders in Lengerich und Liene, handeln mit auswärtiger Leinwand, welche sie im Ravensbergschen, Osnabrückschen und Münsterschen auskaufen und zum Theil schwarz färben und nach Holland versenden, wovon aber nichts zur Legge nach Tecklenburg kömmt. Aller übriger Handel der Grafschaft ist von keiner großen Bedeutung. Es giebt in der Grafschaft verschiedene reiche Kaufleute, welche leicht andere Manufakturen und Fabriken anlegen könnten, sie bezeigen aber außer ihrem Linnenhandel keinen großen Handlungsgeist, und sind zu dergleichen Unternehmungen, wovon sich der reine sichere Gewinn nicht mit Gewißheit abnehmen läßt, nicht aufgelegt.

Graf Conrad hat hier bald im Anfang der Reformation 1525 die evangelisch-lutherische Lehre einzuführen gesucht, und bis 1527 durch Johann Pollius, Rektor an der Domschule und nachherigem ersten Prediger an der Katharinenkirche zu Osnabrück, eifrig fortgesetzt, die aber doch zu Graf Conrads Zeiten, der 1557 starb, nicht völlig zu Stande gekommen ist. Seine einzige Tochter und Erbin Anna, die sich mit dem Grafen Eberwin von Bentheim vermählt hatte, und deren Gemahl auch 1562 starb, fing das Werk 1574 mit Nachdruck an. Ihr einziger Sohn Graf Arnold von Bentheim-Tecklenburg führte 1586 die evangelisch-reformirte Religion ein, die 1587 in der ganzen Grafschaft zu Stande kam, da man am Tage vor Weihnachten den Bilderkram aus allen Kirchen wegschaffte, und seitdem ist diese Provinz der reformirten Lehre zugethan.

Unter den hiesigen 15 Predigern sind zwey Inspektores, jeder über 5 Kirchen. Diesen Kirchenlehrern gehört das Gut Osterberg, welches einzeln in Erbpacht gethan ist, und jährlich 1300 Rthlr. reine Einkünfte aufbringt. Es ist ehedem ein Cisterzienser-Mönchskloster gewesen.[5] Die Mönche liefen zur Zeit der Reformation heraus und begaben sich nach Rheine, wo sich ein Kloster gleiches Ordens befindet. [S. 327] Der damalige Landesherr zog es hierauf ein, und gab es der Tecklenburgischen Geistlichkeit, die überhaupt keine große Besoldung hat, indem 9 von denen Predigern 200 bis 250 Rthlr. die übrigen aber 300 bis 500 Rthlr. machen können.[6] Die Lutheraner, welche nach und nach hieher gekommen sind, machen ein paar 100 Seelen aus. Der lutherische Prediger in Lingen reicht ihnen zweymal des Jahrs das Abendmahl. Die Einwohner verdienen das Lob, daß sie gegen fremde Religionspartheyen und besonders gegen ihre lutherischen Brüder sehr duldsam sind, und beyde Partheyen leben in völliger Eintracht und bedienen sich bey ihrem Gottesdienste ihrer Kirchen ohne Ausnahme.

Die Grafschaft Tecklenburg ist im 14ten Jahrhunderte weit ansehnlicher gewesen als jetzt, und die Grafen gehörten zu den damaligen Zeiten zu den größten Fürsten Westphalens. Ihr Land erstreckte sich bis an die Grenzen von Oldenburg und Ostfriesland. Es gehörten nemlich dazu erstlich das Amt und Schloß Cloppenburg mit den Städten Frisoyta und der Burg zu Schnappen; das Embsland und Hümmigerland, welches gegenwärtig den größesten Theil des nördlichen Münsterlandes ausmacht; das Schloß, die Stadt und das Amt Bevergern mit allen Zubehör, welches gegen Westen an diese Grafschaft, welche Aemter und Distrikte aber seit dieser Zeit zum Hochstift Münster gehören. Zweytens die Herrschaft Lingen, und drittens verschiedenen Gerechtigkeiten in der Stadt Osnabrück. Das Geschlechtregister der alten Grafen von Tecklenburg wird mit einem Cobbo angefangen, der im 9. Jahrhundert gelebt hat, und dessen Kranz etliche mal gedenkt. Die Grafschaft Tecklenburg ist nach Absterben des Grafen Conrad durch seine Erbtochter Anna an die Grafen von Bentheim gekommen, und in der Theilung 1591 dem Grafen Adolph zugefallen. Die Geschwister des gedachten Grafen Conrad, insonderheit seine Schwester Anna, welche an den Grafen Philipp von Solms vermählet gewesen, haben an die Allodial-Grafschaft Tecklenburg Anspruch gemacht, und hat derselben Sohn Conrad, Graf zu Solms, 1577 mit Bentheim einen Proceß angefangen, in Ansehung dessen 1686 für Solms-Braunfels ein vortheilhaftes Urtheil des Cammergerichts erfolget, durch welches demselben

[S. 328] Dreyachttheil der Grafschaft Tecklenburg und Herrschaft Rheda stammt allen davon seit geführten Processe genossenen Einkünften nicht zuerkannt worden. 1699 wurde zwischen Johann Adolph Grafen zu Bentheim-Tecklenburg, und Wilhelm Moritz Grafen zu Solms und Tecklenburg zu Lengerich verglichen, daß letzterer wegen der ihm zuerkannten Einkünfte der Grafschaft von Anfang des Processes bis zu 1698 nunmehro das ganze Schloß Tecklenburg, Dreyviertel der Grafschaft Tecklenburg und Einviertel des Schlosses und Herrschaft Rheda haben, Bentheim-Tecklenburg aber Einviertel der Grafschaft Tecklenburg und Dreyviertel des Schlosses und der Grafschaft Rheda behalten solle. Dieser Vergleich wurde noch in eben demselben Jahre von beiden Partheyen zu Braunfels wie auch von dem Kaiser bestätiget. Als aber obengedachte Grafen Johann Adolphs Sohn, Johann August, welchem der Vater seines hohen Alters wegen die Grafschaft Anno 1700 abgetreten hatte, 1701 starb, und also Johann Adolphs Bruder, Friedrich Moritz von Bentheim-Hohenlimburg zur Regierung von Tecklenburg und Rheda kam, fing dieser, der mit den vorhin angezeigten Vergleichen nichts zu thun gehabt hatte, den Proceß von neuem bey dem Reichshofrath an, worüber Solms-Braunfels seine Rechte 1707 an den König von Preußen Friedrich I. für 300.000 Rthlr. abtrat, der sich mit dem Grafen von Rheda wegen seines Viertels von Tecklenburg verglich, und die ganze Grafschaft mit denen auf derselben haftenden Schulden (die 1788 noch 159.135 Rthlr. betrugen) übernahm, und hierauf in den Besitz der Grafschaft trat. Es sind zwar seitdem einige Bewegungen dagegen gemacht worden, die aber ohne allen Erfolg geblieben sind.

Das Tecklenburgische Wapen sind drey rothe Herzen. Der König von Preußen hat wegen der Grafschaft Sitz und Stimme im Westphälischen Kreis-Grafen-Collegio und auf dem Westphälischen Kreistage. Zu einem Römermonat[7] soll Tecklenburg drey zu Roß und 10 zu Fuße oder 76 Gulden, und zu einem Cammerziel 40 Rthlr. 52 ¼ Kr[euzer] geben. Diese Grafschaft hat mit Lingen eine gemeinschaftliche Regierung und gemeinschaftliche Cammerdeputation, welche aber nicht mehr von der zu Minden abhängig ist, und zu Lingen ihren Sitz hat. Jetzt [S. 329] ist in Tecklenburg ein Justizamt, unter welchem die Landesfürstlichen Eigenbehörige stehen, die übrigen Einwohner aber stehen unter der Regierung zu Lingen. In Tecklenburg ist, seitdem das Landgericht nicht mehr hier ist, ein Regierungs-Secretair per modum Commissionis respiciret. Die Grafschaft enthält 1) Tecklenburg, vor Alters Teckeneborg, welchen Namen es von dem uralten Bergschloß hat, welches an und über der Stadt auf dem Gipfel des Berges liegt, und größtentheils verfallen ist. Es sind hier noch zwey Gebäude, das Kornhaus und die Kanzley. Jenes ist zu Gefängnissen und zum Wohnhause des Gefangenenwärters eingerichtet, dieses aber, welches ein altes übriggebliebenes Gebäude über dem Thorwege des Schlosses ist, dienet zur Aufbewahrung der Acten von beiden Gerichten. Es ist in alten Zeiten ein großes und festes Kastell gewesen, dessen Erbauung unbekannt ist. Die Stadt enthält 144 Bürgerhäuser, und es war Anno 1787 die Menschenzahl 762. Hier ist die Legge für die ganze Grafschaft, ein großes Gebäude über dem Thorwege der Stadt nach dem Schlosse hin. Der Ort hat seine größeste Nahrung vom Ackerbau, Leinweberey und der Legge. Das Guth Hülshoff ist allda eingepfarrt.

Lengerich oder Margarethen-Lengerich ist seit 1724 eine Stadt.[8] Sie liegt am Fuße eines Berges, hält 153 Häuser und 861 Menschen. Es ist der beste, wohlhabendste und nahrhafteste Ort dieser Grafschaft. Die Kirche ist ein altes und schönes Gebäude 136 Fuß lang und 60 Fuß breit, und in katholischen Zeiten der Heiligen Margaretha, deren Bild hier verwahret wurde, gewidmet. Die Kirche und die Stadt ist dadurch berühmt geworden, daß die Gesandten der Europäischen Höfe beym Westphälischen Friedensschluß zu Osnabrück und Münster in der Kirche sich versammelt und die Präliminarien geschlossen haben.

Hier ist eine Poststation, sowol von der Münsterschen Post, welche nach Osnabrück gehet und sehr befahren wird, als auch von der Preußischen, so von Bielefeld nach Lingen geht und den Ort recht lebhaft machen.

[S. 330] Die Bürger besitzen wenige Ländereyen im Eigenthum, und müssen den größten Theil ihrer Ländereyen von umliegenden Bauern miethen, welche durch die starke Conkurrenz sehr hoch im Preise stehn. Uebrigens ists in Ansehung der bürgerlichen Nahrung wie in Tecklenburg bestellt, außer das dort alle Handwerke besser in Flor sind. Es gehören zu Lengerich 9 Bauerschaften, und die adelichen Häuser Mark, Vortlage und Krahnenburg sind hier eingepfarrt, wie auch das Guth Intrup und das ehemalige königliche Vorwerk Schollbruch, so nunmehr in Erbpacht ist.

Cappeln, zum Unterschied des im Osnabrückischen belegenen Cappeln, Wester-Cappeln genannt, ein Städtchen von 73 Häusern und 379 Menschen. 1779 brannten 29 Häuser ab. König Friedrich II. schenkte zur Wiederaufbauung 6000 Rthlr. Die Kirche ist ein altes ansehnliches Gebäude, 113 Fuß lang und 43 Fuß breit. Man hält sie für die älteste in der Grafschaft. Es sind hier zwey Prediger, wovon die erste Stelle das Kloster Gravenhorst vergiebt. Zu diesem Kirchspiel gehören 9 Bauerschaften und die adelichen Güter Cappeln, Langenbrück und Velpe.

Das Kirchspiel Liene von 9 Bauerschaften mit dem königl. Vorwerke Kirchstapel. Die hiesige Predigerstelle vergiebt die Abtey zu Herford. Das Dorf Liene ist das beste in der Grafschaft, wo verschiedene ansehnliche Kaufleute wohnen.

Das Kirchspiel Ladbergen von 3 Bauerschaften, hat an den Grenzen des Bisthums Münster noch viele unangebauete Gründe. Die Predigerstelle in Ladbergen vergiebt der Domküster zu Münster.

Das Kirchspiel Wersen von zwey Bauerschaften hat auch an der Gränze vom Osnabrückischen vielen wüsteliegenden Grund. In diesem Kirchspiel ist das Halerfeld, wo man die sogenannten Schlebsteine findet, welche Ueberbleibsel heidnischer Alterthümer sind, und unter welchen man verschiedene Kriegsrüstungen ausgegraben hat. Auf diesem Felde ist 1180 zwischen Herzog Heinrich dem Löwen und Philipp Erzbischof zu Kölln, und 1308 zwischen Cunrad Bischof zu Münster und Ludewig Bischof zu Osnabrück eine Schlacht vorgefallen. [S. 331] Das Kirchspiel Leeden von zwey Bauerschaften, worin ein adeliches freyweltliches Stift ist, mit zwey Kirchen, eine Stifts- und eine Pfarrkirche. Das Stift besteht aus einer Abtissin und neun Conventualinnen. Es können hiezu Fräuleins von allen dreyen Kirchen gelangen, doch nur eine katholische. In diesem Kirchspiel liegt das wichtige königl. Vorwerk Habichtswalde.

Das Kirchspiel Ledde von drey Bauerschaften. Hiezu gehört das adeliche Guth Meesenburg.

Das Kirchspiel Lotte von zwey Bauerschaften, worin das Kloster Osterberg (Mons Oriens) liegt, welches ganz verfallen ist.

Das Kirchspiel Schale liegt abgesondert zwischen der Ober- und Niedergrafschaft Lingen 6 Stunden von Tecklenburg und hat gutes Kornland.“

Anmerkungen des Bearbeiters

[1] Gemeint ist: Historische-geographisch-statistische Beschreibung der Grafschaften Tecklenburg und Lingen, in: Westphälisches Magazin zur Geographie, Historie und Statistik 4 (1788), S. 48–67.

[2] 1 Magdeburger Morgen = 2.553,22 qm.

[3] Emolumente (von lateinisch emolere ‚herausmahlen‘) ist ein veralteter Begriff für regelmäßig ausbezahlte, in der Höhe variierende Nebeneinkünfte.

[4] Anwerbung von Soldaten.

[5] Hier irrt Meese. Bei Osterberg handelte es sich um eine Niederlassung des Kreuzherrenordens, der im Jahre 1211 durch den Kanoniker Theodorus von Celles mit vier Gefährten in Huy an der Maas gegründet und dem 1427 vom Grafen Otto von Tecklenburg der Bau eines Kloster auf dem Osterberg bei Lotte gestattet wurde. Vgl. Weiß, Hans-Ulrich, Art. Osterberg. Kreuzherren, in: Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung, 3 Bde., Münster 1992–2003, Bd. 2: Münster bis Zwillbrock, Münster 1994, S. 172–175.

[6] Vgl. dazu: Wilkens, Wilhelm, Der Beitrag der geistlichen Güterkassen zur Predigervergütung in den Grafschaften Tecklenburg und Oberlingen vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, in: Jahrbuch für westfälische Kirchengeschichte 99 (2004), S. 101–152.

[7] Als Römermonat bezeichnete man eine Kriegssteuer der Reichsstände, die de facto seit Kaiser Maximilian I. (1493–1519), de iure seit der Reichsmatrikel des Wormser Reichstages 1521 unter Kaiser Karl V. bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches im Jahre 1806 erhoben wurde.

[8] Hier irrt Meese wiederum. Lengerich erhielt erst am 13. Mai 1727 Stadtrechte. Vgl.: Schumann, Gert, Geschichte der Stadt Lengerich. Von den Anfängen bis zur Stadtwerdung 1727, Lengerich 1981, S. 259–264.

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