Wie kam die Kirche ins Dorf?

Überlegungen zur Kirchengründung in Riesenbeck und zum Ursprung der Reinhildis-Legende

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie kam die Kirche ins Dorf Riesenbeck[1] und wieso findet sich in einer kleinen Dorfkirche die aus kunstgeschichtlicher Perspektive nicht unbedeutende Grabplatte der heiligen Reinhildis? Diesen beiden bisher nicht ausreichend beantworteten Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

Es geht in diesem Beitrag also vorrangig um die erste Kirchengründung in Riesenbeck.[2] Diese ist aber – nach Ansicht des Verfassers – wohl kaum zu trennen von der historischen Person der Riesenbecker Reinhildis, deren Grabdenkmal bis heute in der Riesenbecker Kirche bewahrt wird. Denn die aufwendig gestaltete Grabplatte – darin ist sich die historische Forschung einig – kann nur für eine bedeutende Persönlichkeit angefertigt worden sein.[3] Und Reinhildis muss mit dem Stifter der Kirche in familiärer Verbindung stehen. Denn Kircheninnenbestattungen waren im Mittelalter aufgrund der kirchenrechtlichen Vorgaben lediglich Klerikern und dem Adel vorbehalten, in mittelalterlichen Eigenkirchen eigentlich nur Mitgliedern der Stifterfamilie.[4]

Wer war also die treibende Kraft hinter der Riesenbecker Kirchengründung und warum? Die Ergebnisse dieser Überlegungen dürften dann auch einen Erklärungskontext für die Grabplatte der historischen Person Reinhildis liefern.

Kirchengründungen im Mittelalter

Zunächst einmal sollen zur besseren Einordnung die Bedingungen und Abläufe einer Kirchenneugründung vorausgeschickt werden, denn eine Kirche konnte nicht einfach auf „grüner Wiese“ erbaut werden. Mit ihrer Gründung war ein komplexer Stiftungsvorgang verbunden, der allerdings auf Grundlage der spärlich überlieferten Quellen heute vielfach nur noch recht rudimentär zu erfassen ist.

Hinsichtlich mittelalterlicher Kirchengründungen ist zunächst einmal zwischen dem Eigenkirchenwesen und dem Patronatskirchenwesen zu unterscheiden. Nach dem damaligen kanonischen bzw. Kirchenrecht war im frühen Mittelalter bis in das 12. Jahrhundert hinein die Schaffung einer Kirche ein Recht, das jedem Stifter freistand. Als Stifter konnten damals etwa der König oder der Adel, also kirchliche Laien, aber auch Bischöfe oder Äbte und Äbtissinnen, also Kleriker, in Erscheinung treten, die über das entsprechende Vermögen zur Gründung einer Kirche verfügten.[5] Denn neben dem Grundstück (fundus) und den Kosten für den Bau des Kirchengebäudes (aedificium), die zunächst aufgebracht werden mussten, war ebenso die zukünftige Versorgung des Pfarrers und die dauernde Erhaltung der Gebäude sicherzustellen (dos).[6] Es ergaben sich folglich fortlaufende Ausgaben, die zu finanzieren waren. Deshalb bedurfte eine Kirchengründung auch über das eigentliche Grundstück und das Bauwerk hinaus weiterer Besitzungen und Einkünfte. Eine Kirchengründung setzte zudem voraus, dass das Gotteshaus unter den Schutz einer oder eines Heiligen gestellt wurde. Diese Widmung wird auch als Patrozinium bezeichnet. Dazu mussten aber auch Überreste bzw. Gegenstände der oder des betreffenden Heiligen im Altar der Kirche untergebracht werden. Das Patrozinium einer Kirche war somit nicht frei wählbar, sondern richtete sich danach, welche Reliquien der Stifter zu diesem Zweck gewinnen konnte.[7]

Da mittelalterliche Kirchen stets auf dem Grundbesitz des Stifters errichtet wurden, sind viele damalige Gotteshäuser auf deren Herrenhöfen oder Fronhöfen (curiae/curtes) gebaut worden, die später im Münsterland als Schultenhöfe in Erscheinung treten. Diese Herrenhöfe waren oft jünger als die ältesten Bauernhöfe und erst im 9. oder 10. Jahrhundert eingerichtet worden. Deshalb lagen sie vielfach auch am Rand der ursprünglichen bäuerlichen Siedlung auf Böden zweiter Wahl.[8]

Die auf diese Weise gestiftete Kirche gehörte anschließend dem Stifter eigentums- und besitzrechtlich. Er verfügte vermögensrechtlich vollständig über sie, das heißt, ihm standen sämtliche Einnahmen der Kirche persönlich zu. Das lag daran, dass sich das Gotteshaus auf seinem Grund und Boden befand. Zudem hatte er das Recht, den Geistlichen seiner Einrichtung zu bestimmen (Nomination/Präsentation) und als Seelsorger in seiner Kirche einzusetzen (Investitur). Zunächst ging das noch ohne die Zustimmung des zuständigen Bischofs. Eine Eigenkirchengründung konnte somit auch zur Versorgung von Verwandten des Stifters dienen, indem sie die Pfarrstelle erhielten und die Einkünfte aus dem Stiftungsvermögen bezogen.[9]

Die Tatsache, dass kirchliche und weltliche Grundherren recht frei auf ihren Ländereien Kirchen stiften und gründen konnten, macht auch deutlich, dass für das frühe Mittelalter kein geplantes Netz von Kirchen angenommen werden kann. Ihre Standorte waren damals noch recht zufällig und folgten keinem übergeordneten System oder Plan, den etwa der Bischof einer Diözese vorgab.[10] Um es ganz deutlich zu betonen: Es gab damals noch kein geplantes Netz von Pfarreien!

Die jeweiligen Kirchen hatten ursprünglich auch keinen festen Sprengel bzw. räumliche Grenzen, sondern die frühen „Kirchengemeinden“ waren – wie etwa auch die Bauerschaften oder Markengemeinschaften – ein Personenverband. Eine bestimmte Personengruppe gehörte zu einer Kirche.[11] Zumeist waren dies anfänglich die Hörigen des Kirchengründers. Erst im Lauf der Zeit – mit zunehmender Dichte an Kirchen im Hochmittelalter – wurden aus den Personenverbänden in der Neuzeit auch räumliche Bezirke mit linearen Grenzen. Das zeigt sich vermutlich auch daran, dass seit dem 11. Jahrhundert das lateinische Wort parochia, das zuvor zur Bezeichnung der Diözese verwendet wurde, nun zunehmend für die Pfarrei gebraucht wurde.[12] Parochia löste das ältere ecclesia ‚Kirche‘ ab. Hier verschob sich also der Fokus vom eigentlichen Kirchengebäude zum Kirchspiel hin, also dem Bezirk einer Pfarrkirche: „Damit liegt nahe, dass das neue Wort auch eine neue Sache meint, eben die oben schon umschriebene Pfarre, die es so früher offenbar nicht gegeben hat“.[13]

Von diesem Eigenkirchenwesen als einem „dezentralen und laikalen System“ unterschied sich grundlegend das im 12. Jahrhundert aufkommende und unter Papst Alexander III. (1159–1181) eingeführte Kirchenpatronat. Als Folge des „Investiturstreits“ wurde das Eigenkirchenrecht im Lauf des 12. Jahrhunderts durch das sogenannte Patronatsrecht abgelöst. Dadurch sollte der Einfluss der weltlichen Großen als Stifter von Kirchen, aber auch der von ihnen eingesetzten Pfarrer begrenzt werden. Gleichzeitig sollte die Autorität der Bischöfe durch die Zentralisierung der kirchlichen Strukturen gestärkt werden.[14] Die Stifter – gleichgültig ob weltlich oder geistlich – verloren durch diese Entwicklung die vermögensrechtliche Kontrolle über ihre Kirchen. Sie behielten allerdings das Recht, den Pfarrer ihrer Wahl zu benennen und zu präsentieren. Die eigentliche Einsetzung (Investitur) des vorgeschlagenen Seelsorgers nahm nun aber der Bischof der jeweiligen Diözese vor, in der die Pfarrei lag. Allerdings konnte der Bischof den präsentierten Kandidaten nur ablehnen, wenn dieser des vorgesehenen Amtes nicht würdig war (Ideoneitätsprinzip).[15] Durch die Einführung und Etablierung des Patronatsrechts versuchten die Bischöfe, ihren Zugriff auf die Pfarreien innerhalb ihres Diözesansprengels zu verstärken. Und erst jetzt begannen sie, eine tatsächliche Pfarrorganisation aufzubauen.[16] Neben ihren eigenen alten Eigenkirchen, denn auch die kirchlichen Ordinarien hatten auf ihren Besitzungen Kirchen gegründet, und einigen von ihnen geschaffenen Neugründungen legten die Bischöfe nun vor allem den Grad der Selbstständigkeit einer Kirche fest. Sie bestimmten, welche Sakramente die untergeordneten Geistlichen spenden durften und welche Einnahmen ihnen zustanden.[17] Der Bischof entschied, welche Kirchen zu Pfarrkirchen wurden oder welche Gotteshäuser Kapellen blieben und einer anderen Kirche untergeordnet waren. Denn erst mit dem Patronatsrecht wurde auch der Pfarrzwang eingeführt, der die Menschen einer bestimmten Pfarrkirche zuordnete (Parochianen), in der sie den Gottesdienst zu besuchen hatten – auch wenn andere Gotteshäuser bzw. Kapellen näher oder verkehrsgünstiger lagen – und an die sie ihre Abgaben (Stolgebühren, zu stola ‚liturgisches Gewandstück‘) etwa für Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen leisten mussten.[18]

 Die Kirchengründung in Riesenbeck

Nach Auskunft der überlieferten Urkunden dürfte die erste Kirche in Riesenbeck im 12. Jahrhundert auf einem Herren- oder Fronhof der Grafen von Ravensberg oder ihrer unmittelbaren Rechts- und Besitzvorgänger gegründet worden sein.[19] Während nämlich in den Urkunden des 11. Jahrhunderts weder von einer Kirche (ecclesia) noch von einem Kirchspiel (parochia) die Rede ist[20], wird erstmals 1188 von einer parrochia Risenbeke bzw. einer dortigen dos (Pfarrgut) gesprochen[21], die beide eine Kirche voraussetzen. In einer Urkunde des Jahres 1160 dürfte bereits die Riesenbecker Kirche erwähnt sein. Dort heißt es: „aput Bergeshovede decimę domus unius, tres diurnales terrę in occidentali plaga ęcclesię“.[22] Es muss also in der Nähe von Bergeshövede – und zwar östlich – eine Kirche existiert haben, zu deren westlichen Bereich (in occidentali plaga) Bergeshövede gehört hat. 1224 wird eine Synode (Send) in Riesenbeck abgehalten[23] und 1231 bzw. 1234 ein Riesenbecker Priester (clericus; sacerdos) namens Gerhard genannt.[24] Dass es sich bei der Riesenbecker Kirche um eine Gründung der Grafen von Ravensberg oder ihrer unmittelbaren Rechtsvorgänger handelt, wird daraus ersichtlich, dass Graf Otto von Ravensberg 1262 als Patron der Riesenbecker Kirche, also als Eigenkirchen- bzw. Patronatsherr genannt wird (Otto comes de Rauensberg, patronus ecclesie in Risenbeke).[25] Hinzu kommt, dass bereits im Ravensberger Erbteilungsvertrag von 1224 die Riesenbecker Kirche und ihr Zubehör (ecclesiam in Rysenbeke et omnia que illi attinent et advocatam illius) unter den Besitzungen der Ravensberger erscheinen.[26] 1270 verkaufte dann Graf Otto von Ravensberg mit Zustimmung seines Bruders Ludwig, Propst von St. Johann in Osnabrück, und seiner Frau Hathewigis das Eigentumsrecht an den Gütern und den Menschen, die zur Kirche zu Riesenbeck gehören, sowie den Platz, auf dem die genannte Kirche errichtet wurde, dem Kloster Gravenhorst (locum eciam [!], super quem ecclesia dicta fundata est).[27] Nach dem Verkauf hatte das Kloster Gravenhorst das Patronatsrecht über die Riesenbecker Kirche inne.[28] Als Patron der Riesenbecker Kirche wird 1280 bereits der heilige Calixtus genannt (beati Kalxti patroni).[29]

Die Riesenbecker Reinhildis

Die Gründung der Riesenbecker Kirche steht also ausweislich der Schriftzeugnisse in engem Zusammenhang mit den Ravensberger Grafen.[30] Das ist ebenfalls für die historische Person der Reinhildis zu unterstellen[31], die durch ihr Grabdenkmal in der Riesenbecker Kirche belegt ist. Denn die spätere Legende (s.u.) verortet Stationen des Lebens der Heiligen in Riesenbeck und Westerkappeln.[32] In letzterem Ort sei Reinhildis geboren.[33] Doch auch in Westerkappeln hatten die Ravensberger Grafen Besitz.[34] Insgesamt treten im Tecklenburger Land nur die ravensbergischen Besitzschwerpunkte Westerkappeln und Riesenbeck auf.[35] Das lässt vermuten, dass auch die historische Reinhildis in Zusammenhang mit den Ravensberger Grafen oder ihren unmittelbaren Rechtsvorgängern steht, von denen sie den Besitz in den beiden Orten übernommen haben. So urteilt Werner Hillebrand 1962: „Unklar ist aber Herkunft und Bedeutung der Ravensberger Güter in der Grafschaft Tecklenburg. In Westerkappeln und Gravenhorst/Riesenbeck lassen sich ziemlich isolierte Besitzungen fassen. Ob es sich hierbei um Teile der Zütfener Erbschaft handelte oder aber sonstiger Erwerb angenommen werden muss, bleibt unklar. Bedeutung besaßen beide Anlagen insofern, als das Amt des Ravensberger Freigrafen in der Familie ihres Ministerialen zu Cappeln (= Westerkappeln) erblich war, während sich der Gravenhorster Besitz durch seine Verbindung mit einer Eigenkirche in Riesenbeck auszeichnete. In diesen Grundherrschaften könnte man vielleicht Heiratsgut o.ä. sehen, das ob seiner isolierten Lage den Ravensbergern eher zufällig zugekommen war.“[36] Drei Jahre später machte dann Albert K. Hömberg wahrscheinlich, dass sowohl die Grafen von Tecklenburg als auch die Grafen von Ravensberg und Geldern Erben der Grafen von Zutphen waren, woraus sich auch die Gemengelage ihrer Rechte und Besitzungen im Tecklenburger Land begründen lässt.[37] Wenn auch die dezidierten genealogischen Erörterungen Hömbergs heute als in vielen Punkten als fraglich angesehen werden müssen, so ist unzweifelhaft zutphenscher Besitz in den Händen der Ravensberger nachzuweisen.[38] Über die Zutphener lässt sich zudem auch erklären, wie die vermutlich ursprünglich corveyischen Besitzungen in Westerkappeln[39] überhaupt an die Ravensberger gekommen sind.[40] Denn Otto von Zutphen besaß die Teilvogtei als Unterlehen Ottos von Northeim über die Corveyer Güter im Osnabrücker Nordland, die sich später in den Händen der Ravensberger finden.[41] Über die Zutphener waren die Ravensberger auch mit den Grafen von Geldern verwandt.[42] In dieser Familie ist aber bezeichnenderweise der Name Gerhard verbreitet gewesen, der sich auch auf dem Grabstein der Reinhildis als Stifter des aufwändigen Monumentes findet.[43] Auch bei den mit den Geldernern und Ravensbergern besitzmäßig und vermutlich auch verwandtschaftlich verbundenen Tecklenburgern erscheint im 12. Jahrhundert der Name Gerhard.[44]

Auf eine enge Verbindung der Kirche in Riesenbeck mit den Grafen von Zutphen bzw. Geldern als Vorgänger der Ravensberger könnte zudem das seltene Patrozinium des hl. Calixtus hinweisen (s.o.)[45], sofern dies in Riesenbeck bis in die Zeit der Kirchengründung zurückreicht[46], das auch in Groenlo, also in unmittelbarer räumlicher Nähe von Zutphen, nachzuweisen ist.[47] Möglicherweise lassen sich diese Beziehungen auch noch in Verkaufsurkunden der Jahre 1490 und 1579 erkennen.[48]

Das Grabdenkmal der Reinhildis

Es stellt sich nun die Frage, ob das überlieferte Grabdenkmal der Reinhildis dieser Ansicht entgegensteht oder die These stützt. Die Grabplatte selbst ist das einzige belastbare Zeugnis für die Existenz der historischen Reinhildis, denn die Legende lässt sich – soweit bislang bekannt – erstmals 1629 im Hausbuch des Sweder von Schele (1569–1639) nachweisen.[49] Im dritten Teil dieser Werks berichtet der Ritter über die Kirche in Riesenbeck und teilt sowohl die Inschrift des Grabsteins als auch die Legende in knapper Form mit.[50] Danach war Reinhildis (Reinhild offte Renli) eine fromme Bauerntochter aus Westerkappeln (van Kappelen bi der Langenbruggen), die öfter das von ihr zu hütende Rindvieh (beesten) allein ließ und zur Kirche ging. Deswegen habe der Stiefvater sie gehasst (gehatet) und der Mutter geraten, sich ihrer zu entledigen. Als eines Tages der Stiefvater nach Osnabrück geritten sei, habe die Mutter Reinhildis erschlagen, woraufhin auch der anstiftende Stiefvater, als er nach Haus zurückkehrte, betrunken vom Pferd fiel und sich den Hals brach. Die Leiche der ermordeten Reinhildis wurde nicht begraben, sondern auf einen Rinderkarren gelegt und das Gespann laufen gelassen, um zu sehen, wohin die Tiere die Tote bringen würden. In Riesenbeck habe das Gefährt dann gehalten und dort habe man anschließend die Kirche errichtet.

Nach einer ausführlicheren, aber später aufgezeichneten Fassung soll Reinhildis ein frommes Bauernmädchen aus Westerkappeln gewesen sein[51], das es für sündig erachtete, selbst an Werktagen die Messe zu versäumen. Als sie eines Tages von ihren Eltern mit dem Umbrechen des Ackers beauftragt wurde, ließ sie – als die Glocken läuteten – den Pflug stehen und eilte zur Kirche. Währenddessen wurde ihre Feldarbeit von rätselhaften Kräften erledigt. Gleiches begab sich, als Reinhildis anstatt – wie ihr geheißen – Flachs zu spinnen, Andachtsübungen ausführte. Über dieses Verhalten war die Mutter derart erbost, dass sie – angestiftet vom Stiefvater – die eigene Tochter erdrosselte und die Leiche in einen Brunnen warf.[52] Reinhildis stieg allerdings unversehrt wieder aus dem Brunnen empor und wurde daraufhin ein zweites Mal von ihrer Mutter getötet. Nun vergrub man sie im Stall, wo sich aber ihr Grab durch Lichterscheinungen offenbarte. Der Leichnam wurde exhumiert, auf einen Ochsenkarren gelegt und schließlich dort begraben, wo die Tiere von selbst stehen blieben: in Riesenbeck.

Diese in der ländlichen Lebenswelt angesiedelte Legende entspricht natürlich nicht dem kunstvollen Grabmal, das auf hochadelige Zusammenhänge weist. Vermutlich entwickelte sich die Legende einzig aus dem in der Inschrift mitgeteilten Tochtermord durch die eigene Mutter und wurde aus Zwecken der Anschaulichkeit von den Erzählern in die ländliche Sphäre der münsterländischen-tecklenburgischen Bevölkerung übertragen.

Aus der Inschrift der Grabplatte gehen die verwandtschaftlichen Konstellationen für Reinhildis hervor. Sie lautet[53]:

REINHELDIS OBI[TUS]

Fvndant qviq[ue] preces p[ro] virgine qve fvit heres Patris defvncti genitrix qvam sponte secvndi Conivgis occidit Mox p[er]cipiendo svbivit Sidereas sedes christi pia facta coheres Gerhardvs

Übersetzung[54]:

Reinhildis Tod.

Mögen alle für die Jungfrau beten, die Erbin ihres verstorbenen Vaters war und von ihrer Mutter auf Betreiben des zweiten Gatten ermordet wurde. Gleich ist sie emporgestiegen, um den Platz zwischen den Sternen einzunehmen und wurde die fromme Miterbin Christi. Gerhardus

Reinhildis war demnach also Erbin (oder Miterbin?) ihres verstorbenen Vaters. Ihre Mutter soll sie auf Betreiben ihres zweiten Mannes, also des Stiefvaters, getötet haben. Die Mutter der Reinhildis muss also mindestens zweimal verheiratet gewesen sein und Kinder aus erster und vermutlich auch aus zweiter Ehe gehabt haben.[55]

Die Grabplatte selbst wird allgemein auf das 12. Jahrhundert datiert, hat allerdings bereits Ähnlichkeiten mit regionalen Bildnissen vom Ende des 11. Jahrhunderts, wie Gabriele Böhm und Manfred Wolf unabhängig voneinander festgestellt haben.[56] Martha Bringemeier datierte aufgrund der dargestellten Kleidung in die Mitte des 12. Jahrhunderts[57], Franz Flaskamp auf das beginnende 12. Jahrhundert.[58] Somit passt die Entstehungszeit der Grabplatte auch zu der hier vorgetragenen These der verwandtschaftlichen Verbindung der Reinhildis mit den frühen Ravensberger Grafen oder ihrer unmittelbaren Vorgänger und der zeitlichen Einordnung der Riesenbecker Kirchengründung wie des Todeszeitpunktes der historischen Reinhildis!

Fazit

Möglicherweise reichen also die Gründung der Kirche in Riesenbeck und die historische Reinhildis in die ersten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts zurück, als die Ravensberger Grafen – wie auch die Tecklenburger – als homines novi ihre Herrschaft im nördlichen Westfalen antraten. Dieser Prozess war sehr konfliktbehaftet. Bereits 1128 finden wir die beiden Verwandten Hermann II. von Calvelage-Ravensberg und Gerhard I. von Geldern zerstritten vor, indem Hermann seinen Verwandten Gerhard bezichtigte, er habe König Lothar III. (von Süpplingenburg) gegenüber „verräterische Pläne“ gehabt.[59] 1141 sollen Egbert von Tecklenburg und Otto von Ravensberg von Graf Egilmar II. von Oldenburg zu einer Fehde provoziert worden sein. Hier scheint es um jeweilige Besitzansprüche am Erbe der Arnsberger Grafen gegangen zu sein.[60] Die Ravensberger mussten sich also zu Beginn ihrer Herrschaft im Bereich des Teutoburger Waldes gegen zahlreiche Konkurrenten durchsetzen. In diese Zeit könnte also durchaus auch eine mit tödlichem Ausgang geführte Erbauseinandersetzung, wie sie die Inschrift der Grabplatte der Reinhildis in der Riesenbecker Kirche andeutet, zu setzen sein.

Des Rätsels Lösung?

Sucht man im hier vorgestellten möglichen Entstehungshorizont nun nach konkreten Personen, die mit den familiären Konstellationen der historischen Reinhildis in Zusammenhang stehen könnten, so stößt man auf Ermengard, Tochter Ottos II. des Reichen von Zutphen († 1113) und seiner Frau Judith, die in erster Ehe mit Gerhard II. von Geldern († vor 1134) und in zweiter Ehe mit Konrad von Luxemburg († 1136) verheiratet war. Aus beiden Ehen entstammten mehrere Kinder. Ermengard hatte zudem eine Schwester, die mit Hermann (I.) von Calvelage-Ravensberg verheiratet und somit dessen Schwägerin war. Möglicherweise ist diese Ermengard von Zutphen also als Mutter der Reinhildis anzusetzen.[61]

Reinhildis war also nicht nur eine legendäre Gestalt, wie schon das Grabdenkmal in der Riesenbecker Kirche beweist, sondern eine historische Person vermutlich des frühen 12. Jahrhunderts. Sie war kein „frommes Bauernmädchen“, sondern sehr wahrscheinlich ein Mitglied des damaligen westfälischen Hochadels, das auf tragische Weise im Ringen um Macht und Herrschaft im nördlichen Westfalen ihr Leben lassen musste.

 

[1] Enno Bünz, „Die Kirche im Dorf lassen …“. Formen der Kommunikation in Spätmittelalter und Früher Neuzeit: das Beispiel Schleswig-Holstein, in: Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Moderne, hrsg. v. Werner Rösener, Göttingen 2000, S. 77–168, hier S. 81.

[2] Vgl. den ausführlichen Forschungsüberblick bei Enno Bünz, Die mittelalterliche Pfarrei in Deutschland. Neue Forschungstendenzen und -ergebnisse, in: Pfarreien im Mittelalter. Deutschland, Polen, Tschechien und Ungarn im Vergleich, hrsg. v. Nathalie Kruppa, Göttingen 2008, S. 27–66; ders., Zweites Kapitel: Pfarreien, Vikarien, Prädikaturen, in: Die mittelalterliche Pfarrei. Ausgewählte Studien zum 13.–16. Jahrhundert, hrsg. v. dems., Tübingen 2017, S. 78–118; Arnd Reitemeier, Die Pfarrgemeinde im späten Mittelalter, in: Die Pfarrei im späten Mittelalter, hrsg. v. Enno Bünz u. Gerhard Fouquet, Ostfildern 2013, S. 341–375; Sebastian Kreyenschulte, Hoch- und spätmittelalterliche Abpfarrungen der Rheiner St. Dionysius-Kirche, in: Seelenheil und Bürgersinn. Die Bürger von Rheine und ihre Stadtkirche. Katalog zur Ausstellung anlässlich des Jubiläums 500 Jahre Dionysiuskirche Rheine (in Vorbereitung).

[3] Vgl. dazu zuletzt ausführlich Manfred Wolf, St. Reinhildis zu Riesenbeck, in: Kirche und Frömmigkeit in Westfalen. Gedenkschrift für Alois Schöer, hrsg. v. Reimund Haas u. Reinhard Jüstel, Münster 2002, S. 315–324, und Gabriele Böhm, Mittelalterliche figürliche Grabmäler in Westfalen von den Anfängen bis 1400, Münster u.a. 1993, S. 40–47. Hier auch die Hinweise auf ältere Literatur. Vgl. zudem die Zusammenstellung: Sünte Rendel. Riesenbecker Heilige, hrsg. v. Heimatverein Riesenbeck, Riesenbeck 2004.

[4] Sebastian Scholz, Das Grab in der Kirche – Zu seinen theologischen und rechtlichen Hintergründen in Spätantike und Frühmittelalter, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 115, Kanonische Abteilung LXXXIV (1998), S. 270–306; Barbara Scholkmann, Die Kirche als Bestattungsplatz. Zur Interpretation von Bestattungen im Kirchenraum, in: Erinnerungskultur im Bestattungsritual. Archäologisch-historisches Forum, hrsg. v. Jörg Janut u. Matthias Wemhoff, München 2003, S. 189–218.

[5] Enno Bünz, Die Bauern und ihre Kirche. Zum Bauboom auf dem Land um 1500, in: Adel und Bauern in der Gesellschaft des Mittelalters, hrsg. v. Carola Fey u. Steffen Krieb, Korb 2012, S. 223–248, hier S. 226.

[6] Edeltraud Balzer, Adel – Kirche – Stiftung. Studien zur Geschichte des Bistums Münster im 11. Jahrhundert, Münster 2006, S. 15; Manfred Balzer, Kirchen und Siedlungsgang im westfälischen Mittelalter, in: Leben bei den Toten. Kirchhöfe in der ländlichen Gesellschaft der Vormoderne, hrsg. v. Jan Brademann u. Werner Freitag, Münster 2007, S. 83-115, hier: S. 93; Julius Harro, Landkirchen und Landklerus im Bistum Konstanz während des frühen und hohen Mittelalters. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung, Konstanz 2003, S. 74–118.

[7] Arnold Angenendt, Art. Reliquien, in: Lexikon des Mittelalters 7 (1999), Sp. 702f.

[8] Balzer, Kirchen, S. 93.

[9] Nathalie Kruppa, Eigenkirche, Patronatsrecht und Inkorporation bei geistlichen Kommunitäten im Bistum Hildesheim im Mittelalter, in: Pfarreien im Mittelalter. Deutschland, Polen, Tschechien und Ungarn im Vergleich, hrsg. v. Nathalie Kruppa, Göttingen 2008, S. 271–326, hier S. 271.

[10] Rudolf Zinnhobler, Zentrale und dezentrale Tendenzen beim Auf- und Ausbau der Pfarrorganisation, in: Bericht über den neunzehnten österreichischen Historikertag in Graz veranstaltet vom Verband Österreichischer Geschichtsvereine in der Zeit vom 18. bis 23. Mai 1992, hrsg. v. Verband Österreichischer Historiker und Geschichtsvereine, Graz 1993, S. 277–288, hier S. 278–281; Wilhelm Kohl, Bemerkungen zur Entstehung der Pfarrorganisation im alten Sachsen, vornehmlich im Bistum Münster, in: Ein Eifler für Rheinland-Pfalz. Festschrift für Franz-Josef Heyen zum 75. Geburtstag am 2. Mai 2003, 2 Bde., Mainz 2003, S. 915–932. Dagegen bis heute von der Existenz einer planmäßigen, raumerfassenden, zentral gesteuerten, frühmittelalterlichen Pfarrorganisation bzw. einem Pfarrnetz ausgehend: Paul Leidinger, Zur Christianisierung des Ostmünsterlandes im 8. Jahrhundert und zur Entwicklung des mittelalterlichen Pfarrsystems. Ein Beitrag zum 1200-jährigen Bestehen des Bistums Münster 2005, in: Westfälische Zeitschrift 154 (2004), S. 9–52, hier S. 49f. Leidinger folgt den Ansichten Albert K. Hömbergs, der eine geografisch-systematische, von oben gesteuerte Pfarreiorganisation bereits seit karolingischer Zeit ansetzt. Vgl. dazu: Albert K. Hömberg, Studien zur Entstehung der mittelalterlichen Kirchenorganisation in Westfalen, in: Westfälische Forschungen 6 (1943–1952), S.46–108. Nach Leidinger habe bereits der erste Bischof von Münster Liudger im frühen 9. Jahrhundert ein „weiträumiges Netz von Taufkirchen an den Hauptwegen geprägt“. So lasse sich „[a]us der gleichmäßigen Verteilung der vier genannten Kirchen [Beckum, Warendorf, Billerbeck und Stadtlohn] auf das Ost- und Westmünsterland sowie auf Orte, die als Wegestationen gleichzeitig auch zu den frühesten Missionskirchen des Bistums gehör[t]en, […] unschwer eine Systematik erkennen, die in der Zeit der Bistumsgründungen durch Liudger gehören [müsse] und am ehesten seine Handschrift erkennen“ ließe. Leidinger, Christianisierung, S. 37f. – Allerdings wandte dagegen Wolfgang Leesch bereits früher kritisch ein: „Die Entfaltung der mittelalterlichen Pfarrorganisation wird in der Regel kartographisch so dargestellt, daß aus den Missionszellen und ‚Urpfarreien’ durch Abpfarrungen ‚Stammpfarreien’ und aus diesen jüngere Pfarreien entstehen, bis schließlich am Ende des Mittelalters ein immer enger gewordenes Netz von Pfarrbezirken das ganze Land überzieht. Damit wird eine Entwicklung vorgetäuscht, wie wir sie aus dem 19. oder 20. Jahrhundert kennen […]. In Wirklichkeit hat sich die Ausbildung des mittelalterlichen Pfarrsystems nicht in der Form einer gleichmäßig fortschreitenden Verdichtung des Pfarrnetzes, sondern nach Art einer Selektion vollzogen, indem aus einem Gewirr unterschiedlicher Pfarrabhänigkeiten und unterschiedlicher Verteilung der Pfarren durch Ausscheidung älterer Formen seit dem hohen Mittelalter allmählich ein gleichmäßig das ganze Land bedeckendes Netz flächenhafter Pfarrbezirke entstanden ist.“ Wolfgang Leesch, Die Pfarrorganisation der Diözese Paderborn am Ausgang des Mittelalters, in: Ostwestfälisch-weserländische Forschungen zur Geschichte und Landeskunde, hrsg. v. Heinz Stoob, Münster 1970, S. 304–376, hier S. 313. Dazu auch: Wolfgang Petke, Die Pfarrei in Mitteleuropa im Wandel vom Früh- zum Hochmittelalter, in: Die Pfarrei im späten Mittelalter, hrsg. v. Enno Bünz u. Gerhard Fouquet, Ostfildern 2013, S. 21–60, hier S. 46–48.

[11] Reitemeier, Pfarrgemeinde, S. 342; Petke, Pfarrei, S. 23f.

[12] Zinnhobler, Tendenzen, S. 279.

[13] Ebd., S. 279; Enno Bünz, Erstes Kapitel: Einleitung. Die spätmittelalterliche Pfarrei als Forschungsgegenstand und Forschungsaufgabe, in: Die mittelalterliche Pfarrei. Ausgewählte Studien zum 13.–16. Jahrhundert, hrsg. v. dems., Tübingen 2017, S. 3–75, hier S. 30.

[14] Zinnhobler, Tendenzen, S. 279f.

[15] Rosi Fuhrmann, Die Kirche im Dorf. Kommunale Initiativen zur Organisation von Seelsorge vor der Reformation, in: Zugänge zur bäuerlichen Reformation, hrsg. v. Peter Blickle, Zürich 1987, S. 147–186, hier S. 149.

[16] Zinnhobler, Tendenzen, S. 280.

[17] Enno Bünz, „Des Pfarrers Untertanen“? Die Bauern und ihre Kirche im späten Mittelalter, in: Dorf und Gemeinde. Grundstrukturen der ländlichen Gesellschaft in Spätmittelalter und Frühneuzeit, hrsg. v. Kurt Andermann u. Oliver Auge, Epfendorf 2012, S.153–191, hier S. 162.

[18] Petke, Pfarrei, S. 58; Harro, Landkirchen, S. 60.

[19] Bei diesem Hof könnte es sich um Hof Schulte Lage gehandelt haben, der etwa 500 Meter von der Kirche entfernt lag. Das Pastorat lag gut 70 Meter vom Schultenhof entfernt (Auskunft vom Heimatverein Riesenbeck). Der Hof Schulte Lage gehörte später zum Tafelgut des Bischofs von Münster. Leopold Schütte (Bearb.), Das Tafelgutverzeichnis des Bischofs von Münster 1573/74, Bd. 1: Das Amt Rheine-Bevergern, Münster 2014, S. 59–61. Der Hof könnte also, wie auch die Ravensberger Besitzungen in Westerkappeln, nach 1246 (über die Tecklenburger Grafen) in den Besitz des münsterischen Bischofs gelangt sein. Vgl. Manfred Wolf (Bearb.), Die Urkunden des Klosters Gravenhorst, Münster 1994 (im Folgenden: Urkunden Gravenhorst), Nr. 38 (1278 Juli 1, Münster) u. Nr. 65 (1288 September 22, Tecklenburg).

[20] Heinrich August Erhard, (Bearb.), Regesta historiae Westfaliae, Bd. 1, Codex diplomaticus, Münster 1847, C 138 (Original) 1042–1063; zur Datierung ebd., R 1031: manso in Risonbeke; Osnabrücker Urkundenbuch (im Folgenden OUB), Bd. I, Nr. 171 (Original) 1074–1088: curtem in Risenbeke; ebd., Nr. 201 (Original) 1082–1088: Risenbeke. Zur letzten Datierung siehe Christof Spannhoff, Zur Datierung des Güterverzeichnisses Bischof Bennos II. von Osnabrück für das Kloster Iburg, in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2017, S. 95–104. Das bei diesen Nennungen noch nicht unbedingt eine Kirche vorauszusetzen ist, vgl. Albert K. Hömberg, Ortsnamenkunde und Siedlungsgeschichte. Beobachtungen und Betrachtungen eines Historikers zur Problematik der Ortsnamenkunde, in: Westfälische Forschungen 8 (1955), S. 24–64. Waren um 900 im ganzen Münsterland ca. 40 bis 45 Kirchen anzutreffen und kamen im 10. Jahrhundert nur etwa 10 bis 12 Pfarrkirchen hinzu, entstanden von 1000 bis 1300 in jedem Jahrhundert rund 30 neue Pfarrkirchen.

[21] OUB I, Nr. 391. Das Güterverzeichnis des Grafen Heinrich von Dale (an der Lippe bei Selm) wurde angelegt im Jahr 1188, aber bis zur erhaltenen Abschrift Ende des 13. Jahrhunderts mehrfach überarbeitet und erweitert; ebd., Nr. 394 (Original) 1188.

[22] OUB I, Nr. 311.Siehe auch: Joseph Prinz, Das Territorium des Bistums Osnabrück, Göttingen 1934, S. 200. Für den Hinweis danke ich dem Heimatverein Riesenbeck.

[23] OUB I, Nr. 177 (Original). Siehe auch: Prinz, Territorium, S. 200.

[24] OUB II, Nr. 269 (Original: dominus Gerhardus de Risenbeke clericus); OUB II, Nr. 314 (Original).

[25] OUB III, Nr. 262 (Original) = Urkunden Gravenhorst, Nr. 16. Dazu auch Urkunden Gravenhorst, Nr. 33: 1276 Juli 22 (Original). Die Angabe bei Böhm, Grabmäler, S. 47, die Riesenbecker Kirche sei erst 1262 als Eigenkirche der Grafen von Ravensberg gegründet worden, ist irrig.

[26] OUB II, Nr. 211 (Original).

[27] OUB III, Nr. 423 (Original) = Urkunden Gravenhorst, Nr. 26. Vgl. dazu auch die Bestätigung OUB III, Nr. 468 (Original) = Urkunden Gravenhorst, Nr. 28.

[28] Urkunden Gravenhorst, Nr. 34: 1276 Oktober 19, Lübbecke (Original). Dem Kloster Gravenhorst wird nach längerem Streit über den unerlaubten Kauf (Simonie) endgültig das Patronatsrecht über die Riesenbecker Kirche zugesprochen (ius patronatus ex gracia). Zum Konfliktverlauf vgl. die Urkunden Gravenhorst, Nrn. 28, 33, 34, 36, 42 sowie Helmut Hüffmann, Der Verkauf der Riesenbecker Kirche durch den Grafen Otto von Ravensberg an das Kloster Gravenhorst, in: Ravensberger Blätter 7 (1969), S. 104–107.

[29] Adolf Brenneke, Inventare der nichtstaatlichen Archive des Kreises Tecklenburg, Münster 1903 (Inventare der nichtstaatlichen Archive der Provinz Westfalen, Bd. 2,1), S. 51f., Nr. 3. Siehe auch ebd., S. 52, Nr. 5 (1315 März 12: beati Kalixti pape et martiris), S. 53, Nr. 8 (1325 Mai 26: sancti Kalixti pape). Ob es sich um das Gründungspatrozinium gehandelt hat, muss ungeklärt bleiben. Mitunter konnten Patrozinien im Verlauf des Mittelalters wechseln, bzw. Nebenheilige traten an die Stelle des ursprünglichen Heiligen. Arnold Angenendt, In Honore Salvatoris. Vom Sinn und Unsinn der Patrozinienkunde, in: Revue d‘histoire ecclésiastique 97 (2002), S. 791–823. Wiederabdruck in: Ders., Die Gegenwart von Heiligen und Reliquien, hrsg. v. Hubertus Lutterbach, Münster 2010, S. 209–260.

[30] So bereits Heinrich Schauerte, St. Reinheldis von Riesenbeck. Die Legende und ihre geschichtskritische Untersuchung, in: Riesenbeck. Aus Vergangenheit und Gegenwart eines münsterländischen Dorfes, hrsg. v. Heimatverein Riesenbeck, Lengerich 1962, S. 7–28, und August Winkelmann, Sünte Rendel oder St. Reinheldis. Eine Legende und Legendenstudie. Mit Beiträgen v. Karl Wagenfeld u. Burkhard Meier, Münster 1912, allerdings mit anderem zeitlichen Ansatz.

[31] Zu den bisherigen Versuchen vgl. Wolf, Reinhildis. Wolf selbst versucht über den Namen Reinhildis, den er in billungischen Zusammenhängen wiederzufinden glaubt, die historische Reinhildis zu identifizieren. Allerdings scheitert sein Versuch nach Ansicht des Verfassers daran, dass er dazu bis in das 10. Jahrhundert zurückgreifen muss und daher auch die Riesenbecker Kirchengründung in diese Zeit setzen möchte. Das Grabmal der Reinhildis deutet aber eindeutig in das beginnende 12. Jahrhundert. Eine dahingehende Kritik ist generell auch an den Ausführungen Siegfried G. Schoppes zu üben. Allerdings ist darüber hinaus beanstandend zu bemerken, dass Schoppe zumeist auch die Nachweise seiner Behauptungen schuldig bleibt. Siegfried G. Schoppe, Sächsisches Land- und römisches Zivilrecht im Konflikt bei kirchlichen Vermögenszuwendungen im Mittelalter. Der Fall der westfälischen „Alleinerbin Reinheldis“, Hamburg 2018.

[32] So schon 1629 bei ihrer ersten bislang bekannten Aufzeichnung (s.u.).

[33] Dazu siehe unten Anm. 49.

[34] Werner Hillebrand, Besitz- und Standesverhältnisse des Osnabrücker Adels 800 bis 1300, Göttingen 1962, S. 53.

[35] Ebd., S. 53; Diana Zunker, Adel in Westfalen. Strukturen und Konzepte von Herrschaft (1106–1235), Husum 2003, S. 202, 253, 297f.

[36] Hillebrand, Standesverhältnisse, S. 52.

[37] Albert K. Hömberg, Geschichte der Comitate des Werler Grafenhauses, in: Westfälische Zeitschrift 100 (1965), S. 9–133, hier S. 91–107.

[38] Zunker, Adel, S. 202, 250f.; Friedhelm Biermann, Der Weserraum im hohen und späten Mittelalter. Adelsherrschaften zwischen welfischer Hausmacht und geistlichen Territorien, Bielefeld 2007, S 396–402; Thomas Raimann, Kirchliche und weltliche Herrschaftsstrukturen im Osnabrücker Nordland (9.–13. Jh.), Dissertation Osnabrück 2013 (https://repositorium.ub.uni-osnabrueck.de/bitstream/urn:nbn:de:gbv:700-2015033113148/2/thesis_raimann.pdf, eingesehen am 17.07.2019), S. 137–141 u. S. 155–163.

[39] Manfred Wolf, St. Stephanus, der Erzmärtyrer, Pfarrpatron von Westerkappeln, in: Unser Kreis 1995. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 8 (1994), S. 252–258.

[40] Hillebrand, Standesverhältnisse, S. 53; Zunker, Adel, S. 257f. u. 297f.; Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 155–163.

[41] Zunker, Adel, S. 257f. Dazu auch ausführlich und differenziert Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 124–137.

[42] Zunker, Adel, S. 314f.; Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 159.

[43] Zunker, Adel, S. 110, 128f., 141f., 224, 231f., 235, 241, 285, 314f., 345; Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 136, 150–152, 159, 168f. Man möchte wohl nicht annehmen, dass der auf dem Grabstein der Reinhildis genannte Gerhard mit dem 1231 bzw. 1234 genannten Pfarrer gleichen Namens identisch ist (s.o.). Zu einer in eine ähnliche Richtung gehenden Identifizierung des Gerhardus der Inschrift vgl. Wolf, Reinhildis, S. 324.

[44] OUB I, Nr. 282 (Original) Osnabrück, 1150 Dezember 1: Ein Gerhardus wird als Bruder des Henri[cus comes] de Tekeneburc genannt. Zu den Tecklenburger Grafen ausführlich Zunker, Adel, S. 198–248; Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 148–155.

[45] Peter Ilisch u. Christoph Kösters (Bearb.), Die Patrozinien Westfalens von den Anfängen bis zum Ende des alten Reiches, hrsg. v. Institut für Religiöse Volkskunde Münster, Münster 1992, S. 142f.

[46] Angenendt, In Honore Salvatoris.

[47] Hömberg, Studien, S. 72f. u. 88f. Dagegen Wolf, Reinhildis, S. 322.

[48] Urkunden Gravenhorst, Nr. 272; Haus Surenburg, Urkunden, Nr. 16. Für den Hinweis danke ich dem Heimatverein Riesenbeck.

[49] Gunnar Teske, Das Hausbuch des Sweder Schele zu Weleveld und Welbergen, Erbkastellan zu Vennebrügge (1569-1639) – ein Selbstzeugnis zur westfälischen Landesgeschichte, in: Westfälische Zeitschrift 162 (2012), S. 81–104, hier S. 99.

[50] Hausbuch des Sweder von Schele, Bd. 2 mit Teil 3, S. 40f. Der Eintrag zu Riesenbeck dürfte aus dem Jahr 1629 stammen (vgl. die Datierungen zu 1629 vor und nach dem Eintrag auf S. 30 u. S. 44). Das Hausbuch, dessen dritter Teil sich heute im Hausarchiv Almelo im Historischen Centrum Overijssel in Zwolle befindet (Signatur 3680), ist digitalisiert und unter https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=945&url_tabelle=tab_websegmente (eingesehen am 17.07.2019) zu finden.

[51] Die Angabe, dass sie auf dem dortigen Knüppenhof geboren wurde, ist damit erklärt worden, dass die Bewohner des Hofes Öl für das Ewige Licht am Grabmal der Reinhildis zu liefern hatten. Siehe Franz Jostes, St. Reinhild von Riesenbeck und St. Reiner von Osnabrück. Ein Beitrag zur vergleichenden Sagenforschung, in: Westfälische Zeitschrift 70 (1912) I S. [?] 191–249, hier S. 194; Wolf, Reinhildis, S. 320.

[52] Das Motiv des Werfens des Leichnams in den Brunnen ist aus der Legende des Pfarrpatrons St. Calixtus entlehnt, der als Papst bei einer Volksunruhe sein Leben einbüßte und ebenfalls in einen Brunnen geworfen wurde. Wolf, Reinhildis, S. 315.

[53] Gut lesbare Abbildung auf dem Cover und Abb. 3 auf der Bildtafel vor S. 7 des Buches: Riesenbeck. Aus Vergangenheit und Gegenwart eines münsterländischen Dorfes, hrsg. v. Heimatverein Riesenbeck, Lengerich 1962.

[54] Übersetzung nach Böhm, Grabmäler, S. 41.

[55] Zur Verwechslung des angeblichen Sterbedatums der Reinhildis 1262 siehe Wolf, Reinhildis, S. 316.

[56] Böhm, Grabmäler, S. 45f.; Wolf, Reinhildis, S. 319f. Wolf hat Böhm – ausweislich der Nachweise – anscheinend nicht zur Kenntnis genommen.

[57] Martha Bringemeier, Die Grabplatte der hl. Reinheldis, eine Betrachtung zur Kostümkunde, in: Auf Roter Erde. Beilage der Westfälischen Nachrichten, Münster, April 1961: „etwa 1150“.

[58] Franz Flaskamp, Westfälische Menschen aus neun Jahrhunderten, Gütersloh 1960, S. 7: „Will man […] Reinhildis Tod vermutungsweise datieren, so dürfte das beginnende 12. Jahrhundert als ‚terminus post quem non‘ zu erachten sein.“

[59] Zunker, Adel, S. 235, 285, 314f.

[60] Ebd. S. 199f.

[61] Zu Ermengard siehe Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 136. Zur Verschwägerung mit den Ravensbergern Zunker, Adel, S. 249, 277f., 306.

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