Streit um die Legge

Lengerich wollte eine eigene Leinenprüfstelle bekommen

Von Dr. Christof Spannhoff

Seit dem Mittelalter wurde im Tecklenburger Land Leinen hergestellt. Doch erst Mitte des 17. Jahrhunderts richtete der damalige Landesherr, Graf Mauritz von Bentheim-Tecklenburg (1615–1674), eine Prüfstelle ein. Diese sollte dazu dienen, eine gleichbleibende Qualität der Leinwand zu gewährleisten, denn die Stoffe waren vornehmlich für den Export bestimmt. Die sogenannte Legge, benannt nach dem niederdeutschen Tätigkeitswort leggen, weil die Leinenstoffe zur Prüfung auf einem großen Tisch ausgelegt werden mussten, wurde in einem 1577 errichteten Torhaus am Tecklenburger Marktplatz untergebracht.

Die Einrichtung der Tecklenburger Legge erfolgte aber nicht von ungefähr zu dieser Zeit, sondern ist auch vor dem Hintergrund der Herausbildung eines atlantischen Wirtschaftssystems zu sehen, das im 17. Jahrhundert mit der verstärkten Besiedlung Nordamerikas und der Entstehung der südamerikanischen Plantagenwirtschaft Gestalt annahm. Tecklenburger Leinen war günstig und somit auf dem Weltmarkt begehrt. Mit der Einrichtung der Legge versuchte der Tecklenburger Graf an dieser Konjunktur teilzuhaben, indem der gesamte Leinwandhandel seiner Grafschaft in der Folge über Tecklenburg lief. Zumindest für die nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) chronisch leeren gräflichen Kassen war die Einrichtung der Legge also eine Einnahmequelle. Ob die Leinenprüfstelle darüber hinaus auch einen positiven Einfluss auf den eigentlichen Leinwandhandel hatte, ist eher fraglich.[1]

Zumindest aber wirkte sich die Legge förderlich auf den übrigen Handel und das Gewerbe der Stadt Tecklenburg aus, denn der Zwang, die Tecklenburger Legge aufzusuchen, brachte viele Menschen in das Burgstädtchen, die an Ort und Stelle weitere Geschäfte tätigten und Waren konsumierten. Aus diesem Grund ist es zu erklären, dass sich auch der Ort Lengerich wohl bereits seit dem 17. Jahrhundert um die Erlaubnis bemühte, eine eigene Legge einrichten zu dürfen. Das geht aus einem undatierten Schreiben der Lengericher Ortsvorsteher mit dem Titel „Unterthänigstes Memorial und Bitte der Vorsteher und aller Eingesessenen zu Lengerich wegen einer daselbst anzustellenden Legge“ aus der Zeit um 1710 hervor.[2] Dort heißt es, dass man sich bereits seit bentheim-tecklenburgischer Zeit (also vor 1706) um eine eigene Leinenlegge bemüht habe, was allerdings immer wieder durch die Tecklenburger Kaufleute verhindert worden wäre. Nachdem die Grafschaft Tecklenburg 1707 an Brandenburg-Preußen übergegangen war, versuchten die Lengericher erneut, vom neuen Landesherrn, dem preußischen König, eine Genehmigung zu erhalten. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass die preußische Regierung anscheinend bereits zum Abfassungszeitpunkt des Schreibens (um 1710) geplant hatte, Lengerich zur Stadt zu erheben, worauf die Lengericher in ihrer Argumentation Bezug nahmen. Die Ortsvorsteher begründeten ihr Ersuchen damit, dass die Tecklenburger Legge eigentlich von Anfang an in Lengerich anzusiedeln gewesen wäre, weil es der in dem Flecken lebende Holländer namens ten Katen gewesen sei, der 1660 die Tecklenburger Legge „erfunden“ habe. Zudem argumentierten die Lengericher mit ihrer guten Verkehrslage, wegen der zahlreiche Leinenhändler aus dem Osnabrücker, Ravensberger und Münsterland durch den Ort kämen und es für diese sehr beschwerlich sei, mit den schwer beladenen Wagen den hohen Berg nach Tecklenburg hinauf zu fahren. Viele dieser Händler hätten den Wunsch nach einer Lengericher Legge geäußert.

Die Lengericher Vorsteher schlugen daher vor, dass die fünf nördlich des Teutoburger Waldes gelegenen Orte der Grafschaft ihr Leinen weiterhin in Tecklenburg prüfen lassen sollten, während die drei südlich des Berges gelegenen Orte Ladbergen, Lengerich und Lienen sowie die auswärtigen Händler einer eigenen Legge in Lengerich zugeordnet werden sollten. Ein taugliches Leggehaus sei bereits vorhanden und zwar „oben uff der Pforten“. Gemeint war also sicherlich der Lengericher Römer. Als wirtschaftliches Argument führten die Vorsteher an, dass der Tecklenburger Legge viele Einnahmen entgingen, weil viele Händler wegen des beschwerlichen Weges ihr Leinen nicht in Tecklenburg, sondern in Osnabrück oder Warendorf erstanden.

Allerdings ging der Wunsch der Lengericher nicht in Erfüllung. Auch die Preußen richteten keine Prüfstelle in Lengerich ein. Erst 1842 erhielt der Ort eine eigene Legge, zu einem Zeitpunkt jedoch, als der Stern des Tecklenburger Leinenhandels bereits gesunken war.[3]

 

[1] Edith Schmitz, Leinengewerbe und Leinenhandel in Nordwestdeutschland (1650–1850), Köln 1967, S. 30–32; Markus Küpker, Weber, Hausierer, Hollandgänger. Demographischer und wirtschaftlicher Wandel im ländlichen Raum: Das Tecklenburger Land 1750–1870, Frankfurt/New York 2008, S. 76–98.

[2] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 263: Pastorat zu Lengerich (1600–1719), Bl. 64.

[3] Küpker, Weber, S. 128 f.

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