Vor 280 Jahren wurde Westerkappeln zur Stadt erhoben

Jahrzehntelanges Rätsel der Ortsgeschichte gelöst

Von Dr. Christof Spannhoff

Dass Westerkappeln bis 1939 den Titel „Stadt“ trug, dürfte wohl vielen Einwohnern der Gemeinde heute noch gut bekannt sein. Daran erinnern bis dato noch die Bezeichnungen „Stadtkirche“ für das evangelische Gotteshaus oder „Stadtschule“. Allerdings konnte bislang letztendlich nicht geklärt werden, wann genau dem Ort die Stadtgerechtigkeit verliehen wurde.[1]

Da Westerkappeln im Zuge der preußischen Steuerreform (Einführung der Akzise) Anfang des 18. Jahrhunderts zur Stadt erhoben wurde, nahm man bisher an, dass dieser Erhebungsakt – wie auch bei den Nachbarorten Ibbenbüren (1721) und Lengerich (1727) – in den 1720er Jahren geschehen sein müsse.[2] Der Heimatforscher Friedrich Ernst Hunsche vermutete 1975 in der Westerkappelner Ortschronik, dass die königliche Verleihung der jura civitatis, also der Stadtrechte, um das Jahr 1723 erfolgt sein könnte.[3] Zu dieser Datierung kam er wahrscheinlich, weil aus den überlieferten Akten ersichtlich wird, dass die preußische Regierung seit diesem Jahr prüfte, ob es in der Grafschaft Tecklenburg Orte gab, die zur Einführung der Akzise-Steuer überhaupt tauglich waren.[4]

Bei der Akzise handelte es sich um eine Verbrauchssteuer auf bestimmte Produkte und Dienstleistungen. Damals unterlagen der Handel mit Getreide, alkoholischen Getränken (Wein, Branntwein, Bier), Vieh, Schlachtvieh, Lebensmitteln, Gebrauchs- und Luxuswaren sowie Landverkäufe dieser Abgabe. Mit der Einführung der Akzise in den Städten sollte ein neues System regelmäßiger und fester Staatsabgaben eingerichtet werden.[5] Allerdings gab es mit Ausnahme von Tecklenburg in der seit 1707 preußischen Grafschaft keine weiteren Städte. Deshalb wurde seit 1723 untersucht, ob sich einige tecklenburgische Dörfer für die Einziehung der Akzise und zur Erhebung zur Stadt eigneten. Voraussetzungen dafür waren damals eine gute Verkehrsanbindung und eine überdurchschnittliche wirtschaftliche Infrastruktur. Beides traf allerdings nach Ansicht der preußischen Verwaltungsbeamten auf Westerkappeln gerade nicht zu![6] Deshalb ist es auch mehr als unwahrscheinlich, dass Westerkappeln vor dem ökonomisch blühenden Lengerich (1727) Stadtrechte erhielt.

Allerdings hat sich das von Hunsche in die Welt gesetzte Datum bis heute gehalten. Noch in neueren Veröffentlichungen der Gemeinde heißt es daher: „Etwa um 1723 ist das Dorf Cappeln durch König Friedrich Wilhelm I. zur Stadt erhoben worden. Leider steht das genaue Datum der Verleihung der Stadtrechte nicht fest.“[7] Aufgrund der bisherigen unsicheren Quellenlage datiert der Westerkappelner Ortsgeschichtsforscher Heinz Weyer vorsichtiger auf den Zeitraum zwischen 1727 und 1739.[8]

Doch kann dieser Unsicherheit nun durch einen Archivfund abgeholfen werden. Der Zeitpunkt – wenn auch nicht das genaue Tagesdatum, aber zumindest das Jahr der Stadtrechtsverleihung – ist nämlich in der 1745 entstandenen „Geographia Tecklenburgensis oder Beschreibung des jetzigen Zustandes der Grafschaft Tecklenburg“ vermerkt, die sich in der Manuskripten-Sammlung des nordrhein-westfälischen Landesarchivs, Abteilung Westfalen, in Münster befindet.[9] Ihr Verfasser, der preußische Kriegs- und Domänenrat Ernst Albrecht Friedrich Culemann (1711–1756), war seinerzeit selbst von Amts wegen mit der Einführung der Akzise im Bereich Minden-Ravensberg-Tecklenburg-Lingen gut vertraut, weshalb seiner Angabe größte Glaubwürdigkeit zukommt.[10] Culemann schrieb auf Seite 50: „Die Stadt Cappeln […] hat anno 1738 vermittelst introduction der accise jura civitatis erhalten.“ Westerkappeln erhielt also im Zuge der Einführung der Akzise 1738 – gut 15 Jahre später als bisher angenommen – seine Stadtrechte. Dieses Ereignis jährt sich in diesem Jahr zum 280. Mal. Zudem ist durch diesen Zufallsfund ein jahrzehntelanges Rätsel der Westerkappelner Ortsgeschichte gelöst.

 

[1] Vgl. dazu mit der Aufarbeitung der älteren Literatur und zahlreichen Quellennachweisen: Heinz Weyer, Beginn und Ende der Stadt Cappeln, in: Ders., Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Westerkappeln, hrsg. v. Kultur- und Heimatverein Westerkappeln, Westerkappeln 2003, S. 99–114.

[2] So etwa Albin Gladen, Der Kreis Tecklenburg an der Schwelle des Zeitalters der Industrialisierung, Münster 1970, S. 10, der im Haupttext die Stadtwerdung Westerkappelns zusammen mit Lengerich auf 1727, in der dazugehörigen Fußnote 71 aber zwischen 1735 und 1745 datiert, oder Carl Haase, Die Entstehung der westfälischen Städte, 3. Aufl., Münster 1976, S. 185, der die Stadterhebung Westerkappelns mit 1727 allerdings mit Fragezeichen angibt. Dazu auch Weyer, Beginn, S. 100f.

[3] Friedrich Ernst Hunsche, Westerkappeln. Chronik einer alten Gemeinde im nördlichen Westfalen. hrsg. v. d. Gemeinde Westerkappeln, Westerkappeln 1975, S. 146–153.

[4] Vgl. dazu Gert Schumann, Geschichte der Stadt Lengerich, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Stadtwerdung 1727, Lengerich 1981, S. 206–286 (mit zahlreichen Quellenauszügen).

[5] Vgl. den Lengericher Akzise-Tarif vom 13. Mai 1727, ebd., S. 264–277.

[6] Ebd., S. 209–246; Weyer, Beginn, S. 106.

[7] Westerkappeln hat das. Natur, Tradition, Zukunft, hrsg. v. Bürgermeister d. Gemeinde Westerkappeln, Westerkappeln 2009, S. 4.

[8] Weyer, Beginn, S. 106.

[9] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Manuskripte VII, Nr. 2105.

[10] Zu Culemann und seinem Werk siehe: Gustav Engel, Geistiges Leben in Minden, Ravensberg und Herford während des 17. und 18. Jahrhunderts, Teil I: Die Geschichtsschreibung, in: 52. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (1938), S. 1–158, hier S. 141–155.

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Gehörte Westladbergen einst zu Ladbergen?

Überlegungen zur Entstehung des Ortsnamens

Von Dr. Christof Spannhoff

Ortsnamen sind eine wichtige Geschichtsquelle: Nicht nur ihre ursprüngliche Bedeutung kann etwas über die Vergangenheit erzählen, sondern auch ihr Gebrauch durch die Jahrhunderte hindurch ermöglicht interessante historische Einblicke. Denn das Objekt, das ein Ortsname benennt, kann sich im Laufe der Zeit verändern. Ortsnamen können z.B. „wandern“, wie etwa der massenhaft vorkommende Ortsname Aldrup oder ähnlich anzeigt, der ‚alte Siedlung‘ bedeutet und eine Verlagerung des Ortsnamens nahelegt.[1] Ortsnamen können aber auch im Lauf der Zeit ihren räumlichen Geltungsbereich erweitern oder verringern. Dieser Vorgang hängt zumeist mit einer Veränderung der Funktion des Ortes zusammen. Wurde in einem Ort etwa eine Kirche errichtet und dieser Standort somit zu einem neuen Kultzentrum für seine Umgebung, so wurde er dadurch funktional aus der Reihe der benachbarten Siedlungen ohne Kirchenstandort herausgehoben. Der Name des Kirchortes ging dann in der Folge auch mit übergeordneter Funktion auf das Gebiet des kirchlichen Einzugsbereichs über: das Kirchspiel. Orte und somit auch deren Namen, die zuvor etwa gleichrangig nebeneinander bestanden hatten, wurden durch die kirchliche Struktur, an der sich auf unterer Ebene auch die politische Gliederung orientierte, einander über- bzw. untergeordnet.[2] Zu einem Kirchspiel gehörten etwa im Münsterland mehrere Bauerschaften. Diese Siedlungen waren dem Verbund des Kirchspiels untergeordnet.[3] Siedlungsgeschichtlich war diese Überordnung aber nicht von vornherein gegeben. Das Zentrum des Kirchspiels, der Kirchort, war vor der Kirchengründung zumeist kaum herausragender als die unmittelbaren Nachbarsiedlungen. Im Gegenteil: Viele Kirchen wurden auf Fronhöfen gegründet, die oftmals auf später kultiviertem Siedlungsland zweiter Wahl lagen und sich abseits der älteren bäuerlichen Siedlungen befanden.[4] Auch der Name des Fronhofes ging auf die Kirche und die später entstehende Kirchsiedlung und dann auf das Kirchspiel, den Kirchensprengel, über. Der Geltungsbereich eines Ortsnamens spiegelt also auch die siedlungsgeschichtliche und damit die politisch-administrative Entwicklung wider. In neuerer Zeit vergleichbar sind als Beispiel für die verwaltungstechnische Aufgliederung der Siedlungen und die damit einhergehende Ausdifferenzierung der Ortsnamenwelt auch die sogenannten Eingemeindungen zu nennen: Zuvor selbstständige Gemeinden werden einem größeren kommunalen Verbund eingegliedert, wodurch die einzelne Gemeinde ihre Selbstständigkeit verliert und auch der Name zu einem Orts- oder Stadtteilnamen wird. Der Name der aufnehmenden Kommune erweitert dabei seinen räumlichen Geltungsbereich.[5]

Vergangene Strukturen und ihre Veränderungen lassen sich auch erkennen an den sogenannten orientierten Ortsnamen, also Ortsnamen, die mit einem Wort für eine Himmelsrichtung oder für eine räumliche Strukturierung gebildet sind.[6] Die historischen Erkenntnisse, die bei einer entsprechenden Quellenlage vor diesem Hintergrund gemacht werden können, sollen am Beispiel des Ortsnamens Westladbergen verdeutlicht werden.

Der Ortsname Westladbergen benennt heute einen Gebietsteil (Bauerschaft) der eigenständigen Gemeinde Saerbeck im Kreis Steinfurt. Er grenzt im Osten an die eigenständige Gemeinde Ladbergen. Aufgrund dieser Situation könnte man nun annehmen, dass der Name „Westladbergen“ anzeigt, dass das mit diesem Namen benannte Gebiet einmal zum heute benachbarten Ladbergen gehört hat. Denn die Himmelsrichtung in Westladbergen suggeriert, dass der Name in Bezug zu Ladbergen, von Ladbergen aus vergeben worden ist. Und es schließt sich bei dieser angenommenen Vorbedingung unmittelbar die Frage an, wann Westladbergen denn dann von Ladbergen abgetrennt worden ist.

Diese Überlegungen gehen aber von der modernen Verwaltungsstruktur aus. Die gedankliche Grundlage solcher Fragen ist die gegenwärtige Situation von Flächengemeinden mit linearen Grenzen. Heikel ist daran allerdings, dass heutige Voraussetzungen bei einer solchen Perspektive unreflektiert auf die Zustände der Vergangenheit übertragen werden. Doch ist eine solche Vorgehensweise problematisch, weil die derzeitigen Bedingungen erst das Ergebnis eines historischen Entwicklungsprozesses sind. Die aktuellen Flächengemeinden gehen auf die ehemaligen Kirchspiele zurück, die zunächst nur eine rein kirchliche Funktion hatten und das Gebiet darstellten, das den Einzugsbereich einer Pfarrkirche umfasste. Die Bewohner des Kirchspiels unterlagen dem Pfarrzwang der entsprechenden Pfarrkirche, d.h. sie mussten an diese Kirche ihre Abgaben entrichten und somit auch Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen dort vornehmen lassen. Weil durch das Kirchspiel aber bereits eine Verwaltungseinheit vorgegeben war, wurde dieses Gebiet dann auch zur Grundlage der weltlichen Administration.[7] Dass Kirchspiele recht stabile räumliche Einheiten wurden, ist allerdings erst eine Entwicklung des 13. Jahrhunderts.[8] Die Ursprünge des Ortsnamens Westladbergen liegen hingegen wesentlich früher. Um also die Frage nach der Entstehung des Ortsnamens Westladbergen beantworten zu können, müssen zunächst einmal die alten Belege und ihr historischer Kontext eingehender betrachtet werden:

Der Ortsname Westladbergen tritt in seiner orientierten Form erstmals 1284 auf. Damals heißt es in einer Urkunde „Westlacbergen in parochia Sorbeke“.[9] Älter ist allerdings die Form, die in der Überlieferung des münsterischen Klosters Überwasser zu finden ist, das in Westladbergen Besitz hatte. Um 1100 werden diese Güter unter de Lakberge verzeichnet. Aus den Angaben der späteren Aufzeichnungen geht hervor, dass es sich bei diesem Lakberge nicht um das heutige Ladbergen gehandelt hat, sondern um Westladbergen.[10] Auch das münsterländische Kloster Freckenhorst nannte Besitzungen im Bereich Saerbeck/Ladbergen sein Eigen. So treten in dessen ältestem Heberegister, das ebenfalls um 1100 entstanden ist[11], die Ortsnamen Lacbergon/Hlacbergon und Asthlacbergon auf.[12] Man könnte nun annehmen, dass es ursprünglich folgende Ortsnamentrias gegeben habe: Westladbergen, Ladbergen und Ostladbergen.[13] Allerdings lassen auch die späteren Freckenhorster Aufzeichnungen erkennen, dass es sich bei dem um 1100 genannten Lacbergon/Hlacbergon ebenfalls nicht um Ladbergen, sondern um Westladbergen gehandelt haben dürfte. Hingegen ist Asthlacbergon, also damals Ostladbergen, mit dem heutigen Zentrum von Ladbergen zu identifizieren, wie auch der damals genannte Mannikin vermuten lässt, der wohl der spätere Hof Maneke in der heutigen östlichen Ladberger Bauerschaft Hölter sein dürfte.[14]

Wie ist nun dieser Befund zu erklären? Auch hier waren die Gründungen der Kirchen in Saerbeck und Ladbergen bedeutsam. Beide Gotteshäuser und damit auch die Kirchspiele entstanden aber erst im 12. Jahrhundert, also nach der Entstehung der Ortsnamen, die im ältesten Register des Klosters Freckenhorst genannt werden.[15] Somit ist folgende Entwicklung anzusetzen: Der Ortsname Ladbergen entstand im Bereich des heutigen Westladbergen. Die ältesten Nennungen des Namens Ladbergen (Lakberge/Lacbergon/Hlacbergon) in den Registern der Klöster Überwasser und Freckenhorst sind also sämtlich im heutigen Westladbergen zu verorten. Auf dieses ältere Ladbergen war das im Freckenhorster Register genannte Ostladbergen (Asthlacbergon) bezogen, das mit dem Zentrum des heutigen Ladbergens zu identifizieren ist. Mit dem Bau einer Kirche in Ladbergen änderten sich dann allerdings die verwaltungsräumlichen Verhältnisse, was sich auch in der Umgestaltung der Ortsnamen widerspiegelte. Urkundlich erwähnt wird eine Kirche in Ladbergen erstmals 1149.[16] Damals muss sie aber schon eine gewisse Zeit bestanden haben, weil sich bereits Strukturen etabliert hatten, die einen gewissen Entwicklungszeitraum voraussetzen. Denn zu dieser Zeit sollten die zu Lengerich gehörigen Bezirke Hölter (tho Holte) und Kohnhorst (Codenhorst) zu Ladbergen geschlagen werden, weil die Menschen bereits die Kirche in Ladbergen nutzten. Die Gründung der Ladberger Kirche ist also mindestens in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zu setzen. Durch seine neue übergeordnete Funktion als Kirchort zog das frühere Ostladbergen somit den Namen Ladbergen an sich. Dieser Zustand ist dann bereits 1149 vollzogen. Der ältere Name Ladbergen ging also auf den neuen Kirchort Ladbergen über und im Bezug zu diesem wurde aus der älteren Ortslage Ladbergen, weil sie als Siedlung gegenüber dem Kirchort nur noch eine untergeordnete Funktion besaß, nun Westladbergen. Hier ist also ein diachroner Funktionswechsel zu erkennen. Durch die Gründung der Kirche in Ladbergen wurde diese Siedlung aufgewertet. Die zuvor vermutlich größere bzw. zentralere Siedlung Ladbergen sank in ihrer Bedeutung herab und wurde im Vergleich zum Kirchenstandort Ladbergen als Westladbergen gekennzeichnet. Die Rollen wurden also getauscht. Die Namen Ostladbergen und Westladbergen bestanden somit niemals zeitgleich nebeneinander, sondern nur in zeitlicher Abfolge. Dass Westladbergen heute zu Saerbeck gehört und nicht zu Ladbergen ist damit zu erklären, dass die Kirchensprengel mit festen Grenzen, die die Grundlage der heutigen Kommunalgrenzen sind, sich erst später ausgebildet haben, also nach der Entstehung und Verfestigung des Namens Westladbergen. Ein analoger Fall findet sich übrigens mit der Bauerschaft Westerode im Osten Nordwaldes. Der Name bestand ebenfalls vor der Einrichtung des Kirchspiels Nordwalde und bezog sich ursprünglich auf die Kirche in Greven.[17]

Vor der Kirchengründung im heutigen Ladbergen war demnach das heutige Westladbergen die zentralere Siedlung, von der aus zunächst Ostladbergen benannt wurde. Der Name Ladbergen geht auf *(h)lakberge ‚Grenzberge, Grenzzeichen‘ zurück. Diese namengebenden Grenzzeichen als Ursprung des Namens müssen daher also nicht im heutigen Ladbergen, sondern im heutigen Westladbergen gesucht werden.[18]

[1] Dazu ausführlich: Christof Spannhoff, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 26–40.

[2] Albert Karl Hömberg, Ortsnamenkunde und Siedlungsgeschichte. Beobachtungen und Betrachtungen eines Historikers zur Problematik der Ortsnamenkunde, in: Westfälische Forschungen 8 (1955), S. 24–64; Günther Wrede, Die Entstehung der Landgemeinde im Osnabrücker Land, in: Die Anfänge der Landgemeinde und ihr Wesen, 2 Teile, Konstanz 1964, Teil 1, S. 289–303.

[3] Leopold Schütte, Die Verfassung ländlicher Siedlungen in Westfalen vor 1800 im Spiegel ihrer räumlichen Struktur, in: Dörfliche Gesellschaft und ländliche Siedlung, hrsg. v. Uta Halle u.a., Bielefeld 2001, S. 61–89. Wiederabgedruckt in: Leopold Schütte, Schulte, Weichbild, Bauerschaft. Ausgewählte Schriften zu seinem 70. Geburtstag, hrsg. v. Claudia Maria Korsmeier, Bielefeld 2010, S. 17–46.

[4] Günther Wrede, Die Kirchensiedlung im Osnabrücker Lande, in: Osnabrücker Mitteilungen 64 (1950), S. 63–87; Manfred Balzer, Kirchen und Siedlungsgang im westfälischen Mittelalter, in: Leben bei den Toten. Kirchhöfe in der ländlichen Gesellschaft der Vormoderne, hrsg. v. Jan Brademann u. Werner Freitag, Münster 2007, S. 83–115.

[5] Vgl. zum Beispiel: Stefan Sudmann, Vor 40 Jahren: 1. Januar 1975: Eine neue Gemeinde namens „Dülmen“ und die Lösung der alten Probleme Hausdülmen und Hanrorup/Holsterbrink, in: Dülmener Heimatblätter 62 (2015), Heft 1, S. 34–41, hier S. 34.

[6] Vgl. etwa: Christa Jochum-Godglück, Die orientierten Siedlungsnamen auf -heim, -hausen, -hofen und -dorf im frühdeutschen Sprachraum und ihr Verhältnis zur fränkischen Fiskalorganisation, Frankfurt a.M. u.a. 1995.

[7] Wrede, Entstehung; Balzer, Kirchen.

[8] Hömberg, Ortsnamenkunde, S. 25–29. Vgl. dazu auch speziell für das hier behandelte Gebiet: Ulrich Theising, Saerbeck 1100–1800. Beiträge zur Geschichte eines münsterländischen Kirchspiels im Alten Reich, in: Saerbeck. Geschichte eines Dorfes und seiner Bauerschaften, hrsg. v. d. Gemeinde Saerbeck, Saerbeck 1993, S. 59–278, hier S. 65–70.

[9] Osnabrücker Urkundenbuch (OUB), Bd. IV, Nr. 121. Die hier abgedruckte Namenform ist allerdings fehlerhaft, da dem Bearbeiter die Einsicht in das Fürstliche Archiv Steinfurt verweigert worden war und er somit mit einem Regest bei Josef Niesert, Codex diplomaticus Steinfordiensis oder Urkundensammlung zur Geschichte der Herrschaft Steinford, Bd. 1 (Münstersche Urkundensammlung 5), Coesfeld 1834, S. 76f. vorliebnehmen musste. Der korrekte Text der Urkunde findet sich in: Inventare der nichtstaatlichen Archive des Kreises Steinfurt, bearb. v. Ludwig Schmitz-Kallenberg, Münster 1907, S. 199, Nr. 101.

[10] Die Heberegister des Klosters Ueberwasser und des Stiftes St. Mauritz, bearb. v. Franz Darpe, Münster 1888, S. 20, S. 45, S. 45 mit Fußnote 2; Bernhard Feldmann, Die Höfe des Münsterlandes und ihre grundherrlichen Verhältnisse, Münster 1995, S. 249. Der dem Kloster Überwasser gehörende Hof Heckmann lag in Westladbergen.

[11] Joachim Hartig, Das Freckenhorster Heberegister, in: Kirche und Stift Freckenhorst. Jubiläumsschrift zur 850. Wiederkehr des Weihetages der Stiftskiche in Freckenhorst am 4. Juni 1979, Freckenhorst 1979, S. 186–192; Ruth Schmidt-Wiegand, Art. Freckenhorster Heberolle, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 2 (1980), Sp. 885–887.

[12] Die Heberegister des Klosters Freckenhorst nebst Stiftungsurkunde, Pfründeordnung und Hofrecht, hrsg. v. Ernst Friedlaender, Münster 1872, S. 46, S. 48f., S. 56. Feldmann, Höfe, S. 249: Drei Höfe des Freckenhorster Fronhofes und Amtes Jochmaring lagen in Westladbergen.

[13] So schließt Martin Forberg aus der Nennung von Ladbergen und Ostladbergen im Freckenhorster Heberegister, dass zu gleicher Zeit bereits auch der Name Westladbergen bestanden haben müsse. Zu diesem Schluss kommt er aber nur, weil er übersehen hat, dass es sich bei den damals unter Ladbergen genannten Freckenhorster Besitzungen um den Besitz in Westladbergen handelte. Martin Forberg, Landwirtschaft und Siedlung im mittelalterlichen Raum Saerbeck, in: Saerbeck. Geschichte eines Dorfes und seiner Bauerschaften, hrsg. v. d. Gemeinde Saerbeck, Saerbeck 1993, S. 281–355, hier S. 324.

[14] Heberegister Freckenhorst, S. 48; Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 28.

[15] Stefan Eismann, Ausbruchgruben, Totenkrone und Wiedergänger – die Alte Kirche in Ladbergen: Kreis Steinfurt, Regierungsbezirk Münster, in: Archäologie in Westfalen-Lippe (2009), S. 111–114; Ders., Die Ausgrabung der alten Kirche in Ladbergen, in: Unser Kreis. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 23 (2010), S. 210–215; Theising, Saerbeck, S. 73–80, besonders S. 78 mit der Gründungsdatierung für Saerbeck zwischen 1153 und 1161.

[16] OUB I, Nr. 278.

[17] Karl-Heinz Stening, Die katholische Kirche St. Dionysius, in: Nordwalde. Beiträge zur Heimatgeschichte, Bd. II, hrsg. v. Johannes Giesen, Meinerzhagen 1991, S. 45–51, hier S. 45.

[18] Christof Spannhoff, Eine Siedlung bei den Grenzhügeln [Ladbergen]. Ortsnamen dokumentieren geographische Besonderheiten, in: Unser Kreis 2014. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 27 (2013), S. 115–120.

Hrutansten = Grafentafel = „Widukinddreieck“ – eine Entgegnung

Überlegungen zur Lokalisierung eines Grenzpunktes des Diploms Ottos I. für die Osnabrücker Kirche aus dem Jahr 965

Von Dr. Christof Spannhoff

Im Jahr 1965 feierte die Gemeinde Lienen (Kreis Steinfurt) mit großem Aufwand das Jubiläumsfest „1000 Jahre Gemarkung Lienen“. Anlass dieser Feier war die angebliche erstmalige urkundliche Nennung eines Grenzpunktes auf Lienener Gemeindegebiet in einer Urkunde Ottos I. vom 15. Juli 965.[1] Damals verlieh der Kaiser dem Osnabrücker Bischof Drogo das Jagdrecht (Wildbann[2]) in einem Gebiet, das sich zwischen den Grenzpunkten Farnuuinkil[3] (uu = w), Hrutansten[4], Angare (heute Stadt Enger[5]), Osning (Teutoburger Wald bei Bielefeld[6]), Sinithi (Senne – vermutlich war das Gebiet zwischen Bielefeld und Versmold gemeint[7]), Bergashavid (Bergeshövede/Riesenbeck[8]), Drevanameri[9], Etenesfeld (Ettenfeld bei Fürstenau[10]) und Diummeri (Dümmer-See bei Damme[11]) erstreckte. Dieses Jagdgebiet scheint sich räumlich an der Ausdehnung des damals bereits bestehenden Osnabrücker Diözesangebietes orientiert zu haben.[12]

Da der 965 genannte Grenzpunkt Hrutansten von einigen Historikern im 19. Jahrhundert mit der Grafentafel, einem Sandsteinfelsen in Lienen-Holperdorp, gleichgesetzt wurde, glaubte man eine verlässliche Basis für ein Ortsjubiläum zu haben. Die Feier von 1965 jährte sich 2015 zum 50. Mal. Konnte Lienen also 2015 das Fest „1050 Jahre Gemarkung Lienen“ feiern?

Gegen diese Identifizierung des Hrutanstens mit der Grafentafel habe ich bereits 2014 und 2015 begründete Zweifel angemeldet und anhand der überlieferten Quellen gezeigt, dass eine solche Gleichsetzung nicht stichhaltig erwiesen werden kann. Vielmehr ist der Hrutansten an anderer Stelle, nämlich im Osten der Diözese Osnabrück, zu lokalisieren.[13]

Allerdings macht sich der Theologe und „Verfasser von neutestamentlichen und heimatgeschichtlichen Schriften“ (S. 35) Wilhelm Wilkens in einer zum Jahreswechsel 2017/18 selbstverlegten 35-seitigen Broschüre mit dem Titel „Der Suderberggau. Widukinddreieck von Dissen bis Lienen“ erneut für eine Gleichsetzung von Hrutansten und Grafentafel stark. Denn diese Felsformation sei ein wichtiger Grenzpunkt im Westen eines von Wilkens neuerdings „entdeckten“ und von ihm so benannten angeblichen „Widukinddreiecks“, das sich zwischen Lienen im Westen, Glandorf im Süden und dem Quellgebiet der Hase im Osten erstreckt haben soll. Es sei die Grundlage des „Suderberggaus“ gewesen.[14]

Meine begründete Kritik an der Identifizierung von Hrutansten und Grafentafel ist Wilkens anscheinend bekannt, da er sich im Abschnitt „Anlass der Studie“ (S. 4) auf meine Ablehnung beruft. Allerdings führt er in der zugehörigen Endnote 2 (S. 34) einen meiner Aufsätze an, in dem ich aber gar nicht auf diese Problematik eingehe.[15] Es ist also anzunehmen, dass Wilkens meine Argumentation lediglich aus einem stark verkürzten, auf die wesentlichen Ergebnisse reduzierten Zeitungsartikel in den Westfälischen Nachrichten/Tecklenburger Landbote vom 19. November 2013 kennt, den er ebenfalls zitiert. Zudem wischt Wilkens meine Untersuchungen mit folgender Bemerkung beiseite: „Wir unterziehen das Dokument [gemeint ist das Diplom von 965; C.S.] einer traditionsgeschichtlichen Analyse. Damit entfällt eine förmliche Auseinandersetzung mit dem Geschichtskonstrukt von Spannhoff, die schon an der Exklave des Bistums um Wiedenbrück scheitert (Sinithi)“ (S. 34). Mit dieser überheblichen Aussage geht Wilkens aber der zwingend notwendigen wissenschaftlichen Diskussion aus dem Weg, weil er sich eine genaue und zeitaufwendige Auseinandersetzung mit meinen Argumenten und der historischen Überlieferung ersparen möchte. Was er allerdings unter einer „traditionsgeschichtlichen Analyse“ versteht, die ihn erhaben macht über mein „Geschichtskonstrukt“, bleibt sein Geheimnis.

Anscheinend bedarf diese seine „traditionsgeschichtliche Analyse“ keiner wissenschaftlichen Arbeitsweise, denn in seiner Abhandlung spart er sich fast sämtliche Nachweise seiner vorgebrachten Thesen, mit denen er das vermeintliche „Widukinddreieck“ etablieren möchte: Insgesamt werden nur acht kurze Endnoten gesetzt. Zudem erörtert und argumentiert Wilkens nicht, sondern behauptet zumeist lediglich, ohne, dass er diese Behauptungen in irgendeiner Weise begründete. Eine genaue Auseinandersetzung mit dem pseudo-wissenschaftlichen Inhalt seiner Broschüre, vor allem, was seine Auslassungen zur vorchristlichen Religion in der Region angeht, kann hier nicht erfolgen. Ich verweise dazu auf meine bereits öfter vorgetragene Kritik.[16]

An dieser Stelle seien vielmehr noch einmal die Argumente angeführt, die gegen eine Gleichsetzung des Hrutanstens mit der Grafentafel sprechen und die von Wilkens anscheinend – obwohl an zwei verschiedenen Orten veröffentlicht – immer noch nicht zur Kenntnis genommen worden sind.[17] Durch diese Darlegungen wird aber auch ein angebliches „Widukinddreieck“ mehr als unwahrscheinlich.

Es sei ferner noch angemerkt, wie Wilhelm Wilkens eigentlich zu der Idee seines vermeintlichen „Widukinddreiecks“ gekommen ist. Dieser Einfall geht nämlich, was er wohlweißlich verschweigt, auf zwei Karten in meinem 2014 erschienenen Buch zurück. Damals hatte ich die Grenzpunkte des Diploms von 965 zu kartieren versucht. Um anschaulich zu verdeutlichen, dass der Hrutansten nicht in Lienen gelegen haben kann, habe ich diesen Grenzpunkt in Lienen eingetragen und mit den anderen Grenzpunkten verbunden. Heraus kam dabei eine merkwürdige geometrische Figur, die in ihrem unteren Teil eine Art Dreieck darstellte (siehe nachstehende Abbildungen). Dadurch war das Wilkenssche „Widukinddreieck“ geboren, das Wilkens erstmals in seinen Grundzügen, allerdings ohne diesen Terminus dafür zu verwenden, in einem Zeitungsartikel vom 27. Juli 2015 in den Westfälischen Nachrichten/Tecklenburger Landbote vorgestellt hat – unter ausdrücklichem Bezug auf meinen Artikel vom 19. November 2013 (s.o.)!

Verbindung der Grenzpunkte der Urkunde von 965 bei Lokalisierung von Farnuuinkil in Glandorf und Hrutansten in Lienen

Verbindung der Grenzpunkte der Urkunde von 965 bei Lokalisierung von Farnuuinkil und Hrutansten auf der Ostseite der Osnabrücker Diözese

Die nachfolgenden Ausführungen zeigen aber, dass der Hrutansten von 965 nicht die heutige Grafentafel gewesen sein kann und es somit auch kein „Widukinddreieck“ gibt. Diese Ansicht gilt es im Folgenden zu begründen. Zunächst soll dazu dargelegt werden, wie es zu einer Gleichsetzung von Hrutansten und Grafentafel gekommen ist. Danach sind in einem zweiten Schritt die Argumente anzuführen, die eindeutig gegen eine Identifizierung beider Grenzpunkte sprechen.

Hrutansten = Grafentafel

Eine Konstruktion der älteren regionalgeschichtlichen Forschung?

Als erster Vertreter der Meinung, dass sich der Hrutansten in der Nähe Lienens befunden haben müsse, lässt sich wohl der Osnabrücker Jurist, Staatsmann, Literat und Historiker Justus Möser (1720–1794) ausmachen. Dieser schrieb in der zweiten vermehrten und verbesserten Auflage des ersten Bandes seiner „Osnabrückische[n] Geschichte“, der 1780 erschien, über den o.g. Forstbann: „Diese Örter, welche als Grenzen dieses Waldes oder dieser Mark [des Gebietes des Forstbannes; C.S.] angegeben werden, scheinen den bischöflichen Sprengel nicht begränzt zu haben; doch wurden einige darunter, und namentlich Farnewinkel, welches man noch jetzt auf der Grenze hinter Glandorf kennet, und nahe dabei Rutanstein[18] im funfzehnten [!] Jahrhundert, da man die Grenze mit der kaiserlichen Urkunde in der Hand begieng, als Landgrenzen angezogen.“[19] Möser meinte also, einen der Grenzpunkte von 965, den Farnuuinkil, in einem Flurnamen Farnewinkel bei Glandorf wiedergefunden zu haben, der zufällig in der Nähe der neuzeitlichen Osnabrücker Bistumsgrenze lag. Auch den Hrutansten verortete er in der Nähe Glandorfs, ohne allerdings seinen Anhaltspunkt für diese Lokalisierung zu nennen.

Im Jahr 1850 veröffentlichte dann der Konrektor Dietrich Meyer einen Beitrag mit dem Titel „Die Grenzen des Forst- und Wildbanns der Osnabrückschen Kirche“. Auch er verortete den Grenzpunkt Farnuuinkil im Südwesten Glandorfs, in der Westendorf-Schweger Mark.[20] Den Hrutansten setzte Meyer dann erstmals explizit mit der Grafentafel in Lienen-Holperdorp an der Grenze zu Hagen a.T.W. (Landkreis Osnabrück) in Verbindung. Zu dieser Gleichsetzung gelangte er aufgrund einer Nachricht in einer Grenzbeschreibung aus der Zeit des Osnabrücker Bischofs Konrad von Rietberg (1482–1508). Darin wird nach dem Grenzpunkt der Landwehr zur Vensterlage bei Glandorf als nächster Markstein genannt: „de stein geheitten Ritenstein offt Riteschillingh, unde ander so man alsulchs woll kann mit privilegien vnnd anders bekunden.“ Danach folgt der Zusatz: „Item der Jacht, Wiltbann vnd Mast in den Oeslinge [Osning/Teutoburger Wald; C.S.], die der Kerken van Osnabrugh gegeuen sindt von viellen Romischen Kayseren, ut in [wie in; C.S.] privilegiis Caroli magni, Ottonis primi etc.“[21] Dieser Ritenstein oder Riteschillingh wurde wohl bereits von Justus Möser (der sich auf eine nicht näher genannte Quelle des 15. Jahrhunderts beruft; s.o.) für seine Lokalisierung des Hrutanstens in der Nähe Glandorfs herangezogen.

Aufgrund der scheinbaren lautlichen Ähnlichkeit hielt Meyer nun den Hrutansten für den Ritenstein/Riteschillingh.[22] Letzten Grenzpunkt identifizierte er mit der Grafentafel an der Grenze zwischen Lienen und Hagen. So gelangte Meyer zu der Gleichung Hrutansten von 965 = Ritenstein/Riteschillingh Ende 15. Jahrhundert = heutige Grafentafel. Diese Gleichsetzung erschien ihm zudem dadurch gesichert, dass die Gestalt der Grafentafel, ein aus dem Boden ragender Sandsteinquader, auch das Bestimmungswort des Namens Hrutansten motiviert habe. Denn Meyer stellte den Namenbestandteil Hrutan– zu niederdeutsch rûte ‚Raute, Viereck, viereckige Fensterscheibe‘.[23] Nach Meyer habe der Hrutansten seinen Namen also aufgrund seiner viereckigen Gestalt erhalten.[24] Auf dieses allerdings nur scheinbar bestechende Argument wird noch zurückzukommen sein.

Dieser Argumentation Meyers folgten auch der ortskundige, aus Glandorf stammende Germanist und Altertumsforscher Franz Jostes[25] und der Historiker Karl Brandi.[26] Auf Meyers Beitrag beruht zudem die Identifizierung des Hrutanstens mit der „Grafentafel bei Iburg“ im Register des ersten Bandes des Osnabrücker Urkundenbuches, der 1896 erschien und vom Historiker und Archivar Friedrich Philippi erstellt wurde.[27] Nach Ausweis des Literaturverzeichnisses entnahm dann schließlich Friedrich Ernst Hunsche zur Begründung des Lienener Ortsjubiläums 1965 der Arbeit Jostes‘ oder dem „Osnabrücker Urkundenbuch“ die vermeintliche Gleichsetzung von Hrutansten und Grafentafel.[28]

Dietrich Meyers Ausführungen aus dem Jahr 1850, die auch Eingang in die geschichtswissenschaftliche Forschungsliteratur um 1900 fanden, stellten also die Grundlage des Jubiläums „1000 Jahre Gemarkung Lienen“ im  Jahr 1965 dar. Es gilt daher im Folgenden, Meyers Nachweise und seinen Argumentationsgang kritisch zu prüfen.

Prüfung der Argumente

Die Suche nach der eigentlichen Grundlage der Gleichsetzung von Hrutansten und Grafentafel hat gezeigt, dass sich die Identifizierung des Hrutanstens im Wesentlichen auf nur zwei Argumente stützt: zum einen auf die Lokalisierung des vorausgehenden Grenzpunktes Farnuuinkil, zum anderen auf die Gleichsetzung des Hrutanstens mit dem Ritenstein bzw. Riteschillingh – und dieses Grenzpunktes wiederum mit der Grafentafel aufgrund vermeintlicher lautlicher Ähnlichkeit bzw. der äußeren Gestalt des Sandsteinquaders „Grafentafel“.

1) Das erste Argument ist allerdings aus sprachwissenschaftlich-namenkundlicher Perspektive auf keinen Fall zwingend, weil der Name des Ortspunktes Farnuuinkil ‚Farnwinkel‘ als Massenflurname zu werten ist. Der Flurname besteht eindeutig aus den Gliedern altsächsisch farn[29], mittelniederdeutsch vârn(e), vâren ‚Farn, Farnkraut‘[30] und altsächsisch *winkil[31] (erschlossen aus mittelniederdeutsch winkel ‚Winkel‘[32], metaphorisch ‚finstere Ecke, kleiner, unbedeutender, versteckter Ort‘) und bezieht sich also auf die Vegetation der Umgebung. Ein ‚Farnwinkel‘, also eine ‚Örtlichkeit, an der Farnkraut wächst‘, kann aber fast überall gebildet worden sein, wo die natürlichen Voraussetzungen für diese Pflanze gegeben sind, nicht nur in Glandorf.[33]

2) Das andere Argument bedarf einer etwas ausführlicheren Überprüfung. Dass der Ritenstein bzw. Riteschilling der alte Name der Grafentafel gewesen sein könnte, ist durchaus möglich, allerdings geht Meyers Beweisführung hinsichtlich der Gestalt der Grafentafel fehl. Denn das Bestimmungswort in Ritenstein oder Riteschilling ist mit Sicherheit nicht zu mittelniederdeutsch rûte ‚Raute, Viereck, viereckige Fensterscheibe‘[34] zu stellen, sondern vielmehr zu mittelniederdeutsch rîte ‚Riss, Lücke, Bresche‘[35]. Der Ritenstein oder Riteschillingh > *Riteschilding war also vielmehr eine Gesteinstafel (Schilding[36]) mit Rissen oder Lücken, was durchaus der heutigen Gestalt der Grafentafel entspricht.[37]

3) Es muss aber gleich an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass der Ritenstein/Riteschillingh nicht unbedingt mit der Grafentafel in Lienen-Holperdorp gleichzusetzen ist. Denn nach einer Nachricht aus dem Jahr 1863 hat es einen Rüthenstein – angeblich ein mächtiger Granitblock – auch im Süden Glandorfs gegeben, an der Stelle, an der die Grenze der Grafschaft Ravensberg mit der der Bistümer Münster und Osnabrück zusammentraf.[38] Da der Grenzpunkt Ritenstein / Riteschillingh direkt nach der Landwehr zur Vensterlage genannt wird (s.o.), die nach den Grenzbeschreibungen von 1447 bzw. 1464 und 1477 (s.u.) in der Nähe von Gut/Haus Oedingberge im Südwesten Glandorfs unweit der heutigen B 51 gelegen hat, könnte also der Ritenstein/Riteschillingh sogar wahrscheinlicher mit dem Rüthenstein in Glandorf identisch sein. Der Übergang von i > ü im Bestimmungswort ist der Sprachwissenschaft als sogenannte „Rundung“ (Veränderung der Aussprache eines Vokals durch stärkere Rundung der Lippen: helle : Hölle; Silber : Sülber) bekannt und hindert die Gleichsetzung von Ritenstein / Riteschillingh mit dem Glandorfer Rüthenstein nicht.[39] Die Identifizierung des Grenzpunktes Ritenstein/Riteschillingh mit der Grafentafel in Lienen-Holperdorp ist also zwar möglich, aber nicht sicher!

4) Diese Unsicherheit, ob der Ritenstein/Riteschillingh die Grafentafel in Lienen-Holperdorp gewesen ist, wird durch den Befund vermehrt, dass der Ritenstein/Riteschillingh in älteren Beschreibungen, die eindeutig die Grenze zwischen Lienen und Hagen a.T.W. betreffen, nicht genannt wird:

In einer Grenzbeschreibung des Jagdgebietes des Osnabrücker Bischofs aus dem Jahr 1464 durch den Jägermeister Hermann, der zum Zeitpunkt seiner Aussage bereits seit gut 40 Jahren in bischöflichen Diensten stand, wird weder der Ritenstein / Riteschillingh, noch die Grafentafel als Punkt der Jagdgrenze zwischen Lienen und Hagen a.T.W. erwähnt. Dort heißt es lediglich: „Item heuet Mester herman geiaget went vor der Lantwer ton Drene by dem houe ton Varwarcke tusschen Hagen vnde Lynen, Vnnd bi der vorschreuenen Landtwer enbilingh stondt die hagen, dar he Wiltt ane schloich, vnnd datt by twen Greuen tiden von Thekenborgh vnde nu dusse greue Clauis de Derde is, by Bischop Otten tiden, unde sider alletyd, Item den Hagen bouen Crucelmanß huß upp den Lynerberge desgeliken gejaget, Item Den Huell […].[40]

(Übersetzung: Ebenso hat Meister Hermann gejagt bis an die Landwehr zum Drene bei dem Hof zum Varwarcke [Schulte-Varwig, heute Waltermann, Lienen-Holperdorp 71] zwischen Hagen und Lienen, und an der zuvor genannten Landwehr entlang steht der Hagen [Wald, Busch], wo er auf Wild ansaß, und das seit den Zeiten zweier Grafen von Tecklenburg und des jetzigen Grafen Claus als dritten Grafen, zu Zeiten Bischof Ottos und immer. Ebenso an/in dem Hagen [Wald, Busch] oberhalb Krützmanns Haus auf dem Lienener Berg [hat er] gejagt, gleichfalls im Hüggel […]).

Auch die Grenzbeschreibungen von 1447 bzw. 1464 und 1477 nennen den Ritenstein / Riteschillingh bzw. die Grafentafel als Grenzpunkt nicht: „Dat is tho wetten das mynes Hern Jagdt van Oßnabrugge wente thor Herschop van Teckelnpurgk woret, so ferne als die Lyner Marcke geith und die vterste Hagen der Jagdt iß die Hagen bouen deme Hoffe thome Varwick  – […] – Item tho wetten dat die Lanthwer thor Vensterlage, dar man dorch Rith ton Oldenberge scheidet die Herschop von Teckelnpurgk, vnd dat Stifft von Oßnabrugk, Darenbinnen licht Glandorp eine halue meile, Darenbauen geith dieselbige lanthwer harde vp eine Boecken, dar ein hilligh stoell bei licht bei der Burschop to horste vnd die becke gheit durch den Hoff tho hassingh vth der Lynermarcke. Dieseluige scheidet ock der Herschop vonn Teckelnpurgk, so dat dar die dagescheide plecht tho wesen.“[41]

(Übersetzung: Es ist zu wissen/festzuhalten, dass meines Herren von Osnabrück Jagd bis zur Herrschaft Tecklenburg reicht, so weit die Lienener Mark geht und der äußerste Jagdbereich ist das Hagen [Wald, Busch] oberhalb des Hofes zum Varwick [Schulte-Varwig, heute Waltermann, Lienen-Holperdorp 71] – […] – Zudem ist zur Kenntnis zu nehmen, dass die Landwehr zur Vensterlage, von der man zum Hof Oedingberge gelangt, die Herrschaft Tecklenburg und das Stift Osnabrück trennt, unterhalb davon liegt eine halbe Meile entfernt Glandorf, oberhalb davon führt die Landwehr direkt auf einen Bach, an dem sich in der Bauerschaft Lienen-Höste ein Heiliger Stuhl [Grenzpunkt, an dem bei Flurprozessionen Heiligenbilder abgestellt wurden] befindet und der Bach fließt durch den Hof Haßmann aus der Lienener Mark heraus. Derselbe Bach stellt auch die Grenze zur Herrschaft Tecklenburg dar, weshalb hier Versammlungen und Gerichtssitzungen abgehalten zu werden pflegen).[42]

Zu dem völligen Fehlen des Grenzpunktes Ritenstein / Riteschillingh in den älteren Beschreibungen der Grenze zwischen Hagen und Lienen kommt erschwerend hinzu, dass die Grafentafel bereits 1537 als Graffensten erwähnt wird.[43] Sollten der  Ritenstein/Riteschillingh also innerhalb der wenigen Jahrzehnte nach seiner ersten und einzigen Erwähnung zwischen 1482–1508 (Datierungszeitraum der Grenzbeschreibung) und 1537 bereits eine Namensänderung zu Graffensten erfahren haben? Auch dieser Sachverhalt legt nahe, dass der Ritenstein / Riteschillingh nicht mit der heutigen Grafentafel identisch ist.   

5) Viel entscheidender als die unsichere Gleichsetzung von Ritenstein / Riteschillingh und Grafentafel ist allerdings die Frage, ob der Ritenstein oder Riteschillingh vom Ende des 15. Jahrhunderts der Hrutansten von 965 gewesen sein könnte.

Schon die sprachliche Analyse der beiden Namen Hrutansten und Ritenstein / Riteschillingh zeigt, dass eine Identifizierung beider Grenzpunkte nicht gegeben ist! Während das Bestimmungswort des Namens Hrutansten ohne Schwierigkeiten zum altsächsischen Verb hrûtan ‚schnarchen, rauschen, laut tönen, mit Geräusch sich bewegen‘ gestellt werden kann[44], gehört das erste Glied in Ritenstein / Riteschillingh – wie gesagt – zu mittelniederdeutsch rîte ‚Riss, Lücke, Bresche‘[45]. Im ersten Teil des Namens Hrutansten kann also nicht – wie Meyer meinte[46] – mittelniederdeutsch rûte ‚Raute, Viereck, viereckige Fensterscheibe‘ stecken, weil dieses Fachwort erst im 14. Jahrhundert auftritt.[47] Auch die Pflanze raute bleibt fern. Es handelt sich dabei um ein Lehnwort aus lateinisch rûta ‚bitteres Kraut‘. Allerdings lautet die niederdeutsche Form lautgesetzlich richtig rude ‚Raute‘ (altsächsisch-niederdeutsch d = hochdeutsch t).[48] Die Dentale von rude und Hrutan– passen demnach also nicht zusammen, denn die Laute altsächsisch-niederdeutsch d und t stehen in phonologischem Gegensatz: So ist mittelniederdeutsch dâl ‚Tal‘ etwas anderes als mittelniederdeutsch tal ‚Zahl‘, mittelniederdeutsch baden ‚baden‘ etwas anderes als mittelniederdeutsch baten ‚nützlich sein, helfen‘ oder mittelniederdeutsch boden ‚Zelte aufschlagen, lagern‘ etwas anderes als mittelniederdeutsch boten ‚ausbessern, flicken‘ usw.[49] Aus gleichem Grund kann auch der Bestandteil Hrutan- mit dem hochdeutschen Wort rute ‚Rute, Stab, Stange‘ nichts zu tun haben, weil die altsächsische Form rôda[50], die mittelniederdeutsche Form rude, rode[51] lautet und sich ebenfalls durch den Dental unterscheidet. Darüber hinaus fehlt allen diesen angeführten Wörtern auch noch der ursprüngliche h-Anlaut, den das Bestimmungswort des Namens Hrutansten aufweist und der im Altsächsischen recht stabil ist.[52] Es bleibt demnach nur die Anschlussmöglichkeit an altsächsisch hrûtan ‚schnarchen, rauschen, laut tönen, mit Geräusch sich bewegen‘. Das Grundwort des Namens Hrutansten ist altsächsisch-mittelniederdeutsch stên ‚Stein, Fels‘, im übertragenen Sinn auch ‚steinernes Gebäude, Burg‘.[53]

Bei dem Hrutansten könnte es sich also entweder um einen ‚Schnarch(en)stein‘ oder ‚Rausch(en)stein‘ bzw. einen ‚Tön(en)stein‘ gehandelt haben, also möglicherweise eine Gesteinsformation, die durch Luftzug bestimmte Geräusche produzierte, oder im Namen Hrutansten ist ein ansonsten nicht überlieferter Personenname erhalten, der ebenfalls zum altsächsischen Verb hrûtan ‚schnarchen, rauschen, laut tönen, mit Geräusch sich bewegen ‘ gehört, wie Norbert Wagner wahrscheinlich gemacht hat. Das Erstglied Hrutan- könnte also der Genitiv Singular eines alten niederdeutschen Rufnamens *Hruto (Nomen agentis zu hrûtan, also ‚der Schnarcher‘) sein.[54] Hrutansten wäre dann der ‚Stein des *Hruto‘, und könnte eine frühmittelalterliche Burg benannt haben[55], denn Burgennamen wurden bereits früh mit dem Grundwort niederdeutsch –stên, hochdeutsch –stein gebildet: z.B. vor 1007: castellum, quod dicitur Wikinafeldisten[56](Übersetzung: die Burg, die genannt wird Wikinafeldisten), um 1126: in castellum non longe positum, cui nomen Eversten[57] – (Übersetzung: in der noch nicht lange bestehenden Burg, deren Name Everstein [ist]). Später ist niederdeutsch –stên, hochdeutsch –stein ein sehr beliebtes und häufiges Grundwort von Burgennamen (Liechtenstein, Wittgenstein, Ottenstein, Hohenstein, Blankenstein etc.).[58] Das Grundwort niederdeutsch –stên, hochdeutsch –stein stand auch metaphorisch für die Burg selbst – ein steinernes Gebäude –, nicht nur für den Untergrund, auf dem sie gebaut wurde. Denn das Wort stên, stein konnte auch als Simplex ein ‚steinernes Haus, Turm oder Gefängnis‘ bezeichnen.[59] Muss man zur Identifizierung des Grenzpunktes Hrutansten also vielmehr nach einer frühmittelalterlichen Burg als nach einem markanten Stein, Felsen oder Berg suchen?

6) Gefördert worden sein dürfte die Gleichsetzung von Hrutansten und Ritenstein / Riteschillingh auch durch die Angabe Justus Mösers (s.o.), dass man Ende des 15. Jahrhunderts angeblich mit der alten Königsurkunde in der Hand die Grenze begangen und die frühmittelalterlichen Grenzpunkte noch angetroffen habe. Denn dadurch wird eine angebliche, über 500jährige Kontinuität impliziert. Doch ist diese Behauptung Mösers meiner Ansicht nach seine Fehlinterpretation der Quellenstelle. Denn dort folgt auf „de stein geheitten Ritenstein offt Riteschillingh, unde ander so man alsulchs woll kann mit privilegien vnnd anders bekunden“ der Satz: „Item der Jacht, Wiltbann vnd Mast in den Oeslinge [Osning/Teutoburger Wald; C.S.], die der Kerken van Osnabrugh gegeuen sindt von viellen Romischen Kayseren, ut in [wie in; C.S.] privilegiis Caroli magni, Ottonis primi etc.“[60] Für den Ritenstein / Riteschillingh ist hier aber nur von Privilegien, also Vorrechten, die Rede, die diesen Grenzpunkt angeblich bestätigen sollen. Die genannten kaiser- bzw. königlichen Privilegien beziehen sich syntaktisch hingegen lediglich auf das Jagdrecht, den Wildbann und die Waldmast, nicht auf den Grenzpunkt Ritenstein / Riteschillingh, wenn dieser Satz auch direkt auf die Passage über den Ritenstein / Riteschillingh folgt. Dass also auch der Grenzpunkt Ritenstein / Riteschillingh bereits in einer Kaiser- oder Königsurkunde genannt worden sei und man dieses Diplom bei den Grenzgängen mit sich führte, ist die Interpretation Mösers. Sie geht aus der Grenzbeschreibung aber nicht zwingend hervor. Eindeutig ausgesagt wird in dem Grenzprotokoll vom Ende des 15. Jahrhunderts eben nur, dass das Jagdrecht und der Wildbann aus kaiser- / königlicher Schenkung stammen und diese Rechte von nachfolgenden Herrschern bestätigt wurden, was auch historisch zu belegen ist.[61]

Damit fällt aber auch diese vermeintliche Verbindung zwischen dem Hrutansten und dem Ritenstein/Riteschillingh weg.

7) Ferner sprechen auch die Ergebnisse der neueren Forschungen zu den frühmittelalterlichen Grenzen gegen die Identifizierung von Hrutansten und Ritenstein / Riteschillingh.[62] Denn diese Gleichsetzung beruht auf der alten Annahme, dass die im Spätmittelalter / in der Frühen Neuzeit festzustellenden Grenzverläufe ihre Ursprünge bereits im Frühmittelalter gehabt haben sollen. Doch bestehen zwischen den frühmittelalterlichen Grenzpunkten und den mühevoll ausgehandelten, versteinten und in Karten verzeichneten neuzeitlichen Grenzlinien, die erst das Ergebnis des spätmittelalterlichen Territorialisierungsprozesses[63] und der zunehmenden Besiedlung[64] sind, kaum Gemeinsamkeiten.[65] Zwar gab es auch im Frühmittelalter bereits Grenzlinien, doch waren diese vor allem durch natürliche Gegebenheiten wie Bergrücken oder Fließgewässer vorgegeben. Daneben bestand eine Vielzahl von Grenzen aus unkultivierten Gebieten wie Moor- und Sumpfflächen oder undurchdringlichen Wäldern, die im Verlauf des Hoch- und Spätmittelalters gerodet, trockengelegt, beackert und besiedelt wurden. Dadurch verringerten sich die unbesiedelten Grenzgebiete und aus den Flächen wurden Linien. Die Grenzen des Frühmittelalters waren also in den meisten Fällen Randgebiete, weniger Grenzlinien in heutigem Verständnis.[66] Die Grenzlinien entstanden aber erst mit zunehmender Besiedlung und Kultivierung der Landschaft.[67]

Das zeigen auch die Etymologie bzw. die historischen Gebrauchsweisen des alten deutschen Grenzwortes Mark. Seine heutige Bedeutung ‚Grenzgebiet, Randgebiet‘ mit Betonung des Flächencharakters, zu erkennen etwa in der ‚Mark Brandenburg‘ oder der ‚gemeinen Mark‘ als unkultivierte Fläche am Rande von Siedlungen und Ackerflächen, kann sich nur aus der alten Bedeutung althochdeutsch marca, altsächsisch marka ‚Grenze‘ (urverwandt mit lateinisch margo ‚Rand‘) entwickelt haben, wenn das Wort Mark immer schon ein Grenz- oder Randgebiet bezeichnet hat bzw. eine Grenze in vormoderner Zeit hauptsächlich als Fläche und nicht als Linie gedacht worden ist.[68]

Dass sich die Grenzziehung vom frühen zum späten Mittelalter grundlegend gewandelt hat, lässt sich gerade für das Gebiet Lienens zeigen. Seit ihrem historischen Erscheinen etwa um 1100 traten die Grafen von Tecklenburg in Konkurrenz zu den Osnabrücker Bischöfen.[69] Im spätmittelalterlichen / frühneuzeitlichen Territorialisierungsprozess kam es dann gerade um das Gebiet Lienens zu Streitigkeiten zwischen beiden Parteien.[70] Mit dem Erwerb der Güter des Edlen Amelung von Lienen 1186[71] und des Iburger Gogerichts 1385 bzw. 1402[72] bauten die Tecklenburger Grafen ihren Einflussbereich gegenüber den Osnabrücker Bischöfen in Lienen aus. Noch 1609 fiel ein Teil der Bauerschaft Ostenfelde an das Fürstbistum Osnabrück während der Rest Lienens endgültig unter Tecklenburger Vorherrschaft geriet. Dadurch veränderte sich die Territorialgrenze zwischen Tecklenburg und Osnabrück im Bereich Lienens erneut.[73]

Kennzeichnend ist in diesem Zusammenhang der angeblich zwingende Beweis der älteren Forschung, dass sich anhand der Verläufe der Landwehren (Wall-Graben-Anlagen) bereits frühmittelalterliche Grenzlinien ablesen lassen sollten.[74] Heute besteht allerdings in der historischen Forschung Konsens darüber, dass Landwehren keinesfalls frühmittelalterlichen Ursprungs sind, sondern erst im Zuge der Territorialisierung Anfang des 14. Jahrhunderts entstanden.[75]

Die Argumente für die Gleichsetzung von Hrutansten und Grafentafel sind somit – auch vor den Ergebnissen der neueren Geschichtsforschung – als nicht (mehr) stichhaltig anzusehen.

Weitere Argumente gegen die Identität von Hrutansten und Grafentafel

Gegen die Gleichsetzung von Hrutansten und Grafentafel spricht ferner ein weiterer gewichtiger Grund: Mit der Urkunde von 965 schenkte Kaiser Otto I. dem Osnabrücker Bischof einen Jagdbezirk, dessen Grenzen sich an dem Gebiet der Osnabrücker Diözese orientierten (s.o.). Die genannten Ortspunkte, die sich eindeutig identifizieren lassen, zeigen, dass dafür die Grenzpunkte der geographischen Abfolge nach im Uhrzeigersinn angegeben wurden.[76] Die nördliche Grenze markierte die Linie Ettenfeld (Fürstenau) – Dümmer. Die Südgrenze bildete die Linie Enger – Teutoburger Wald (Osning) – Senne (Versmold). Im Westen wurde das Gebiet durch die Ortspunkte Senne (Versmold), Bergeshövede/Riesenbeck, Heiliges Meer und Ettenfeld (Fürstenau) begrenzt. Die Grenzpunkte Farnuuinkil und Hrutansten müssen also irgendwo auf der Linie zwischen dem Dümmer und der Stadt Enger an der Ostgrenze des mittelalterlichen Osnabrücker Diözesangebietes gesucht werden und können nicht in Lienen bzw. Glandorf, wo der Farnuuinkil verortet wurde, gelegen haben. Das verdeutlicht auch die Kartierung und lineare Verbindung der Grenzpunkte (s.o.).

Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch, dass im Vergleich mit den übrigen Grenzpunkten Farnuuinkil und Hrutansten, wenn sie denn in Glandorf und Lienen zu suchen wären, räumlich recht dicht beieinander lägen, was ebenfalls ein Hinweis gegen diese Verortung ist.[77]

Fazit

Einigkeit über die Lage des Hrutansten bestand in der regionalgeschichtlichen Forschung zu keinem Zeitpunkt. 1763 setzte ihn Christian Ulrich Grupen in seinen „Origines Germaniae“ mit den Horststeinen, auch Hoststeinen, den Überresten eines völlig zerstörten vor- bzw. frühgeschichtlichen Grabes[78] bei Bramsche-Engter, gleich.[79] Leopold von Ledebur meinte 1826, der Hrutansten sei bei dem heutigen Ort/Gut Krietenstein bei Barkhausen zu finden.[80] Hermann Jellinghaus hielt 1905 von Ledeburs Vorschlag für möglich, wollte den frühmittelalterlichen Grenzpunkt aber doch besser mit dem heutigen Nonnenstein bei Rödinghausen[81] identifizieren. Joseph Prinz ließ sich 1936 von Jellinghaus‘ Bemerkungen zum Ort Krietenstein inspirieren und lokalisierte den Hrutansten beim Krietenkotten (1483 Krytenkate) in Schnathorst-Huchsen.[82] Clemens Dasler kam 2001 zu dem Schluss, dass sich letztlich heute nicht mehr alle Ortspunkte des Bannforstbezirks von 965 zweifelsfrei identifizieren lassen, er sich aber zwischen dem Dümmer im Norden, der Stadt Enger im Osten und dem Teutoburger Wald/Osning im Süden erstreckte.[83]

Diesem Urteil ist zuzustimmen. Die Lage des Grenzpunktes Hrutansten wird sich heute –1050 Jahre nach seiner ersten Nennung – kaum noch sicher feststellen lassen. Sehr wahrscheinlich lag er aber irgendwo an der Ostgrenze der Osnabrücker Diözese und somit nicht in Lienen!

 

[1] Osnabrücker Urkundenbuch, Bd. I: Die Urkunden der Jahre 772–1200, bearb. v. Friedrich Philippi, Osnabrück 1892 (im Folgenden: OUB), Nr. 102 . Bei der Urkunde mit Nennung des Rutansteins, die angeblich im Jahr 804 durch Karl den Großen ausgestellt worden sein soll, handelt es sich um eine Fälschung des 11. Jahrhunderts. Vgl. zu den sogenannten „Osnabrücker Fälschungen“, zu denen auch das Diplom von 804 zählt:  Christian Hoffmann, Die hochmittelalterlichen Kaiser- und Königsurkunden des Osnabrücker Landes im Wandel der Zeiten. Ein Beitrag zur Geschichte des Osnabrücker Archivwesens, in: Osnabrücker Mitteilungen 105 (2000), S. 11–20; Thomas Vogtherr, Original oder Fälschung? Die Osnabrücker Kaiserurkunden des Mittelalters, in: Der Dom als Anfang. 1225 Jahre Bistum und Stadt Osnabrück, hrsg. v. Hermann Queckenstedt u. Bodo Zehm, Osnabrück 2005, S. 109–133; Ders., Die Suche nach den Osnabrücker Kaiser- und Königsurkunden des Hochmittelalters um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in: Osnabrücker Mitteilungen 108 (2003), S. 57–67.

[2] Vgl. zu den Funktionen ausführlich: Clemens Dasler, Forst- und Wildbann im frühen deutschen Reich. Die königlichen Privilegien für die Reichskirche vom 9. bis 12. Jahrhundert, Köln u.a. 2001, besonders S. 13–25 u. S. 257–264, zum Osnabrücker Wildbann von 965 ebd., S. 163–166. Die Aussage von Dasler, Wildbann, S. 163 Anm. 709, die Urkunde von 965 sei nur noch in einer Abschrift des 18. Jahrhunderts erhalten, ist falsch. Sie beruht auf den Angaben der Monumenta Germaniae Historica (MGH), Diplomata (DD) Otto I, Nr.  302, die zwischen 1879 und 1884 veröffentlicht wurden. Allerdings gab Franz Jostes 1899 das von ihm u.a. im Bistumsarchiv Osnabrück aufgefundene Original der Urkunde heraus. Franz Jostes, Die Kaiser- und Königs-Urkunden des Osnabrücker-Landes. Text u. Tafeln, Münster [1899], S. 13, Nr. 12, Abbildung Tafel XII.

[3] Günther Wrede, Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975–1980, Bd. I, S. 161, Nr. 431.

[4] Ebd., S. 277, Nr. 698.

[5] Joseph Prinz, Das Territorium des Bistums Osnabrück, Göttingen 1934, S. 58–60.

[6] Wrede, Ortsverzeichnis II, S. 119, Nr. 1119.

[7] Im ältesten Werdener Urbar aus der Zeit um 890 wird saltus Sinithi in Hosanharth genannt. Dieser Bergwald (saltus) dürfte zwischen Versmold-Halle und Isselhorst-Harsewinkel gelegen haben, weil das genannte Hosanharth wohl mit Hanhart/Harsewinkel zu identifizieren ist. Die Urbare der Abtei Werden a.d. R., hrsg. v. Rudolf Kötschke, Bd. 1: Die Urbare vom  9.–13. Jahrhundert, Bonn 1906, S. 61 u. Anm. 4.

[8] Prinz, Territorium, S. 58–60.

[9] Ebd.

[10] Wrede, Ortsverzeichnis I, S. 159, Nr. 423.

[11] Ebd., S. 136, Nr. 365.

[12] Prinz, Territorium, S. 58–61; Wolfgang Seegrün, Die Anfänge des Bistums Osnabrück im Lichte neuerer Forschung, in: Osnabrücker Mitteilungen 85 (1979), S. 25–48, hier S. 35; Dasler, Wildbann, S. 34–36.

[13] Christof Spannhoff, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 75–95; Ders., Wo lag der Hrutansten? Überlegungen zur Lokalisierung eines Grenzpunktes des Diploms Otto I. für die Osnabrücker Kirche aus dem Jahr 965, in: Nordmünsterland. Forschungen und Funde 2 (2015), S. 166–184.

[14] Wilhelm Wilkens, Der Suderberggau. Widukinddreieck von Dissen bis Lienen, Selbstverlag des Verfassers 2017. Dagegen ausführlich und mit den Belegen zur frühmittelalterlichen Landschaft Sutherbergi: Christof Spannhoff, „in alio autem pago quod dicitur Sutherbergi“. Neue Überlegungen zu einem Landschaftsnamen des 9. Jahrhunderts, in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2016, S. 86–96.

[15] Christof Spannhoff, Der frühmittelalterliche Landschaftsname „Threcwiti“, in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2013, S. 35–40.

[16] Christof Spannhoff, Der Siedlungsname Tecklenburg, in: Tecklenburg im Mittelalter, hrsg. v. Geschichts- und Heimatverein Tecklenburg von 1922 e.V., Tecklenburg 2013, S. 64–76; Ders., Quelle mit heilender Wirkung? Die „Heilige Welle“ [bei Tecklenburg] wird erstmals im 16. Jahrhundert erwähnt, in: Unser Kreis 2015. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 28 (2014), S. 63–68; Ders., Keine vorchristliche Kultstätte. „Heidentempel“ des Jahres 610 ist eine Erfindung des Chronisten Rump, in: Unser Kreis 2016. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 29 (2015), S. 109–115.

[17] Da es sich anscheinend in der laienhaften Heimatforschung immer weiter eingebürgert, Archive und Bibliotheken konsequent zu meiden und Informationen fast nur noch aus dem Internet zu beziehen, wodurch die notwendigen Quellen und die einschlägige Forschungsliteratur vernachlässigt werden, sei dieser Beitrag in leicht abgeänderter Form noch einmal auch online zur Verfügung gestellt. Es steht zu hoffen, dass die leidige Diskussion um die Lage des Hrutanstens damit entweder sein Bewenden hat oder aber neue Fakten in die Diskussion eingebracht werden.

[18] Mösers Schreibung beruht darauf, dass er die gefälschte Urkunde von 804, die er noch für echt hielt, zur Grundlage nahm. Vgl. Jostes, Kaiser- und Königs-Urkunden, Nr. 2.

[19] Justus Möser, Osnabrückische Geschichte, Theil I, Berlin 1780, S. 337.

[20] Dietrich Meyer, Die Grenzen des Forst- und Wildbanns der Osnabrückschen Kirche, in: Mittheilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 2 (1850), S. 88–111, hier S. 90–93.

[21] Ebd., S. 93f.

[22] Ebd., S. 93f. In einer später veröffentlichten Edition der Grenzbeschreibung (Mittheilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 10 [1875], S. 81f.), auf die sich Meyer in seinem 1850 erschienenen Aufsatz beruft, wird statt Ritenstein oder Riteschillingh die Form Rutensteyn oder Ruteschillingh angegeben, die dem Namen Hrutansten noch ähnlicher ist. Diese Frage kann letztendlich nur durch Einsicht des Originals der Grenzbeschreibung beantwortet werden. Als Herkunftsangabe ist der Edition der Vermerk „Abschrift aus dem Codex der Lehnbücher“ beigefügt. Da diese Frage aber hinsichtlich der lautlichen Schwierigkeiten und der übrigen Punkte der hier verfolgten Argumentation als zweitrangig erscheint, unterblieb eine zeitaufwendige Suche nach dem entsprechenden Originaltext.

[23] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. III, S. 536.

[24] Meyer, Grenzen, S. 94.

[25] Jostes, Kaiser- und Königs-Urkunden.

[26] Karl Brandi, Die Osnabrücker Fälschungen, in: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst 19 (1900), S. 120–173, hier S. 167 u. 170: Brandi folgt der Ansicht Mösers, Meyers und Jostes‘ und verbindet ebenfalls den Hrutansten mit dem Ritenstein des 15. Jahrhunderts.

[27] OUB I, S. 402. Dass diese Gleichsetzung auf Meyers Beitrag beruht, geht aus der Fußnote 1 auf S. 5 hervor.

[28] Friedrich Ernst Hunsche, Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v.d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965, S. IX–XII.

[29] Heinrich Tiefenbach, Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary, Berlin u. New York 2010, S. 84.

[30] Schiller/Lübben, Wörterbuch V, S. 206.

[31] Tiefenbach, Wörterbuch, S. 465 (winkilmâta). Mit einem * werden Formen gekennzeichnet, die nicht belegt sind, sondern erschlossen wurden. Ein ^ kennzeichnet einen langen Vokal.

[32] Schiller/Lübben, Wörterbuch V, S. 727.

[33] Hermann Jellinghaus, Die Ostgrenze des früheren Bistums Osnabrück und der Forstbann vom Jahre 965, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 30 (1905), S. 161–174, hier S. 169f.; Prinz, Territorium, S. 59. Zur Erklärung des Bestimmungswortes des Namens Farnuuinkil sind für ähnlich lautende Flurnamen weitere Vorschläge gemacht worden (Gunter Müller, Das Vermessungsprotokoll für das Kirchspiel Ibbenbüren von 1604/05. Text und namenkundliche Untersuchungen, Köln u.a. 1993, S. 420). Ein Anschluss an altsächsisch *far, *farro ‚Stier‘, erschlossen aus althochdeutsch far ‚Stier‘, altenglisch fearr ‚Stier‘ und mittelniederdeutsch var, varre ‚Stier, Bulle‘, bleibt fern, weil für einen so frühen Namenbeleg (a. 965) noch keine kontrahierte Form zu erwarten ist, sondern entweder ein Stammkompositum *Faruuinkil oder *Farrouuinkil bzw. eine flektierte Form *Feriuuinkil oder *Farronuuinkil (Johan Hendrik Gallée, Altsächsische Grammatik, 3. Aufl.: mit Berichtigungen u. Literatur-Nachträgen v. Heinrich Tiefenbach, Tübingen 1993, §§ 319, 330). Die gleiche Begründung gilt für altsächsisch *far(a) mit nicht sicherer Bedeutung, erschlossen aus mittelniederdeutsch vâre ‚Fahrt, (Acker)-Furche, erhöhter Grenzstreifen, Reihe, Streifen‘ (Gallée, Altsächsische Grammatik, §§ 307, 297, 299).

[34] Schiller/Lübben, Wörterbuch III, S. 536.

[35] Niederdeutsch-westphälisches Wörterbuch von Johan Gilges Rosemann genannt Klöntrup, bearb. v. Wolfgang Kramer, 2 Bde., Hildesheim 1982–84, Bd. II, Sp. 98.

[36] Jellinghaus, Ostgrenze, S. 170.

[37] So auch Jellinghaus, Ostgrenze, S. 170.

[38] Maria Brüggemann, Farnewinkel und Rutanstein, Grenzpunkte unserer  Schweger Geschichte, in: 750 Jahre Schwege, verfasst u. zusammengestellt v. Maria Brüggemann u. Klaus Pusch, Sassenberg 1985, S. 36–40, hier S. 38f.

[39] Claudia Maria Korsmeier, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 468.

[40] [Carl Stüve], Die Grenzen der bischöflichen Jagd im funfzehnten Jahrhundert, in: Mittheilungen des historischen Vereins zu Osnabrück 6 (1860), S. 326–332, hier S. 328f.

[41] Wat ein Abt zu Iburch der Hern vnd vom Adell jm Ampt jburch hergebrachter jacht halber jn seinem letzten vor kuntschaft gegeben. Ao. 1447, in: Mittheilungen des historischen Vereins zu Osnabrück 10 (1875), S. 69–71. Gleicher Text-inhalt mit abweichender Orthographie auch 1464: Der landtschedunge und jacht halver im stifte Osenbrugk (1464), in: Das Legerbuch des Bürgermeisters Rudolf Hammacher zu Osnabrück, hrsg. v. Erich Fink, Osnabrück 1927, S. 176–182; Anteicknung der Schnade twuschen Ambt Iburg vnd Tecklenburg. Auch wegen der Jagt und sonst belang.: Widenbrügge Ao. 1477, in: Mittheilungen des historischen Vereins zu Osnabrück 10 (1875), S. 77–81.

[42] Weitere detaillierte Grenzbeschreibungen des 15. und 16. Jahrhunderts die Grenze zwischen Hagen und Lienen betreffend, die aber ebenfalls den Ritenstein/Riteschillingh nicht nennen, finden sich zusammengestellt bei: Rainer Rottmann, Hagen am Teutoburger Wald. Ortschronik, hrsg. v. d. Gemeinde Hagen, Osnabrück 1997, S. 215–225 u. 515–526.

[43] Rainer Rottmann, Borgberg und breiter Stein, in: Hagener Geschichten, hrsg. v. Heimatverein Hagen a. T.W. e.V., Osnabrück 2011, S. 23f. nach Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 355, Iburg Nr. 1142: Iburger Amtsrechnungen 1537–1538: Engelberte Hügelmegger gesandt nha den swynen so thon Graffenstene in der Mast weren, gegeven tho tergelde 7 ß [Schillinge], 6 d [Pfennige]. Für die genaue Quellenangabe danke ich Herrn Rainer Rottmann, Hagen a.T.W., sehr herzlich.

[44] Tiefenbach, Handwörterbuch, S. 185. So auch Jellinghaus, Ostgrenze, S. 171.

[45] Klöntrup, Wörterbuch II, Sp. 98

[46] Meyer, Grenzen, S. 94.

[47] Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002, S. 747; Schiller/Lübben, Wörterbuch III, S. 521.

[48] Ebd.

[49] Schiller/Lübben, Wörterbuch I, S. 476, IV, S. 506f., I, S. 139, 160, 370 u. 405.

[50] Tiefenbach, Handwörterbuch, S. 315.

[51] Schiller/Lübben, Wörterbuch III, S. 521.

[52] Gallée, Altsächsische Grammatik, § 259.

[53] Tiefenbach, Handwörterbuch, S. 372; Schiller/Lübben, Wörterbuch IV, S. 385f.

[54] Norbert Wagner, Zu einigen ungedeuteten Personennamen in süddeutschen Ortsnamen, in: Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 27 (1992), S. 10–35, hier S. 29–31.

[55] Edward Schröder hat darauf hingewiesen, dass in Burgennamen vielfach Mannsnamen im Genitiv vorkommen. Edward Schröder, Deutsche Namenkunde, 2. Aufl., Göttingen 1944, S. 203.

[56] Kirstin Casemir u. Uwe Ohainski, Die Ortsnamen des Landkreises Holzminden, Bielefeld 2007, S. 220; Reinhold Möller, Nasalsuffixe in niedersächsischen Siedlungsnamen und Flurnamen in Zeugnissen vor dem Jahre 1200, Heidelberg 1998, S. 128; Adolf Bach, Deutsche Namenkunde, 4 Halbbde., Heidelberg 1952–1956, II, 1, § 374, Paul Derks, Blankenstein. Ein Beitrag zur Geschichte der Burgennamen, in: Der Märker. Landeskundliche Zeitschrift für den Bereich der ehem. Grafschaft Mark und den Märkischen Kreis 50 (2001), S. 9–22.

[57] Casemir/Ohainski, Holzminden, S. 83.

[58] Schröder, Namenkunde, S. 203.

[59] Schiller/Lübben, Wörterbuch IV, S. 385.

[60] Meyer, Grenzen, S. 93f.

[61] Der Forstbann von 965 wird 1002, 1023, 1028 und 1057 durch Herrscherdiplome bestätigt. Jostes, Kaiser- und Königs-Urkunden, Nr. 16, 17, 18, 20.

[62] Reinhard Bauer, Die ältesten Grenzbeschreibungen in Bayern und ihre Aussagen für Namenkunde und Geschichte, München 1988; Franz Xaver Simmerding, Grenzzeichen, Grenzsteinsetzer und Grenzfrevler. Ein Beitrag zur Kultur-, Rechts- und Sozialgeschichte, München [1997]; Matthias Hardt, Linien und Säume, Zonen und Räume an der Ostgrenze des Reiches im frühen und hohen Mittelalter, in: Grenze und Differenz im frühen Mittelalter, hrsg. v. Walter Pohl u. Helmut Reimitz, Wien 2000, S. 39–56.

[63] Ernst Schubert, Fürstliche Herrschaft und Territorium im späten Mittelalter, 2. Aufl. München 2006.

[64] Dirk Meier, Bauer, Bürger, Edelmann. Stadt und Land im Mittelalter, Darmstadt 2003, S. 22–43.

[65] Der Lienener Rezess von 1656. Faksimile und Edition des ältesten Dokumentes im Gemeindearchiv Lienen (Kreis Steinfurt), bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Norderstedt 2010.

[66] Simmerding, Grenzzeichen.

[67] Auch Joseph Prinz weist ausdrücklich darauf hin, dass die Osnabrücker Forstbanngrenze von 965 und die Stiftsgrenze um 1250 keine direkte Übereinstimmung aufweisen. Die Grenze der bischöflichen Jagd Anfang des 15. Jahrhunderts deckte sich hingegen exakt mit der Stiftsgrenze, während der Forstbann von 965 weit über die spätmittelalterliche Jagdgrenze hinausgegriffen hatte. Der Forstbann hat sich also der späteren Stiftsgrenze angepasst. Prinz, Territorium, S. 169.

[68] Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002, S. 599.

[69] Bernhard Gertzen, Die alte Grafschaft Tecklenburg bis zum Jahre 1400, Münster 1939.

[70] Prinz, Territorium, S. 137.

[71] OUB I, Nr. 385.

[72] Prinz, Territorium, S. 141f.

[73] Christof Spannhoff, 1609–2009. 400 Jahre Grenze zwischen Ostenfelde und Lienen, Norderstedt 2008.

[74] In diesem speziellen Fall: Meyer, Grenzen, S. 90–93; Jostes, Kaiser- und Königs-Urkunden, S. 20f.

[75] Zuerst: Karl Weerth, Westfälische Landwehren, in: Westfälische Forschungen 1 (1938), S. 158–198; Ders., Westfälische Landwehren. Forschungsbericht über die Jahre 1938–1954, in: Westfälische Forschungen 8 (1955), S. 206–213. Mit weiterführender, aktueller Literatur zum Thema: Cornelia Kneppe, Die Stadtlandwehren des östlichen Münsterlandes, Münster 2004. Für Lienen: Christof Spannhoff, Die Landwehren des Tecklenburger Landes unter besonderer Berücksichtigung des Kirchspiels Lienen, in: Unser Kreis 2007. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 20 (2006), S. 244–251.

[76] Jellinghaus, Ostgrenze, S. 164–169; Hermann Osthoff, Beiträge zur Topographie älterer Heberegister und einiger Urkunden, in: Osnabrücker Mitteilungen 71 (1963), S. 1–61; Bauer, Grenzbeschreibungen.

[77] Prinz, Territorium, S. 59.

[78] Wolfgang Schlüter, Die Großsteingräber des Osnabrücker Landes, in: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Bd. 44: Das Osnabrücker Land III, Mainz 1979, S. 1–38, hier S. 13.

[79] Christian Ulrich Grupen, Origines Germaniae oder das älteste Teutschland unter den Römern, Franken und Sachsen, 3 Bde., Lemgo 1764–1768, Bd. 3, S. 401.

[80] Leopold von Ledebur, Ueber die Grenzen des von Karl dem Großen der Osnabrückschen Kirche geschenkten Forstbannes, in: Archiv für Geschichte und Alterthumskunde Westphalens 1 (1826), Heft 4, S. 76–89, hier S. 87f.

[81] Jellinghaus, Ostgrenze, S. 172.

[82] Prinz, Territorium, S. 59. Jellinghaus und Prinz kommen zu ihren Verortungen, weil sie einen partiellen Namenwechsel annehmen. Das erste Glied  Hrutan-, das sie beide richtig zu altsächsisch hrûtan ‚schnarchen, rauschen, laut tönen, mit Geräusch sich bewegen‘ stellen, sei später durch mittelniederdeutsch kreten, krieten ‚schreien, zanken‘ ersetzte worden. Schiller/Lübben, Wörterbuch II, S. 565.

[83] Dasler, Wildbann, S. 163.

Geschichte des Markkottens Fieler in Lienen-Meckelwege

Von Dr. Christof Spannhoff

Die Geschichte des Kottens Fieler in Lienen-Meckelwege (früher Meckelwege 22, heute Mautweg 1) reicht in das frühe 17. Jahrhundert zurück. Doch was versteht man eigentlich unter einem Kotten?

Die Kotten

Im Mittelniederdeutschen meint kote ‚Hütte, geringes Haus‘, im Altenglischen cot, cote ‚Hütte, Häuschen, im Altnordischen kot ‚kleine Hütte‘, norwegisch køyta bedeutet eine ‚Waldhütte aus Zweigen‘, mittelniederländisch cot, cote eine ‚Höhle, schlechte Hütte oder einen Stall‘ usw. Das Wort ist eng verwandt mit dem englischen cottage und der norddeutschen Kate. Im Grunde ist ein Kotten in Westfalen und den angrenzenden Gegenden ein kleines Fachwerkaus. Allerdings ist das, was heute landläufig unter dem Ausdruck verstanden wird, nicht einheitlich. Vielfach wird im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff auf kleine oder schlecht gebaute Heuerlingshäuser bezogen. Doch sind aus historischer Perspektive mit der Bezeichnung Kotten ganz bestimmte Gebäude gemeint, die in der geschichtlichen Rangfolge ländlicher Gebäude zwischen Bauernhaus und Heuerlingshaus stehen und an dieser Stelle näher beschrieben werden sollen.

Wie die historischen Belege zeigen, ist der Begriff des Kottens von Anfang an mit dem Kennzeichen der Kleinheit verbunden. Deshalb wird er bis heute mitunter recht geringschätzig gebraucht. Der Makel, der zu dieser Abwertung führte, war der geringe Landbesitz, mit dem eine Kottenstelle ausgestattet war und auch die im Vergleich zu anderen Bauernstätten geringere Größe des Wohnhauses. Im Besitzdenken der ländlichen Gesellschaft waren die Bewohner eines Kottens, die Kötter genannt wurden, also „kleine Leute“ – Menschen mit wenig Besitz, geringem gesellschaftlichen Ansehen und mangelndem Einfluss. Doch waren die Kötter in der sozialen Hierarchie vergangener Zeiten durchaus keine einheitliche Gruppe. Zumindest kann man die Kötterstellen in die sogenannten Erb- oder Pferdekotten und die Markkotten gliedern. Während zu einem Erb- oder Pferdekotten zumeist eine zur Versorgung ausreichende Landwirtschaft gehörte, mussten die Besitzer eines Markkottens zusätzlich einen Handwerksberuf oder Nebenverdienst (etwa Leinwandherstellung, Wanderarbeit) ausüben. Markkotten wurden – wie der Begriff zeigt – auf Markengrund, also auf Gemeinheitsflächen errichtet. Auch der Begriff Pferdekotten deutet die soziale Unterscheidung aufgrund des Besitzes oder des Fehlens von Pferden an. Die größeren Kotten entstanden vielfach bereits im 13. und 14. Jahrhundert, während die Markkotten vom 15. bis 18. Jahrhundert errichtet wurden. Die Errichtung von Kotten, vor allem auf Markengrund, führte aber vielfach zu Konflikten mit den Altbauern, weil diese fürchteten, dass ihre Nutzungsrechte an den Gemeinheitsflächen geschmälert werden könnten. Deshalb wurde mit Argusaugen über jede Neuansiedlung gewacht. Möglicherweise rührt das geminderte soziale Ansehen der Kötter zu einem gewissen Grad auch hierher. Die Kötter standen allerdings nicht am untersten Ende der ländlichen Gesellschaft. In der sozialen Rangfolge kamen hinter ihnen noch die Brinksitzer und Heuerleute sowie Tagelöhner, Mägde und Knechte. Die größeren Kotten konnten zudem einen recht umfangreichen Gebäudebestand aufweisen, der sich aus Wohnhaus, Scheune, Backhaus, Leibzucht und Heuerhaus zusammensetzte. Die Kötterstätten waren also das verkleinerte Abbild der größeren Bauernstätten.[1]

Gründung kurz vor dem Jahr 1612

Erstmals erwähnt wird der Kotten Fieler in einem Tecklenburger Schatzungsregister von 1621. Damals zahlte Hinrich in dem Wie 10 Schillinge und 6 Pfennige an Schatzung.[2] Dass es sich bei Hinrich in dem Wie um den späteren Kotten Fieler handelt, beweist ein Frondienstregister von 1755, in dem der Kotten als Henrich Wiehemann oder Viggeler bezeichnet wird.[3] Wenn der Kotten Fieler auch erst 1621 erstmals genannt wird, so ist seine Entstehung doch auf die Jahre kurz vor 1612 zu datieren. Denn am 30. Mai 1612 berichtete der Osnabrücker Rentmeister in Iburg der Osnabrücker Regierung, dass die Tecklenburgischen Beamten im Kirchspiel Lienen auf der Grenze (Schnad) in der Nähe von Imhorst (Glandorf-Averfehrden, Bremer Weg 2) und Knapheide (Lienen-Meckelwege 17, heute Glandorfer Damm 57) einem Mann aus Bevern eine Hausstätte nebst acht bis zehn Scheffelsaat – etwa ein Hektar – Land verkauft hatten. Dieser Mann, bei dem es sich um den Nachbarn von Fieler namens Pietig (früher Meckelwege 23, heute Mautweg 3) handelte[4], ließ dann umgehend ein bereits fertig gezimmertes Haus auf einer Reihe von Wagen nachkommen und sogleich errichten. Nach Aussage des Rentmeisters waren in verhältnismäßig kurzer Zeit bereits fünf weitere Kotten in Lienen auf diese Weise errichtet worden, und zwar zum Nachteil der Glandorfer, weil das Vieh der neuen Ansiedler leicht auf „des Kirchspiels Glandorf beste Grasweide, die Wöste genannt“, gelangen konnte.[5] Zu den genannten Kotten, die in kurzer Zeit bis 1612 errichtet wurden, dürfte neben Pietig auch Fieler bzw. Hirnich in dem Wie gehört haben.

Eigenbehörigkeit

Die Besitzer des Kottens Fieler waren dem Tecklenburger Grafen eigenbehörig. Die Grafen waren also sowohl Grund- als auch Leibherr. Für die Überlassung des Kottens musste Fieler Abgaben an den Grundherrn zahlen. Dafür besaß der jeweilige Besitzer ein Erbrecht an der Stätte, so dass er den Kotten an seine Nachkommen weitergeben konnte. Wenn eine Heirat auf dem Kotten bevorstand, musste dem Grafen ein Auffahrtsgeld für die Braut gezahlt werden, wenn ein Bewohner der Stätte verstarb, erbte der Graf die Hälfte des Nachlasses. Diese Abgaben erwuchsen aus seiner Position als Leibherr.[6] Nach 1707 trat der preußische König als Rechtsnachfolger der Grafen von Tecklenburg in diese Stellung ein. Hinzu kamen noch weitere Dienste. 1709 beschwerte sich die Meckelweger Bauern Beineke, Bägener, Knapheide, Franz und Fieler darüber, dass sie über Gebühr für den Postdienst herangezogen wurden. Die genannten Bauern mussten nämlich bereits im 17. Jahrhundert für den Tecklenburger Grafen Briefe von Tecklenburger nach Rheda bringen. Mit dem Herrschaftswechsel 1707 änderte sich nun der Zustellort. Statt wie früher nach Rheda mussten nun ein- bis zweimal in der Woche Briefe nach Bielefeld gebracht werden. Bei ihrem Dienst seien sie früher noch durch drei weitere Kötter in Lengerich und gelegentlich durch Schlosssoldaten in Tecklenburg, die ebenfalls als Läufer eingesetzt wurden, tatkräftig unterstützt worden. Ihre Bitte, die Lengericher Kötter wieder in Dienst zu nehmen, wurde erfüllt.[7]

Landwirtschaft und Viehhaltung

Der Beiname in dem Wie zeigt, dass sich Hinrich Anfang des 17. Jahrhunderts an einem Wald ansiedelte (zu mittelniederdeutsch wide, wede, wie ‚Wald‘).[8] Hier konnte er weiteres Ackerland roden und so seinen anfänglich geringen Grundbesitz erweitern. Dass dieses Vorgehen nicht ohne Konflikte mit den Nachbarn auf Glandorfer Seite vonstattenging, zeigen frühe Streitigkeiten bereits Mitte des 17. Jahrhunderts wegen einiger Grundstücke, die Fieler und Pietig zu ihren Gärten geschlagen hatten.[9] Die Vergrößerung der Stätte dürfte sich aber auch in der Erhöhung der Steuerabgaben spiegeln. 1634 musste Hinderich in der Wie 12 Schillinge und drei Pfennige zahlen[10], also fast zwei Schillinge mehr als noch 1621.

Hinrich in dem Wie oder Fieler setzte aber auch auf Viehhaltung. Seine Tiere konnte er durch die Berechtigung sowohl in der Meckelweger als auch in der Glandorfer Mark (Allmende; Gemeinheitsbesitz) versorgen. Sogar am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648), im Jahr 1643, hatte Hinrich Wyheman drei Kühe.[11] 1688 nannte Fieler auch Pferde sein eigen. Im Sommer dieses Jahres pfändeten die Markgenossen der Glandorfer Bauerschaft Averfehrden das von den Meckelwegern eigenmächtig auf das Glandorfer Moor zur Weide getrieben Vieh, insgesamt sieben Pferde und 12 „Kuhbiester“. Unter anderem wurden damals auch Viehlers Pferde gepfändet – und zwar mit der Begründung, „weil an selbigem Kotten niehmalen Pferde gewesen“. Die Glandorfer gestanden Fieler also keine Pferdehaltung zu, weil sie ihre eigenen Ressourcen dadurch gefährdet sahen. Die Pferde wurden aber bereits am nächsten Tag kostenfrei zurückgegeben.[12] 1673 musste Hinrich Wiehemann zwei Pachthühner an den Tecklenburger Grafen zahlen.[13] Es wurde also auch Federvieh auf der Stätte gehalten.

Bewohner der Stätte

1723 lebten auf dem Hof ein Hinrich in Wier, seine Frau und ein Kind über 10 Jahren.[14] 1731 heiratete Johan Everdt Henrich in der Wiehe eine Anna Engel Pietig.[15] 1755 wohnten auf dem Kotten des Henrich Wiehmann dessen Frau, ein Verwandter, der über 60 Jahre alt war, ein Sohn über 12 Jahren, zwei Töchter unter 12 Jahren sowie die Witwe des Joost Hastmann, die noch unter 60 Jahren war.[16] 1773 lebten Johann Bernhard Fieler und dessen Frau Anna Margaretha auf dem Kotten. Sie hatten zwei Kinder und auch die Eltern Wilhelm und Engel Fieler lebten mit ihnen unter einem Dach.[17] Nachdem seine erste Frau gestorben war, heiratete der Witwer Johann Bernhard 1798 erneut, und zwar die Witwe Anna Maria Nieremers (Niemöller) aus Lienen-Holzhausen. Im am 27. März geschlossenen Ehevertrag versprach die Braut, die Auffahrtsgelder an den Grundherrn, den preußischen König, zu bezahlen. Den Eheleuten wurden 14 Wirtschaftsjahre eingeräumt. Nach deren Ablauf sollte der aus erster Ehe stammende, damals 14 Jahre alte Sohn die Stätte ungehindert übernehmen können. Sofern die Braut ihren Mann überleben würde, sollte sie jährlich drei Pistolen (Geldeinheit) oder zwei Scheffelsaat Landes an der Westseite auf dem Kampe, ferner das nötige Leinenzeug sowie eine Kuh im Stall und ein Huhn auf der Diele und überdies einen „Anspann“, also das Nutzungsrecht an einer Kutsche erhalten, um auf Verwandtenbesuch fahren zu können.[18]

Gebäude und Flächen der Stätte

Im Siebenjährigen Kriege (1756–1763) wurde die Stätte von französischen Truppen niedergebrannt und musste neu aufgebaut werden.[19] Trotzdem wurde bereits 1776 ein neues sieben Fach  großes neues Zweiständer-Fachwerkaus errichtet (Fach = Raum zwischen den Balken eines Fachwerkhauses).

Der Wert der Fielerschen Stätte wurde 1784 auf 740 Reichstaler veranschlagt. Das Wohnhaus wurde mit 100 Reichstalern bewertet, eine Scheune mit 20, das Ackerland mit 560, das Wiesen- und Weideland mit 20 und das Gartenland mit 40 Reichstalern. An Flächen gehörten ein Malter- und sechs Scheffelsaat zum Kotten, wovon ein Malter und vier Scheffelsaat Ackerland waren.[20] Erst nach der Markenteilung Anfang des 19. Jahrhunderts konnte Ernst Rudolph Fieler seinen Grundbesitz wesentlich um 47 Morgen vergrößern.[21] Ernsts Sohn Friedrich Jacob Fieler, geboren am 19. Februar 1844, und seine Frau Katharina Wilhelmine Elisabeth Möller (verheiratet 1875[22]) verkauften Anfang 1881 die Städte an Heinrich Schierhölter. Fielers verzogen nach Ledde, wo sie den Hof Bünte übernahmen.[23] 1882 ließ Schierhölter den Kotten umbauen.

 

[1] Vgl. dazu: Heinrich Stiewe, Kleinkötter, Hoppenplöcker und Straßenkötter. Vom Hausbau der „kleinen Leute“ in Lippe, in: Dörfliche Gesellschaft und ländliche Siedlung, hrsg. v. Uta Halle u.a., Bielefeld 2001, S. 146–174.

[2] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 64. Wilhelm Wilkens bringt die Stätte mit einer angeblich 1590 genannten Anna vor dem Wiehe in Verbindung. Da aber diese Anna auch noch 1621 und später neben Hinrich in dem Wie genannt wird, kann diese Gleichsetzung nicht stimmen. Wilhelm Wilkens, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 268. Vgl. dagegen Christof Spannhoff, Der Ortsname Meckelwege, in: Ders., Alles für die Katz’? Eine historische Anthologie zum Jubiläum „700 Jahre Kattenvenne“, Norderstedt 2013, S. 92–100, hier S. 98, Anm. 37.

[3] Bernhard Messing, Geschichte der Familie und des Hofes Schierhölter in Glandorf, Münster 1926, S. 59 u. 88, Endnote 262.

[4] Christof Spannhoff, Die Bauernstellen Krämer und Pietig wurden 2012 400 Jahre alt, https://christofspannhoff.wordpress.com/2014/12/04/die-bauernstellen-kramer-und-pietig-wurden-2012-400-jahre-alt/

[5] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 74, Endnote 19.

[6] Vgl. dazu: Christof Spannhoff, „in Gnaden erlaßen und in völlige Freyheit gesetzet“. Freibriefe für Lienener Einwohner als genealogische und sozialhistorische Quelle, Norderstedt 2009.

[7] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten 216, Bl. 165 f.; Messing, Geschichte Schierhölter, S. 60 f.

[8] Siehe dazu ausführlich Spannhoff, Meckelwege, S. 92–100.

[9] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 88, Endnote 261.

[10] Leesch, Höferegister, S. 65.

[11] Ebd., S. 124.

[12] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 60.

[13] Leesch, Höferegister, S. 143.

[14] Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. 1, Norderstedt 2007, S. 433.

[15] Wilhelm Wilkens, Die drei Wiehe-Höfe in Meckelwege, Westfälische Nachrichten/Tecklenburger Landbote Nr. 191 vom 17.08.1996 (nach den Lienener Kirchenbüchern).

[16] Leesch, Höferegister, S. 203.

[17] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 60.

[18] Gemeindearchiv Lienen, Fach 29, Nr. 2.

[19] Wilkens, Lienen, S. 268.

[20] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 61.

[21] Ebd., S. 61. Ernsts Frau war Catharina Gertrud Altevogt. Ein Sohn, Rudolf Wilhelm, wanderte 1841 nach Amerika aus. Friedrich Ernst Hunsche, Auswanderer-Chronik der Gemeinde Lienen, Lengerich 1990, Nr. 712.

[22] Wilkens, Lienen, S. 268.

[23] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 61. Wilkens, Lienen, S. 268 nennt das Jahr 1882.

Der Flurname Wierwöste in Lienen

Von Dr. Christof Spannhoff

Wüsten gibt es nicht nur in südlichen Gefilden, sondern – im niederdeutschen Sprachgewand als Wöste – auch in Westfalen. So liegt in der Lienener Bauerschaft Holzhausen zum Beispiel die sogenannte Wierwöste. Diese Flur (hier in der Form Weerwöste) erstreckte sich nach Auskunft des Urkatasters von 1829 direkt nördlich der heutigen Kattenvenner Straße und westlich der Straße Am Mühlenbach.[1]

Doch eine Wüste in Lienen? Kann das wirklich sein? Die Lösung des Rätsels liegt darin, dass sich die Bedeutung des Wortes Wüste im Lauf der Zeit verändert hat. Heute ist dieses Wort durch seine geographisch-fachsprachliche Festlegung geprägt und meint großräumige, vegetationsfeindliche, sandige und steinige, von Verwitterungs- und Oxydationsvorgängen gekennzeichnete Trocken- und Heißgebiete entlang den beiden Wendekreisen. Wir denken bei dem Begriff an Sand und Hitze, an Karawanen und Kamele. Doch in vormoderner Zeit ist eine Wüste eigentlich jede Stelle und jeder Platz gewesen, der nicht ackerbaulich genutzt wurde und einen Wildnis-Charakter aufwies.[2] Auch ein üppiger Wald und eine faunen- und florenreiche Heide waren im damaligen Verständnis der Menschen also Wüste. Das galt noch bis ins 18. und 19. Jahrhundert. Die Wierwöste war also eine wüste Stelle, eine Wildnis. Doch was bedeutet der erste Teil des Flurnamens Wier-?

Es gibt vergleichbare Namen, die in dieser Frage weiterhelfen können. Im Kreis Rothenburg (Wümme) finden sich die Fluren im Wier, das Wiersmor und ein Wierenbrocksmoor, das ein *Wierenbrock voraussetzt. Letzter Name lässt sich mit einer 1692 erwähnten Form Wiedenbrock identifizieren. Dieser historische Beleg gibt einen wichtigen Hinweis auf die lautliche Entwicklung der Flurnamen mit dem Erstglied Wier-. Er zeigt, dass das r in Wier– nicht ursprünglich ist, sondern durch sogenannten Rhotazismus entstand, also den Lautwandel eines beliebigen Mitlautes zu r; in diesem Fall des Lautes d. Dieser Vorgang zeigt sich etwa auch im plattdeutsch-dialektalen Nebeneinander von Bedde und Berre für ‚Bett‘. Das d in Wieden– wurde also durch Rhotazismus zu r, wodurch die Form Wier– entstand.[3]

Da für die Lienener Wierwöste ältere Belege bislang fehlen, ist eine ähnliche Entwicklung wie bei den Rothenburger Flurnamen zu unterstellen. Auch für die Lienener Wierwöste ist also eine ursprüngliche Form *Wied(en)wöste anzunehmen. Damit bieten sich zwei Anschlüsse für den ersten Teil des Namens: zum einen mittelniederdeutsch wîde ‚Weidenbaum‘, zum anderen altniederdeutsch widu, mittelniederdeutsch wede ‚Wald‘.

Doch kann man entscheiden, welches Wort in Frage kommt? In der mundartlichen Aussprache handelt es sich bei dem ie in Wier– um einen gebrochenen Zwielaut (Diphthong), der als i+e und nicht als langes î zu sprechen ist. Im Urkataster erscheint zudem die Form Weer-. Beide Befunde lassen erkennen, dass das i in Wier– ursprünglich kurz gewesen ist und durch die sogenannte mittelniederdeutsche Zerdehnung zu i+e bzw. gelängtem e geworden ist.[4] Damit kommt aber nur altniederdeutsch widu, mittelniederdeutsch wede für die Wierwöste in Betracht. Die Wierwöste ist also übersetzt eine ‚Wald-Wüste‘ bzw. eine ‚Wald-Wildnis‘.

[1] Katasteramt Steinfurt, 5047-1-04, Nr. 36, Flur21: Hölscher (1829).

[2] Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Bochum 2010, S. 173.

[3] Reinhold Möller, Dentalsuffixe in niedersächsischen Siedlungs- und Flurnamen in Zeugnissen vor dem Jahr 1200, Heidelberg 1992, S. 135.

[4] Hermann Niebaum, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen. Die Mundart von Laer (Landkreis Osnabrück), Köln u. Wien 1974, S. 331–338. Mit Flurnamen-Beispielen: Christof Spannhoff, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 50–52.

Der Familien- und Hofname Tassemeier

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Familienname Tassemeier / Tassemeyer, der noch heute im Tecklenburger Land anzutreffen ist, stammt ursprünglich aus Westerkappeln. In der Bauerschaft Sennlich lag der Hof Tassemeier (heute Sennlicher Weg 3), dessen Bewohner ebenfalls diesen Namen trugen. Doch welchen Ursprung hat dieser ungewöhnliche Name? Hat er etwas mit einer Tasse, also mit einem mit einem Henkel versehenen, kleinen Trinkgefäß zu tun? Um diese Frage beantworten zu können, ist eine sprachwissenschaftliche Analyse des Namens notwendig.

Der Name gehört zu den zahlreichen westfälischen Hof- und Familiennamen auf –meier, –meyer, die auch in Westerkappeln sehr häufig anzutreffen sind. Der Namenbestandteil –meier geht zurück auf die Amtsbezeichnung meier. Der Meier, von lateinisch maior ‚der Größere‘, war im Mittelalter der leitende Wirtschafter auf einem Herrenhof.[1] Ein solcher Herrenhof konnte als „Oberhof“ mehrere abhängige Bauernstätten, sogenannte Hufen (lat. mansi), unter sich haben (Villikation oder Hofverband[2]), von denen der Meier die Abgaben für seinen Herrn einzog. Neben der ökonomischen Funktion konnte ein „Meierhof“ (lat. curtis oder curia[3]) aber auch andere Verwaltungsaufgaben erfüllen, musste also nicht unbedingt einen ihm zugehörigen Hofverband aufweisen. Der Verwalter eines derartigen Hofes wurde lateinisch als villicus (von lat. villa ‚herrschaftliches Haus‘) bezeichnet.[4] Es ist bis heute an der regionalen Verteilung von Hof- und Familiennamen (z.B. Meier zu N.N.; Schulte-N.N.) abzulesen, dass diese Amtsbezeichnung in Ostwestfalen und im Osnabrücker Land zumeist mit dem lateinischen Lehnwort meier (von lat. maior ‚der Größere‘ [s.o.]) in die Volkssprache übersetzt, im Münsterland hingegen mit dem niederdeutschen Begriff Schulte benannt wurde (aus altsächsisch *skuldhêtio > *skuldhete > skult(h)ete > schulte, Bildung aus altsächsisch skuld ‚Schuld‘ und dem starken Verb hêtan ‚heißen‘. Der „Schulte“ war also derjenige, der „geheißen“ wurde, die Abgaben aus seinem Hofverband an seinen Herrn abzuliefern[5]).

Das Tecklenburger Land stellt in diesem Zusammenhang eine Region des Übergangs der beiden volkssprachlichen Übersetzungen für den villicus dar.[6] So finden sich hier Schulten- und Meier-Bezeichnungen nebeneinander.[7]

Mit der Auflösung der Villikationen oder Hofverbände wurde die Bezeichnung meier von ihrer rechtlichen Fixierung für den Verwalter eines Herrenhofes frei und konnte zur Namenbildung für gewöhnliche Bauernstätten (Hufen) genutzt werden (vgl. die Entwicklung von N.N. uff der Horst > Horstmeier, N.N. uffm Felde > Feldmeyer, N.N. im Elsen > Elsmeyer etc.).[8] Diese Beispiele zeigen, dass das Grundwort –meier, meyer oftmals mit Flurbezeichnungen zusammengesetzt ist. Genauso verhält es sich auch bei dem Familiennamen Tassemeier / Tassemeyer.

Doch was bedeutet der erste Bestandteil des Namens? Das Trinkgefäß Tasse kann hier nicht vorliegen, weil dieses Wort im Niederdeutschen nicht existierte. Da der Name Tassemeier / Tassemeyer aber in Westerkappeln entstanden ist, also im niederdeutschen Sprachraum, muss er auch aus dem Niederdeutschen heraus erklärt werden. Das hochdeutsche Wort Tasse wurde aus italienisch tazza ‚Trinkschale‘ nur in das Oberdeutsche entlehnt und später an die französische Form tasse angeglichen. Diese Form gelangte dann in die deutsche Hochsprache. Das italienische tazza ist übrigens ebenfalls eine Entlehnung aus arabisch tâs ‚Schälchen‘, das wiederum auf das persische täšt ‚Becken, Schale‘ zurückgeht.[9]

Wenn also der hochdeutsche Begriff Tasse ‚Trinkgefäß‘ nicht im ersten Teil des Namens enthalten sein kann, muss ein anderer Anschluss gefunden werden. Dazu hilft ein Blick auf die älteren Belege des Namens:

1580 Tassemeier[10]

1621 Tasschemeier[11]

1634 Taschemeier[12]

1643 Taßemejer[13]

1755 Tassemeyer[14]

Die älteren Belege des Namens zeigen, dass in seinem Erstglied das Wort mittelniederdeutsch tasche, taske, tasse ‚Tasche‘ anzusetzen ist.[15] Der Begriff Tasche findet sich vereinzelt in Flurnamen, so z.B. in Schönemark bei Detmold (1782 Tasche), Nordrheda (in der Tasche) oder Holzhausen bei Höxter. Auch in Westerkappeln gab es den Flurnamen Tasche. Entweder meint diese Flurbezeichnung eine beutelartige Ausbuchtung im Gelände bzw. eine Vertiefung oder das Flurstück war nur von einer Seite her zugänglich, so wie eine Tasche nur eine Öffnung hat (vgl. auch den Flurnamen Sack bzw. die Sackgasse).[16]

Der Hof- und Familienname Tassemeier / Tassemeyer ist also zu übersetzen als ‚derjenige, der an einer Flur namens Tasche wohnte‘. Das Benennungsmotiv der namengebenden Flur Tasche / Tasse geht entweder auf die Form des Flurstücks bzw. auf dessen Zugänglichkeit zurück.

[1] Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erweiterte Aufl., Münster 2014, S. 529–531.

[2] Ebd., S. 770f.

[3] Ebd., S. 206.

[4] Ebd., S. 771f.

[5] Ebd., S. 663–671.

[6] Gunter Müller, Schulte und Meier in Westfalen, in: Gedenkschrift für Heinrich Wesche, hrsg. v. Wolfgang Kramer u.a., Göttingen 1979, S. 143–164

[7] Vgl. Müller, Schulte; Pierre Hessmann, Die Namen auf -man im Twenter Schatzungsregister von a. 1475, in: Gedenkschrift für Heinrich Wesche, hrsg. v. Wolfgang Kramer u.a., Göttingen 1979, S. 65-78.; Friedrich Walter, Zur Entstehung münsterländischer Hofnamen, besonders im Raum Telgte. Ein Beitrag zur Methodik der Hofnamenforschung, in: Niederdeutsches Wort 6 (1966), S. 73–96.

[8] Vgl. Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 324–360 (Register).

[9] Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002, S. 907.

[10] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, S. 22.

[11] Ebd., S. 22.

[12] Ebd., S. 23.

[13] Ebd., S. 103.

[14] Ebd., S. 160.

[15] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. IV, S. 513.

[16] Gunter Müller u. Bärbel Wagner, Die Flurnamen der Gemeinde Westerkappeln, 2 Bde., Westerkappeln 1993 u. 1995, Bd. 2: Namenerklärungen, S. 297.

Streit um die Legge

Lengerich wollte eine eigene Leinenprüfstelle bekommen

Von Dr. Christof Spannhoff

Seit dem Mittelalter wurde im Tecklenburger Land Leinen hergestellt. Doch erst Mitte des 17. Jahrhunderts richtete der damalige Landesherr, Graf Mauritz von Bentheim-Tecklenburg (1615–1674), eine Prüfstelle ein. Diese sollte dazu dienen, eine gleichbleibende Qualität der Leinwand zu gewährleisten, denn die Stoffe waren vornehmlich für den Export bestimmt. Die sogenannte Legge, benannt nach dem niederdeutschen Tätigkeitswort leggen, weil die Leinenstoffe zur Prüfung auf einem großen Tisch ausgelegt werden mussten, wurde in einem 1577 errichteten Torhaus am Tecklenburger Marktplatz untergebracht.

Die Einrichtung der Tecklenburger Legge erfolgte aber nicht von ungefähr zu dieser Zeit, sondern ist auch vor dem Hintergrund der Herausbildung eines atlantischen Wirtschaftssystems zu sehen, das im 17. Jahrhundert mit der verstärkten Besiedlung Nordamerikas und der Entstehung der südamerikanischen Plantagenwirtschaft Gestalt annahm. Tecklenburger Leinen war günstig und somit auf dem Weltmarkt begehrt. Mit der Einrichtung der Legge versuchte der Tecklenburger Graf an dieser Konjunktur teilzuhaben, indem der gesamte Leinwandhandel seiner Grafschaft in der Folge über Tecklenburg lief. Zumindest für die nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) chronisch leeren gräflichen Kassen war die Einrichtung der Legge also eine Einnahmequelle. Ob die Leinenprüfstelle darüber hinaus auch einen positiven Einfluss auf den eigentlichen Leinwandhandel hatte, ist eher fraglich.[1]

Zumindest aber wirkte sich die Legge förderlich auf den übrigen Handel und das Gewerbe der Stadt Tecklenburg aus, denn der Zwang, die Tecklenburger Legge aufzusuchen, brachte viele Menschen in das Burgstädtchen, die an Ort und Stelle weitere Geschäfte tätigten und Waren konsumierten. Aus diesem Grund ist es zu erklären, dass sich auch der Ort Lengerich wohl bereits seit dem 17. Jahrhundert um die Erlaubnis bemühte, eine eigene Legge einrichten zu dürfen. Das geht aus einem undatierten Schreiben der Lengericher Ortsvorsteher mit dem Titel „Unterthänigstes Memorial und Bitte der Vorsteher und aller Eingesessenen zu Lengerich wegen einer daselbst anzustellenden Legge“ aus der Zeit um 1710 hervor.[2] Dort heißt es, dass man sich bereits seit bentheim-tecklenburgischer Zeit (also vor 1706) um eine eigene Leinenlegge bemüht habe, was allerdings immer wieder durch die Tecklenburger Kaufleute verhindert worden wäre. Nachdem die Grafschaft Tecklenburg 1707 an Brandenburg-Preußen übergegangen war, versuchten die Lengericher erneut, vom neuen Landesherrn, dem preußischen König, eine Genehmigung zu erhalten. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass die preußische Regierung anscheinend bereits zum Abfassungszeitpunkt des Schreibens (um 1710) geplant hatte, Lengerich zur Stadt zu erheben, worauf die Lengericher in ihrer Argumentation Bezug nahmen. Die Ortsvorsteher begründeten ihr Ersuchen damit, dass die Tecklenburger Legge eigentlich von Anfang an in Lengerich anzusiedeln gewesen wäre, weil es der in dem Flecken lebende Holländer namens ten Katen gewesen sei, der 1660 die Tecklenburger Legge „erfunden“ habe. Zudem argumentierten die Lengericher mit ihrer guten Verkehrslage, wegen der zahlreiche Leinenhändler aus dem Osnabrücker, Ravensberger und Münsterland durch den Ort kämen und es für diese sehr beschwerlich sei, mit den schwer beladenen Wagen den hohen Berg nach Tecklenburg hinauf zu fahren. Viele dieser Händler hätten den Wunsch nach einer Lengericher Legge geäußert.

Die Lengericher Vorsteher schlugen daher vor, dass die fünf nördlich des Teutoburger Waldes gelegenen Orte der Grafschaft ihr Leinen weiterhin in Tecklenburg prüfen lassen sollten, während die drei südlich des Berges gelegenen Orte Ladbergen, Lengerich und Lienen sowie die auswärtigen Händler einer eigenen Legge in Lengerich zugeordnet werden sollten. Ein taugliches Leggehaus sei bereits vorhanden und zwar „oben uff der Pforten“. Gemeint war also sicherlich der Lengericher Römer. Als wirtschaftliches Argument führten die Vorsteher an, dass der Tecklenburger Legge viele Einnahmen entgingen, weil viele Händler wegen des beschwerlichen Weges ihr Leinen nicht in Tecklenburg, sondern in Osnabrück oder Warendorf erstanden.

Allerdings ging der Wunsch der Lengericher nicht in Erfüllung. Auch die Preußen richteten keine Prüfstelle in Lengerich ein. Erst 1842 erhielt der Ort eine eigene Legge, zu einem Zeitpunkt jedoch, als der Stern des Tecklenburger Leinenhandels bereits gesunken war.[3]

 

[1] Edith Schmitz, Leinengewerbe und Leinenhandel in Nordwestdeutschland (1650–1850), Köln 1967, S. 30–32; Markus Küpker, Weber, Hausierer, Hollandgänger. Demographischer und wirtschaftlicher Wandel im ländlichen Raum: Das Tecklenburger Land 1750–1870, Frankfurt/New York 2008, S. 76–98.

[2] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 263: Pastorat zu Lengerich (1600–1719), Bl. 64.

[3] Küpker, Weber, S. 128 f.

Bauernstätte an einer Erhebung

Der Ursprung des Familiennamens Klopmeier

Von Dr. Christof Spannhoff

Zeigt der Familienname Klopmeier an, dass die Träger dieses Namens einen streitbaren Vorfahren hatten, der auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckte? Ist der Name Klopmeier also zu mittelniederdeutsch kloppen ‚klopfen, losschlagen, einschlagen, schlagen, prügeln‘[1] zu stellen?

Um eine profunde Namenanalyse vornehmen und diese Fragen beantworten zu können, ist es notwendig, die historischen Belege zu sichten. Allerdings unterscheiden sich die geschichtlichen Formen kaum von der heutigen Schreibung. Der Name Klopmeier stammt aus Lengerich Hohne. 1580 wird der dortige Hof bzw. sein Besitzer als Klopmeier genannt, 1621 Kloppmeier, 1634 Klopmeier, 1643 Klopmeier, 1673 Klopmeyer.[2] Der Beleg von 1621 zeigt geminiertes (doppeltes) p, woraus zu schließen ist, dass der Vokal o kurz war. Das würde auch zu dem oben angeführten Verb kloppen passen. Allerdings sind Familiennamen mit dem zweiten Teil –meier, –meyer oftmals mit Flurnamen gebildet worden. Dies ist auch beim Familiennamen Klopmeier anzunehmen.

Um seinem Ursprung auf die Spur zu kommen, bietet es sich an, einen ähnlichen Namen zu betrachten, der in der Vergangenheit auch immer wieder zum niederdeutschen Tätigkeitswort kloppen gestellt wurde: Cloppenburg. Der Name der heutigen Kreisstadt an der Soeste geht auf eine Befestigung zurück, die vor 1297 bei der Siedlung Krapendorf durch die Grafen von Tecklenburg errichtet wurde. 1297 wird diese Befestigung erstmals als Cloppenborg benannt. Im Zusammenhang mit der Grenzburg Schnappenburg, deren Name man zu mittelniederdeutsch snappen ‚erschnappen, ergreifen‘ gestellt hat, meinte man, in Cloppenburg das Wort kloppen ‚klopfen, losschlagen, einschlagen, schlagen, prügeln‘ (s.o.) finden zu können. Damit wären beide Burgennamen mit raubritterlichem bzw. militärischem Wortschatz gebildet worden. Allerdings gibt es ein Problem: Die Schnappenburg wird im Jahr 1400 als borgh to der Snappen genannt. Diese Wendung zeigt aber, dass Snappe hier als Flurname zu bewerten ist. So ist ebenfalls anzunehmen, dass auch der Bestandteil Cloppen– auf einen Flurnamen zurückzuführen ist. Es bietet sich hier ein Wortfeld an, das eine Erhebung bezeichnet: bairisch klopf ‚Fels‘, mitteldänisch klop ‚Klumpen‘, altenglisch *clop ‚Klumpen; Hügel, Berg‘, das aus Ortsnamen wie Clophill, Clopton zu erschließen ist. Die Wortfamilie gehört zu indogermanisch *g(e)leub als Erweiterung von *gel– ‚sich ballen; Gerundetes, Kugeliges‘. Weitere Ortsnamen, die mit Cloppenburg zu vergleichen sind, sind die Wüstung Kloppenheim bei Seckenheim, Ortsteil von Mannheim, Kloppenheim bei Wiesbaden, Kloppenheim bei Karben (Wetteraukreis), die alle vor dem 10. Jahrhundert als Clopheim erscheinen, wodurch für den Bestandteil Kloppen– / Cloppen– ein Rufname *Kloppo / *Cloppo in schwacher Genitivflektion auszuschließen ist.[3]

An dieses hier vorgestellte Wortfeld ist auch der Name Klopmeier anzuschließen. Der Hof lag an einer Erhebung *klop, die den Namen motivierte.

Der Namenbestandteil –meier geht zurück auf die Amtsbezeichnung meier. Der Meier, von lateinisch maior ‚der Größere‘, war im Mittelalter der leitende Wirtschafter auf einem Herrenhof.[4] Ein solcher Herrenhof konnte als „Oberhof“ mehrere abhängige Bauernstätten, sogenannte Hufen (lat. mansi), unter sich haben (Villikation oder Hofverband[5]), von denen der Meier die Abgaben für seinen Herrn einzog. Neben der ökonomischen Funktion konnte ein „Meierhof“ (lat. curtis oder curia[6]) aber auch andere Verwaltungsaufgaben erfüllen, musste also nicht unbedingt einen ihm zugehörigen Hofverband aufweisen. Der Verwalter eines derartigen Hofes wurde lateinisch als villicus (von lat. villa ‚herrschaftliches Haus‘) bezeichnet.[7] Es ist bis heute an der regionalen Verteilung von Hof- und Familiennamen (z.B. Meier zu N.N.; Schulte-N.N.) abzulesen, dass diese Amtsbezeichnung in Ostwestfalen und im Osnabrücker Land zumeist mit dem lateinischen Lehnwort meier (von lat. maior ‚der Größere‘ [s.o.]) in die Volkssprache übersetzt, im Münsterland hingegen mit dem niederdeutschen Begriff Schulte benannt wurde (aus altsächsisch *skuldhêtio > *skuldhete > skult(h)ete > schulte, Bildung aus altsächsisch skuld ‚Schuld‘ und dem starken Verb hêtan ‚heißen‘. Der „Schulte“ war also derjenige, der „geheißen“ wurde, die Abgaben aus seinem Hofverband an seinen Herrn abzuliefern[8]). Das Tecklenburger Land stellt in diesem Zusammenhang eine Region des Übergangs der beiden volkssprachlichen Übersetzungen für den villicus dar.[9] So finden sich hier Schulten- und Meier-Bezeichnungen nebeneinander.[10]

Mit der Auflösung der Villikationen oder Hofverbände wurde die Bezeichnung meier von ihrer rechtlichen Fixierung für den Verwalter eines Herrenhofes frei und konnte zur Namenbildung für gewöhnliche Bauernstätten (Hufen) genutzt werden (vgl. die Entwicklung von N.N. uff der Horst > Horstmeier, N.N. uffm Felde > Feldmeyer, N.N. im Elsen > Elsmeyer etc.).[11]

Genauso verhält es sich auch bei dem Familiennamen Klopmeier.

[1] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. II, S. 488.

[2] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 42, 44, 45, 116, 139.

[3] Franziska Menzel, Art. Cloppenburg, in: Deutsches Ortsnamenbuch, hrsg. v. Manfred Niemeyer, Berlin u. Boston 2012, S.112.

[4] Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erweiterte Aufl., Münster 2014, S. 529–531.

[5] Ebd., S. 770f.

[6] Ebd., S. 206.

[7] Ebd., S. 771f.

[8] Ebd., S. 663–671.

[9] Gunter Müller, Schulte und Meier in Westfalen, in: Gedenkschrift für Heinrich Wesche, hrsg. v. Wolfgang Kramer u.a., Göttingen 1979, S. 143-164

[10] Vgl. Müller, Schulte; Pierre Hessmann, Die Namen auf -man im Twenter Schatzungsregister von a. 1475, in: Gedenkschrift für Heinrich Wesche, hrsg. v. Wolfgang Kramer u.a., Göttingen 1979, S. 65-78.; Friedrich Walter, Zur Entstehung münsterländischer Hofnamen, besonders im Raum Telgte. Ein Beitrag zur Methodik der Hofnamenforschung, in: Niederdeutsches Wort 6 (1966), S. 73–96.

[11] Vgl. Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, S. 324-360 (Register).

Ortsname ist nicht gleich Ortsname

Warum die Gemeinde Lienen so heißt, wie sie heißt

Von Dr. Christof Spannhoff

Ortsnamen sind eine spannende Geschichtsquelle. Nicht nur ihre ursprüngliche Bedeutung kann etwas über die Vergangenheit erzählen, sondern auch ihr Gebrauch durch die Jahrhunderte hindurch ermöglicht interessante historische Einblicke. Denn das Objekt, das ein Ortsname benennt, kann sich im Laufe der Zeit verändern. Dieser Vorgang lässt sich am Ortsnamen Lienen anschaulich verdeutlichen. Heute benennt der Name Lienen eine Gemeinde mit einer Fläche von 7327 Hektar.[1] Die Benennung ist mehreren Bauerschaften und dem zweiten Ortsteil Kattenvenne übergeordnet. Doch das war nicht immer so. Als der Name Lienen entstand, benannte er eine kleine Siedlung aus wenigen Hofstellen. Seinen Ursprung hat er in der heutigen Bauerschaft Aldrup in unmittelbarere Nähe des Hofes Blömker (Zum Wasserfall 1), der früher ebenfalls Aldrup hieß. Neben Flurnamen wie Lienkamp, Lienacker, Lienhüvel und Lienstraße belegt diese Tatsache der Name Aldrup selbst (früher Aldenthorp, also ‚bei dem alten Dorf / bei der alten Siedlung‘). Der massenhaft vorkommende Ortsname Aldrup oder ähnlich zeigt immer eine Wanderung des Namens an. Doch warum wanderte der Name Lienen von Aldrup nach Osten?

Dieser Vorgang hängt mit der Kirchengründung zusammen, die vermutlich in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts auf dem Haupthof des Stiftes Herford, dem Ebbinkhof (1334) oder Ebdinckhof (1437), also dem ‚Hof der Äbtissin‘, gegründet wurde. Um diese Kirche entwickelte sich ein neuer Siedlungsschwerpunkt. Allerdings blieb der Name Lienen zunächst noch auf die Kirche und ihre unmittelbare Umgebung beschränkt. Das zeigt ein zwischen 1082 und 1088 entstandenes Güterverzeichnis für das Kloster Iburg, in dem der Name Lienen in der Form Lina erstmals erwähnt wird. Lina erscheint dort ohne erkennbare übergeordnete Funktion neben anderen Siedlungen: Bischof Benno II. schenkte dem 1080 gegründeten Kloster Iburg damals neben anderen Besitzungen auch das Recht auf Erhebung des Zehnten in Fersmelle (Versmold), Oskendorp (Aschendorf/Dissen), Ostenvelt (Ostenfelde/Glane), Lina (Lienen), Aldeldorp (Aldrup/Lienen), Westerbike (Westerbeck/Lienen), Hochsteten (Höste/Lienen), Hone (Hohne/Lengerich), Ammath (bei Lengerich) und Mettinge (Mettingen).[2] Erst 1241 wird der Name Lienen für das Kirchspiel (parrochia), also den gesamten Pfarrsprengel gebraucht.[3]

Diese Quellenbelege passen exakt zu der allgemein festzustellenden Entwicklung in Westfalen. Denn der Aufstieg eines Kirchorts- zu einem Kirchspielsnamen, also eine räumliche Ausdehnung des Bereiches, den der Name benannte, und eine damit einhergehende funktionelle Überordnung über andere Ortsnamen vollzog sich erst im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts. Damals kam die kirchliche Organisation zu einem Abschluss, wie die Zahlen der Kirchengründungen belegen. Waren um 900 im ganzen Münsterland ca. 40 bis 45 Kirchen anzutreffen und kamen im 10. Jahrhundert nur etwa 10 bis 12 Pfarrkirchen hinzu, entstanden von 1000 bis 1300 in jedem Jahrhundert rund 30 neue Pfarrkirchen. Von 1300 bis 1800 entstanden dann insgesamt nur noch 14 neue Pfarreien. Bis 1300 war also das Netz von Pfarrkirchen fast vollständig ausgebildet. Da diese Organisationsstruktur nun keiner ständigen Umbildung mehr unterworfen war, stellte das Kirchspiel von nun an eine konstante Einheit dar. Somit gingen die Namen der Kirchorte in dieser Zeit auf den gesamten Pfarrbezirk über.[4]

Dadurch erhielt auch der ursprünglich punktuelle Ortsname Lienen im 13. Jahrhundert seine überörtliche Funktion, auf deren Grundlage auch die heutige politische Gemeinde so heißt, wie sie heißt. Ausschlaggebend für den „Aufstieg“ des Namens war das Vorhandensein eines Gotteshauses, das die Kirchsiedlung und ihren Namen von den anderen Siedlungen in der Umgebung unterschied.

[1] http://www.lienen.de/buergerservice/ueber-die-gemeinde.html

[2] Mit allen Nachweisen: Christof Spannhoff, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014.

[3] Osnabrücker Urkundenbuch, Bd. II, Nr. 408 (Original).

[4] Albert Karl Hömberg, Ortsnamenkunde und Siedlungsgeschichte. Beobachtungen und Betrachtungen eines Historikers zur Problematik der Ortsnamenkunde, in: Westfälische Forschungen 8 (1955), S. 24–64.

1502 erster Nachweis des Vogelschießens in Lienen

Ältester Beleg für das ländliche Schützenwesen im Tecklenburger Land

Von Dr. Christof Spannhoff

Als ältester Beleg für die Anfänge des Schützenwesens in der Gemeinde Lienen galt bislang die Erwähnung eines „Führers“ im Jahr 1643, bei dem es sich um den Kirchspielsführer als Befehlshaber der Schützen handeln dürfte. Eine Lienener Schützenschar wird 1726 erstmals ausdrücklich genannt und 1761 ein Schützenkönig des Kirchspiels Lienen: der Bauer Johann Henrich Schowe aus Kattenvenne.[1] Jüngst ist nun aber im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen in Münster ein noch älterer Beleg aufgetaucht. In einem Verzeichnis von Ländereien in Lienen aus dem Jahr 1502 heißt es: „Item [auch] noch eyn scheppell roggen zadelandes [Saatlandes] by dem vogelbome“.[2] Mit diesem ‚Vogelbaum‘, mit dem die Lage des Ackerstückes näher beschrieben wurde, ist aber nichts anderes gemeint als eine ‚Vogelstange‘. Am Vogelbaum wurde der Schützenvogel befestigt, auf den beim Schützenfest geschossen wurde. Die Bezeichnung Vogelbaum in Zusammenhang mit dem Schützenwesen ist in der Frühen Neuzeit für Nordwestdeutschland häufig nachzuweisen.[3] Die Schützenvereinigungen waren aus den städtischen Bürgerwehren hervorgegangen, die sich zwecks Verteidigung der Stadt regelmäßig zu Übungs- und Preisschießen zusammenfanden. Im 15. Jahrhundert erreichte diese Art Veranstaltung dann auch den ländlichen Bereich und es wurden auch hier Schützenvereinigungen gegründet.[4] Doch nicht erst im 19. Jahrhundert waren die Vogelschießen der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Bereits die Tecklenburger Polizeiordnung von 1612 verbot das übermäßige „Fressen“ und „Saufen“ während des Schießens auf den hölzernen Vogel, das vielfach auf Pfingstmontag abgehalten wurde.[5] Der älteste Nachweis einer Schützengilde im Tecklenburger Land ist für die Stadt Bevergern im Jahr 1425 überliefert (Stadtrechte seit 1366).[6] Während sich im Steinfurter Land ländliches Schützenwesen bereits 1490 in Hollich (Vogelschießen) belegen lässt[7], stammen frühe Hinweise für das Tecklenburger Land erst aus dem 17. Jahrhundert: Ibbenbüren (1616), Lotte (1659), Wersen (1664), Leeden (1665) und Hörstel-Gravenhorst (1681).[8] Somit ist der 1502 erwähnte Lienener „Vogelbaum“ der bislang älteste Nachweis für ländliches Schützenwesen im Tecklenburger Land.

[1] Christof Spannhoff, Geschichte des Schützenwesens in Lienen, in: Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. 1, Norderstedt 2007, S. 512–521.

[2] Verzeichnis der Ländereien des Ebdinckhofes zu Lienen (1502), Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 115.

[3] Albrecht Eckhardt, Frauen als Mitglieder der Wildeshauser Schützengilde. Ein Beitrag zum Schützenwesen im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: Oldenburger Jahrbuch 94 (1994), S. 87–102, hier S. 92; Norbert Kirchner, Westfälisches Schützenwesen im 19. und 20. Jahrhundert. Wandel und gegenwärtiger Stellung, Münster u.a. 1992, S. 267.

[4] Friederike Schepper-Lambers, Schützenvereine bereiteten der Obrigkeit manchen Ärger, in: Bilderbogen der westfälischen Bauerngeschichte, Bd. 2: Das 19. Jahrhundert und die Bauernbefreiung, hrsg. v. Hermine von Hagen u. Hans-Joachim Behr, Münster 1988, S. 106–109.

[5] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 170; Druck: Quellen und Beiträge (wie Anm. 1), S. 225–234.

[6] Friedrich Ernst Hunsche, Das Schützenwesen im Tecklenburger Land, in: Beiträge zur Volkskunde des Tecklenburger Landes. Sitte und Brauchtum unter besonderer Berücksichtigung des Schützenwesens, bearb. v. Friedrich Ernst Hunsche u. Friedrich Schmedt, Ibbenbüren 1974, S. 236–248.

[7] Dietmar Sauermann, Geschichte der Volkskultur im Kreise Steinfurt (17.–20. Jahrhundert), in: Der Kreis Steinfurt, hrsg. v. Kreis Steinfurt, Stuttgart u. Aalen 1989, S. 217–228.

[8] Die im Kreisheimatschützenbund zusammengeschlossenen Schützenvereine in den einzelnen Orten und Bezirken, in: Beiträge zur Volkskunde des Tecklenburger Landes. Sitte und Brauchtum unter besonderer Berücksichtigung des Schützenwesens, bearb. v. Friedrich Ernst Hunsche u. Friedrich Schmedt, Ibbenbüren 1974, S. S. 277–288.