Kein adeliges Gut, sondern ein „normaler“ Bauernhof

Die Ursprünge des Strakenhoffs in Lienen

Von Dr. Christof Spannhoff

Mit dem Abriss der maroden Gebäudereste an der Glandorfer Straße im Dezember 2017, die bereits am 3. Juni 2004 durch ein Feuer zur Brandruine wurden und über 13 Jahre dem weiteren Verfall preisgegeben waren, sind auch die letzten Spuren einer alten Lienener Hofstelle verschwunden, der von der lokalen Heimatforschung eine besondere Relevanz für die Ortsgeschichte zugeschrieben wurde: dem sogenannten Strakenhoff.[1] Sein Verschwinden aus dem Ortsbild ist daher ein guter Grund, seine Anfänge noch einmal genauer zu betrachten.

Der am 3. Juni 2004 durch Brand zerstörte Strakenhoff (Foto: Chr. Spannhoff, 2003)

Die Idee, dass der Strakenhoff in der Vergangenheit eine besondere Bedeutung gehabt haben müsse, wurde durch eine Aussage des Lienener Amtmanns Johann Leonhard Arendt genährt. Auf eine behördliche Anfrage „was es mit dem Strakenhof in Hinsicht der adelichen Rechte für eine Bewandniß habe“, antwortete dieser am 16. Januar 1806: „Gedachter Strakenhof ist nicht ganz contributionsfrey, sondern es müssen von dem Besitzer nach dessen Angaben 5 Reichsthaler 6 Groschen Contribution jährlich entrichtet werden. Übrigens muß derselbe auch alle bürgerlichen Lasten tragen. In der älteren Zeit hat er zu dem sogenannten Straken-Erbe gehört, und glaube ich, von alten Leuten gehört zu haben, daß der Strakenhof davon der Stamm ist, da die übrigen zu gedachtem Straken-Erbe gehörigen Gründe vereinzelt sind.“[2] Anscheinend haben die vom Amtmann genannten „adelichen Rechte“ die Phantasie der Heimatforscher beflügelt. Folglich wurden die Anfänge des angeblich „freiadeligen“ Strakenhoffs einerseits mit der mittelalterlichen Adelsfamilie von Lienen[3], andererseits mit dem Lienener Fronhof der Herforder Äbtissin (dem sogenannten Ebdinghof)[4], aber auch mit einem Edlen Ruothward, der 1097 der Osnabrücker Kirche einen Fronhof (curia) in Lienen schenkte[5], in Verbindung gebracht. Auch eine Zusammengehörigkeit mit einem bäuerlichen Anwesen nebst Mühle namens Strake (1280 „Strakenmolen“[6]) in Glane am Remseder Bach oder einem Osnabrücker Bürger Rudolf Strake, der Mitte des 14. Jahrhunderts erscheint[7], ist erwogen worden, lässt sich allerdings nicht belegen.[8] Auch dass der Hof ein ehemaliges gräfliches Forst- oder Jagdhaus oder von einer Gräfte umgeben gewesen sei, ist nicht nachzuweisen.[9]

Der Strakenhoff im Jahr 1956 (Archiv Heimatverein Lienen)

Die urkundliche Überlieferung spricht dagegen eine ganz andere Sprache: Erstmals erwähnt wird der Lienener Strakenhoff 1469. Am 25. Januar des Jahres verkaufte Graf Claes von Tecklenburg unter Vorbehalt der Wiederlöse einem Johann Struve ein wüstes Erbe mit Namen „Straken erve“, darüber hinaus einen Kotten genannt „de Deuenter“ (Denter) und einen Teich genannt „Erpesdyk“, die alle nicht weit „van dem dorpe to Lynen“ gelegen waren.[10] 1497 wird besagtem Johann Struve die noch ausstehende Zehntschuld vom „Straken erve“ an das Kloster Iburg erlassen.[11] Noch um 1550 mussten vom „Strakenhuess“ jeweils drei Scheffel Hafer, Gerste und Roggen als Zehntabgabe an die Iburger Mönche entrichtet werden.[12] Die Bezeichnung als „Erbe“ (erve) und die Zehntpflicht zeigen an, dass es sich beim Strakenhoff um einen ganz „normalen“ Bauernhof und kein adeliges Gut gehandelt hat. Die Bauernstätte wurde bereits früh wüst, weil die wirtschaftende Bauernfamilie ausgestorben war oder den Hof verlassen hatte, und fiel an die Grundherren, die Tecklenburger Grafen, zurück. Deshalb war der Hof später auch gräflicher Domänenbesitz.[13] In der Folge veräußerten die Grafen stückweise Teile der Hof- und Ackerflächen, etwa 1469 an den genannten Johann Struve.[14] Bereits um 1550 und 1610 ist ebenfalls von einem verkauften Grundstück (Kamp) die Rede, das „Strakenhuess hoffe“ bzw. einfach „Strakenhoff“ genannt wurde und zum Besitz des Lienener Vogtes gehörte.[15] Zwischen 1676 und 1707 wurden dann die verbliebenen Reste veräußert.[16] Die zwischenzeitlich verfallene Hofstelle erwarb um 1707 der Lienener Pfarrer Eberhard Samuel Snethlage, der die Hofgebäude wieder herstellen ließ.[17] In der Folge ging der Strakenhoff durch Heirat und Erbfolge an die Familien Kortmann, Berkemeyer, Stapenhorst und schließlich Mitte des 19. Jahrhunderts an Heuschkel über, die letzte Besitzerfamilie des Strakenhoffs.[18]

[1] Friedrich Ernst Hunsche, Rittersitze, adelige Häuser, Familien und Vasallen, Bd. 1: Der ehemaligen Grafschaft Tecklenburg, Tecklenburg 1988, S. 166–168; Wilhelm Wilkens, Lienen. Die Geschichte seiner Häuser, Lienen 1993, S. 141–144; Ders., Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 105–107 u. S. 125.

[2] Hunsche, Rittersitze, S. 167 nach angeblichen Vasallen-Tabellen der Rittergüter in der Grafschaft Tecklenburg 1795-1807 im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen in Münster (LAV NRW AW) im Bestand Landratsamt Tecklenburg, Akten.

[3] Hunsche, Rittersitze, S. 170.

[4] Ebd., S. 164. Zur Kritik daran: Wilkens, Lienen (1993), S. 178.

[5] Wilkens, Lienen (2004), S. 106. Diese Sicht noch nicht bei Wilkens, Lienen (1993).

[6] Urkundenbuch des Klosters Iburg, bearb. v. Horst-Rüdiger Jarck, Osnabrück 1985 (Osnabrücker Urkundenbuch 5), Nr. 64 (1280 Oktober 24, Original).

[7] Urkundenbuch der Stadt Osnabrück 1301–1400, bearb. v. Horst-Rüdiger Jarck, Osnabrück 1989 (Osnabrücker Urkundenbuch 6), Nr. 699 (1360 Juli 14, Original); Nr. 906 (1375 Februar 6, Original).

[8] Wilkens, Lienen (1993), S. 142; Wilkens, Lienen (2004), S. 106.

[9] Hunsche, Rittersitze, S. 167; Wilkens, Lienen (1993), S. 142. Dass der Strakenhoff ein gräfliches Forsthaus gewesen sei, geht dabei auf die Familienchronik Snethlage, 1935/36 von Oscar-Ernst Snethlage zusammengestellt, zurück. Bei Wilkens, Lienen (2004) ist davon keine Rede mehr.

[10] LAV NRW AW, Grafschaft Tecklenburg, Urkunden, Nr. 286 (1469 Januar 25, Original).

[11] Urkundenbuch Iburg, Nr. 313 (1497 Mai 19, Original). Zum Zehnten in der Region: August Suerbaum, Der Zehnte im Landkreis Osnabrück vom späten Mittelalter bis zur Ablösung,  in: Osnabrücker Mitteilungen 70 (1961), S. 24–86.

[12] Registrierung der Zehntpflichtigen des Klosters Iburg in den Kirchspielen Lengerich und Lienen (um 1550). LAV NRW AW, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 43, S. 9 u. 11. Siehe auch: Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. 1, Norderstedt 2007, S. 62 u. 64.

[13] Hunsche, Rittersitze, S. 167.

[14] wie Anm. 10.

[15] Wie Anm. 12 und Donation des Grafen Adolf von Bentheim-Tecklenburg an den Vogt Conrad Hollenberg zu Lienen über einen Kamp an der Ostseite seiner Behausung, unter dem zu der Vogtei daselbst beigehörenden Kamp, der Starkenhoff (!) genannt, belegen und anstossend. Anno 1610. LAV NRW AW, Manuskripte VII, Nr. 2104 (Kopiar der Obligationen der Grafen von Tecklenburg 1584–1617), Blatt 67v–68r.

[16] Hunsche, Rittersitze, S. 167.

[17] Ebd., S. 166f. Dass Hof (villa) und Haus (domus) 1708 wieder hergerichtet waren, belegt ein Wappenstein, der sich über der Tür des Hauses befand und folgende Inschrift trug: „Anno 1708. E[berhard]. S[amuel]. Snethlage, V[erbum]. D[omini]. M[inister] Linensis – A[nna]. B[ernhardine]. Alstein coniuges desertam villam et donum Strackenhoff cura sumptibus et opere suis heredibus posuerunt“. Zur Auflösung des Namens A. B. Alstein siehe Wilkens, Lienen (1993), S. 142.

[18] Zur weitere Geschichte des Strakenhoffs: Hunsche, Rittersitze, S. 166–168; Wilkens, Lienen (1993), S. 141–144; Wilkens, Lienen (2004), S. 125.

Ambter > Ampter > Antrup

Zum Ortsnamen Antrup bei Lengerich (Kreis Steinfurt)

Von Dr. Christof Spannhoff

Der heutige Bauerschaftsname Antrup bei Lengerich (Kreis Steinfurt) ist zwar in seiner gegenwärtigen Form eine kleine „Mogelpackung“, aber doch gibt er einen aufschlussreichen Einblick in die Ortsgeschichte.

Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als handele es sich bei dem hier betrachteten Antrup um einen der vielen niederdeutschen Ortsnamen auf –dorp mit den Varianten –drup, –trup, –torp oder –tarp. Diese Namen gehören zu altniederdeutsch thorp, mittelniederdeutsch dorp, althochdeutsch dorf ‚(Einzel)-Hof, Siedlung, Wohnstätte, Dorf‘. Das Wort ist urverwandt mit lateinisch trabs ‚(Dach)-Balken, Sparren‘ und gehört somit zu der Gruppe der Zaun- und Gerüstwörter, die von der Umzäunung selbst auf die gehegte Stelle übergegangen sind. Die vielen Bedeutungen des Wortes sind möglich, weil der Zaun erst das eingefriedete Gebiet schafft. Der Zaun bewirkt das Dorf. Ohne ihn wäre es nicht das, was es ist, nämlich ein umfriedetes, durch den Zaun aus der Umgebung herausgenommenes Grundstück. Somit ist unter einem Dorf also ursprünglich ein durch eine lebende Hecke oder einen toten Zaun abgeteilter Wohnplatz zu verstehen. Im Streusiedlungsgebiet konnte dies sogar nur ein einzelnes Gehöft gewesen sein. Denn in früheren Zeiten waren Siedlungsplätze stets umzäunt.[1]

Belege Antrup (Lengerich)

1621: Lengercke. Ollendorp Ambter[2]

1629: Allendorp vnd Ambter[3]

1631: Allendorp Ampter[4]

1634: Allendorp Ambter[5]

1643: Antrup[6]

1673: Antrup[7]

1755: Brsch. Andrup et Aldrup[8]

Die älteren Belege des Ortsnamens zeigen jedoch, dass das Wort –dorp mit seinen Varianten –drup, –trup, –torp oder –tarp hier nicht enthalten ist. Es handelt sich vielmehr um eine spätere Angleichung der Lautgruppe –ter an –trup, die vermutlich durch die Zweitglieder der benachbarten Lengericher Ortsnamen Aldrup und Intrup bedingt war. Dass aus dem verbleibenden Amb-, Amp– dann ein An– wurde, ist damit zu erklären, dass im Mittelniederdeutschen ein m im Silbenauslaut zu einem n werden konnte.[9] Dieser Vorgang ereignete sich aber erst, nachdem das b bzw. p ausgefallen war, um die Mitlautfolge mbt / mpt (Dreierkonsonanz) leichter aussprechen zu können. Es ist also von folgender Lautentwicklung auszugehen (* kennzeichnet eine nicht belegte, sondern erschlossene Form): Ambter / Ampter > *Ambtrup / *Ambtrup > *Amtrup > Antrup

Analyse

Die historischen Formen des Ortsnamens Antrup, der überhaupt erst nach 1600 in der Überlieferung erscheint, sind also Ambter oder Ampter. Auf diesen lässt sich somit folgende Erklärung aufbauen:

1) Der Ortsname ist in die Bestandteile Ambt– bzw. Ampt– und –er zu zerlegen. Die Lautgruppe –er ist dabei als Suffix anzusprechen (vgl. Bürger), das über die Stufen –ara < –wara aus ursprünglich germanisch *warjôz ‚Bewohner‘ entstanden ist. Dieses Suffix begegnet zur Bildung von Einwohnernamen seit dem Frühmittelalter in der Form –er. Es lebt bis heute fort, z.B. in der Lengerich-er.[10] Der Ortsname Ambter / Ampter > Antrup ist dann in diesem Fall ursprünglich eine Personengruppenbezeichnung gewesen, die auf den Ort übertragen wurde.[11]

2) Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass Ambter / Ampter aus einer attributiven Verwendung *Ampter / Ambter Ort / Bauerschaft o.ä. unter Wegfall der Siedlungsbezeichnung „Ort / Bauerschaft“ entstanden ist. Der Name wäre dann mit Hölter bei Ladbergen vergleichbar, das auf die Wendung Holter Ort (1643) / Holter Bauerschaft (1755) zurückgeht und dann zu Hölter verkürzt wurde.[12] Hier ist das –er dann ebenfalls als Suffix zu erklären (s.o.).

In beiden Fällen bleibt nach Abzug des Suffixes die Basis Ambt– oder Ampt– übrig, die zum Wort ambt, ammet ‚Amt, Aufgabenkreis, Zunft, Gilde, Villikation / Hofverband‘ gehört, das auf älteres ambet < ambacht / ambaht zurückgeht.[13] Ambter / Ampter meint also entweder

1) ‚diejenigen, die zu einem Amt gehörten‘ oder gemeint ist

2) ‚ein zu einem Amt gehöriger (Wohn-)Ort‘.[14]

Erklärung

Doch was soll das bedeuten? Zu welchem Amt gehörten die Antruper ursprünglich? Als Amt oder lateinisch officium wurde auch der Verband eines Fronhofes (lateinisch curtis oder curia) bezeichnet. In Lengerich findet sich ein solcher mit dem Herforder Schultenhof zu Aldrup. Laut der ältesten Heberolle des Stiftes vom Ende des 12. Jahrhunderts lagen in der Nähe des Aldruper Fronhofes, der damals noch Lenkerike hieß[15], elf Bauernstätten (mansici), von denen zwei wüst (deserti) waren.[16] Hinzu kamen noch weitere zugehörige Bauernstellen in Wechte, Hohne und Ladbergen. Diese elf Stätten in Aldrup-Antrup erscheinen in den späteren Registern nicht mehr. Vielleicht wurden sie bereits direkt unter dem Fronhof geführt, woher sich auch ihre spätere Gruppenbenennung als Ambter / Ampter ‚die zum Amt / Herrenhof Gehörigen‘ erklären könnte. Genauer lässt sich diese Frage aufgrund der spärlichen Quellenlagenicht mehr klären. Die frühen Antruper dürften also ursprünglich diejenigen Bauern gewesen sein, die zu diesem Schultenhof zählten und in dessen Nähe lebten. Diese Deutung erklärt zudem sehr schön, warum die Bauerschaften Aldrup und Antrup nicht nur räumlich beieinanderliegen, sondern auch in Steuerregistern und anderen Unterlagen zusammen aufgeführt sind. Die Entstehung des späteren Bauerschaftsnamens Antrup / Ambter / Ampter hängt also sehr wahrscheinlich mit dem Herforder Fronhof in Aldrup zusammen. Allerdings frühestens nach 1600 etablierte sich Antrup als eigener Bezirk und wurde – zumindest namentlich – von Aldrup getrennt. Ein solcher Vorgang ist nicht selten: So bildeten sich zum Beispiel um 1600 vielerorts erst die Dorfbauerschaften aus.[17] Auch die spätere Lienener Bauerschaft Kattenvenne, die zuvor zu Meckelwege gehört hatte und deren Name bereits 1312 als ton Kattenvenne genannt wird, entstand erst um 1650.[18]

Dass das Wort Amt durchaus in Ortsnamen vorkommen kann, beweist das niederösterreichische Amstetten (1128 Ambsteten).[19] Der Name der Wüstung Porterhausen bei Herford zeigt im Erstglied ebenfalls eine Funktionsbezeichnung, wie sie noch 1415 erläutert wird: „spectantes ad officium Porterhusen proprie to dem poertampte; dabit annuatim abbatisse 1 talentum cere et portenarie aut illi, qui officium portarie sub se habuerit“.[20] Der Name erklärt sich somit aus der Funktion der Siedlung, die zum Unterhalt des portenarius der Abtei Herford und der in Herford tätigen Corveyer Mönche gegründet worden ist. Der Bestandteil Porter– geht dabei auf mittellateinisch portenarius ‚Pförtner‘ zurück (mittelniederdeutsch pôrtener, pôrtner).[21]

Ähnliche Ortsnamen

Es existieren noch weitere, heute ähnlich lautende Ortsnamen, die wegen ihrer historischen Formen allerdings nicht mit dem Lengericher Antrup zu vergleichen sind. So gibt es ein Andorpe bei Recke, das 1189 aber noch Anripe hieß[22] und damit zu Andrup bei Haselünne ( 947 Anarupe) oder Andorf bei Bersenbrück (1247 Anrepe) gehört[23], die an niederdeutsch ripe, rîp ‚Rand, Kante, Ufer‘ anzuschließen sind.[24]

In Saerbeck-Westladbergen findet sich ferner ein Andruper Weg, der einen Namen *Andrup voraussetzt. Für einen solchen ließen sich aber bisher keine historischen Belege ermitteln.

Ein weiteres Antrup, das wegen seiner gleichen Lautgestalt und seiner räumlichen Nähe abschließend etwas eingehender betrachtet werden soll, ist ein Hof namens Antrup bei Leeden (heute Lotter Str. 25). Im Gegensatz zu den bisher genannten heutigen Orten Antrup / Andrup handelt es sich hier wirklich um einen Namen mit dem Grundwort –torp, –trup, Varianten zu mittelniederdeutsch dorp (s.o.).

Belege Antrup (Leeden)

1494: Oventorp[25]

1511: Oventorp[26]

1580: Oventrup[27]

1621: Aventrup[28]

1634: Aventrup[29]

1643: Antrup[30]

1673: Antrup[31]

1755: Antrup[32]

Den erste Teil der Namens Oven-, später zerdehnt zu Aven[33], könnte man sprachlich ohne Probleme zu einem Rufnamen weiblich Ova, männlich Ovo (schwacher Genitiv: Oven; vgl. OttoOtten, AnnaAnnen) stellen.[34] Oventorp wäre dann die ‚Siedlung einer Ova oder eines Ovo‘.[35] Allerdings wird dem Leedener Namen eher eine Flurbezeichnung zuvor liegen, denn neben Oventorp kommt 1494 und 1511 im angrenzenden osnabrückischen Hagen ein Gert tor Aven bzw. Gert tor Oven vor.[36] Diese Flurbezeichnung Oven / Aven, die sich durch die niederdeutsche Präposition tor ‚zur’ als solche zu erkennen gibt, scheint auf den ersten Blick zu mittelniederdeutsch ouw(e) ‚Aue‘ zu gehören. Oventorp / Aventrup wäre dann die ‚Auen-Siedlung‘.[37] Allerdings begegnet das niederdeutsche Wort für die Aue stets als ouw, ouwe, owe, ow, ou.[38] Die Hofstelle Oventorp / Aventrup / Antrup liegt zudem nicht in der Niederung, sondern in erhöhter Lage am Fuß des Looser Berges. Somit ist nach einem anderen Anschluss zu suchen. Wie es auch den Flurnamen ter Neden (etwa in Alsum bei Duisburg[39]), zu mittelniederdeutsch neden ‚unten‘, gibt, so wird auch tor Oven / Aven zu mittelniederdeutsch oven(e) ‚oben‘ gehören und damit eine höher gelegene Stelle benannt worden sein.[40]

Auf jeden Fall ist aufgrund der historischen Belege das Leedener Antrup sprachlich vom Lengericher Antrup zu trennen.

————————————————-

[1] Theodor Baader, Dorf. Wort und Sache in der Siedlungskunde, in: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 79 (1956), S. 71–84; William Foerste, Zur Geschichte des Wortes Dorf, in: Studium generale 16 (1963), S. 422–433; Rudolf Schützeichel, ‚Dorf’. Wort und Begriff, in: Das Dorf der Eisenzeit und des frühen Mittelalters. Siedlungsform – wirtschaftliche Funktion – soziale Struktur, hrsg. v. Herbert Jankuhn, Rudolf Schützeichel u. Fred Schwind, Göttingen 1977, S. 9–36; Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Lüdenscheid. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Lüdenscheid 2004, S. 158 f.

[2] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 40.

[3] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 233, fol. 164v.

[4] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 234, fol. 192v.

[5] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 235, fol. 221r.

[6] Leesch, Höferegister, S. 115. Es folgt: Oldendarp.

[7] Ebd., S. 139. Es geht voraus: Bauerschaft Aldrup

[8] Ebd., S. 180.

[9] Agathe Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, §§ 229, 263.

[10] Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Bochum 2010, S. 111.

[11] Dazu auch Adolf Bach, Deutsche Namenkunde, 4 Halbbde., Heidelberg 1952–1956, Bd. 2,1 § 203c, § 220.

[12] Christof Spannhoff, Die Ortsnamen Ringel, Hölter und Schwege, in: Ders., Alles für die Katz’? Eine historische Anthologie zum Jubiläum „700 Jahre Kattenvenne“, Norderstedt 2013, S. 111–120. Vgl. dazu auch die Ortsnamen Dalmer bei Beckum (875 Dalehem > 1504 Dalem > *Dalm > *Dalmer Burscap > Dalmer) und Hörster bei Beelen (um 1336 Horst in par.[rochia] Belen > 1384 tor Horst > 1589 Hörster Bauerschaft > um 1800 Hörster). Claudia Maria Korsmeier, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 95f. u. 217f.

[13] Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erweiterte Aufl., Duisburg 2014, S. 110f.

[14] Ein möglicher mit r-Suffix gebildeter Gewässername *Ambter o.ä. ist wegen des aufgrund seiner archaischen Bildungsweise vorauszusetzenden hohen Alters eher unwahrscheinlich. Zudem findet sich auch kein entsprechender Bachlauf im Bereich Antrups. Denn Gewässer mit einem alten Namen weisen stets eine gewisse Größe und Länge auf. Vgl. dazu: Christof Spannhoff, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 45–49.

[15] Vgl. ausführlich dazu Christof Spannhoff, Ein umzäunter Wohnplatz. Ortsnamen sind immer auch eine wichtige Geschichtsquelle [zum Ortsnamen Lengerich], in: Unser Kreis 2017. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 30 (2016), S. 149–154; Ders., Lengerich (Historischer Atlas westfälischer Städte 11), Münster 2018, S. 4f.

[16] Einkünfte- und Lehns-Register der Fürstabtei Herford sowie Heberollen des Stifts auf dem Berge bei Herford, bearb. v. Franz Darpe, Münster 1892, S. 39.

[17] Hunsche, Friedrich Ernst, Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v.d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965, S. 190, S. 249 u. S. 257.

[18] Christof Spannhoff, Kattenvenne im Jahr 1312, in: Ders., Alles für die Katz’? Eine historische Anthologie zum Jubiläum „700 Jahre Kattenvenne“, Norderstedt 2013, S. 9–37.

[19] Elisabeth Schuster, Art. Amstetten, in: Deutsches Ortsnamenbuch, hrsg. v. Manfred Niemeyer, Berlin u. Boston 2012, S. 33.

[20] Darpe, Einkünfte- und Lehns-Register, S. 230.

[21] Birgit Meineke, Die Ortsnamen des Kreises Herford, Bielefeld 2011, S. 216f.

[22] Christof Spannhoff, Von Alstedde bis Wolfer. Ortsnamenstudien aus dem Tecklenburger Land, Norderstedt 2017, S. 16f.

[23] Jürgen Udolph, Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin u.a. 1994, S. 90f.

[24] Dazu ausführlich Udolph, Studien, S. 87–99.

[25] Leesch, Höferegister, S. 90.

[26] Ebd., S. 90.

[27] Ebd., S. 36.

[28] Ebd., S. 36.

[29] Ebd., S. 37.

[30] Ebd., S. 112.

[31] Ebd., S. 138.

[32] Ebd., S. 174.

[33] Zur Zerdehnung o > a vgl. Agathe Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, §§ 39–41, besonders §§ 88–91. Ferner: Agathe Lasch, „Tonlange“ Vocale im Mittelniederdeutschen, in: Dies., Ausgewählte Schriften zur niederdeutschen Philologie, hrsg. v. Robert Peters u. Timothy Sodmann, Neumünster 1979, S. 262–280; Agathe Lasch, Die mittelniederdeutsche Zerdehnung, in: Dies., Ausgewählte Schriften zur niederdeutschen Philologie, hrsg. v. Robert Peters u. Timothy Sodmann, Neumünster 1979, S. 281–307.

[34] Wilhelm Schlaug, Studien zu den altsächsischen Personennamen des 11. und 12. Jahrhunderts, Lund 1955, S. 215.

[35] Vgl. dazu Birgit Meineke, Die Ortsnamen des Kreises Lippe, Bielefeld 2010, S. 37f.: Avenhaus; Dies., Die Ortsnamen des Kreises Minden-Lübbecke, Bielefeld 2016, S. 316f.: Ovenstädt.

[36] Leesch, Höferegister, S. 90. Dazu: Bernhard Kewitz, Coesfelder Beinamen und Familiennamen vom 14. bis 16. Jahrhundert, Heidelberg 1999, S. 528.

[37] So stellt Kewitz den 1534 erwähnten Coesfelder Namen Albert tor Aven zu mittelniederdeutsch ouw, ouwe, owe, ow, ou. Kewitz, Beinamen, S. 307f. u. S. 528f.

[38] Das zeigt sich selbst sehr deutlich bei den von Kewitz zusammengestellten Belegen. Vgl. Anm. 33.

[39] Franz Rommel, Alsum und Schwelgern: zur Geschichte des untergegangenen Rheindorfes und der Hafenlandschaft in Duisburgs Nordwesten, Duisburg 1974, S. 28 u. S. 41f. mit einem Pendant ter Boven.

[40] Vgl. dazu Meineke, Ortsnamen Lippe, S. 37f,: Avenhaus; Dies., Die Ortsnamen der Stadt Bielefeld, Bielefeld 2013, S. 162: Ontrup; Dies., Ortsnamen Minden-Lübbecke, S. 316f.: Ovenstädt.

Denkmal gegen Fahnenband?

Der Lienener Kaiserstein existiert bereits seit 121 Jahren

Von Dr. Christof Spannhoff

Kaisereichen wurden in Lienen – spätestens seit den ab 1983 von den örtlichen Schützenvereinen abgehaltenen Kaiserschießen – bereits viele gepflanzt.[1] Aber der Lienener Kaiserstein ist im Ort und der Umgebung einmalig. An der Abzweigung des Postdamms von der Iburger Straße steht dieses Denkmal bereits seit 121 Jahren. Errichtet wurde die Findlingspyramide mit dem Reliefbild Kaiser Wilhelms I. (1797–1888, seit 1871 deutscher Kaiser) 1899 anlässlich der Feier des 25jährigen Bestehens des Kriegervereins Lienen, der 1874 gegründet worden war. So ist es für die Nachwelt auch auf der Rückseite des Ehrenmales festgehalten:

„Dem Andenken

Kaiser Wilhelms I.

Der Kriegerverein Lienen

1874 bei seiner 25. Jubelfeier

1899“.

„Das reichliche Vorhandensein von Findlingen in den postglazialen Landschaften war den Landwirten ein Ärgernis, so dass sie gerne bereit waren, die lästigen Brocken im Wege eines mehr oder weniger freiwilligen Spanndienstes zur Verfügung zu stellen. Darin bestand hierzulande in der wilhelminischen Zeit der Trick, relativ monumentale Denkmäler kostengünstig herzustellen“, schreibt der Historiker und Stadtarchivar Rolf Westheider über die nationalen Denkmäler im Versmolder Stadtpark, der im Lauf der Zeit zum „Abstellplatz der Geschichte“ avancierte.[2]

Der Kaiserstein in Lienen um 1910. Postkarte: Heimatverein Lienen

Die Idee, ein solches Bauwerk zu Ehren des ersten Kaisers in Lienen zu errichten, hatte sich der örtliche Kriegerverein aber mit Sicherheit beim Lienener Männergesangverein Loreley und den Lienener Schützen abgeschaut, die schon ein Jahr zuvor einen Stein für den ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) an der Holperdorper Straße (Abzweig Malepartusweg) gesetzt hatten. Hinzu kam aber vermutlich noch ein weiterer Grund: Denn der Kriegerverein Lienen wünschte sich zu seinem 25jährigen Bestehen ein Fahnenband, das unbedingt durch den damals amtierenden Kaiser, Wilhelm II. (1859–1941, seit 1888 deutscher Kaiser), verliehen werden sollte. Ein entsprechender Antrag beim Tecklenburger Landrat vom 22. Februar 1899 wurde aber zunächst nicht sonderlich befürwortet, weil sich der Lienener Verein hinsichtlich nationaler Gesinnung nicht mehr hervorgetan hatte als andere. Zudem gab es Schwierigkeiten mit den Inhalten der Satzung. Die Errichtung eines Kaiserdenkmals war in dieser Frage natürlich ein Pluspunkt. Und schließlich verlieh Wilhelm II. das ersehnte Fahnenband in den preußischen Farben (Schwarz und Weiß) und mit einem mit dem preußischen Wappen versehenen Nagel am 29. September 1899 dann doch, das vom Landrat in einer Feierstunde am Sonntag, dem 15. Oktober 1899, um 17 Uhr übergeben wurde.[3]

Der Lienener Kaiserstein heute. Foto: Ute Peters / Heimatverein Lienen

Aber warum ist eigentlich auf der 1899 errichteten Pyramide nicht der damals regierende Monarch abgebildet, sondern sein zu diesem Zeitpunkt bereits seit elf Jahren verstorbener Großvater? Im Gegensatz zu seinem Enkel war Wilhelm I. als Gründer des deutschen Reiches in die Geschichte eingegangen. Er war die Symbolfigur der deutschen Einheit, die Gesellschaft, Nation, Staat und Monarchie miteinander verband. Das ist auch der Grund dafür, dass es nur wenige Denkmäler für Wilhelm II., umso mehr aber für Wilhelm I. gab und gibt. Etwa 30 Monumente für den einen stehen hier deutschlandweit über 150 Standbilder für den anderen gegenüber.[4] Eines davon ist der Lienener Kaiserstein von 1899.

————————-

[1] Christof Spannhoff, Schlaglichter aus der Vereinsgeschichte, in: 1893–2018 – Mit Tradition in die Zukunft. Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Schützenvereins Lienen von 1893 e.V., hrsg. v. Schützenverein Lienen von 1893 e.V., Lienen 2018, S. 144–180, hier S. 171.

[2] Rolf Westheider, Park-Geflüster. Geschichten aus dem Stadtpark Versmold (Die Versmold-Edition. Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv Versmold. Neue Reihe 1), Versmold 2020, S. 16 (auch online: https://www.versmold.de/de-wAssets/docs/unsere-stadt/Geschichte/Versmold_Edition_1_Stadtpark.pdf ).

[3] Gemeindearchiv Lienen, Bestand B 698 „Kriegervereine im Amte Lienen“.

[4] Vgl. zur damaligen nationalen Denkmalpolitik: Sebastian Schröder, Porta Westfalica, in: Westfälische Erinnerungsorte. Beiträge zum kollektiven Gedächtnis einer Region, hrsg. v. Lena Krull (Forschungen zur Regionalgeschichte 80), Paderborn 2017 (2. Aufl. 2018), S. 143–155.

Jahrelang kopflos

Der Lienener Bismarckstein hat eine bewegte Geschichte

Von Dr. Christof Spannhoff

Wenn man sie zum Sprechen bringt, erzählen Gedenksteine spannende Geschichten aus der Vergangenheit. Diese Denkmäler sollten deshalb unbedingt erhalten, gepflegt und somit ein Teil der lokalen Erinnerungskultur bleiben. Ein solcher „Stein mit Historie“ ist auch der sogenannte Bismarckstein, der sich heute im Bereich der Kurve der Holperdorper Straße am alten Lienener Bahnhof befindet.

Der Lienener Bismarckstein heute. Fotos: Ute Peters / Heimatverein Lienen

Wie sein Name schon andeutet, erinnert dieses Denkmal ursprünglich an den deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck. Dieser wurde am 1. April 1815 in Schönhausen an der Elbe geboren und starb am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh östlich von Hamburg. Von 1862 bis 1890 war er preußischer Ministerpräsident, von 1867 bis 1871 zugleich Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes sowie von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches, an dessen Gründung er maßgeblichen Anteil hatte. Für dieses Verdienst wurde der vormalige Graf 1871 durch Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) in den Fürstenstand erhoben. Mit dem Enkel des ersten Kaisers, Wilhelm II. (1859–1941), kam es dann allerdings nach dessen Thronbesteigung 1888 zu Konflikten, die dazu führten, dass Fürst Bismarck 1890 seinen Dienst quittieren musste. Diese Entlassung hatte in Deutschland eine beispiellose Bismarckverehrung zur Folge, die sich nach dem Tod des ehemaligen Kanzlers noch verstärkte: Straßen und Plätze, Zechen und Schiffe, Kolonialgebiete und Gebirge oder sogar die Zubereitungsart von Heringsfilets wurden nach ihm benannt („Bismarckhering“). In Deutschland pflanzte man zudem zahlreiche Bismarckeichen und setzte Bismarcksteine oder -denkmäler. Schätzungsweise 100 Exemplare sind davon heute noch erhalten.[1]

Einweihung des Bismarcksteins am 1. April 1898 durch Mitglieder des Gesangvereins Loreley und die Lienener Schützen. Foto: Wilhelm Kriege / Heimatverein Lienen

Zu diesen gehört auch das Lienener Stück, das die Mitglieder des Männergesangvereins Loreley und des Schützenvereins Lienen zum 83. Geburtstag Bismarcks im Jahr 1898 einweihten. Drei Jahre zuvor hatten sie an gleicher Stelle „zum 80.“ bereits eine Bismarckeiche gepflanzt.[2] Ursprünglich stand das Denkmal an der Abzweigung des Malepartusweges beim Anwesen Hunsche (heute Holperdorper Str. 14). Anlässlich der Errichtung des Steins wurde auch eine Fotographie vom Fotoamateur Wilhelm Kriege gemacht[3], die die Vereine – vertreten durch die Vorsitzenden A. Hußmann (Gesangverein), H. Schomberg und Schriftführer G. Fletemeyer (beide Schützenverein) – am 18. Mai an den ehemaligen Reichskanzler „als Zeichen der dankbarsten Verehrung“ schickten. Bismarck bedankte sich mit einem Antwortschreiben vom 23. Mai durch seinen Leibarzt und Privatsekretär Rudolf Chrysander (1865–1950).[4] Die Lienener kamen mit ihrer Ehrung also gerade noch rechtzeitig, denn nur wenige Wochen später schloss Bismarck für immer die Augen.

Der Bismarckstein um 1910. Postkarte: Heimatverein Lienen

Der Bismarckstein in den 1960er Jahren. Fotos: Fritz Peters / Heimatverein Lienen

Dagegen entwickelte das Denkmal seit dieser Zeit ein gewisses Eigenleben: Sein Sockel, der anfangs nicht einmal einen halben Meter hoch war und aus kleineren Bruchsteinen bestand, wurde immer wieder verändert. So erhöhte man ihn später durch große Findlinge.[5] Im Sommer 1972 kam es dann wegen des Ausbaus der Holperdorper Straße zu einer Versetzung des Steins an seine heutige Stelle.[6] Zwischenzeitlich war das Denkmal, das neben der Inschrift „v. Bismarck“ und der Jahreszahl 1898 auch das bronzene Konterfei des Reichskanzlers aufwies, jedoch jahrelang seines Bildnisses beraubt. Erst 2005 stiftete der Heimatverein Lienen unter Vorsitz von Friedel Stegemann einen neuen Bismarckkopf, der von dem Künstler Leo Janischowsky nach einer alten Fotovorlage angefertigt wurde. Janischowsky schuf auch den im selben Jahr aufgestellten Krammetsvogelfänger am Haus des Gastes – ein weiteres Lienener Denkmal, allerdings aus jüngerer Zeit.[7]

—————————————-

[1] Thomas Gräfe, Bismarck-Mythos und Politik. Die Mythisierung und Politisierung der Bismarckverehrung durch die Parteien und Verbände des nationalen Lagers zur Wilhelminischen Zeit 1890–1914, Hamburg 2014; Ders., Tourismusförderung oder nationalistische Kultstätten? Die Bismarcktürme in Vlotho und Porta Westfalica 1902-1952, in: Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford 26 (2019), S. 212–237.

[2] Friedrich Schmedt, Lienen in alten Ansichten, Bd. 1, Zaltbommel/NL 1978, Nr. 98; Christof Spannhoff, Schlaglichter aus der Vereinsgeschichte, in: 1893–2018 – Mit Tradition in die Zukunft. Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Schützenvereins Lienen von 1893 e.V., hrsg. v. Schützenverein Lienen von 1893 e.V., Lienen 2018, S. 144–180, hier S. 152.

[3] Schmedt, Lienen, Nr. 98.

[4] Maria Wellmeyer, Bismarckstein in neuer Umgebung: Gedenkstein wurde umgesetzt. Auszug aus Protokollbuch, in: Tecklenburger Landbote vom 1. August 1972.

[5] Das zeigen die Abbildungen des Denkmals zwischen 1898 und 1910.

[6] Wellmeyer, Bismarckstein.

[7] Spannhoff, Schlaglichter, S. 154f.

Als der König durch Lienen kam

Stein am Alten Farmhaus erinnert an Wege- und Brückenbau vergangener Tage

Von Dr. Christof Spannhoff

Wenn man sie zum Sprechen bringt, erzählen Gedenksteine spannende Geschichten aus der Vergangenheit. Diese Denkmäler sollten deshalb unbedingt erhalten, gepflegt und somit ein Teil der lokalen Erinnerungskultur werden. Auch in der Sandsteinmauer zum Alten Farmhaus befindet sich ein solcher Stein. Auf seiner Schauseite zeigt er drei Felder: In der Mitte findet sich die Inschrift ANNO 1772. Diese Datierung ist auf beiden Seiten flankiert von den Schriftzeichen FR, die sich unter einer Krone befinden. Die bekrönten Buchstaben FR stehen für das lateinische „Fridericus Rex“, was zu Deutsch „König Friedrich“ bedeutet.

Der Stein in der Mauer beim Alten Farmhaus ist ein ehemaliger Brückenstein aus dem Jahr 1772. Foto: Heimatverein Lienen

 

1772 ist damit kein anderer als Friedrich II. von Preußen (1712–1784) gemeint, der als „der Große“ in die Geschichte eingegangen ist. Seit 1740 war dieser preußische Herrscher auch Landesherr der Grafschaft Tecklenburg, die de facto 1707, endgültig 1729 dem brandenburgisch-preußischen Staatsverband angehörte.[1] Doch was hat es mit dem königlichen Stein auf sich? Sein Ursprung liegt im Wege- und Brückenbau des 18. Jahrhunderts: Um 1750 wurden die Wege und Straßen in Lienen noch als „in sehr miserabelen Umständen“ bezeichnet. Ein geharnischter Erlass der preußischen Regierung in Minden vom 30. Mai 1751 befahl daher allen Untertanen, sich auf amtliche Anweisung der Wegebesserung zu unterziehen. Sie sollten allerdings dazu „tüchtige Leute und keine Weiber oder Kinder“ schicken, was anscheinend in der Vergangenheit der Fall gewesen war. Bei Weigerung wurden Züchtigungen und Gefängnisstrafen in Aussicht gestellt. Diese drakonischen Maßnahmen wurden ergriffen, weil der König für Juni des Jahres seine Durchfahrt durch Lienen und Lengerich auf der Reise nach Emden avisiert hatte. Das Dorf erhielt aus diesem Grunde ein neues Steinpflaster von 186 Fuß (etwa 57 Meter) Länge und 16 Fuß (etwa 5 Meter) Breite, das sich aber 1760 bereits wieder in desolatem Zustand befand. 1768 wurde erneut die Passage des preußischen Königs durch Lienen erwartet und darum wieder „Wegebesserung“ befohlen. Damals war die Brücke über den „Sürkenbach“, der entlang des heutigen Weges „Zum Teich“ und der Schulstraße floss, zerfallen und musste erneuert werden. Nach der Vorstellung des Lienener Amtmanns Christian Ernst Arendt (Amtmann von 1724 bis 1774) sollte diese nicht aus Holz, sondern aus Steinen gebaut werden. Aber erst 1772 wurde die Brücke schließlich fertiggestellt. Davon zeugt noch der Stein in der Mauer beim Alten Farmhaus. Der aus Hausteinen errichtete Übergang wurde deshalb auch „Friedrichs-Brücke“ genannt.[2] Auch in Ladbergen soll sich die „Königsbrücke“ angeblich die Initialen des Königs getragen haben.[3] 1910 wurde die Lienener Brücke im Zuge der Anlage eines neuen Straßenpflasters und der Verrohrung des Sürkenbaches abgebrochen. Den Brückenstein bewahrte man allerdings als Andenken im Garten des Amtshauses, der heutigen Gemeindeverwaltung, auf.[4] Später gelangte er an seinen heutigen Standort.

Die Befestigung der Straßen in Lienen, aber auch andernorts, war ein Dauerthema. Die sogenannte Kuhstraße (heute Iburger Straße) wurde als ein „wahrer Morast“ bezeichnet, generell das Lienener Straßenpflaster 1778 als derart ruiniert beschrieben, dass Wagen darin zerbrechen könnten.[5]

Wenn der König durch Lienen kam, mussten aber nicht nur die Wege in Stand gebracht sein, sondern auch Pferde für den Wagen des Monarchen gestellt werden. Als der Nachfolger des alten Fritz‘, Friedrich Wilhelm II. (1744–1797, ab 1786 König), 1788 auf der Reise von den Niederlanden nach Potsdam durch die nördliche Grafschaft Tecklenburg kam, waren aus Lienen 60 Pferde für dessen Station in Osnabrück zu liefern. Allein für die Kutsche des Königs waren acht Rappen notwendig, die von den Bauern Hußmann, Jasper, Altekruse, Meyer in Westerbeck, Johann Dothage, Altevogt, Wieneke und Teeske gestellt wurden. Der Kattenvenner Bauer Gerddothage erlitt damals bei der Überführung der Pferde nach Osnabrück einen Beinbruch.[6] Das Kinderlied „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp“ mit der Warnung vor dem Brechen der Beine auf dem Weg „über Stock und über Steine“ hat also einen durchaus historischen Hintergrund.

——————————–

[1] Harm Klueting, Grafschaft und Großmacht. Mindermächtige Reichsstände unter dem Schutz des Reiches oder Schachfiguren im Wechselspiel von Großmachtinteressen: Der Weg der Grafschaft Tecklenburg vom gräflichen Territorium zur preußischen Provinz, in: Menschen und Strukturen in der Geschichte Alteuropas. Festschrift für Johannes Kunisch zur Vollendung seines 65. Lebensjahres, hrsg. v. Helmut Neuhaus u. Barbara Stollberg-Rilinger, Berlin 2002, S. 103-131. Hier auch ausführliche Quellen- und Literaturverweise.

[2] Adolf Hagedorn, Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Lienen und des Kreises Tecklenburg 1700-1815, in: Heimatjahrbuch des Kreises Tecklenburg 1925, S. 7-76, hier S. 69.

[3] Hans-Claus Poeschel, Alte Fernstraßen in der mittleren westfälischen Bucht, Münster 1968, S. 59 u. 73.

[4] Hagedorn, Beiträge S. 69.

[5] Ebd. S. 70.

[6] Ebd., S. 70.

Überlegungen zur Entstehung der Burg Tecklenburg

Otto von Zutphen, genannt „der Reiche“, könnte Gründer der Anlage gewesen sein

Von Dr. Christof Spannhoff

Ein wichtiges Element im Entstehungsprozess der Grafschaft Tecklenburg im Mittelalter war die gleichnamige Burg, die vermutlich in der Zeit verstärkten Burgenbaus zwischen 1050 und 1125 als weithin sichtbare Höhenburg angelegt wurde.[1] Sie war das Herrschaftszentrum der sich nach ihr nennenden Grafen.[2] Doch wann und wie entstand diese Anlage eigentlich, die auch die Keimzelle der heutigen Stadt Tecklenburg ist?

Schriftlich nachweisen lässt sie sich indirekt erstmals im Jahr 1139 mit der Nennung des Grafen Egbert von „Tengenburc“ (das ist Tecklenburg).[3] Dieser gehörte der Familie der Grafen von Saarbrücken an und war durch verwandtschaftliche Beziehungen und Erbrechte in den Norden Westfalens gelangt.[4] Zwischen 1167 und 1191 ereignete sich dann ein Vorgang, der Rückschlüsse auf die Anfänge der Burg zulässt. Damals kaufte der Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg – neben zahlreichen weiteren westfälischen Festungen – die Tecklenburg für 3300 Mark, die er dann wieder als Lehen an die früheren Inhaber zrückgab. Ziel war es, eine enge politische Verbindung der Burgherren an den Erzbischof zu erreichen. Nach der Aufzeichnung in der entsprechenden Güterliste sollte Graf Simon von Tecklenburg allerdings nur 2000 Mark des Kaufpreises erhalten, den Rest von 1300 Mark der Graf von Geldern bekommen.[5] Diese Nachricht beweist, dass die Burg Tecklenburg damals gemeinsames Eigentum sowohl der Grafen von Tecklenburg als auch der Grafen von Geldern war. Das bedeutet aber, dass beide Adelsfamilien die Burg ererbt hatten. Weder die Gelderner noch die Tecklenburger waren also vermutlich die Erbauer der Burg, sondern vielmehr beider Rechtsvorgänger und Erblasser.[6] Das waren – nach allem, was heute bekannt ist – die Grafen von Zutphen.[7] Otto von Zutphen, genannt „der Reiche“ († 1113), übte das Amt des Vogtes über die Güter des Klosters Corvey an der Weser in der Diözese Osnabrück aus, zu der seit jeher auch das Tecklenburger Land gehörte. In dieser Funktion trug er zudem einige der Corveyer Besitzungen zu Lehen, nannte aber darüber hinaus selbst Güter im Osnabrücker Raum sein Eigen.[8] Dieser Otto, der 1063 die Herrschaft angetreten hatte[9], könnte daher als der Erbauer der ersten Tecklenburg anzusehen sein. Vermutlich handelte es sich um eine steinerne Turmburg mit Mauer und Graben – vergleichbar mit der Burg Holte bei Bissendorf.[10] Eine andere Urkunde, die aus dem 1184 stammt, wirft ein weiteres Schlaglicht auf das Entstehungsdunkel. Darin heißt es: „Fuit quondam in terminis nostris castrum Bardenburg dictum, quod nunc in Tikeneburgense castrum est demutatum, cui domus agriculture Bardenchusen dicta contigua erat, cujus omnis possessio et utilitas dominis castri Tikeneburgensis hereditario semper jure pertinebat“[11], was man übersetzen kann, dass eine Verlegung des Wohnsitzes der Bewohner der Bardenburg bei Oesede nach der 16 Kilometer Luftlinie entfernten Tecklenburg stattgefunden habe.[12] Und wirklich ist es sehr wahrscheinlich, dass Otto von Zutphen auch Besitzer der genannten Bardenburg mit dem Wirtschaftshof Bardinghaus und dem zugehörigen Sundern (Sonderrechtsbezirk, zumeist als Wald genutzt) gewesen ist.[13] 1118 übten seine Witwe Judith und sein Sohn Heinrich noch markenherrliche Rechte in Oesede aus.[14] Zudem scheint die Bardenburg seit dem 9. Jahrhundert Eigentum des Klosters Corvey gewesen zu sein, das zwischen 836 und 891 von der Edlen Wigswid das Gut „Bardonhusun“ tradiert bekam.[15] Möglichweise trug Otto von Zutphen also die Bardenburg zu Lehen des Klosters und erbaute später – vermutlich um 1100 – die Höhenburg Tecklenburg an einer mittelalterlichen Passstraße über den Teutoburger Wald.[16] Der Grund der Verlegung des Herrschaftsschwerpunktes von der alten, schon im Frühmittelalter bestehenden Bardenburg zur neuen Tecklenburg mag in dieser günstigeren Verkehrslage zu suchen sein.

—————————

[1] Manfred Groten, Die Erforschung des hochmittelalterlichen Adels im Rheinland. Bilanz und Perspektiven, in: Verortete Herrschaft. Königspfalzen, Adelsburgen und Herrschaftsbildung in Niederlothringen, hrsg. v. Jens Lieven u.a., Gütersloh 2014, S. 191–210; Werner Freitag, Burgen in der westfälischen Landesgeschichte des Mittelalters, in: Burgen in Westfalen. Wehranlagen, Herrschaftssitze, Wirtschaftskerne, hrsg. v. Werner Freitag u. Wilfried Reininghaus, Münster 2012, S. 27–45.

[2] Diana Zunker, Adel in Westfalen. Strukturen und Konzepte von Herrschaft (1106–1235), Husum 2003, S. 240f.

[3] Mainzer Urkundenbuch, Bd. 2, Nr. 7 (1139).

[4] Johannes Bauermann, Die Abkunft der ersten Grafen von Tecklenburg, in: Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg 68 (1972), S. 9–42; Zunker, Adel, S. 198–200.

[5] Zunker, Adel, S. 240f.

[6] Werner Hillebrand, Besitz- und Standesverhältnisse des Osnabrücker Adels 800 bis 1300, Göttingen 1962, S. 41f.

[7] Zunker, Adel, S. 198–200 u. S. 243–248.

[8] Zunker, Adel, S. 257.

[9] Albert K. Hömberg, Geschichte der Comitate des Werler Grafenhauses, in: Westfälische Zeitschrift 100 (1965), S. 9–133, hier S. 91.

[10] Bodo Zehm, Jan-Eggerik Delbanco, Holte und die Holter Burg, Regensburg 2011.

[11] Osnabrücker Urkundenbuch, Bd. 1, Nr. 375 (1184).

[12] Hillebrand, Besitz- und Standesverhältnisse, S. 41f. Hier auch die Zurückweisung anderer Interpretationen der Textstelle (ebd., S. 41f. Anm. 200). Gegen diese Auslegung haben sich vor allem Fressel und Knoke gewandt. Allerdings stützen sich beide auf Voraussetzungen, die nach heutiger Forschungslage nicht mehr stichhaltig sind. Richard Fressel, Tuckesburg, Bardenburg oder Tecklenburg? Ein Beitrag zur Frage des Abstammung und Stammburg der Tecklenburger Grafen, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 34 (1909), S. 377–379 mit der bis dahin geführten Diskussion zum Thema; Friedrich Knoke, Die Burg auf dem Rerenberge bei Oesede, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 35 (1910), S. 140–149, hier S. 146–149.

[13] Günther Wrede, Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975–1980, Bd. 1, S. 44, Nr. 132. Zur Geschichte der Bardenburg, für die sich eine wohl früh- und eine hochmittelalterliche Bauphase feststellen lässt, mit Zusammenstellung der einschlägigen Literatur: Wolfgang Schlüter, Die Bardenburg auf dem Reremberg in Oesede, Stadt Georgsmarienhütte, Landkreis Osnabrück, in: Burgen und Befestigungen, hrsg. v. Wolfgang Schlüter, Bramsche 2000, S. 97–101. Er schreibt abschließend (S. 100): „Die Bardenburg bildete einschließlich Zubehör alten tecklenburgischen Besitz aus der Erbschaft der Grafen von Zütphen [!]. Vor 1147 hatten die Grafen von Tecklenburg diesen Besitz dem Osnabrücker Bischof zu Lehen übertragen. 1184 schenkten sie die Burg dem Kloster Oesede und gaben sie zugunsten der Tecklenburg endgültig auf.“ Albert K. Hömberg, Grafensippen? Kritische Bemerkungen zu Ruth Schölkopf, Die Sächsischen Grafen (919–1024), in: Osnabrücker Mitteilungen 68 (1959), S. 361–366, hier S. 363, nennt die Bardenburg eine Burg karolingisch-ottonischen Typs und weist darauf hin, dass es sich um keine sächsische Fliehburg handelt.

[14] Osnabrücker Urkundenbuch, Bd. 1, Nr. 230 (1118).

[15] Wrede, Ortsverzeichnis, Bd. 1, S. 44, Nr. 132. Diese Identifizierung vertreten auch Hermann Dürre, Die Ortsnamen der Traditiones Corbeienses, in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde (Westfalen) 41 (1883), S. 3–128, hier S. 32, und Hermann Osthoff, Frühe Ortsnamen im Osnabrücker Land. Corrigenda zum Osnabrücker Urkundenbuch I, in: Osnabrücker Mitteilungen 78 (1971), S. 1-54, hier S. 3. Ludolf Fiesel, Franken im Ausbau des altsächsischen Landes, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 44 (1972), S. 74-158, hier S. 139, hingegen setzt das Gut Bardonhusun mit Barnsen bei Uelzen gleich. Leopold Schütte, Die alten Mönchslisten und die Traditionen von Corvey, Teil 2: Indices und andere Hilfsmittel, Paderborn 1992, S. 184, T 194, urteilt: „Wenn man die Traditionsorte der (identischen?) Personen Wigswid ernst nimmt, kommt wegen 221 Thurisloun und 242 Hummi u.a. für Bardonhusun ein Ort im südlichen Bistum Paderborn oder an seiner Südgrenze in Frage.“

[16] Helmut Naumann, Tecklenburg und die Hansestraße Köln–Bremen, in: Unser Kreis 1991. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 4 (1990), S. 140–158.

Wie kam die Kirche ins Dorf?

Überlegungen zur Kirchengründung in Riesenbeck und zum Ursprung der Reinhildis-Legende

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie kam die Kirche ins Dorf Riesenbeck[1] und wieso findet sich in einer kleinen Dorfkirche die aus kunstgeschichtlicher Perspektive nicht unbedeutende Grabplatte der heiligen Reinhildis? Diesen beiden bisher nicht ausreichend beantworteten Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

Es geht in diesem Beitrag also vorrangig um die erste Kirchengründung in Riesenbeck.[2] Diese ist aber – nach Ansicht des Verfassers – wohl kaum zu trennen von der historischen Person der Riesenbecker Reinhildis, deren Grabdenkmal bis heute in der Riesenbecker Kirche bewahrt wird. Denn die aufwendig gestaltete Grabplatte – darin ist sich die historische Forschung einig – kann nur für eine bedeutende Persönlichkeit angefertigt worden sein.[3] Und Reinhildis muss mit dem Stifter der Kirche in familiärer Verbindung stehen. Denn Kircheninnenbestattungen waren im Mittelalter aufgrund der kirchenrechtlichen Vorgaben lediglich Klerikern und dem Adel vorbehalten, in mittelalterlichen Eigenkirchen eigentlich nur Mitgliedern der Stifterfamilie.[4]

Wer war also die treibende Kraft hinter der Riesenbecker Kirchengründung und warum? Die Ergebnisse dieser Überlegungen dürften dann auch einen Erklärungskontext für die Grabplatte der historischen Person Reinhildis liefern.

Kirchengründungen im Mittelalter

Zunächst einmal sollen zur besseren Einordnung die Bedingungen und Abläufe einer Kirchenneugründung vorausgeschickt werden, denn eine Kirche konnte nicht einfach auf „grüner Wiese“ erbaut werden. Mit ihrer Gründung war ein komplexer Stiftungsvorgang verbunden, der allerdings auf Grundlage der spärlich überlieferten Quellen heute vielfach nur noch recht rudimentär zu erfassen ist.

Hinsichtlich mittelalterlicher Kirchengründungen ist zunächst einmal zwischen dem Eigenkirchenwesen und dem Patronatskirchenwesen zu unterscheiden. Nach dem damaligen kanonischen bzw. Kirchenrecht war im frühen Mittelalter bis in das 12. Jahrhundert hinein die Schaffung einer Kirche ein Recht, das jedem Stifter freistand. Als Stifter konnten damals etwa der König oder der Adel, also kirchliche Laien, aber auch Bischöfe oder Äbte und Äbtissinnen, also Kleriker, in Erscheinung treten, die über das entsprechende Vermögen zur Gründung einer Kirche verfügten.[5] Denn neben dem Grundstück (fundus) und den Kosten für den Bau des Kirchengebäudes (aedificium), die zunächst aufgebracht werden mussten, war ebenso die zukünftige Versorgung des Pfarrers und die dauernde Erhaltung der Gebäude sicherzustellen (dos).[6] Es ergaben sich folglich fortlaufende Ausgaben, die zu finanzieren waren. Deshalb bedurfte eine Kirchengründung auch über das eigentliche Grundstück und das Bauwerk hinaus weiterer Besitzungen und Einkünfte. Eine Kirchengründung setzte zudem voraus, dass das Gotteshaus unter den Schutz einer oder eines Heiligen gestellt wurde. Diese Widmung wird auch als Patrozinium bezeichnet. Dazu mussten aber auch Überreste bzw. Gegenstände der oder des betreffenden Heiligen im Altar der Kirche untergebracht werden. Das Patrozinium einer Kirche war somit nicht frei wählbar, sondern richtete sich danach, welche Reliquien der Stifter zu diesem Zweck gewinnen konnte.[7]

Da mittelalterliche Kirchen stets auf dem Grundbesitz des Stifters errichtet wurden, sind viele damalige Gotteshäuser auf deren Herrenhöfen oder Fronhöfen (curiae/curtes) gebaut worden, die später im Münsterland als Schultenhöfe in Erscheinung treten. Diese Herrenhöfe waren oft jünger als die ältesten Bauernhöfe und erst im 9. oder 10. Jahrhundert eingerichtet worden. Deshalb lagen sie vielfach auch am Rand der ursprünglichen bäuerlichen Siedlung auf Böden zweiter Wahl.[8]

Die auf diese Weise gestiftete Kirche gehörte anschließend dem Stifter eigentums- und besitzrechtlich. Er verfügte vermögensrechtlich vollständig über sie, das heißt, ihm standen sämtliche Einnahmen der Kirche persönlich zu. Das lag daran, dass sich das Gotteshaus auf seinem Grund und Boden befand. Zudem hatte er das Recht, den Geistlichen seiner Einrichtung zu bestimmen (Nomination/Präsentation) und als Seelsorger in seiner Kirche einzusetzen (Investitur). Zunächst ging das noch ohne die Zustimmung des zuständigen Bischofs. Eine Eigenkirchengründung konnte somit auch zur Versorgung von Verwandten des Stifters dienen, indem sie die Pfarrstelle erhielten und die Einkünfte aus dem Stiftungsvermögen bezogen.[9]

Die Tatsache, dass kirchliche und weltliche Grundherren recht frei auf ihren Ländereien Kirchen stiften und gründen konnten, macht auch deutlich, dass für das frühe Mittelalter kein geplantes Netz von Kirchen angenommen werden kann. Ihre Standorte waren damals noch recht zufällig und folgten keinem übergeordneten System oder Plan, den etwa der Bischof einer Diözese vorgab.[10] Um es ganz deutlich zu betonen: Es gab damals noch kein geplantes Netz von Pfarreien!

Die jeweiligen Kirchen hatten ursprünglich auch keinen festen Sprengel bzw. räumliche Grenzen, sondern die frühen „Kirchengemeinden“ waren – wie etwa auch die Bauerschaften oder Markengemeinschaften – ein Personenverband. Eine bestimmte Personengruppe gehörte zu einer Kirche.[11] Zumeist waren dies anfänglich die Hörigen des Kirchengründers. Erst im Lauf der Zeit – mit zunehmender Dichte an Kirchen im Hochmittelalter – wurden aus den Personenverbänden in der Neuzeit auch räumliche Bezirke mit linearen Grenzen. Das zeigt sich vermutlich auch daran, dass seit dem 11. Jahrhundert das lateinische Wort parochia, das zuvor zur Bezeichnung der Diözese verwendet wurde, nun zunehmend für die Pfarrei gebraucht wurde.[12] Parochia löste das ältere ecclesia ‚Kirche‘ ab. Hier verschob sich also der Fokus vom eigentlichen Kirchengebäude zum Kirchspiel hin, also dem Bezirk einer Pfarrkirche: „Damit liegt nahe, dass das neue Wort auch eine neue Sache meint, eben die oben schon umschriebene Pfarre, die es so früher offenbar nicht gegeben hat“.[13]

Von diesem Eigenkirchenwesen als einem „dezentralen und laikalen System“ unterschied sich grundlegend das im 12. Jahrhundert aufkommende und unter Papst Alexander III. (1159–1181) eingeführte Kirchenpatronat. Als Folge des „Investiturstreits“ wurde das Eigenkirchenrecht im Lauf des 12. Jahrhunderts durch das sogenannte Patronatsrecht abgelöst. Dadurch sollte der Einfluss der weltlichen Großen als Stifter von Kirchen, aber auch der von ihnen eingesetzten Pfarrer begrenzt werden. Gleichzeitig sollte die Autorität der Bischöfe durch die Zentralisierung der kirchlichen Strukturen gestärkt werden.[14] Die Stifter – gleichgültig ob weltlich oder geistlich – verloren durch diese Entwicklung die vermögensrechtliche Kontrolle über ihre Kirchen. Sie behielten allerdings das Recht, den Pfarrer ihrer Wahl zu benennen und zu präsentieren. Die eigentliche Einsetzung (Investitur) des vorgeschlagenen Seelsorgers nahm nun aber der Bischof der jeweiligen Diözese vor, in der die Pfarrei lag. Allerdings konnte der Bischof den präsentierten Kandidaten nur ablehnen, wenn dieser des vorgesehenen Amtes nicht würdig war (Ideoneitätsprinzip).[15] Durch die Einführung und Etablierung des Patronatsrechts versuchten die Bischöfe, ihren Zugriff auf die Pfarreien innerhalb ihres Diözesansprengels zu verstärken. Und erst jetzt begannen sie, eine tatsächliche Pfarrorganisation aufzubauen.[16] Neben ihren eigenen alten Eigenkirchen, denn auch die kirchlichen Ordinarien hatten auf ihren Besitzungen Kirchen gegründet, und einigen von ihnen geschaffenen Neugründungen legten die Bischöfe nun vor allem den Grad der Selbstständigkeit einer Kirche fest. Sie bestimmten, welche Sakramente die untergeordneten Geistlichen spenden durften und welche Einnahmen ihnen zustanden.[17] Der Bischof entschied, welche Kirchen zu Pfarrkirchen wurden oder welche Gotteshäuser Kapellen blieben und einer anderen Kirche untergeordnet waren. Denn erst mit dem Patronatsrecht wurde auch der Pfarrzwang eingeführt, der die Menschen einer bestimmten Pfarrkirche zuordnete (Parochianen), in der sie den Gottesdienst zu besuchen hatten – auch wenn andere Gotteshäuser bzw. Kapellen näher oder verkehrsgünstiger lagen – und an die sie ihre Abgaben (Stolgebühren, zu stola ‚liturgisches Gewandstück‘) etwa für Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen leisten mussten.[18]

 Die Kirchengründung in Riesenbeck

Nach Auskunft der überlieferten Urkunden dürfte die erste Kirche in Riesenbeck im 12. Jahrhundert auf einem Herren- oder Fronhof der Grafen von Ravensberg oder ihrer unmittelbaren Rechts- und Besitzvorgänger gegründet worden sein.[19] Während nämlich in den Urkunden des 11. Jahrhunderts weder von einer Kirche (ecclesia) noch von einem Kirchspiel (parochia) die Rede ist[20], wird erstmals 1188 von einer parrochia Risenbeke bzw. einer dortigen dos (Pfarrgut) gesprochen[21], die beide eine Kirche voraussetzen. In einer Urkunde des Jahres 1160 dürfte bereits die Riesenbecker Kirche erwähnt sein. Dort heißt es: „aput Bergeshovede decimę domus unius, tres diurnales terrę in occidentali plaga ęcclesię“.[22] Es muss also in der Nähe von Bergeshövede – und zwar östlich – eine Kirche existiert haben, zu deren westlichen Bereich (in occidentali plaga) Bergeshövede gehört hat. 1224 wird eine Synode (Send) in Riesenbeck abgehalten[23] und 1231 bzw. 1234 ein Riesenbecker Priester (clericus; sacerdos) namens Gerhard genannt.[24] Dass es sich bei der Riesenbecker Kirche um eine Gründung der Grafen von Ravensberg oder ihrer unmittelbaren Rechtsvorgänger handelt, wird daraus ersichtlich, dass Graf Otto von Ravensberg 1262 als Patron der Riesenbecker Kirche, also als Eigenkirchen- bzw. Patronatsherr genannt wird (Otto comes de Rauensberg, patronus ecclesie in Risenbeke).[25] Hinzu kommt, dass bereits im Ravensberger Erbteilungsvertrag von 1224 die Riesenbecker Kirche und ihr Zubehör (ecclesiam in Rysenbeke et omnia que illi attinent et advocatam illius) unter den Besitzungen der Ravensberger erscheinen.[26] 1270 verkaufte dann Graf Otto von Ravensberg mit Zustimmung seines Bruders Ludwig, Propst von St. Johann in Osnabrück, und seiner Frau Hathewigis das Eigentumsrecht an den Gütern und den Menschen, die zur Kirche zu Riesenbeck gehören, sowie den Platz, auf dem die genannte Kirche errichtet wurde, dem Kloster Gravenhorst (locum eciam [!], super quem ecclesia dicta fundata est).[27] Nach dem Verkauf hatte das Kloster Gravenhorst das Patronatsrecht über die Riesenbecker Kirche inne.[28] Als Patron der Riesenbecker Kirche wird 1280 bereits der heilige Calixtus genannt (beati Kalxti patroni).[29]

Die Riesenbecker Reinhildis

Die Gründung der Riesenbecker Kirche steht also ausweislich der Schriftzeugnisse in engem Zusammenhang mit den Ravensberger Grafen.[30] Das ist ebenfalls für die historische Person der Reinhildis zu unterstellen[31], die durch ihr Grabdenkmal in der Riesenbecker Kirche belegt ist. Denn die spätere Legende (s.u.) verortet Stationen des Lebens der Heiligen in Riesenbeck und Westerkappeln.[32] In letzterem Ort sei Reinhildis geboren.[33] Doch auch in Westerkappeln hatten die Ravensberger Grafen Besitz.[34] Insgesamt treten im Tecklenburger Land nur die ravensbergischen Besitzschwerpunkte Westerkappeln und Riesenbeck auf.[35] Das lässt vermuten, dass auch die historische Reinhildis in Zusammenhang mit den Ravensberger Grafen oder ihren unmittelbaren Rechtsvorgängern steht, von denen sie den Besitz in den beiden Orten übernommen haben. So urteilt Werner Hillebrand 1962: „Unklar ist aber Herkunft und Bedeutung der Ravensberger Güter in der Grafschaft Tecklenburg. In Westerkappeln und Gravenhorst/Riesenbeck lassen sich ziemlich isolierte Besitzungen fassen. Ob es sich hierbei um Teile der Zütfener Erbschaft handelte oder aber sonstiger Erwerb angenommen werden muss, bleibt unklar. Bedeutung besaßen beide Anlagen insofern, als das Amt des Ravensberger Freigrafen in der Familie ihres Ministerialen zu Cappeln (= Westerkappeln) erblich war, während sich der Gravenhorster Besitz durch seine Verbindung mit einer Eigenkirche in Riesenbeck auszeichnete. In diesen Grundherrschaften könnte man vielleicht Heiratsgut o.ä. sehen, das ob seiner isolierten Lage den Ravensbergern eher zufällig zugekommen war.“[36] Drei Jahre später machte dann Albert K. Hömberg wahrscheinlich, dass sowohl die Grafen von Tecklenburg als auch die Grafen von Ravensberg und Geldern Erben der Grafen von Zutphen waren, woraus sich auch die Gemengelage ihrer Rechte und Besitzungen im Tecklenburger Land begründen lässt.[37] Wenn auch die dezidierten genealogischen Erörterungen Hömbergs heute als in vielen Punkten als fraglich angesehen werden müssen, so ist unzweifelhaft zutphenscher Besitz in den Händen der Ravensberger nachzuweisen.[38] Über die Zutphener lässt sich zudem auch erklären, wie die vermutlich ursprünglich corveyischen Besitzungen in Westerkappeln[39] überhaupt an die Ravensberger gekommen sind.[40] Denn Otto von Zutphen besaß die Teilvogtei als Unterlehen Ottos von Northeim über die Corveyer Güter im Osnabrücker Nordland, die sich später in den Händen der Ravensberger finden.[41] Über die Zutphener waren die Ravensberger auch mit den Grafen von Geldern verwandt.[42] In dieser Familie ist aber bezeichnenderweise der Name Gerhard verbreitet gewesen, der sich auch auf dem Grabstein der Reinhildis als Stifter des aufwändigen Monumentes findet.[43] Auch bei den mit den Geldernern und Ravensbergern besitzmäßig und vermutlich auch verwandtschaftlich verbundenen Tecklenburgern erscheint im 12. Jahrhundert der Name Gerhard.[44]

Auf eine enge Verbindung der Kirche in Riesenbeck mit den Grafen von Zutphen bzw. Geldern als Vorgänger der Ravensberger könnte zudem das seltene Patrozinium des hl. Calixtus hinweisen (s.o.)[45], sofern dies in Riesenbeck bis in die Zeit der Kirchengründung zurückreicht[46], das auch in Groenlo, also in unmittelbarer räumlicher Nähe von Zutphen, nachzuweisen ist.[47] Möglicherweise lassen sich diese Beziehungen auch noch in Verkaufsurkunden der Jahre 1490 und 1579 erkennen.[48]

Das Grabdenkmal der Reinhildis

Es stellt sich nun die Frage, ob das überlieferte Grabdenkmal der Reinhildis dieser Ansicht entgegensteht oder die These stützt. Die Grabplatte selbst ist das einzige belastbare Zeugnis für die Existenz der historischen Reinhildis, denn die Legende lässt sich – soweit bislang bekannt – erstmals 1629 im Hausbuch des Sweder von Schele (1569–1639) nachweisen.[49] Im dritten Teil dieser Werks berichtet der Ritter über die Kirche in Riesenbeck und teilt sowohl die Inschrift des Grabsteins als auch die Legende in knapper Form mit.[50] Danach war Reinhildis (Reinhild offte Renli) eine fromme Bauerntochter aus Westerkappeln (van Kappelen bi der Langenbruggen), die öfter das von ihr zu hütende Rindvieh (beesten) allein ließ und zur Kirche ging. Deswegen habe der Stiefvater sie gehasst (gehatet) und der Mutter geraten, sich ihrer zu entledigen. Als eines Tages der Stiefvater nach Osnabrück geritten sei, habe die Mutter Reinhildis erschlagen, woraufhin auch der anstiftende Stiefvater, als er nach Haus zurückkehrte, betrunken vom Pferd fiel und sich den Hals brach. Die Leiche der ermordeten Reinhildis wurde nicht begraben, sondern auf einen Rinderkarren gelegt und das Gespann laufen gelassen, um zu sehen, wohin die Tiere die Tote bringen würden. In Riesenbeck habe das Gefährt dann gehalten und dort habe man anschließend die Kirche errichtet.

Nach einer ausführlicheren, aber später aufgezeichneten Fassung soll Reinhildis ein frommes Bauernmädchen aus Westerkappeln gewesen sein[51], das es für sündig erachtete, selbst an Werktagen die Messe zu versäumen. Als sie eines Tages von ihren Eltern mit dem Umbrechen des Ackers beauftragt wurde, ließ sie – als die Glocken läuteten – den Pflug stehen und eilte zur Kirche. Währenddessen wurde ihre Feldarbeit von rätselhaften Kräften erledigt. Gleiches begab sich, als Reinhildis anstatt – wie ihr geheißen – Flachs zu spinnen, Andachtsübungen ausführte. Über dieses Verhalten war die Mutter derart erbost, dass sie – angestiftet vom Stiefvater – die eigene Tochter erdrosselte und die Leiche in einen Brunnen warf.[52] Reinhildis stieg allerdings unversehrt wieder aus dem Brunnen empor und wurde daraufhin ein zweites Mal von ihrer Mutter getötet. Nun vergrub man sie im Stall, wo sich aber ihr Grab durch Lichterscheinungen offenbarte. Der Leichnam wurde exhumiert, auf einen Ochsenkarren gelegt und schließlich dort begraben, wo die Tiere von selbst stehen blieben: in Riesenbeck.

Diese in der ländlichen Lebenswelt angesiedelte Legende entspricht natürlich nicht dem kunstvollen Grabmal, das auf hochadelige Zusammenhänge weist. Vermutlich entwickelte sich die Legende einzig aus dem in der Inschrift mitgeteilten Tochtermord durch die eigene Mutter und wurde aus Zwecken der Anschaulichkeit von den Erzählern in die ländliche Sphäre der münsterländischen-tecklenburgischen Bevölkerung übertragen.

Aus der Inschrift der Grabplatte gehen die verwandtschaftlichen Konstellationen für Reinhildis hervor. Sie lautet[53]:

REINHELDIS OBI[TUS]

Fvndant qviq[ue] preces p[ro] virgine qve fvit heres Patris defvncti genitrix qvam sponte secvndi Conivgis occidit Mox p[er]cipiendo svbivit Sidereas sedes christi pia facta coheres Gerhardvs

Übersetzung[54]:

Reinhildis Tod.

Mögen alle für die Jungfrau beten, die Erbin ihres verstorbenen Vaters war und von ihrer Mutter auf Betreiben des zweiten Gatten ermordet wurde. Gleich ist sie emporgestiegen, um den Platz zwischen den Sternen einzunehmen und wurde die fromme Miterbin Christi. Gerhardus

Reinhildis war demnach also Erbin (oder Miterbin?) ihres verstorbenen Vaters. Ihre Mutter soll sie auf Betreiben ihres zweiten Mannes, also des Stiefvaters, getötet haben. Die Mutter der Reinhildis muss also mindestens zweimal verheiratet gewesen sein und Kinder aus erster und vermutlich auch aus zweiter Ehe gehabt haben.[55]

Die Grabplatte selbst wird allgemein auf das 12. Jahrhundert datiert, hat allerdings bereits Ähnlichkeiten mit regionalen Bildnissen vom Ende des 11. Jahrhunderts, wie Gabriele Böhm und Manfred Wolf unabhängig voneinander festgestellt haben.[56] Martha Bringemeier datierte aufgrund der dargestellten Kleidung in die Mitte des 12. Jahrhunderts[57], Franz Flaskamp auf das beginnende 12. Jahrhundert.[58] Somit passt die Entstehungszeit der Grabplatte auch zu der hier vorgetragenen These der verwandtschaftlichen Verbindung der Reinhildis mit den frühen Ravensberger Grafen oder ihrer unmittelbaren Vorgänger und der zeitlichen Einordnung der Riesenbecker Kirchengründung wie des Todeszeitpunktes der historischen Reinhildis!

Fazit

Möglicherweise reichen also die Gründung der Kirche in Riesenbeck und die historische Reinhildis in die ersten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts zurück, als die Ravensberger Grafen – wie auch die Tecklenburger – als homines novi ihre Herrschaft im nördlichen Westfalen antraten. Dieser Prozess war sehr konfliktbehaftet. Bereits 1128 finden wir die beiden Verwandten Hermann II. von Calvelage-Ravensberg und Gerhard I. von Geldern zerstritten vor, indem Hermann seinen Verwandten Gerhard bezichtigte, er habe König Lothar III. (von Süpplingenburg) gegenüber „verräterische Pläne“ gehabt.[59] 1141 sollen Egbert von Tecklenburg und Otto von Ravensberg von Graf Egilmar II. von Oldenburg zu einer Fehde provoziert worden sein. Hier scheint es um jeweilige Besitzansprüche am Erbe der Arnsberger Grafen gegangen zu sein.[60] Die Ravensberger mussten sich also zu Beginn ihrer Herrschaft im Bereich des Teutoburger Waldes gegen zahlreiche Konkurrenten durchsetzen. In diese Zeit könnte also durchaus auch eine mit tödlichem Ausgang geführte Erbauseinandersetzung, wie sie die Inschrift der Grabplatte der Reinhildis in der Riesenbecker Kirche andeutet, zu setzen sein.

Des Rätsels Lösung?

Sucht man im hier vorgestellten möglichen Entstehungshorizont nun nach konkreten Personen, die mit den familiären Konstellationen der historischen Reinhildis in Zusammenhang stehen könnten, so stößt man auf Ermengard, Tochter Ottos II. des Reichen von Zutphen († 1113) und seiner Frau Judith, die in erster Ehe mit Gerhard II. von Geldern († vor 1134) und in zweiter Ehe mit Konrad von Luxemburg († 1136) verheiratet war. Aus beiden Ehen entstammten mehrere Kinder. Ermengard hatte zudem eine Schwester, die mit Hermann (I.) von Calvelage-Ravensberg verheiratet und somit dessen Schwägerin war. Möglicherweise ist diese Ermengard von Zutphen also als Mutter der Reinhildis anzusetzen.[61]

Reinhildis war also nicht nur eine legendäre Gestalt, wie schon das Grabdenkmal in der Riesenbecker Kirche beweist, sondern eine historische Person vermutlich des frühen 12. Jahrhunderts. Sie war kein „frommes Bauernmädchen“, sondern sehr wahrscheinlich ein Mitglied des damaligen westfälischen Hochadels, das auf tragische Weise im Ringen um Macht und Herrschaft im nördlichen Westfalen ihr Leben lassen musste.

 

[1] Enno Bünz, „Die Kirche im Dorf lassen …“. Formen der Kommunikation in Spätmittelalter und Früher Neuzeit: das Beispiel Schleswig-Holstein, in: Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Moderne, hrsg. v. Werner Rösener, Göttingen 2000, S. 77–168, hier S. 81.

[2] Vgl. den ausführlichen Forschungsüberblick bei Enno Bünz, Die mittelalterliche Pfarrei in Deutschland. Neue Forschungstendenzen und -ergebnisse, in: Pfarreien im Mittelalter. Deutschland, Polen, Tschechien und Ungarn im Vergleich, hrsg. v. Nathalie Kruppa, Göttingen 2008, S. 27–66; ders., Zweites Kapitel: Pfarreien, Vikarien, Prädikaturen, in: Die mittelalterliche Pfarrei. Ausgewählte Studien zum 13.–16. Jahrhundert, hrsg. v. dems., Tübingen 2017, S. 78–118; Arnd Reitemeier, Die Pfarrgemeinde im späten Mittelalter, in: Die Pfarrei im späten Mittelalter, hrsg. v. Enno Bünz u. Gerhard Fouquet, Ostfildern 2013, S. 341–375; Sebastian Kreyenschulte, Hoch- und spätmittelalterliche Abpfarrungen der Rheiner St. Dionysius-Kirche, in: Seelenheil und Bürgersinn. Die Bürger von Rheine und ihre Stadtkirche. Katalog zur Ausstellung anlässlich des Jubiläums 500 Jahre Dionysiuskirche Rheine (in Vorbereitung).

[3] Vgl. dazu zuletzt ausführlich Manfred Wolf, St. Reinhildis zu Riesenbeck, in: Kirche und Frömmigkeit in Westfalen. Gedenkschrift für Alois Schöer, hrsg. v. Reimund Haas u. Reinhard Jüstel, Münster 2002, S. 315–324, und Gabriele Böhm, Mittelalterliche figürliche Grabmäler in Westfalen von den Anfängen bis 1400, Münster u.a. 1993, S. 40–47. Hier auch die Hinweise auf ältere Literatur. Vgl. zudem die Zusammenstellung: Sünte Rendel. Riesenbecker Heilige, hrsg. v. Heimatverein Riesenbeck, Riesenbeck 2004.

[4] Sebastian Scholz, Das Grab in der Kirche – Zu seinen theologischen und rechtlichen Hintergründen in Spätantike und Frühmittelalter, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 115, Kanonische Abteilung LXXXIV (1998), S. 270–306; Barbara Scholkmann, Die Kirche als Bestattungsplatz. Zur Interpretation von Bestattungen im Kirchenraum, in: Erinnerungskultur im Bestattungsritual. Archäologisch-historisches Forum, hrsg. v. Jörg Janut u. Matthias Wemhoff, München 2003, S. 189–218.

[5] Enno Bünz, Die Bauern und ihre Kirche. Zum Bauboom auf dem Land um 1500, in: Adel und Bauern in der Gesellschaft des Mittelalters, hrsg. v. Carola Fey u. Steffen Krieb, Korb 2012, S. 223–248, hier S. 226.

[6] Edeltraud Balzer, Adel – Kirche – Stiftung. Studien zur Geschichte des Bistums Münster im 11. Jahrhundert, Münster 2006, S. 15; Manfred Balzer, Kirchen und Siedlungsgang im westfälischen Mittelalter, in: Leben bei den Toten. Kirchhöfe in der ländlichen Gesellschaft der Vormoderne, hrsg. v. Jan Brademann u. Werner Freitag, Münster 2007, S. 83-115, hier: S. 93; Julius Harro, Landkirchen und Landklerus im Bistum Konstanz während des frühen und hohen Mittelalters. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung, Konstanz 2003, S. 74–118.

[7] Arnold Angenendt, Art. Reliquien, in: Lexikon des Mittelalters 7 (1999), Sp. 702f.

[8] Balzer, Kirchen, S. 93.

[9] Nathalie Kruppa, Eigenkirche, Patronatsrecht und Inkorporation bei geistlichen Kommunitäten im Bistum Hildesheim im Mittelalter, in: Pfarreien im Mittelalter. Deutschland, Polen, Tschechien und Ungarn im Vergleich, hrsg. v. Nathalie Kruppa, Göttingen 2008, S. 271–326, hier S. 271.

[10] Rudolf Zinnhobler, Zentrale und dezentrale Tendenzen beim Auf- und Ausbau der Pfarrorganisation, in: Bericht über den neunzehnten österreichischen Historikertag in Graz veranstaltet vom Verband Österreichischer Geschichtsvereine in der Zeit vom 18. bis 23. Mai 1992, hrsg. v. Verband Österreichischer Historiker und Geschichtsvereine, Graz 1993, S. 277–288, hier S. 278–281; Wilhelm Kohl, Bemerkungen zur Entstehung der Pfarrorganisation im alten Sachsen, vornehmlich im Bistum Münster, in: Ein Eifler für Rheinland-Pfalz. Festschrift für Franz-Josef Heyen zum 75. Geburtstag am 2. Mai 2003, 2 Bde., Mainz 2003, S. 915–932. Dagegen bis heute von der Existenz einer planmäßigen, raumerfassenden, zentral gesteuerten, frühmittelalterlichen Pfarrorganisation bzw. einem Pfarrnetz ausgehend: Paul Leidinger, Zur Christianisierung des Ostmünsterlandes im 8. Jahrhundert und zur Entwicklung des mittelalterlichen Pfarrsystems. Ein Beitrag zum 1200-jährigen Bestehen des Bistums Münster 2005, in: Westfälische Zeitschrift 154 (2004), S. 9–52, hier S. 49f. Leidinger folgt den Ansichten Albert K. Hömbergs, der eine geografisch-systematische, von oben gesteuerte Pfarreiorganisation bereits seit karolingischer Zeit ansetzt. Vgl. dazu: Albert K. Hömberg, Studien zur Entstehung der mittelalterlichen Kirchenorganisation in Westfalen, in: Westfälische Forschungen 6 (1943–1952), S.46–108. Nach Leidinger habe bereits der erste Bischof von Münster Liudger im frühen 9. Jahrhundert ein „weiträumiges Netz von Taufkirchen an den Hauptwegen geprägt“. So lasse sich „[a]us der gleichmäßigen Verteilung der vier genannten Kirchen [Beckum, Warendorf, Billerbeck und Stadtlohn] auf das Ost- und Westmünsterland sowie auf Orte, die als Wegestationen gleichzeitig auch zu den frühesten Missionskirchen des Bistums gehör[t]en, […] unschwer eine Systematik erkennen, die in der Zeit der Bistumsgründungen durch Liudger gehören [müsse] und am ehesten seine Handschrift erkennen“ ließe. Leidinger, Christianisierung, S. 37f. – Allerdings wandte dagegen Wolfgang Leesch bereits früher kritisch ein: „Die Entfaltung der mittelalterlichen Pfarrorganisation wird in der Regel kartographisch so dargestellt, daß aus den Missionszellen und ‚Urpfarreien’ durch Abpfarrungen ‚Stammpfarreien’ und aus diesen jüngere Pfarreien entstehen, bis schließlich am Ende des Mittelalters ein immer enger gewordenes Netz von Pfarrbezirken das ganze Land überzieht. Damit wird eine Entwicklung vorgetäuscht, wie wir sie aus dem 19. oder 20. Jahrhundert kennen […]. In Wirklichkeit hat sich die Ausbildung des mittelalterlichen Pfarrsystems nicht in der Form einer gleichmäßig fortschreitenden Verdichtung des Pfarrnetzes, sondern nach Art einer Selektion vollzogen, indem aus einem Gewirr unterschiedlicher Pfarrabhänigkeiten und unterschiedlicher Verteilung der Pfarren durch Ausscheidung älterer Formen seit dem hohen Mittelalter allmählich ein gleichmäßig das ganze Land bedeckendes Netz flächenhafter Pfarrbezirke entstanden ist.“ Wolfgang Leesch, Die Pfarrorganisation der Diözese Paderborn am Ausgang des Mittelalters, in: Ostwestfälisch-weserländische Forschungen zur Geschichte und Landeskunde, hrsg. v. Heinz Stoob, Münster 1970, S. 304–376, hier S. 313. Dazu auch: Wolfgang Petke, Die Pfarrei in Mitteleuropa im Wandel vom Früh- zum Hochmittelalter, in: Die Pfarrei im späten Mittelalter, hrsg. v. Enno Bünz u. Gerhard Fouquet, Ostfildern 2013, S. 21–60, hier S. 46–48.

[11] Reitemeier, Pfarrgemeinde, S. 342; Petke, Pfarrei, S. 23f.

[12] Zinnhobler, Tendenzen, S. 279.

[13] Ebd., S. 279; Enno Bünz, Erstes Kapitel: Einleitung. Die spätmittelalterliche Pfarrei als Forschungsgegenstand und Forschungsaufgabe, in: Die mittelalterliche Pfarrei. Ausgewählte Studien zum 13.–16. Jahrhundert, hrsg. v. dems., Tübingen 2017, S. 3–75, hier S. 30.

[14] Zinnhobler, Tendenzen, S. 279f.

[15] Rosi Fuhrmann, Die Kirche im Dorf. Kommunale Initiativen zur Organisation von Seelsorge vor der Reformation, in: Zugänge zur bäuerlichen Reformation, hrsg. v. Peter Blickle, Zürich 1987, S. 147–186, hier S. 149.

[16] Zinnhobler, Tendenzen, S. 280.

[17] Enno Bünz, „Des Pfarrers Untertanen“? Die Bauern und ihre Kirche im späten Mittelalter, in: Dorf und Gemeinde. Grundstrukturen der ländlichen Gesellschaft in Spätmittelalter und Frühneuzeit, hrsg. v. Kurt Andermann u. Oliver Auge, Epfendorf 2012, S.153–191, hier S. 162.

[18] Petke, Pfarrei, S. 58; Harro, Landkirchen, S. 60.

[19] Bei diesem Hof könnte es sich um Hof Schulte Lage gehandelt haben, der etwa 500 Meter von der Kirche entfernt lag. Das Pastorat lag gut 70 Meter vom Schultenhof entfernt (Auskunft vom Heimatverein Riesenbeck). Der Hof Schulte Lage gehörte später zum Tafelgut des Bischofs von Münster. Leopold Schütte (Bearb.), Das Tafelgutverzeichnis des Bischofs von Münster 1573/74, Bd. 1: Das Amt Rheine-Bevergern, Münster 2014, S. 59–61. Der Hof könnte also, wie auch die Ravensberger Besitzungen in Westerkappeln, nach 1246 (über die Tecklenburger Grafen) in den Besitz des münsterischen Bischofs gelangt sein. Vgl. Manfred Wolf (Bearb.), Die Urkunden des Klosters Gravenhorst, Münster 1994 (im Folgenden: Urkunden Gravenhorst), Nr. 38 (1278 Juli 1, Münster) u. Nr. 65 (1288 September 22, Tecklenburg).

[20] Heinrich August Erhard, (Bearb.), Regesta historiae Westfaliae, Bd. 1, Codex diplomaticus, Münster 1847, C 138 (Original) 1042–1063; zur Datierung ebd., R 1031: manso in Risonbeke; Osnabrücker Urkundenbuch (im Folgenden OUB), Bd. I, Nr. 171 (Original) 1074–1088: curtem in Risenbeke; ebd., Nr. 201 (Original) 1082–1088: Risenbeke. Zur letzten Datierung siehe Christof Spannhoff, Zur Datierung des Güterverzeichnisses Bischof Bennos II. von Osnabrück für das Kloster Iburg, in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2017, S. 95–104. Das bei diesen Nennungen noch nicht unbedingt eine Kirche vorauszusetzen ist, vgl. Albert K. Hömberg, Ortsnamenkunde und Siedlungsgeschichte. Beobachtungen und Betrachtungen eines Historikers zur Problematik der Ortsnamenkunde, in: Westfälische Forschungen 8 (1955), S. 24–64. Waren um 900 im ganzen Münsterland ca. 40 bis 45 Kirchen anzutreffen und kamen im 10. Jahrhundert nur etwa 10 bis 12 Pfarrkirchen hinzu, entstanden von 1000 bis 1300 in jedem Jahrhundert rund 30 neue Pfarrkirchen.

[21] OUB I, Nr. 391. Das Güterverzeichnis des Grafen Heinrich von Dale (an der Lippe bei Selm) wurde angelegt im Jahr 1188, aber bis zur erhaltenen Abschrift Ende des 13. Jahrhunderts mehrfach überarbeitet und erweitert; ebd., Nr. 394 (Original) 1188.

[22] OUB I, Nr. 311.Siehe auch: Joseph Prinz, Das Territorium des Bistums Osnabrück, Göttingen 1934, S. 200. Für den Hinweis danke ich dem Heimatverein Riesenbeck.

[23] OUB I, Nr. 177 (Original). Siehe auch: Prinz, Territorium, S. 200.

[24] OUB II, Nr. 269 (Original: dominus Gerhardus de Risenbeke clericus); OUB II, Nr. 314 (Original).

[25] OUB III, Nr. 262 (Original) = Urkunden Gravenhorst, Nr. 16. Dazu auch Urkunden Gravenhorst, Nr. 33: 1276 Juli 22 (Original). Die Angabe bei Böhm, Grabmäler, S. 47, die Riesenbecker Kirche sei erst 1262 als Eigenkirche der Grafen von Ravensberg gegründet worden, ist irrig.

[26] OUB II, Nr. 211 (Original).

[27] OUB III, Nr. 423 (Original) = Urkunden Gravenhorst, Nr. 26. Vgl. dazu auch die Bestätigung OUB III, Nr. 468 (Original) = Urkunden Gravenhorst, Nr. 28.

[28] Urkunden Gravenhorst, Nr. 34: 1276 Oktober 19, Lübbecke (Original). Dem Kloster Gravenhorst wird nach längerem Streit über den unerlaubten Kauf (Simonie) endgültig das Patronatsrecht über die Riesenbecker Kirche zugesprochen (ius patronatus ex gracia). Zum Konfliktverlauf vgl. die Urkunden Gravenhorst, Nrn. 28, 33, 34, 36, 42 sowie Helmut Hüffmann, Der Verkauf der Riesenbecker Kirche durch den Grafen Otto von Ravensberg an das Kloster Gravenhorst, in: Ravensberger Blätter 7 (1969), S. 104–107.

[29] Adolf Brenneke, Inventare der nichtstaatlichen Archive des Kreises Tecklenburg, Münster 1903 (Inventare der nichtstaatlichen Archive der Provinz Westfalen, Bd. 2,1), S. 51f., Nr. 3. Siehe auch ebd., S. 52, Nr. 5 (1315 März 12: beati Kalixti pape et martiris), S. 53, Nr. 8 (1325 Mai 26: sancti Kalixti pape). Ob es sich um das Gründungspatrozinium gehandelt hat, muss ungeklärt bleiben. Mitunter konnten Patrozinien im Verlauf des Mittelalters wechseln, bzw. Nebenheilige traten an die Stelle des ursprünglichen Heiligen. Arnold Angenendt, In Honore Salvatoris. Vom Sinn und Unsinn der Patrozinienkunde, in: Revue d‘histoire ecclésiastique 97 (2002), S. 791–823. Wiederabdruck in: Ders., Die Gegenwart von Heiligen und Reliquien, hrsg. v. Hubertus Lutterbach, Münster 2010, S. 209–260.

[30] So bereits Heinrich Schauerte, St. Reinheldis von Riesenbeck. Die Legende und ihre geschichtskritische Untersuchung, in: Riesenbeck. Aus Vergangenheit und Gegenwart eines münsterländischen Dorfes, hrsg. v. Heimatverein Riesenbeck, Lengerich 1962, S. 7–28, und August Winkelmann, Sünte Rendel oder St. Reinheldis. Eine Legende und Legendenstudie. Mit Beiträgen v. Karl Wagenfeld u. Burkhard Meier, Münster 1912, allerdings mit anderem zeitlichen Ansatz.

[31] Zu den bisherigen Versuchen vgl. Wolf, Reinhildis. Wolf selbst versucht über den Namen Reinhildis, den er in billungischen Zusammenhängen wiederzufinden glaubt, die historische Reinhildis zu identifizieren. Allerdings scheitert sein Versuch nach Ansicht des Verfassers daran, dass er dazu bis in das 10. Jahrhundert zurückgreifen muss und daher auch die Riesenbecker Kirchengründung in diese Zeit setzen möchte. Das Grabmal der Reinhildis deutet aber eindeutig in das beginnende 12. Jahrhundert. Eine dahingehende Kritik ist generell auch an den Ausführungen Siegfried G. Schoppes zu üben. Allerdings ist darüber hinaus beanstandend zu bemerken, dass Schoppe zumeist auch die Nachweise seiner Behauptungen schuldig bleibt. Siegfried G. Schoppe, Sächsisches Land- und römisches Zivilrecht im Konflikt bei kirchlichen Vermögenszuwendungen im Mittelalter. Der Fall der westfälischen „Alleinerbin Reinheldis“, Hamburg 2018.

[32] So schon 1629 bei ihrer ersten bislang bekannten Aufzeichnung (s.u.).

[33] Dazu siehe unten Anm. 49.

[34] Werner Hillebrand, Besitz- und Standesverhältnisse des Osnabrücker Adels 800 bis 1300, Göttingen 1962, S. 53.

[35] Ebd., S. 53; Diana Zunker, Adel in Westfalen. Strukturen und Konzepte von Herrschaft (1106–1235), Husum 2003, S. 202, 253, 297f.

[36] Hillebrand, Standesverhältnisse, S. 52.

[37] Albert K. Hömberg, Geschichte der Comitate des Werler Grafenhauses, in: Westfälische Zeitschrift 100 (1965), S. 9–133, hier S. 91–107.

[38] Zunker, Adel, S. 202, 250f.; Friedhelm Biermann, Der Weserraum im hohen und späten Mittelalter. Adelsherrschaften zwischen welfischer Hausmacht und geistlichen Territorien, Bielefeld 2007, S 396–402; Thomas Raimann, Kirchliche und weltliche Herrschaftsstrukturen im Osnabrücker Nordland (9.–13. Jh.), Dissertation Osnabrück 2013 (https://repositorium.ub.uni-osnabrueck.de/bitstream/urn:nbn:de:gbv:700-2015033113148/2/thesis_raimann.pdf, eingesehen am 17.07.2019), S. 137–141 u. S. 155–163.

[39] Manfred Wolf, St. Stephanus, der Erzmärtyrer, Pfarrpatron von Westerkappeln, in: Unser Kreis 1995. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 8 (1994), S. 252–258.

[40] Hillebrand, Standesverhältnisse, S. 53; Zunker, Adel, S. 257f. u. 297f.; Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 155–163.

[41] Zunker, Adel, S. 257f. Dazu auch ausführlich und differenziert Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 124–137.

[42] Zunker, Adel, S. 314f.; Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 159.

[43] Zunker, Adel, S. 110, 128f., 141f., 224, 231f., 235, 241, 285, 314f., 345; Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 136, 150–152, 159, 168f. Man möchte wohl nicht annehmen, dass der auf dem Grabstein der Reinhildis genannte Gerhard mit dem 1231 bzw. 1234 genannten Pfarrer gleichen Namens identisch ist (s.o.). Zu einer in eine ähnliche Richtung gehenden Identifizierung des Gerhardus der Inschrift vgl. Wolf, Reinhildis, S. 324.

[44] OUB I, Nr. 282 (Original) Osnabrück, 1150 Dezember 1: Ein Gerhardus wird als Bruder des Henri[cus comes] de Tekeneburc genannt. Zu den Tecklenburger Grafen ausführlich Zunker, Adel, S. 198–248; Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 148–155.

[45] Peter Ilisch u. Christoph Kösters (Bearb.), Die Patrozinien Westfalens von den Anfängen bis zum Ende des alten Reiches, hrsg. v. Institut für Religiöse Volkskunde Münster, Münster 1992, S. 142f.

[46] Angenendt, In Honore Salvatoris.

[47] Hömberg, Studien, S. 72f. u. 88f. Dagegen Wolf, Reinhildis, S. 322.

[48] Urkunden Gravenhorst, Nr. 272; Haus Surenburg, Urkunden, Nr. 16. Für den Hinweis danke ich dem Heimatverein Riesenbeck.

[49] Gunnar Teske, Das Hausbuch des Sweder Schele zu Weleveld und Welbergen, Erbkastellan zu Vennebrügge (1569-1639) – ein Selbstzeugnis zur westfälischen Landesgeschichte, in: Westfälische Zeitschrift 162 (2012), S. 81–104, hier S. 99.

[50] Hausbuch des Sweder von Schele, Bd. 2 mit Teil 3, S. 40f. Der Eintrag zu Riesenbeck dürfte aus dem Jahr 1629 stammen (vgl. die Datierungen zu 1629 vor und nach dem Eintrag auf S. 30 u. S. 44). Das Hausbuch, dessen dritter Teil sich heute im Hausarchiv Almelo im Historischen Centrum Overijssel in Zwolle befindet (Signatur 3680), ist digitalisiert und unter https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=945&url_tabelle=tab_websegmente (eingesehen am 17.07.2019) zu finden.

[51] Die Angabe, dass sie auf dem dortigen Knüppenhof geboren wurde, ist damit erklärt worden, dass die Bewohner des Hofes Öl für das Ewige Licht am Grabmal der Reinhildis zu liefern hatten. Siehe Franz Jostes, St. Reinhild von Riesenbeck und St. Reiner von Osnabrück. Ein Beitrag zur vergleichenden Sagenforschung, in: Westfälische Zeitschrift 70 (1912) I S. [?] 191–249, hier S. 194; Wolf, Reinhildis, S. 320.

[52] Das Motiv des Werfens des Leichnams in den Brunnen ist aus der Legende des Pfarrpatrons St. Calixtus entlehnt, der als Papst bei einer Volksunruhe sein Leben einbüßte und ebenfalls in einen Brunnen geworfen wurde. Wolf, Reinhildis, S. 315.

[53] Gut lesbare Abbildung auf dem Cover und Abb. 3 auf der Bildtafel vor S. 7 des Buches: Riesenbeck. Aus Vergangenheit und Gegenwart eines münsterländischen Dorfes, hrsg. v. Heimatverein Riesenbeck, Lengerich 1962.

[54] Übersetzung nach Böhm, Grabmäler, S. 41.

[55] Zur Verwechslung des angeblichen Sterbedatums der Reinhildis 1262 siehe Wolf, Reinhildis, S. 316.

[56] Böhm, Grabmäler, S. 45f.; Wolf, Reinhildis, S. 319f. Wolf hat Böhm – ausweislich der Nachweise – anscheinend nicht zur Kenntnis genommen.

[57] Martha Bringemeier, Die Grabplatte der hl. Reinheldis, eine Betrachtung zur Kostümkunde, in: Auf Roter Erde. Beilage der Westfälischen Nachrichten, Münster, April 1961: „etwa 1150“.

[58] Franz Flaskamp, Westfälische Menschen aus neun Jahrhunderten, Gütersloh 1960, S. 7: „Will man […] Reinhildis Tod vermutungsweise datieren, so dürfte das beginnende 12. Jahrhundert als ‚terminus post quem non‘ zu erachten sein.“

[59] Zunker, Adel, S. 235, 285, 314f.

[60] Ebd. S. 199f.

[61] Zu Ermengard siehe Raimann, Herrschaftsstrukturen, S. 136. Zur Verschwägerung mit den Ravensbergern Zunker, Adel, S. 249, 277f., 306.

Weinanbau in Tecklenburg

Von Dr. Christof Spannhoff

Seit nunmehr 30 Jahren wird in Tecklenburg Weinfest gefeiert (erstmals 1989) und bereits seit 1987 gibt es in dem Burgstädtchen auch wieder einen Weinberg. Damals wurden zwischen März und Mai 100 Rebstöcke auf 500 Quadratmetern unterhalb der Jugendherberge angepflanzt.[1] Dabei knüpften die Verantwortlichen der Verkehrs- und Wirtschaftsgemeinschaft Tecklenburg (VWG) an eine bis dahin längst vergangene Zeit an. Denn in Tecklenburg wurde vermutlich bis in die Frühe Neuzeit hinein Wein angebaut. Nur noch der Straßenname „Am Weingarten“ auf der Südseite des Ortes erinnerte an diese Zeit, bis dann der neue Weinberg Ende der 1980er Jahre angelegt wurde.

Die Geschichte des Tecklenburger Weinbaus ist aber nicht nur eine Geschichte geänderter westfälischer Trinkgewohnheiten, sondern auch eine Geschichte des heimischen Klimas der letzten 1000 Jahre. Denn die mehrere Jahrhunderte andauernde Unterbrechung der Produktion von Rebensaft war auch einer Kälteperiode geschuldet, die heute als die „Kleine Eiszeit“ bezeichnet wird. Durch den Rückgang der Temperaturen verschob sich auch die Weinbaugrenze in Deutschland nach Süden.

Die Anfänge des Weinbaus in Tecklenburg dürften – wie andernorts in Westfalen auch – im Wärmeoptimum des Hochmittelalters liegen. 1183/1190 besaßen die Klöster Corvey und Abdinghof bei Paderborn nachweislich heimische Weinberge. Das sind die ersten Nachrichten überhaupt für westfälischen Weinbau. Um 1370 legte der münsterische Bischof unterhalb seiner Burg Telgte einen Weinberg an.[2] In dieser Zeit dürften spätestens auch die Tecklenburger Grafen einen Weinberg angelegt haben.

Allerdings stammen die ersten Hinweise, die sich überhaupt vom Tecklenburger Weinbau erhalten haben, erst aus einer Zeit, als die „Kleine Eiszeit“ bereits begonnen hatte. Es ist daher fraglich, ob damals überhaupt noch Wein angebaut und geerntet wurde, oder ob es sich bei diesen Nachrichten nur um Relikte aus mittelalterlicher Zeiten handelte: 1577 finden wir in einem Tecklenburger Schatzungsregister einmal den Hofnamen „Wingardener“.[3] Der Besitzer des Hofes besaß zwei Kühe, ein Rind und zwei Schweine, für die er Abgaben zu zahlen hatte. Der Hofname geht aber eindeutig auf einen Flurnamen „Wingarden“ zurück, in dessen Nähe der Hof lag. Möglicherweise ist dieser Wingarden mit dem südlichen Tecklenburger Weinberg identisch.

Zudem muss es auf der Tecklenburger Nordseite einen weiteren Weinberg gegeben haben, denn in einem anderen Schatzungsregister von 1580 erscheint unter den Einwohnern des Kirchspiels Ledde ein „Frederich vff den Wingartten vnder Tecklenburg“.[4] Auch dieser Eintrag verweist auf einen Flurnamen „Wingartten“, von dem allerdings nicht zu sagen ist, ob zur Erwähnungszeit auch noch Wein angebaut wurde oder ob der Weingarten damals bereits nur noch ein Name war.

In einem Inventar des Grafen Adolf von Tecklenburg aus dem Jahr 1623/24 findet sich unter den Ländereien ein „apffelhoff am Weingarten“.[5] Hier ist also von einem Apfelgarten in unmittelbarere Nachbarschaft zu einem Weingarten die Rede. Es könnte damit also noch ein in Nutzung stehender Weinberg gemeint gewesen sein. Auch bei Schloss Neuhaus bei Paderborn und Schönholthausen (Kreis Olpe) wurden 1618/20 die dortigen Weinberge noch bewirtschaftet.[6]

In seiner Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg aus dem Jahr 1672 weiß der Autor, der Wersener Pfarrer Gerhard Arnold Rump, dann allerdings nichts mehr von Weinanbau in Tecklenburg. In seiner Aufzählung der Erzeugnisse der Grafschaft Tecklenburg schreibt er nur von gutem Bier, das hier gebraut werde.[7] Hier zeigt sich deutlich eine weitere Entwicklung: Das seit dem Spätmittelalter haltbarer gewordene Bier und der aufkommende Branntwein stellten eine ernsthafte Konkurrenz für den westfälischen Wein dar, den sie schließlich gänzlich im 17. Jahrhundert verdrängten.[8]

 

[1] Ruth Jacobus, Stets das Wohl der Stadt im Blick. 30 Jahre VWG, in: Westfälische Nachrichten/Tecklenburger Landbote vom 28. Januar 2017.

[2] Wilfried Reininghaus, Die vorindustrielle Wirtschaft in Westfalen. Ihre Geschichte vom Beginn des Mittelalters bis zum Ende des alten Reiches, 3 Bde., Münster 2018, Bd. 1, S. 358f.

[3] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen (LAV NRW AW), Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 225, fol 69r.

[4] LAV NRW AW, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 226, fol. 69v.

[5] Inventar des Nachlasses des Grafen Adolf von Tecklenburg von 1623, LA NRW AW, Sammlung Fot., Nr. 593, S. 101.

[6] Reininghaus, Wirtschaft, S. 360.

[7] Gerhard Arnold Rump, Des Heil. Röm. Reichs uhralte höchlöbliche Graffschafft Tekelenburg, Bremen 1672, S. 18–22.

[8] Reininghaus, Wirtschaft, S. 360.

Wann wurde Glandorf erstmals schriftlich erwähnt?

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Name des Ortes Glandorf im heutigen Landkreis Osnabrück erscheint erstmals in der Form „in Glanathorpe“ in einer Urkunde des Bischofs Benno II. von Osnabrück (1068–1088). In diesem Schriftstück bekundet der Osnabrücker Bischof, dass auf seine Veranlassung der Edle Volchard, als er Domherr zu Osnabrück werden wollte, der Kirche des heiligen Clemens zu Iburg (ecclesię sancti Celmentis in Iburg) den Hof in Helfern (curtem Halveri) mit drei Hörigen (cum tribus mancipiis), eine Hufe in Büttrup (in Budelingthorpe) mit zwei Hörigen und eine Hufe in Hesseln (mansum in Haselino) mit einem Hörigen und dem Recht, zur Zeit der Eichelmast 30 Schweine und einen Eber in die Glandorfer Mark zu treiben, übertragen hat. Er erhielt dafür ein Geldlehen von drei Pfund auf Lebenszeit für sich und seine Erben Aveza, Adalger und Konrad.[1] Allerdings hat das im Original überlieferte Dokument zwei Schönheitsfehler: Es enthält zum einen keinen Ausstellungsort und ist zum anderen nicht datiert. Da die Ersterwähnung eines Ortsnamens aber sehr häufig die Grundlage für Ortsjubiläen darstellt[2], ist ein fehlendes Entstehungsdatum des Schriftstückes natürlich sehr misslich. Es stellt sich daher die Frage, ob sich die Urkunde zeitlich näher einordnen lässt. Eine genauere Datierung kann hierbei aber weniger auf Basis äußerer Merkmale, als vielmehr aufgrund inhaltlicher Hinweise erfolgen:

Zunächst einmal lässt sich die Entstehungszeit des Dokuments grob durch die Amtszeit des Ausstellers der Urkunde, des Osnabrücker Bischofs Benno II., auf die zwei Jahrzehnte zwischen 1068 und 1088 eingrenzen. Einen weiteren Anhalt bietet der in dem Schriftstück ebenfalls genannte Vogt (advocatus) Liudolf. Diesen identifiziert der Historiker Josef Prinz als den damaligen Vogt der Osnabrücker Kirche.[3] Da ab September 1074 ein anderer Osnabrücker Kirchenvogt namens Eberhard in der Überlieferung erscheint[4], kann Liudolf dieses Amt nur bis spätestens zu diesem Zeitpunkt ausgeübt haben. Liudolf scheint also der Vorgänger (Vater) von Eberhard gewesen zu sein. Durch diesen Umstand ergibt sich, dass auch die Urkunde, in der Liudolf noch als amtierender Kirchenvogt erscheint, vor September 1074 ausgestellt worden sein dürfte. „September 1074“ ist also der sogenannte terminus ante quem, also der Zeitpunkt, vor dem das Dokument ausgestellt wurde.[5] Damit ist die Entstehungszeit der Urkunde mit guten Gründen nun bereits auf die Jahre zwischen 1068 und 1074 einzugrenzen.

Einen terminus post quem, also den Zeitpunkt, nach dem das Dokument abgefasst worden ist, gewinnt man durch den Adressaten oder Empfänger der Urkunde: die Iburger Clemens-Kirche. Allerdings ist ihr Entstehungsdatum bisher nicht zweifelsfrei geklärt. Für Ihre Entstehungszeit werden zwei Daten angesetzt: Die Lebensbeschreibung des Osnabrücker Bischofs Benno II. (Vita s. Bennonis II episcopi Osnabrugensis), die zwischen 1090 und 1110 vom Iburger Abt Norbert verfasst wurde[6], erwähnt den Bau der Kirche nach einem Ereignis, das im Sommer 1073 stattfand.[7] Damit ergäbe sich ein Entstehungszeitraum der fraglichen Urkunde zwischen Sommer 1073 und Sommer 1074.[8] Allerdings hat der Archivar Horst-Rüdiger Jarck eine andere Entstehungszeit der Iburger Clemens-Kirche vorgeschlagen. Die Erwähnung des Baus der Kirche steht nämlich in keinem kausalen und zeitlichem Zusammenhang mit dem zuvor berichteten Ereignis zum Jahr 1073.[9] Die Einrichtung der Kirche muss also nicht erst nach 1073, sondern könnte auch bereits früher erfolgt sein. Dafür gibt es einen weiteren Anhalt. Denn es existiert ein Dokument, das die Gründung der Iburger Clemens-Kirche auf das Jahr 1070 datiert. Dabei handelt es sich um eine Weihenotiz für die Kirche und die Reliquien im Hochaltar, die das Datum 23. November 1070 aufweist: anno dominice incarnationis millesimo LXX; indictione VIIII; VIIII Kl. Decembris hec basilica a venerabili Pennone Osnabruggensi episcopo dedicata est… („Im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1070, Indiktion 9, 9 Tage vor den Kalenden des Dezembers ist diese Kirche vom ehrwürdigen Osnabrücker Bischof Benno geweiht worden“)[10] Doch auch diese Notiz birgt ein Problem. Es handelt sich nämlich nicht um das ursprüngliche Original, sondern um ein erneuertes und erweitertes Schriftstück, das erst nach 1106 entstanden sein kann. Diese Datierung ergibt sich daraus, dass in der erhaltenen Weihenotiz Reliquien genannt werden, die erst 1106 nach Iburg kamen.[11] Jarck hält das Weihedatum des 23. Novembers 1070 aber trotzdem für belastbar, weil es eine Besonderheit aufweist, die eine mögliche nachträgliche Fälschung nicht aufweisen würde: die Indiktionszahl. Darunter versteht man eine Jahresbezeichnung des Mittelalters. Ihr Zyklus ist 15jährig und beginnt drei Jahre vor der christlichen Zeitrechnung. Man errechnet die Indiktionszahl dadurch, dass man die Jahreszahl (z.B. 1070) um drei vermehrt und dann durch 15 teilt: 1070 + 3 = 1073 : 15 = 71 Rest 8. Die Indiktionszahl für das Jahr 1070 wäre also 8 (VIII). Die Datierung der Weihenotiz enthält aber die Indiktionszahl 9 (VIIII). Diese Indiktionszahl erklärt sich dadurch, dass die Weihenotiz nach der damals gebräuchlichen Indiktio Bedana datiert ist, die das Jahr bereits am 24. September beginnen lässt. Diese Besonderheit hätte ein möglicher neuzeitlicher Fälscher nicht wissen können. Für das Jahr 1070 spricht nach Jarck zudem die Tradition im Kloster Iburg, die dessen Gründung auch noch in der Frühen Neuzeit auf 1070 festlegt.[12] Somit ergibt sich für die Urkunde, in der der Ortsname Glandorf erstmals erwähnt wird, ein Entstehungszeitraum, der nicht genauer als zwischen 1070 und 1074 angesetzt werden kann.

Hinsichtlich der Frage einer belastbaren Grundlage für ein Ortsjubiläum ist allerdings das Jahr 1074 anzusetzen, denn in diesem Jahr dürfte das Dokument auf jeden Fall vorgelegen haben. Die Feier eines Ortsjubiläums zur 950. Wiederkehr der ersten Erwähnung des Ortsnamens Glandorf ist also im Jahr 2024 zu empfehlen.

 

[1] Osnabrücker Urkundenbuch (OUB), Bd. I, Nr. 162, Original. Neuedition: OUB V, Nr. 3. Danach auch die Identifizierung von Budelingthorpe als Büttrup. Da der Bearbeiter des ersten Bandes des Osnabrücker Urkundenbuches, Friedrich Philippi, die spätere Argumentation von Josef Prinz (s.u.) noch nicht kannte, datiert Philippi die Urkunde auf zwischen 1070 und 1088.

[2] Ingrid Heeg-Engelhart, Die erste Erwähnung eines Ortes. Anmerkungen zur Problematik historischer Jubiläen und deren Erforschung, in: Historische Jubiläen. Planung – Organisation – Durchführung, hrsg. v. Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V., München 2000, S. 87–105; Hans Roth, Historische Jubiläen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, in: ebd., S. 7–18, hier S. 10–12.

[3] Joseph Prinz, Das Territorium des Bistums Osnabrück, Göttingen 1934, S. 103f. mit S. 104, Anm. 1.

[4] OUB I, Nr. 170, Abschrift Anfang des 18. Jahrhunderts.

[5] Der Datierung auf 1074 schließt sich auch an Günther Wrede, Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975–1980, Bd. 1, S. 185, Nr. 490. Merkwürdigerweise übernimmt auch Horst-Rüdiger Jarck in OUB V, Nr. 3 die Datierung von Prinz, obwohl er um die Problematik des Ansatzes der Weihe eines Iburger Clemensaltars erst 1073/74 weiß (s.u.). Horst-Rüdiger Jarck, Zur Gründungsdatierung des Klosters Iburg, in: Iburg. Benediktinerabtei und Schloß. Beiträge zum 900. Jahrestag der Klostergründung, zusammengestellt v. Manfred G. Schnöckelborg, hrsg. v. der Stadt Bad Iburg, Bramsche 1980, S. 49–56. Vgl. dazu auch in anderem Zusammenhang Christof Spannhoff, Zur Datierung des Güterverzeichnisses Bischof Bennos II. von Osnabrück für das Kloster Iburg, in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2017, S. 95–104.

[6] Zur Datierung der Vita Bennonis II: Michael Tangl, Das Leben des Bischofs Benno II. von Osnabrück von Norbert, Abt von Iburg. Nach d. neuen Ausg. d. Monumenta Germaniae in den Scriptores rerum Germanicarum, Leipzig 1910. Die Vita muss nach 1090 abgefasst worden sein, weil im Text der Tod des Gegenkönigs Hermann von Salm (+ 1090) erwähnt wird, und muss vor 1110 entstanden sein, weil Klemens (+ 1110) als amtierender Papst genannt ist. Daraus ergibt sich eine Datierung zwischen 1090 und 1110.

[7] Vita Bennonis II episcopi Osnabrugensis auctore Norberto abbate Iburgensi, bearb. v. Harry Bresslau, in: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores in Folio 30, Teil 2, Leipzig 1934, S. 869–892, Kapitel 15, S. 880f.

[8] Hierauf fußt auch die Datierung von Prinz für die Urkunde auf 1074. Prinz, Territorium, S. 103f.

[9] Jarck, Gründungsdatierung, S. 50–52.

[10] OUB I, Nr. 161 = OUB V, Nr. 1. Eberhard wird zwar nicht als advocatus genannt. Da er aber an erster Stelle der Zeugenreihe noch vor dem Waldric, dem Grafen der Grafschaft, in der der Sachverhalt verhandelt wurde, genannt wird, dürfte man auf diese Stellung schließen können.

[11] Jarck, Gründungsdatierung, S. 52f.

[12] Jarck, Gründungsdatierung, S. 53. Jarck führt zudem weitere neuzeitliche Hinweise an, die ebenfalls auf die Altarweihe im Jahr 1070 bzw. vor 1072 deuten. Ebd., S. 54f.

Vom Barlo(h) zur Barlage

Zur Entwicklung eines Flur- und Familiennamens (Bardelmeier, Barlage)

Von Dr. Christof Spannhoff

Familiennamen geben Einblicke in die Verhältnisse der Zeit, in der sie entstanden sind. Ein Teil dieses Namentyps geht ursprünglichen auf die Bezeichnung der Wohnstätte zurück, wo die Namenträger lebten. In diesen Wohnstätte-Namen haben sich oftmals auch ältere Flurnamen erhalten, was daher rührt, dass Wohnstätten häufig nach ihrer geographischen Lage bezeichnet wurden. Wenn man also den Entstehungsort eines Namens durch die Lokalisierung der Wohnstätte genau feststellen kann, lässt sich auch die im Namen enthaltene Flurbezeichnung verorten, wodurch weitergehende Aussagen für die Lokalgeschichte gemacht werden können.

Der Flurname Barlage

Zu einem solchen Familiennamen gehört auch der Hofname Bardelmeier (Ellerhooksweg 1, 49536 Lienen, Kreis Steinfurt). Der Name erscheint erstmals 1643 in den Tecklenburger Viehlisten in der Form Barlemeyer[1], 1755 und 1774 als Barrelmeyer[2], 1833 schließlich Bardelmeyer[3]. Die Belege zeigen, dass das –d erst später eingeschoben worden und für die Deutung des Namens ohne Belang ist.[4] Aufgrund der Nähe der Stätte zur noch heute so bezeichneten Flur Barlage ist zudem anzunehmen, dass die 1580 genannte Hofstelle Kerstien uff der Barlage (1621 Cerstien upr Baerlage, 1634 Kerstien uffr Barlage)[5] ebenfalls mit der Hofstelle Bardelmeier gleichzusetzen ist. Aus sprachlicher und historischer Sicht ist nun der Zusammenhang der Namen Barlage und Bardelmeier interessant. Aufgrund der Ähnlichkeit der Namen im Erstglied (bar-) und wegen der räumlichen Nähe der benannten Objekte (Flurstück und bäuerliche Stätte) zueinander, ist eine Beziehung beider Namen zu unterstellen. Der Flurname ist eine Zusammensetzung mit dem Grundwort mittelniederdeutsch lage ‚Lage, Stelle, Platz‘, das zur Wortfamilie um liegen und legen gehört.[6] Das Bestimmungswort ließe sich an mittelniederdeutsch bar ‚nackt, bloß‘ anschließen.[7] Der Flurname hätte demnach eine nackte – d.h. mit wenig Vegetation bewachsene – Stelle bezeichnet.

Der Familienname Bardelmeier

Doch mahnt die Analyse des Familiennamens Bardelmeier zur Vorsicht. Der älteste Beleg des Namens von 1643 (s.o.) zeigt, dass er eindeutig mit dem Grundwort –meyer gebildet wurde. Dieses Grundwort wurde in Anlehnung an die großen Meier-Höfe (von lateinisch maior domus ‚Verwalter eines Herrenhofes, einer Villikation‘) später – nach Auflösung der Villikationsverfassung – auch in Verbindung mit einem näher bestimmenden Zusatz (Beispiele: Feld-meier, Fang-meier, Horst-meier etc.[8]) zur Benennung von kleineren landwirtschaftlichen Stätten verwendet.[9] Schwieriger ist jedoch das Bestimmungswort zu ergründen: Barle- oder Barrel-. Der Vergleich mit ähnlichen Namen lässt vermuten, dass hier eine Zusammensetzung mit dem Grundwort lo(h) ‚Wald in Niederwaldwirtschaft, Nutzwald‘ vorliegt[10], ursprünglich also eine Form *Barlo(h) anzunehmen ist. Zu vergleichen ist etwa die lautliche Entwicklung von 1277 Ringelo[11] zu Ringel (bei Lengerich, Kreis Steinfurt), 1282–1306 Setlo[12] zu Settel (bei Lengerich/Steinfurt), um 1150 Espelo[13] zu Espel (bei Lingen/Ems) für die Form Barrel- sowie 1621 Verlo zu 1634 Verle (heute noch im Hof- und Familiennamen Verlemann[14] und schließlich 1254 Barlo[15] zu Barle (Wüllen/Ahaus) für die Form Barle-. Auch die Form Bardel, die in der heutigen Schreibung des Namens Bardelmeier begegnet, ist eine mögliche lautliche Entwicklung aus *Barlo(h), wie der älteste Beleg des Ortsnamens Bardel bei Gildehaus zwischen Bentheim und Gronau beweist: 1188 in Barlo > Bardel[16]. Vor allem die beiden letzten zum Vergleich herangezogenen Namen stützen die Vermutung, dass auch dem Bestandteil Barle im Namen Barlemeyer eine ursprüngliche Flurbezeichnung *Barlo(h) zuvor liegt. Barlemeyer wäre demnach also derjenige gewesen, der am *Barlo(h) siedelte, eben der *Barlo(h)-meyer.

Barlage oder *Barlo(h)?

Doch heißt die in unmittelbarer Nähe der Stätte gelegenen Flur Barlage, nicht *Barlo(h). Dieser vermeintliche Widerspruch löst sich folgendermaßen auf: Es ist hier ein Grundwortwechsel von lo(h) > lage anzunehmen, wie er in zahlreichen Flurnamen auf –lage von namenkundlicher Seite nachgewiesen worden ist.[17] Entweder handelt es sich hier um eine Anpassung an ein verbreiteteres und verständlicheres Grundwort[18] oder der Wechsel ist in Zusammenhang mit der menschlichen Rodungstätigkeit zu sehen. Durch Rodung könnte so aus dem als *Barlo(h) bezeichneten wirtschaftlich genutzten Gehölz die freie, unbewaldete und landwirtschaftlich in anderer Weise genutzte Fläche Barlage geworden sein.

Das Bestimmungswort bar

Abschließend ist noch nach dem Bestimmungswort im Namen *Barlo(h) zu fragen. Ein Anschluss an mittelniederdeutsch bar ‚nackt, bloß‘ (s.o.) scheint aus semantischen, also die Bedeutung betreffenden Gründen nicht sinnvoll zu sein; denn was soll man sich unter einem ‚nackten, unbewaldeten Wald‘ vorstellen?

Der Germanist Paul Derks hat sich eingehender mit den Barlo/Barle-Namen befasst und stellt das Bestimmungswort zu mittelniederdeutsch bar ‚Planke, Sparren, Riegel, Schranke‘. Ein Barlo ist also ein ‚Nutzwald, aus dem Planken, Sparren, Riegel oder Schranken gewonnen wurden‘. Zur Untermauerung dieses Anschlusses führt Derks semasiologische Parallelen an: Stiepel an der Ruhr/Bochum (890 Stipula, 1001 Stipelo) und Stiepel/Arnsberg (1204 Stipele), die er zum altsächsischen Wort *stip oder *stîp ‚Stock, Latte, Planke‘ (vgl. westfälisch stiepel ‚Stütze, Zaunstange‘) stellt, sowie Stockel östlich Brüssels (1147 Stocla) zu altsächsisch stok ‚Stock‘.[19] Ein noch heute durchsichtiges Beispiel ist der Flurname Thunbarken-Busch bei Lehrden (Kreis Rotenburg/Wümme)[20], der auf ein Gehölz (zu mittelniederdeutsch busk, busch) zur Gewinnung von ‚Zaun-Stangen‘ (thunbarke, zu mittelniederdeutsch tûn ‚Zaun‘ und bake ‚Stange‘ oder barke ‚Birke‘).[21] Alle diese ursprünglichen Flurnamen bezeichneten also den ‚Nutzwald‘ (lo[h]), der nach dem Erzeugnis benannt worden ist, das er den bäuerlichen Nutzern lieferte, also Stangen, Planken, Latten, Stöcke. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist auch die Entstehung und Motivierung des Flurnamens *Barlo(h) in Lienen-Westerbeck zu erklären.

 

[1] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 122.

[2] Ebd., S. 198 u. S. 256.

[3] Ebd., S. 309.

[4] Agathe Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, § 248, S. 139.

[5] Schatzungs- und sonstige Höferegister, S. 68f.

[6] Michael Flöer u. Claudia Maria Korsmeier, Die Ortsnamen des Kreises Soest, Bielefeld 2009, S. 497.

[7] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. I, S. 151.

[8] Schatzungs- und sonstige Höferegister, S. 110, 290, 193

[9] Gunter Müller, Schulte und Meier in Westfalen, in: Gedenkschrift für Heinrich Wesche, hrsg. v. Wolfgang Kramer u.a. Neumünster 1979, S. 143–164.

[10] Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Gemeinde Weeze am Niederrhein. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen. Mit einem Ausblick nach Geldern und Goch, Weeze 2006, S. 65.

[11] Die Urkunden des Klosters Gravenhorst, bearb. v. Manfred Wolf, Münster 1994, Nr. 35

[12] Alfred Bruns, Die ältesten Lehenbücher und Lehenregister der Edelherrschaft Steinfurt (1236ff.) 1282–1439, in: Tradita Westphaliae. Quellen zur westfälischen Geschichte, hrsg. v. Wolfgang Bockhorst, Münster 1987, S. 9–112, S. 29, A 12

[13] Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Gladbeck in Westfalen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Gladbeck/Westf. 2009, S. 153.

[14] Schatzungs- und sonstige Höferegister, S. 30f. u. 26.

[15] Derks, Weeze, S. 66.

[16] Ebd.

[17] vgl. Henning Siebel, Die norddeutschen Flur- und Siedlungsnamen auf –lage/-loge. Maschinenschriftliche Magisterarbeit Münster 1970 (Universitäts- und Landesbibliothek Münster, CB 3961), S. 155171

[18] Kirstin Casemir, Die Ortsnamen des Landkreises Wolfenbüttel und der Stadt Salzgitter, Bielefeld 2003, S. 451–453, hier S. 452.

[19] Derks, Weeze, S. 66.

[20] Ulrich Scheuermann, Die Flurnamen des westlichen und südlichen Kreises Rotenburg (Wümme), Rotenburg/Wümme 1971, S. 249.

[21] Schiller/Lübben, Wörterbuch, Bd. I, S. 143 (bake), Bd. I, S. 340 (birkemeier, barkemeier ‚Trinkgefäß aus Birkenholz‘), Bd. I, S. 458 (busk, busch), Bd. IV, S. 630 (tûn).