Kattenvenne „am Ölberg“ – Erinnerung an eine Ölmühle?

Von Dr. Christof Spannhoff

Am 14. Dezember 2015 beschloss der Rat der Gemeinde Lienen, die Erschließungsstraße des Gewerbeparks Kattenvenne künftig als „Ölbergstraße“ zu benennen.[1] Diese Benennung geht auf den nicht amtlichen Zusatz zum Ortsnamen Kattenvenne „am Ölberg“ zurück. Doch woher stammt diese Beifügung eigentlich?

Erstmals erwähnt wird dieser Namenszusatz in einer Bierzeitung aus dem Jahr 1914. Dort heißt es: „Geburtsanzeige! Willi. Heute schenket uns Gott einen gesunden und kräftigen Schwiegersohn. Dieses zeigen wir hocherfreut an. Kattenvenne a/Ölberge.“

Die landläufige Meinung erklärt die Entstehung des Kattenvenner „Ölbergs“ mit dem Bau der Bahnstrecke Münster-Osnabrück 1868–1871. Da die Bahntrasse ab Kattenvenne zum Teutoburger Wald ansteigt, musste angeblich in Kattenvenne das Räderwerk der Dampflock noch einmal geölt werden.[2] Wilhelm Wilkens widerspricht dieser Ansicht und sieht im Zusatz „am Ölberg“ eine Übertragung des biblischen Ölbergs bei Jerusalem im Kontext der Kirchengründung in Kattenvenne und der damit verbundenen Entwicklung des Ortskerns. Der Palmzweig im Kattenvenner Kirchensiegel könnte ein Hinweis darauf sein.[3]

Allerdings gibt es noch eine dritte Möglichkeit. Der frühere Stadtarchivar von Rheine, Heinrich Büld, veröffentliche 1939 seine Dissertation mit dem Titel „Sprache und Volkstum im nördlichen Westfalen. Sprachgrenzen und Sprachbewegungen in der Volksmeinung“. Diese Arbeit enthält eine Sammlung von Spottversen über nordwestfälische Gemeinden, die noch in den 1930er Jahren in der Bevölkerung eines jeweiligen Ortes über die jeweiligen Nachbargemeinden im Schwange waren. Unter dem Ort Lienen führt Büld auch den Spottnamen „Kattenviänne an’n Ölberg“ auf und gibt als Begründung an: „Bezieht sich auf die Ölmühle in Kattenvenne.“[4] Diese Erklärung wird Büld sich aber nicht selbst ersonnen haben, sondern von seinen befragten Gewährsleuten erfahren haben. In den 1930er Jahren ging man also noch davon aus, dass der Name „Ölberg“ von einer Ölmühle herrühre. Und es gab auch eine alte Ölmühle in der Nähe von Kattenvenne, z.B. beim Hof Worpenberg.[5] Das Grundwort –berg in Ölberg könnte als vergleichende Assoziation zum Grundwort des Namens des Nachbarortes Ladbergen (Nebenform Ladberge) entstanden sein.

[1] Wilhelm Schmitte, Lienkamp, Ostbrink und Ölbergstraße. Straßennamen vergeben, in: Westfälische Nachrichten, Tecklenburger Landbote vom 16. Dezember 2015.

[2] Heinz Kisker, Kattenvenne. Von der Bahn zum Ölberg. Versuch einer Klärung, Norderstedt 2009.

[3] Wilhelm Wilkens, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 367–369.

[4] Heinrich Büld, Sprache und Volkstum im nördlichen Westfalen. Sprachgrenzen und Sprachbewegungen in der Volksmeinung, Emsdetten 1939, S. 195.

[5] Hans Brandenburg, Gott begegnete mir, Teil 1: Von Riga bis Lübeck, 2. Aufl., Wuppertal 1964, S. 164 (zum Jahr 1919, dem Vikarsjahr Brandenburgs in Kattenvenne).

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Ahmann und Aachen

Von Dr. Christof Spannhoff

Was haben der alte Hofname Ahmann in Lienen-Meckelwege (Meckelwege 5, heute Meckelweger Str. 16) und etwa der Name der geschichtsträchtigen Stadt Aachen[1] gemeinsam?

Auf den ersten Blick recht wenig – außer, dass beide Namen mit A beginnen. Allerdings ist in beiden Namen ein- und dasselbe Wort enthalten: germanisch *ahwô > althochdeutsch, altsächsisch aha ‚Wasserlauf, fließendes Gewässer‘ [ausgesprochen: acha].[2] Es handelt sich um ein altes gemeingermanisches Wort für Wasser, das urverwandt ist mit lateinisch aqua ‚Wasser‘. Das Wort ist im niederdeutschen Raum heute geschwunden, ausgestorben, und findet sich nur noch in Namen. Im Süddeutschen wird es noch halbappellativisch verwendet.[3] Noch im Mittelniederdeutschen wurde das Wort gebraucht, allerdings bereits in der kontrahierten Form â (< aha).[4]

Es hat den Anschein, dass das Wort vor dem 16. Jahrhundert aus dem aktiven Wortschatz geschwunden ist. Darauf deuten Namen hin, bei denen das Grundwort wechselt, weil es vermutlich nicht mehr verstanden wurde: z.B. Kulmbach (1409 Kulmnach, 1488 Kulmbach).[5] Weitere dieser zeitlich näher eingrenzbaren Grundwortwechsel von aha > â zu beke ‚Bach‘ können diesen Zeitansatz auch für den niederdeutschen Raum noch näher bestimmen.

Der Hofname Ahmann wird erstmals 1284 als A domus una, Mekelwede erwähnt.[6] In den Namen ist also bereits die mit Ersatzdehnung verkürzte Form â eingegangen, die in Westfalen häufiger begegnet, wie zahlreichen Aa-Bäche, etwa die Münstersche Aa, Steinfurter Aa oder Ibbenbürener Aa etc. zeigen. Auch mittelniederdeutsch â bedeutet ‚fließendes oder stehendes Wasser‘. Der Hofname Ahmann besagt also, dass die Hofstelle an einem stehenden oder fließenden – im Falle Ahmann an einem fließenden – Gewässer – nämlich dem Bullerbach – gelegen war. A domus una, Mekelwede war also das ‚Haus beim Wasser‘ oder ‚Haus an einem Bach‘.[7]

[1] Zum Ortsnamen Aachen: Günter Breuer, Art. Aachen, in: Deutsches Ortsnamenbuch, hrsg. v. Manfred Niemeyer, Berlin/Boston 2012, S. 17.

[2] Albrecht Greule, Deutsches Gewässernamenbuch. Etymologie der Gewässernamen und der zugehörigen Gebiets-, Siedlungs- und Flurnamen, Berlin 2014, S. 21.

[3] Friedhelm Debus, Art. -ach 1, in: Deutsches Ortsnamenbuch, S. 18.

[4] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. I, S. 1.

[5] Wolf-Armin v. Reitzenstein, Lexikon fränkischer Ortsnamen. Herkunft und Bedeutung. Oberfranken, Mittelfranken, Unterfranken, München 2009, S. 125.

[6] Osnabrücker Urkundenbuch (OUB), bearb. v. Friedrich Philippi u.a., 7 Bde., Osnabrück 1892–1996, Bd. IV, Nr. 133. Anm. 5: Rückvermerk (?) aus späterer Zeit „dat hus tor A“.

[7] Christof Spannhoff, Die Kattenvenner Bachnamen, in: Kattenvenne? – Kattenvenne! Beiträge zur Geschichte eines Dorfes im Münsterland, hrsg. v.d. Kattenvenne 1312 eG, Lengerich 2012, S. 28–34.