Das Rätsel der Grafentafel

Von Dr. Christof Spannhoff

An der Grenze zu Hagen a. T. W. (Landkreis Osnabrück) liegt in der Lienener Bauerschaft Holperdorp (Kreis Steinfurt) die sogenannte „Grafentafel“, ein durch Erosion freigelegter Sandsteinfelsen.[1] Der Sage nach sollen hier der Graf von Tecklenburg und der Osnabrücker Bischof zusammen mit ihrem Gefolge bei der Jagd gerastet haben.[2] Bei dieser Schilderung handelt es sich allerdings um eine Erklärungserzählung (Ätiologie), die den Ursprung des Namens Grafentafel auslegen soll, wie zu zeigen sein wird.

Nach neuerer Ansicht der Heimatforschung sei die Grafentafel eine vorchristliche Kultstätte gewesen.[3] Allerdings ist, da die Felsformation durch Erosion entstanden ist, der Beginn ihres Bildungsprozesses erst im Hochmittelalter (ca. 1050 bis 1250) anzusetzen, als durch stark ansteigende Bevölkerung, vermehrte Rodung und zunehmenden Holzbedarf sowie Waldweide des Viehs die bodenschützende Vegetation geschwunden war. An den nunmehr fast waldfreien Hängen wurde der Boden durch Wind, aber vor allem durch den im Spätmittelalter (ca. 1250 bis 1500) häufiger auftretenden Starkregen abgetragen.[4] Schwerpunkte der mittelalterlichen Perioden gehäufter Unwetter lassen sich für die Zeit um 1020 und von 1120 bis 1225 feststellen. Die Quellen des 14. und 15. Jahrhunderts lassen eine Zunahme der Sturmhäufigkeiten erkennen. Der Starkregen schwemmte die Bodenkrume fort. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass allein zwischen 1313 und 1348 in Deutschland 34 Milliarden Tonnen (!) Erdboden abgetragen worden sind, 1342 als Folge des Starkregens in diesem Jahr 13 Milliarden Tonnen. Ganze Orte fielen aufgrund der umfangreichen Bodenverlagerungen wüst.[5] Die Grafentafel als Ergebnis von Bodenerosion entstand also erst im Laufe des Spätmittelalters, zu einer Zeit, als die Region bereits seit mehreren Jahrhunderten christianisiert war.[6] Somit ist eine vorchristliche Kultstätte an der Grafentafel auszuschließen.[7]

Wegen ihres erst späteren Entstehungszeitpunktes kann die Grafentafel ebenfalls nicht mit dem im Jahr 965 erstmals genannten „Hrutansten“ identisch sein, wie früher angenommen wurde. Bei dem Hrutansten handelt es sich um einen Grenzpunkt, der in einem Forstbannprivileg Ottos I. für die Osnabrücker Kirche genannt wird. Nach neueren Untersuchungen dürfte sich dieser Grenzpunkt allerdings auf der Ostseite der Diözese Osnabrück und nicht in deren Südwesten befunden haben, wie es bei einer Gleichsetzung von Hrutansten mit der Grafentafel der Fall gewesen wäre.[8]

Doch woher kommt nun der Name Grafentafel? Erstmals erwähnt wird der Sandsteinfelsen 1537 als „Graffensten“. In den Iburger Amtsrechnungen von 1537 heißt es: „Engelberte Hügelmegger gesandt nha den swynen so thon Graffenstene in der Mast weren“.[9] Der Amts- bzw. Adelstitel Graf (von Tecklenburg) dürfte kaum im Namen Graffensten enthalten sein, weil der Flurname ein niederdeutscher ist und die Bezeichnung für den Grafen im Mittelniederdeutschen greve lautet.[10] Die Antwort bietet eine 1705 angefertigte Karte der Grenze zwischen Bevergern und Lingen, die Verhältnisse des Jahres 1616 abbildet.[11] Dort erscheint der „Grauwe Stein“ zur Grenzmarkierung. Als weiterer Punkt dieser Grenze wird der „Witte Stein boven op den berch“ genannt. Es handelt sich hier also um Grenzsteine, die nach ihrer Farbe benannt worden sind. Sogenannte „Graue Steine“ sind in ganz Deutschland als typische Grenzzeichen verbreitet.[12] Auch in dem 1537 genannten Graffensten dürfte also das Farbadjektiv mittelniederdeutsch grawe, gra, grau vorliegen.[13] Das f, also der stimmlose Reibelaut, anstelle des stimmhaften w in grawe erklärt sich dadurch, dass sich im Mittelniederdeutschen w zu f verhärten kann, wenn ein Nasenlaut (m, n) folgt.[14]

Die Grafentafel bzw. der Graffensten ist also nichts anderes als der „graue Stein“. Mit diesem Namen wurde ein Punkt der Grenze benannt, die sich vom 15. bis 17. Jahrhundert zwischen der Grafschaft Tecklenburg und dem Hochstift Osnabrück als genau definierte Linie ausbildete.[15] Als man den Namen Graffensten nicht mehr verstand, schloss man ihn – anscheinend im 19. Jahrhundert – an die hochdeutsche Bezeichnung Graf an und machte den rechteckigen Steinquader zur „Tafel des Grafen“: Grafentafel. Dieser Vorgang lässt sich anhand historischer Grenzkarten wahrscheinlich machen. Noch 1778 wird die Grafentafel auf einer Grenzkarte als der „Grosse Stein“ bezeichnet[16], 1843 dann als „Grafenstein oder Herrntafel“.[17]

[1] Rainer Rottmann, Borgberg und breiter Stein, in: Hagener Geschichten, hrsg. v. Heimatverein Hagen a. T. W. e.V., Osnabrück 2011, S. 23f.

[2] Friedrich Ernst Hunsche, Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v. d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965, S. 38.

[3] Rolf Kötterheinrich, Wandern gestern und heute – auf den Spuren der Vergangenheit im Teutoburger Wald, Grafentafel und Duvensteine, Infobroschüre, Lienen September 2003; Wilhelm Wilkens, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 391f.

[4] Rüdiger Glaser, Klimageschichte Mitteleuropas. 1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen, 2., aktualisierte und erw. Aufl., Darmstadt 2008, S. 58–92; Dirk Meier, Entwicklung von Klima, Natur und Umwelt im hohen und späten Mittelalter zwischen Klimaoptimum und Kleiner Eiszeit, in: Adel und Bauern in der Gesellschaft des Mittelalters. Internationales Kolloquium zum 65. Geburtstag von Werner Rösener, hrsg. v. Carola Fey u. Steffen Krieb, Korb 2012, S. 15–44, hier S. 21–23.

[5] Meier, Entwicklung, S. 22f.

[6] Zur Christianisierung Nordwestdeutschlands (Auswahl): Caspar Ehlers, Die Integration Sachsens in das fränkische Reich 751–1024, Göttingen 2007; Thomas Vogtherr, Visbek, Münster, Halberstadt: Neue Überlegungen zu Mission und Kirchenorganisation im karolingischen Sachsen, in: Archiv für Diplomatik 58 (2012), S. 125–145.

[7] Vgl. zu angeblichen vorchristlichen Kultstätten, die vielfach von der sogenannten Heimatforschung auf wenig belastbarer Grundlage konstruiert werden: Paul Derks, Trigla Dea und ihre Genossen. Drüggelte und sein angeblicher Heidentempel. Ein Literaturbericht mit Ausblicken nach Ense, Bremen und Wormbach, in: Soester Zeitschrift 101 (1989), S. 5–78; Paul Derks, „Cenobium Herreke“ und die „Hertha-Eiche“. Eine Nachlese zum Herdecker Stadtjubiläum, in: Der Märker. Landeskundliche Zeitschrift für den Bereich der ehem. Grafschaft Mark und den Märkischen Kreis 41 (1992), S. 207–223; Christof Spannhoff, Keine vorchristliche Kultstätte. „Heidentempel“ des Jahres 610 ist eine Erfindung des Chronisten Rump, in: Unser Kreis 2016. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 29 (2015), S. 109–115.

[8] Christof Spannhoff, Wo lag der Hrutansten? Überlegungen zur Lokalisierung eines Grenzpunktes des Diploms Otto I. für die Osnabrücker Kirche aus dem Jahr 965, in: Nordmünsterland. Forschungen und Funde 2 (2015), S. 166–184.

[9] Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 355, Iburg Nr. 1142: Iburger Amtsrechnungen 1537–1538: Engelberte Hügelmegger gesandt nha den swynen so thon Graffenstene in der Mast weren, gegeven tho tergelde 7 ß [Schillinge], 6 d [Pfennige]. Für die genaue Quellenangabe danke ich Herrn Rainer Rottmann, Hagen a.T.W., sehr herzlich.

[10] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. II, S. 146.

[11] Strittige Grenze vom Speller Wald bis Hopsten und von Uffeln über Gravenhorst bis Tecklenburg (1616) 1705. Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A 968.

[12] Hans Jänichen, Die Grauen Steine, in: Neue Beiträge zur südwestdeutschen Landesgeschichte. Festschrift für Max Miller, red. v. Werner Fleischhauer u.a., Stuttgart 1962, S. 81–87.

[13] Schiller/Lübben, Wörterbuch II, S. 142.

[14] Agathe Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, § 227.

[15] Zur Entwicklung der Grenze zwischen Hagen a. T. W. und Lienen: Rainer Rottmann, Hagen am Teutoburger Wald. Ortschronik, hrsg. v. d. Gemeinde Hagen, Osnabrück 1997, S. 215–225 u. 515–526; Der Lienener Rezess von 1656. Faksimile und Edition des ältesten Dokumentes im Gemeindearchiv Lienen (Kreis Steinfurt), bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Norderstedt 2010.

[16] Charte von denen streitigen Gräntzen der Graffschaft Tecklenburg mit dem Hochstift Osnabrück mit beyderseits praetendirte Limite befindlich als von Hüerländer zu Holperdorf bis an den befindlichen Gräntz Stein zwischen Mauch (1778). Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A 47.

[17] Münster (Regierungsbezirk) – Osnabrück (Landdrosteibezirk), Grenze gem. Rezeß vom 22.12.1827, Sektion 4 Amt Iburg, Blatt 3: Vom Grafenstein bis zur alten Landwehr bei Grenzstein Nr. III (Gemeinde Lienen), 1843. Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A 3993.

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