Das Geheimnis der Flur Manhören

Von Dr. Christof Spannhoff

Nördlich der Brennerei Schierhölter, direkt an der Grenze zwischen Lienen-Meckelwege und Glandorf-Averfehrden auf Lienener Gebiet, liegt ein Flurstück, das im Urkataster von 1827 als Manhören bezeichnet wird. In der lokalgeschichtlichen Literatur hat diese Örtlichkeit besonderes Interesse gefunden, weil sich hier in der Vergangenheit merkwürdige Dinge zugetragen haben sollen. Grund für diese Annahme ist die erste Erwähnung des Flurnamens in einer Grenzbeschreibung aus dem Jahr 1609. [1] Darin heißt es: „Von dannen auf einen Schnadstein am Eichhorn, auf welchem Platz einßmals einer, der sich selbst gehangen, folgents den andern, so sich selbst ertränket, brennen lassen.“ Aufgrund der Lage bei dem benachbarten Grenzpunkt Knapheiden Garten [2] und wegen eines Eintrags auf einer Karte aus dem Jahr 1782 Mann oder Einhorn [3] ist davon auszugehen, dass das Eichhorn von 1609 mit der späteren Flur Manhören identisch ist. [4]

Interessant ist nun der Zusatz, der zu dem Flurnamen im Grenzprotokoll von 1609 notiert ist: „auf welchem Platz einßmals einer, der sich selbst gehangen, folgents den andern, so sich selbst ertränket, brennen lassen.“ Aufgrund dieser ergänzenden Informationen zur Kennzeichnung des Grenzpunktes kommt Wilhelm Wilkens zu folgenden Überlegungen: „Merkwürdig, wie in einem amtlichen Dokument das Eichhorn so gruselig als Selbstmörderecke beschrieben wird. – Wie konnte man sich hier ertränken? Östlich des Voßhaarwegs, an der Südgrenze Dorfbauers, erstreckt sich auf Averfehrdener Seite eine weite Mulde, die heute durch den Riedenbach entwässert wird. 1609 lag hier ein weites Torfmoor mit dem ‚Schwarzwasser’, in das Selbstmörder gehen konnten.“

Doch geht aus dem Satz im Grenzprotokoll mit keinem Wort hervor, dass sich Personen an der Stelle mit der Bezeichnung Eichhorn ertränkt oder selbst verbrannt haben, wohl aber, dass hier Menschen verbrannt worden sind, die ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hatten! Dass dieser Suizid auch an Ort und Stelle stattgefunden hatte, ist eine Fehlinterpretation der Textstelle, wie noch zu zeigen sein wird. Somit sind die Überlegungen von Wilkens müßig, ob es sich bei der Flur Manhören oder Eichhorn um eine „Selbstmörderecke“ gehandelt habe und an welcher Stelle man sich hätte ertränken können.

Hinweis auf das Verbrennen von Selbstmördern

Wichtig ist hingegen der Hinweis, dass auf dem Flurstück Manhören oder Eichhorn die Leichname von Selbstmördern verbrannt wurden. Dies war z.B. im benachbarten Hochstift Osnabrück im 16. und frühen 17. Jahrhundert eine gängige Praxis. [5] 1588 ist für Melle nachzuweisen, dass dort der tote Körper eines Selbstmörders vom Abdecker verbrannt wurde. [6] Letztmalig kam die Verbrennung eines Selbstmörders im Hochstift Osnabrück im Jahr 1632 vor. [7]

Diese Einäscherungen fanden auf den lokalen Hinrichtungsplätzen statt. Dass es sich auch bei der Flur Manhören um einen solchen Richtplatz handelte, belegt die Eintragung auf einer Karte aus dem Jahr 1782. [8] Auf diesem Plan ist in der Nähe des Mann oder Einhören eine Stelle eingetragen, zu der vermerkt wird: „Grab wo ehemals ein Gericht gestanden“. Das Wort Gericht ist hier im ursprünglichen Wortsinn als „Galgen“ zu verstehen. [9] Diese Annahme wird durch eine weitere Karte bestätigt, die um 1778 gezeichnet wurde. Auf ihr wird die betreffende Örtlichkeit als „Plaz woh ehedem ein galge gestanden“ bezeichnet. [10] Es handelte sich bei dem Flurstück Manhören also eindeutig um einen alten Hinrichtungsplatz!

Richtplatz

Vormoderne Richtplätze lagen oftmals in der gemeinen Mark, der Allmende, in der Nähe von Grenzen. [11] Mit der Einrichtung von Zuchthäusern nahmen die Hinrichtungen im 18. Jahrhundert ab und viele lokale Richtstätten wurden aufgegeben. [12] Die Aufklärung stellte statt der Todestrafe die Erziehung und Besserung der Delinquenten in den Vordergrund. [13] Dennoch ließ man Galgen und Radpfähle zur mahnenden Abschreckung und Warnung vielfach bestehen. [14] Sie wurden zu einem Symbol der Strafjustiz. Deshalb hielt sich auch lange die Erinnerung an diese Richtstätten.
Verbrecher, die zu einem unehrenhaften Tode durch den Scharfrichter verurteilt wurden, hatten das Recht verwirkt, auf den christlichen Begräbnisplätzen, die sich damals noch um die Kirchen herum befanden [15], bestattet zu werden. Deshalb vergrub man die Leichen der Hingerichteten an Ort und Stelle auf dem Richtplatz. Zu den unehrenhaften Strafen, die ein unehrenhaftes und unchristliches Begräbnis nach sich zogen, gehörte das Erhängen am Galgen und das Rädern. Bei letztem wurden dem Verbrecher zunächst Arme und Beine gebrochen und diese dann anschließend auf ein Rad geflochten. Zusammen mit dem Rad wurde der Delinquent mit einem Pfahl aufgestellt und abgewartet, bis der Tod eintrat – eine besonders lang andauernde und schmerzhafte Prozedur.
Das Hängen und Rädern waren Strafen, die zumeist nur Männern zuteil wurden, weil sie für Frauen als unschicklich galten. Frauen, die zum Tode verurteilt worden waren, wurden gepfählt, lebendig begraben oder ertränkt. Ertränkt wurden allerdings auch Männer. Diese Bestrafung wandte man vor allem bei Diebstahl oder Kindsmord an. [16] Dazu musste aber am Richtplatz auch ein fließendes oder stehendes Gewässer vorhanden sein „Schwarzwasser“?; s.o.). „Zauberei“ oder Brandstiftung wurde durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen geahndet. Während im Stadtumland mehrere Richtstätten für unterschiedliche Hinrichtungsarten vorhanden waren, wurden auf dem Lande alle Hinrichtungen an einer einzigen Örtlichkeit vorgenommen. [17] Nach der Hinrichtung wurden die Leichen der gerichteten Verbrecher direkt am Richtplatz bestattet. [18]

Die Zahl der ländlichen Hinrichtungsplätze, die ursprünglich wohl der Zahl der mittelalterlichen Hochgerichte entsprach, verringerte sich vom 16. zum 17. Jahrhundert als Ergebnis einer Vereinheitlichung der Rechtsprechung im Zuge landesherrlicher Verwaltungs- und Justizreformen. [19] Im Zuge dieser Neuordnungen und Umbildungen dürfte wohl auch der Richtplatz Manhören seine Funktion eingebüßt haben. 1609 scheint er bereits längere Zeit aufgegeben gewesen zu sein, denn im Grenzprotokoll wird vermerkt, dass die Hinrichtungen und Verbrennungen „einßmals“ stattgefunden hatten.

Selbstmörder

Doch auch Selbstmörder galten als Verbrecher und durften nicht auf christlichen Friedhöfen bestattet werden, denn ein Suizid bedeutete in vormoderner Zeit nicht nur eine Zuwiderhandlung gegen den natürlichen Selbsterhaltungstrieb, sondern auch ein schweres Vergehen, vor allem im religiösen Kontext. Der Selbstmörder verstieß gegen das fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten“, das sich nicht nur auf das Leben anderer bezog, sondern auch auf das eigene. Da der Mensch als Ebenbild Gottes betrachtet wurde, beging auch der Selbstmörder, der Hand an sich legte, eine schwere Sünde. Er setzte sich über den göttlichen Willen hinweg, weil er den Zeitpunkt seines Todes selbst bestimmte. Zudem musste der damalige Zeitgenosse annehmen, dass der sich selbst Tötende nicht an Gottes Gnade glaubte und sich durch seinen Freitod den göttlichen Prüfungen entzog, die das Leben für die Menschen bereit hielt. Das alles zusammen stellte aber eine unbegreifliche Todsünde dar, die den Eingang der Seele in das Himmelreich verhinderte. Zudem fügte der Selbstmörder der sozialen Gemeinschaft, in der er gelebt hatte, einen Schaden zu, weil er sich eigenmächtig den ihm auferlegten gesellschaftlichen Pflichten entzog. [20]
Die durch eigene Hand aus dem Leben geschiedene Person wurde aber aus diesen Gründen auch über den Tod hinaus aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Daraus ergab sich folglich, dass der Leichnam des Selbstmörders auch im Tode aus der Gemeinschaft ausgegrenzt werden musste. Deshalb konnte er nicht nach christlichem Ritus auf einem geweihten Bestattungsplatz begraben werden.
Der Selbstmörder wurde also wie ein zum Tode verurteilter Verbrecher behandelt und stand mit diesem auf gleicher Ebene. Deswegen oblag es auch dem Scharfrichter, seinen Leichnam zu bestatten. Dieses Geschäft besorgte der Henker natürlich an der gleichen Stelle, an der er auch die „gewöhnlichen“ Verbrecher begrub. [21]

Analyse des Flurnamens

Vor diesem Hintergrund ist auch der Flurname Manhören zu verstehen. Ursprünglich hieß das Flurstück wohl Eichhorn. Dieser Name dürfte in die Zeit zurückreichen, bevor die Flur als Richtplatz genutzt wurde, und die hochdeutsche Form zu mittelniederdeutsch *Êkhorn darstellen. Der Namen besteht aus mittelniederdeutsch horne ‚Ecke, Winkel‘ [22] und mittelniederdeutsch eke ‚Eiche‘ [23] und benannte somit einen ‚Eichenwinkel‘. Das ist kein außergewöhnlicher Flurname. Zwischen Ostbevern und Telgte gibt es noch heute eine Straße Bockhorner Heide. Der daraus zu erschließende Flurname *Bockhorn ist also entsprechend ein ‚Buchenwinkel‘, zu mittelniederdeutsch boke ‚Buche‘ [24] Der Name Manhören löste dann den älteren Flurnamen Eichhorn / *Êkhorn ab, was auf die geänderte Nutzung des Flurstücks zurückzuführen ist. Denn der Flurname Manhören ist nicht so alltäglich wie Eichhorn / *Êkhorn. Das Grundwort ist mittelniederdeutsch horne ‚Ecke, Winkel‘ geblieben. Doch das neue Bestimmungswort dürfte wohl zu mittelniederdeutsch man ‚Mensch, Mann‘ in der älteren Bedeutung ‚Mensch‘ zu stellen sein (vgl. englisch mankind ‚Menschheit‘). [25] Es handelt sich also um einen ‚Menschenwinkel‘ und damit wohl um einen Bestattungsplatz, denn mit dem Bestimmungswort man ‚Mensch‘ wurden auch andernorts die Benennungen für Begräbnisplätze gebildet, etwa Manhagen (Kreis Ostholstein). [26]

Fazit

Somit verbergen sich hinter dem Flurort Manhören ein historischer Richtplatz und eine Stelle, an der Verbrecher und Selbsmörder bestattet wurden, die nicht auf christlichen Friedhöfen begraben werden durften (vgl. auch die zahlreichen Flurnamen Heidenkirchhof, Heidenkerkhof, die ebenfalls in diesen Zusammenhang gehören könnten). [27]

[1] Der Text ist als Auszug gedruckt in: Hunsche, Friedrich Ernst, Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v.d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965, S. 278. Der Text ist – zitiert nach Hunsche – wieder abgedruckt in: Spannhoff, Christof, 1609-2009. 400 Jahre Grenze zwischen Ostenfelde und Lienen, Norderstedt 2008, S. 12-13.

[2] Hof Knapheide in Meckelwege, heute Kröner, Glandorfer Damm 57 (vgl. Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 265).

[3] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A 271.

[4] So bereits Hunsche, Lienen, S. 278.

[5] Wilbertz, Gisela, Scharfrichter und Abdecker im Hochstift Osnabrück. Untersuchungen zur Sozialgeschichte zweier „unehrlicher“ Berufe im nordwestdeutschen Raum vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, Osnabrück 1979, S. 19.

[6] Ebd., S. 21, Anm. 119.

[7] Ebd., S. 19.

[8] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A 271.

[9] Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, Münster 2007, S. 279.

[10] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A 46.

[11] Wilbertz, Gisela, Auf der Suche nach dem Detmolder Galgen. Ein Beitrag zum Verhältnis von Richtplatz und Abdeckereiplatz, in: Richtstättenarchäologie, hrsg. v. Jost Auler, Dormagen 2008, S. 46-68, hier S. 52.

[12] Wilbertz, Galgen, S. 66.

[13] Krause, Thomas, Geschichte des Strafvollzugs. Von den Kerkern des Altertums bis zur Gegenwart, Darmstadt 1999, S. 45-54.

[14] Wilbertz, Galgen, S. 53.

[15] Spannhoff, Christof, Die Bewohner des Kirchhofs. Zur Sozialstruktur der Kirchhöfer am Beispiel des Tecklenburger Landes, in: Bekenntnis, soziale Ordnung und rituelle Praxis. Neue Forschungen zu Reformation und Konfessionalisierung in Westfalen, hrsg. v. Werner Freitag u. Christian Helbich, Münster 2009, S. 129-153.

[16] Hahn, Anna Karina, Nicht „up geweyden steden“ begraben. Selbstmörder und Delinquenten im Köln des 15. Jahrhunderts, in: Richtstättenarchäologie, hrsg. v. Jost Auler, Dormagen 2008, S. 486-495, hier S. 491f. Vgl. auch: Schwerhoff, Gerd, Köln im Kreuzverhör. Kriminalität, Herrschaft und Gesellschaft in einer frühneuzeitlichen Stadt, Bonn u.a. 1991, S. 410.

[17] Helfer, Christian, Formen und Funktionen des Galgenplatzes am unteren Mittelrhein, in: Bonner Geschichtsblätter 18 (1964), S. 16-38, hier S. 25-35.

[18] Hahn, Selbstmörder, S. 493.

[19] Wilbertz, Gisela, Wohnstätten und Tätigkeitsbereiche von Scharfrichtern und von Abdeckern. Organisatorischer Zusammenhang und personale Differenz, in: Richtstättenarchäologie, hrsg. v. Jost Auler, Dormagen 2008, S. 506-531, hier S. 517; Lebkücher, Florian, „die peinlichen gericht an manchen orten, mit rechtverstendigen erfarn geübten personen nit besetzt werden mögen“. Die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V. als Vorlage der Tecklenburger Landgerichtsordnung von 1613, in: Die Tecklenburger Landgerichtsordnung von 1613. Ein Beitrag zur Rechtsgeschichte des Tecklenburger Landes, bearb. u. hrsg. v. Florian Lebkücher u. Christof Spannhoff, Norderstedt 2011, S. 13-32.

[20] Hahn, Selbstmörder, S. 486f.; Lind, Vera, Selbstmord in der frühen Neuzeit. Diskurs, Lebenswelt und kultureller Wandel am Beispiel der Herzogtümer Schleswig und Holstein, Göttingen 1999, S. 28f.

[21] Irsigler, Franz / Lassotta, Arnold, Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker. Randgruppen und Außenseiter in Köln 1300 – 1600, Köln 1984, S. 235.

[22] Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881, Bd. II, S. 302.

[23] Schiller-Lübben I, S. 649.

[24] Schiller-Lübben I, S. 374f.

[25] Schiller-Lübben III, S. 18f.

[26] Laur, Wolfgang, Historisches Ortsnamenlexikon von Schleswig-Holstein, 2., völlig veränd. u. erw. Aufl., Neumünster 1992, S. 445-447.

[27] Vollmer, Matthias, Zur Mikrotoponymie eines ostwestfälischen Ortspunktes. Die Flurnamen der Stadt Spenge, Lage 1997, S. 117f.

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