Mögliche Motive der Gründung des Klosters Leeden bei Tecklenburg

Von Dr. Christof Spannhoff

Warum gründete Graf Otto von Tecklenburg vor bzw. im Jahr 1240[1] das Kloster Leeden in der Nähe seiner Burg? Die ältere Forschung hat diese Gründung als „Sühnekloster“ für die Beteiligung des Tecklenburgers an einer politischen Intrige gegen den Kölner Erzbischof Engelbert von Berg interpretiert[2], die im gewaltsamen Tod des Metropoliten gipfelte.[3] Größtenteils ist sich die Historikerzunft heute aber einig, dass es sich nicht um ein eigentliches „Sühnekloster“ gehandelt habe – immerhin liegen zwischen dem gewaltsamen Tod des Kölner Erzbischofs 1225 und der Stiftung Leedens um 1240 fünfzehn Jahre.[4] Allenfalls wird eine indirekte Sühneleistung angenommen, weil die Zeitgenossen möglicherweise die Erbenlosigkeit des damaligen Tecklenburger Grafenpaares als Strafe Gottes aufgefasst haben könnten (s.u.).[5] Doch auch das ist nur eine These aus heutiger Interpretation. Faktische Anhaltspunkte gibt es dafür nicht. Hinzu kommt, dass die lateinische Wendung im Text „in remissionem peccatorum nostrorum“ – zur Vergebung unserer Sünden –, auf die sich die ältere Forschung beruft, kein „Schuldeingeständnis“ des Grafen Otto von Tecklenburg darstellt, sondern vielmehr eine recht typische Wendung der mittelalterlichen Urkundensprache ist, die nicht nur in der Urkunde für das Kloster Leeden von 1240 begegnet, sondern in zahlreichen Schenkungsurkunden für geistliche Institutionen. Somit hat die besagte Textstelle keinerlei Beweiskraft für eine Klostergründung des Tecklenburgers als Sühneleistung, die mit dem gewaltsamen Tod des Kölner Erzbischofs in Zusammenhang steht.

Indes gibt es nämlich – nach allem was wir heute noch wissen – Sühnestiftungen für den Tod Engelberts von Köln, z.B. eindeutig das Kloster Gevelsberg, an dem Ort, an dem der Erzbischof zu Tode kam, oder möglicherweise Netze. Bei Letzterem wird nämlich in der Gründungsurkunde aus dem Jahr 1228 erwähnt, dass die Brüder Volquin von Schwalenberg und Adolf von Waldeck die Grundausstattung schenkten, um Vergebung für Todsünden und andere, läßliche Sünden zu erlangen („quod per largitionem elemosinarum et sanctarum edificationem ecclesiarum tam criminalium quam venialium absterguntur delicta peccatorum.“). Diese Erwähnung von Todsünden (peccata criminalia), die selten ist, könnte ein Hinweis auf ein „Sühnekloster“ sein. Hinzu kommt, dass das Kloster Netze bereits 1228, also zwei bis drei Jahre nach dem Tod Engelberts am 7. November 1225 gegründet wurde und nicht erst gut fünfzehn Jahre später wie Leeden. Damit fällt also das „Sühnemotiv“ für den gewaltsamen Tod am Kölner Erzbischof für Leeden aus.

Dass die Geschichtsforschung überhaupt in Leeden ein solches „Sühnekloster“ vermutet hat, geht auf die „Chronik der Bischöfe von Münster“ des Florenz von Wevelinkhoven aus dem 14. Jahrhundert zurück, in der der Autor berichtet, die Grafen von Tecklenburg und von Schwalenberg hätten wegen ihrer Teilnahme an der Verschwörung gegen den Kölner Erzbischof zwei Klöster gebaut und seien selbst ins Kloster gegangen. Da aber die letzte Aussage offenkundig nicht stimmt, ist auch die erste Angabe in Zweifel zu ziehen – vor allem auch, da es sich um eine nicht mehr zeitgenössische Quelle handelt.[5a]

Die „Genealogische Katastrophe“ als mögliches Gründungsmotiv

Vor einiger Zeit hat Diana Zunker die Diskussion um die angeblichen Tecklenburger „Sühneklöster“ noch einmal aufgegriffen.[6] Ausgehend von der Überlegung, dass Klöster und andere geistliche Institutionen in der mittelalterlichen Vorstellung ein „institutionalisiertes Gedächtnis“ waren, das bis in alle Ewigkeit bzw. bis zum Weltuntergang bestehen sollte und somit Stiftern und Gönnern eine ewige Memoria bot, kommt sie zu folgendem Ergebnis:

Zunker stellte fest, dass sich für Otto von Tecklenburg und seine Frau Mechthild eine rege Stiftertätigkeit ausmachen lässt. Die Besitzungen der Familie lagen bei Münster, im Gebiet der Ems bis Friesland und im Bistum Osnabrück, in enger Nachbarschaft zu den Besitzungen der Grafen von Ravensberg und Geldern. Herrschaftsgrundlage der Tecklenburger war reicher allodialer Grundbesitz im Raum zwischen Ems und Hase. Mit der Pflege ihrer Memoria beauftragten die Tecklenburger in herausragender Weise Zisterzienserinnenklöster, die neben den geistlichen Vorteilen der strengeren Lebensweise und damit der größeren Heilserwartung auch die praktischen Vorteile des fortschrittlichen Landesausbaus und der etwas größeren Einflussmöglichkeit des Stifters auf das Stiftungsgut mit sich brachten. Der Stiftungsumfang war umfangreich: Otto von Tecklenburg stiftete 1221 im bereits erwähnten Zisterzienserkloster Marienfeld ein Seelengedächtnis für sich, seinen Vater und seine Brüder, 1225 ein weiteres für sich selbst, seine Frau Mechthild und seine Eltern. Dem von Bischof Konrad I. von Minden 1227 gegründeten Zisterzienserinnenkloster Levern schenkten Tecklenburgische Dienstleute zu ihrer Memoria Besitzungen. Zu seinem eigenen Seelenheil trat Otto 1236 mit Zustimmung seiner Frau und seiner Söhne einige Hörige an das Kloster ab, hinzu kam die Schenkung eines Hofes zu ihrem Seelenheil und dem ihrer Eltern. Auch 1245 wurde hier das Seelenheil gestiftet. Bei dem Eintritt seiner Tochter Oda in das Zisterzienserinnenkloster St. Aegidien in Münster übertrug Otto als Ausstattung einen Hof mit zwei Kotten und stiftete ein Familiengedächtnis für seine namentlich genannten nächsten Verwandten. Oda wurde später zur Äbtissin des Klosters gewählt.

1231 wurden Besitzungen an das von Otto II. von Ravensberg und seiner Frau Sophia gestiftete Zisterzienserinnenkloster Bersenbrück übertragen. Den Kauf eines von Köln lehnsrührigen Zehnten durch das Kloster Fröndenberg von zwei Vasallen Ottos von Tecklenburg nutzte dieser 1232 zur Stiftung einer weiteren Familienmemorie. Um 1240 gründeten Otto von Tecklenburg und seine Frau Mechthild in der Nähe ihres Burgsitzes zu ihrem Seelenheil das Zisterzienserinnenkloster Leeden und schenkten dem Kloster die in der Diözese Minden gelegenen Kirche in Alswedde. Später übertrugen sie ihm noch ein Haus und die dazugehörige Fischerei. Das 1246 von Gräfin Adelheid von Arnsberg gegründete Kloster Himmelpforten bei Soest erhielt von Otto von Tecklenburg und seinem Sohn Heinrich für ein Familiengedächtnis Güter. Schenkungen der Tecklenburger an das Zisterzienserinnenkloster Haste-Rulle sind ebenso festzustellen: So gelangten etwa Tecklenburgische Lehen als Aussteuer an das Kloster. Daher wurde Otto von Tecklenburg zum 7. Juli im Nekrolog des Klosters gedacht. Im Zisterzienserinnenkloster Mariensee stiftete Otto von Tecklenburg mit der Schenkung einiger Eigenhöriger ein Gedächtnis. Hinzu kommen Übertragungen an das Tecklenburgische Haus-Kloster Essen-Marlgarten und das Augustinerchorfrauenstift Langenhorst.[7]

Diese Liste, die sich sicherlich noch vervollständigen ließe, ist für das beginnende 13. Jahrhundert beeindruckend. Die rege Stiftungstätigkeit mag zum Teil einerseits in einer besonders guten Überlieferungssituation und andererseits in der langen Herrschaftsdauer Ottos von Tecklenburg begründet liegen, denn Vergleichbares lässt sich für Westfalen nicht finden. Die festzustellende umfangreiche Stiftertätigkeit Ottos bedarf also der Erklärung.

Diana Zunker stellt fest, dass sich im Tecklenburger Stiftungsverhalten zeitliche Schwerpunkte ausmachen lassen.[8] Ein erster lässt sich in die Jahre 1225 bis 1231/32 datieren. Es folgt dann eine Reihe von Stiftungen in der zweiten Hälfte der 1240er Jahre. In den Stiftungsurkunden finden sich lediglich die gängigen Formulierungen, dass für das Seelenheil der Stifter und deren Familien gestiftet wurde. Deswegen lehnte etwa Wilfried Ehbrecht einen Zusammenhang mit dem Tod Engelberts ab und sah in der Stiftungspolitik der Tecklenburger Grafen ein Mittel zur Herrschaftsetablierung, keine „Sühneleistung“.[9] Allerdings bringt Zunker aufgrund der zeitlichen Schwerpunkte die Stiftertätigkeit Ottos doch wieder in einen Zusammenhang mit der Sühnung von Engelberts gewaltsamem Tod.[10]

Durch die Aufnahme Friedrichs von Isenberg auf der Tecklenburg verfiel Otto 1226 der Exkommunikation, die 1229 noch einmal erneuert und auf seine Anhänger und Verbündete ausgeweitet wurde. Eine Belagerung der Tecklenburg durch den Erzbischof von Köln und den Bischof von Hildesheim im August 1227 blieb folgenlos. Mit Waffengewalt war dem Fluchthelfer und Mitverschwörer Otto also nicht beizukommen. Als es schließlich Otto auch noch gelang, sich 1231 im Glandorfer Vertrag mit seinen mächtigsten Gegnern, den Grafen von Ravensberg, auszusöhnen, mussten andere Formen des Ausgleichs gefunden werden. In diese Zeit fallen die Stiftungen an Marienfeld, Levern, Fröndenberg, Essen-Malgarten, Langenhorst und St. Aegidien. Sowohl abgelegener Besitz wurde an die Klöster übertragen, um ihn vor Zugriffen der Konkurrenz und Gegner zu sichern, als auch Güter im Kern der Herrschaft an geistliche Institutionen gegeben, um den Tecklenburgischen Besitz zu festigen.

Der Grund für die zweite Stiftungsphase Ottos von Tecklenburg in den 1240er Jahren lässt sich ebenfalls nicht einfach erkennen. Den ausschlaggebenden Hinweis geben wohl die nun einsetzenden Stiftungen an das Ravensbergische Kloster Bersenbrück. Sie begannen 1240 und fanden einen Höhepunkt in den Jahren 1244 bis 1248. Damit decken die Stiftungsdaten recht genau die Dauer der Ehe des Sohnes Ottos, Heinrich, mit der Erbin von Ravensberg, Jutta, ab. Neben Bersenbrück gehen Stiftungen an Marienfeld, Levern, Haste-Rulle und Himmelpforten; es erfolgt die Neustiftung des Klosters Leeden in der Nähe der Burg Tecklenburg. Nach Zunker ist der Stiftungsgrund in der Familiengeschichte der Tecklenburger zu finden: Otto von Tecklenburg hatte zu diesem Zeitpunkt keine überlebenden Brüder mehr. Zudem scheinen seine beiden Brüder Johannes und Heinrich keine männlichen Nachkommen gehabt zu haben. Zumindest sind keine bezeugt. Bei den Kindern Ottos zeigt sich ein ähnliches Bild. Zwei ältere Brüder Heinrichs III., Otto und Adolf, tauchen nur 1232 in den Quellen auf, dann nicht wieder. Sie sind also vermutlich jung verstorben, ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen. Es hat daher den Anschein, als wollten Otto und seine Frau mit den genannten Stiftungen das aufhalten, was Diana Zunker als „genealogische Katastrophe“ bezeichnet hat, die kurz nach 1248 dann tatsächlich eintrat: der Tod des letzten männlichen Erben in direkter Linie.[11] Als Otto um 1264 starb, gingen seine Besitzungen an seinen gleichnamigen Enkel aus der Ehe seiner Tochter Mechthild mit Otto von Bentheim über. Somit könnten die Stiftungen Ottos Ausdruck tiefgehender Familienkrisen gewesen sein. Diese Krisen könnten als aus der Beteiligung an der Verschwörung gegen Engelbert von Köln hervorgegangen gedacht worden zu sein. Somit ließen sich nach D. Zunker die Funktionen dieser Stiftungen zum einen als Mittel der Herrschaftssicherung einordnen und im weiteren Sinne wohl auch als „Sühnestiftungen“ bestimmen. Ein anderer Stiftungsgrund – für den zweiten Stiftungsschwerpunkt – scheint aber der Versuch gewesen zu sein, durch fromme Gaben und Appellation an höhere Mächte drohendes Unheil von der Familie – nämlich den kinderlosen Tod des Erben – abzuwenden. Was aus unserer heutigen aufgeklärten Perspektive ein wenig amüsant und möglicherweise auch naiv anmutet, ist aber vor dem Kontext der mittelalterlichen Vorstellungswelt und Denkweise als ein ernstzunehmender Versuch der Herrschaftssicherung anzusehen, den sich die Tecklenburger Grafenfamilie eine beträchtliche Summe kosten ließ. Doch die frommen Stiftungen waren vergebens. Keiner der Söhne Ottos überlebte den Vater. Ein genealogischer Zufall mit weitreichenden Folgen, bedeutete dieser Abbruch der männlichen Linie für das Familienvermögen den Verlust der zahlreichen Lehen, die die Tecklenburger besaßen, weil diese nur in männlicher Linie weitergegeben werden konnten. In den Augen der Zeitgenossen könnte dieser Zufall dahingehend interpretiert worden sein, dass der Bitte Ottos um Rekonziliation, also um Versöhnung mit den himmlischen Mächten wegen Engelberts Tod, nicht stattgegeben worden war und das Ausbleiben eines männlichen Nachfolgers, also das „Aussterben“ der Familie, und der daraus resultierende finanzielle und machtpolitische Verlust die Strafe für die Tecklenburger Grafen war.[12] Doch lassen sich diese Interpretationen Zunkers faktisch nicht beweisen, wenn sie auch möglich erscheinen.

Weitere mögliche Gründungsmotive

Somit ist noch nach anderen Motiven für die Gründung des Klosters Leeden zu suchen. Die Geschichtswissenschaft hat hier ein paar allgemeingültige Gründe zusammengestellt: Der Beweggrund der Sühne und Buße kommt für die Stiftung von Klöster natürlich immer in Betracht, denn der mittelalterliche Mensch musste immer auf die Vergebung seiner alltäglichen Sünden bedacht sein. Hinter einer Formulierung wie „in remissionem peccatorum nostrorum“ – zur Vergebung unserer Sünden – muss also nicht zwangsläufig ein spektakulärer gewaltsamer Tod stehen oder gesucht werden. Im Gegenteil dürfte es sich vielmehr um die Bitte, einer „allgemeine Sündenvergebung“ gehandelt haben.

Eine weitere übliche Motivation für die Gründung einer geistlichen Gemeinschaft durch ihre Stifter war zudem die Sorge um die liturgische Memoria, also das rituelle Totengedenken für die Angehörigen der Familie und der ihr verbundenen Personen. Sie galt der vorsorglichen Sicherung des Seelenheils durch stetes Gebet der Klostergemeinschaft, die – einmal gegründet – bis in alle Ewigkeit oder zumindest bis zum jüngsten Gericht bestehen sollte.

Neben der Vorsorge für das eigenen Seelenheil und die Sorge um dasjenige der Familienmitglieder dienten geistliche Stiftungen auch vielfach einem rein weltlichen Grund, nämlich der Möglichkeit zur Herrschaftssicherung und -etablierung. Klostergründungen waren also auch ein wichtiger Faktor im Wettrennen um territoriale Herrschaftsbildung, durch das das 13. Jahrhundert charakterisiert ist. Mit der Gründung eines Klosters wurde ein neuer Zentralort geschaffen, der auch in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht Bedeutung erlangte. Die Klostergebäude mussten errichtet werden, wüste Flächen mussten gerodet und kultiviert werden. Bauern, die der Versorgung des Klosters dienen sollten, konnten angesiedelt werden. Strittiger Besitz konnte dem Kloster zum Unterhalt übergeben werden, damit er zukünftig unter kirchlichem Schutz stand, gleichzeitig dem Zugriff des Stifters erhalten blieb und letztlich dem möglichen Konkurrenten um das Besitzrecht entzogen wurde.

Zu den Möglichkeiten zur Herrschaftssicherung gehört auch, dass die Klostergründung das Prestige der Familie, ihr „symbolisches Kapital“ (Pierre Bourdieu) stärkte und mit der Stiftung einer geistlichen Gemeinschaft jeweils der Kristallisationspunkt für eine Netzwerkbildung gegeben war, dessen Kontrolle Vorteile brachte.[13]

„Friedenssicherung“ als möglicher Fundationsgrund Leedens

Die Aspekte „allgemeine Sündenvergebung“ und „Memoria“ sind sicherlich bei jeder Klostergründung zu unterstellen. Schwieriger wird es, die Funktion der Herrschaftssicherung und -etablierung zu fassen. Für das Kloster Leeden und weitere Zisterzienserklöster in Westfalen hat diesen Gesichtspunkt die Historikerin Gabriele Hock in ihrer Dissertation untersucht. Sie sieht in der Gründung des Klosters Leeden eine Maßnahme zur Friedenssicherung. Diese Sichtweise ist im Folgenden vorzustellen:

Hock stellt bei ihren Untersuchungen fest, dass eine Reihe von Zisterzienserinnenklöster im Grenzbereich zwischen zwei Herrschaftsbereichen angelegt wurden. Auch bei der Klostergründung Leedens (neben Bersenbrück und Haste) sieht sie friedenssichernde und friedensstiftende Motive.[14]

Hock stellt fest, dass im Gebiet des Bistums Osnabrück zu Beginn des 13. Jahrhunderts der Bischof von Osnabrück und der Graf von Tecklenburg um die Vorherrschaft konkurrierten. Der Tecklenburger verfügte über umfangreiche Besitzungen im Osnabrücker Diözesangebiet[15] und beeinflusste die Herrschaftsausübung des Osnabrücker Bischofs daher negativ. Zwischen 1225 und 1236 eskalierte der Konkurrenzkampf, bei dem es in erster Linie um die Kirchenvogtei ging[16], zu einem Krieg, der aber nicht endgültig entschieden werden konnte. Nur die verbindliche Regelung der Herrschaftsverhältnisse zwischen Tecklenburger Grafen und Osnabrücker Bischof konnte einen dauerhaften Frieden bedingen. In diesem Zusammenhang ist auch die Gründung des Klosters Haste im Jahr 1230 auf den Gründen des Hofes (curia) in Haste, der vor den Toren Osnabrücks eine Furt über die Nette sicherte, als Friedensmaßnahme anzusehen, weil beide Seiten auf direkten Einfluss und Besitzungen – der Graf von Tecklenburg übertrug 1233 der Neugründung Haste seine curia in Rulle zur Ausstattung[17] – in umstrittenem Gebiet verzichten mussten. Dieser Vorgang wird von Hock als „Voraussetzung für den 1236 abgeschlossenen, und wie sich zeigen sollte, tragfähigen Frieden zwischen Graf Otto und Bischof Konrad von Osnabrück“ interpretiert.[18] Dass gerade die Kontrolle des Zugangs nach Osnabrück ein wesentlicher Punkt der Auseinandersetzungen gewesen war, zeigen die Bedingungen des Friedensvertrages ganz deutlich. Als einen ähnlichen Vorgang interpretiert Hock auch die Gründung des Klosters Leeden durch Graf Otto von Tecklenburg vor 1240 auf der curia Leeden nahe Tecklenburgs an der Straße von Bremen über Osnabrück oder Westerkappeln nach Münster.[19]

So urteilt sie: „Obwohl wegen der schlechten Quellenlage über die (frühe) Geschichte dieses Klosters kaum etwas bekannt ist, steht die Gründung vermutlich ebenfalls in ursächlichem Zusammenhang mit den bereits erwähnten kriegerischen Auseinandersetzungen der Jahre 1225–1236: In deren Verlauf war Graf Otto wegen Felonie aller Kirchenlehen für verlustig erklärt worden, und zu den Gütern, die als verwirkte Lehen eingezogen werden sollten, gehörte die für die Versorgung der Tecklenburg entscheidende curia Leeden [da die Tecklenburg selbst keinen eigenen Haupthof zu ihrer Versorgung besaß; C.S.]. Nach den Erfahrungen des nur knapp abgewendeten Verlustes des strategisch wichtigen Ortes entschloss sich Graf Otto, Leeden zu neutralem Gebiet zu machen. Durch die Ansiedlung eines Zisterzienserinnenkonvents war dem Bischof von Osnabrück nämlich die Möglichkeit genommen, sich mit Waffengewalt in den Besitz der curia zu setzen und von dort aus die Tecklenburg zu bedrohen. Andererseits gab der Graf die Kontrolle über die Straße nach Lengerich teilweise an den Konvent ab, weshalb sich der Bischof mit der Gründung eines Klosters an dieser Stelle einverstanden erklären konnte. Sowohl der Graf als Schutzherr des Klosters als auch der Bischof als geistliche Obergewalt konnten hoffen, mittels des Konvents Einfluss auf das Gebiet nehmen zu können.“[20] Somit sind auch diese politisch-strategischen Überlegungen als mögliches Gründungsmotiv für das Kloster in Rechnung zu stellen.

Fazit

Die hier vorgestellten Interpretationen der Befunde lassen sich allerdings nicht genauer verifizieren. Die genauen Motive der Gründung des Klosters Leeden bleiben also weiterhin ein wohlgehütetes Geheimnis der Geschichte.

[1] Eine Fundationsurkunde des Klosters Leeden ist nicht überliefert. Die erste Leeden betreffende Urkunde, die auf den 5. August 1240 datiert ist, beinhaltet die Schenkung der Kirche in Alswede im Bistum Minden durch Graf Otto. Darin heißt es auch, dass das Kloster Leeden erst kurze Zeit zuvor gegründet worden war (quod ibi paulo ante fundavimus). Osnabrücker Urkundenbuch, 7 Bde., Osnabrück 1892–1996 (im Folgenden: OUB), Bd. II, Nr. 401.

[2] Etwa: Hans-Ude Nissen, Die Geschichte des Klosters und Stiftes Leeden (1240–1812), in: 900 Jahre Leeden (1058–1958). Festschrift zur 900-Jahrfeier und zum Tecklenburger Kreisheimattag Leeden 1958, hrsg. v. d. Gemeinde Leeden, Lengerich 1958, S. 27–61, hier S. 27f.

[3] Heinz Finger, Der gewaltsame Tod des Kölner Erzbischofs Engelbert und seine Vorgeschichte, in: Ritter, Burgen und Intrigen – AufRuhr 1225! Das Mittelalter an Rhein und Ruhr, hrsg. v. LWL-Museum für Archäologie – Westfälisches Landesmuseum Herne, Mainz 2010, S. 21–33.

[4] Wilfried Ehbrecht, Elemente und Ziele der Herrschaftsbildung der Grafen von Tecklenburg im Mittelalter, in: 850 Jahre Ibbenbüren. Porträt einer Stadt in Text und Bild, hrsg. v. Historischen Verein Ibbenbüren, Ibbenbüren 1996, S 29–50; Peter Johanek, „Klosterlandschaft“ Ruhrgebiet. Klöster und Orden im Umbruch des 12. und 13. Jahrhunderts, in: Ritter, Burgen und Intrigen – AufRuhr 1225! Das Mittelalter an Rhein und Ruhr, hrsg. v. LWL-Museum für Archäologie – Westfälisches Landesmuseum Herne, Mainz 2010, S. 93–105.

[5] Diana Zunker, „Ne cadant in oblivionis obscurum que fuerint in luce“. Adel und Klöster in Westfalen, in: Adlige – Stifter – Mönche. Zum Verhältnis zwischen Klöstern und mittelalterlichem Adel, hrsg. v. Natalie Kruppa, Göttingen 2007, S. 107–134.

[5a] Gabriele Hock, Die westfälischen Zisterzienserinnenklöster im 13. Jahrhundert. Gründungsumstände und frühe Entwicklung, Diss. Münster 1994 (Druck 2004)  (http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:6-89649371873), S. 221f., S. 568.

[6] Zunker, Adel, S. 112–120.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Johanek, „Klosterlandschaft“ Ruhrgebiet.

[14] Hock, Zisterzienserinnenklöster, S. 574–580.

[15] Werner Hillebrand, Besitz- und Standesverhältnisse des Osnabrücker Adels 800 bis 1300, Göttingen 1962, S. 57f.

[16] Anlass zu diesem Streit bot die Beteiligung des Tecklenburgers an der Verschwörung gegen Erzbischof Engelbert von Köln. OUB, Bd. II, Nr. 231: propter conspiracionem necis facinorose domini E[ngelberti] pie memorie Coloniensis archiepiscopi.

[17] OUB, Bd. II, Nr. 304.

[18] Hock, Zisterzienserinnenklöster, S. 576f. OUB II, Nr. 351 (1236).

[19] Vgl. Friedrich Bruns, Hugo Weczerka, Hansische Handelsstraßen, Teil 1: Textband, Köln / Graz 1967, S. 391–396; Teil 2: Atlas, Köln/Graz 1962, Karte 12; Hillebrand, Standesverhältnisse, S. 17 u. 56.

[20] Hock, Zisterzienserinnenklöster, S. 577.

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Hindena – Hinnah – Ein verschwundener Westerkappelner Siedlungsname

Von Dr. Christof Spannhoff

Welchen Ursprung haben die Siedlungsnamen der Gemeinde Westerkappeln? – Diese Frage zu stellen, um etwas darüber zu erfahren, was der Name des eigenen Wohnortes, in dem man lebt, ursprünglich einmal „bedeutet“ hat und wodurch er bei seiner anfänglichen Verwendung motiviert wurde, ist verständlich und nachvollziehbar. Denn der Mensch ist stets bestrebt, seine Umgebung zu verstehen. Doch hat die Beschäftigung mit der Entstehung und Entwicklung von Siedlungsnamen darüber hinaus eine wichtige Bedeutung für die historischen Wissenschaften. Ihre Rechtmäßigkeit erhält die Siedlungsnamenforschung dadurch, dass Siedlungsnamen in den meisten Fällen eine historische Dimension haben. Sie sind in der Vergangenheit entstanden und damit ein Relikt aus einer fernen Zeit. Bei Siedlungsnamen handelt es sich also um Geschichtsquellen und einen Ausdruck menschlicher Kulturleistung. Ein Siedlungsname ist dabei zunächst einmal nur ein sprachliches Zeichen. Seine Funktion ist es, eine Siedlung sprachlich zu identifizieren. Er dient dem Menschen dazu, sich eine gedankliche Vorstellung seiner Umgebung zu machen. Namengebung setzt deshalb ein kommunikatives Interesse voraus. Der Mensch hat das Bedürfnis, einen Siedlungsort sprachlich zu markieren, ihn zu benennen, um ihn später wiederzuerkennen und mit anderen Menschen über diesen Ort zu sprechen, ohne sich selbst an diesen begeben zu müssen. Der Name verleiht einer Örtlichkeit durch den gegebenen Namen Identität und macht ihn für sich und für andere damit identifizierbar.[1]

Siedlungsnamen unterscheiden sich von Flurnamen darin, dass sie die menschlichen Siedlungen benennen, während Flurnamen die unbesiedelten Teile der Landschaft bezeichnen. Zu letzten gehören auch die Namen von Gewässern. Doch können den Siedlungsnamen auch alte Flurnamen voraus gehen. Man müss deshalb zwischen primären und sekundären Siedlungsnamen unterscheiden. Das klingt komplizierter, als es eigentlich ist. Primäre Siedlungsnamen weisen durch die Wörter, mit denen sie gebildet wurden, direkt auf menschliche Siedlungen hin, etwa wenn sie mit einem Siedlungsnamengrundwort wie –heim, –dorf, –hausen etc. gebildet wurden. Sie benannten also von Anfang an eine Siedlung. Sekundäre Siedlungsnamen sind Namen, die zuvor Flurnamen waren und erst später auf die in der Nähe des Flurortes entstandene Siedlung übertragen wurden.

Besondere Bedeutung für die Siedler vergangener Jahrhunderte hatte das Wasser, das sowohl zur Trinkwasserversorgung von Mensch und Vieh notwendig war als auch zur Bewässerung der Felder oder zum Antrieb von Mühlen genutzt wurde. Auch für das Gebiet der Gemeinde Westerkappeln ist es auffällig, dass hier viele Siedlungsnamen bzw. heute Bauerschaftsnamen auf die Bezeichnung von Wasserläufen zurückgehen.

Auf einen ursprünglichen Gewässernamen geht wohl auch ein Siedlungsname in Westerkappeln zurück, der heute verschwunden ist. Er hat sich nur im Familiennamen Hinnah erhalten, denn dieser Familienname geht auf älteres Hindena zurück. 1355 heißt es in einer Urkunde: „in bonis suis in Hyndena, sitis in parrochia Westercappelen“ – zu Deutsch: unter seinen Gütern in Hyndena, gelegen in Kirchspiel Westerkappeln.[2] 1365 werden diese Güter näher benannt: Albert Vynke van Kappelen verkauft an Wernher Strůuen, kercheren to Thekeneborgh für 80 Mark Osnabrücker Pfennige „Wyllykens hůs [,] rolyken hůs vnd wessels hůs to Hyndena, beleghen in deme kerspele to Westerkappelen.“[3] Die Siedlung bestehend aus den Häusern eines Wilke oder Wilko, eines Roleke und eines Wessel – alle alte Ruf- bzw. Vornamen – wurde also als Hyndena bezeichnet.

Der Siedlungsname Hyndena ist anscheinend gebildet worden mit dem Grundwort mittelniederdeutsch â, entstanden aus altsächsisch aha ‚Wasser, Wasserlauf‘.[4] Das Wort begegnet etwa in den Gewässernamen Steinfurter, Ibbenbürener oder Münsterische Aa. Doch was bedeutet das Bestimmungswort? Hynden- dürfte die Mehrzahl zum mittelniederdeutschen Wort hinde ‚Hirschkuh bzw. allgemein Rehwild‘ sein.[5] Hyndena benannte also – bevor der Name auf die Siedlung überging – einen Bach an dem öfter Hirschkühe oder Rehwild anzutreffen waren. Die Hirschkuh bzw. das Rehwild kommt auch in anderen Siedlungsnamen vor, etwa Hinteler bei Beckum, 1287 Hintleren.[6] Der Hirsch ist in Herzfeld (Kreis Soest) enthalten, Ende 10. Jahrhundert: in Hyrutvelde – also ‚Hirschfeld‘, zu altsächsisch *hirot, *hirut, mittelniederdeutsch herte ‚Hirsch‘.[7] Auch die Namen Hatzfeld bei Wuppertal, im 12. Jahrhundert de Hirutfelda, und Hertefeld bei Weeze am Niederrhein, 1179 de Hertenvelde lassen sich auf den Geweihträger – den Hirsch – zurückführen.[8]

[1] Haubrichs, Wolfgang, Verortung in Namen. Deskriptive Namengebung, Königsgut und das Interessenspektrum des agrarischen Menschen des frühen Mittelalters, in: Tätigkeitsfelder und Erfahrungshorizonte des ländlichen Menschen in der der frühmittelalterlichen Grundherrschaft (bis ca. 1000). Festschrift für Dieter Hägermann zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Brigitte Kasten, München 2006, S. 1-36, hier S. 3.

[2] Archiv Gut Ostenwalde; Melle. Druck: Mooyer, Ernst Friedrich, Grundzüge zur ältesten Geschichte und Genealogie des Geschlechts von Vincke. Mit Urkunden, in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Alterthumskunde 9 (1846), S. 233-347, Urkunden S. 303-331, hier S. 326f., Nr. XXVI.

[3] Archiv Gut Ostenwalde; Melle. Druck: Mooyer, Grundzüge, S. 328f., Nr. XXVII.

[4] Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch (im Folgenden: Schiller-Lübben), 6 Bde., Bremen 1875-1881, Bd. 1, S. 1.

[5] Schiller-Lübben, Bd. II, S. 269.

[6] Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 200f.

[7] Flöer, Michael u. Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen des Kreises Soest, Bielefeld 2009, S. 225-227; Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Lüdenscheid 2010., S. 94

[8] Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Gladbeck in Westfalen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Gladbeck in Westfalen 2009, S. S. 170f.