Snat, Snad, Schnat oder Schnad?

Von Dr. Christof Spannhoff

Beliebte gesellige Veranstaltungen von Heimatvereinen in der Region sind heute die sogenannten „Schnadgänge“. Schnad ist ein altes niederdeutsches Wort und bedeutet ‚Grenze‘. Die von den Heimatvereinen durchgeführten Grenzgänge sollen also an eine Zeit erinnern, als es noch keine amtliche Kartierung gab und man sich anderer Mittel bedienen musste, um den Grenzverlauf festzustellen. Bevor es ein genaues amtliches Vermessungswesen und eine technisch ausgereifte Kartographie zur Erstellung von exakten und maßstabsgetreuen topographischen Plänen gab, die heute die wichtigsten Medien zur Kommunikation von Grenzverläufen darstellen, schritten die vormodernen Menschen ihre Grenzen in gemeinschaftlichen „Schnadgängen“ ab und vergegenwärtigten sich gemeinsam durch das Aufsuchen der entsprechenden Grenzpunkte den Verlauf. Zweifelsfälle der Grenzziehung konnten an Ort und Stelle erörtert werden. Das Ergebnis der Begehung, die unter Teilnahme von landesherrlichen Bevollmächtigten und ortsansässigen Zeugen durchgeführt wurde, hielt man schriftlich in Protokollen fest, in denen die einzelnen Punkte der Grenze mit Hilfe von Grenzzeichen – natürlicher und künstlicher Art (z.B. Schnadsteine, Schnadbäume, Schnadkuhlen, Schnadbäche etc.) – sowie Flur- und Örtlichkeitsbezeichnungen notiert wurden, aus denen sich dann der Grenzverlauf ergab. Diese Protokolle waren auch rechtliche Grundlage bei Grenzstreitigkeiten oder -verhandlungen, die durch Verträge und Rezesse beigelegt bzw. abgeschlossen wurden.[1]

Sind sich die Heimatfreunde über diese historischen Wurzeln des Schnadgangs heute recht einig, so gehen die Meinungen über die Schreibweise des Wortes erheblich auseinander: Schreibt man nun Snad, Snat, Schnat oder Schnad?

Im Folgenden soll an dieser Stelle ein Vorschlag auf sprachwissenschaftlicher Basis unterbreitet werden, wie man den Begriff verschriftlichen sollte.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass es sich bei dem Ausdruck Schnad um einen niederdeutschen Begriff handelt. Damit ist dieser Ausdruck auch aus der sprachlichen Perspektive des Niederdeutschen zu betrachten und zu beurteilen.

1) d oder t? – die Frage nach dem auslautenden Dental

Unterschiedliche Ansichten bestehen in der Frage, ob man das Wort Schnad mit t oder d am Ende schreiben sollte. Hier wird ein sprachliches Phänomen des Deutschen zum Problem, das in der Sprachwissenschaft als „Auslautverhärtung“ bezeichnet wird. Mit diesem Fachterminus wird der lautliche Vorgang beschrieben, dass Geräuschkonsonanten (Obstruenten, also Plosive, Affrikaten und Frikative) am Ende einer Silbe (also im Auslaut) ihre Stimmhaftigkeit verlieren und stimmlos ausgesprochen werden.[2] So spricht man z.B. das Wort Eid eigentlich mit t aus, obwohl man es mit d schreibt. Um zu prüfen, ob ein Wort am Ende mit d oder t geschrieben wird, kann man sich an einer flektierten oder gebeugten Form orientieren. Als Flexion oder Beugung bezeichnet man die Änderung der Gestalt eines Wortes zum Ausdruck seiner grammatischen Merkmale bzw. der grammatischen Funktion im Satz.[3] So zeigt die flektierte Pluralform des Wortes Eid, Eide, ganz eindeutig, dass Eid mit einem d enden muss.

So sollte man auch mit dem Wort Schnad verfahren. Sein Plural ist Schnade. Damit ist zu erkennen, dass man das Wort Schnad mit d am Ende schreiben sollte.

Dass das d auch sprachhistorisch richtig ist, zeigt ein Flurname, der sich im Tecklenburger Land findet: Up’m Snoe.[4] Auch diesem Flurnamen liegt das Wort Schnad zugrunde. Auffällig ist allerdings der Ausfall des Dentals. Dieser Ausfall findet im Mittelniederdeutschen zwischen zwei Vokalen statt. Er betrifft aber ausschließlich den Laut d, nicht t! Zu vergleichen ist z.B. auch rüde > rü’e ‚Hund‘ oder lüde > lü’e ‚Leute‘.[5] Damit ist nachgewiesen, dass der Laut d im Wort Schnad auch sprachhistorisch der richtige ist.

Die Formen Schnat oder Snat, Schnaut, Snaut etc., die sich vielfach in Flurnamen finden, stammen aus einer Zeit, als es noch keine normierte Rechtschreibung gab. Die Schreibung mit t markiert hier die oben erklärte Auslautverhärtung.

2) Schnad oder Snad?

Die andere Frage besteht darin, wie der Anlaut des Wortes zu verschriftlichen ist: Schnad oder Snad? In historischen Dokumenten findet sich vielfach die Schreibung mit sn. Allerdings ist erkennbar, dass seit dem 15. Jahrhundert, verstärkt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, auch im niederdeutschen Sprachraum die Schreibung sch vor den Konsonanten n, m, l, w gebräuchlich wird.[6] Diese Entwicklung zeigt aber auch, dass das s in snad als palataler Zischlaut (sch) gesprochen wurde. Somit ist also Schnad zu schreiben und zu sprechen.

Aus diesen sprachlichen und sprachhistorischen Überlegungen ergibt sich, dass das betreffende Wort heute in der Form Schnad zu verschriftlichen ist.

[1] Der Lienener Rezess von 1656. Faksimile und Edition des ältesten Dokumentes im Gemeindearchiv Lienen (Kreis Steinfurt), bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Norderstedt 2010.

[2] Schmidt, Wilhelm, Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium, erarb. u.d. Leitung v. Helmut Langner u. Norbert Richard Wolf, 9. verb. Aufl., Stuttgart 2004, S. 259,

[3] Schmidt, Geschichte, S. 340, 343.

[4] Hunsche, Friedrich Ernst, Die bunte Truhe. Schätze aus dem Tecklenburger Land, Ibbenbüren 1968, S. 111f.

[5] Lasch, Agathe, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, § 326.

[6] Lasch, Grammatik, § 333; Schmidt, Geschichte, S. 327f.

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Averfehrden – Siedlung jenseits der Übergangsstelle

Von Dr. Christof Spannhoff

Ortsnamen erzählen Geschichte. Die in ihnen enthaltenen Bezeichnungen geben uns Auskunft über die Beschaffenheit der Landschaft unserer Heimat zum Zeitpunkt der Namengebung, verweisen auf menschliches Siedeln, Kultivieren und Wirtschaften und verraten uns etwas über die verkehrsgeographischen oder sozialen und rechtlichen Gegebenheiten vergangener Zeiten. Weil die Wörter, mit denen die Ortsnamen gebildet wurden, häufig einer wesentlich älteren Sprachstufe angehören und uns heute fremd erscheinen, ist die Deutung von Ortsnamen nicht immer einfach. Hinzu kommt, dass sich Namen im Laufe der Zeit durch sprachliche Prozesse wandeln können und somit ihre ursprüngliche Bedeutung in ihrer heutigen Form nicht mehr erkennbar ist. Deshalb ist die Suche nach den ältesten Belegen eines Ortsnamens unabdingbare Voraussetzung, wenn man seiner Bedeutung auf die Spur kommen möchte.

Älteste Belege des Namens sind unabdingbare Voraussetzung

Welche ursprüngliche Bedeutung verbirgt sich aber hinter dem Ortsnamen Averfehrden bei Glandorf (Landkreis Osnabrück)? Die ältesten Belege des Namens reichen ins 16. Jahrhundert zurück. Auervierde (1565), Auervehrden (nach 1605), Auerue(h)rder Bauerschaft (1601/1634), Auerferde (1651), Averfehrde (1723), Averfehrden (1772), Aververden (1772), Averfehrte (1788, 1808), Averfehrdten (1811) und Averfehrden (1821, der Buchstabe u repräsentiert in den älteren Belegen den Lautwert von v).

Averfehrden hieß vor dem 16. Jahrhundert Nordendorp

Die mit diesem Namen bezeichnete Siedlung (Bauerschaft) hieß vor dem 16. Jahrhundert Nordendorp: to den Nordendorpe in parr.[ochia] Glandorpe (1402), Nordendorp (1512, unter Westendorf), Narendörfer (1751, zu den Belegen der Namens Averfehrden und Nordendorp siehe: Wrede, Ortsverzeichnis I, S. 37.).

Der Name Nordendorp enthält im Grundwort altsächsisch thorp, mittelniederdeutsch dorp, althochdeutsch dorf in der Bedeutung ‚Siedlung, Wohnstätte, Dorf‘. Das Wort Dorf kann dabei Siedlungsplätze vom Einzelhof (vgl. z.B. den Hofnamen Austrup) bis zur größeren Gruppensiedlung bezeichnen (Derks, Gladbeck, S. 77).

Glandorf ist geographischer Bezugspunkt

Das Bestimmungswort des Namens ist mittelniederdeutsch norden in der Bedeutung ’nördlich, nach Norden hin gelegen‘. Wie die Namen der Glandorfer Bauerschaften Sudendorf (die nach Süden hin gelegenen Siedlung, mit mittelniederdeutsch suden – ’südlich gelegen‘ im Bestimmungswort) und Westendorf (die nach Westen gelegene Siedlung, mit altsächsisch westan, mittelniederdeutsch westen – ‚von Westen, nach Westen, im Westen‘ im Bestimmungswort) zeigen, ist der geographische Bezugspunkt für die Motivierung des orientierten Siedlungsnamens ‚Nordendorp‘ ebenfalls der Kirchort Glandorf.

Auch der Name Averfehrden ist ein orientierter Siedlungsname, der ebenfalls die Glandorfer Kirche als geographischen Bezugspunkt hat. Sein Bestimmungswort ist mittelniederdeutsch over ‚über, jenseits‘. Die Schreibung von a für o, wie sie sich hier im Wechsel zwischen aver und over (vgl. die beiden noch heute in Hof- und Siedlungsnamen konservierten Varianten: Averbeck, Averdiek, Averesch, Averhage, aber Overbeck [bei Ladbergen]) darstellt, ist ein im Niederdeutschen vom Nordniedersächsischen ausgehendes Phänomen des 15. Jahrhunderts. Es handelt sich um die Zerdehnung von kurzem o zu langem a in offener Tonsilbe. In den westfälischen Dialekten konnte sich diese Zerdehnung von o für a jedoch nicht völlig durchsetzen. (Vgl. Derks, Gladbeck, S. 47f. und Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 88 u. 89, 1).

Siedlung jenseits des Weges oder der Übergangsstelle

Das Grundwort des Siedlungsnamens ist das gleiche wie im Namen Verden (an der Aller). Dieser Ort wird 810 Verdi, 932 als Ferdiun erwähnt und bedeutet ‚bei den Leuten an der Überfahrtsstelle‘ zum altsächsischen Substantiv fard, Dativ bzw. Lokativ ferdi ‚Weg, Übergangsstelle‘, das vom altsächsischen Verb faran ‚gehen, fahren‘ abgeleitet ist [Berger, S. 282]. Der Name Averfehrden bedeutet also ‚Siedlung jenseits [von Glandorf aus gesehen] des Weges oder der Übergangsstelle‘.

Literatur:

  • Wrede, Ortsverzeichnis = Wrede, Günther, Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975-1980.
  • Derks, Gladbeck = Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Gladbeck in Westfalen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchung, Gladbeck 2009.
  • Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik = Lasch, Agathe, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2. unveränd. Aufl., Tübingen 1974.
  • Berger = Berger, Dieter, Geographische Namen in Deutschland. Herkunft und Bedeutung der Namen von Ländern, Städten, Bergen und Gewässern, 2. überarb. Aufl., Mannheim u.a. 1999.

Der Ursprung des Familiennamens Menebröker

Von Dr. Christof Spannhoff

Unsere heutigen Familiennamen können einen spannenden Einblick in die Vergangenheit geben, so auch der Familienname Menebröker.

Familiennamen aus Flurnamen

Der Familienname geht auf einen gleichnamigen Hof in Leeden zurück (Leesch, S. 175). Es handelt sich um eine Ableitung mit dem niederdeutschen Suffix –ker (mit Assimilation des zweiten k) oder –er zur Täterbezeichnung (wie z.B. Gründ-ker ‚derjenige, der im Grunde – einer Bodenvertiefung – wohnt‘; Bäum-ker ‚derjenige der am Schlagbaum wohnt‘; oder: Brau-er ‚derjenige, der braut‘; Web-er ‚derjenige, der webt‘ etc.). Der Name wurde abgeleitet von einem zwingend vorauszusetzenden Flurnamen *Menebrôk. Der Hof Menebröker befand sich in der Nähe zu diesem *Menebrôk und diese Lage motivierte die Benennung des Hofes und der dort lebenden Familie. Doch was hat man sich unter einem *Menebrôk vorzustellen? Der Flurnamen ist eine Zusammensetzung (Kompositum) aus zwei Wörtern mit dem Grundwort mittelniederdeutsch brôk ‚Bruch: eine tiefliegende von Wasser durchsetzte und mit Gehölz bestandene Fläche, Sumpf‘ (Schiller-Lübben I, S. 427f.).

Doch um welche Art Sumpf handelte es sich? Was bedeutet das Bestimmungswort mene? Zur Beantwortung dieser Frage hilft der Vergleich mit ähnlich gebildeten Namen weiter. So gibt es einen Hof Mennewisch in Westerkappeln (Leesch, S. 14, 16). Auch diesem Namen geht eine Flurbezeichnung voran, die zu mittelniederdeutsch wisch oder wisk(e) ‚Wiese‘ zu stellen ist (Schiller-Lübben V., S. 739). Zu diesen Namen gesellt sich auch der Ortsname Melle (Landkreis Osnabrück), der 1169 in der Form Menele, 1217 als Menelo erscheint (Wrede II, S. 39). Das Grundwort ist in diesem Fall mittelniederdeutsch (h) ‚Gehölz, Busch in Niederwaldwirtschaft‘ (Schiller-Lübben II, S. 709f.). Als Bestimmungswort findet sich in allen drei Namen entweder das mittelniederdeutsche Adjektiv mên, meine ‚allgemein‘ oder das Hauptwort mene ‚Gemeinschaft‘ (Schiller-Lübben III, S. 65), die beide auch in den mittelniederdeutschen Wörtern men(e)dênst ‚Gemeindienst‘, menemarket ‚gemeine Mark‘, menemester ‚Vorsteher der Gemeinschaft‘, menewerk ‚Gemeinwerk, -lasten‘, mênsamheit, mênsaminge, mênschoppinge ‚Gemeinschaft‘ und mênheit ‚Gemeinheit‘ verfugt sind (Schiller-Lübben III, S. 63-72). Ein menelo war also der gemeinsam genutzte Wald, eine mennewische die gemeinschaftlich genutzte Wiese und ein *Menebrôk eben die zusammen genutzte sumpfige Gehölzfläche.

Die „Markgenossenschaft“

Diese Form einer Sozial- und Wirtschaftsgemeinschaft wird als „Markgenossenschaft“, die Mitglieder derselben als „Markgenossen“ (mittelniederdeutsch markenoten, latinisiert commarchiones) bezeichnet (Waldwörterbuch, S. 98). Die Markgenossen bewirtschaften gemeinschaftlich die nicht ackerbaulich genutzten Flächen, die sogenannten Marken oder Allmenden, in extensiver Weise zur Viehweide, zum Holzhieb für Brenn- und Bauholz und zum Plaggenstich (Plagge = Gras-, Heide- oder Torfsode, die mit Stalldung zur Düngung der Äcker vermengt wurde; Waldwörterbuch, S. 109). Ein Hinweis auf eine solche Wirtschaftsform findet sich für die Region recht früh bereits im Jahr 1118. Damals tagte ein Holzgericht (Hölting) in Oeseder Bauerschaft Dröper (heute Stadt Georgsmarienhütte), während dessen Abhaltung ein Vertrag zwischen dem Kloster Iburg und den ansässigen Markgenossen geschlossen wurde, in dem die Nutzungsrechte des Klosters an Mast und Holz in den Gemeinschaftsflächen festgelegt wurden (OUB I, Nr. 230).

Konflikt zwischen Bauern und Bischof

Ein ebenfalls früher Beleg für eine Markgenossenschaft stammt aus der Lebensbeschreibung („Vita Bennonis“) des Osnabrücker Bischofs Benno II (+ 1088) vom Anfang des 12. Jahrhunderts. Im 14. Kapitel wird berichtet, dass während Bennos I. Regierung (1052-1067), Bennos II. Vorgänger im Bischofsamt, die Markgenossen von Glane (heute Stadt Bad Iburg) in einem Jahr reicher Eichelernte, ihre Schweine zur Mast in den Iburger Burgberg trieben und außerdem Eicheln zur späteren Vorratshaltung in Säcken sammelten und wegschafften. Über dieses Vorgehen gerieten die Beteiligten mit dem Osnabrücker Bischof in Streit, weil dieser meinte, dass der Iburger Burgberg kein Gemeinheitswald sei, der von den Glaner Markgenossen genutzt werden konnte, sondern sein privates Eigentum.

Die gemeinschaftliche, extensive Nutzung natürlicher Rohstoffe hat also bereits eine sehr lange Geschichte und der Familienname Menebröker erinnert noch an diese vormoderne Sozial- und Wirtschaftsform. Zudem belegt die Zusammensetzung des Names mit dem Bestimmungswort mene und dessen Bedeutung, dass es sich bei einer Flur, die mit dem Wort brôk bezeichnet wurde, nicht um eine ungenutzte, unwirtliche Fläche abseits menschlicher Siedlung handelte, sondern dieses Gebiet durchaus in landwirtschaftlicher, wenn auch nur extensiver, gemeinschaftlicher Nutzung stand.

Quellen und Literatur

  • Leesch = Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974.
  • OUB I = Philippi, Friedrich u.a., (Bearb.), Osnabrücker Urkundenbuch, 7 Bde., Osnabrück 1892-1996, Bd. I: Die Urkunden der Jahre 772 – 1200, Osnabrück 1892.
  • Schiller-Lübben = Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881.
  • Waldwörterbuch = Bei der Wieden, Brage; Borgemeister, Bettina, Niedersächsisches Waldwörterbuch. Eine Sammlung von Quellenbegriffen des 11. bis 19. Jahrhunderts, Melle 1993.
  • Wrede, Ortsverzeichnis = Wrede, Günther, Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975-1980.

Der Westerkappelner Bachname Hischebach

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie ist der Westerkappelner und Wersener Bachname Hischebach zu erklären? In der Vergangenheit hat der Verfasser den Gewässernamen zu mittelniederdeutsche heesche ‚heiser, schwer atmend‘[1] gestellt und somit als ursprüngliches Benennungsmotiv des Namens das Fließgeräusch des Baches vermutet.[2] Allerdings haben sich nunmehr historische Belege angefunden, die von dieser Erklärung Abstand nehmen lassen.

Am Hischebach lag auf Wersener Gebiet auch die sogenannte Hischemühle, die vermutlich mit dem Wasser des Hischebachs betrieben wurde. Diese Mühle wird in einem Tecklenburger Lehnsverzeichnis aus dem Jahr 1541 zweimal erwähnt – und zwar in einem lateinischen Eintrag als Hysekemollen in parochia Wersen[3], also ‚Hysekemollen im Kirchspiel Wersen‘, und in einer mittelniederdeutschen Notiz als de Hizekemollen im kerspel van Wersen[4]. Eine frühere Belehnung mit der Mühle fand bereits 1490 statt, so dass die Mühle schon damals bestanden haben muss.[5]

Dass der Name dieser Hysekemollen mit dem Hischebach in Zusammenhang steht, zeigt die weitere Entwicklung des Namens der Mühle bzw. ihres Besitzers:

1580 Hißkemoller

1621 Hißkemoller

1634 Hißkemöller

1643 Hiskemoller

1755 Hiskemöller

1774 Hischemöller

1831 Hischemöller[6]

Die Belege von 1774 und 1831 zeigen das gleiche Bestimmungswort wie im Namen Hischebach. Somit ist bei den Namen von Mühle und Bach vom gleichen Ursprung auszugehen.

Die älteren Belege aus dem Jahr 1541 zeigen allerdings auch, dass der Name Hysekemollen bzw. Hizekemollen und somit auch der Name des Hischebachs anders als bisher erklärt werden müssen. Es ist nämlich weniger an mittelniederdeutsch heesche ‚heiser, schwer atmend‘ zu denken als an einen spätmittelalterlich belegten niederdeutschen männlichen Rufnamen Hisko, Hisseke, Hyseke, Hysseke[7] oder den entsprechenden Frauennamen Hisseke, Hissika[8].

Daraus ergibt sich, dass es sich bei der Hysekemollen bzw. Hizekemollen um die Mühle eines Besitzers Hisko u.ä. oder einer Besitzerin Hissika gehandelt hat. Eher als der Müller bzw. die Müllerin ist hier der Grundherr / die Grundherrin der Mühle anzunehmen.[9]

Der Bach hat seinen Namen dann entweder von der Mühle (dann wäre eine Klammerform anzunehmen: *Hysekemollenbach > durch Ausfall des Mittelgliedes zu *Hysekebach > Hischebach) oder direkt von dem Besitzer / der Besitzerin (‚Bach eines Hisko, einer Hissika‘) erhalten, dem auch die Mühle gehörte.

Ein Problem ergibt sich allerdings aus dieser Erklärung: Wenn ein Rufname im Bestimmungswort des Namens vorliegt, müsste er eigentlich im Genitiv erscheinen, also in diesem Fall Hisken-. Evtl. ist das n bereits vor der ersten schriftlichen Erwähnung des Namens geschwunden, und zwar aus Gründen der Sprecherleichertung, da durch die Kombination mit dem Grundwort -molle/-möller m auf n folgt, also zwei Labiale aufeinandertrafen.

Oder sollte etwa im Bestimmungswort kein Rufname vorliegen, sondern das mittelniederdeutsche Wort hîsch, hîsche, hisk, hiske ‚Rechtsgemeinschaft, Geschlecht, Familie, Familiengemeinschaft, Haus, Hausgemeinschaft, Hausstand, Ehepaar mit den Familienangehörigen und dem Gesinde, Familienzweig, Erbstamm, Mietspartei‘[10] ?

[1] Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. 2, S. 258f.

[2] Spannhoff, Christof, Düte – der rauschende Flusslauf, in: Ders., Von Schale bis Lienen. Streifzüge durch die Geschichte des Tecklenburger Landes, Norderstedt 2012, S. 68f.; Ders., Namen sind Nachrichten. Die Ortsbezeichnungen in Westerkappeln erzählen Geschichte(n), in: Unser Kreis 2011. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 24 (2010), S. 66–73. Ich nehme diese Erklärung hiermit ausdrücklich zurück.

[3] Bockhorst, Wolfgang, Ein Tecklenburger Lehnsverzeichnis von 1541, in: Tradita Westphaliae, hrsg. v. Wolfgang Bockhorst, Münster 1987, S. 155–219, hier Nr. 61, S. 176.

[4] Ebd., Nr. 146, S. 188.

[5] Ebd.; Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Urkunden, Nr. 332a.

[6] Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974, S. 80, 81, 82, 130, 213, 266, 322.

[7] Klatt, Ingeborg, Das s-(z-)Suffix als Bildungssuffix. Ein Beitrag zu seiner Herleitung unter besonderer Berücksichtigung der niederdeutschen Personennamen, Berlin 1938, S. 123 mit Belegen aus dem Groninger Urkundenbuch, Nr. 1067 (1400), 1092 (1401), 1182 (1404) und 1074 (1400).

[8] Hartig, Joachim, Die münsterländischen Rufnamen im späten Mittelalter, Köln u.a. 1967, S. 180.

[9] Linde, Roland, Ortsnamen und Grundherrschaft im Frühmittelalter. Das Beispiel des Tafelgutes der Bischöfe von Paderborn, in: Total Regional: Studien zur frühneuzeitlichen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift für Frank Göttmann zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Mareike Menne u. Michael Strohmer, Regensburg 2011, S. 33–52; Schubert, Ernst, Entwicklungsstufen der Grundherrschaft im Lichte der Namenforschung, in: Die Grundherrschaft im späten Mittelalter, hrsg. v. Hans Patze, Bd. 1, Sigmaringen 1983, S. 75–95.

[10] Schiller/Lübben II, S. 272.

Die Entstehung der nordwestdeutschen Bistumsgrenzen

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie entstanden die Bistumsgrenzen in Nordwestdeutschland im Mittelalter? Anlass diese Frage zu stellen, gibt ein Zeitungsartikel von Wilhelm Wilkens vom 27. Juli 2015 in den Westfälischen Nachrichten/Tecklenburger Landbote, in dem er dem Verfasser vorwirft, in einer Untersuchung über den sogenannten Hrutansten die Grenzpunkte eines Bannforstes, der im Jahr 965 dem Osnabrücker Bischof Drogo von Kaiser Otto I. verliehen wurde, „unhistorisch […] konstruiert“ zu haben, weil die „religionsgeschichtliche Situation“ ausgeklammert worden sei. Wilkens geht dabei davon aus, dass ein 1447 festgehaltener Verlauf der bischöflichen Jagdgrenze mit dem Grenzzug der Urkunde von 965 und damit der ursprünglichen Osnabrücker Bistumsgrenze identisch sei. Doch widerspricht diese Ansicht den neueren geschichtswissenschaftlichen Erkenntnissen, die gezeigt haben, dass frühmittelalterliche Grenzen sich von großräumigen Flächen unbesiedelter Gebiete mit zunehmendem Siedlungsausbau im Hochmittelalter (ca. 1050 bis 1250) zu Grenzlinien am Ausgang des Mittelalters entwickelt haben. Somit können die Grenzflächen des Frühmittelalters (ca. 500 bis 1050) nicht mit den Grenzlinien des Spätmittelalters (ca. 1250 bis 1500) oder erst der Frühen Neuzeit (1500 bis 1800) deckungsgleich sein. Im Fall des Osnabrücker Bannforstbezirks hätte Wilkens bereits auffallen müssen, dass das Gebiet, das sich von Fürstenau und dem Dümmer-See im Norden bis zum Ort Enger und dem Osning im Süden sowie dem Heiligen Meer im Westen erstreckte, mit nur neun Grenzpunkten markiert werden konnte. Dieser Bezirk hatte bei Verbindung der einzelnen Grenzpunkte einen Umfang von gut 180 km. Im Durchschnitt fand sich also alle 20 km ein Grenzpunkt. Aus heutiger Sicht ist das eine mehr als ungenauer Grenzbeschreibung, doch für frühmittelalterliche Verhältnisse war diese Markierung vollkommen ausreichend, weil Grenzen damals eben noch keine Linien, sondern unkultivierte Flächen waren:

Nach den Sachsenkriegen Karls des Großen musste ein Gebiet, das dem Umfang des heutigen Nordwestdeutschlands entspricht, christianisiert werden. Dazu konnte sich an keinen kirchenrechtlichen Vorgaben orientiert werden, weil keine entsprechenden Grundlagen (z.B. Städte) vorhanden waren. Die Kirche im alten Sachsen war also vor allem eine Missionskirche, die erst allmählich zu festeren Strukturen finden konnte. Karl der Große bestimmte Missionsbezirke, die der Obhut der Metropolen Köln und Mainz unterstellt wurden. Er begründete aber keinesfalls Bistümer mit genauen Grenzen. Die Missionsbezirke waren nicht fest umrissen, allenfalls grob an Landschaften orientiert. Die späteren Bistumsgrenzen sind also das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses. Die neuen sächsischen Diözesen waren im Frühmittelalter noch nicht klar definiert, sie hatten keine festen Grenzen, waren veränderbar. Erst der Investiturstreit (1076–1122) bedingte rechtliche Festlegungen, in deren Folge sich feste Grenzen ausbilden konnten. Noch die Reichsteilung von 843 nahm keine Rücksicht auf irgendwelche kirchlichen Strukturen, weil diese bis dato noch nicht entwickelt waren. Das gleiche Phänomen gilt auch für die Grafschaften, die ebenfalls nicht als ausgebildete Einheiten in die Geschichte eintreten. Grundlage sowohl für die Grafschaft als auch für die Diözese war ein personales Verhältnis. Eine Grafschaft als ursprünglicher Rechtsbezirk erstreckte sich nur soweit, wie auch die Autorität des jeweiligen Grafen reichte. Geherrscht wurde primär über Leute, erst sekundär über das Land, auf dem sie saßen.

Grenzen entwickelten sich also beweglich. Die Bistumsgrenzen wurden etwa zunächst durch Klostergründungen an ihren Rändern markiert. Klöstern kommt also auch eine wichtige raumbestimmende Wirkung zu. Die Grenzen, die im Frühmittelalter zunächst unbesiedelte und unkultivierte Flächen darstellten, bewegten sich erst allmählich im Verlauf des Mittelalters aufeinander zu. Erst, wenn es zu Konflikten kam, wurden sie stellenweise verbindlich festgelegt.

Somit kann die Grenze des Osnabrücker Bannforstes von 965 nicht mit der Osnabrücker Jagdgrenze von 1447 identisch sein. Damit fällt aber auch ein wichtiges Argument für die Gleichsetzung des 965 genannten Hrutanstens mit der heutigen Grafentafel weg.

Literatur (Auswahl)

Wilhelm Wilkens, Zu Recht gefeiert. Lienen ist 1050 Jahre alt, in: Westfälische Nachrichten/Tecklenburger Landbote vom 27. Juli 2015.

Christof Spannhoff, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014.

Theo Kölzer, Die Urkunden Ludwigs des Frommen für Halberstadt (BM2 535) und Visbek (BM2 702) und ein folgenreiches Mißverständnis, in: Archiv für Diplomatik 58 (2012), S. 103–123.

Thomas Vogtherr, Visbek, Münster, Halberstadt: Neue Überlegungen zu Mission und Kirchenorganisation im karolingischen Sachsen, in: Archiv für Diplomatik 58 (2012), S. 125–145.

Caspar Ehlers, Sachsen als sächsische Bischöfe. Die Kirchenpolitik der karolingischen und ottonischen Könige in einem neuen Licht, in: Streit am Hof im frühen Mittelalter, hrsg. v. Matthias Becher u. Alheydis Plassmann, Göttingen 2011, S. 95–120.

Matthias Hardt, Zur funktionalen Diskontinuität zentraler Orte im karolingisch-ottonischen Sachsen und seinen Markengebieten, in: Frühgeschichtliche Zentralorte in Mitteleuropa, hrsg. v. Jiří Macháček u. Šimon Ungermann, Breclav 2011, S. 451–458.

Caspar Ehlers, Die Integration Sachsens in das fränkische Reich 751–1024, Göttingen 2007.

Steffen Patzold, Den Raum der Diözese modellieren? Zum Eigenkirchen-Konzept und zu den Grenzen der potestas episcopalis im Karolingerreich, in: Les élites et leurs espaces. Mobilité, Rayonnement, Domination (du VIe au XIe siècle), hrsg. v. Philippe Depreux u.a., Turnhout 2007, S. 225–245.

Manfred Balzer, Siedlungs- und Besitzvoraussetzungen für die Gründung von Bischofssitzen im westlichen Sachsen, in: Westfalen 84 (2006), S. 159–194.

Edeltraud Klueting, Die karolingischen Bistumsgründungen und Bistumsgrenzen in Sachsen, in: Bistümer und Bistumsgrenzen vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, hrsg. v. ders. u.a., Rom u.a. 2006, S. 64–80.

Matthias Hardt, Linien und Säume, Zonen und Räume an der Ostgrenze des Reiches im frühen und hohen Mittelalter, in: Grenze und Differenz im frühen Mittelalter, hrsg. v. Walter Pohl u. Helmut Reimitz, Wien 2000, S. 39–56.

Timothy Reuter, Ein Europa der Bischöfe: Das Zeitalter Burchards von Worms, in: Bischof Burchard von Worms 1000–1025, hrsg. v. Wilfried Hartmann, Mainz 2000, S. 1–28.

Hans-Joachim Schmidt, Kirche, Staat, Nation. Raumgliederung der Kirche im mittelalterlichen Europa, Weimar 1999.