„Holteburethorpe“. Überlegungen zur Lokalisierung eines hochmittelalterlichen Ortsnamens

Von Dr. Christof Spannhoff

Ortsnamen wandeln sich im Laufe der Zeit – die einen mehr, die anderen weniger. So erscheint beispielsweise der Name der im Kreis Steinfurt gelegenen Gemeinde Lienen im Jahre 1088 in der Schreibweise „Lina“.[1] Hier ist die Veränderung zwischen historischer und gegenwärtiger Lautform noch recht gering. Durch die sogenannte „Endsilbenabschwächung“[2] wurde das –a– zu einem –e-, so dass sich die Form „Line“ ergibt, die bis heute mundartlich für Lienen gebraucht wird.[3] Anders steht es mit dem Namen der nördlich von Lienen gelegenen Bauerschaft Holperdorp, der im Jahre 1291 bei der Vergabe eines Zehnten „in Holteburdorpe“ erscheint.[4] Da es sich bei diesem Zehnten um ein Iburger Burglehen handelte, das der Osnabrücker Bischof Konrad an den Ritter Baldewin de Varendorpe vergab, kann es als sicher gelten, dass es sich bei dem Ende des 13. Jahrhunderts genannten Ort „Holteburdorp“ um das heutige Holperdorp im Norden der Gemeinde Lienen handelt. Aber gerade die charakteristische Namenform des Jahres 1291 „Holteburdorp“ gibt Anlass dazu, einige bisher nicht hinterfragte Identifizierungen mittelalterlicher Ortsnamenformen in Frage zu stellen und genauer zu betrachten.

Der Germanist und Historiker Hermann Jellinghaus (1847-1929), der sich sehr um die Erforschung der niederdeutschen Ortsnamen verdient gemacht hat, versuchte in einem 1905 veröffentlichten Aufsatz, die mittelalterlichen Toponyme zu verorten, die er dem von einem Probst Lentfried erstellten Güterverzeichnis des Domkapitels (entstanden zwischen 1188 und 1209)[5] und dem Tafelgutregister des Osnabrücker Bischofs Engelbert von Isenberg von 1239/1240[6] entnehmen konnte.[7] In beiden Registern wird ein Ort namens „Holteburethorpe“[8] genannt, den Jellinghaus mit der Bauerschaft Holterdorf im Kirchspiel Neuenkirchen bei Melle identifizierte.[9] Seit dieser Zeit ist diese Gleichsetzung nicht bezweifelt worden. Doch verrät ein Blick in Urkunden aus dem 14. Jahrhundert, dass der Ort Holterdorf bei Melle eindeutig als „Holynctorpe“ bzw. „Holinchtorpe“ erscheint.[10] Im Lehnbuch des Bischofs Johann Hoet (1350-1366) heißt es „Holtupperdarpe in Nyenkerken“[11], im Lehnbuch Heinrichs von Holstein aus dem Jahre 1402/04 erscheint der Ort erstmals als „Holterdorpe“[12] und in dem „Ampst Gronenberge Erb- und Kotten-Schatzregister uff Michaelis Anno 1593 uffgeschrieben“ wird er als „Burschup Holtorpertorpe“[13] verzeichnet. Das ist nun aber eine ganz andere Namenbildung als „Holteburethorpe“. Zwar sind es beides Bildungen mit dem Grundwort -dorf (-thorp, -torp, -dorp, -trop), jedoch ist im Fall Holterdorf das Bestimmungswort der Belege aus dem 14. Jahrhundert mit dem Suffix -ing (-inch, -ync etc.) gebildet und einmal mit dem Grundwort –dorf, aber niemals, wie im Falle „Holteburdorp/Holperdorp“, mit dem Grundwort –bur, das hier am sinnvollsten mit „Bauerschaft“ übersetzt werden sollte, zusammengesetzt.[14] Auch der Beleg von 1402/04 („Holterdorpe“) lässt für Holterdorf das charakteristische Namenelement –bur vermissen. 1593 ist für Holterdorf eine Doppelung des Grundwortes -dorf festzustellen.[15] Es drängt sich somit der Verdacht auf, dass mit dem 1188-1209/1240 genannten „Holteburethorpe“ nicht Holterdorf bei Melle, sondern das heutige Holperdorp bei Lienen gemeint ist. Dies deutet auch die weitere Entwicklung des Namens „Holperdorp“ an, die aus folgenden Belegen zu ersehen ist: Neben dem 1291 genannten „Holteburdorpe“, heißt es im Lehnbuch des Bischofs Johann Hoet (1350-1366) „Holteburdorpe in parrochia Line“[16] und 1494 erscheint im Tecklenburger Schuldschweineregister unter den Lienener Abgabepflichtigen der Hof „Middendorp to Holterperdarpe“[17]. 1580 tritt dann die heutige Form „Holperdorp“ auf.[18] Das im Ortsnamen enthaltene mittelniederdeutsche Wort -bur „Bauerschaft“ hat sich also durch Verschleifungsprozesse zum Namenelement –per verändert, das noch in der heutigen Form „Holperdorp“ enthalten ist. Somit steht einer Gleichsetzung von „Holteburethorpe“ und „Holperdorp“ von sprachlicher Seite nichts im Wege.[19]

Gestützt wird diese Vermutung zudem dadurch, dass die im Güterverzeichnis des Domkapitels (1188-1209) unter „Holteburethorpe“ verzeichneten Höfe unter der Verwaltung des Oberhofes (curia) Hagen (a. T.W.) standen.[20] Die Gemeinde Hagen grenzt unmittelbar nördlich an die Lienener Bauerschaft Holperdorp. Außerdem gehören die Höfe des Ortes „Crevinchusen“[21] (der Name blieb im späteren Hof Krewinghaus in der Lengericher Bauerschaft Schollbruch, westlich von Holperdorp, erhalten) zur „curia Hagen“.[22]

Bleiben bei der vorangegangenen Ortsidentifizierung letzte Zweifel bestehen[23], so handelt es sich bei dem im Tafelgutregister von 1239/40 genannten und zur „curia Dissen“ gehörenden Ort „Holteburethorpe“ eindeutig um die in Lienen gelegene Bauerschaft Holperdorp. Der Bischof erhielt aus diesem Ort 1239/40 den Zehnten (decima), den er 1291 dem Ritter Baldewin de Varendorpe und 1350/1366 Fredericus de Varendorpe als Iburger Burglehen überließ.[24] Nun mag man sich fragen, was diese Erkenntnis – außer, dass man wahrscheinlich die Ersterwähnung der Bauerschaft Holperdorp von 1291 ein gutes Jahrhundert in die Zeit der Entstehung des Güterverzeichnisse des Domkapitels zwischen 1188 und 1209 vorverlegen darf – zudem für die Ortsgeschichte Lienens aussagt.

Mittelalterliche Hebe- und Güterregister führen die in ihnen verzeichneten Ortschaften niemals willkürlich auf, sondern folgen zumeist der geographischen Abfolge.[25] Das hängt mit der praktischen Aufstellung derartiger Kataloge zusammen. Die jeweiligen Kanzleischreiber nebst Gefolge bereisten nämlich Hof für Hof ihres Herrn und notierten die dort erhaltenen Abgaben. Dabei reisten sie allerdings nicht beliebig, sondern nahmen den kürzesten Weg von einem Hof zum nächsten.[26] Das bedeutet, dass in einem Register dicht beieinander notierte Örtlichkeiten auch geographische relativ nah zusammen liegen. In den Zeilen direkt über „Holteburethorpe“ sind im Tafelregister von 1239/40 noch ein „Uphof“[27] und ein „Dalhof“[28] verzeichnet. Wenn also die zuvor gemachten Überlegungen zutreffen, dann könnte es sich bei diesen beiden Höfen um den Hof Upmeier/Uphoff (heute Gut Hohenfelde) und den Dalhof (heute Ober- und Niederdalhoff) in Lienen handeln. In seiner Dissertation über die Entstehung des Territoriums des Bistums Osnabrück aus dem Jahre 1934 hat Joseph Prinz im Anhang eine umfassende Aufstellung der geistlichen und weltlichen Wirtschaftsverbände im Stift Osnabrück bis um 1240 vorgenommen. In diesem Verzeichnis nennt er auch den im Tafelgutregister genannten Dalhof und lokalisiert ihn im Kirchspiel Dissen.[29] Eine Gleichsetzung mit dem Dalhof im Kirchspiel Lienen lehnt Prinz ab, weil er den Lienener Dalhof in seiner Liste zum Besitz des Klosters Iburg rechnet. Richtig daran ist, dass der Iburger Abt im Jahre 1241 den Zehnten (!) vom Lienener Dalhof („curtis Dalhof in parrochia Linen“) vom Osnabrücker Bischof übertragen bekommen hatte.[30] Prinz geht aber davon aus, dass der Lienener Dalhof bereits viel früher in den Besitz des Iburger Klosters gelangte und verweist auf eine Urkunde aus dem Jahr 1097.[31] Damals übertrug der Edle Ruothwart (!) dem Osnabrücker Bischof Wido neben weiteren Gütern auch einen Hof (curia) in Lienen.[32] Dreizehn Jahre später übertrug der Osnabrücker Bischof dann dem Kloster Iburg ein Vorwerk (forwercum unum) in Lienen, das er zuvor vom Edlen Rothward (!) erhalten hatte.[33] Wenn auch anzunehmen ist, dass Hof und Vorwerk aus dem Besitz des Rothwards identisch sind oder zumindest in wirtschaftlicher Verbindung standen[34], so ist eine Identifizierung des dem Kloster Iburg übertragenen Hofes/Vorwerkes mit dem erstmals sicher 1241 genannten Lienener Dalhof reine Spekulation, denn neben dem Zehnten lassen sich keine weiteren Besitzrechte des Iburger Klosters am Lienener Dalhof nachweisen! Später befindet sich der Lienener Dalhof im Besitz der Grafen von Bentheim, die ihn Mitte des 14. Jahrhunderts den Rittern von Cappeln zu Lehen geben.[35] 1355 wurde der „Overe Dalhof zu Lynen“ von Ludike von Cappeln dem Grafen Nikolaus (Claus) von Tecklenburg verpfändet.[36] Viel näher läge es, aufgrund der recht seltenen Bezeichnung „Vorwerk“ im westfälischen Raum, die sich vorwiegend in den Hofnamen „Farwick“, „Varwig“ u. ä. erhalten hat[37], den Hof bzw. das Vorwerk aus dem Besitz des Edlen Rothward mit dem Hof Schulte-Varwig (heute Waltermann) in der Lienener Bauerschaft Holperdorp zu identifizieren. 1537 erscheint der Hof noch eindeutig als „Wilken tom Farwerke“[38], so dass eine Bildung des Hofnamens mit dem Siedlungsnamengrundwort „-wik“ (z.B. Osterwick, nördlich von Coesfeld) nicht in Frage kommt.[39]

Wie bereits erwähnt wurde 1355 der „Overe Dalhof zu Lynen“ von Ludike von Cappeln dem Grafen Nikolaus (Claus) von Tecklenburg verpfändet.[40] Damals war der Hof also bereits geteilt, wie der Zusatz „Overe“ nahelegt. Noch heute existieren in unmittelbarer Nachbarschaft die Höfe Ober- und Niederdalhoff. Für eine Lokalisierung des Dalhofes von 1239/40 in Lienen ist zudem vor diesem Hintergrund der Zusatz interessant, der im Tafelgutregister gegeben wird: „Dalhof duae domus“. Auch der Hof des Tafelgutregisters bestand bereits um 1239/40 aus zwei Höfen oder Häusern. Die Teilung des Lienener Dalhofes ist somit bereits für die Zeit vor 1240 anzunehmen.

Den 1239/40 genannten Hof Uphof identifiziert Prinz mit der Bauerschaft Uphöfen im Kirchspiel Borgloh.[41] Doch war auch der Lienener Uphoff/Upmeier ein Haupthof des Osnabrücker Bischofs. 1402/1404 erhielt ihn Beka, die Frau des Wicgerus de Bramesche, vom Bischof zum Lehen.[42] Im Lehnbuch Ottos von Hoya (1410-1424) heißt es ebenfalls: „Curia villicci ton Uphove prope Iburg“.[43] Somit darf wohl die bisher angenommene Ersterwähnung des Hofes Uphoff/Upmeier (1402/1404) um rund 160 Jahre auf das Jahr 1239/40 vorverlegt werden.

Es bleiben also als vorläufige Ergebnisse dieser Überlegungen festzustellen: 1) Bei dem im Güterregister des Domkapitels aus den Jahren 1188-1209 und im Tafelgutregister des Osnabrücker Bischofs von 1239/40 genannten „Holteburethorpe“ handelt es sich um Holperdorp im Kirchspiel Lienen und nicht um Holterdorf in Neuenkirchen bei Melle. 2) Bei den im Tafelgutregister des Osnabrücker Bischofs von 1239/40 erwähnten Höfen Dalhof und Uphof handelt es sich um die Lienener Höfe Dalhoff (Ober- und Niederdalhoff ) und Uphoff/Upmeier (Gut Hohenfelde). 3) Der 1097 urkundlich erwähnte Hof bzw. das 1110 genannte Vorwerk aus dem Besitz des Edlen Ruothwart/Rothward, das über den Osnabrücker Bischof an das Kloster Iburg kam, ist nicht identisch mit der 1241 sicher bezeugten „curtis Dalhof in parrochia Linen“. Vielmehr ist aus namenkundlichen Gründen eine Gleichsetzung mit dem Hof Schulte-Varwig (heute Waltermann) in Lienen-Holperdorp anzunehmen.

Druckfassung in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2011, S. 98–104.

[1] Osnabrücker Urkundenbuch (im Folgenden: OUB), bearb. u. hrsg. v. Friedrich Philippi u.a., 7 Bde., Osnabrück 1892-1996, Bd. I, Osnabrück 1892, Nr. 201 (1088).

[2] Die vollen End- und Vorsilbenvokale i, u, o, a werden im Mittelhochdeutschen größtenteils zu e abgeschwächt; die Endsilbenabschwächung setzt sich vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen fort. Das Gleiche gilt für die Entwicklung des Niederdeutschen: vgl. althochdeutsch gibirgi > mittelhochdeutsch gebirge.

[3] Amtliche Festschreibung hat die mundartliche Form „Line“ bzw. „Liene“ z.B. im Straßennamen „Liener Landweg“, nicht „*Lienener Landweg“, gefunden (mit einem * werden in der Sprachwissenschaft nicht schriftlich bezeugte, sondern erschlossene Formen gekennzeichnet).

[4] Westfälisches Urkundenbuch. Fortsetzung v. Erhards „Regesta historiae Westfaliae“ (im Folgenden: WUB), hrsg. v. d. Vereine für Geschichte u. Altertumskunde Westfalens, 11 Bde., Münster 1847-2005, Bd. VI, Münster 1898, Nr. 1468 (1291).

[5] Das Güterverzeichnis („Specificatio redditus Ecclesiae Osnabruggensis sub Lentfrido Praeposito“) ist in zwei Teilen gedruckt. 1. Hälfte: Justus Möser‘s sämmtliche Werke. Neu geordnet und aus dem Nachlasse desselben gemehrt, hrsg. v. Bernhard Rudolf Abeken, 10 Teile, Berlin 1842-1843, Teil 8, Berlin 1843 (im Folgenden: Möser-Abeken VIII), S. 128-135. 2. Hälfte: Jellinghaus, Hermann, Zur mittelalterlichen Topographie Nordwestfalens, in: Osnabrücker Mitteilungen 30 (1905), S. 94-160, hier S. 94-128. Zur Datierung vgl.: Kirchhoff, Johann, Die Organisation des Osnabrücker Kirchenvermögens in der Zeit vom 12.-14. Jahrhundert. Dargestellt vorzugsweise auf Grund der Heberegister, in: Osnabrücker Mitteilungen 34 (1909), S. 44-114, hier S. 48-55.

[6] Registrum bonorum mensae Episcopalis Osnabrugensis ca. annum 1240 conscriptum, abgedruckt in: Möser-Abeken VIII (wie Anm. 5), S. 374-415. Zur Datierung vgl.: Prinz, Joseph, Das Territorium des Bistums Osnabrück, Göttingen 1934, S. 115, Anm. 1.

[7] Jellinghaus, Topographie (wie Anm. 5), S. 94-160. Zum Leben und Werk von Jellinghaus vgl.: Schulte, Wilhelm, Westfälische Köpfe. 300 Lebensbilder bedeutender Westfalen, 3. erg. Aufl., Münster 1984, S. 139f.

[8] Jellinghaus, Topographie (wie Anm. 5), hier S. 107; Möser-Abeken (wie Anm. 6), hier S. 390.

[9] Jellinghaus, Topographie (wie Anm. 5), hier S. 107, Anm. 1.

[10] OUB V, Nr. 186 (1379): „hof to Holynctorpe, beleghen in deme kerspelle to Melle“; OUB V, Nr. 192 (1389): „hove to Holinchtorpe und ute des hoves tobehoringe, de gheleghen is in deme kerspele to Melle“.

[11] Die mittelalterlichen Lehnbücher der Bischöfe von Osnabrück, bearb. v. Hermann Rothert, Osnabrück 1932, Nachdruck Osnabrück 1977, S. 16.

[12] Ebd., S. 57. S. auch: Fredemann, Wilhelm, Chronik der Gemeinde Holterdorf, Melle 1970, S. 11. Auch Fredemann übernimmt die Lokalisierung von Jellinghaus, allerdings ohne auf ihn zu verweisen (ebd., S. 5).

[13] Fredemann, Holterdorf (wie Anm. 12), S. 15.

[14] Das sowohl im Altsächsischen, Althochdeutschen, Mittelniederdeutschen, Mittelhochdeutschen und weiteren germanischen Sprachen vorkommende Wort „būr“ (von germanisch *būra-) bedeutet ursprünglich „Haus“ oder „Hof“, also eine kleine Siedlung. Vgl. Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin, New York 2002, S. 97 u. 642 (Stichwörter: Bauer 1 u. 2, Nachbar).

[15] Die weiteren Belege für Holterdorf sind: 1410-1424: „Holtorperdorpe […] in parr. Nyenkerken“ (Lehnbücher [wie Anm. 11], S. 88), 1424-1437: „Holtorperdorpe“ (ebd., S. 128), 1442-1450: „Holteberdorpe“ (ebd., S. 159) und 1455-1482: „Holteperdorppe“ (ebd., S. 200).

[16] Lehnbücher (wie Anm. 11), S. 18.

[17] Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974, S. 92.

[18] Ebd., S. 60.

[19] Lediglich die Belege des Namens Holterdorf der Jahre 1442-1450: „Holteberdorpe“ (Lehnbücher [wie Anm. 11], S. 159) und 1455-1482: „Holteperdorppe“ (ebd., S. 200) könnten sich aus einer Form wie „Holteburethorpe“ entwickelt haben.

[20] Jellinghaus, Topographie (wie Anm. 5), hier S. 106.

[21] Ebd., hier S. 106.

[22] Leesch, Höferegister (wie Anm. 17), S. 48f., 118f., 185, 296. 1580 werden noch die Höfe „Herman zu Krevinckhusen“, „Gerdt Krevinckhusen“ und „Doe zu Krevinckhusen“ genannt (vgl. ebd., S. 48).

[23] Vgl. Anm. 19.

[24] WUB VI, Nr. 1468 (1291); Lehnbücher (wie Anm. 11), S. 18 (1350-1366).

[25] Osthoff, Hermann, Beiträge zur Topographie älterer Heberegister und einiger Urkunden, in: Osnabrücker Mitteilungen 71 (1963), S. 1-61.

[26] Ebd., hier S. 52-61.

[27] Möser-Abeken VIII (wie Anm. 5), hier S. 390.

[28] Ebd.

[29] Prinz, Territorium (wie Anm. 6), S. 209, Anm. 1.

[30] OUB II, Nr. 408 (1241).

[31] Prinz, Territorium (wie Anm. 6), S. 216, Anm. 2.

[32] OUB I, Nr. 216 (1097).

[33] OUB I, Nr. 225 (1110); OUB V, Nr. 17 (1110).

[34] Schütte, Leopold, Vorwerk. Eine Sonderform grundherrlichen Besitzes in Westfalen, in: Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde 58 (1980), S. 22-44.

[35] Das Lehnregister des Grafen Otto von Bentheim (1346-1364), bearb. v. Joseph Prinz, Osnabrück 1941, S. 94.

[36] Staatsarchiv Münster, Grafschaft Tecklenburg, Urkunden, Nr. 57.

[37] Schütte, Vorwerk (wie Anm. 34), hier S. 24. Vgl. ferner: Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, Münster 2007, S. 253f.

[38] Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. 1, Norderstedt 2007, S. 95.

[39] Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zu Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 374; Schütte, Leopold, Wik. Eine Siedlungsbezeichnung in historischen und sprachlichen Bezügen, Köln u. a. 1976.

[40] Wie Anm. 36.

[41] Prinz, Territorium (wie Anm. 6), S. 211.

[42] Lehnbücher (wie Anm. 11), S. 60.

[43] Ebd., S. 121.

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Überlegungen zur Etymologie der Flurbezeichnung Haar

Von Dr. Christof Spannhoff

Drei Kilometer südwestlich von Hollenstede (Ortsteil von Fürstenau) an der Grenze zu Hopsten-Schale (Kreis Steinfurt) liegt die Siedlung Große Haar. Ihr Name geht auf einen älteren Flurnamen zurück. Bereits 1512 wird der Wohnplatz als Hare erwähnt. 1599, 1628/29, 1667 und 1772 heißt sie Haer, 1667 Haar. Auf der Du Plat’schen Karte aus dem Jahr 1789[1] findet sich der Flurname als Auf der Großen Haar und auf der Gauß’schen Karte von 1847 sind Die Haar und der Haar Esch verzeichnet. 1895 wird die Große Haar genannt. Nach der Du Plat’schen Karte handelte es sich um eine Siedlung, die aus einem Erbkotten und drei Markkotten bestand, die einzeln in großen Abständen um das Herren Moor auf Dünen im Niederungsgelände der Wester Ahe lagen. Der Erbkotten wurde bereits 1512 erwähnt. Später erfolgte die Ansiedlung der Markkotten.[2]

Doch welche Art Flur benannte die Bezeichnung Haar ursprünglich, die dann von der Flur als Name auf die Siedlung übertragen wurde? Siedlungsnamen liegen häufig ältere Flurnamen zuvor. Mit der Besiedlung der Flur konnte dann der Name für das zuvor unbesiedelte Gebiet auch auf die neue Siedlung übergehen (Metonymie). Doch was wurde hier mit der Bezeichnung Haar eigentlich benannt? Ausgehend davon, dass Flurbezeichnungen zum Zeitpunkt ihrer Entstehung keine Sprachzeichen ohne Sinn waren, sondern gegenständlich motivierte Bezeichnungen, ist es gerechtfertigt, diese Frage zu stellen.[3] Durch diese Eigenschaft werden Örtlichkeitsnamen (Toponyme) zu Geschichtsquellen, weil sie etwas über die Beschaffenheit oder Eigenschaften des Ortes, den sie benennen, zum Zeitpunkt der Namengebung verraten können. Die Wörter, die einem Namen zugrunde liegen, haben die spezifische Eigenschaft eines Ortes konserviert, die zu seiner Benennung führte. Es gilt daher, die Wörter (und deren Wortinhalte) zu rekonstruieren, mit denen ein Name gebildet wurde. Je älter Namen sind, desto schwieriger wird in der Regel dieses Vorhaben, weil die bei der Prägung eines Namens verwendeten Wörter möglicherweise nicht mehr im gegenwärtigen Wortschatz vorhanden sind. Namen werden mit Wörtern der Sprache gebildet, die zum Zeitpunkt der Entstehung von den Namengebern gesprochen wurde. Und Sprache wandelt sich im Laufe der Zeit. So werden beispielsweise die Wörter Roß für ‚Pferd‘ oder Eiland für ‚Insel‘ heute kaum noch benutzt. Sie werden über kurz oder lang gänzlich aus der gesprochenen Sprache verschwinden. Das Wort mihil ‚groß‘, das im Althochdeutschen noch vorhanden war, ist heute überhaupt nicht mehr existent. Aber es treten auch immer wieder neue Wörter in den Wortschatz ein – heute vor allem sogenannte Anglizismen.

Es gilt also, Namen an Wörter einer Sprache und Sprachstufe anzuschließen, und zwar zunächst derjenigen der Epoche und der Region, in der der Name erstmals erwähnt wurde. Für den nordwestdeutschen Raum ist die älteste belegte Sprachstufe das Altniederdeutsche bzw. Altsächsische (erst seit ca. 800 n. Chr. schriftlich überliefert, bis ca. 1200), an das sich später das Mittelniederdeutsche anschloss.[4] Das bekannteste altsächsische Textzeugnis ist der Heliand (‚Heiland‘), eine Lebensgeschichte Jesu, die in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts in Fulda oder Werden an der Ruhr entstanden ist. Besonders eng verwandt ist das Altsächsische mit dem Altenglischen und Altfriesischen und gehört damit zur Gruppe des Nordseegermanischen. Das Altsächsische war die Sprache der Sachsen, die im 6. Jahrhundert n. Chr. auch das heutige Osnabrücker Land und Westfalen besiedelten und ihre Sprache in diesen Raum mitbrachten.[5] Zentrales Kennzeichen dieser Sprache, das bis heute einen wesentlichen Unterschied zwischen Niederdeutsch und Hochdeutsch ausmacht, ist die nicht durchgeführte Zweite oder (Alt-)Hochdeutsche Lautverschiebung (vgl. etwa WaterWasser, PundPfund, ikich). Doch auch im Vokalismus unterscheidet sich das Niederdeutsche vom Hochdeutschen: mîn Hûsmein Haus (Neuhochdeutsche Diphthongierung).[6] Da das Altsächsische in deutlich weniger Textzeugnissen als das Althochdeutsche, Altenglische oder das spätere Mittelniederdeutsche überliefert ist[7], müssen einige Wörter aus den drei nah verwandten und besser belegten Sprachen erschlossen werden. Derart erschlossene Formen werden in der Sprachwissenschaft dann mit einem * (Asterisk) gekennzeichnet. So ist etwa die Bezeichnung für die Katze in keinem altsächsischen Text überliefert. Das heißt aber nicht, dass die Sprecher des Altsächsischen keinen entsprechenden Begriff für das Tier kannten, sondern nur, dass das altsächsische Wort zufällig nicht bezeugt ist, sich also kein Text erhalten hat, in dem die Tierbezeichnung vorkommt. Durch die belegten Formen mittelniederdeutsch katte, altenglisch cat, catt und althochdeutsch kazza kann für das Altsächsische ein Wort *katta erschlossen werden.[8]

An das Altsächsische schließt sich das Mittelniederdeutsche an, das dann in der Zeit zwischen 1200 und 1650 gesprochen wurde. Das Mittelniederdeutsche unterscheidet sich vom älteren Altsächsischen hauptsächlich darin, dass sich im hohen Mittelalter die germanisch-altsächsischen Zahn-Reibelaute th (þ) und ð, die noch im heutigen Englischen vertreten sind (vgl. englisch bath ‚Bad‘ oder brother ‚Bruder‘), durch sogenannten Lautwandel zu d im Mittelniederdeutschen verändert haben. Durch die sogenannte Senkung und Zerdehnung wurden die kurzen Stammvokale i und u in offenen Tonsilben zu e und o gesenkt. Ferner ist für das Mittelniederdeutsche der Zusammenfall der Nebensilbenvokale zum einheitlichen Murmel-Vokal [ә] (Nebensilbenabschwächung) festzustellen.[9] Der Großteil der Örtlichkeitsnamen (Toponyme) Nordwestdeutschlands ist mit diesen beiden Vorgängersprachstufen des Niederdeutschen einwandfrei zu erklären.

Die Flurbezeichnung Haar findet sich in zahlreichen Stellenbezeichnungen und in von diesen abgeleiteten Siedlungsnamen. In Westfalen gibt es neben dem nördlich der Ruhr verlaufenden Höhenzug Haar oder Haarstrang auch eine Gebietsbezeichnung: 1169/70 in pago qui dicitur Hare – „im Gebiet, das genannt wird Hare“, die gemeinhin aber auf den Höhenzug bezogen wird.[10] Hinzu treten mehrere Siedlungsnamen[11] und Flurnamen.[12] Doch stellt sich im vorliegenden Fall ein Problem. In der älteren Forschung wurde die Flurbezeichnung Haar an ein angebliches altsächsisches Wort *hara, mittelniederdeutsch *hâre, *hare angeschlossen, dem die Bedeutung ‚Anhöhe, Höhenzug‘ beigemessen wurde. Allerdings ist dieses Wort nur aus den geographischen Namen erschlossen worden und entbehrt einer abgesicherten Grundlage im historischen Wortschatz. Ein Wort altsächsisch *hara, mittelniederdeutsch *hâre, *hare ‚Anhöhe, Höhenzug‘ ist also aus den Wörterbüchern zu streichen. Es hat nie existiert, sondern ist eine gelehrte Erfindung wohl des 19. Jahrhunderts. Denn es handelt sich um ein sogenanntes ghost word, dessen Wortinhalt nur zirkelschlüssig aus Namen und aus der Betrachtung des benannten Objektes – etwa des Höhenzugs Haarstrang – gewonnen worden ist.[13] Das zeigt sich auch, wenn man die vielen münsterländischen Fluren betrachtet, die zwar als Haar benannt sind, bei denen sich aber gar keine ‚Anhöhen‘ finden.[14]

Somit ist ein anderer Wort-Anschluss für die Flurbezeichnung Haar zu suchen. Dazu sind in der neueren Forschung zwei Vorschläge gemacht worden: Kirstin Casemir erwägt im Zusammenhang mit dem Siedlungsnamen Groß und Klein Heere (Landkreis Wolfenbüttel) ein Element har, das sie zu folgenden Wörtern stellt: schwedisch dialektal har ‚steiniger Boden‘, altnordisch hǫrgr ‚Steinhaufen, Opferstätte, Steinaltar‘, norwegisch horg ‚Erhebung, meist mit flacher Spitze‘, althochdeutsch harug, haruh ‚heiliger Hain, Opferstätte‘, altenglisch hearg ‚heidnisches Heiligtum‘. Die Wörter gehörten möglicherweise, was aber nicht unumstritten sei, zu indogermanisch *kar ‚hart‘ (indogermanisch k wird zu germanisch h). Somit schließt Casemir für das Namenelement har auf eine Bedeutung ‚(steinige) Anhöhe‘.[15]

Wegen der sprachlichen Nähe zum Niederdeutschen und auch in lautlicher Hinsicht wesentlich einleuchtender verbindet hingegen Paul Derks das auch in Große Haar vorliegende Wort mit einem Ansatz germanisch *herw-, *heru– (etwa in gotisch hairus, altenglisch heoru ‚Schwert‘), ablautend *harw-, *haru– ‚scharf‘, der auch in mittelniederdeutsch haren, hâren ‚dengeln, schärfen‘, niedersächsisch har-hamer, hâr-hamer ‚Hammer zum Aushämmern der Scharten, Dengeln, Schärfen der Sense‘, har-spêt ‚Amboss zum Schärfen der Sense‘, har-tau, har-tüg ‚Gerät zum Schärfen der Sense‘, mittelhochdeutsch har(w)e ‚scharf‘ vorliegt.[16] Als Grundlage für die Haar-Namen ist am ehesten ein feminines Substantiv *hara ‚Schärfe, scharfe Stelle‘ anzusetzen.[17]

Doch wie ist nun der Wortinhalt ‚scharf‘ mit dem benannten Objekt, den Haarfluren, in Verbindung zu bringen? Derks hat auf einige semantische Parallelen mit einer ursprünglichen Bedeutung ‚scharfe Spitze‘ aufmerksam gemacht. So finden sich in Flurnamen etwa die Wörter mittelniederdeutsch ord ‚Spitze‘, mittelniederdeutsch timpe ‚Zipfel, spitzes Stück‘, altsächsisch hôk ‚Spitze, Winkel‘, altsächsisch, althochdeutsch horn, metaphorisch für ein ‚Blasinstrument‘ und für ein ‚spitz zulaufendes Landstück‘, altsächsisch, althochdeutsch gêr ‚Speer, Spieß, Lanze‘, in schwach flektierender Form althochdeutsch gêro, mittelniederdeutsch gêre auch als Metapher für ‚spitz zulaufende Sachen (Kleiderzipfel, Saum)‘ und ein ‚keilförmiges Landstück‘.[18] Die Verbindung all dieser Wörter ist allerdings weniger die ‚Schärfe‘ als vielmehr die ‚Spitze‘. Als Vergleichsmaterial zu *har / *hâr ‚scharf‘ taugen sie deshalb nur bedingt. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

Zudem bleibt noch die Frage bestehen, wie zwischen den doch recht unterschiedlichen Haarflurtypen im Hinblick auf die hier angenommene Wortbedeutung von *har / *hâr / *hara ‚scharf, Schärfe, scharfe Stelle‘ zu vermitteln ist. Gunter Müller hat durch überregionale Auswertung der Urkatasterunterlagen festgestellt, dass im nördlichen Haar-Verbreitungsgebiet mit Haar teilweise ‚Waldflächen‘, vor allem aber ‚Ödland‘, ‚Heide‘, ‚Gemeinheitsland‘ benannt wurden, im Bereich seines südlichen Vorkommens hingegen zumeist Höhenzüge und Berge (neben dem Haarstrang und dem Rothaargebirge auch kleinere Bodenerhebungen).[19] Er folgert aus seinen Beobachtungen: „Man kann also sagen, daß das Lexem Haar im westlichen Münsterland und in Südwestfalen recht unterschiedliche Objekte benannt hat; zwar gilt für alle Namen eine Basisbedeutung ‚Bodenerhebung‘; es liegt aber vor allem an der unterschiedlichen Landesnatur, daß damit im Süden z.[um] T[eil]. größere Bergrücken eines Mittelgebirges (Haarstrang, Rothaargebirge), im münsterl.[ändischen] Flachland aber z.[um] T.[eil] nur minimal erhöhte Trockenlagen in Mooren oder flache Sandrücken auf Heideflächen benannt wurden. Mit allen Toponymen scheint ursprünglich auch ein semantisches Merkmal ‚nicht oder nur extensiv landwirtschaftlich genutzte Fläche‘ verbunden gewesen zu sein, denn nie ist Haar für die erhöhten Lagen der münsterl.[ändischen] Altackergebiete (etwa für Esch– und Geist-Flächen […]) toponymisch genutzt worden.“[20] Im ersten Punkt seiner Ausführungen ist Müller zu widersprechen, denn auch hier lässt er sich – obwohl er um die zirkelschlüssige Konstruktion der Bedeutung lediglich aus Flurnamen weiß – von dem ghost word angeblich altsächsisch *hara, mittelniederdeutsch *hâre, *hare ‚Anhöhe, Höhenzug‘ leiten und geht maßgeblich von dem benannten Objekt aus, bietet aber keine belegte Wortgrundlage an. Denn es ist schon sehr merkwürdig, warum ein Wort mit der angeblichen Bedeutung ‚*Anhöhe‘ niemals wirkliche Erhebungen im größtenteils flachen Münsterland – eben die Esch– und Geist-Flächen – bezeichnet haben sollte. Seine zweite Feststellung, Haar benenne „nicht oder nur extensiv landwirtschaftlich genutzte Fläche[n]“, lässt sich hingegen bestens mit dem von Derks beigebrachten Anschluss *har / *hâr / *hara ‚scharf, Schärfe, scharfe Stelle‘ vereinen.

Den Schlüssel zur Lösung dieses Problems und die Beibringung einer genauen semantischen Parallele (s.o.) bietet die analoge etymologische Entwicklung eines anderen Wortes, das ebenfalls in Örtlichkeitsnamen Eingang gefunden hat: Egge – altsächsisch eggia ‚Schneide, Schwert-Schneide‘, altenglisch ecg ‚Spitze; Schwert, Streitaxt‘, altnordisch egg ‚Ecke, Schneide [einer Waffe], Bergrücken‘, althochdeutsch egga, ekka ‚scharfer Rand [Schneide, Kante; Rand], vorderstes Glied der Schlachtordnung; Spitze eines Berges oder Berggipfel‘, englisch edge ‚Schneide, Schärfe, Spitze, Ecke‘, mittelniederdeutsch egge ‚Schneide [eines Werkzeugs oder einer Waffe], Kante, Tuchkante, Saum, Bergrücken, das äußerste Ende, Ecke, Winkel‘. Die Wortfamilie geht auf germanisch *agjô– zu indogermanisch *aḱ-/oḱ– ‚scharf, kantig, spitz‘ zurück.[21]

Im Mittelniederdeutschen konnte Egge also eine breite Bedeutungsvielfalt ausbilden. Eine parallele Entwicklung ist entsprechend auch für Haar zu unterstellen. Wegen der Grundbedeutung ‚scharf‘ und der sich daraus entwickelnden Bedeutungsbreite konnten mit Egge und Haar sowohl höhere Gebirge benannt werden (der Osning, 9. Jahrhundert Osneggi, und als Teil desselben das Eggegebirge bzw. die Egge[22], eine genaue Parallele zu Haarstrang bzw. die Haar) als auch flache Ödlandgebiete und abgelegene Grenzareale.[23] Zudem ist die Bildung von Flurnamen mit beiden Wörtern sehr ähnlich und weist zahlreiche Parallelen auf: Voßhaar / Voßegge, Steinhaar / Steinegge, hohe Haar / hohe Egge etc.[24] Haar und Egge haben also das gleiche oder zumindest ein sehr ähnliches Bedeutungsspektrum und eine gleichartige Bedeutungsentwicklung erfahren. Wie Egge bedeutet Haar also ursprünglich ‚scharf‘. Daraus entwickelten sich dann die Bedeutungsvarianten ‚Schneide [eines Werkzeugs oder einer Waffe], das äußerste Ende, Kante, Tuchkante, Saum, Bergrücken, Ecke, Winkel‘. In Toponymen können Haar und Egge also ‚Bergrücken, Ecke, Winkel, Geländekante, Saum, Rand, Grenze‘ bedeuten.

An dieser Stelle muss noch auf ein vermeintlich gleichlautendes Wort eingegangen werden: hâr ‚trocken‘. Dieses Wort wird in den niederdeutschen Mundarten vorwiegend für ‚trockene Luft‘, für ‚trockenen oder scharfen Wind‘ gebraucht.[25] Doch deutet sich in dieser Gebrauchsweise schon die etymologische Entwicklung an. Ursprünglich ist wohl von einer Bedeutung ‚scharf‘ auszugehen. Durch den ‚scharfen‘ Wind wird sekundär etwas trocken oder zum Trocknen gebracht. Somit konnte hâr metonymisch (übertragen) auch die Bedeutungsvariante ‚trocken‘ erhalten. Dass diese Entwicklung zur Bedeutung ‚trocken‘ erst eine spätere ist, mag auch das Beispiel des Flurnamens Haerbrock (Kreis Soest) verdeutlichen: 1685 heißt es am Haerbrock, 1538 aber noch Haalbrok (zu westfälisch hâl ‚trocken, kalt‘).[26] Das Haalbrok konnte erst zum Haerbrock werden, nachdem *har / *hâr ‚scharf‘ auch die Bedeutung ‚trocken‘ angenommen hatte.[27]

Es bleibt noch darauf hinzuweisen, dass das Namenelement Haar, Har im niederdeutschen Sprachraum in einigen Fällen auch auf durch Zerdehnung entstandenes hâr aus altsächsisch horo, mittelniederdeutsch hor, hore, mit Zerdehnung hâr ‚Schmutz, Schlamm, Morast, Kot‘ zurück gehen kann.[28] Als Beispiele seien genannt: Haarhausen bei Wuppertal, 12. Jahrhundert de Horehuson, Mitte 13. Jahrhundert de Horhusen, 1486 to Harhusen, to Haerhusen[29], Schloss Harkotten bei Sassenberg-Füchtorf, 1309 Horekotten, 1311 Horkotten, 1317 Harkotten[30]. Diese beiden Siedlungsnamen[31] zeigen, wie wichtig es ist, die lautliche Entwicklung eines jeden Namens anhand seiner historischen Belege zu verfolgen. Dazu ist aber die besonders für Flurnamen vielfach mühevolle Suche nach den ältesten Überlieferungen unumgänglich.

Abschließend bleibt Folgendes festzuhalten: Das in Flur- und von diesen abgeleiteten Siedlungsnamen auftretende Wort Haar ist etymologisch an germanisch *herw-, *heru– (etwa in gotisch hairus, altenglisch heoru ‚Schwert‘), ablautend *harw-, *haru– ‚scharf‘ anzuschließen, das auch in mittelniederdeutsch haren, hâren ‚dengeln, schärfen‘, niedersächsisch har-hamer, hâr-hamer ‚Hammer zum Aushämmern der Scharten, Dengeln, Schärfen der Sense‘, har-spêt ‚Amboss zum Schärfen der Sense‘, har-tau, har-tüg ‚Gerät zum Schärfen der Sense‘, mittelhochdeutsch har(w)e ‚scharf‘ vorliegt. In den Örtlichkeitsnamen (Toponymen) nördlich der Mittelgebirge bedeutet es in den allermeisten Fällen ‚Ecke, Winkel, Rand, Grenze‘ als Benennung von Ödland- und Heideflächen und konnte somit auch metonymisch für ‚abgelegenes Gelände‘[32] gebraucht werden. In einigen Fällen dürfte auch die später entwickelte Bedeutung „trocken, trockene Stelle“ anzusetzen sein.

Druckfassung in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2015, S. 161–167.

[1] Du Plat, Johann Wilhelm: Die Landesvermessung des Fürstbistums Osnabrück (1784-1790). Reproduktion der Reinkarte im Maßstab 1:10.000 mit Erläuterungstext, hrsg. v. Günther Wrede, 8 Lieferungen, Osnabrück 1955-1972.

[2] Wrede, Günther: Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975-1980, Bd. 1, Sp. 532.

[3] Schütte, Leopold: Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, Münster 2007, S. 239-242.

[4] Zur Sicherung der Lexik dienen: Bosworth, Joseph: An Anglo-Saxon Dictionary based on the Manuscript Collections of the late Joseph Bosworth, ed. and enlarged by T. Northcote Toller, Nachdruck London 1972. – Supplement by T. Northcote Toller with revised and enlarged Addenda by Alistair Campbell, Nachdruck London 1972, Tiefenbach, Heinrich: Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary, Berlin, New York 2010, Sehrt, Edward Henry: Vollständiges Wörterbuch zum Heliand und zur altsächsischen Genesis, 2. durchges. Aufl., Göttingen 1966, Schiller, Karl u. Lübben, August: Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881, Verwijs, Eelco u. Verdam, Jacob: Middelnederlandsch Woordenboek, 11 Deele, 2. Aufl., ‘s Gravenhage 1969-1971, Althochdeutsches Wörterbuch. Auf Grund der von Elias von Steinmeyer hinterlassenen Sammlungen […], bearb. u. hrsg. v. Elisabeth Karg-Gasterstädt u. Theodor Frings [u. a.], Bd. I ff., Berlin 1968 ff., Schützeichel, Rudolf: Althochdeutsches Wörterbuch, 7., durchges. u. überarb. Aufl., Berlin 2012, Starck, Taylor u. Wells, John C.: Althochdeutsches Glossenwörterbuch. Einschließlich des von Prof. Dr. Taylor Starck begonnenen Glossenindexes, zusammengetragen, bearb. u. hrsg. v. John C. Wells, Heidelberg 1990, Althochdeutscher und Altsächsischer Glossenwortschatz, hrsg. v. Rudolf Schützeichel, 12 Bde., Tübingen 2004, Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, 3 Bde., 2. Aufl. Stuttgart 1979, Grimm, Jacob u. Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, 33 Bde., 2. Aufl., München 1984.

[5] Finke, Walter: Frühmittelalterliche Siedlungen im Münsterland, in: Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Geschichte im Herzen Europas, hrsg. v. Hansgerd Hellenkemper u.a., Mainz 1990, S. 25-47, Grünewald, Christoph: Die Siedlungsgeschichte des Münsterlandes vom 7. bis 10. Jahrhundert aus archäologischer Sicht, in: 805. Liudger wird Bischof. Spuren eines Heiligen zwischen York, Rom und Münster, hrsg. v. Gabriele Isenberg, Mainz 2005, S. 31-42, Spannhoff, Christof: Überlegungen zur frühmittelalterlichen Siedlungsgeschichte am Beispiel Ladbergens, in: Unser Kreis 2008. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 21 (2007), S. 223-226.

[6] Mit â, ê, î, ô, û werden im Folgenden lange Vokale gekennzeichnet.

[7] Vgl. die Auflistung bei: Krogh, Steffen: Die Stellung des Altsächsischen im Rahmen der germanischen Sprachen, Göttingen 1996, S. 111-138.

[8] Derks, Paul: Die Siedlungsnamen der Stadt Essen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Essen 1985, S. 189.

[9] Holthausen, Ferdinand: Altsächsisches Elementarbuch, Heidelberg 1900, Gallée, Johan Hendrik: Altsächsische Grammatik, 3. Aufl.: mit Berichtigungen u. Literatur-Nachträgen v. Heinrich Tiefenbach, Tübingen 1993, Sanders, Willy: Altsächsische Sprache, in: Niederdeutsch. Sprache und Literatur. Eine Einführung, hrsg. v. Jan Goossens, Bd. I: Sprache, Neumünster 1973, S. 28-65, Rathofer, Johannes: Realien zur altsächsischen Literatur, in: Niederdeutsches Wort 16 (1976), S. 4-62, Krogh: Stellung, Lasch, Agathe: Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974. – Für die hochdeutsche Seite: Braune, Wilhelm: Althochdeutsche Grammatik, 7. Auflage, bearb. v. Karl Helm, Halle 1950, Paul, Hermann: Mittelhochdeutsche Grammatik. Fortgeführt v. Erich Gierach u. Ludwig Erich Schmitt, 19. Aufl., bearb. v. Walther Mitzka, Tübingen 1963.

[10] Flöer, Michael: Die Ortsnamen des Hochsauerlandkreises, Bielefeld 2013, S. 201.

[11] Ebd.

[12] Müller, Gunter: Westfälischer Flurnamenatlas, Lieferung 4, Bielefeld 2006, S. 453-457.

[13] Derks, Paul: Die Hof- und Siedlungsnamen Einern und Haarhausen. I. Einern, in: Beiträge zur Heimatkunde der Stadt Schwelm und ihrer Umgebung. Jahresgabe des Vereins für Heimatkunde Schwelm, Neue Folge 50 (2001), S. 41-63; Müller: Flurnamenatlas, S. 453.

[14] Müller: Flurnamenatlas, S. 453.

[15] Casemir, Kirstin: Die Ortsnamen des Landkreises Wolfenbüttel und der Stadt Salzgitter, Bielefeld 2003, S. 183.

[16] Mit sämtlichen Nachweisen: Derks: Einern I, S. 42.

[17] Flöer: Ortsnamen, S. 201.

[18] Ebd.

[19] Müller: Flurnamenatlas, S. 455.

[20] Ebd., S. 456.

[21] Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarb. unter d. Leitung v. Wolfgang Pfeiffer, 3. Aufl., München 1997, S. 259, Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002, S. 226, Meineke, Birgit: Die Ortsnamen des Kreises Herford, Bielefeld 2011, S. 315, Derks, Paul: Asmeri – das älteste Hagen? Probleme der Namenforschung im Hagener Raum, in: Jahrbuch des Vereins für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark 98 (1998), S. 7-65, hier S. 40 (mit Belegen aus dem historischen Wortschatz).

[22] Dazu: Derks: Asmeri, S. 40.

[23] Zum Flurnamen Egge: Müller: Flurnamenatlas, S. 474-479.

[24] Ebd., S. 453-457 u. S. 474-479. Die Liste ließe sich unschwer vermehren.

[25] Kramer, Wolfgang u.a. (Bearb.): Niederdeutsch-westphälisches Wörterbuch von Johan Gilges Rosemann genannt Klöntrup, 2 Bde., Hildesheim 1982-84, Bd. 1, Sp. 310; Müller: Flurnamenatlas, S. 455.

[26] Müller: Flurnamenatlas, S. 456. Nach Schoppmann, Hugo: Die Flurnamen des Kreises Soest, Bd. 1: Die Ämter Borgeln, Schwefe, Lohne und die Stadt Soest, Soest 1936, S. 150.

[27] Vgl. dazu auch: Schiller-Lübben: Wörterbuch II, S. 207 s.v. haren (1).

[28] Derks, Paul: Die Hof- und Siedlungsnamen Einern und Haarhausen. II. Haarhausen, in: Beiträge zur Heimatkunde der Stadt Schwelm und ihrer Umgebung. Jahresgabe des Vereins für Heimatkunde Schwelm, Neue Folge 51 (2002), S. 33-52, hier S. 33 (mit Belegen aus dem historischen Wortschatz).

[29] Ebd., S. 33.

[30] Korsmeier, Claudia Maria: Die Ortsnamen des Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 186.

[31] Sehr wahrscheinlich ist auch der Siedlungsname Harum bei Neuenkirchen/Rheine, 1022/23 Harhem, an altsächsisch horo, mittelniederdeutsch hor, hore, zerdehnt zu hâr anzuschließen. Kreyenschulte, Sebastian: Harum: Siedlung in sumpfiger Umgebung. Ortsnamen beziehen sich oft auf topographische Merkmale, in: Unser Kreis 2013. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 26 (2012), S. 110-115.

[32] Schröder, Edward: Krähwinkel und Konsorten, in: Deutsche Namenkunde. Gesammelte Aufsätze zur Kunde deutscher Personen- und Ortsnamen. 2., stark erweiterte Auflage, besorgt v. L.[udwig] Wolff, Göttingen 1944, S. 288-298.

Was bedeutet das Wort Uchte?

Von Dr. Christof Spannhoff

Wenn Menschen im Tecklenburger Land an hohen kirchlichen Festtagen wie Weihnachten oder Ostern einen Frühgottesdienst besuchen, dann gehen sie zur sogenannten „Uchte“. Doch woher kommt eigentlich dieser etwas merkwürdig anmutende Begriff? Wie in vielen anderen Fällen hat sich in dieser Bezeichnung für die Frühmesse ein sehr altes Wort erhalten, das im heutigen aktiven Sprachgebrauch geschwunden ist. Das Wort Uchte für den Gottesdienst hängt eng mit dem Zeitpunkt dessen Feier zusammen. Es bedeutet nämlich ‚frühe Morgenzeit, Morgendämmerung‘.[1] Die Arbeitsphase vor dem Frühstück hieß früher ebenfalls Uchtewiärk.[2] Während heute die Oster- oder Weihnachts-Uchten zumeist zu etwas humaneren Zeiten um sechs Uhr zelebriert werden, fanden sie früher zwischen drei und fünf Uhr morgens in der Frühe statt.[3] Der richtige Zeitpunkt für die Feier ergibt sich aber aus der Herkunft des Wortes selbst. Eine Uchte muss eigentlich zum Zeitpunkt des Sonnenaufganges begangen werden, denn ursprünglich hat das Wort die Himmelsrichtung Osten ausgedrückt. In dieser Bedeutung steckt es auch im Ortsnamen Ochtrup (Kreis Steinfurt; 1134 Ohthepe).[4] Ochtrup bedeutet ‚Ucht-Bach‘ (apa, epe ‚Wasser, übertragen auch Bach, Fließgewässer‘[5]), also das im Osten befindliche oder in östliche Richtung fließende Gewässer. Der Osten wird aber seit jeher mit dem Sonnenaufgang gleichgesetzt. So steckt das Wort Osten auch in Ostern, dem ‚Fest der Morgenröte, dem Auferstehungszeitpunkt des Herrn‘.[6] Die Wortbedeutungen ‚Osten‘ und ‚Morgendämmerung‘ hängen also eng zusammen.

Das Alter des germanischen Wortes Uchte zeigt sich auch daran, dass es bereits im Gotischen im 4. Jahrhundert n. Chr. als ûhteigs ‚zeitig‘ vorkommt.[7] Im Altsächsischen, der ältesten Sprachstufe des Niederdeutschen, bedeutet ûhta (lies: ûchta) ‚frühe Morgenzeit‘. Die Altsachsen bezeichneten auch den Hahn als den ûhtfugal, den ‚Vogel der Morgendämmerung‘.[8] Später erweiterte sich die Bedeutung des Wortes Uchte aber auch auf die Abendzeit vor dem Sonnenuntergang, also auf die Dämmerung im Allgemeinen. So definiert das „Idioticon Osnabrugense“, ein vom Osnabrücker Gymnasialrektor Johann Christoph Strodtmann 1756 verfasstes Wörterbuch der Osnabrücker Mundart, das Wort Uchte als ‚die Demmerung, sowohl des Morgens, als des Abends‘ und Ucht werken als ‚des Morgens und Abends bey Licht arbeiten‘.[9]

[1] Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erweiterte Aufl., Münster 2014, S. 751.

[2] Jostes, Franz, Westfälisches Trachtenbuch. Volksleben und Volkskultur in Westfalen die jetzigen und ehemaligen westfälischen und schaumburgischen Gebiete umfassend, 2. Aufl., bearb. u. erw. v. Martha Bringemeier, Münster 1961, S. 77–80.

[3] Hellenthal, Verena, Weihnachten im Münsterland, Erfurt 2013, S. 93.

[4] Korsmeier, Claudia Maria, Art. Ochtrup, in: Deutsches Ortsnamenbuch, hrsg. v. Manfred Niemeyer, Berlin u. Boston 2012, S. 470.

[5] Casemir, Kirstin u.a., Die Ortsnamen des Landkreises Helmstedt und der Stadt Wolfsburg, Bielefeld 2011, S. 234f.

[6] Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002, S. 672.

[7] Nach Korsmeier, Ochtrup, S. 470.

[8] Tiefenbach, Heinrich, Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary, Berlin u. New York 2010, S. 424.

[9] Strodtmann, Johann Christoph, Idioticon Osnabrugense. Ein Hochzeits-Geschenk an den Herrn Professor und Consistorial-Assessor Schütze bey der Verbindung desselben mit der Demoiselle Esmarchinn, Leipzig u. Altona 1756, S. 256.

Woher kommt das plattdeutsche Wort Moos ‚Grünkohl‘?

Von Dr. Christof Spannhoff

Winterzeit ist Grünkohlzeit! Zahlreiche Vereine im Tecklenburger Land laden dann zum fast schon obligatorischen Essen von „Moos un Mettwurst“ ein. Doch woher kommt eigentlich die plattdeutsche Bezeichnung für den Grünkohl: Moos? Das Wort selbst ist schon sehr alt. Allerdings hat sich seine Bedeutung im Lauf der Jahrhunderte verändert.

Bereits im Altsächsischen, der ältesten belegten Sprachstufe des heutigen Niederdeutschen, das zwischen 800 und 1200 anzusetzen ist, bedeutet môs ganz allgemein ‚Speise‘[1] (< westgermanisch *môsa– ‚Speise‘[2]). So übersetzen etwa die um 1200 im Kloster Marienfeld bei Harsewinkel entstandenen „Marienfelder Glossen“ das lateinische Wort polenta ‚Gerstengraupen‘ mit dem altniederdeutschen Begriff welsemos.[3] Das Wort polenta wird zudem in dem Glossar des Trierer Seminarcodex aus dem ersten Drittel des 11. Jahrhunderts auch mit altsächsisch brî ‚Brei‘ übersetzt.[4] Altsächsisch melumôs ist die ‚Mehlspeise‘, zu altsächsisch melu ‚Mehl‘.[5]

Das plattdeutsche Wort Moos ist demnach eng mit dem hochdeutschen Wort Mus ‚Brei‘ und mit dem Begriff Gemüse verwandt. Denn Gemüse ist eine Kollektivbildung zu Mus mit dem Präfix (Vorsilbe) ge– (wie etwa in Ge-birge und Berg, Ge-brüder und Bruder usw.). Die enge Verwandtschaft der Wörter Mus und Gemüse zeigt aber sehr deutlich, wie „Gemüse“ in vormoderner Zeit zubereitet wurde. Wird heute darauf geschworen, Gemüse nur kurz zu blanchieren und es dann noch bissfest zu servieren, kochten unsere Vorfahren aus den verschiedenen Pflanzen oder Hülsenfrüchten zusammen mit Getreide einen Brei. Im Mittelhochdeutschen sind verschiedene Bezeichnungen für Gemüsegerichte überliefert, die einen Einblick in die mittelalterliche Kochkunst geben: apfelmuos ‚Apfelmus‘, birnmuos ‚Birnenmus‘, blatmuos ‚Blattmus‘, brûtmuos ‚Brautmus‘, kütenmuos ‚Quittenmus‘, mandelmuos ‚Mandelmus‘, morchenmuos ‚Morchelmus, nuzzemuos ‚Nußmus‘, rîsmuos ‚Reismus‘, vastenmuos ‚Fastenmus‘, violmuos ‚Veilchenmus‘, warmmuos ‚Warmmus‘, wisselmuos ‚Weichselkirschenmus‘.[6]

Da auch der in Norddeutschland sehr beliebte und häufig verzehrte Kohl kleingeschnitten und in ähnlicher Weise zubereitet wurde, ging im Niederdeutschen die Bezeichnung môs generell auf Kohlgerichte über. Im Mittelniederdeutschen (zwischen 1200 und 1650) heißt môs deshalb nicht mehr ganz allgemein ‚Speise‘, sondern vielmehr ‚Gemüse‘, aber vor allem ‚Kohl‘. So ist z.B. das mittelniederdeutsche môsblat das ‚Kohlblatt‘.[7] Diese Entwicklung lässt sich bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts belegen. In einer Speiseordnung des Hospitals Marienfeld werden koel und moes als Synonyme (bedeutungsgleiche Wörter) aufgeführt.[8] Auch die alte plattdeutsche Bezeichnung für das Sauerkraut Surmôs zeigt diesen Übergang sehr deutlich.[9] Schließlich verengte sich die Bedeutung des Wortes môs dann speziell auf den Grünkohl.

Zum Thema

Der Gelehrte Justus Lipsius (1547–1606) berichtete in einem Brief anlässlich einer Reise durch das Oldenburger Land im Jahre 1586 in seine Heimatstadt Brabant über den Grünkohl: „Da bin ich in Oldenburg. Wo liegt das Ding wirst Du fragen? Es ist ein westphälisches Städtchen, ein wahres Nest […]. Alles Übel, was Menschen treffen kann, hat mich betroffen: denn alle Elemente waren wider mich in Aufruhr. Und die Speisen – kaum menschlich sind sie. Du kennst meinen Körper, und weißt, daß nur ausgewählte Speise ihn empor hält. Nun denke Dir die Kost in den hiesigen Wirthshäusern! Was sag’ ich, Wirthshäuser? Ställe sind es […]. Da sitzt man dann mit den Fuhrleuten und Schweinetreibern um’s Feuer, trinkt, was sie trinken, und bei jedem Trunk reicht man sich feyerlich die Hand. Indeß wird der Tisch gedeckt. Siehe da, das erste Gericht! Dicker Speck und roh dazu! O mein armer Magen! Was soll ich machen? Andere Kost fordern, das darf ich nicht. Doch da kommt der ersehnte zweyte Gang, die Hauptschüssel! Eine ungeheure Kumme voll braunen Kohls! Einen Finger breit darüber her fließt die Brühe von Schweinefett. Diesen Ambrosia essen meine Westphälinger nicht, sie verschlingen ihn. Mich ekelt er an. […] Das letzte Gericht ist ein Stück Käse, so verdorben, daß er fließt. Aber gerade das halten sie für den Ausbund von Leckerey. So ist’s auf dem Lande, nicht viel besser in den Städten.“[10]

[1] Heinrich Tiefenbach, Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary, Berlin u. New York 2010, S. 279.

[2] Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002, S. 638.

[3] Der Begriff welsemôs bedeutet entweder ‚Welschenspeise‘, zu altsächsisch welhisk ‚welsch, ausländisch‘ (Tiefenbach, Handwörterbuch, S. 448) oder ist eine Entstellung von wellemôs ‚Kochspeise, Grütze, Brei‘ (Jacob u. Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, 33 Bde., 2. Aufl., München 1984, Bd. 28, Sp. 1450f., Stichwort: Welling).

[4] Tiefenbach, Handwörterbuch, S. 42.

[5] Tiefenbach, Handwörterbuch, S. 265.

[6] Eckhard Meineke, Art. Gemüse. § 1. Sprachliches, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 11 (1998), S. 18.

[7] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. III, S. 123f.

[8] Verzeichnis der Güter, Einkünfte und Einnahmen des Ägidii-Klosters, der Kapitel an St. Ludgeri und Martini sowie der Georgskommende in Münster, ferner der Klöster Vinnenberg, Marienfeld und Liesborn, bearb. v. Franz Darpe, Münster 1900, S. 252f.

[9] Franz Jostes, Westfälisches Trachtenbuch. Volksleben und Volkskultur in Westfalen, 2. Aufl. bearb. u. erw. v. Martha Bringemeier, Münster 1961, S. 66.

[10] Martin Westphal, Kohl- und Pinkelfahrten. Geschichte und Kultur einer Festzeit in Norddeutschland, Münster u.a. 1998, S. 14.