Überlegungen zur Entstehung der Burg Tecklenburg

Otto von Zutphen, genannt „der Reiche“, könnte Gründer der Anlage gewesen sein

Von Dr. Christof Spannhoff

Ein wichtiges Element im Entstehungsprozess der Grafschaft Tecklenburg im Mittelalter war die gleichnamige Burg, die vermutlich in der Zeit verstärkten Burgenbaus zwischen 1050 und 1125 als weithin sichtbare Höhenburg angelegt wurde.[1] Sie war das Herrschaftszentrum der sich nach ihr nennenden Grafen.[2] Doch wann und wie entstand diese Anlage eigentlich, die auch die Keimzelle der heutigen Stadt Tecklenburg ist?

Schriftlich nachweisen lässt sie sich indirekt erstmals im Jahr 1139 mit der Nennung des Grafen Egbert von „Tengenburc“ (das ist Tecklenburg).[3] Dieser gehörte der Familie der Grafen von Saarbrücken an und war durch verwandtschaftliche Beziehungen und Erbrechte in den Norden Westfalens gelangt.[4] Zwischen 1167 und 1191 ereignete sich dann ein Vorgang, der Rückschlüsse auf die Anfänge der Burg zulässt. Damals kaufte der Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg – neben zahlreichen weiteren westfälischen Festungen – die Tecklenburg für 3300 Mark, die er dann wieder als Lehen an die früheren Inhaber zrückgab. Ziel war es, eine enge politische Verbindung der Burgherren an den Erzbischof zu erreichen. Nach der Aufzeichnung in der entsprechenden Güterliste sollte Graf Simon von Tecklenburg allerdings nur 2000 Mark des Kaufpreises erhalten, den Rest von 1300 Mark der Graf von Geldern bekommen.[5] Diese Nachricht beweist, dass die Burg Tecklenburg damals gemeinsames Eigentum sowohl der Grafen von Tecklenburg als auch der Grafen von Geldern war. Das bedeutet aber, dass beide Adelsfamilien die Burg ererbt hatten. Weder die Gelderner noch die Tecklenburger waren also vermutlich die Erbauer der Burg, sondern vielmehr beider Rechtsvorgänger und Erblasser.[6] Das waren – nach allem, was heute bekannt ist – die Grafen von Zutphen.[7] Otto von Zutphen, genannt „der Reiche“ († 1113), übte das Amt des Vogtes über die Güter des Klosters Corvey an der Weser in der Diözese Osnabrück aus, zu der seit jeher auch das Tecklenburger Land gehörte. In dieser Funktion trug er zudem einige der Corveyer Besitzungen zu Lehen, nannte aber darüber hinaus selbst Güter im Osnabrücker Raum sein Eigen.[8] Dieser Otto, der 1063 die Herrschaft angetreten hatte[9], könnte daher als der Erbauer der ersten Tecklenburg anzusehen sein. Vermutlich handelte es sich um eine steinerne Turmburg mit Mauer und Graben – vergleichbar mit der Burg Holte bei Bissendorf.[10] Eine andere Urkunde, die aus dem 1184 stammt, wirft ein weiteres Schlaglicht auf das Entstehungsdunkel. Darin heißt es: „Fuit quondam in terminis nostris castrum Bardenburg dictum, quod nunc in Tikeneburgense castrum est demutatum, cui domus agriculture Bardenchusen dicta contigua erat, cujus omnis possessio et utilitas dominis castri Tikeneburgensis hereditario semper jure pertinebat“[11], was man übersetzen kann, dass eine Verlegung des Wohnsitzes der Bewohner der Bardenburg bei Oesede nach der 16 Kilometer Luftlinie entfernten Tecklenburg stattgefunden habe.[12] Und wirklich ist es sehr wahrscheinlich, dass Otto von Zutphen auch Besitzer der genannten Bardenburg mit dem Wirtschaftshof Bardinghaus und dem zugehörigen Sundern (Sonderrechtsbezirk, zumeist als Wald genutzt) gewesen ist.[13] 1118 übten seine Witwe Judith und sein Sohn Heinrich noch markenherrliche Rechte in Oesede aus.[14] Zudem scheint die Bardenburg seit dem 9. Jahrhundert Eigentum des Klosters Corvey gewesen zu sein, das zwischen 836 und 891 von der Edlen Wigswid das Gut „Bardonhusun“ tradiert bekam.[15] Möglichweise trug Otto von Zutphen also die Bardenburg zu Lehen des Klosters und erbaute später – vermutlich um 1100 – die Höhenburg Tecklenburg an einer mittelalterlichen Passstraße über den Teutoburger Wald.[16] Der Grund der Verlegung des Herrschaftsschwerpunktes von der alten, schon im Frühmittelalter bestehenden Bardenburg zur neuen Tecklenburg mag in dieser günstigeren Verkehrslage zu suchen sein.

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[1] Manfred Groten, Die Erforschung des hochmittelalterlichen Adels im Rheinland. Bilanz und Perspektiven, in: Verortete Herrschaft. Königspfalzen, Adelsburgen und Herrschaftsbildung in Niederlothringen, hrsg. v. Jens Lieven u.a., Gütersloh 2014, S. 191–210; Werner Freitag, Burgen in der westfälischen Landesgeschichte des Mittelalters, in: Burgen in Westfalen. Wehranlagen, Herrschaftssitze, Wirtschaftskerne, hrsg. v. Werner Freitag u. Wilfried Reininghaus, Münster 2012, S. 27–45.

[2] Diana Zunker, Adel in Westfalen. Strukturen und Konzepte von Herrschaft (1106–1235), Husum 2003, S. 240f.

[3] Mainzer Urkundenbuch, Bd. 2, Nr. 7 (1139).

[4] Johannes Bauermann, Die Abkunft der ersten Grafen von Tecklenburg, in: Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg 68 (1972), S. 9–42; Zunker, Adel, S. 198–200.

[5] Zunker, Adel, S. 240f.

[6] Werner Hillebrand, Besitz- und Standesverhältnisse des Osnabrücker Adels 800 bis 1300, Göttingen 1962, S. 41f.

[7] Zunker, Adel, S. 198–200 u. S. 243–248.

[8] Zunker, Adel, S. 257.

[9] Albert K. Hömberg, Geschichte der Comitate des Werler Grafenhauses, in: Westfälische Zeitschrift 100 (1965), S. 9–133, hier S. 91.

[10] Bodo Zehm, Jan-Eggerik Delbanco, Holte und die Holter Burg, Regensburg 2011.

[11] Osnabrücker Urkundenbuch, Bd. 1, Nr. 375 (1184).

[12] Hillebrand, Besitz- und Standesverhältnisse, S. 41f. Hier auch die Zurückweisung anderer Interpretationen der Textstelle (ebd., S. 41f. Anm. 200). Gegen diese Auslegung haben sich vor allem Fressel und Knoke gewandt. Allerdings stützen sich beide auf Voraussetzungen, die nach heutiger Forschungslage nicht mehr stichhaltig sind. Richard Fressel, Tuckesburg, Bardenburg oder Tecklenburg? Ein Beitrag zur Frage des Abstammung und Stammburg der Tecklenburger Grafen, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 34 (1909), S. 377–379 mit der bis dahin geführten Diskussion zum Thema; Friedrich Knoke, Die Burg auf dem Rerenberge bei Oesede, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 35 (1910), S. 140–149, hier S. 146–149.

[13] Günther Wrede, Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975–1980, Bd. 1, S. 44, Nr. 132. Zur Geschichte der Bardenburg, für die sich eine wohl früh- und eine hochmittelalterliche Bauphase feststellen lässt, mit Zusammenstellung der einschlägigen Literatur: Wolfgang Schlüter, Die Bardenburg auf dem Reremberg in Oesede, Stadt Georgsmarienhütte, Landkreis Osnabrück, in: Burgen und Befestigungen, hrsg. v. Wolfgang Schlüter, Bramsche 2000, S. 97–101. Er schreibt abschließend (S. 100): „Die Bardenburg bildete einschließlich Zubehör alten tecklenburgischen Besitz aus der Erbschaft der Grafen von Zütphen [!]. Vor 1147 hatten die Grafen von Tecklenburg diesen Besitz dem Osnabrücker Bischof zu Lehen übertragen. 1184 schenkten sie die Burg dem Kloster Oesede und gaben sie zugunsten der Tecklenburg endgültig auf.“ Albert K. Hömberg, Grafensippen? Kritische Bemerkungen zu Ruth Schölkopf, Die Sächsischen Grafen (919–1024), in: Osnabrücker Mitteilungen 68 (1959), S. 361–366, hier S. 363, nennt die Bardenburg eine Burg karolingisch-ottonischen Typs und weist darauf hin, dass es sich um keine sächsische Fliehburg handelt.

[14] Osnabrücker Urkundenbuch, Bd. 1, Nr. 230 (1118).

[15] Wrede, Ortsverzeichnis, Bd. 1, S. 44, Nr. 132. Diese Identifizierung vertreten auch Hermann Dürre, Die Ortsnamen der Traditiones Corbeienses, in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde (Westfalen) 41 (1883), S. 3–128, hier S. 32, und Hermann Osthoff, Frühe Ortsnamen im Osnabrücker Land. Corrigenda zum Osnabrücker Urkundenbuch I, in: Osnabrücker Mitteilungen 78 (1971), S. 1-54, hier S. 3. Ludolf Fiesel, Franken im Ausbau des altsächsischen Landes, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 44 (1972), S. 74-158, hier S. 139, hingegen setzt das Gut Bardonhusun mit Barnsen bei Uelzen gleich. Leopold Schütte, Die alten Mönchslisten und die Traditionen von Corvey, Teil 2: Indices und andere Hilfsmittel, Paderborn 1992, S. 184, T 194, urteilt: „Wenn man die Traditionsorte der (identischen?) Personen Wigswid ernst nimmt, kommt wegen 221 Thurisloun und 242 Hummi u.a. für Bardonhusun ein Ort im südlichen Bistum Paderborn oder an seiner Südgrenze in Frage.“

[16] Helmut Naumann, Tecklenburg und die Hansestraße Köln–Bremen, in: Unser Kreis 1991. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 4 (1990), S. 140–158.

3 Gedanken zu “Überlegungen zur Entstehung der Burg Tecklenburg

  1. Vielen Dank für diesen informativen Beitrag. Im Buch „Der Kreis Tecklenburg“ beschrieb F.E. Hunsche über die Entstehungsgeschichte der Grafschaft Tecklenburg. Er schrieb: „Die Ansicht, daß die Tecklenburg und das Herrschaftsgebiet ihrer Grafen etwa noch nach 950 entstanden sein könnten, steht im Widerspruch zu den tatsächlichen historischen Ereignissen der damaligen Zeit. Die Gründung einer Grafschaft zwischen den beiden Bistümern Münster und Osnabrück wäre […] kaum noch möglich gewesen.“ In Ihrem Betrag vermuten Sie einen Bau der Höhenburg um 1100. Ist diese damalige Ansicht von F.E. Hunsche (fast 50 Jahre alt) so heute nicht mehr gültig oder gibt es die Vermutung, dass die Grafschaft älter sein könnte als die Burg und von anderer Stelle verwaltet wurde (z.B. von der Bardenburg)?

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    • Vielen Dank für Ihr Interesse an diesem Beitrag und Ihre Rückfrage. Ja, Hunsches Ansicht im Band „Der Kreis Tecklenburg“ von 1973 wurde bereits 1978 durch einen grundlegenden Aufsatz von Johannes Bauermann zur Herkunft der Tecklenburger Grafen überholt. Hunsche hat seine Meinung daraufhin auch geändert und sich in seinen späteren Veröffentlichungen dieser Meinung angeschlossen. Einen aktuellen Überblick zur Geschichte der Grafschaft und den Anfängen der Grafen finden Sie bei
      Diana Zunker, Adel in Westfalen. Strukturen und Konzepte von Herrschaft (1106–1235), Husum 2003,
      wo den Tecklenburgern ein ganzes Großkapitel gewidmet ist.
      Demnächst – vermutlich noch in diesem Sommer – wird auch ein vom Geschichts- und Heimatverein Tecklenburg herausgegebener Sammelband erscheinen („Wegmarken in der Geschichte der Grafschaft und des Kreises Tecklenburg“), in dem ich mich genauer mit der Entstehung der Grafschaft Tecklenburg gerade auch vor dem Hintergrund der räumlichen Nähe zu den Bischofssitzen Münster und Osnabrück befasse.

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      • Herzlichen Dank für die ausführlich Erläuterung, auf das Sammelband bin ich bereits sehr gespannt.

        Zwei Fragen noch zu der vorgelagerten Geschichte aus dem Buch „Der Kreis Tecklenburg“. Hunsche berichtet von dem Vorläufer zur Grafschaft, den Gauen. Dort erwähnt er das sog. Threcwitigau (Hrecwithigau) im Bereich um Ibbenbüren und Tecklenburg mit Bezug zum Jahr 836. Er nennt zudem angrenzenden Gauen: Venkigau, Varngau, Suderberggau und Dreingau. Waren das eine Annahmen von Hunsche oder sind es belegbare Siedlungsgebiete bzw. ist diese Aussage zu den Gauen heute so überhaupt noch zutreffen?

        Weiter berichtete Hunsche von früheren Einflüssen auf das Gebiet des späteren Kreises Tecklenburg von den Abtei Herford (Bereich Lienen, Lengerich und Ibbenbüren), Kloster Freckenhorst, Abtei Werden und dem Kloster Corvey im Norden. Sie berichten über Otto von Zutphen, der das Amt des Vogtes über des Klosters Corvey in der Diözese Osnabrück ausübte, zu der das Tecklenburger Land gehörte. Hat es somit aus heutiger Sicht den Einfluss von Herford, Freckenhorst, Werden nicht gegeben, so dass das gesamte Tecklenburger Land dem Kloster Corvey zuschreiben ist? Wenn das Kloster Corvey nach Hunsche nur über den nördlichen Bereich des Altkreises verfügte, müsste das Gebiet der „Ur-Grafschaft“ zu Beginn sehr klein gewesen sein oder sich nördlicher befunde haben? Dieses würde aus meiner Sicht aber im Widerspruch mit der Lage der Burg stehen.

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