Vor 875 Jahren: Lengerich tritt in das Licht der Geschichte

Von Dr. Christof Spannhoff

Die Ersterwähnung Lengerichs ist zwar bei weitem nicht die früheste Ortsnennung in der Region, aber trotzdem etwas Besonderes. Der Name der heutigen Stadt findet sich nämlich anfänglich in einer Königsurkunde. Kein Geringerer als Konrad III. (1093–1152), aus der Familie der Staufer und seit 1138 römisch-deutscher König, veranlasste die erstmalige Niederschrift des Ortsnamens. Und zwar bestätigte er auf Bitten des Abtes Wibald von Corvey in einer Urkunde die Privilegien und Besitzungen des Stifts Herford. Ferner versprach er für sich und seine Nachfolger, den Frauenkonvent immer reichsunmittelbar zu erhalten. Unter den damals verbrieften Gütern befanden sich auch welche im Ort „Liggerike“, der zwischen „Ibbenbure“ (Ibbenbüren) und „Linen“ (Lienen) genannt wird. Daraus ist ersichtlich, dass es sich um das heutige Lengerich am Teutoburger Wald handelt. Dieses Ereignis fand auf dem Reichstag in Frankfurt zwischen dem 19. und 23. März 1147 statt und jährt sich somit aktuell zum 875. Mal. Natürlich bedeutet diese Ersterwähnung nicht die Gründung des Ortes. Der Name und die zugehörige Siedlung Lengerich sind bereits sehr viel älter. Nur besitzt man darüber leider keine schriftlichen Nachrichten. Doch nicht nur für die Lengericher heute, sondern auch für die Herforder Äbtissin und ihre Stiftsdamen damals war das königliche Privileg ein Grund zum Feiern. Damit glaubte man nämlich, einen langen Streit endlich beendet zu haben, dessen Ursache bereits drei Jahrhunderte zurücklag. Schon im 9. Jahrhundert statteten Kaiser Ludwig der Fromme (834) und dessen Sohn König Ludwig der Deutsche (855) das Mönchskloster Corvey und das Frauenstift Herford zu beider Versorgung mit Besitzungen und Zehntrechten im Osnabrücker und Emsland aus, die eigentlich den Bischöfen von Osnabrück zustanden. Der Zehnt war ursprünglich eine Abgabe des zehnten Teils landwirtschaftlicher Erträge, die zur Unterhaltung der Bischöfe dienen sollte. Die Osnabrücker Bistumsvorsteher bemühten sich daher immer wieder, die verlorenen Einnahmen zurückzugewinnen. Besonders findig ging dabei Bischof Benno II. von Osnabrück vor, der von 1068 bis zu seinem Tod 1088 die Geschicke seiner Diözese lenkte. Er gab zahlreiche Urkundenfälschungen und -verfälschungen in Auftrag, die den Osnabrücker Anspruch auf die Corveyer und Herforder Rechte beweisen sollten. Damit fuhr er letztlich auch ganz gut, denn bis zum Jahr 1900 sollte ihm keiner auf die Schliche kommen. Aber dann durfte der aus Glandorf gebürtige münsterische Germanist Franz Jostes (1858–1925) die Osnabrücker Dokumente genauer untersuchen und erkannte zahlreiche Imitationen. Diese groß angelegte Fälschungsaktion Bennos in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts brachte Corvey und Herford allerdings in arge Bedrängnis: Mussten sie jetzt etwa doch die Einnahmen aus Zehntrechten und anderen Gütern an Osnabrück abtreten? Aus der Zeit zwischen 1103 und 1106 ist das Fragment einer Liste überliefert, in der die dem Kloster Corvey verlorengegangenen Besitzungen aufgezählt sind. Auch das Stift Herford dürfte damals herbe Verluste erlitten haben. Es verwundert daher nicht, dass der tatkräftige Abt Wibald von Corvey (1098–1158, seit 1146 Abt von Corvey) Mitte des 12. Jahrhunderts den Versuch unternahm, die alten Zustände wiederherzustellen. Erfolg versprach dabei die gute Beziehung des Klostervorstehers zu König Konrad III. Wibald unterstützte die Königswahl des Staufers 1138, war in Konrads Hofkanzlei tätig und Gesandter des Herrschers beim Papst in Rom. 1147 erging dann auch wirklich zunächst eine königliche Urkunde für das verbundene Damenstift Herford, die die umstrittenen Rechte und Besitzungen wieder dem Stift zuwies. Die Herforder Güter werden darin noch einmal aufgezählt: Rheine mit Wettringen und Schöppingen, Bünde mit Rödinghausen und weiteren Orten sowie Ibbenbüren, Lengerich und Lienen. Diese Herforder Ansprüche waren nun also von höchster Stelle abgesichert. Später sollten jedoch – zumindest was Ibbenbüren, Lengerich und Lienen angeht – die Grafen von Tecklenburg den Herforder Äbtissinnen ihre Rechte erneut streitig und damit das Leben schwer machen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Link zur Urkunde von 1147

Literatur

Martin Kroker, Kaiser, Könige und fromme Frauen. Das Reichsstift Herford in ottonischer, salischer und staufischer Zeit, in: Fromme Frauen und Ordensmänner. Klöster und Stifte im heiligen Herford, hrsg. v. Olaf Schirmeister, Bielefeld 2000, S. 77–126.

Thomas Vogtherr, Original oder Fälschung? Die Osnabrücker Kaiserurkunden des Mittelalters, in: Der Dom als Anfang. 1225 Jahre Bistum und Stadt Osnabrück, hrsg. v. Hermann Queckenstedt u. Bodo Zehm, Osnabrück 2005, S. 109–133.

Thomas Vogtherr, Die Suche nach den Osnabrücker Kaiser- und Königsurkunden des Hochmittelalters um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in: Osnabrücker Mitteilungen 108 (2003), S. 57–67.