Kein adeliges Gut, sondern ein „normaler“ Bauernhof

Die Ursprünge des Strakenhoffs in Lienen

Von Dr. Christof Spannhoff

Mit dem Abriss der maroden Gebäudereste an der Glandorfer Straße im Dezember 2017, die bereits am 3. Juni 2004 durch ein Feuer zur Brandruine wurden und über 13 Jahre dem weiteren Verfall preisgegeben waren, sind auch die letzten Spuren einer alten Lienener Hofstelle verschwunden, der von der lokalen Heimatforschung eine besondere Relevanz für die Ortsgeschichte zugeschrieben wurde: dem sogenannten Strakenhoff.[1] Sein Verschwinden aus dem Ortsbild ist daher ein guter Grund, seine Anfänge noch einmal genauer zu betrachten.

Der am 3. Juni 2004 durch Brand zerstörte Strakenhoff (Foto: Chr. Spannhoff, 2003)

Die Idee, dass der Strakenhoff in der Vergangenheit eine besondere Bedeutung gehabt haben müsse, wurde durch eine Aussage des Lienener Amtmanns Johann Leonhard Arendt genährt. Auf eine behördliche Anfrage „was es mit dem Strakenhof in Hinsicht der adelichen Rechte für eine Bewandniß habe“, antwortete dieser am 16. Januar 1806: „Gedachter Strakenhof ist nicht ganz contributionsfrey, sondern es müssen von dem Besitzer nach dessen Angaben 5 Reichsthaler 6 Groschen Contribution jährlich entrichtet werden. Übrigens muß derselbe auch alle bürgerlichen Lasten tragen. In der älteren Zeit hat er zu dem sogenannten Straken-Erbe gehört, und glaube ich, von alten Leuten gehört zu haben, daß der Strakenhof davon der Stamm ist, da die übrigen zu gedachtem Straken-Erbe gehörigen Gründe vereinzelt sind.“[2] Anscheinend haben die vom Amtmann genannten „adelichen Rechte“ die Phantasie der Heimatforscher beflügelt. Folglich wurden die Anfänge des angeblich „freiadeligen“ Strakenhoffs einerseits mit der mittelalterlichen Adelsfamilie von Lienen[3], andererseits mit dem Lienener Fronhof der Herforder Äbtissin (dem sogenannten Ebdinghof)[4], aber auch mit einem Edlen Ruothward, der 1097 der Osnabrücker Kirche einen Fronhof (curia) in Lienen schenkte[5], in Verbindung gebracht. Auch eine Zusammengehörigkeit mit einem bäuerlichen Anwesen nebst Mühle namens Strake (1280 „Strakenmolen“[6]) in Glane am Remseder Bach oder einem Osnabrücker Bürger Rudolf Strake, der Mitte des 14. Jahrhunderts erscheint[7], ist erwogen worden, lässt sich allerdings nicht belegen.[8] Auch dass der Hof ein ehemaliges gräfliches Forst- oder Jagdhaus oder von einer Gräfte umgeben gewesen sei, ist nicht nachzuweisen.[9]

Der Strakenhoff im Jahr 1956 (Archiv Heimatverein Lienen)

Die urkundliche Überlieferung spricht dagegen eine ganz andere Sprache: Erstmals erwähnt wird der Lienener Strakenhoff 1469. Am 25. Januar des Jahres verkaufte Graf Claes von Tecklenburg unter Vorbehalt der Wiederlöse einem Johann Struve ein wüstes Erbe mit Namen „Straken erve“, darüber hinaus einen Kotten genannt „de Deuenter“ (Denter) und einen Teich genannt „Erpesdyk“, die alle nicht weit „van dem dorpe to Lynen“ gelegen waren.[10] 1497 wird besagtem Johann Struve die noch ausstehende Zehntschuld vom „Straken erve“ an das Kloster Iburg erlassen.[11] Noch um 1550 mussten vom „Strakenhuess“ jeweils drei Scheffel Hafer, Gerste und Roggen als Zehntabgabe an die Iburger Mönche entrichtet werden.[12] Die Bezeichnung als „Erbe“ (erve) und die Zehntpflicht zeigen an, dass es sich beim Strakenhoff um einen ganz „normalen“ Bauernhof und kein adeliges Gut gehandelt hat. Die Bauernstätte wurde bereits früh wüst, weil die wirtschaftende Bauernfamilie ausgestorben war oder den Hof verlassen hatte, und fiel an die Grundherren, die Tecklenburger Grafen, zurück. Deshalb war der Hof später auch gräflicher Domänenbesitz.[13] In der Folge veräußerten die Grafen stückweise Teile der Hof- und Ackerflächen, etwa 1469 an den genannten Johann Struve.[14] Bereits um 1550 und 1610 ist ebenfalls von einem verkauften Grundstück (Kamp) die Rede, das „Strakenhuess hoffe“ bzw. einfach „Strakenhoff“ genannt wurde und zum Besitz des Lienener Vogtes gehörte.[15] Zwischen 1676 und 1707 wurden dann die verbliebenen Reste veräußert.[16] Die zwischenzeitlich verfallene Hofstelle erwarb um 1707 der Lienener Pfarrer Eberhard Samuel Snethlage, der die Hofgebäude wieder herstellen ließ.[17] In der Folge ging der Strakenhoff durch Heirat und Erbfolge an die Familien Kortmann, Berkemeyer, Stapenhorst und schließlich Mitte des 19. Jahrhunderts an Heuschkel über, die letzte Besitzerfamilie des Strakenhoffs.[18]

[1] Friedrich Ernst Hunsche, Rittersitze, adelige Häuser, Familien und Vasallen, Bd. 1: Der ehemaligen Grafschaft Tecklenburg, Tecklenburg 1988, S. 166–168; Wilhelm Wilkens, Lienen. Die Geschichte seiner Häuser, Lienen 1993, S. 141–144; Ders., Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 105–107 u. S. 125.

[2] Hunsche, Rittersitze, S. 167 nach angeblichen Vasallen-Tabellen der Rittergüter in der Grafschaft Tecklenburg 1795-1807 im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen in Münster (LAV NRW AW) im Bestand Landratsamt Tecklenburg, Akten.

[3] Hunsche, Rittersitze, S. 170.

[4] Ebd., S. 164. Zur Kritik daran: Wilkens, Lienen (1993), S. 178.

[5] Wilkens, Lienen (2004), S. 106. Diese Sicht noch nicht bei Wilkens, Lienen (1993).

[6] Urkundenbuch des Klosters Iburg, bearb. v. Horst-Rüdiger Jarck, Osnabrück 1985 (Osnabrücker Urkundenbuch 5), Nr. 64 (1280 Oktober 24, Original).

[7] Urkundenbuch der Stadt Osnabrück 1301–1400, bearb. v. Horst-Rüdiger Jarck, Osnabrück 1989 (Osnabrücker Urkundenbuch 6), Nr. 699 (1360 Juli 14, Original); Nr. 906 (1375 Februar 6, Original).

[8] Wilkens, Lienen (1993), S. 142; Wilkens, Lienen (2004), S. 106.

[9] Hunsche, Rittersitze, S. 167; Wilkens, Lienen (1993), S. 142. Dass der Strakenhoff ein gräfliches Forsthaus gewesen sei, geht dabei auf die Familienchronik Snethlage, 1935/36 von Oscar-Ernst Snethlage zusammengestellt, zurück. Bei Wilkens, Lienen (2004) ist davon keine Rede mehr.

[10] LAV NRW AW, Grafschaft Tecklenburg, Urkunden, Nr. 286 (1469 Januar 25, Original).

[11] Urkundenbuch Iburg, Nr. 313 (1497 Mai 19, Original). Zum Zehnten in der Region: August Suerbaum, Der Zehnte im Landkreis Osnabrück vom späten Mittelalter bis zur Ablösung,  in: Osnabrücker Mitteilungen 70 (1961), S. 24–86.

[12] Registrierung der Zehntpflichtigen des Klosters Iburg in den Kirchspielen Lengerich und Lienen (um 1550). LAV NRW AW, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 43, S. 9 u. 11. Siehe auch: Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. 1, Norderstedt 2007, S. 62 u. 64.

[13] Hunsche, Rittersitze, S. 167.

[14] wie Anm. 10.

[15] Wie Anm. 12 und Donation des Grafen Adolf von Bentheim-Tecklenburg an den Vogt Conrad Hollenberg zu Lienen über einen Kamp an der Ostseite seiner Behausung, unter dem zu der Vogtei daselbst beigehörenden Kamp, der Starkenhoff (!) genannt, belegen und anstossend. Anno 1610. LAV NRW AW, Manuskripte VII, Nr. 2104 (Kopiar der Obligationen der Grafen von Tecklenburg 1584–1617), Blatt 67v–68r.

[16] Hunsche, Rittersitze, S. 167.

[17] Ebd., S. 166f. Dass Hof (villa) und Haus (domus) 1708 wieder hergerichtet waren, belegt ein Wappenstein, der sich über der Tür des Hauses befand und folgende Inschrift trug: „Anno 1708. E[berhard]. S[amuel]. Snethlage, V[erbi]. D[omini]. M[inister] Linensis – A[nna]. B[ernhardine]. Alstein coniuges desertam villam et domum Strackenhoff cura sumptibus et opere suis heredibus posuerunt“. Zur Auflösung des Namens A. B. Alstein siehe Wilkens, Lienen (1993), S. 142.

[18] Zur weitere Geschichte des Strakenhoffs: Hunsche, Rittersitze, S. 166–168; Wilkens, Lienen (1993), S. 141–144; Wilkens, Lienen (2004), S. 125.