Als der König durch Lienen kam

Stein am Alten Farmhaus erinnert an Wege- und Brückenbau vergangener Tage

Von Dr. Christof Spannhoff

Wenn man sie zum Sprechen bringt, erzählen Gedenksteine spannende Geschichten aus der Vergangenheit. Diese Denkmäler sollten deshalb unbedingt erhalten, gepflegt und somit ein Teil der lokalen Erinnerungskultur werden. Auch in der Sandsteinmauer zum Alten Farmhaus befindet sich ein solcher Stein. Auf seiner Schauseite zeigt er drei Felder: In der Mitte findet sich die Inschrift ANNO 1772. Diese Datierung ist auf beiden Seiten flankiert von den Schriftzeichen FR, die sich unter einer Krone befinden. Die bekrönten Buchstaben FR stehen für das lateinische „Fridericus Rex“, was zu Deutsch „König Friedrich“ bedeutet.

Der Stein in der Mauer beim Alten Farmhaus ist ein ehemaliger Brückenstein aus dem Jahr 1772. Foto: Heimatverein Lienen

 

1772 ist damit kein anderer als Friedrich II. von Preußen (1712–1784) gemeint, der als „der Große“ in die Geschichte eingegangen ist. Seit 1740 war dieser preußische Herrscher auch Landesherr der Grafschaft Tecklenburg, die de facto 1707, endgültig 1729 dem brandenburgisch-preußischen Staatsverband angehörte.[1] Doch was hat es mit dem königlichen Stein auf sich? Sein Ursprung liegt im Wege- und Brückenbau des 18. Jahrhunderts: Um 1750 wurden die Wege und Straßen in Lienen noch als „in sehr miserabelen Umständen“ bezeichnet. Ein geharnischter Erlass der preußischen Regierung in Minden vom 30. Mai 1751 befahl daher allen Untertanen, sich auf amtliche Anweisung der Wegebesserung zu unterziehen. Sie sollten allerdings dazu „tüchtige Leute und keine Weiber oder Kinder“ schicken, was anscheinend in der Vergangenheit der Fall gewesen war. Bei Weigerung wurden Züchtigungen und Gefängnisstrafen in Aussicht gestellt. Diese drakonischen Maßnahmen wurden ergriffen, weil der König für Juni des Jahres seine Durchfahrt durch Lienen und Lengerich auf der Reise nach Emden avisiert hatte. Das Dorf erhielt aus diesem Grunde ein neues Steinpflaster von 186 Fuß (etwa 57 Meter) Länge und 16 Fuß (etwa 5 Meter) Breite, das sich aber 1760 bereits wieder in desolatem Zustand befand. 1768 wurde erneut die Passage des preußischen Königs durch Lienen erwartet und darum wieder „Wegebesserung“ befohlen. Damals war die Brücke über den „Sürkenbach“, der entlang des heutigen Weges „Zum Teich“ und der Schulstraße floss, zerfallen und musste erneuert werden. Nach der Vorstellung des Lienener Amtmanns Christian Ernst Arendt (Amtmann von 1724 bis 1774) sollte diese nicht aus Holz, sondern aus Steinen gebaut werden. Aber erst 1772 wurde die Brücke schließlich fertiggestellt. Davon zeugt noch der Stein in der Mauer beim Alten Farmhaus. Der aus Hausteinen errichtete Übergang wurde deshalb auch „Friedrichs-Brücke“ genannt.[2] Auch in Ladbergen soll sich die „Königsbrücke“ angeblich die Initialen des Königs getragen haben.[3] 1910 wurde die Lienener Brücke im Zuge der Anlage eines neuen Straßenpflasters und der Verrohrung des Sürkenbaches abgebrochen. Den Brückenstein bewahrte man allerdings als Andenken im Garten des Amtshauses, der heutigen Gemeindeverwaltung, auf.[4] Später gelangte er an seinen heutigen Standort.

Die Befestigung der Straßen in Lienen, aber auch andernorts, war ein Dauerthema. Die sogenannte Kuhstraße (heute Iburger Straße) wurde als ein „wahrer Morast“ bezeichnet, generell das Lienener Straßenpflaster 1778 als derart ruiniert beschrieben, dass Wagen darin zerbrechen könnten.[5]

Wenn der König durch Lienen kam, mussten aber nicht nur die Wege in Stand gebracht sein, sondern auch Pferde für den Wagen des Monarchen gestellt werden. Als der Nachfolger des alten Fritz‘, Friedrich Wilhelm II. (1744–1797, ab 1786 König), 1788 auf der Reise von den Niederlanden nach Potsdam durch die nördliche Grafschaft Tecklenburg kam, waren aus Lienen 60 Pferde für dessen Station in Osnabrück zu liefern. Allein für die Kutsche des Königs waren acht Rappen notwendig, die von den Bauern Hußmann, Jasper, Altekruse, Meyer in Westerbeck, Johann Dothage, Altevogt, Wieneke und Teeske gestellt wurden. Der Kattenvenner Bauer Gerddothage erlitt damals bei der Überführung der Pferde nach Osnabrück einen Beinbruch.[6] Das Kinderlied „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp“ mit der Warnung vor dem Brechen der Beine auf dem Weg „über Stock und über Steine“ hat also einen durchaus historischen Hintergrund.

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[1] Harm Klueting, Grafschaft und Großmacht. Mindermächtige Reichsstände unter dem Schutz des Reiches oder Schachfiguren im Wechselspiel von Großmachtinteressen: Der Weg der Grafschaft Tecklenburg vom gräflichen Territorium zur preußischen Provinz, in: Menschen und Strukturen in der Geschichte Alteuropas. Festschrift für Johannes Kunisch zur Vollendung seines 65. Lebensjahres, hrsg. v. Helmut Neuhaus u. Barbara Stollberg-Rilinger, Berlin 2002, S. 103-131. Hier auch ausführliche Quellen- und Literaturverweise.

[2] Adolf Hagedorn, Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Lienen und des Kreises Tecklenburg 1700-1815, in: Heimatjahrbuch des Kreises Tecklenburg 1925, S. 7-76, hier S. 69.

[3] Hans-Claus Poeschel, Alte Fernstraßen in der mittleren westfälischen Bucht, Münster 1968, S. 59 u. 73.

[4] Hagedorn, Beiträge S. 69.

[5] Ebd. S. 70.

[6] Ebd., S. 70.