Vor 280 Jahren wurde Westerkappeln zur Stadt erhoben

Jahrzehntelanges Rätsel der Ortsgeschichte gelöst

Von Dr. Christof Spannhoff

Dass Westerkappeln bis 1939 den Titel „Stadt“ trug, dürfte wohl vielen Einwohnern der Gemeinde heute noch gut bekannt sein. Daran erinnern bis dato noch die Bezeichnungen „Stadtkirche“ für das evangelische Gotteshaus oder „Stadtschule“. Allerdings konnte bislang letztendlich nicht geklärt werden, wann genau dem Ort die Stadtgerechtigkeit verliehen wurde.[1]

Da Westerkappeln im Zuge der preußischen Steuerreform (Einführung der Akzise) Anfang des 18. Jahrhunderts zur Stadt erhoben wurde, nahm man bisher an, dass dieser Erhebungsakt – wie auch bei den Nachbarorten Ibbenbüren (1721) und Lengerich (1727) – in den 1720er Jahren geschehen sein müsse.[2] Der Heimatforscher Friedrich Ernst Hunsche vermutete 1975 in der Westerkappelner Ortschronik, dass die königliche Verleihung der jura civitatis, also der Stadtrechte, um das Jahr 1723 erfolgt sein könnte.[3] Zu dieser Datierung kam er wahrscheinlich, weil aus den überlieferten Akten ersichtlich wird, dass die preußische Regierung seit diesem Jahr prüfte, ob es in der Grafschaft Tecklenburg Orte gab, die zur Einführung der Akzise-Steuer überhaupt tauglich waren.[4]

Bei der Akzise handelte es sich um eine Verbrauchssteuer auf bestimmte Produkte und Dienstleistungen. Damals unterlagen der Handel mit Getreide, alkoholischen Getränken (Wein, Branntwein, Bier), Vieh, Schlachtvieh, Lebensmitteln, Gebrauchs- und Luxuswaren sowie Landverkäufe dieser Abgabe. Mit der Einführung der Akzise in den Städten sollte ein neues System regelmäßiger und fester Staatsabgaben eingerichtet werden.[5] Allerdings gab es mit Ausnahme von Tecklenburg in der seit 1707 preußischen Grafschaft keine weiteren Städte. Deshalb wurde seit 1723 untersucht, ob sich einige tecklenburgische Dörfer für die Einziehung der Akzise und zur Erhebung zur Stadt eigneten. Voraussetzungen dafür waren damals eine gute Verkehrsanbindung und eine überdurchschnittliche wirtschaftliche Infrastruktur. Beides traf allerdings nach Ansicht der preußischen Verwaltungsbeamten auf Westerkappeln gerade nicht zu![6] Deshalb ist es auch mehr als unwahrscheinlich, dass Westerkappeln vor dem ökonomisch blühenden Lengerich (1727) Stadtrechte erhielt.

Allerdings hat sich das von Hunsche in die Welt gesetzte Datum bis heute gehalten. Noch in neueren Veröffentlichungen der Gemeinde heißt es daher: „Etwa um 1723 ist das Dorf Cappeln durch König Friedrich Wilhelm I. zur Stadt erhoben worden. Leider steht das genaue Datum der Verleihung der Stadtrechte nicht fest.“[7] Aufgrund der bisherigen unsicheren Quellenlage datiert der Westerkappelner Ortsgeschichtsforscher Heinz Weyer vorsichtiger auf den Zeitraum zwischen 1727 und 1739.[8]

Doch kann dieser Unsicherheit nun durch einen Archivfund abgeholfen werden. Der Zeitpunkt – wenn auch nicht das genaue Tagesdatum, aber zumindest das Jahr der Stadtrechtsverleihung – ist nämlich in der 1745 entstandenen „Geographia Tecklenburgensis oder Beschreibung des jetzigen Zustandes der Grafschaft Tecklenburg“ vermerkt, die sich in der Manuskripten-Sammlung des nordrhein-westfälischen Landesarchivs, Abteilung Westfalen, in Münster befindet.[9] Ihr Verfasser, der preußische Kriegs- und Domänenrat Ernst Albrecht Friedrich Culemann (1711–1756), war seinerzeit selbst von Amts wegen mit der Einführung der Akzise im Bereich Minden-Ravensberg-Tecklenburg-Lingen gut vertraut, weshalb seiner Angabe größte Glaubwürdigkeit zukommt.[10] Culemann schrieb auf Seite 50: „Die Stadt Cappeln […] hat anno 1738 vermittelst introduction der accise jura civitatis erhalten.“ Westerkappeln erhielt also im Zuge der Einführung der Akzise 1738 – gut 15 Jahre später als bisher angenommen – seine Stadtrechte. Dieses Ereignis jährt sich in diesem Jahr zum 280. Mal. Zudem ist durch diesen Zufallsfund ein jahrzehntelanges Rätsel der Westerkappelner Ortsgeschichte gelöst.

 

[1] Vgl. dazu mit der Aufarbeitung der älteren Literatur und zahlreichen Quellennachweisen: Heinz Weyer, Beginn und Ende der Stadt Cappeln, in: Ders., Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Westerkappeln, hrsg. v. Kultur- und Heimatverein Westerkappeln, Westerkappeln 2003, S. 99–114.

[2] So etwa Albin Gladen, Der Kreis Tecklenburg an der Schwelle des Zeitalters der Industrialisierung, Münster 1970, S. 10, der im Haupttext die Stadtwerdung Westerkappelns zusammen mit Lengerich auf 1727, in der dazugehörigen Fußnote 71 aber zwischen 1735 und 1745 datiert, oder Carl Haase, Die Entstehung der westfälischen Städte, 3. Aufl., Münster 1976, S. 185, der die Stadterhebung Westerkappelns mit 1727 allerdings mit Fragezeichen angibt. Dazu auch Weyer, Beginn, S. 100f.

[3] Friedrich Ernst Hunsche, Westerkappeln. Chronik einer alten Gemeinde im nördlichen Westfalen. hrsg. v. d. Gemeinde Westerkappeln, Westerkappeln 1975, S. 146–153.

[4] Vgl. dazu Gert Schumann, Geschichte der Stadt Lengerich, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Stadtwerdung 1727, Lengerich 1981, S. 206–286 (mit zahlreichen Quellenauszügen).

[5] Vgl. den Lengericher Akzise-Tarif vom 13. Mai 1727, ebd., S. 264–277.

[6] Ebd., S. 209–246; Weyer, Beginn, S. 106.

[7] Westerkappeln hat das. Natur, Tradition, Zukunft, hrsg. v. Bürgermeister d. Gemeinde Westerkappeln, Westerkappeln 2009, S. 4.

[8] Weyer, Beginn, S. 106.

[9] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Manuskripte VII, Nr. 2105.

[10] Zu Culemann und seinem Werk siehe: Gustav Engel, Geistiges Leben in Minden, Ravensberg und Herford während des 17. und 18. Jahrhunderts, Teil I: Die Geschichtsschreibung, in: 52. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (1938), S. 1–158, hier S. 141–155.

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