Bären-Wald oder Eber-Wald?

Zur Bedeutung des Familiennamens Berdelmann, Berlemann im Tecklenburger Land

Von Dr. Christof Spannhoff

Woher kommt der Familienname Berdelmann? Um diese Frage beantworten zu können, ist es notwendig, auf die ältesten Belege des Namens zu schauen. Der Name kommt in Lienen 1580 und 1621 als Berleman vor.[1] Das zeigt zum einen, dass der Dental d im Namen erst sekundär eingefügt wurde[2], zum anderen, dass er zu vergleichen ist mit weiteren Namen im Tecklenburger Land: Berlemann in Ladbergen, Lengerich und Westerkappeln. Hinzu tritt auch noch der Name Berlekamp in Westerkappeln.[3] Doch was verbirgt sich im Erstglied des Namens? Was muss man sich unter einem Berle vorstellen?

Die namenkundliche Forschung hat gezeigt, dass Namen auf –mann vielfach eine Flurbezeichnung im Erstglied aufweisen, z.B. Eschmann, Feldmann, Brinkmann etc.[4] Somit ist zu vermuten, dass sich auch hinter Berle eine Flurbezeichnung verbirgt. Des Rätsels Lösung findet sich im Namen Berlekamp, der 1511 noch als Berlakamp erscheint.[5] Der Bestandteil Berla dürfte das mittelniederdeutsche Wort , , lôh ‚Busch, Niederwald‘ enthalten.[6] Die Form Berle ist dann durch Endsilbenabschwächung entstanden.[7]

Übrig bleibt die Lautgruppe ber, für die sich zwei Anschlüsse finden lassen: entweder altsächsisch *bero, mittelniederdeutsch bêr ‚Bär‘ oder altsächsisch bêr, mittelniederdeutsch bêr ‚Eber‘.[8] Sprachlich lässt sich nicht entscheiden, welches Tier ursprünglich gemeint gewesen ist. Da ein wichtiges Element der vormodernen Schweinehaltung in der Waldmast bestand, ist es möglich, dass es sich bei Berla, Berlo um einen ‚Eber-Wald‘ handelte. Dass es ‚Eber-Wälder‘ gegeben hat, zeigt etwa der Name Schulze Beerhorst bei Ahlen (11. Jahrhundert van Bierahurst, zu hurst, horst ‚Busch, Buschwald, Niederwald‘. Der Diphthong ie in Biera- verweist auf westgermanisch ê, so dass hier nur altsächsisch bêr ‚Eber‘ vorliegen kann).[9] Natürlich könnte auch das männliche Wildschwein gemeint gewesen sein.

Doch auch Bären waren im Mittelalter im Münsterland anzutreffen. Das beweist ein Ortsname, der eindeutig das Raubtier enthält: Berl bei Sendenhorst (9./10. Jahrhundert in Beranhlara – die Flexion des Erstgliedes Beran– zeigt an, dass hier nur altsächsisch *bero ‚Bär‘ vorliegen kann).[10] Somit lässt sich nicht entscheiden, ob der Eber oder der Bär den Flurnamen Berlâ, Berlô motiviert hat.

Den Familiennamen Berdelmann / Berlemann trug also ursprünglich derjenige, der an einem Berlâ, Berlô, also entweder einem ‚Eber-Busch‘ oder ‚Bären-Wald‘ wohnte.

[1] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 58.

[2] Vgl. dazu auch die lautliche Entwicklung des Ortsnamens Berdel bei Telgte (1097 in Berlere, 1144 in silva que uocatur Berlare, noch 1520 yn der burschopp to Berle, aber 1880 Berdel. Claudia Maria Korsmeier, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 57f.

[3] Schatzungs- und sonstige Höferegister, S. 326 (Register).

[4] Christof Spannhoff, Der Ursprung des Familiennamens Ferlemann, in: Ders., Von Schale bis Lienen. Streifzüge durch die Geschichte des Tecklenburger Landes, Norderstedt 2012, S. 140–143.

[5] Schatzungs- und sonstige Höferegister, S. 87.

[6] Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Bochum 2010, S. 81.

[7] Die vollen End- und Vorsilbenvokale i, u, o, a werden im Mittelhochdeutschen größtenteils zu e abgeschwächt; die Endsilbenabschwächung setzt sich vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen fort. Das Gleiche gilt für die Entwicklung des Niederdeutschen: vgl. althochdeutsch gibirgi > mittelhochdeutsch gebirge. Zur Entwicklung von Berlâ > Berle vgl. auch die Entwicklung von Verlô > Verle im Namen Ferlemann. Spannhoff, Verlemann, S. 140–143.

[8] Korsmeier, Ortsnamen, S. 57f.

[9] Ebd., S. 54.

[10] Ebd., S. 61f.

 

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