„Hirsche“ oder „Pferde“ gaben den Namen

Zur Bedeutung des Flurnamens Herzfeld (Lienen, Kreis Steinfurt)

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Straßenname Zum Herzfeld (Lienen, Kreis Steinfurt) geht auf die Bezeichnung einer in der Bauerschaft Höste gelegenen Flur zurück. Wilhelm Wilkens möchte in diesem Namen wie auch im Namen des in der Nähe gelegenen bäuerlichen Anwesens Herßmann (1545: Hersman[1], 1580: Herßman[2], heute Minneker, Schafstr. 11), ein „Wasser-“ oder „Sumpfwort“ mit dem Stamm her / her-s erkennen. Zum Vergleich führt er die Ortsnamen Hersfeld bei Fulda und Herford an und behauptet: „Herzfeld müßte eigentlich Hersfeld […] geschrieben werden“.[3] Doch hält seine Argumentation und die daraus abgeleitete Vermutung eines vermeintlichen „Wasserwortes“ als Grundlage der Ortsnamen nicht stand, wenn man die älteren Belege des Namens betrachtet: [Bad] Hersfeld (775 Haereulfisfelt, Haereulfisfeldi 779 Hariulfisfelt[4]„Feld eines Mannes mit dem germanischen Namen Hariulf, Hariwulf[5]) und Herford (838 Heriuurth 851 Herifurd[6] „der Volks-/Heeresübergang, die Furt für das Volk/Heer“, zu altsächsisch heri(-) „Volk, Heer“[7]). Der vermeintliche Wortstamm her / her-s gehört – so kann man aus Wilkens‘ Literaturverzeichnis schließen – zu den vom Germanisten (!) Hans Bahlow (1900-1982) frei erfundenen Namenbestandteilen, die dieser einer vorgeschichtlichen bzw. sogar „kelto-ligurischen“, also weit vor Christi Geburt liegenden Epoche zuordnen will.[8] Bahlow verzichtet dazu auf die älteren Belege, die zumeist die ursprüngliche Bildung des Namens und die ihm zugrunde liegenden Wörter offenbaren – missachtet also eine Grundregel der wissenschaftlichen Namenforschung![9] Diese Forschung hat deshalb zu Recht Bahlows Theorie schon lange verworfen – und doch tauchen seine erfundenen Wortstämme – vorwiegend in der heimatgeschichtlichen Literatur – immer wieder auf.[10] Der Name Herzfeld ist eine Zusammensetzung mit dem Grundwort altsächsisch, mittelniederdeutsch feld „freies, offenes Land, Ebene, Acker-, Wiesenflur“.[11] Doch an welches Wort lässt sich das Bestimmungswort herz im Flurnamen Herzfeld nun anschließen? Da bisher keine älteren Belege bekannt geworden sind, bleibt nur der Vergleich. Hier bieten sich – eher als die von Wilkens in Vorschlag gebrachten Toponyme Hersfeld und Herford – die Ortsnamen Herzfeld (!) im Kreis Soest und Herzebrock im Kreis Gütersloh an. Das Soester Herzfeld erscheint Ende des 10. Jahrhunderts als in Hyrutvelde und bedeutet nichts anderes als „Hirschfeld“ (zu altsächsisch *hirot, *hirut, wegen altniederfränkisch hirot, hirut, althochdeutsch hiruz, mittelniederdeutsch zerdehnt herte „Hirsch“).[12] So darf man Herzfeld als ein verhochdeutschtes *Hert(e)feld ansehen (vgl. zur Verhochdeutschung z.B. auch den Lienener Bauerschaftsnamen Holzhausen – 1580 noch Holthusen[13]). Auch die Namen Hatzfeld bei Wuppertal, im 12. Jahrhundert de Hirutfelda, und Hertefeld bei Weeze, 1179 de Hertenvelde lassen sich auf den Geweihträger zurückführen.[14] Der Name Herzebrock hingegen geht auf die im Jahre 976 genannte Form in Horsabruoca zurück, die man mit „Pferdemoor, Pferdesumpf“ (zu mittelniederdeutsch brôk „Sumpf“[15]) übersetzen kann (vgl. englisch horse, deutsch ross). Der R-Sprung (Metathese) zwischen horse und ross findet sich bereits im Altsächsischen in den Parallelformen: hroshers, die beide „Pferd“ bedeuten. Das Pferd kommt auch im Ortsnamen Orsoy am Rhein vor (1139 in Hersougen „Pferde-Aue“).[16] Somit geht das Bestimmungswort im Lienener Flurnamen Herzfeld wohl auf eines der beiden Tiere – den Hirschen oder das Pferd – zurück. Das Lienener Herzfeld ist entweder ein „Hirschfeld“ oder ein „Pferdefeld“ gewesen.

Obwohl diese Ausführungen und Belege eindeutig gegen Wilkens‘ angeblichen Wortstamm her / her-s ‚Sumpf‘ im Lienener Flurnamen Herzfeld sprechen, hat Wilhelm Wilkens seine Mutmaßungen in Auseinandersetzung mit meinen Einwänden erneut in der aktuellen Ortsgeschichte Kattenvennes wiederholt. Meinen gegründeten Einspruch versucht er folgendermaßen zu entkräften: „Das Höster Herzfeld ist nicht vom gleichnamigen Ort an der Lippe her als ein ‚Hirschfeld‘ zu deuten. Hyrutfelde (= Hirschfeld) ist Namendeutung der Ida-Legende: Die von den Franken gejagten Sachsen [Hirsche] sind in der Eheschließung [786] der fränkischen Ida von Ripuarien mit dem aus dem Osnabrücker Raum stammenden sächsischen Egbert miteinander versöhnt. So wird die Heilige Ida von Herzfeld zusammen mit einem Hirsch abgebildet, der sich zu ihr geflüchtet hat. Auch Herzfeld an der Lippe ist aus einem ursprünglichen Lagenamen Hersfeld hervorgegangen, der in der Ida-Legende eine neue Deutung erhält. Die Deutung von Herzfeld ist ein Musterbeispiel für die Notwendigkeit der Interpretation eines Flurnamens unter Berücksichtigung des jeweiligen Umfeldes.“[17]

Diese Äußerung ohne jegliche Belege ist aber vielmehr ein „Musterbeispiel“ für Wilkens‘ nachlässige und quellenunkritische Arbeitsweise. Denn in der Vita der Heiligen Ida von Herzfeld vom Ende des 10. Jahrhunderts kommt der Hirsch als ihr Attribut noch gar nicht vor. Erst seit dem frühen 16. Jahrhundert wird Ida auf Gemälden, Metallgravuren, Reliefplastiken und Standbildern mit einem Hirsch dargestellt.[18] Zwischen Idas Lebenszeit und der Darstellung mit dem Hirsch liegen also gut 700 Jahre! Der Hirsch als Attribut der Heiligen ist vielmehr erst in spätmittelalterlicher Zeit aus dem Ortsnamen herausgetrieben worden. Das beweist aber, dass der Ortsname als ‚Hirschfeld‘ noch lange verständlich geblieben ist. Ähnliche redende Bilder, die aus dem richtigen oder falschen Verständnis von Ortsnamen gewonnen wurden, sind z.B. der Biber an der Kirche von Ostbevern oder die Eber-Plastik auf einem Strebepfeiler der Kirche zu Everswinkel, der Aal im Wappen Ahlens, der Adler in Arnsberg, der Biber in Bevergern, die Kuh in Coesfeld, der Eber in Ebersberg, der Hirsch in Hirschberg, der Karpfen in Kerpen, die Kraniche in Kranenburg, die Pferdeköpfe in Orsoy (Rheinberg), der Schöps (verschnittener Widder) in Schöppingen, die Schwalbe in Schwalenberg oder das Wiesel in Wesel.[19] Da aber die Geschichte von Ida und den Hirschen in der Legende vom Ende des 10. Jahrhunderts noch keinerlei Anhalt hat, muss sie eindeutig aus späterer Zeit stammen und ist somit keinerlei Beweis für eine angebliche, von Wilkens unterstellte Umdeutung des Ortsnamens Herzfeld, der bereits im 10. Jahrhundert als in Hyrutvelde erscheint und eindeutig auf das Tier Hirsch verweist! Zuerst war der Ortsname da, der eindeutig durch das Vorkommen von Hirschen motiviert wurde, dann sekundär das Attribut der Heiligen, das erst aus dem Ortsnamen gewonnen wurde. Auch Herzfeld an der Lippe war also kein ‚Sumpf-Feld‘, sondern ein ‚Hirsch-Feld‘. Einen anderen Schluss lassen die Belege nicht zu. Alles andere ist unbegründete Spekulation.

Hinzu kommt auch noch, dass Wilkens seinen Wortansatz her / her-s und dessen angeblicher Bedeutung ‚Sumpf‘ nachweisen muss. Dass es im Lienener Herzfeld um 1900 feuchte Böden gegeben hat, reicht dafür aber methodisch in keiner Weise aus!

[1] Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. I, Norderstedt 2007, S. 102.

[2] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 60.

[3] Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 247.

[4] Urkundenbuch der Reichsabtei Hersfeld, bearb. v. Hans Weirich, Bd. 1, Marburg 1936, Nr. 5, 7, 12.

[5] Der Name findet sich z.B. auf dem schwedischen Runenstein von Istaby aus dem 7. Jahrhundert. Vries, Jan de, Altnordische Literaturgeschichte, 3. unveränderte Aufl. in einem Band, mit einem Vorwort v. Stefanie Würth, Berlin u. New York 1999, S. 13.

[6] Meineke, Birgit, Die Ortsnamen des Kreises Herford, Bielefeld 2011, S. 128.

[7] Ebd., S. 132f.

[8] Bahlow, Hans, Deutschlands geographische Namenwelt. Etymologisches Lexikon der Fluss- u. Ortsnamen alteuropäischer Herkunft, Frankfurt a. M 1965. Taschenbuchausgabe: Frankfurt a.M. 1985.

[9] Reichardt, Lutz, Nachfolger Hans Bahlows, in: Beiträge zur Namenforschung, N.F. 31 (1996), S. 398-406.

[10] Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Lüdenscheid 2010, S. 5f.

[11] Meineke, Herford, S. 316.

[12] Flöer, Michael u. Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen des Kreises Soest, Bielefeld 2009, S. 225-227; Derks, Sprockhövel, S. 94.

[13] Leesch, Höferegister, S. 62.

[14] Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Gladbeck in Westfalen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Gladbeck in Westfalen 2009, S. S. 170f.

[15] Schiller/Lübben I, S. 427f.

[16] Zu Herzebrock und Orsoy (mit Nachweisen) und der lautlichen Umstellung ru, ro zu or: Derks Sprockhövel, S. 37.

[17] Wilkens, Wilhelm, Frühzeitliche Gegebenheiten und Geschehnisse im Gemeinwesen Lienen, in: Kattenvenne. Das Dorf mit seiner Entwicklung, hrsg. v. d. Kattenvenne 1312 eG, Lengerich 2014, S. 22–44, hier S. 35.

[18] Derks, Sprockhövel, S. 46f., Anm. 336 u. 337 sowie S. 94, Anm. 755 (mit den notwendigen Quellen- und Literaturbelegen).

[19] Ebd.

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Das Geheimnis des Familiennamens Hilge

Von Dr. Christof Spannhoff

Welchen Ursprung hat der Familienname Hilge, der häufig im Tecklenburger Land anzutreffen ist? Entstanden ist er im heutigen Zentrum von Kattenvenne (Hof Hilge, heute Oßlage, Lienener Str. 19). 1588 wird der Olde Hillige genannt. 1598 werden der Hillige vff den Cattenvenne und der Olde Hilige erwähnt. Um 1610 heißt es Hillige vfm Kattenfenne, 1612 der Hillige, 1620 Hillige vf dem Kattenfenne[1], 1621 der Hillige, 1634 der Hillige[2] usw. Schon viele Erklärungen, welche Bedeutung der Name haben könnte, sind vorgeschlagen worden, doch vermochte bisher keine davon zu überzeugen. Wenn man streng nach den Methoden der wissenschaftlichen Namenkunde vorgeht, gibt es allerdings aufgrund der historischen Belege nur eine einzige Möglichkeit: Der Name ist zum mittelniederdeutschen Adjektiv hillig ‚heilig‘ zu stellen.

Motivation des Namens

Schwieriger ist allerdings die Frage zu beantworten, wodurch der Name ursprünglich motiviert wurde. War der erste Namensträger besonders fromm, weshalb er den Spitznamen ‚der Heilige‘ erhielt? Dass es sich um einen Beinamen handelte, der eine Person näher benannte, zeigt auch der bestimmte Artikel, der in den historischen Belegen (der Hillige) erscheint. Der Besitzer des Hofes wurde also als ‚der Heilige‘ gekennzeichnet. Aber warum?

Flurprozessionen

Die Lösung dieses Problems birgt ein Grenzprotokoll aus dem Jahr 1515, das anlässlich einer Grenzbegehung zwischen dem Bistum Münster und der Grafschaft Tecklenburg abgefasst wurde und in dem ein Grenzpunkt Hillige Har genannt wird.[3] Man könnte nun meinen, dass die Flur Hillige Har ihren Namen vom Hof Hilge erhalten hat, zu dem sie gehörte. Doch ist es genau umgekehrt. Zum einen hieß der Hof 1545 noch Cattenfenne.[4] Zum anderen hätte der erste Teil des Flurnamens, wenn es sich um den Namen eines Hofes bzw. einer Familie gehandelt hätte, im Genitiv als *Hilgen (mit n) Har erscheinen müssen (vgl. Kriegen Kamp ‚Kamp der Familie Kriege‘ [Straßenname in Lienen], Otten Damm ‚Weg zum Hof Otte‘ [Straßenname in Lengerich] etc.). Zum dritten hat eine neue Untersuchung zum Namen des Heiligen Meeres bei Hopsten ergeben, dass Flurorte, die mit dem Eigenschaftswort heilig gebildet wurden, Stationen von Flurprozessionen aus der Zeit vor der Reformation waren. So hielt eine Flurprozession, von der man sich Segen für die Felder erhoffte, am Hilligen Stohl in Lienen-Höste. Dieser Haltepunkt wird bereits 1447 in einem Tecklenburgischer Grenzvertrag mit dem Fürstbistum Osnabrück erwähnt. Nach einer Karte aus dem Jahr 1788 gab es einen weiteren Hilligen Stohl am Grenzpunkt der heutigen Kommunen Lienen, Hagen a. T.W. und Bad Iburg. Ein anderer Hilliger Stohl befand sich an der Westgrenze von Hopsten-Schale. Diese Hilligen Stöhle dienten bei den Flurprozessionen als Standort eines Heiligenbildes, vermutlich eines Abbildes des jeweiligen Kirchenpatrons. Nach einer Nachricht aus dem Jahr 1595 handelte es sich bei diesen „Stühlen“ um eine auf Pfählen ruhende Steinplatte. An den Hilligen Stöhlen wurde, nachdem das Heiligenbild abgesetzt worden war, Messe gehalten. Diese Flurumgänge wurden als Hilligendrachten bezeichnet und häufig als Fronleichnamsprozession durchgeführt. 1466 schenkte der Adlige Wilhelm von Stael der Kirche in Hagen a. T.W. eine Wiese und bedung sich als Gegenleistung aus, dass für ihn gebetet werden sollte, und zwar u.a. „up allen hilligen stolen dar der Kercken to Hagen tokamen wan man de hilgen drecht“. In Hagen a. T.W. gab es ferner einen Hilligen Weg, der entlang der Grenze verlief und vermutlich als Trasse der Flurprozessionen diente. An diesem Beispiel wird der Zusammenhang zwischen der Flurbezeichnung heilig / hillig und kirchlichen Riten besonders deutlich. Weitere Beispiele finden sich im Osnabrücker Land: Noch im 17. Jahrhundert trafen sich die Hilligendrachten aus Merzen, Üffeln und Alfhausen am Johannistage (24. Juni) auf dem Hilgenberg im Giersfeld. Dort befand sich ein großer Stein mit einem Loch in der Mitte, in das die Prozessionsfahne gesteckt wurde, während die Messe gelesen wurde. Von Alfhausen aus soll dieser Flurumgang noch bis 1850 stattgefunden haben. Zu Pfingsten und zu Fronleichnam fand in Badbergen noch bis in das 18. Jahrhundert hinein eine Prozession zum Stein auf der Hillgen Hall statt.[5]

Hilgediek

In diesen Zusammenhang ist auch der Flurname Hillige Har und der Hofname Hilge zu stellen. Doch noch ein weiterer Lienener Flurname ist so zu erklären: In einem Grenzprotokoll aus dem Jahr 1609, in dem die Trennlinie zwischen den Kirchspielen Lienen und Glane verzeichnet wurde, wird ein Heiligen Deichs Kamp genannt. Der Name dieses Grenzpunktes lebt bis heute in seiner niederdeutschen Form im Hof- und Familiennamen Hilgediek weiter.[6] Es gab also an der Grenze zu Glane einen ‚heiligen Teich‘, der ebenfalls Station in einer Flurprozession gewesen sein dürfte. Der Name Hilge leitet sich somit von einer als Hillige Har benannten Flur ab, die in der Nähe des Hofes Hilge / Oßlage lag. Die Flur erhielt ihren Namen, weil die Örtlichkeit eine Station in einer Flur- und Grenzprozession war. Der Name Hilge erinnert uns somit heute noch an die Zeit vor der Reformation.

[1] Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. 1, Norderstedt 2007, S. 270, 278, 279, 175, 377, 201.

[2] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 62f.

[3] Protokoll über die Grenzen zwischen dem zum Bistum Münster gehörenden Amt Bevergern und der Grafschaft Tecklenburg (1515). Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Urkunden, Nr. 376.

[4] Quellen und Beiträge (wie Anm. 1), S. 103.

[5] Mit sämtlichen Belegen: Christof Spannhoff, Die Gewässernamen Drevanameri und Heiliges Meer, in: Nordmünsterland. Forschungen und Funde 1 (2014), S. 223–248.

[6] Christof Spannhoff, 1609–2009. 400 Jahre Grenze zwischen Ostenfelde und Lienen, Norderstedt 2008, S. 12f.

Pollen geben Aufschluss über menschliche Tätigkeiten

Kleine Siedlungsgeschichte des Tecklenburger Landes, Teil 1

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie ist die heutige Siedlungsstruktur des Tecklenburger Landes entstanden? Mit einer solchen Frage beschäftigt sich bekanntlich die Siedlungsgeschichtsforschung. Diese Fachrichtung ist heute fächerübergreifend angelegt. Um die Entstehung und Entwicklung von Siedlungen zu untersuchen, bedient sich der moderne Siedlungshistoriker neben den schriftlichen Quellen der Ergebnisse der Paläobotanik, der Archäologie, der historischen Siedlungsgeographie sowie der Orts- und Flurnamenkunde. Vor allem durch archäologische und paläobotanische Untersuchungen sind in den letzten Jahrzehnten aufschlussreiche Erkenntnisse gemacht worden, die das Bild von der Siedlungsentwicklung, das von der älteren Forschung gezeichnet wurde, grundlegend verändert hat. Ging man früher davon aus, dass unsere Region bereits seit der Zeit der ersten Siedlungsfunde aus neolithischer Zeit (4400 bis 2200 v. Chr.) kontinuierlich besiedelt war, wird heute mit zahlreichen dauerhaften Siedlungsunterbrechungen gerechnet. Vor allem die naturwissenschaftliche Paläobotanik konnte diese Ansicht bestätigen. Wichtigstes Instrument dieser Disziplin ist die Pollenanalyse. Mit dieser lässt sich die Vegetation zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Gebiet rekonstruieren, die wiederum Rückschlüsse auf den Grad menschlichen Siedelns und Wirtschaftens zulässt.

Vor der Sesshaftwerdung des Menschen und der Einführung von Ackerbau und Viehzucht bestand die hiesige Landschaft vollständig aus dichten Wäldern. Die frühen Bauern schufen dann die ersten Lichtungen, wodurch lichtliebende Gehölze wie Eiche und Hasel gefördert wurden. Das Ansteigen der Eichen- und Haselwerte im Pollenspektrum kann daher als indirektes Anzeichen für derartige Rodungen gewertet werden. Direkt lässt sich gerodetes Waldland durch das Vorkommen von Kräuter- und Gräserpollen (sog. Nichtbaumpollen) nachweisen. Siedlungsland kann durch Ruderalpflanzen wie Beifuß, Vogelknöterich, Gänsefußgewächse und Großer Wegerich nachgewiesen werden. Spitzwegerich, wilde Möhre, Korbblütler und Hahnenfußarten sind Pflanzen, die häufig auf Weiden und Wiesenland vorkommen. Heidekraut ist bis heute die Charakterpflanze nährstoffarmer, erst durch Überweidung und periodisches Abbrennen entstandener Heidelandschaften. Anzeiger für Kornfelder sind Getreidepollen und die klassischen Ackerunkräuter wie Klatschmohn, Kornblume und Kornrade. Für das nördliche Münsterland ergibt sich daraus von Christi Geburt bis ca. 1200 n. Chr. folgendes Bild: Während es im zweiten und ersten Jahrhundert vor Christi Geburt zu einer Siedlungsdepression aufgrund von Klimaverschlechterung gekommen war, expandierten die Siedlungen um die Zeitenwende wieder. Mit der „Völkerwanderungszeit“ setzte aber im gesamten Münsterland ab dem 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert eine erneute Siedlungsdepression ein. Die alten Siedlungsplätze wurden verlassen oder nicht weiter genutzt. Das zu diesen Siedlungen gehörige Kulturland fiel brach und der Wald breitete sich aus. Ganz siedlungsleer war das Münsterland allerdings nie. Einige wenige Siedlungen bestanden weiter. Um 400 n. Chr. ist dann wieder eine leichte Siedlungszunahme zu verzeichnen. Neue Siedlungen wurden an den alten siedlungsgünstigen Orten angelegt. Nach 800 n. Chr. kam es dann zu einer verstärkten Rodungsphase. Große Waldflächen dominierten aber weiterhin die Region. Das änderte sich erst mit der hochmittelalterlichen Rodungsphase des 10. und 11. Jahrhunderts. Damals wurden auch siedlungsungünstigere Gebiete erschlossen. Diese Erkenntnisse werden auch von neueren archäologischen Untersuchungen bestätigt. Die meisten Siedlungen im Münsterland bestehen also kontinuierlich erst seit hochmittelalterlicher Zeit.

Literatur

Sebastian Kreyenschulte und Christof Spannhoff, Neue Ergebnisse der Siedlungsgeschichtsforschung – an nordmünsterländischen Beispielen, in: Beiträge zur westfälischen Familienforschung 70 (2015) (im Druck)

Bodenverfärbungen geben spannenden Einblick in die Vergangenheit

Kleine Siedlungsgeschichte des Tecklenburger Landes, Teil 2

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie ist die heutige Siedlungsstruktur des Tecklenburger Landes entstanden? Mit einer solchen Frage beschäftigt sich bekanntlich die Siedlungsgeschichtsforschung. Diese Forschungsdisziplin bedient sich heute der Ergebnisse anderer Wissenschaften wie Paläobotanik oder Archäologie. In der letzten Folge dieser Reihe wurde gezeigt, dass die naturwissenschaftliche Untersuchung von Pollen ergab, dass im Münsterland in der „Völkerwanderungszeit“ (2./3./4. Jh. n. Chr.) der Großteil aller zuvor bestehenden Siedlungen verschwand. Erst seit 400 n. Chr. wurde die Region neu aufgesiedelt.

Dieses Ergebnis wird auch von den archäologischen Untersuchungen bestätigt. Das Hauptuntersuchungsgebiet der Archäologie ist der Boden. In ihm können die Archäologen lesen wie in einem Buch. Das, was die Spatenforscher heute dabei interessiert, sind neben Fundstücken wie Werkzeugen, Waffen, Grabbeigaben etc. besonders die Verfärbungen im Erdreich. Diese farblichen Bodenstrukturen stammen vielfach von Haus- bzw. Hofgrundrissen. Bevor im Hochmittelalter die Ständerbauweise mit steinernem Fundament entwickelt wurde, besaßen die Gebäude ein in den Boden eingelassenes Gerüst aus in die Erde eingesenkten Holzpfosten, bevorzugt aus harten Kernholzbäumen. Diese Holzpfosten verwitterten mit der Zeit und hinterließen farbliche Verfärbungen im Boden, durch die sich noch heute die Hausgrundrisse rekonstruieren lassen. Der Archäologe Carl Schuchhardt (1859–1943), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Pfostenloch als archäologischen Befund entdeckte, äußerte daher: „Nichts ist so dauerhaft wie ein ordentliches Loch im Boden!“. In Norddeutschland handelte es sich bei diesen Häusern vor allem um sogenannte Wohnstallhäuser. Mit Hilfe der C14-Datierung und der Dendrochronologie (Jahrringforschung) der hölzernen Überreste kann die Archäologie dann die Bodenverfärbungen zeitlich einordnen.

Die ältesten Siedlungen im Münsterland, die im 6. und 7. Jahrhundert neu angelegt wurden, bezogen sich nicht auf bronze-, eisenzeitlich- oder spätrömische Vorgängersiedlungen (z.B. in Hohne). Sie bestanden vielfach aus nur einem oder zwei Hofkomplexen und befanden sich bevorzugt an Fluss- und Bachläufen, die allerdings nicht der Sicherstellung der Wasserversorgung dienten, weil die meisten Anlagen über eigene Brunnen verfügten, sondern für die Viehweide in den Gewässerniederungen genutzt wurden. Charakteristisch für alle ergrabenen frühmittelalterlichen Hofsiedlungen war stets ein großes Wohnhaus, ein sogenanntes Wohnstallhaus, unter dessen Dach sich das Leben von Mensch und Tier abspielte. Die schiffförmigen Wohnstallhäuser bildeten einen von Pfosten und Pfeilern freien inneren Hallenraum, der dadurch erreicht werden konnte, dass die Wände durch von außen anliegende Stützpfosten getragen wurden. Heute ist der Nachbau eines solchen frühmittelalterlichen Haustyps – in Form des sogenannten „Sachsenhofs“ – in der Grevener Bauerschaft Pentrup zu finden. Zu einem typischen Hofgelände gehörten außerdem eine Reihe unterschiedlicher Nebengebäude: Heuscheunen und mehrere kleine, etwa einen Meter in die Erde eingelassene Grubenhäuser, die überwiegend als Werk- und Lagerstätten genutzt wurden und mit Brettern und Flechtwerk verkleidet und mittels einer Lehmschmiere verschlossen waren.

Die im Erdreich eingegrabenen Eichenpfosten verfaulten im Zeitraum von 25–30 Jahren, wodurch die Tragfähigkeit des Daches in Mitleidenschaft gezogen wurde. Jede Bauerngeneration errichtete also ein neues Wohnstallhaus. Das wiederum ermöglichte eine problemlose Umsiedlung an siedlungsgünstigere Plätze. Die Häuser wanderten so lange, bis der ideale landwirtschaftliche Standort gefunden worden war. Erst zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert war dieser Platzwahlprozess abgeschlossen. Entscheidend für diese Entwicklung dürfte der Übergang vom Pfostenbau zum Ständerbau gewesen sein, wodurch die Häuser eine längere Haltbarkeit erhielten und damit standortfest werden konnten.

Literatur

Sebastian Kreyenschulte und Christof Spannhoff, Neue Ergebnisse der Siedlungsgeschichtsforschung – an nordmünsterländischen Beispielen, in: Beiträge zur westfälischen Familienforschung 70 (2015) (im Druck)

De aulen Hüöwe ligget unnern Esk

Kleine Siedlungsgeschichte des Tecklenburger Landes, Teil 3

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie ist die heutige Siedlungsstruktur des Tecklenburger Landes entstanden? Mit einer solchen Frage beschäftigt sich bekanntlich die Siedlungsgeschichtsforschung. Diese Forschungsdisziplin bedient sich heute der Ergebnisse anderer Wissenschaften wie Paläobotanik oder Archäologie.

In der älteren siedlungsgeschichtlichen und siedlungsgeographischen Forschung wurde der Lehrsatz aufgestellt, dass im nördlichen Münsterland die ältesten ackerbaulich genutzten Flächen die sogenannten Eschfluren gewesen seien. Um diese zumeist schildförmigen Areale hätten sich die ältesten Hofstellen angesiedelt. Zu dieser Annahme gelangte man, weil die größten und ältesten Höfe eines Ortes die Eschfluren besaßen und bebauten, während kleinere und siedlungsgeschichtlich jüngere Bauernstätten keinen Anteil mehr an diesen Flächen hatten. Die zeitliche Einordnung wurde aufgrund der typischen Flurform der Esche erschlossen. Die einzelnen Flurstücke waren bis zu 700 Meter lang und im Durchschnitt etwa 20 Meter breit, weshalb sie von der Forschung Langstreifengewannfluren oder Langstreifenfluren genannt werden.

Die Entstehung dieser Langstreifenfluren brachte man mit der Entwicklung der Pflugtechnik in Zusammenhang. Während der den Boden ritzende Hakenpflug und der spätere Kehrpflug der Bildung von Blockfluren Vorschub leisteten, waren für den später aufkommenden Beetpflug lange Flurstreifen optimal, weil der schwere, von bis zu 8 Ochsen gezogene Beetpflug bei langen Ackerstreifen nicht so oft mühevoll und zeitraubend gewendet werden musste. Wegen des unbeweglichen Streichbretts des Beetpflugs konnten die Schollen nur nach einer Seite gekippt werden. Der Pflug musste deshalb immer wieder an die Ackerseite zurückgebracht werden, wo man zu pflügen angefangen hatte, um eine neue Furche ziehen zu können, was mit einer Leerfahrt verbunden war. Da das Wenden mit 3 bis 4 Zugtierpaaren schwierig und zeitintensiv war, pflügte man solange das Gelände es zuließ in einer Richtung, um die Anzahl der Leerfahrten und des Wendens zu verringern. Auf diese Weise entstanden die langen Ackerstreifen.

Doch haben neuere archäologische Erkenntnisse das alte Sprichwort bestätigt: „De aulen Hüöwe ligget unnern Esk“. Die ältesten Hofsiedlungen aus dem 6. und 7. Jahrhundert wurden unter den Eschfluren ergraben. Daraus ergibt sich, dass die späteren Eschfluren im 7. Jahrhundert noch nicht existierten und erst später angelegt wurden. Einzelne Befunde haben zu der Annahme geführt, im 9. Jahrhundert sei nicht nur die Anlage eines gemeinschaftlich bestellten Esches, sondern auch eine erste, planmäßige Parzellierung der Felder erfolgt, die möglicherweise mit der Eingliederung Westfalens in das Frankenreich seit der Eroberung durch Karl den Großen in Zusammenhang steht und auf eine Art Flur- oder Bodenreform zurückzuführen ist. Die Eschfluren sind also nicht die ältesten Ackerflächen. Sie sind sehr wahrscheinlich erst im 9. Jahrhundert und auch noch später als Gemeinschaftsleistung mehrerer Bauern angelegt worden. Zuvor wirtschaftete jeder Bauer für sich auf hofnahen Blockfluren. Eschfluren konnten aber auch noch bis ins 11. Jahrhundert und später angelegt werden.

Literatur

Sebastian Kreyenschulte und Christof Spannhoff, Neue Ergebnisse der Siedlungsgeschichtsforschung – an nordmünsterländischen Beispielen, in: Beiträge zur westfälischen Familienforschung 70 (2015) (im Druck)

Wie alt sind unsere Bauerschaften?

Kleine Siedlungsgeschichte des Tecklenburger Landes, Teil 4

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie alt sind unsere Bauerschaften? Um diese Frage beantworten zu können, muss zunächst geklärt werden, was überhaupt eine Bauerschaft ist. Heute handelt es sich um einen räumlich abgegrenzten Bezirk unterhalb der Kommunalebene. Allerdings hat die Bauerschaft gegenwärtig keine rechtliche oder politische Funktion mehr. Doch das war nicht immer so. Ursprünglich war die Bauerschaft kein Gebiet, sondern eine Genossenschaft von Nachbarn gleichen Ranges – also ein Personenverband. Erkennbar ist das auch an der Wortbildung. Das Zweitglied ist –schaft, niederdeutsch –skap, –skup (wie in Gemeinschaft, Genossenschaft, Jägerschaft), das zur Bezeichnung von Personengruppen gebraucht wird. Erst im späten Mittelalter ist die Verwendung der Bezeichnung „Bauerschaft“ für ein begrenztes Gebiet in den Schriftquellen nachweisbar. Der Übergang von einem Personenverband zu einem räumlichen Bezirk ist dadurch zu erklären, dass der Begriff Bauerschaft von den dem Verband angehörenden Personen auf deren Grundbesitz übertragen worden ist. Wichtigstes Element der Bauerschaft als Personenverband war ihre Funktion als Gerichtsgemeinde. Das Verfassungsorgan dieser Gerichtsgemeinde war das Burgericht. Den Vorsitz in diesem Gericht hatte der sogenannte Burrichter. Die übrigen Buren (Bauern) einer Bauerschaft bildeten den „Umstand“, d.h. sie standen im Kreis um den Burrichter herum, wenn Gericht gehalten wurde. Vor diesem Gericht wurden nachbarschaftliche Streitfälle geschlichtet. Die Versammlung der Bauern wurde auch Bursprauke genannt. Hier teilte der Burrichter den übrigen Bauern wichtige Neuigkeiten mit oder besprach mit ihnen gemeinschaftliche Angelegenheiten. Die Bezeichnung Bauer, niederdeutsch bur, bedeutet übrigens ursprünglich Haus, Wohnung. Die Bauern sind also eigentlich die Nachbarn (< nahgiburen), die Bauerschaft eine rechtlich verfasste Nachbarschaft mit eigener Gerichtsbarkeit.

Während in der älteren Forschung die Entstehung der Bauerschaften bereits in germanischer Zeit vermutet wurde, ist nach neueren Erkenntnissen davon auszugehen, dass die Bauerschaft als rechtliche Organisationsform nicht weit vor das Jahr 1000 zurückreicht, in vielen Fällen vermutlich erst danach entstanden ist. Damals machte erst eine steigende Bevölkerungszahl diese organisatorische Einrichtung notwendig. Als ältester Beleg einer bauerschaftlichen Organisationsform für das Münsterland bzw. für Westfalen gilt das Vorkommen des Begriffs ledscipi in der Bedeutung ‚Bauerschaft‘ in einer Urkunde aus dem Jahr 1022/32. Der Begriff burschap als Bezeichnung für eine Gemeinschaft (lateinisch collegium) wird erstmals in einer Osnabrücker Urkunde aus dem Jahr 1187 genannt. Auch die Angaben des ältesten Freckenhorster Heberegisters (um 1100) zeigen, dass die „Bauerschaftsorganisation“ zur Zeit seiner Abfassung noch nicht vollständig entwickelt und ausgeprägt war, denn die dort genannten Siedlungen werden nicht als burschap bezeichnet, sondern als tharp. Mit diesem Begriff tharp ‚Dorf‘ (Dativ Singular: tharpa) wurden kleine Gehöftgruppen bezeichnet, von denen später mehrere Einheiten zusammen eine Bauerschaft bildeten.

Dass bereits im althochdeutschen Abrogans-Glossar des späten 8. Jahrhunderts ein Adjektiv giburscaflih zur Übersetzung von lat. bellum civile (Gifeht giburscaflih) erscheint, bedeutet aber nicht, dass zu dieser Zeit bereits die rechtliche Institution Bauerschaft bestanden hat. Das Wort dürfte hier als ‚nachbarschaftlich‘, ‚gemeinschaftlich‘ zu übersetzen sein.

Die Organisationform der Bauerschaft mit ihrem gemeinschaftlichen Gefüge und ihren rechtlichen Regelungen wurde erst notwendig, als mit zunehmender Bevölkerung nicht mehr ausreichend Flächen vorhanden waren, die einen unbeschränkten individuellen Gebrauch erlaubten und sich Streitigkeiten der einzelnen Nachbarn häuften.

Literatur

Christof Spannhoff, Tie gleich Thing? Zur Konstruktion eines Geschichtsbildes, in: Nordmünsterland. Forschungen und Funde 1 (2014), S. 249–274 (mit allen Belegen und Nachweisen).

Die Herkunft des niederdeutschen Wortes Schläif ‚Löffel, Kelle‘

Die Entwicklungsgeschichte von Wörtern ist ein interessantes Stück Kulturgeschichte.

Von Dr. Christof Spannhoff

Wenn in früheren Zeiten Suppen oder Eintöpfe auf den Tisch kamen, griff die norddeutsche Hausfrau zum Servieren nicht zur Suppenkelle oder zum Schöpflöffel, nein, sie griff zum Schläif! Dies war die übliche Bezeichnung für die Suppenkelle oder den Schöpflöffel im gesamten niederdeutschen Sprachraum. Doch woher kommt diese niederdeutsche Bezeichnung eigentlich?

Island

Zur Beantwortung dieser Frage ist es aufschlussreich, dass ein Wort sleif ebenfalls in der isländischen Sprache vorkommt. Ein sleif, fem., ist auch auf der über 2000 km von Norddeutschland entfernten, nordatlantischen Insel ein „Küchenlöffel, Rührlöffel, Holzlöffel“ (Jóhannesson, Wörterbuch, S. 1171f.). Island wurde im 9. Jahrhundert n. Chr. von aus Skandinavien stammenden Wikingern besiedelt. Diese müssen somit wohl auch das Wort für den Löffel mitgebracht haben, denn auch im Dänischen, Schwedischen und Norwegischen heißt der hölzerne Rührlöffel ähnlich: Dänisch slev, sløv, schwedisch slev, norwegisch sleiv (Jóhannesson, Wörterbuch, S. 1171). Es zeigt sich also, dass hier ein germanisches Wort vorliegt, dessen Ursprung mindestens in den germanischen Sprachen des 9. Jahrhunderts n. Chr. zu suchen ist.

Etymologie

In Norddeutschland, wo das Wort Schläif „Kochlöffel, Suppenkelle“ wie gesagt ebenfalls anzutreffen ist, sprachen die Menschen zu dieser Zeit (9. Jahrhundert) Altsächsisch. Für diese Sprache ist allerdings zufällig kein Wort überliefert, das zu niederdeutsch Schläif, mittelniederdeutsch schlêf, slêf, sleif (Schiller-Lübben IV, S. 235) passenden will. Doch gibt es in der wesentlich besser überlieferten altenglischen Sprache, die sehr eng mit dem Altsächsischen verwandt ist (weil es ebenfalls die Altsachsen und Angeln waren, die Britannien im 5. Jahrhundert n. Chr. besiedelten), das starke Tätigkeitswort slîfan „spalten, spleißen“ (Bosworth, Dictionary, S. 884; Holthausen, Wörterbuch, S. 299; Jóhannesson, Wörterbuch, S. 1171. Vgl. auch: Mehlem, Atlas, S. 182, Anm. 2). Altenglisch slîfan lebt im gegenwärtigen englischen Verb to slive „aufteilen“ weiter und lässt sich sehr gut zu niederdeutsch Schläif stellen. Es muss also auch im Altsächsischen ein starkes Verb *slîfan gegeben haben. Niederdeutsch Schläif, mittelniederdeutsch schlêf, slêf, sleif steht im Ablaut zu *slîfan (1. Ablautreihe: *slîfan, *slêf, *gislifan, entspricht: spleißen, spliss, gesplissen; Galleé, Grammatik, § 149). Das Wort Schläif ist also aus der Vergangenheitsform des Verbs sîfan gebildet worden. Der Schläif ist somit von seiner Wortherkunft her etwas „Gespaltenes, Gesplissenes“ bzw. ein „Abspliss“ oder „Spalt“.

Ergebnis

Die sprachliche Analyse hat somit gezeigt, dass sich im Wort Schläif die ursprüngliche Herstellungsweise erhalten hat. Der Schläif wurde früher aus Holz gefertigt und zwar aus Spaltholz, das zunächst vom Stammstück abgeschlagen werden musste. Aus dem so gewonnenen Spalt wurde dann der Löffel geschnitzt, ebenfalls durch das Abspalten von Spänen und Splittern mit einem Messer.

Eine vergleichbare Bedeutungsentwicklung zeigt das englische Wort spoon „Löffel“, das natürlich auf das gemeingermanische Wort für (Holz-)Span, also ursprünglich ebenfalls auf den Vorgang des Schnitzens des Löffels aus Holz zurückgeht (Kluge, Wörterbuch, S. 860). Ebenso lässt sich das isländische Wort skeið „Löffel“ wohl auf germanisch *skiÞ „spalten“ zurückführen (Jóhannesson, Wörterbuch, S. 1171).

Der Schläif war also anfänglich ein aus Holz geschnitzter Löffel und dieser ursprüngliche Herstellungsprozess hat sich in seiner Bezeichnung erhalten.

Abkürzungen

fem. = femininum

* = nicht belegte, aber zwingend zu erschließende Wortform.

Literatur

  • Bosworth, Joseph, An Anglo-Saxon Dictionary based on the Manuscript Collections of the late Joseph Bosworth. Ed. and enlarged by T. Northcote Toller, Nachdruck London 1972.
  •  Gallée, Johan Hendrik, Altsächsische Grammatik, 3. Aufl.: mit Berichtigungen u. Literatur-Nachträgen v. Heinrich Tiefenbach, Tübingen 1993.
  • Holthausen, Ferdinand, Altenglisches etymologisches Wörterbuch, 3., unveränd. Aufl., Heidelberg 1974.
  •  Jóhannesson, Alexander, Isländisches etymologisches Wörterbuch, Bern 1956.
  • Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002.
  • Mehlem, Richard, Atlas der Celler Mundart – im Blickfelde der niedersächsischen Dialekte und deren Grenzgebiete, Marburg 1967.
  •  Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881.

Der Pottharst – ein altes niederdeutsches Gericht

Von Dr. Christof Spannhoff

Als ein typisch westfälisches Gericht gilt der sogenannte Pottharst (auch Potthast, Potthas). Kaum ein Kochbuch mit regionalen Speisen aus Westfalen, das kein Rezept für diese Ragout aus Fleisch (heute zumeist Rindfleisch), Zwiebeln und Gewürzen (Lorbeerblätter und Nelken) enthält. Seit dem 19. Jahrhundert war der Pottharst auch ein beliebtes Hochzeitsessen.

Ursprüngliche Zubereitung

Ursprünglich wurde der Pottharst aus dem beim Schlachten anfallenden Kleinfleisch bereitet. Ohren, Pfoten, Schwanz und Schnauze vom Schwein wurden einige Tage in Salz gelegt und anschließend mit Gemüse und etwas Wasser zusammen zu Pottharst gekocht. Das Gemüse wurde im Laufe der Zeit durch Zwiebeln ersetzt, das Schweinefleisch durch Rindfleisch (Krift, Westfalen, S. 25).

Der Name Pottharst

Doch woher kommt eigentlich der etwas eigentümliche Name für dieses Gericht? Und was kann er uns über die Vergangenheit erzählen? Ausgehend von der vielfach anzutreffenden Form Potthas könnte man annehmen, das Gericht hätte vielleicht ursprünglich etwas mit dem Hasen zu tun oder sei mit Hasenfleisch zubereitet worden. Doch ist diese Herleitung des Namens weit gefehlt.

Es handelt sich um eine Zusammensetzung aus den niederdeutschen Wörtern pot „Topf“ (Schiller-Lübben III, S. 365f.) und harst. Der pot „Topf“ ist selbstverständlich das Küchengerät, mit dem der harst zubereitet wurde. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Wort harst?

Friedrich Woeste definiert es in seinem „Wörterbuch der westfälischen Mundart“ aus dem Jahr 1882 folgendermaßen: „hast für harst, m[askulinum]. eigentlich gebratenes oder zum braten bestimmtes fleisch; daher portion fleisch, speck, wurst, fleischbrei. vgl. pottharst, pannharst.“ (Woeste, Wörterbuch, S. 94f.). Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts schreibt auch der Osnabrücker Jurist und Dialektforscher Johann Aegidius Rosemann genannt Klöntrup (1755 – 1830) über den Pottharst: „Fleisch, das zum Gebrauch der Küche in Stücken gehauen ist; imgleichen: ein Gericht, das mehrentheils aus Abfall bey Zerhauen des Schlachtviehs besteht; letztes nennt man auch Sammelpothast“. Im übertragenen Sinn wurde dazu die Redeweise in Potthast howwen oder hacken „in Stücke schlagen“ gebildet (Klöntrup, Wörterbuch, Bd. 2, Sp.62). Ein Kennzeichen des Pottharsts ist es also, dass er aus kleinen Fleischstücken besteht, die gebraten werden. Bereits 1475 wird harst im „Teuthonista“, einem niederländisch-lateinischen Wörterbuch des Gert van der Schueren, mit „gebratenes Fleisch, Braten“ übersetzt (Teuthonista, 62).

harst ist also ursprünglich eine Bezeichnung für kleine Fleischstücke, die gebraten und eben nicht gekocht werden.

Zur Etymologie von harst

Doch woher stammt das niederdeutsche Wort harst? – Die Bezeichnung für das gebratene Fleischgericht geht auf das mittelniederdeutsche Wort harst zurück, das „Darre“ oder „Rost“, auch „Bratrost“ bedeutet (Schiller-Lübben II, S. 209). Der harst war also ursprünglich Fleisch, das auf einem Bratrost über dem Herdfeuer gebraten wurde. Von dem Kochgerät –dem Bratrost – ging die Bezeichnung dann auf das mit ihm zubereitete Gericht selbst – das gebratene Fleisch – über (Metonymie). Von dem Bratrost harst ist auch das altsächsische Verb herstian „rösten“ abgeleitet, das auf germanisch *harstjan zurückgehen dürfte (Tiefenbach, Wörterbuch, S. 162).

Die Bezeichnung für den Bratrost harst lässt sich wiederum auf seine Herstellungsweise zurückführen, denn mittelniederdeutsch harst bedeutet neben „gebratenem Fleisch“ und „Rost, Darre, Bratrost“ auch „Buschwerk, Reisig“. Das Wort ist ablautend verwandt mit horst „Busch, Niederwald“ (Abtönungsstufe zu horst; Schiller-Lübben II, S. 304f.; Derks, Essen, S. 110).

Dieser Befund zeigt folgende Entwicklung: Der Bratrost harst wurde ursprünglich aus zusammengebundenen Ästen gefertigt, die in der horst, dem Niederwald, gewonnen wurden. Das Wort horst ist im Altsächsischen als eigenständiges Wort zufällig nicht belegt. Seine Existenz in dieser Sprache ist aber durch die zahlreichen mit ihm gebildeten Ortsnamen vorauszusetzen: Arnhurst, Seondonhurst, Stenhurst, Elmhurst, Selihurst (Derks, Essen, S. 110). Die althochdeutschen Glossen übersetzen hurst mit uirecta (lies: virecta) “das Grüne”, dumos (Akkusativ Plural) “Gebüsch” oder rubus “Brombeerstrauch”. Im Altenglischen kommt das Wort in gleicher Bedeutung als hyrst vor, so dass es den westgermanischen Völkern bereits vor der Abwanderung der Angeln und Sachsen im 5. Jahrhundert nach Britannien gemeinsam gewesen sein muss (Derks, Essen, S. 110). Das Wort ist eine schwundstufige st-Bildung zur indogermanischen Wurzel *qer und somit verwandt mit dem griechischen Wort karpós „Frucht, die man von Baum und Feldgewächsen gewinnt“ und dem lateinischen Begriff carpinus „Hainbuche“, der zum lateinischen Verb carpere „rupfen, pflücken, Laub gewinnen“ gehört. Somit ist das Wort horst, hurst auch verwandt mit dem deutschen Wort Herbst – der Zeit der Laubernte (Derks, Essen, S. 110; Trier, Holz, S. 62-81).

Was ist eine horst?

Das für das Altsächsische vorauszusetzende und im Mittelniederdeutschen belegte Wort horst, hurst bezeichnete also ein Gehölz, das in Niederwaldwirtschaft genutzt wurde. Bei dieser Waldwirtschaftsform handelt es sich um eine forstliche Betriebsart, bei der die Laubholzbestände alle paar Jahre dicht am Boden kahl geschlagen werden; der neue Bestand entsteht dann durch Stockausschlag. Niederwaldfähige Bäume, also solche, die zum Stockausschlag fähig sind, sind die Eiche, Esche, Buche, Birke, Hasel, Eibe, Erle, Linde, Nuss, Ulme, Weide und die Espe. Das so gezogene Holz diente zur Gewinnung von Gerbstoffen für die Lederbearbeitung durch das Abschälen der gerbsäurehaltigen Rinde, zudem natürlich als Brennholz, als Material zur Herstellung von Geräten und Werkzeugen sowie als Werkstoff zum Fertigen von Körben, Zäunen, Wänden (vgl. die Etymologie des Wortes Wand, das zu „winden“ von Weidenruten als Vorgang der Wandherstellung zu stellen ist), also von Flechtwerk jeglicher Art und somit auch von Bratrosten (Trier, Holz, S. 118). Somit konnte die Bezeichnung harst vom „hölzernen Flechtwerk“ auf den „Bratrost“ und von diesem wiederum auf das darauf „gebratene Fleisch“ übergehen.

Pannhas bzw. Pannharst

Das ebenfalls westfälische Gericht Pannhas hat übrigens auch nichts mit dem Tier Hase zu tun (s.o.), sondern gehört ebenfalls zu harst „gebratene Fleischteile“. Nach Friedrich Woeste handelt es sich um einen „brei aus gehackten fleisch- und eingeweideteilen mit buchweizen- oder weizenmehl vermengt, der in der pfanne geröstet wird.“ (Woeste, Wörterbuch, S. 194). Wie beim Pottharst steht im Bestimmungswort das Kochgerät zur Zubereitung des Gerichts, in diesem Fall nicht der pot „Topf“, sondern niederdeutsch pann(e) „Pfanne“ (Schiller-Lübben III, S. 297). Das Grundwort has (< harst) zeigt, dass das r im Wort harst schwach artikuliert wurde und deswegen ausfiel. Dieser Wegfall war besonders häufig, wenn sich ein s oder ein st in der Nähe befand – wie es im Wort harst der Fall ist (Lasch, Grammatik, § 244-246). Das auslautende t ist dann ebenfalls ausgefallen – ein Vorgang, der im Niederdeutschen ebenfalls öfter geschieht (Vgl. ist > is, sind > sin, nicht > nich; Lasch, Grammatik, § 310). Somit ist folgende Entwicklung festzustellen: harst > hast > has. Dies erklärt dann auch die regional gebräuchlichen Formen Potthast oder Potthas für Pottharst.

Pottharst

Ursprünglich wurde der Pottharst aus dem beim Schlachten
anfallenden Kleinfleisch bereitet.

(Schlachtszene (Kupferstich) aus den „Georgica Curiosa Aucta“ von Wolf Helmhardt von Hohberg, Bd. 1, Nürnberg 1716, S. 307)

Literatur

  • Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Essen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Essen 1985.
  • Niederdeutsch-westphälisches Wörterbuch von Johan Gilges Rosemann genannt Klöntrup, bearb. v. Wolfgang Kramer u.a., 2 Bde., Hildesheim 1982-84.
  • Krift, Willi, So kochten wir damals in Westfalen, Münster 1986.
  • Lasch, Agathe, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974.
  • Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881.
  • Schueren, Gert van der, Teuthonista of Duytschlender, hrsg. v. J[akob] Verdam, Leiden 1896.
  • Tiefenbach, Heinrich, Altsächsisches Handwörterbuch. A concise Old Saxon dictionary. Berlin, New York 2010.
  • Trier, Jost, Holz. Etymologien aus dem Niederwald, Münster u. Köln 1952.
  • Woeste, Friedrich, Wörterbuch der westfälischen Mundart, Norden u.a. 1882.

Krauses Gemüse – Eine kleine Kulturgeschichte des Grünkohls

Seit mindestens 340 Jahren wird im Tecklenburger Land Grünkohl verzehrt

Von Dr. Christof Spannhoff

Winterzeit ist Grünkohlzeit! Aus diesem Grunde finden in dieser Zeit ringsum die sogenannten „Grünkohlessen“ statt, bei denen die Mitglieder von Vereinen und Clubs aller Art das wohlschmeckende Gericht aus der zur botanischen Familie der Kreuzblütler gehörenden Pflanze „schmausen“ können.

Grünkohl – ein altes norddeutsches Kulturgewächs

Grünkohl, regional auch „Braun-“ oder „Strunkkohl“ genannt, ist ein altes norddeutsches Kulturgewächs. In den schriftlichen Quellen lässt er sich aber erst seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert nachweisen, so z.B. für Norddeutschland 1586 in einer Beschreibung des Oldenburger Landes („brauner Kohl“; siehe „Zum Thema“). Ob bereits mit dem um 1350 im Kloster Marienfeld (Harsewinkel) zubereiteten „koel of [oder] moes“ speziell Grünkohl oder allgemein Kohlgemüse gemeint ist, muss unentschieden bleiben. Auch bei der in der um 1550 verfassten „Chronik des Schwesterhauses Marienthal“ in Münster erzählten Geschichte, dass die Nonnen, als sie nach der Vertreibung durch die Täufer in die Stadt zurückkehrten, ihre Bleiche, das ganze Gartenland, den Kirchhof und den Herrengarten mit „koilmose“ bepflanzt vorfanden, ist es nicht sicher zu entscheiden, ob es sich hier ausdrücklich um Grünkohl oder generell um Kohlgewächse handelt.

Zubereitung früher und heute

Anno 1604 bekamen die Schützlinge eines Hamburger Waisenhauses eindeutig „grünen Kohl“ mit Speck aufgetischt, während das krause Gemüse bei den heutigen Grünkohlessen zumeist mit den Fleischbeilagen gekocht und dann getrennt mit Kartoffeln serviert wird. Ursprünglich wurde der Grünkohl jedoch als Eintopfgericht zubereitet, dem neben deftigem Schweinefleisch (z.B. Speck oder Wurst) zum Andicken Grütze oder später Haferflocken und seit dem 18. Jahrhundert auch die Kartoffel zugefügt wurde. Grünkohl erfreute sich in allen sozialen Schichten großen Zuspruchs. Standesunterschiede zeigten sich nur in Art und Menge der Fleischbeilagen und in der Häufigkeit, in der die Mahlzeit verzehrt wurde.

Beliebtes Gemüse – bei Mensch und Vieh

Seine Beliebtheit verdankte der Grünkohl seiner außerordentlichen Genügsamkeit, da er zu jeder Jahreszeit wuchs und selbst unter ungünstigen Witterungs- und Bodenverhältnissen kaum der Pflege bedurfte. Bestimmte Sorten konnten zudem als Viehfutter verwertet werden, so dass Mensch und Tier ein Auskommen hatten. Da die Ernte nach dem ersten Frost einsetzte und sich je nach Bedarf bis in das Frühjahr hinziehen konnte, entfiel im Gegensatz zu anderen Gemüsen die Vorratshaltung im Winter. Der Kohl blieb auf dem Feld stehen und konnte täglich frisch geerntet werden. Diese Eigenschaften des Grünkohls beobachtete bereits Fabio Chigi, der spätere Papst Alexander VII., bei seinem Aufenthalt in Münster 1644 bis 1649 im Zuge der Verhandlungen zum „Westfälischen Frieden“: „Man sieht auf den Feldern auch häufig bläulichen Kohl, der nimmer verdirbt, währt lange auch der Winter, und seine Gaben verteilt an die Menschen, Ochsen und Schweine.“

Grünkohlanbau und -verzehr im Tecklenburger Land

Auch im Tecklenburger Land hat der Anbau von Grünkohl eine lange Tradition. Der aus Westerkappeln stammende Tecklenburger Kreisarzt Dr. Ludwig Leonhard Finke (1747-1837) erwähnt anno 1780, dass die Tecklenburger häufig „Grünkohl, selten Weißkohl“ zu sich nehmen. Den ersten Nachweis aber über Grünkohlanbau und -verzehr in der Region findet sich im Jahr 1672 in der Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg durch den Wersener Pfarrer Gerhard Arnold Rump. Er notiert im zweiten Kapitel „Von der Gelegenheit / Art und Beschaffenheit der Grafschafft Tekelenburg“ auf Seite 20: „So ist auch was anlanget die Land-arth und der Acker nebenst Wiesengewechs diese Grafschafft keinem Theil Westfahlens schüldig zu weichen; Dan es wächset alhie guter schierer Roggen / weisser Weitzen / Gersten / Buchweitzen / weiß- und schwartzer Habern / Rübesahmen / guter gesunder brauner Kohl / auch [S. 21] trefflich guht Obst / sonderlich in den Adelichen und anderen wohlzugerichteten Garten“. Somit blicken Anbau und Verzehr von Grünkohl im Tecklenburger Land auf eine mindestens über 340-jährige, schriftlich nachweisbare Geschichte zurück!

Zum Thema

Der Gelehrte Justus Lipsius (1547-1606) berichtete in einem Brief anlässlich einer Reise durch das Oldenburger Land im Jahre 1586 in seine Heimatstadt Brabant über den Grünkohl: „Da bin ich in Oldenburg. Wo liegt das Ding wirst Du fragen? Es ist ein westphälisches Städtchen, ein wahres Nest […] Alles Übel, was Menschen treffen kann, hat mich betroffen: denn alle Elemente waren wider mich in Aufruhr. Und die Speisen – kaum menschlich sind sie. Du kennst meinen Körper, und weißt, daß nur ausgewählte Speise ihn empor hält. Nun denke Dir die Kost in den hiesigen Wirthshäusern! Was sag’ ich, Wirthshäuser? Ställe sind es. […] Da sitzt man dann mit den Fuhrleuten und Schweinetreibern um’s Feuer, trinkt, was sie trinken, und bei jedem Trunk reicht man sich feyerlich die Hand. Indeß wird der Tisch gedeckt. Siehe da, das erste Gericht! Dicker Speck und roh dazu! O mein armer Magen! Was soll ich machen? Andere Kost fordern, das darf ich nicht. Doch da kommt der ersehnte zweyte Gang, die Hauptschüssel! Eine ungeheure Kumme voll braunen Kohls! Einen Finger breit darüber her fließt die Brühe von Schweinefett. Diesen Ambrosia essen meine Westphälinger nicht, sie verschlingen ihn. Mich ekelt er an. […] Das letzte Gericht ist ein Stück Käse, so verdorben, daß er fließt. Aber gerade das halten sie für den Ausbund von Leckerey. So ist’s auf dem Lande, nicht viel besser in den Städten.“

Grünkohl

Grün- oder Braunkohlpflanze auf einem Kupferstich von Matthäus Merian 1626
(Stöwer, Herbert, Kupferstiche Lippischer Städte und Landschaften, Lemgo 1983, Nr. 44)

Quellen und Literatur

  • Große-Dresselhaus, Friedrich, Wie der Tecklenburger Kreisarzt vor 150 Jahren seine Tecklenburger sah, in: Heimatjahrbuch des Kreises Tecklenburg für das Jahr 1926, S. 9f.
  • Jostes, Franz, Westfälisches Trachtenbuch. Volksleben und Volkskultur in Westfalen, 2. Aufl. bearb. u. erw. v. Martha Bringemeier, Münster 1961, S. 64-68.
  • Rump, Gerhard Arnold, Des Heil. Röm. Reichs uhralte höchlöbliche Graffschafft Tekelenburg, Bremen 1672, S. 20f.
  • Westphal, Martin, Kohl- und Pinkelfahrten. Geschichte und Kultur einer Festzeit in Norddeutschland, Münster u.a. 1998, S. 13-24.

Woher kommt das Wort Hâl ‚Kesselhaken‘?

Von Dr. Christof Spannhoff

„Lege mal einen Zacken zu!“ bzw. „Lege mal einen Zahn zu!“. Diese Anweisung hat wohl sicherlich jeder schon einmal gehört. Gemeint ist mit dieser Redewendung, dass man eine Tätigkeit beschleunigen soll. Dahinter steht der bildliche Vergleich mit einer altertümlichen Kochstelle, wie sie z.B. in alten Bauernhäusern – etwa dem niederdeutschen Hallenhaus – anzutreffen war. Über einem offenen Feuer hing ein großer Topf, der mittels Kesselhaken am Rauchfang befestigt war. An dem Kesselhaken befand sich eine Vorrichtung zur Veränderung der Höhe des Kochtopfes. Diese bestand aus einem flachen Stab bzw. einer flachen Stange mit Kerben oder Zähnen. Mittels dieser „Zähne/Zacken“ des Kesselhakens ließ sich die Höhe des Kochkessels zur Feuerstelle variieren, wodurch beim Kochen gezielt Hitze zu- oder abgeführt werden konnte. Legte man also einen Zacken oder Zahn zu, wurde der Kochvorgang beschleunigt. Dieses Bild hat sich dann auf alle Beschleunigungsvorgänge übertragen, wodurch sich die Redewendung „einen Zahn/Zacken zulegen“ erklärt.

Der Hâl

Dieser höhenverstellbare Kesselhaken wurde Hâl bezeichnet. Doch woher kommt eigentlich dieses Wort? Hâl (dialektal auch Haal, Hahl, Haol, Haul u.ä. genannt) war ursprünglich eine vom Rauchfang herunter hängende Kette, an der der Kochkessel über das Feuer gehängt wurde. Später wurde die Kette durch eine Stange mit Haken oder Zähnen ersetzt. Die Bezeichnung Hâl wurde aber auch auf den ‚drehbaren Balkenarm, an dem der Kessel hängt‘ übertragen.

Das Wort war ursprünglich im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet. Im Althochdeutschen ist es als hâhila, hâhala belegt und entwickelte sich zu mittelhochdeutsch hâhel. Durch Kontraktion wurde daraus hâl. Eine gleiche Entwicklung ist auch für das Niederdeutsche festzustellen. Aus altsächsisch hâhal, das mit dem lateinischen Begriff cremacula übersetzt wurde, also schon damals ‚Kesselhaken‘ bedeutete, entwickelte sich ebenfalls die Form mittelniederdeutsch hâl. Bei der ursprünglichen Form hâhal handelte es sich um eine deverbale, also von einem Tätigkeitswort abgeleitete Suffixbildung. Ableitungsgrundlage war das althochdeutsche und altsächsische Verb hâhan ‚hängen‘. Zu vergleichen ist z.B. die Wortbildung von Löffel. Auch dieses Wort ist eine Ableitung mit l-Suffix von einem Verb althochdeutsch laffan ‚lecken, schlürfen‘. Der Löffel ist also das Werkzeug, um zu lecken oder zu schlürfen, also eine Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Der Hâl < hâhal ist ebenfalls eine Ableitung mit l-Suffix, das im Deutschen zur Bildung von Geräte-Wörtern produktiv war: Gabel, Löffel, Zügel, Stößel etc. An dem letztgenannten Begriff Stößel, zum Verb stoßen, also Gerät zum Stoßen, ist dieser Vorgang noch sehr gut zu erkennen. Der Hâl < hâhal, zum Verb hâhan ‚hängen‘, ist also schlicht und einfach ein Gerät, um etwas aufzuhängen.

Ein Hâl im Mühlenhofmuseum in Münster

Ein Hâl im Mühlenhofmuseum in Münster

Literatur

  • Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. Aufl., Berlin 2002.
  • Jürgen Udolph, Die Ortsnamen Hall, Halle, Hallein, Hallstatt und das Salz, Bielefeld 2014 (zum Hâl S. 105-116).