Die Jelze – der Gelb-Bach

Von Dr. Christof Spannhoff

Welchen Ursprung hat der Lienener Gewässername Jelze? Da ältere Belege bislang fehlen, muss von der heutigen Namensform ausgegangen werden. Der niederdeutsche Name Jelze mutet für den Sprachwissenschaftler recht ungewöhnlich an, denn er enthält ein z, das im Lautsystem des Niederdeutschen nicht vorkommt. Deshalb ist anzunehmen, dass der Buchstabe z im Namen für ein scharfes, stimmloses s steht.[1] Zu vergleichen ist etwa die Entwicklung des Flussnamens Efze (< 1267 Effesa)[2], des niederländischen Ortsnamens Gilze (< 1012–1018 Gilisa)[3] oder Seelze bei Hannover (< 1180 Selessen, 1385 Tzelse)[4]. Somit ist für die Analyse des Namens von der Form *Jelse auszugehen. Der Gewässername ähnelt von seiner Bildungsweise her den Flussnamen Ilse (bei Bad Laasphe; 1515 die Ulsse, 1569 die Ulse)[5] oder Werse[6]. Diese Namen sind mit einem s-Suffix gebildet worden, das über einen langen Zeitraum produktiv gewesen ist.[7] So finden sich sowohl vor als auch nach Christi Geburt Gewässernamen, die dieses unselbständige Wortbildungselement enthalten (Suffix = Nachsilbe, Endsilbe. Vgl. gesundGesundheit mit dem Suffix –heit). Zu den vor Christi Geburt entstandenen Gewässernamen gehört die Ems, römerzeitlich Amissis, Amisia[8], zu indogermanisch *am– ‚Flussbett, Graben, Kanal’, an die das s-Suffix mit Bindevokal –isi angehängt wurde. Diese Wortwurzel *am- des nicht überlieferten, sondern rekonstruierten Indogermanischen wurde aus dem Vergleich hethitischer, albanischer und griechischer Wörter gewonnen.[9] In altsächsischer Zeit ist der Gewässername im Raumnamen Emisga Mitte des 9. Jahrhunderts verfugt.[10] Durch den Bindevokal des Suffixes i wurde das a der Stammsilbe zu e umgelautet.[11] Die übrigen Vokale wurden dann im Laufe der Zeit ebenfalls zu e abgeschwächt: Amisia > *Emisia > Emisa > Emesa > *Emese > Emse > Ems.[12]

Ein Beispiel für die Verwendung des s-Suffixes in germanischen Gewässernamen, die wohl nach Christi Geburt entstanden sind, ist der Moersbach in Moers, der Anfang des 10. Jahrhunderts bereits als Ortsname in Murse < *Môr-isa ‚Sumpf-Bach‘, zu altniederdeutsch môr, althochdeutsch muor ‚Sumpf, Moor‘, erscheint.[13]

Somit ist auch für den Gewässernamen Jelze < *Jelse bei Lienen eine solche Bildung anzunehmen und von einer Grundform *Jal-isi / *Jal-isa oder *Jel-isi / *Jel-isa auszugehen. Doch an welchen Stamm wurde das s-Suffix angehängt? Da sich im Germanischen kein sinnvoller Anschluss für *jal– bzw. *jel– finden lässt und weil im Niederdeutschen vielfach der Übergang von g zu j zu beobachten ist (vgl. z.B. die niederdeutsche Form des Rufnamens Georg > Jürgen, Jörgen)[14], ist vielmehr von der Grundform *Gal-isi / *Gal-isa oder *Gel-isi / *Gel-isa auszugehen. Dass der Übergang von g zu j auch in Lienen anzutreffen ist, zeigen die historischen Belege des Gemenbaches, die mit Jemenbach wechseln.[15] Bestätigung erfahren diese Überlegungen durch die Form Gelsenbeck, die auf einer Karte aus dem Jahr 1782 erscheint.[15a] Aus diesen Überlegungen ergeben sich drei Erklärungsmöglichkeiten für den Bachnamen Jelze:

Zum einen könnte der Name zum Wortfeld um das Verb gellen ‚tönen, rufen, schreien‘, altsächsisch gellan ‚Laut geben‘[16] gehören. Die Jelze wäre dann ein ‚Gell-Bach‘ gewesen, also nach seinem Fließgeräusch benannt worden, was keine Seltenheit ist.[17]

Zum anderen könnte der Name zu altsächsisch gêl ‚ausgelassen, geil‘[18] gestellt werden und somit durch die Fließgeschwindigkeit des Gewässers motiviert worden sein. Dass dieses Wortfeld in Gewässernamen vorkommen kann, zeigen die Gailenbäche[19] oder Geilgräben[20].

Zum Dritten könnte der Name zur Farbe gelb, altsächsisch gelu ‚gelb, goldglänzend, safranfarben‘ zu stellen sein.[21] Der Benennungsgrund wäre dann die gelbliche Färbung des Gewässers gewesen. Die Farbe gelb in Gewässernamen belegen die zahlreiche Gehlenbäche[22], Gel(b)bäche[23] oder Goldbäche[24].

Dass die dritte Erklärung die wahrscheinlichste ist, zeigt die Bezeichnung des Jelzen-Baches auf einer Karte aus dem Jahr 1782.[25] Hier wird er als „Gehlenbeck“ bezeichnet, was dann eine moderne Übersetzung des alten *Gel-isa / *Gel-isi > *Jel-isi / *Jel-isa > *Jelse > *Jelze darstellt. Die Jelze ist also sehr wahrscheinlich ein ‚Gelb-Bach‘ gewesen.

[1] Möglich wäre auch eine Entstehung des z durch sogenannten Zetazismus, bei dem sich ein k-Laut zu einem z-Laut entwickelt. In diesem Fall wäre der Gewässername Jelze mit einem k-Suffix gebildet worden. Da dieser Lautwandelprozess aber für das nördliche Westfalen bisher nicht nachgewiesen ist, ist wahrscheinlicher von einer Bildung mit einem s-Suffix auszugehen. Diese Annahme wird auch durch die in der Umgebung zu findenden Gewässernamen, die eindeutig mit einem s-Suffix gebildet wurden, bestätigt.

[2] Debus, Friedhelm, Artikel –apa, in: Deutsches Ortsnamenbuch, hrsg. v. Manfred Niemeyer, Berlin u. Boston 2012, S. 35.

[3] Greule, Albrecht, Deutsches Gewässernamenbuch. Etymologie der Gewässernamen und der zugehörigen Gebiets-, Siedlungs- und Flurnamen, Berlin 2014, S. 175.

[4] Ebd., S. 583.

[5] Ebd., S. 241.

[6] Ebd., S. 585.

[7] Udolph, Jürgen, Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin u.a. 1994, S. 199–218; Derks, Paul, Der Siedlungsname Sinsen, Marl 2003; Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Gemeinde Weeze am Niederrhein. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen. Mit einem Ausblick nach Geldern und Goch, Weeze 2006, S. 16.

[8] Mela, Pomponius, Kreuzfahrt durch die Alte Welt [De Chorographia]. Zweisprachige Ausgabe v. Kai Brodersen, Darmstadt 1994, III c. 30: in oceanum Amissis, Visurgis et Albis – „in den Ozean [fließen] Ems, Weser und Elbe“. Cornelius Tacitus, P[ublius], Annalen. Lateinisch und deutsch, hrsg. v. Erich Heller, München u. Zürich 1982 (Ende des 1. Jahrhunderts), I c. 60: per Bructeros ad flumen Amisiam – „durch [das Gebiet der] Brukterer zum Fluß Ems“. – Zusammenstellung der Belege bei Rasch, Gerhard, Antike geographische Namen nördlich der Alpen. Mit einem Beitrag von Hermann Reichert „Germanien in der Sicht des Ptolemaios“, hrsg. v. Stefan Zimmer unter Mitwirkung v. Hasso Heiland, Berlin u. New York 2005, S. 15.

[9] Krahe, Hans, Unsere ältesten Flussnamen, Wiesbaden 1964, S. 42.

[10] Die Vitae sancti Liudgeri, hrsg. v. Wilhelm Diekamp, Münster 1881, I, Kapitel 22.þ

[11] Gallée, Johan Hendrik, Altsächsische Grammatik, 3. Aufl.: mit Berichtigungen u. Literatur-Nachträgen v. Heinrich Tiefenbach, Tübingen 1993, § 46.

[12] Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 128; Schmid, Wolfgang P[aul], Ems, § 1: Namenkundliches, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 7 (1989), S. 274.

[13] Mit den Nachweisen bei Derks, Weeze, S. 17.

[14] Lasch, Agathe, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, § 342.

[15] Gemeindearchiv Lienen, A 180: Die Wiederherstellung der Jemen-Brücke auf der Landstraße nach Lengerich bei Wittmanns (1828). Katasteramt Steinfurt, 5047-1-01-Nr. 2 (Flurübersicht 1828): „Iemenhuss“.

[15a] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A 271: Grenzabschnitte und Markennutzungen bei Lienen und Ostenfelde, auch den Hüls, Rotheide und Grenze zwischen Liener und Glandorfer Plaggenstich (1782).

[16] Tiefenbach, Heinrich, Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary, Berlin u. New York 2010, S. 121.

[17] Schröder, Edward, Bachnamen und Siedlungsnamen in ihrem Verhältnis zu einander, in: Ders., Deutsche Namenkunde. Gesammelte Aufsätze zur Kunde deutscher Personen- und Ortsnamen, 2., stark erw. Aufl., besorgt v. L.[udwig] Wolff, Göttingen 1944, S. 356–367, hier S. 359; Ders., Flußnamen, in: Ders., Deutsche Namenkunde. Gesammelte Aufsätze zur Kunde deutscher Personen- und Ortsnamen, 2., stark erw. Aufl., besorgt v. L.[udwig] Wolff, Göttingen 1944, S. 368–374, hier S. 373; Bach, Adolf, Deutsche Namenkunde, 3 Bde., Heidelberg 1952–56, Bd. 2: Die deutschen Ortsnamen, Teil 1: Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, zur Satzfügung, Wortbildung und -bedeutung der deutschen Ortsnamen, Heidelberg 1953, § 298, 4; Krahe, Flussnamen, S. 20, 22 u. 25; Spannhoff, Christof, Düte – der rauschende Flusslauf, in: Ders., Von Schale bis Lienen. Streifzüge durch die Geschichte des Tecklenburger Landes, Norderstedt 2012, S. 68f.; Vgl. auch: Spannhoff, Christof, Namen sind Nachrichten. Die Ortsbezeichnungen in Westerkappeln erzählen Geschichte(n), in: Unser Kreis 2011. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 24 (2010), S. 66–73.

[18] Tiefenbach, Handwörterbuch, S. 120.

[19] Greule, Gewässernamenbuch, S. 162.

[20] Ebd., S. 169.

[21] Tiefenbach, Handwörterbuch, S. 122.

[22] Greule, Gewässernamenbuch, S. 169, 171.

[23] Ebd., S. 170, 171.

[24] Ebd., S. 184.

[25] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A (KSA), Nr. 60: Grenzabschnitte bei der Leeder Mühle, Leeden-Budken-Heide, bei Leeden zwischen Klaus- und Hohler Berg, Leeden-Behrenbruch am Klausberg, bei Lienen und Iburg am Urberg. Teil des Ostenfelder und Liener Waldes (sechs Einzelkarten) (Nebenkarte Nr. 2), 1782.

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Lienen und Kattenvenne im Dreißigjährigen und Siebenjährigen Krieg

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Dreißigjährige Krieg

In das Jahr 2013 fällt der 365. Jahrestag des „Westfälischen Friedens“. Die unter diesem Namen zusammengefassten Verhandlungen beendeten aber nicht nur den bekannten „Dreißigjährigen Krieg“, sondern auch den achtzig Jahre andauernden niederländischen Unabhängigkeitskrieg (1568-1648).[1] Beide Konflikte zogen auch Lienen in Mitleidenschaft. Eine wichtige Quelle stellen u.a. die Tecklenburger Schatzungsregister aus jener Zeit dar. Die Viehlisten von 1643[2] zeigen die kriegerischen Auseinandersetzungen deutlich: Zahlreiche Höfe waren fünf Jahre vor Kriegsende (1648) nicht mehr in der Lage, die Steuern für ihr Vieh aufzubringen. Über den Hof Bischof (Thieplatz) heißt es: „Johan Bisschup pauper (arm) daselbst sein zwey arme tochter, haben zwei Kühe“.[3] Auch Lienemann (Standort heutige Apotheke Zur Robbe) wird als „pauper“ (arm) geführt. Dort wohnten „zwey alte lhame Weiber“, die zwei Kühe besaßen.[4] Ebenfalls konnten „Claus Hollenberch“ und die „Wittib Kramersch“, die beide eine Kuh hielten, den Steuerbetrag nicht aufbringen.[5] Den Zusatz „pauper“ trugen zudem der „Alte[r] Sellemeyer“ in der Bauerschaft Meckelwege[6], „Jurgen Rogge“, „Older Ridder“ und der Bewohner von „Mindorps Lifftucht“ in Holperdorp.[7] Direkte Kriegseinwirkungen werden bei den Höfen Wesselmann in Westerbeck[8] und Heitgreß in Kattenvenne sichtbar. Zu beiden wird vermerkt, dass sie zweimal abgebrannt waren.[9] Die Kühe der Westerbecker Bauern Hörstebrock und Herman Brüninck werden als geliehen bezeichnet, da sie „genommen“ bzw. „beraubt“ worden waren.[10] Lübbermann hatte keinen Viehbestand mehr, ebenso Starke und Niehus, der Hof Holthaus war verlassen und ein stattliches Anwesen wie Ahmann in Meckelwege hatte nur noch ein Pferd und eine Kuh an Viehbestand aufzuweisen.[11] Weiterhin auffällig ist der desolate Zustand der Pferde in allen Bauerschaften des Kirchspiels, die als alt, blind und lahm beschrieben werden – Folgen des Krieges![12]

Bei vormodernen Kriegen handelte es sich allerdings nicht um kontinuierlich andauernde Kriegseinwirkungen, sondern vielmehr um zahlreiche kriegerische Handlungen, die von längeren Kriegspausen unterbrochen wurden. Für Lienen lässt sich folgendes Bild zeichnen: Bereits im Jahre 1596 wurde neben den Kirchspielen Hagen, Laer (Bad Laer), Glane und Glandorf auch Lienen geplündert.[13] Ende 1608 raubten Soldaten in Laer, Glane und Lienen. Ein Jahr später zogen weitere Truppen über Lengerich und Lienen ins Osnabrückische. Ebenfalls 1609 fielen siebzig Reiter ins Tecklenburgische ein, die von Glane nach Lienen kamen. 1616 war der Hof Schäfer im Wiehe (Glandorfer Damm 56) in „Schuld und Beschwerung geraten“.[14] 1623 hauste Christian von Braunschweig in der Iburger Gegend. Als Kontribution mussten 10.000 kg Brot, 400 Fass Bier, 50 Fuder Hafer und Schlachtvieh geliefert werden.[15] 1625 lagen niederländische Truppen in Belm bei Osnabrück, die dann nach Tecklenburg zogen und schließlich Lienen besetzten. In einer Akte vom 7. Juli 1625 heißt es, dass vier Soldaten auf den Höfen Niemöller und Drücker in Holzhausen insgesamt 1 Daler, 2 ½ Schillinge und 1 ½ Pfennig verzehrt hatten.[16] 1626 ist von Kriegsdrangsalen auf dem Hof Tiemann in Höste die Rede.[17] Tiemann verlegte seinen Hof deswegen weiter nach Süden.[18] Weitere Kriegseinwirkungen schlagen sich im 1609 begonnenen Lagerbuch der evangelischen Kirchengemeinde Lienen nieder.[19] Aufgrund der Kriegslasten konnten 1628 die aus der Armenkasse aufgenommenen Gelder von den Kreditnehmern kaum noch verzinst werden. Am Sonntag, den 05.05.1633, plünderten die kaiserlichen Truppen, die vor Osnabrück lagen, die Kirche zu Lienen, kurz danach waren es die Schweden. 1634 konfiszierten die Schweden wieder das Lienener Armengeld. Eine letzte Eintragung stammt aus dem Jahre 1636: „Vierziehen dage na paschen [Ostern] etzliche reuber am Middags eingefallen, haben Leute unversehens überfallen, Leute gewundet, auch einen Kleinen vorrath armen gelds weggenommen.“[20] – unruhige Zeiten!

Der Siebenjährige Krieg[21]

Als Siebenjähriger Krieg, oder auch dritter Schlesischer Krieg, wird der Konflikt zwischen Frankreich, England, Österreich, Russland und Preußen in den Jahren zwischen 1756 und 1763 bezeichnet.

Doch auch die westfälische Grafschaft Tecklenburg und das Kirchspiel Lienen wurden in Mitleidenschaft gezogen. Nach dem Sieg über den Herzog von Cumberland 1756 wurden die Gebiete westlich der Weser von französischen Truppen besetzt. So erhielt Lienen am 13. April 1757 eine französische Besatzung, die bis zum 7. März 1758 blieb. Neben der die Bevölkerung drückenden Einquartierung verlangten die Besatzer auch hohe Abgaben. Die Franzosen beanspruchten von den Gemeinden des Tecklenburger Landes Winter-Quartier-Gelder. Als diese nicht sofort aufgebracht werden konnten, erschien am 2. Februar 1758 ein Exekutionskommando in Lienen, um die Gelder zwangsweise einzutreiben. Am 6. März wurde der Lienener Amtmann Arendt aufgefordert, sich umgehend 100 Brote zu beschaffen, die er an diejenigen Bauern austeilen sollte, die Dragoner (berittene Infanterie) im Quartier und für diese kein Brot mehr hatten. Damals lagen nämlich vom 2. bis 8. März zwei französische Regimenter in Lienen. Das geforderte Brot sollte von den Bauern gebacken werden, die keine Einquartierung erdulden mussten. Für die Offiziere sollten die fünf Bäcker des Bezirks sofort Weizenmehl erhalten und daraus Weißbrot herstellen. Für die Pferde wurde Roggen verlangt. Die Truppen lagen auf den Höfen Schulte-Uffelage (10 Dragoner, 10 Pferde), Ibershoff (24 Dragoner, 30 Pferde), Holtmeier (ein Offizier, 14 Dragoner, 15 Pferde), Schomberg (31 Dragoner, 31 Pferde), Arnd Jobst Metger (drei Offiziere, zwei Knechte, 21 Dragoner, 26 Pferde), Kibbe (56 Dragoner, 56 Pferde). Selbst Heuerleute waren von Einquartierungen nicht verschont. Die errechneten Kosten beliefen sich auf 5428 Taler. Als die Franzosen abgezogen waren, rückten unmittelbar Hannoversche Truppen unter Ferdinand von Braunschweig nach.

Doch die Lienener Bevölkerung hatte nicht nur unter den Einquartierungen zu leiden, sondern auch unter den zahllosen Fuhrdiensten, die Wagen und Pferde, die eigentlich im landwirtschaftlichen Betrieb benötigt wurden, banden. So mussten die Lienener Einwohner 1758 25 sechsspännige Wagen für Magazin-Fuhren nach Bielefeld stellen. Da aber nur 11 Wagen in Bielefeld erschienen, wurde ein militärisches Exekutionskommando angedroht. Im November wurden erneut 25 Sechsspänner gefordert. 1759 beklagte sich der Lienener Amtmann über die Einwohner seines Bezirks. Er schrieb, dass er sich „allezeit mit den Bauern herumscheren müsse“, wenn es darum ging, Abgaben und Kriegsdienstleistungen zu erbringen. Auch der Ladberger Amtmann Strücker beschwerte sich über die Lienener. Wegen eines Transports von Kanonen nach Wesel hatte die Grafschaft Tecklenburg 220 angeschirrte Pferde zu stellen. Aus Lienen wurden 31 Pferde gefordert. Die Lienener dachten aber gar nicht daran, ihre Pferde abzugeben. Sie blieben also aus. Amtmann Strücker, der den Transport zu organisieren hatte, schreib verzweifelt: „es sei möglich, daß durch die Liener Negligence [Nachlässigkeit; C.S.] und Ungehorsam die ganze Weseler Belagerung ins Stocken gerät.“ Die Kanonen wurden nämlich zur Belagerung der Franzosen in Wesel benötigt. Doch ihre Weigerung nützte den Lienener Bauern wenig. Die fehlenden Pferde wurden gewaltsam abgeführt. Auch die Tiere hatten unter diesen Fuhren zu leiden. Dem Westerbecker Bauern Hörstebrock starb ein Pferd bei besagtem Kanonentransport.

Ihre stetige Weigerung, Abgaben und Dienste für die durchziehenden Truppen zu leisten, brachte den Lienenern eine Rüge durch die Tecklenburger Amtsbehörde ein. In einem Schreiben vom 24. Februar 1762 an den Amtmann Arendt heißt es: „Es sind keine Bauern, die sich so saumselig betragen, als die Lienen’schen. Es wird wohl nicht an dem Herrn Amtmann, sondern an ihrer [der Bauern; C.S.] Art liegen.“

Wenige Tage später hatte der Polizei-Führer Georg Heinrich Kriege die zwangsweise Gestellung von Fuhrwerken nach Meppen zu veranlassen. Als sich einige Lienener Bauern abermals weigerten, diese Dienste zu leisten, schritt der Polizeiführer mit seinen Schützen ein und sperrte die Widerstand leistenden Personen mit Waffengewalt in das Amtshaus. Die Kolone Hörstebrock und Spanhoff entzogen sich allerdings dieser Verhaftung durch Abwesenheit.[22] Der Bauer Schomberg wurde auf das Bitten der Frau des Amtmanns freigelassen. In Holzhausen fand am 6. März 1762 eine ähnliche Aushebung statt, weshalb wiederum einige sich weigernde Bauern in Arrest kamen. Einen Tag darauf schrieb der Polizeiführer Kriege an den Amtmann Arendt: „Ich habe heute Holtmeier, Ibershoff und Schomberg nicht nur einmal, sondern dreimal zu mir bestellen lassen, allein stünden auch 10 Groschen Strafe dabei, so kommen sie nicht, sondern flüchten alle, es ist jetzo, wenn sie zu mir kommen sollen, als wenn sie zum Teufel sollten.“ Die Bauern wussten indes, warum sie sich nicht beim Polizeiführer einfanden, waren diese Besuche in den Tagen des Siebenjährigen Krieges doch stets mit Zahlungen oder unliebsamen Arbeiten verbunden. Als am 7 Juli 1762 ein Teil vom Korps Scheiter in Lienen einrückte, wurden Zug- und Ordonanzpferde vom Polizeiführer Kriege verlangt. Dieser versuchte verzweifelt die Tiere zu beschaffen, doch konnte er sie nicht auftreiben, weil alle Pferde beiseite gebracht worden waren. Da er aber, wie aus seinem Schreiben hervorgeht, „mit einer Prügelsuppe gewiß wäre traktiret worden, welche aber nicht zu empfangen, er es vorgezogen hätte, mit den Untervögten zu entweichen“. Die Einquartierung blieb eine Nacht und requirierte bei Ebbeler und Altevogt die nötige Fourage [Pferdefutter]. Der Polizeiführer aber befand sich in so großer Bedrängnis, dass er beabsichtigte, „sein Haus gleich anderen zu verlassen und preiszugeben“.

Am 29. November 1762 rückten in Lienen 550 Engländer vom Regiment Stuard ein, die am 30. November weiter nach Hopsten marschierten. In Lengerich lag im Dezember 1762 ein Korps kranker Engländer. 1762 mussten die Lienener Einwohner den in Lengerich eingefallenen 3000 Soldaten vom Dragoner-Regiment der britischen Legion binnen sechs Stunden 16 Rinder, sechs Hammel, Butter und andere Viktualien [Lebensmittel], zudem acht gesattelte Pferde und zehn bespannte Leiterwagen abliefern. Im Winter 1762/63 bezogen vier Bataillone englischer Infanterie in der Grafschaft Quartier. Zwar blieb Lienen davon verschont, musste aber Hafer, Heu und Stroh liefern.

Von diesen im Tecklenburger Land stationierten englischen Soldaten kehrte einer nachweislich seiner Einheit den Rücken und blieb für den Rest seines Lebens in Kattenvenne: der englische Soldat Wilm Robert Aldey (später auch: Halladey, Hallerdy, Hallerdei). Am 30.10.1763 vermählte er sich mit der Lienenerin Anna Catharina Brundiek und siedelte sich zusammen mit ihr und „mit 26 Talern Vermögen“ als Schneider in der Bauerschaft Kattenvenne an.[23]

Doch auch nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges, verursachten dessen Folgen weiterhin Kosten für die Gemeinde. So mussten 1787 – 24 Jahre nach Kriegsende – immerhin noch drei Veteranen versorgt werden: 1) Johann Wilhelm Hülck oder Blömker (1. Bataillon Neuwied’sches Regiment), bei Kloster Wohlstadt verwundet, in Kattenvenne wohnend, 2) Wilm Bernhard Vahrenhorst (Grenadier Bataillon Magdeburg) aus Kattenvenne, ebenfalls bei Kloster Wohlstadt verwundet, 1763 beurlaubt, aber nicht zum Regimemnt zurückgekehrt, 3) Jürgen Kuck aus Holzhausen (in Wittenbrocks Heuerhaus) 1764 vom 2. Bataillon Neuwied’schen Regiments in die Heimat desertiert – schwere Zeiten!

Druckfassung in: Kattenvenne? – Kattenvenne! Beiträge zur Geschichte eines Dorfes im Münsterland, hrsg. v.d. Kattenvenne 1312 eG, 2., überarb. Aufl., Lengerich 2013, S. 57–59.

[1] Berger, Eva, Dem Frieden die Zukunft. 1618-1648. Sozialgeschichtliche Beiträge aus dem Kreis Steinfurt: Der Dreißigjährige Krieg und die Hoffnung auf Frieden, Steinfurt 1998.

[2] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 97–131, Lienen: S. 120–126.

[3]  Ebd., S. 120.

[4] Ebd., S. 120.

[5] Ebd., S. 121.

[6] Ebd., S. 124.

[7] Ebd., S. 125.

[8] Ebd., S. 122.

[9] Ebd., S. 124.

[10] Ebd., S. 122.

[11] Ebd., S. 124.

[12] Ebd., S. 125.

[13] Stüve, Johann Carl Bertram, Geschichte des Hochstifts Osnabrück, 3 Bde., Osnabrück 1853-1882, Bd. II: 1508 bis 1623, Osnabrück 1872, S. 377.

[14] Hunsche, Friedrich Ernst, Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v. d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965, S. 254; Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 267.

[15] Stüve, Geschichte II, S. 471, Hunsche, Lienen, S. 41.

[16] Hunsche, Lienen, S. 41, Anm. 67.

[17] Hunsche, Lienen, S. 243.

[18] Wilkens, Lienen, S. 225.

[19] Wilkens, Wilhelm, Das Lagerbuch von Lienen und die Spuren eines langen Krieges, in: Unser Kreis 1998. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt, S. 126–130.

[20] Ebd., S. 127.

[21] Das Folgende nach: Hagedorn, Adolf, Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Lienen und des Kreises Tecklenburg 1700-1815, in: Heimatjahrbuch des Kreises Tecklenburg 1925, S. 7–76, hier S. 30–37.

[22] Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. I, Norderstedt 2007, S. 515.

[23] Hunsche, Friedrich Ernst, Auswanderer-Chronik der Gemeinde Lienen, Lengerich 1990, Nr. 867.

Die Kattenvenner Bachnamen

Von Dr. Christof Spannhoff

Das Gebiet Kattenvennes wird von drei größeren Bächen durchflossen: dem Riedenbach im Süden, dem von diesem etwas nördlicher verlaufenden Bullerbach und dem Mühlenbach im Norden. Das Einzugsgebiet des Kattenvenner Gewässersystems umfasst den Westteil der Kattenvenner Flachmulde. Die maßgeblichen Gewässer fließen in Ost-West-Richtung und verbinden sich im Westen Ladbergens zur Glane. Diese fließt wiederum bei Hembergen in die Ems. Somit entwässert das gesamte Kattenvenner Oberflächengewässersystem zur oberen Ems hin.[1]

Riedenbach

Der Riedenbach entspringt in der Meckelweger Mark und bildet auf rund anderthalb Kilometern die Grenze zwischen den Gemeinden Lienen (Kreis Steinfurt) und Glandorf (Landkreis Osnabrück), bis er schließlich in die Ostbeverner Aa mündet. Aus diesem Grund ist der Name des Baches bereits seit dem 17. Jahrhundert als Punkt zur Kennzeichnung der Grenze zwischen der Grafschaft Tecklenburg und dem Hochstift Osnabrück belegt. 1612 werden als Grenzpunkte sowohl die witte Ride als auch die roite Ride genannt.[2] In einem Grenzverlaufsprotokoll vom Ende des 17. Jahrhunderts ist dann von einem „Platz zwischen der Roden Riede und Riesen Kempen“ die Rede.[3] Noch im Übersichtsplan zum Urkataster 1829 heißt ein Flurstück in Grenznähe zwischen Kattenvenne und Schwege In de Rode Ride.[4] Alle diese Bezeichnungen gehen auf mittelniederdeutsch ride, rie ‚Bach, kleiner Bach, Wasserlauf‘ zurück.[5] Im Idioticon Osnabrugense, einem vom Osnabrücker Gymnasialrektor Johann Christoph Strodtmann (1717–1756) 1756 verfasstem Wörterbuch der Osnabrücker Mundart, heißt es: „rye ein kleiner Bach; dagegen ein großer Bach heißt beke, und ein Fluß vlöte.“[6]

In der Grenzbeschreibung von 1612 benennt die roite Ride allerdings eine Wiese, kein Gewässer: Die Grenze verlief „nider der roiten Riden her (: welche den Herrn von Tecklenburg wissche ist :)“.[7] Dieses Problem lässt sich auflösen, wenn man bedenkt, dass ein Gewässername auch auf die durchflossene Niederung übergehen kann.[8] Das gleiche Phänomen findet sich bei dem Gewässerwort siek(e)[9], das ursprünglich ebenfalls ein fließendes Gewässer bezeichnete, dann aber auf das durchflossene Gebiet übertragen wurde.[10] Die enge Verbindung von Gewässer und Umland (Wiese) im Falle der roite Ride(n) zeigt sich auch darin anschaulich, dass für den Wiesenbau der vormodernen Landwirtschaft ein fließendes Gewässer zur Bewässerung und Düngung notwendig war. Deshalb finden sich noch bis 19. Jahrhundert hinein Wiesen zumeist an Fluss- und Bachläufen. War auch der geregelte Zulauf von Wasser aus den Bächen zur Bewässerung durch mechanische Vorrichtungen erforderlich und gewünscht, so brachten Überschwemmungen zur falschen Zeit häufige Klagen der Anwohner über faulendes Heu und sumpfige Viehweideplätze mit sich. Diese Überflutungen konnten bei flachen Gewässern schon durch einen längeren Regen, starke Schneeschmelze oder durch angespülte Sandbänke und Schlammansammlungen, die das Wasser stauten, entstehen. Ein weiteres Problem war die Vegetation. Überhängende Uferbäume und -sträucher hinderten, insbesondere, wenn sie um- und ins Wasser fielen, ebenso wie Rohr und Schilf den gleichmäßigen Wasserabfluss. Doch auch ein zu hoher Mühlenstau konnte das Wasser über die Ufer treten lassen. Somit waren die Anwohner stets im eigenen Interesse angehalten, die Bäche zu reinigen und instand zu halten. Dazu dienten die regelmäßige Entfernung der Ufervegetation und das Befreien der Fließgewässer von Schlamm und Sandbänken. Zudem schuf eine Befestigung der angrenzenden Nutzflächen mittels Damm oder Wall Abhilfe. Oftmals blieben diese unbeliebten Arbeiten allerdings aus, so dass es wieder zu Überflutungen kam.[11]

Das Grundwort –bach im Namen Riedenbach ist zur näheren Kennzeichnung des Gewässers wohl erst angehängt worden, als die Bezeichnung riede bereits vom Bachlauf auf das Niederungsgebiet übergegangen war.

Bullerbach

Der Bullerbach, der in der Bauerschaft Meckelwege entsteht und westlich der Bahnlinie Münster-Osnabrück in den Ladberger Mühlenbach mündet, fließt anfänglich nördlich des ehemaligen Hofes Ahmann (Meckelwege 5, heute Meckelweger Str. 16) entlang. Man könnte vermuten, dass sich in diesem Hofnamen, der erstmals 1284 als A domus una, Mekelwede auftritt[12], der alte Name des Gewässers erhalten hat (vgl. die in Westfalen sehr zahlreichen Aa-Bäche, etwa die Münstersche Aa, Steinfurter Aa oder Ibbenbürener Aa etc.). Doch bedeutet mittelniederdeutsch â lediglich ‚fließendes oder stehendes Wasser‘.[13] Das Wort geht zurück auf altsächsisch, althochdeutsch aha in gleicher Bedeutung. Altsächsisch, althochdeutsch aha ist die lautliche germanische Entsprechung zu lateinisch aqua ‚Wasser‘ (denn indogermanisch k (qu) wird zu germanisch h). Somit bedeutet â lediglich Wasser. Der Hofname Ahmann besagt also nur, dass die Hofstelle an einem stehenden oder fließenden – im Falle Ahmann an einem fließenden – Gewässer – nämlich dem Bullerbach – gelegen war, nicht, dass dieses Gewässer ursprünglich den Namen *Aa getragen hat. A domus una, Mekelwede[14] ist das ‚Haus beim Wasser‘ oder ‚Haus an einem Bach‘.

a) Der Name Bullerbach lässt sich, nach den bisherigen Erkenntnissen, erstmals im Urkataster von 1828/29 als Bullerbieke und de Bullerbecke[15] Der Name ist ein Kompositum und eindeutig mit dem Grundwort mittelniederdeutsch bike, beke ‚Bach‘ gebildet.[16]

Schwieriger ist die Ermittlung des Bestimmungswortes buller. Eine Erklärungsmöglichkeit besteht im Anschluss an das mittelniederdeutsche Substantiv bulder, buller ‚Gepolter, Getöse‘ als Stammkompositum bzw. an das Partizip Präsens zum mittelniederdeutschen Verb bulderen/bullern ‚poltern, lärmen‘[17] in der zu erschließenden syntagmatischen Wendung *to/bi der bulderenden/bullernden beke ‚zu/bei dem polternden/lärmenden Bach‘, verkürzt durch haplologischen Silbenausfall zu Bullerbeke (der Vorgang des Ausfalls gleichlautender Silben ist in zahlreichen Ortsnamen nachgewiesen worden[18]). Der Bullerbach wäre somit ein ‚Polter- bzw. Lärmbach‘ oder ‚polternder bzw. lärmender Bach‘ gewesen.

Nun ist aber im Niederungsgebiet der Kattenvenner Flachmulde das natürliche Gefälle sehr gering, so dass eine Deutung als polternder oder lärmender Bach nicht überzeugen will, wenn man nicht ein ironisches Benennungsmotiv für einen besonders langsam fließenden Bachlauf, den man scherzhaft oder abwertend als ‚polternd, lärmend‘ bezeichnete, annehmen will. Eine solche Benennung könnte auch beim Staubach in Lienen (seit 2005 in Liene umbenannt[19]) vorliegen, der im Urkataster noch als De Stolte Beeke[20] ‚der stolze Bach‘ bezeichnet wird, obwohl er gar nicht so breit, tief oder besonders wasserführend, also besonders stolt im Sinne von ‚herrlich, stattlich, ansehnlich, schön‘ ist.[21] So hat Edward Schröder festgestellt, dass Gewässer, die als Breit-, Breiten– oder Tiefenbach bezeichnet werden, zumeist nicht sonderlich breit oder tief sind und somit wohl die relative Breite oder Tiefe das ausschlaggebende Benennungsmotiv gewesen sein dürfte.[22]

Möglicherweise unterschied sich die Gestalt des Bullerbaches zum Zeitpunkt der Namengebung auch noch stark von seinem heutigen Erscheinungsbild. Durch die stete mittelalterliche Rodung der Wälder kam es verstärkt zu Erdabtragungen von den gerodeten Flächen, die durch Niederschlag in die Gewässer geschwemmt wurden, wodurch diese immer mehr versandeten.[23] Durch diesen Vorgang könnten sich die geomorphologischen Voraussetzungen für das möglicherweise ursprünglich namengebende ‚Poltern‘ verändert haben und das Geräusch verstummt sein.

b) Doch es gibt noch eine weitere Anschlussmöglichkeit für das Bestimmungswort buller, wenn man den Namen des Kattenvenner Bullerbachs mit dem primären Gewässer- und sekundäre Ortsnamen Bulmke bei Gelsenkirchen vergleicht: Mitte des 12. Jahrhunderts wird der Ort Bulmke als in Bullinbeke, aber auch als de Bullerbeke[24] 1220 heißt die Siedlung dann Bullenbeke.[25] Im Falle Bulmkes meint der Gewässername, der dann an die an ihm liegende Siedlung übergegangen ist, also eindeutig einen ‚Bullenbach‘, zu altsächsisch *bullo ‚Bulle, Stier‘, erschlossen aus früh-mittelenglisch bulle und mittelniederdeutsch bulle ‚Stier‘.[26] Der ‚Bulle‘ findet sich in Flurnamen nicht selten.[27] Auch für Lienen-Höste ist im Urkataster ein Bullbrinks Weg in der Höster Mark an der Grenze zu Lengerich verzeichnet, der eine Flurbezeichnung *Bullbrink voraussetzt.[28] Gesetzt den Fall, dass für den Kattenvenner Bullerbach eine ähnliche lautliche Entwicklung wie im Fall von Bulmke anzunehmen ist und es sich bei der Form de Bullerbeke aus der Mitte des 12. Jahrhunderts nicht lediglich um eine Verschreibung handelt, könnte der Kattenvenner Bullerbach ebenfalls ein „Bullenbach“ gewesen sein. Als semantische Parallelen sind hier die beiden Orte namens Ossenbeck bei Drensteinfurt (um 890 in Ohsanobeki, 1236 de Ossenbeke, zu altsächsisch *ohso, *osso, altniederfränkisch ohso, mittelniederdeutsch osse ‚Stier, Ochse‘[29]) und bei Mecklenbeck (Wüstung; 1426/1427 de kempe upp der Ossenbecke, 1538739 de domo Joannis Ossenbecke) zu nennen.[30]

Zwischen den Formen Bullen und Buller lässt sich – mit Einschränkungen – auch sprachlich im Hinblick auf die Entwicklung der Substantive vermitteln, die den Plural auf –er bilden: Das Pluralsuffix –er geht auf ein ursprüngliches Stammbildungssuffix indogermanisch –es/-os zurück, das in den Kasus (Fällen) des Singulars allgemein geschwunden ist. Im Plural blieb es jedoch erhalten. Das indogermanische Stammbildungssuffix –es/-os entwickelte sich im Germanischen zu –iz/-az, im Althochdeutschen und Altsächsischen zu –ir/-ar und schließlich durch Nebensilbenabschwächung im Mittelhoch- und Mittelniederdeutschen zu –er. Noch im Althochdeutschen und Altsächsischen wird der Plural nur weniger Wörter mit diesem Suffix gebildet: blat, ei, farh (Ferkel), (h)rind, (h)ris (Reis, Zweig), huon, kalb, lamb. Doch nimmt die Zahl der Wörter mit Pluralbildung auf –er nach dem 11. Jahrhundert stark zu. D.h., dass der Plural auf –er auf Wörter übertragen wurde, die zuvor den Plural in anderer Form bildeten. In der Folge standen also zwei Pluralformen nebeneinander, so etwa bei abgot, feld, grab, hâr, holz, hûs, loub, rad. Die Pluralbildung auf –er erfasste sowohl neutrale als auch maskuline Substantive. So erklärt es sich, dass noch heute Schilde und Schilder, Tuche und Tücher, Worte und Wörter u.a. sich gegenüber stehen. Die umlautfähigen Vokale (a, o, u) in der Wortwurzel müssen dabei noch im Althochdeutschen und Altsächsischen durch das Suffix –ir umgelautet worden sein, bevor es in mittelhoch- und mittelniederdeutscher Zeit zu –er abgeschwächt worden ist, z.B. blat : bletir (Blatt : Blätter), lamb : lembir (Lamm : Lämmer).[31] Denn ein –i– in der Nebensilbe bewirkte die Angleichung des Vokals der Stammsilbe (vgl. Erde : irdisch; recht : richtig; Kraft : kräftig; Macht : mächtig; Haus : häuslich; Not : nötigen). Das umlautende Element kann dabei zu e abgeschwächt worden oder ganz weggefallen sein und ist dann nur noch an seiner Wirkung festzustellen (alt : älter; Hand : Hände [alt: hendi]).[32] Somit könnte auch der mittelniederdeutsch bulle ‚Bulle, Stier‘ zwei Pluralformen gebildet haben: bullen und *buller. Die zweite Form *buller hätte dann dem Gewässernamen Bullerbach zuvor gelegen. Jedoch ergibt sich aus den oben geschilderten Lautwandelprozessen das Problem, dass eine zu erschließende Pluralform *bullir zu *büller umgelautet worden wäre und sich somit die Form *Büllerbecke, *Büllerbach ergeben haben müsste. Eine Büllbecke ist etwa in einer Grenzbeschreibung aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts für Lienen-Holperdorp belegt.[33] Doch kann man diesem Problem begegnen, wenn man annimmt, dass der Plural *buller des Wortes mittelniederdeutsch bulle in Analogie zu den oben genannten Beispielen entweder erst gebildet wurde, als das Pluralsuffix bereits von –ir zu –er abgeschwächt worden war, oder dass der mögliche Plural *buller auf die Weiterentwicklung des alten Stammbildungssuffixes –os zurückgeht, das zu –ar und schließlich zu –er wurde und somit keinen Umlaut bewirkte (im Gegensatz zu –es > –ir > –er), also *bull-ar-beke anstatt *bull-ir-beke.[34] Gleiches muss für die zweite Pluralform*wulver, die neben wulve, wolve zu mittelniederdeutsch wulf, wolf ‚Wolf‘[35] gehört, gelten.[36] Sie muss zwingend aus einschlägigen Flurnamen wie Wulverlieth, Wulverdiek, Wulversiek, Wulversump usw. erschlossen werden.[37]

Ein weiteres Problem besteht darin, dass das Wort bulle nach der schwachen n-Deklination flektiert.[38] Zu den Wörtern, die den Plural auf -er bilden, gehören aber wohl nur solche, die den starken Deklinationsklassen angehören und im Nominativ Singular nicht auf –e auslauten. Damit fiele mittelniederdeutsch bulle eindeutig aus und eine Plural-Form auf –er (*buller) wäre nicht zu erwarten. Möglicherweise ist aber neben der erschlossenen Form altsächsisch *bullo aus der durch Endsilbenabschwächung mittelniederdeutsch bulle entstand, noch eine Nebenform altsächsisch *bull anzunehmen (wegen altenglisch bull-uca ‚Stierkalb‘. Vgl. auch: Bullochse, Bullauge, Bulldogge).[39] Diese Form läge dann auch der Büllbecke in Lienen-Holperdorp und dem *Bullbrink in Lienen-Höste (s.o.) sowie den Flurnamen Bullhouk in Westerkappeln[40] (zu mittelniederdeutsch hook ‚Ecke, Winkel‘[41]) zuvor. Diese Form *bull könnte dann analog zu mittelniederdeutsch wulf, wolf ‚Wolf‘ einen Plural auf –er gebildet haben (s.o.). Vielleicht kam im Falle *bull auch der Einfluss der Wörter Rind und Kalb hinzu, die ebenfalls Mitglieder der Hornviehfamilie bezeichnen und ihren Plural auf –er bilden (s.o.). Noch im Mittelhochdeutschen werden vorwiegend Pflanzenteil- und Tierbezeichnungen mit er-Plural gebildet.[42]

Als weiterer möglicher Vergleich bietet sich in dieser Frage das Wort Mann an, von dem die Pluralformen Männer und Mannen gebildet wurden. Dies würde exakt zu einem Nebeneinander von mittelniederdeutsch buller und bullen passen. Damit gehörte das Wort *bull womöglich nicht zu den n-Stämmen, sondern ursprünglich zu einem Rest älterer Bildungen.[43] Ein endgültiger und unwiderlegbarer Beweis kann in dieser Frage allerdings nur durch das Auffinden eines Belegs der Plural-Form *buller für ‚Bullen, Stiere‘ in den mittelniederdeutschen Texten erbracht werden.

Möglicherweise gehört in diesen Kontext auch der Flurname Bullenberg bei Unterstedt (Kreis Rotenburg/Wümme), der 1692 als Bullerberg erscheint. Ulrich Scheuermann sieht allerdings den alten Beleg als maßgeblich an und vermutet in der rezenten Form eine Umdeutung. Den Beleg Bullerberg schließt er an mittelniederdeutsch bulderen ‚poltern‘ an, das im neuniederdeutschen mehrfach in der verengten Bedeutung ‚donnern‘ bezeugt sei. Deshalb stellt er den Bullerberg zu den Donnerbergen, die in Süd- und Westdeutschland vorkommen.[44] Ebenfalls zu niederdeutsch bullern, mittelniederdeutsch bulderen ‚poltern, lärmen‘ bzw. buller (< bulder) ‚Gepolter, Getöse‘ stellt Pierre Hessmann den Namen Bullerberg bei Westerholz (Kreis Rotenburg/Wümme), der höchsten Erhebung des Kreises. Er sieht diesen Befund in Zusammenhang mit abergläubischen Vorstellungen von Poltergeistern oder lärmenden Geisterschwärmen. Zudem verweist er auf die Sage, nach der man aus einer der am Berg nachweisbaren Wolfsgruben die Stimme eines Sängers oder einen Geiger gehört haben will.[45] Sowohl Scheuermann als auch Hessmann erwägen zur Erklärung des Nebeneinanders der Formen buller und bullen in ihren Belegen nicht die Möglichkeit von zwei Pluralformen zu mittelniederdeutsch bull, bulle.

c) Ferner weisen Hessmann und Scheuermann – allerdings ohne Nachweis – auf eine ihrer Meinung nach „beachtenswerte Konkurrenzdeutung“ im Hinblick auf die im Kreis Stade vorkommenden mehreren Bullenseen hin, die auf angeblich mittelniederdeutsch [*]buller ‚Landbildung mit Wachstum von Schilf‘ bzw. ‚Bezeichnung für ein bestimmtes Stadium der Landbildung, der Aufhöhung von Anschwemmungen, Sänden [!], bei dem sich bereits Wachstum von Schilf zeigt‘ zurück gehen.[46] Diese Bedeutung wird dem Wort Buller im Mittelniederdeutschen Handwörterbuch von Agathe Lasch und Conrad Borchling zugeschrieben.[47] Allerdings ist auch hier kein Quellenbeleg angeführt. Somit hat es den Anschein, dass hier wiederum der methodisch nicht zulässige Zirkelschluss von der topographischen Gestalt der Seen auf die Bedeutung des Bestimmungswortes gezogen worden ist.

Doch hilft dieser Hinweis Hessmanns und Scheuermanns trotzdem weiter. Denn es stellt sich nun die Frage, woher die Bedeutungszuweisung für das Wort buller als ‚Bezeichnung für ein bestimmtes Stadium der Landbildung, der Aufhöhung von Anschwemmungen, Sänden [!], bei dem sich bereits Wachstum von Schilf zeigt‘ rührt. Das hier beschriebene Stadium der Landbildung am Rand von Gewässern ist durch die Ufervegetation bedingt. Der Bewuchs an Rand und Ufer ist es, der den Wasserfluss hemmt, Schlamm und Sand festhält und so zur Aufhöhung von Anschwemmungen führt. Deshalb liegt es nah, in diesem Fall von einer Übertragung der Benennung von einem Partner in einem Gefüge auf einen anderen Teilhaber desselben Gefüges auszugehen (Metonymie). Diese „Berührungs-Übertragung“ kommt sehr häufig vor, etwa bei Autor und Werk (Bsp.: Duden) oder z.B. sehr anschaulich beim Wort Zaun: germanisch und altsächsisch *tûn, mittelniederdeutsch tûn, althochdeutsch zûn bedeutet ‚Zaun‘. Das entsprechende englische Wort town bezeichnet hingegen den ‚gehegten Wohnplatz‘ und später die ‚Stadt‘, also das Gebiet, das von dem Zaun umgeben wurde. Auch im Niederländischen ist die Bedeutung des Wortes tuin von der Einfriedung auf den eingefriedeten Bereich, den ‚Garten‘, übergegangen.[48] Somit ist anzunehmen, dass die Bedeutung des Wortes buller ‚Anschwemmung von Sand, verlandeter Bereich‘ eine Übertragung von der dort wachsenden Wasserpflanze ist. Es muss also eine Pflanze geben bzw. gegeben haben, die buller genannt wurde. Die Gewässer mit dem Bestimmungswort buller wären dann nach dieser Pflanze benannt worden, die an ihrem Ufer wuchs. Diese Annahme findet konkreten Anhalt darin, dass es zahlreiche Pflanzen mit einem Namenbestandteil buller gibt. Neben Komposita wie Bullerblatt (Petasites hybridus = Gewöhnliche Pestwurz, Bach- oder Rote Pestwurz), Bullerblume (Silene inflata = Taubenkropf-Leimkraut), Bullerbohne (Phaseolus vulgaris = Gartenbohne, grüne Bohne oder Fisole), Bullerdistel (Eryngium campestre = Feld-Mannstreu), Bullerjan (Aegopodium podagraria = Giersch; Lycopus europaeus = Ufer-Wolfstrapp; Petasites hybridus = s.o.; Valeriana officinalis = Echter Baldrian), Bullerkraut (Petasites hybridus = s.o.), Bullerwicke (Vicia villosa = Zottige Wicke) kommt die Pflanzenbezeichnung Buller auch als Simplex vor (Vicia cracca = Vogel-Wicke; Vicia dumetorum = Hecken-Wicke). Daneben wird noch regional zwischen den Benennungen Feiner Buller (Lythrum salicaria = Gewöhnlicher Blutweiderich; Stachys palustris = Sumpf-Ziest), Krauser Buller (Eupatorium cannabium = Gewöhnlicher Wasserdost) und Roter Buller (Epilobium hirsutum = Zottiges Weidenröschen) unterschieden.[49] Theoretisch könnten alle diese Pflanzen namenbildend gewesen sein. Zur näheren Kennzeichnung eines Gewässers kommen aber wegen ihrer Verbreitung und ihres bevorzugten Standorts nur folgende Gewächse in Betracht: die Gewöhnliche Pestwurz, Bach- oder Rote Pestwurz (Petasites hybridus), der Ufer-Wolfstrapp (Lycopus europaeus), der Echte Baldrian (Valeriana officinalis), der Gewöhnliche Blutweiderich (Lythrum salicaria), der Sumpf-Ziest (Stachys palustris), der Gewöhnliche Wasserdost (Eupatorium cannabium) und das Zottige Weidenröschen (Epilobium hirsutum). In diesem Fall wäre der Bullerbach nach seinem Uferbewuchs mit der Pflanze Buller benannt worden. Im Naturschutzgebiet „Feuchtwiesen am Bullerbach“ (ST-087) kommen noch heute vier der oben genannten Pflanzen vor: Echter Baldrian (Valeriana officinalis), Giersch (Aegopodium podagraria), Ufer-Wolfstrapp (Lycopus europaeus), Wasserdost (Eupatorium cannabinum).[50]

Der Pflanzennamenbestandteil buller geht dabei nach Heinrich Marzell wiederum auf mittelniederdeutsch bullern, bulderen ‚poltern, lärmen‘ bzw. buller, bulder ‚Gepolter, Lärm‘ (s.o.) zurück. Marzells Anschluss lässt sich dadurch bestätigen, dass der Namenbestandteil buller bei den gleichen Pflanzen in anderen Regionen mit mittelniederdeutsch doner, donner, duner, dunner, donre, dunre, donder ‚Donner‘[51] wechselt. Somit ergibt sich die Gleichung buller = donner. Doch warum ist eine Pflanze nach einem krachenden, mahlenden oder rollenden Geräusch benannt, das von einem Blitz während eines Gewitters erzeugt wird? Marzell führt zur Erklärung folgende Übertragungsmöglichkeiten an: Zum einen sollen diese Kräuter im vormodernen Volksglauben zu Abwehrversuchen von Gewittern verwendet worden sein, weswegen sie auch Blitzkraut genannt wurden[52], zum anderen könnten die Blütenfarben an den Blitz oder die Blüten und Blütenstände selbst an die Wolkenbildung kurz vor einem Gewitter erinnert haben. Aus diesem Grund wurden die Buller-Pflanzen vielfach auch Himmelstürme genannt, eine Bezeichnung, die sich eindeutig auf die Wolkenform bezieht.[53] Zum dritten handelt es sich bei Buller-Pflanzen um für den Landwirt lästige Vegetation (z.B. im Getreide). Möglicherweise wurden die Pflanzen als durch Gewitter entstanden betrachtet oder als Unkraut als genauso unnütz wie Unwetter angesehen.[54] Zum vierten führt Marzell die sinnverwirrende und berauschende Wirkung der Pflanzen oder einiger Pflanzenteilen auf den Menschen bei deren Verzehr an. Dadurch konnte der Mensch aufbrausend, ungestüm und unkontrolliert, also bulderne ‚polternd, lärmend‘[55] werden.[56]

Die Benennung eines Gewässers nach der Vegetation an dessen Rand ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Das zeigen z.B. einige Ortsnamen, die auf ein Gewässer zurückgehen: Aplerbeck bei Dortmund, 889 in Afaldrabechi, 12. Jahrhundert Apelderbeke, zu altsächsisch *apuldra ‚Apfelbaum‘. – Hasselbeck bei Ratingen, um 900 in Hasalbeki, zu altsächsich hasal ‚Haselstrauch‘. – Heisterbach bei Königswinter, etwa 1175 in Heistrebach, zu mittelniederdeutsch heister, hêster junger Baum in Niederwald-Wirtschaft‘. – Hülsbeck bei Hetterscheidt, 875 Hu(i)lisbeke, um 1150 de Hulsebeke. – Hülsbeck bei Elberfeld/Wuppertal, 1312 de Hulsbeke, zu altsächsisch *hulis ‚Dornstrauch, Mistel‘, mittelniederdeutsch huls ‚Eibe, Dornbusch‘. – Mintenbeck bei Lüdenscheid, 12. Jahrhundert de Mintinbeke, zu altsächsisch minta, mittelniederdeutsch minte ‚Minze‘. – Rietberg an der Ems, 1100 de Rietbike, zu altsächsisch hriod, mittelniederdeutsch ried, riet, rêd ‚Riedgras‘.[57]

d) Eine vierte Möglichkeit zur Erklärung des Gewässernamens Bullerbach besteht im Anschluss an einen Hof- und/oder Familiennamen Buller, wie es nach Gunter Müller und Bärbel Wagner im Fall des Bullerdieks Bullerteichs und der Bullerbiäke in Westerkappeln der Fall gewesen sein dürfte. Hier ist nämlich bereits seit dem 14. Jahrhundert ein Hof bzw. eine Familie namens Buller nachweisbar.[58] Allerdings ist auffällig, dass die Westerkappelner Namen – wenn hier wirklich der Familienname Buller zuvor liegen sollte – nicht in der zu erwartenden Form *Bullersdiek, *Bullersbach mit einem im Genitiv flektierten Bestimmungswort erscheint. Hinzu kommt, dass wohl nicht alle Bullerbäche in Westfalen (neben dem Kattenvenner Bullerbach: ein Bollerbach bei Höxter, Istrup und Herste; ein Bullerbach, eine Bullerbeck oder Bullerbeeke bei Heepe, Ilvese und Döhren; ein Bollerborn bzw. Bullerborn u.ä. bei Altenbeken, Kallenhardt und Warstein; ein Bullerdiek, Bullerteich bei Warstein und Ampen[59]) mit dem Hof- und Familiennamen Buller zusammen hängen können, wenngleich dieser Name öfter begegnet.[60] Es ist allerdings festzuhalten, dass sich in Lienen ein Hof- oder Familienname Buller für das 19. Jahrhundert, als der Name Bullerbieke erstmals erscheint (1828/29), und für die Zeit davor nicht nachweisen lässt.[61]

Möglicherweise wurde der Hof- und Familienname in Westerkappeln aber auch umgekehrt durch den Gewässernamen motiviert. Das Zweitglied könnte in diesem Fall entfallen sein. Oder beide – Gewässer- und Hof- bzw. Familienname – gehen ebenfalls auf die Pflanzenbezeichnung buller zurück.

e) Das von Wilhelm Wilkens – wohl in Anlehnung an Hans Bahlow[62] – vorgeschlagene „prähistorische“ Wasser- bzw. Sumpfwort bul/bol zur Erklärung des Namens Bullerbach als ‚Wasser- bzw. Sumpf-Bach‘ ist weder im appellativischen Wortschatz bezeugt, noch kann es lautgesetzlich erschlossen werden. Zudem begründet Wilkens seine Deutung nicht näher, sondern behauptet den Zusammenhang lediglich. Das Wasser- bzw. Sumpfwort bul/bol hat also weder einen historischen noch einen sprachlichen Anhalt und muss deswegen fern bleiben.[63]

Somit bleiben – mit Einschränkungen – vier Möglichkeiten zur Erklärung des Namens Bullerbach: Entweder handelte es sich um einen ‚Polter- bzw. polternden Bach‘, um einen ‚Bullenbach‘, um einen Bach, der nach einer am Ufer wachsenden Pflanze namens Buller benannt wurde oder um einen Bach, der in einer Beziehung zu einer Familie namens Buller steht.

Von allen diesen Möglichkeiten erscheint aufgrund der topographischen Gegebenheiten, sprachlichen Schwierigkeiten und fehlenden historischen Nachweise als Benennungsmotiv wohl die Uferpflanze Buller am Wahrscheinlichsten und Naheliegendsten zu sein. Der Bullerbach dürfte also der an seinem Ufer mit der Sumpfpflanze Buller bewachsene Bach sein.

Mühlenbach

Im Gegensatz zum Bullerbach ist der Name des Gewässers Mühlenbach heute noch ohne Probleme verständlich. Das Bestimmungswort ist neuhochdeutsch Mühle, das Grundwort neuhochdeutsch Bach. Die namengebende Mühle dürfte die „Neue Mühle“ (heute Baumhöfner, Kattenvenner Str. 88) sein. Eine ältere niederdeutsche Form mit mittelniederdeutsch mole ‚Mühle‘[64] und mittelniederdeutsch beke, bike ‚Bach‘[65] ist nicht überliefert. Bereits im Urkataster ist der Bach als Mühlenbach verzeichnet.

Der Name bezieht sich auf den vom Stauteich der „Neuen Mühle“ in westliche Richtung fließenden Bachlauf. Der Mühlenteich diente ursprünglich nicht nur als Staubecken, sondern auch als Fischteich (um 1685).[66] Der von Osten kommende Zufluss des Stauteichs wird als die „Aa Bieke od[er]. Flakendieks Bieke“ bezeichnet.[67] Über den Aa-Bach (zur Erklärung des Namens siehe: Abschnitt Bullerbach) heißt es in einer „Topographische[n] Beschreibung der Gemeinde Lienen von 1817“: „Die im hiesigen Bezirck vorhandenen Bäche und Flüsse sind von keiner großen Bedeutung. Der Hauptfluß ist der so genannte Ahbach[68], welcher in dem Osnabrückschen Kirchspiele Glane ohnweit Iburg entspringt; er fließt an der Südseite[69] der Länge nach durch die hiesige Gemeine nach Ladbergen und ergießt sich zuletzt in der Gegend von Greven in die Emse. Derselbe ist aber eben so wenig schiffbar als flösbar, und wird’s, auch selbst die ungeheuren Kosten womit dieses verknüpft sein würde, abgerechnet, schon aus dem Grunde nicht gemacht werden können, weil derselbe bei nur einigermaßen trockner Witterung im Sommer fast ganz austrocknet.“[70]

Druckfassung in: Kattenvenne? – Kattenvenne! Beiträge zur Geschichte eines Dorfes im Münsterland, hrsg. v.d. Kattenvenne 1312 eG, 2., überarb. Aufl., Lengerich 2013, S. 28–34.

[1] Knapheide, Günter, Der Naturraum Kattenvenne, in: Kattenvenne? – Kattenvenne! Beiträge zur Geschichte eines Dorfes im Münsterland, hrsg. v.d. Kattenvenne 1312 eG, 2., überarb. Aufl., Lengerich 2013, S. 12–27, hier S. 16–18.

[2] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 31.

[3] Der Lienener Rezess von 1656. Faksimile und Edition des ältesten Dokumentes im Gemeindearchiv Lienen (Kreis Steinfurt), bearb. u. hrsg. von Christof Spannhoff, Norderstedt 2010, S. 64.

[4] Katasteramt Steinfurt, 5047-1-01, Nr. 1: Übersichtshandriss 1828; 5047-1-01, Nr. 2: Flurübersicht 1828.

[5] Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. III, S. 477.

[6] Zitat ebd.

[7] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 31.

[8] Witt, Fritz, Beiträge zur Kenntnis der Flußnamen Nordwestdeutschlands, Kiel 1912, S. 113.

[9] Schiller-Lübben IV, S. 206.

[10] Kettner, Bernd-Ulrich, Das Namengrundwort siek in Südniedersachsen, in: Niederdeutsches Wort 11 (1971), S. 37–44. Vgl. auch: Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, Münster 2007, S. 564.

[11] Herzog, Friedrich, Das Osnabrücker Land im 18. und 19. Jahrhundert. Eine kulturgeographische Untersuchung, Oldenburg i. O. 1938, S. 53–56, S. 78–80 u. S. 141–143.

[12] Osnabrücker Urkundenbuch (OUB), bearb. v. Friedrich Philippi u.a., 7 Bde., Osnabrück 1892–1996, Bd. IV, Nr. 133. Anm. 5: Rückvermerk (?) aus späterer Zeit „dat hus tor A“.

[13] Schiller-Lübben I, S. 1.

[14] OUB IV, Nr. 133.

[15] Katasteramt Steinfurt, 5047-1-01, Nr. 1: Übersichtshandriss 1828; 5047-1-01, Nr. 2: Flurübersicht 1828; 5047-1-04, Nr. 24, Flur 16, Blatt 1: Wieneke 1829.

[16] Schiller-Lübben I, S. 209; Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Gladbeck in Westfalen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Gladbeck in Westfalen 2009, S. 24f.

[17] Schiller-Lübben I, S. 447f.; Derks, Gladbeck, S. 177, Anm. 1440.

[18] Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Bochum 2010, S. 116–119 u. S. 149–154.

[19] Staubach heißt jetzt „Liene“. Rat beschließt einstimmig Umbenennung, in: Westfälische Nachrichten, Tecklenburger Landbote vom 20. April 2005.

[20] Katasteramt Steinfurt, 5047-1-01, Nr. 2: Flurübersicht 1828.

[21] Schiller-Lübben IV, S. 412.

[22] Schröder, Edward, Bachnamen und Siedlungsnamen in ihrem Verhältnis zueinander, in: Nachrichten von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Phil.-hist. Klasse, Neue Folge, Fachgruppe IV, Bd. 3 (1940-41), S. 1–15, hier S. 4.

[23] Schubert, Ernst, Alltag im Mittelalter. Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander, Darmstadt 2002, S. 42–50; Hesmer, Herbert u. Schroeder, Fred-Günter, Waldzusammensetzung und Waldbehandlung im Niedersächsischen Tiefland westlich der Weser und in der Münsterschen Bucht bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Forstgeschichtlicher Beitrag zur Klärung der natürlichen Holzartenzusammensetzung und ihrer künstlichen Veränderungen bis in die frühe Waldbauzeit, Bonn 1963, S. 128–153.

[24] Von späterer Schreiberhand wurden die beiden Formen Bullinbeke und Bullerbeke, die sich in den Werdener Urbaren finden, im Dokument zu Bullenbeke korrigiert. Derks, Gladbeck, S. 177, Anm. 1438.

[25] Derks, Gladbeck, S. 177.

[26] Ebd.; Schiller-Lübben, I, S. 449.

[27] Hessmann, Pierre, Die Flurnamen des nördlichen und östlichen Kreises Rotenburg (Wümme), Rotenburg (Wümme) 1972, S. 109–111; Scheuermann, Ulrich, Die Flurnamen des westlichen und südlichen Kreises Rotenburg (Wümme), Rotenburg (Wümme) 1971, S. 50f.; Wiswe, Mechthild, Die Flurnamen des Salzgittergebietes. Anhang: die Ortsnamen des Salzgittergebietes, Braunschweig 1970, S. 82.

[28] Katasteramt Steinfurt, 5047-1-01, Nr. 2: Flurübersicht 1828.

[29] Derks, Gladbeck, S. 178f.; Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 301f.

[30] Korsmeier, Ortsnamen, S. 302.

[31] Schmidt, Wilhelm, Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium, erarb. u.d. Leitung v. Helmut Langner u. Norbert Richard Wolf, 9. verb. Aufl., Stuttgart 2004, S. 224 u. 278; Braune, Wilhelm, Althochdeutsche Grammatik, 14. Aufl., bearb. v. Hans Eggers, Tübingen 1987, § 197.

[32] Derks, Gladbeck, S. 202.

[33] Lienener Rezess, S. 60.

[34] Lasch, Agathe, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, §§ 371–373.

[35] Schiller-Lübben V, S. 786.

[36] Lasch, Grammatik, § 373, Anm. 1.

[37] Müller, Gunter u. Wagner, Bärbel, Die Flurnamen der Gemeinde Westerkappeln, 2 Bde., Westerkappeln 1993 u. 1995, Bd. 2: Namenerklärungen, S. 330f. Vgl. auch meinen Beitrag zum Kattenvenner Flurnamen Wulversump in diesem Band.

[38] Lasch, Grammatik, §§ 382–385.

[39] Derks, Gladbeck, S. 177f.

[40] Müller/Wagner, Flurnamen, S. 60.

[41] Schiller-Lübben II, S. 283.

[42] Braune, Grammatik § 197; Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Essen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Essen 1985, S. 162.

[43] Lasch, Grammatik, § 386; Gallée, Johan Hendrik, Altsächsische Grammatik, 3. Aufl.: mit Berichtigungen u. Literatur-Nachträgen v. Heinrich Tiefenbach, Tübingen 1993, § 339. Schmidt, Geschichte, S. 226f.

[44] Scheuermann, Flurnamen, S. 50f.

[45] Hessmann, Flurnamen, S. 111.

[46] Ebd., S. 111, Anm. 82.; Scheuermann, Flurnamen, S. 100.

[47] Lasch, Agathe u. Borchling Conrad, Mittelniederdeutsches Handwörterbuch, fortgeführt v. Gerhard Cordes, 3 Bde., Neumünster u.a. 1959–2004, Bd. 1: Sp. 369.

[48] Weitere Beispiele bei: Derks, Gladbeck, S. 202. Speziell zu Metonymie bei der Bildung von Toponymen: ebd., S. 77f.

[49] Marzell, Heinrich, Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, 5 Bde., Stuttgart 1943–1979, Bd. 5: Register, Sp. 74.

[50] http://www.naturschutzinformationen-nrw.de/nsg/de/fachinfo/gebiete/gesamt/ST_087, eingesehen 04.04.2012.

[51] Schiller-Lübben I, S. 540.

[52] Marzell, Wörterbuch, Bd. 2, Sp. 355f. u. Sp. 1514.

[53] Ebd.

[54] Ebd., Bd. 4, Sp. 1119.

[55] Schiller-Lübben I, S. 448. Das Wortfeld um bullern, bulderen wird gerade auch im Hinblick auf laute, ungestüme und lärmende Menschen verwendet. Vgl. die angeführten Belege ebd., I, S. 447f.

[56] Marzell, Wörterbuch, Bd. 4, Sp. 1126.

[57] Derks, Paul, Von der Anger bis zum Schwarzbach. Die Gewässernamen des Düsseldorfer Stadtbezirks 5. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Düsseldorf 2002, S. 83–86; Ders., Die Siedlungsnamen der Stadt Lüdenscheid. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Lüdenscheid 2004, S. 59–61.

[58] Müller/Wagner, Flurnamen, S. 60.

[59] Müller/Wagner, Flurnamen, S. 60, Anm. 143.

[60] Müller/Wagner, Flurnamen, S. 60, Anm. 144.

[61] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 324–360 (Register).

[62] Bahlow, Hans, Deutschlands geographische Namenwelt. Etymologisches Lexikon der Fluss- u. Ortsnamen alteuropäischer Herkunft, Frankfurt a. M 1985, S. 51. Zur Methodik und Arbeitsweise Bahlows und damit auch Wilkens‘, die in krassem Widerspruch zur wissenschaftlichen Namenforschung steht vgl. die Rezensionen: Schützeichel, Rudolf, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 101 (1965), S. 343; Hessmann, Pierre, in: Deutsche Literaturzeitung für Kritik der internationalen Wissenschaft 87 (1966), S. 595-597; Wesche, Heinrich, in: Niederdeutsches Jahrbuch 89 (1966), S. 184–191; Kleiber, Wolfgang, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, Jg. 118, Bd. 203 (1967), S. 285–286; Hartig, Joachim, in: Anzeiger für deutsches Altertum 79 (1968), S. 49-54; Reichardt, Lutz, Nachfolger Hans Bahlows, in: Beiträge zur Namenforschung, N.F. 31 (1996), S. 398–406.

[63] Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 327.

[64] Schiller-Lübben III, S. 113.

[65] Schiller-Lübben I, S. 447f. Derks, Gladbeck, S. 177, Anm. 1440.

[66] Die „Kurtze Beschreibung der Uhralten Grafschaft Tecklenburg und der Herschaft Rheda“ des Moritz Meier (um 1685), hrsg. v. Christof Spannhoff, Norderstedt 2008, S. 48.

[67] Katasteramt Steinfurt, 5047-1-01, Nr. 1: Übersichtshandriss 1828; 5047-1-01, Nr. 2: Flurübersicht 1828.

[68] Am Rand: „Welches ist die Normal Breite und Tiefe dieses bachs bey gewöhnlichem Sommerwasserstand? – Die Normal-Breite ist ungefehr 7 Fuß Rheinländisch; und die Tiefe bey gewöhnlichem Sommerwasserstand 1–2 Fuß Rheinländisch.“ [In Preußen zählte ein „Rheinfuß“ 313,85 mm].

[69] Die Angabe ist vermutlich auf die Lage zum Kirchdorf Lienen bezogen.

[70] Gemeindearchiv Lienen, Fach 1, Akte 16.