Der Ursprung des Ortsnamens Lengerich

Ortsnamen sind spannende Geschichtsquellen, denn sie geben einen interessanten Einblick in die Zeit ihrer Entstehung. Welchen Ursprung aber hat der Name Lengerich und was kann er über die Epoche, in der er gebildet wurde, erzählen?

Von Dr. Christof Spannhoff

Die ältesten Belege

Um diese Frage beantworten zu können, ist es notwendig, auf die ältesten Belege zu schauen: 1147 Liggerike (OUB I, Nr. 276a), 1149 Lengerike (OUB I, Nr. 278), 1170 Leggerike (OUB I, Nr. 325), 2. Hälfte 12. Jahrhundert Lenkerike (Darpe, S. 39), ca. 1200 Lencrike (Darpe, S. 54), 1219, 1272, 1284, 1296 Lengerike (WUB IV, Nr. 81; OUB III, Nr. 469; OUB IV, Nr. 133, Nr. 464), 1256 Lengereke (OUB III, Nr. 155), 1279, 1283 Lengerke (OUB III, Nr. 664; OUB IV, Nr. 83, Nr. 92), 1280, 1293 Lengherike (OUB III, Nr. 685; OUB IV, S. 368).

Erklärungsbedürftig scheinen die älteste Form Liggerike und der Beleg von 1170 Leggerike zu sein, da sie auf den ersten Blick nicht zu den übrigen Belegen passen wollen. Sie stellen aber lediglich Schreibvarianten dar, die im Altsächsischen und Mittelniederdeutschen häufig anzutreffen sind: 1) ng erscheint vielfach als gg (siehe Gallée, § 216; Lasch, § 344 mit weiteren Beispielen). 2) Der Vokal –i– in der Form Ligge– ist zudem dadurch zu erklären, dass alle e-Laute, die aus umgelautetem –a– entstanden sind, auch als –i– erscheinen können: mittelniederdeutsch beke und bike (aus germanisch *baki,*bakja), mittelniederdeutsch stede und stide (aus germanisch *stadiz). Liggerike und Leggerike sind somit keine Verschreibungen, sondern Schreibvarianten zu Lengerike (Gallée, § 54; Lasch, §§ 138, 139, 140. Für die Hinweise danke ich Herrn Prof. Dr. Paul Derks, Essen, sehr herzlich).

Der Ortsname Lengerich ist den überlieferten Formen nach eine Zusammensetzung mit dem Grundwort –reke / –rike und dem Bestimmungswort altsächsisch lang, mittelniederdeutsch lanc in der Bedeutung ‚lang‘ (Schiller/Lübben II, S. 665), das sowohl unflektiert (ca. 1200 Lencrike) als auch wesentlich häufiger flektiert (1149 Lengerike) an das Grundwort herantritt. Der Stammvokal des Wortes lang –a– wurde durch das –i– des Grundwortes –rike zu –e– umgelautet, weil ein –i– in der Nebensilbe die Angleichung des Vokals der Stammsilbe bewirkt (vgl. Erde : irdisch; recht : richtig; Kraft : kräftig; Macht : mächtig; Haus : häuslich; Not : nötigen). Das umlautende Element kann dabei zu e abgeschwächt worden oder ganz weggefallen sein und ist dann nur noch an seiner Wirkung festzustellen (alt : älter; Hand : Hände [alt: hendi]). Diese Entwicklung ist auch in den historischen Belegen des Namens Lengerich nachzuweisen: 1149 Lengerike > 1256 Lengereke. Somit ist von einer ursprünglichen Grundform *Langerike auszugehen.

Das Grundwort –rike / –reke

Das Grundwort –rike / –reke lässt sich zweifellos an altsächsisch *reka, mittelniederdeutsch rek, reke, rike ‚Latte, Stange, Gestell, Zaun, Flechtwerk‘ anschließen. Auch der Ortsname Recke bei Hopsten (1189 Rike, 1220 Reke) gehört hierher. Im heutigen Sprachgebrauch findet man das Wort noch in der Bezeichnung Reck, einem Turngerät aus zwei Pfosten und einer Querstange (Derks, Herreke, S. 209f.). Bereits im 13. Jahrhundert ist der Ausfall des Stammvokals im Grundwort des Namens nachweisbar (1283 Lengerke), der auch für die heutige Mundartform Lengerke charakteristisch ist. In den Schreibformen konnte sich dieser Ausfall jedoch nicht durchsetzen. Die Entwicklung des k-Lautes im Grundwort von –rike / –reke zum heutigen Namenbestandteil –rich ist durch eine Palatalisierung in unbetonter Stellung, d.h. durch eine Verlagerung der Artikulationsstelle des Lauts zum harten Gaumen (Palatum) hin, zu erklären (Korsmeier, S. 249).

Der Ortsname Lengerich benannte also ursprünglich einen von einem lebenden oder toten Zaun gehegten Wohnplatz, im Streusiedlungsgebiet also einen einzelnen Hof, der sich durch die Länge seiner Umfriedung von den übrigen Wohnplätzen/Höfen, die ebenfalls umzäunt waren, unterschied. Die Einfriedung von Höfen zum Schutz vor Wildtieren und als Rechtsgrenze wird bereits in den sogenannten „germanischen Stammesrechten“ erwähnt (z.B. die von Karl dem Großen erlassene „Lex Saxonum“). Dass Lengerich ursprünglich die Benennung eines Hofes war, lässt sich auch durch den Hofnamen Lengerich (um 1050 Lingeriki; Friedlaender, S. 50) bei Münster-Handorf sichern. Diese Hofname ist eine genaue Entsprechung des Ortsnamens Lengerich (Korsmeier, S. 248f.).

Lebende oder tote Zäune (z.B. Hecken) finden sich in vielen Ortsnamengrundwörtern: –wik, –word, –ham, –dorf/-dorp, -(h)lar, –hurth etc. (Derks, Herreke, S. 210). Das eigentliche Wort für den Zaun ging dann auf das umfriedete Gebiet bzw. die Siedlung über (Metonymie). Bekanntestes Beispiel ist das Wort Zaun selbst. Während im Deutschen sich das aus germanisch *tuna ‚Zaun‘ entwickelnde Wort Zaun auch heute noch die Einfriedung bezeichnet, erweiterte sich im Englischen die Bedeutung zu town ‚eingehegter Platz‘ und schließlich zur heutigen Bedeutung ‚Stadt‘.

Welcher Hof war namengebend?

Doch kann man noch ausmachen, um welchen Hof es sich handelte? Wie auch der Name Lienen ist der Name Lengerich ursprünglich im benachbarten Aldrup – dem alten Dorf/der alten Siedlung – entstanden und erst später auf das Kirchdorf und das ganze Kirchspiel übergegangen (Spannhoff, Ortsname). Das zeigen noch eindeutig die Abgaberegister des Klosters Herford: So heißt der Hofverband (Villikation) im ältesten Abgabenregister aus der 2. Hälfte des 12 Jahrhunderts noch Lenkerike (Darpe, S. 39), in der Heberolle aus dem 13. Jahrhundert aber bereits Oldenthorpe (Darpe, S. 81) und 1333 Oldendorpe (Darpe, S. 123). Auch im Bericht über die Rundreise der Herforder Äbtissin aus dem Jahr 1290 heißt er Oldendorpe (OUB IV, Nr. 297). Die Namenänderung von Lengerich zu Aldrup könnte sich hier also – wenn auch zeitlich versetzt, da kirchliches Verwaltungsschriftgut oftmals ältere Zustände länger beibehalten hat – widerspiegeln. Bei dem umfriedeten Hof, der Lengerich den Namen gab, könnte es sich daher um den Oberhof des Herforder Hofverbandes in Lengerich gehandelt haben.

Eine andere Motivierung des Namens könnte die Benennung nach den langstreifigen Ackerparzellen der Eschfluren gewesen sein (Schütte, S. 215; Korsmeier, S. 249). Auf alle Fälle ist der Name Lengerich als ‚lange Einfriedung‘ einer Siedlung selbst bzw. ‚Siedlung bei einer langen Einfriedung‘ zu erklären.

Quellen und Literatur

  • Darpe, Franz (Bearb.), Einkünfte- und Lehns-Register der Fürstabtei Herford sowie Heberollen des Stifts auf dem Berge bei Herford, Münster 1892.
  • Derks, Paul, „Cenobium Herreke“ und die „Hertha-Eiche“. Eine Nachlese zum Herdecker Stadtjubiläum, in: Der Märker. Landeskundliche Zeitschrift für den Bereich der ehem. Grafschaft Mark und den Märkischen Kreis 41 (1992), S. 207-223.
  • Friedlaender, Ernst (Hrsg.), Die Heberegister des Klosters Freckenhorst nebst Stiftungsurkunde, Pfründeordnung und Hofrecht, Münster 1872.
  • Gallée, Johan Hendrik, Altsächsische Grammatik, 3. Aufl.: mit Berichtigungen u. Literatur-Nachträgen v. Heinrich Tiefenbach, Tübingen 1993.
  • Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011.
  • Lasch, Agathe, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974.
  • OUB = Osnabrücker Urkundenbuch, hrsg. v. Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, 7 Bde., Osnabrück 1892-1996.
  • Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881.
  • Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, Münster 2007.
  • Spannhoff, Christof, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014.
  • WUB = Westfälisches Urkundenbuch. Fortsetzung von Erhards „Regesta historiae Westfaliae“, hrsg. von d. Vereine für Geschichte u. Altertumskunde Westfalens, 11 Bde., Münster 1847-2005.

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Streitigkeiten zwischen den Generationen im 18. Jahrhundert in Lienen

Von Dr. Christof Spannhoff

Altenteilverträge im Gemeindearchiv Lienen, Kreis Steinfurt, als spannende Quelle für das Verhältnis der Generationen in früheren Zeiten.

„Alter Mann und altes Pferd sind wenig wert“ heißt ein altes Sprichwort – „Ein Vater kann eher zehn Kinder ernähren, als zehn Kinder einen Vater“ ein anderes. Diese beide Sichtweisen lassen vermuten, dass das Verhältnis der Generationen früherer Zeiten nicht so harmonisch war, wie es uns in den öffentlichen Debatten rund um das Thema „Älterwerden“ und die sozialen Sicherungssysteme vermittelt wird, in denen häufig auf eine „gute alte Zeit“ verwiesen wird, in der die Versorgung der älteren Generation auch ohne staatlich garantierte Renten funktioniert habe. Doch lässt sich anhand von Lienener Altenteilverträgen aus dem 18. Jahrhundert ein anderes Bild zeichnen.

Mehrere Generationen unter einem Dach?

Die Lebensumstände der Menschen waren bis weit ins 19. Jahrhundert hinein recht wechselhaft. Seuchen und Missernten sorgten häufig für hohe Sterblichkeit. Oftmals lebten deshalb mehrere Generationen gar nicht unter einem Dach. Die Minden-Ravensbergische Eigentumsordnung von 1741, die auch für Tecklenburg galt, sah vor, dass die Bauern möglichst lange ihren Hof verwalteten und nur „wegen Alters und anderer Gebrechlichkeiten“ ihren Kindern die Stätte übergeben sollten. Erst nach der Besitzübergabe konnte der junge Bauer heiraten und eine eigene Familie gründen. Bei größeren Höfen zog der Altbauer auf das Altenteil, die Leibzucht (Lyftucht). Aus diesen Altenteilen konnten anfangs sogar neue Höfe entstehen, wie die Lienener Hofnamen Altekruse, Altesellmeier, Alte König usw. bezeugen.

Der Wohnraum wird knapp

Mit steigender Bevölkerungszahl ab ca. 1500 wurden die Leibzuchten allerdings verstärkt an Nicht-Familienmitglieder vermietet. Dass der Wohnraum damals knapp wurde, zeigt sich auch an der Vermietung der Backhäuser auf den Höfen. 1580 war in Lienen noch keines, 1621 waren elf und 1634 zehn Backhäuser bewohnt. Die bäuerliche Familie musste also zusammenrücken. Im 18. Jahrhundert war in Lienen das Zusammenleben von Jung und Alt in einem Haushalt der Regelfall. Deshalb ließen sich die Alten besondere Nutzungsrechte zusichern, die ihnen bei der Übergabe des Hofes von den Nachfolgern gewährt werden mussten. Auf großen Höfen stand dem Altbauern oder der Altbäuerin ein Pferd zur Verfügung, um zur Kirche oder zu Besuch reiten zu können. Die Verfügung über eine Kuh war für die zusätzliche Milchversorgung wichtig. In den 1790er Jahren wurde es üblich, statt der eigenen Kuh den freien Zugang zur Milchkammer zuzusichern. Ein Schwein oder Ferkel „beim Troge“ war auf größeren und mittleren Höfen ebenfalls für die Altenteiler reserviert. Nach 1750 gaben sich die Alten aber auch mit Fleisch zufrieden (z.B. jährlich ein Stück Schinken oder 20 Pfund Schweinefleisch). Zum Altenteil der Frauen gehörte auch die Zuweisung von Land, das vom Hof aus mit Hanf- und/oder Leinsamen besät werden musste. In den 1790er Jahren hingegen stand den Alten jährlich eine bestimmte Menge an Hanf und Leinen zu.

Verträge regeln das Zusammenleben in der Familie

Dieses vertraglich geregelte Zusammenleben der Generationen war unausweichlich von Konflikten geprägt. Die Art der Auseinandersetzungen werden oft mit pauschalierenden Umschreibungen wie „unfreundliches Betragen“, „ungezogenes Wort“ oder „immerwährende Zänkereien und Streit [nehmen] kein Ende“ benannt. Konkreter werden die Gründe in den beiden folgenden Fällen: Die Frau des Altenteilers Reimann in Lienen-Höste führte 1770 aus, dass ihr Mann bis weit in den Tag hinein im Bett läge, im Haushalt nichts täte, „tagtäglich unter den Leuten wandelte und sich mit unnützen Reden unterhielte, alle Nächte müßte sie ihm ein offen Haus halten, Arbeiten täte er gar nicht und machte der Stette lauter Kosten durch unnütze Prozesse.”

„Denn für alle meinen Fleiß und Gutheit werde ich so unbeschreiblich grob behandelt“

In einer Beschwerde des Altbauern Minneker aus Kattenvenne vom 22. August 1808 heißt es: „Denn für alle meinen Fleiß und Gutheit werde ich so unbeschreiblich grob behandelt, von diesem jungen Menschen, der hat mich vorgehalten, es sähe alles so schauderhaftig aus, solche schmähenden Worte schneiden mich durch Mark und Bein, denn er wußte mich nicht genug zu quälen, denn wenn ich aus dem Hause ginge, so machte er die Türen vor mich zu. […] Noch eine Grobheit muß ich melden, daß ich die Milch zum Caffee für Geld [habe] kaufen müssen.“ Häufig kam es also zu Streitigkeiten zwischen Jung und Alt, weil die vorher bis ins Detail ausgehandelten Vereinbarungen nicht eingehalten wurden. Allein die Fülle dieser uns noch heute vorliegenden Altenteilverträge macht das damalige Misstrauen zwischen den Generationen sichtbar und lässt die vermeintlich idyllische Mehr-Generationen-Familie in einem anderen Licht erscheinen.

Quellen und Literatur

„Acta die bey der Lienschen Mairie vorgefallenen Streitigkeiten zwischen alten und jungen Colonen der landes- und gutsherrlichen Stättenbesitzer“, Gemeindearchiv Lienen, Fach 3, Nr. 25.

Sauermann, Dietmar, Altenteilerverträge in Lienen (Kr. Steinfurt) im 18. Jahrhundert, in: Kulturen – Sprachen – Übergänge. Festschrift. für H. L. Cox zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Gunther Hirschfelder u.a., Köln u.a. 2000, S. 415-431.

Was ist eine Lieftucht/Leibzucht?

Von Dr. Christof Spannhoff

In einem „Lagerbuch oder Pfachtregister der einkommenden pfächte an Gänßen, Hünern unndt Eyern, wie solche von den angesetzten unterthanen auß allen kerspeln jährlichen zu hiesiger hochgräflichen Hofküchen abgegeben unndt … entrichtet werden müssen. Tecklenburg anno 1673“ sind auch die Abgaben von Pachthühnern aus dem Kirchspiel Lienen eingetragen. Aus der Bauerschaft Holzhausen musste auch ein Huhn „auß Holthuseß Lieftucht bey der neuen Möllen“ jährlich an die Tecklenburger Hofküche geliefert werden.[1] An dieser Stelle soll es jedoch weniger um die Geflügelabgabe gehen, als vielmehr um den Begriff Lieftucht. Was genau war eine solche Lieftucht und woher stammt eigentlich der Begriff?

Die hochdeutsche Übertragung der niederdeutschen Bezeichnung Lieftucht ist Leibzucht. Im ländlichen Raum handelte es sich dabei um das Altenteil, auf das sich der Bauer nach Übertragung des Hofes an seinen Nachfolger zurückzog. Eigentlich ist unter dem Begriff Lieftucht/Leibzucht nur das Auskommen der Alten zu verstehen, denn wörtlich meint der Begriff so viel wie ‚dasjenige, was man nach Übertragung des Hofes an den Nachfolger für den eigenen Leib, niederdeutsch Lief (also für die eigene Versorgung) aus der Hofstätte bezieht (daher –zucht – vom Verb ziehen) und was einem von dem neuen Bauern zu diesem Zweck zugestanden wird‘.

In mittelloseren Familien wurden die Alten im eigenen Haushalt mitversorgt. Bei besseren Verhältnissen bekamen die Alten ein eigenes kleines Häuschen zugewiesen. Der Begriff Leibzucht/Lieftucht konnte dann auch auf dieses Gebäude übergehen, wie es z.B. in der eingangs zitierten Quelle der Fall ist.

Da die Leibzuchtshäuser von den Altenteilern nur zeitweilig bewohnt wurden, standen sie, sobald die Alten gestorben waren, leer. Deshalb konnten sie für den Zeitraum, bis sie wieder als Altenwohnung gebraucht wurden, verpachtet oder vermietet werden.[2] Mit zunehmender Bevölkerungszahl wurden viele Leibzuchtshäuser zu Heuerhäusern umgewandelt und von Heuerfamilien bewohnt.[3]

[1] Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974, S. 3 u. 142.

[2] Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erweiterte Aufl., Münster 2014, S. 478–480 (mit zahlreichen Quellenbelegen).

[3] Sauermann, Dietmar, Altenteilerverträge in Lienen (Kr. Steinfurt) im 18. Jahrhundert, in: Kulturen – Sprachen – Übergänge. Festschrift. für H. L. Cox zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Gunther Hirschfelder u.a., Köln u.a. 2000, S. 415-431.

Hadunveni ist nicht Kattenvenne!

Von Dr. Christof Spannhoff

Das Internet bietet dem Benutzer heute eine Fülle von frei zugänglichen und kostenlosen Informationen. Mit dem Drücken weniger Tasten kann man zu jedem beliebigen Thema recherchieren und erhält auf jeden Fall auf seine Frage auch eine Antwort. Ob diese Antwort allerdings richtig ist, ist in vielen Fällen fraglich, denn im World Wide Web kursieren auch recht zweifelhafte Mitteilungen oder schlicht falsche Auskünfte. Wenn man sich also im Internet auf die Suche begibt, muss man eigentlich schon über ein gewisses Vorwissen verfügen, um beurteilen zu können, welche Qualität eine Information besitzt, oder sich auf fachliche und offizielle Internetseiten verlassen.

Zu den ersten Suchmaschinen-Treffern bei einer Recherche gehört in vielen Fällen auch die „freie Enzyklopädie“ Wikipedia. Durch seine Bekanntheit genießt dieses Online-Lexikon einen gewissen „offiziösen“ Charakter. Doch trügt der Schein. Zwar gibt es auch bei Wikipedia einige vorzügliche Artikel, aber diese Feststellung lässt sich leider nicht verallgemeinern. Viele Informationen sind veraltet oder einfach falsch. Das hängt damit zusammen, dass die Inhalte in der Regel nicht fachkompetent überprüft und redigiert werden. Vor allem die ortsgeschichtlichen Beiträge sind häufig mangelhaft und/oder stark veraltet. So findet sich z.B. im Wikipedia-Eintrag (Stand: 12.04.2015) des kleinen Ortes Kattenvenne (Gemeinde Lienen, Kreis Steinfurt) folgender Aussage: „Die erste Erwähnung des Namens Kattenvenne ist in einem Vertrag aus dem Jahr 836, der im Kloster Corvey unterzeichnet wurde, zu finden. Hier heißt es: ‚Tradiderunt Frekin et Heriman in Hadunveni quidquid ibi habuerunt. (…)‘. Frekin und Heriman übertrugen, was sie in Hadunveni besaßen. Es wird vermutet, dass unter ‚Hadunveni‘ die Urform des Namens Kattenvenne zu verstehen ist.“

Diese Ansicht ist allerdings schon lange überholt. Warum Hadunveni nicht mit Kattenvenne identisch sein kann, ist hier aus gegebenem Anlass noch einmal darzustellen:

In den älteren Traditionen des Klosters Corvey, einer Zusammenstellung frühmittelalterlicher Besitzerwerbungen für die Zeit zwischen 826 und 875, wird ein Ort Hadunueni genannt, zu dessen Lage keine näheren Angaben gemacht werden. Im ersten, 1892 erschienenen Band des Osnabrücker Urkundenbuches[1] hat der Bearbeiter, Friedrich Philippi, diesen Ort mit Kattenvenne (Gemeinde Lienen, Kreis Steinfurt)[2] in Verbindung gebracht. Allerdings versah er seine Zuordnung mit einem Fragezeichen. Doch wurde Philippis vermutete Gleichsetzung trotz der angezeigten Unsicherheit in die ortsgeschichtliche Literatur übernommen. So hat Friedrich Ernst Hunsche 1965 diesen Hinweis, wenn auch unter Vorbehalt, übernommen und zu Kattenvenne gestellt.[3] Zwar merkte er an, dass die Identität beider Orte letztlich nicht zu beweisen sei, doch ließ er die Möglichkeit der Gleichheit offen. Dadurch entstand zumindest der Eindruck, dass Kattenvenne bereits im 9. Jahrhundert schriftlich bezeugt sein könnte, was sich auch im Bewusstsein der Bevölkerung bis heute festgesetzt hat.

Doch bereits 2004 hatte Wilhelm Wilkens diese Gleichsetzung abgelehnt und Hadunveni [!] vielmehr bei Lingen lokalisiert.[4] Wilkens‘ Ortsbestimmung scheint letztendlich auf Hermann Dürre zurückzugehen. Dürre hielt bereits 1883 Hadunueni für ein Gegenstück zu Anderveni (Andervenne bei Freren) und verortete den gesuchten Ort somit im Emsland.[5] Von hier aus fand diese Lagebestimmung auch Eingang in die Werke von Hermann Jellinghaus[6] und Adolf Bach.[7]

Ein Ort Hadunueni wird also in den älteren Corveyer Traditionen, die die Zeit zwischen 826 bis 876 betreffen und deren einzelne Einträge nicht näher datiert werden können, genannt. Die Nennung steht im Zusammenhang folgender Schenkung: Tradiderunt Frekin et Heriman in Hadunueni quidquid ibi habuerunt.[8] Aufgrund dieses kaum Hinweise bietenden Kontextes ist eine Lokalisierung des Ortes äußerst schwierig, zumal auch noch eine mögliche Textverderbnis in Rechnung gestellt werden muss, da die Traditionen nur noch in einer Abschrift aus dem Jahr 1479 vorliegen. Eine Verbindung mit Kattenvenne (Gemeinde Lienen, Kreis Steinfurt) ist aber mit Verweis auf Leopold Schüttes Untersuchungen trotzdem auszuschließen, weil die in der Schenkung genannten Personen eher auf das Gebiet des Bistums Paderborn (evtl. die Umgebung von Höxter oder Marsberg) hinweisen. Zudem ist für die Gegend um Kattenvenne kein Besitz des Klosters Corvey nachzuweisen.[9] Sollte man zudem in Hadunueni eine unverderbte Form annehmen dürften, passen die Belege des Namens Kattenvenne schon wegen ihres durchgängigen k-Anlautes[10] nicht zum Beleg der Corveyer Traditionen (siehe Belegliste), denn h und k stehen in allen Sprachstufen des Deutschen in phonologischer Opposition (hahn vs. kahn, horn vs. korn, hammer vs. kammer). Hadunueni muss also endgültig von Kattenvenne getrennt werden!

[1] Osnabrücker Urkundenbuch, 7 Bde., Osnabrück 1892–1996 (im Folgenden: OUB ), Bd. I: Die Urkunden der Jahre 772 – 1200, bearb. v. Friedrich Philippi, Osnabrück 1892.

[2] Philippi (OUB I, Register, S. 389) verortet Kattenvenne damals (1892) noch im Kreis Warendorf, obwohl der Ort als Teil der Gemeinde Lienen bereits 1857 zum Kreis Tecklenburg kam. Letzter wurde 1975 mit dem Altkreis Steinfurt zum neuen Kreis Steinfurt vereint. Daraus ergibt sich, dass Philippi eindeutig das heutige Kattenvenne, Gemeinde Lienen, Kreis Steinfurt, meinte. Vgl.: Hunsche, Friedrich Ernst, 250 Jahre Landkreis Tecklenburg 1707–1957, Lengerich 1957, S. 53–70; Behr, Hans-Joachim, Der Kreis Steinfurt seit 1813, in: Der Kreis Steinfurt, hrsg. v. d. Kreis Steinfurt, Stuttgart u. Aalen 1989, S. 99–126.

[3] Hunsche, Friedrich Ernst, Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v. d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965, S. 257.

[4] Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 325.

[5] Dürre, Hermann, Die Ortsnamen der Traditiones Corbeienses, in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde (Westfalen) 41 (1883), S. 3–128, hier S. 93f.

[6] Förstemann, Ernst, Altdeutsches Namenbuch, Bd. 2: Orts- und sonstige geographische Namen I, 3., völlig neu bearb., um 100 Jahre (1100 – 1200) erw. Aufl., hrsg. v. Hermann Jellinghaus, Bonn 1913, Sp. 1288; Jellinghaus, Hermann, Die westfälischen Ortsnamen nach ihren Grundwörtern, 3., verm. Ausg., Osnabrück 1923, S. 66: hier in der missverständlichen Formulierung: „Andervenne, Kreis Lingen: Anderveni 1000; daneben Hadunveni, wüst 9. Jh.“.

[7] Bach, Adolf, Deutsche Namenkunde, 4 Halbbde., Heidelberg 1952–1956, Bd. II, 1 § 309.

[8] Die alten Mönchslisten und die Traditionen von Corvey, hrsg. v. Klemens Honselmann, Teil 1, Paderborn 1982, S. 123, § 238.

[9] Schütte, Leopold, Die alten Mönchslisten und die Traditionen von Corvey, Teil 2: Indices und andere Hilfsmittel, Paderborn 1992, S. 205f., T 238: Schütte kommentiert diesen Eintrag, dass es bisher keine überzeugende Lokalisierung des Ortes Hadunueni gebe, weil der Ortsname offenbar verderbt sei. Außer der Personennamenverteilung, die aber auf eine Lage im Bistum Paderborn oder in der Gegend von Höxter oder Marsberg hindeute, fänden sich zudem keine brauchbaren Anhaltspunkte. Lautlich stünde der überlieferten Namenform am nächsten der Name Anderveni (= Andervenne, nö. Freren im Emsland). Doch möchte Schütte von dieser Identifizierung absehen, weil im Emsland Corveyer Besitz zu dieser Zeit vollständig fehlt. Auch Kattenvenne eigne sich aus dem gleichen Grunde nicht zur Lokalisierung von Hadunueni, weil in der Umgebung kein Corveyer Besitz nachzuweisen ist.

[10] Bei den Formen mit Catten– mit c handelt es sich lediglich um eine graphische Variante des Lautes k.