Standort der Schwanenburg endgültig lokalisiert

Von Dr. Christof Spannhoff

Wo lag die mittelalterliche Schwanenburg im Bereich zwischen Rheine und Elte? Diese Frage, die die Orts- und Regionalgeschichtsforschung seit Jahrzehnten beschäftigt hat, kann jetzt eindeutig beantwortet werden – dank Andreas Brinker. Der Rheiner Heimatforscher hatte unnatürliche Strukturen in Luftbildern und Satellitenscans an einer Stelle ausgemacht, in deren Umgebung die Anlage gelegen haben soll. Auch gegen anderslautende Meinungen hielt er an seinen Befunden fest, führte zahllose Gespräche und machte Fachleute auf den Fall aufmerksam, bis endlich der archäologische Beweis erbracht werden konnte. Das ist ein großer Erkenntnisgewinn für die Geschichte der Stadt Rheine.

Beschreibung der Zerstörung der Schwanenburg in der münsterischen Bischofschronik in der Edition von Julius Ficker (1851).

Die Burg, die erstmals überhaupt 1303 als Ausstellungsort zweier Urkunden namentlich in Erscheinung tritt („Datum Swanenborgh“)[1] und ihre Bezeichnung vom Steinfurter Wappentier, dem Schwan, ableitete, wurde bereits 1343 wieder zerstört. In der münsterischen Bischofschronik, die Florenz von Wevelinghoven in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Auftrag gab, wird von einer Fehde zwischen dem Bischof Ludwig von Münster und dem Steinfurter Edelherrn berichtet, in deren Zuge das „castrum Schwanenborch“ geschleift wurde.[2] Eine deutsche Chronik aus dem 15. Jahrhundert lokalisiert die Burg noch genauer: „syn sloet to Swanenborch, dat gelegen is up der Emese by enen dorpe geheiten Mesem“.[3] Aus ihren Steinen soll der mündlichen Überlieferung nach die alte Kirche in Mesum erbaut worden sein.[4] 1573/74 kommt unter den Flurstücken des Bauern Willering (heute Willer), südlich dessen Hofstelle das Burgareal liegt, eine Fläche namens Tangenborg vor. Ob sich diese Bezeichnung (zu mittelniederdeutsch tange ‚Landzunge‘) auf die Schwanenburg bezieht, könnte durchaus möglich sein, weil der Bereich heute wie damals in der Heiner Mersch liegt und auch die bereits Ende des 16. Jahrhunderts genannten benachbarten Flurstücke „Hoyeland“ (Heuland) und „khoekamp“ (Kuhkamp) noch gegenwärtig im Liegenschaftskataster als Flurbezeichnung existieren.[5]

1656 erhob dann die Äbtissin von Herford Einwände gegen die Abtrennung der zum verfallenen Haus Schwanenburg gehörenden Kapelle Elte vom Pfarrbezirk zu Rheine. Dort heißt es: „Demnach in einer baurschafft dieses kerspels, Elte genant, eine alte geringe Capelle wandags zue dem alten dhaselbst gelegenen jetz gentzlich verwüsteten hauße Schwanenborg gehörig, daher das Jus collationis bei dem Gräfflichen Schloß Steinfurtt oder Tecklenburg annoch vorhanden, sich befindet“.[6] 1661 wurde Elte dann durch den münsterischen Bischof Christoph Bernhard von Galen zur eigenständigen Pfarrei erhoben.[7]

Bericht des Mesumer Fischers Gerdt Wesseling über die Schwanenburg von Jahr 1661.
Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Msc. I, Nr. 97, S. 701.

Ein Schriftstück aus dem Archiv des Klosters Gravenhorst von 1661 gibt weitere Auskunft über die Lage der Burganlage: Am 4. Mai teilte der Mesumer Fischer Gerdt Wesseling dem Steinfurter Grafen mit, er sei vor das Brüchtengericht in Rheine zitiert worden, weil er angeblich eine Gotte [Rinne] an der „Schwanenborg“ durchstochen habe. Diese Gotte lag am „Thiemans Kampf“ in Elte.[8] Der dortige Hof Thiemann gehörte dem Kloster Gravenhorst bereits seit 1262.[9] Somit muss sich auch die Schwanenburg in der Nähe des Thiemanns Kamps befunden haben. Wenn hier von dem „jetzt gentzlich verwüsteten hauße Schwanenborg“ und der „Schwanenborg“ die Rede ist, könnten Mitte des 17. Jahrhunderts noch Reste der Anlage sichtbar gewesen sein.[10]

1809 berichtete dann der gräflich-bentheimische Regierungsrat Funck von seinen Nachforschungen über den angeblichen Standort der Schwanenburg, nachdem er diesen am 7. Juli des Jahres in Begleitung der Fürstin Wilhelmine von Bentheim-Steinfurt, ihres Sohnes Erbgraf Alexius sowie der Töchter Charlotte und Sophie aufgesucht hatte. Funck behauptete, der Burgplatz habe im Kirchspiel Mesum, allerdings rechts der Ems auf einer Anhöhe gelegen. Er identifizierte dort gefundene Steine, zerbrochene Ziegel und eine eiserne Stange als Reste der Gebäude der Schwanenburg, obwohl er selbst erstaunt war, dass er derartige Bestandteile 466 Jahre nach der Zerstörung noch finden konnte. Um den von ihm lokalisierten Standort abzusichern, gibt er an, dass die gesamte Umgebung den Steinfurtern gehört habe, bis 1638 durch Erbteilung die Besitzungen an das Haus Bentheim-Tecklenburg gefallen seien. Letztere hätten die Besitzungen um den vermeintlichen Standort an Scheffer genannt Boichorst verkauft. Zudem behauptete Funck, dass der von ihm ausgemachte Platz „bis auf den heutigen Tag denen umliegenden annoch unter dem Namen Schwanenburg bekannt“ sei.[11] Aufgrund dieser Hinweise verortete Bernhard Gehling 1993 den Standort der Schwanenburg auf einer Bodenerhebung südlich des Hofes Willer, die durch fünf nebeneinanderstehende Eichen eingegrenzt wird.[12] 1994 begutachteten auch die Archäologen Christoph Grünewald und Cornelia Kneppe das Gelände. In den damaligen Unterlagen wird erwähnt, dass das nördlich angrenzende Flurstück im Urriss von 1822 noch „Borg“ bezeichnet wurde.[13]

Standort der Schwanenburg (roter Kreis).

Mit seiner Verortung lag Bernhard Gehling schon fast richtig. Nur hat die geomagnetische Messung der archäologischen Untersuchung im November 2021 durch Ingo Pfeffer und Joris Coolen ergeben, dass die Schwanenburg eben nicht auf der Bodenerhebung, sondern westlich von dieser in der Senke ihren Standort hatte. Der halbe Burggraben der Niederungsburg ist im Magnetscan deutlich zu erkennen. Die Schwanenburg befand sich somit nicht auf einer Anhöhe, wie von der Heimatforschung bisher vermutet worden war, sondern es handelte sich um eine Niederungsburg, die man im sumpfigen Auenbereich des damaligen Emsverlaufs angelegt hatte. Die Wehranlage existierte keine hundert Meter südwestlich des Hofes Willer. Vermutlich bestand sie aus einer Vor- und einer Hauptburg. Der Zugang erfolgte von Norden über einen Damm, den Andreas Brinker ebenfalls im Geländerelief nachweisen konnte. 

Mit der Geschichte der Schwanenburg haben sich bereits einige Forscher befasst. Einer von ihnen war Hans Jürgen Warnecke (1934–2019). Er fand im Text einer Urkunde aus dem Jahr 1241 eine Stelle, in der eine Burg der Steinfurter Edelherren genannt wird, die angeblich an der Ems situiert gewesen sei („ea parte Emese“).[14] Für Warnecke war das ein früher Beleg für die Elter Schwanenburg, der allerdings nicht zu einem früheren archäologischen Befund passen will. Denn im Bereich der einstigen Schwanenburg fand man neben Keramik auch bearbeitete Holzpfähle, die dendrochronologisch auf die Zeit um 1300 datiert worden sind.[15] Schaut man sich allerdings die von Warnecke angeführte Textstelle genau an, kommt ebenso eine andere Übersetzung in Betracht: „illa bona […], que nomine homagii […], que sita sunt ab ea parte Emese, ubi iacet castrum Stenvorde“. Wenn man das lateinische Wort pars nicht mit ‚Teil‘ oder ‚Stück‘ übersetzt, sondern mit ‚Seite, Richtung‘, so ist hier die Gegend zwischen Ems und Burgsteinfurt gemeint, also das Gebiet links der Ems. In diesem Fall ist mit dem „castrum Stenvorde“ keine zweite (und wie Warnecke meint „gleichwertige“) Steinfurter Burg an der Ems genannt, sondern die Stammburg in Burgsteinfurt.[16] Der Beleg für 1241 ist also sehr unsicher. Er fügt sich auch nicht gut in die damalige allgemeine territorialgeschichtliche Situation ein, wie im Folgenden darzulegen ist.

Der steinfurtische Güterbesitz bildete einen Schwerpunkt um Steinfurt sowie die angrenzenden Kirchspiele und wurde durch weiträumigen Streubesitz ergänzt. Somit musste das Interesse der Edelherren darin bestehen, weitere Herrschaftsrechte zu erwerben und dadurch einen geschlossenen Herrschaftsbereich zu etablieren. Dieser Prozess vollzog sich vorwiegend im 13. Jahrhundert, vor allem unter Baldewin von Steinfurt (1265–1317). Dieser soll einer späteren Nachricht aus dem Jahr 1395 zufolge bereits die Blutgerichtsbarkeit in Emsdetten und Mesum ausgeübt haben. Neben dem Gericht in Burgsteinfurt und dem Bauergericht in Sellen, Hollich und Veltrup besaßen die Edelherren darüber hinaus die Gerichtsbarkeit in Borghorst und das Gogericht in Laer. 1247 erhielten sie vom münsterischen Domkapitel das Holtinc- und Woltinc-Gericht des Hofes Boclo. 1279 kam dann noch die Freigrafschaft in Laer hinzu.[17] Seit 1280 erwarb Baldewin die von der Ruhr bis nach Friesland verstreut liegenden Besitzungen einer Steinfurter Nebenlinie samt deren Vasallen und kaufte weitere Lehen an.[18]

Seit 1282 verfolgten auch die münsterischen Bischöfe intensiv, ihre Herrschaft an beiden Seiten der Ems in Richtung Norden auszudehnen. Dreh- und Angelpunkt war die Inbesitznahme von Rheine, das an der wichtigen Fernstraße ins Emsland und weiter nach Friesland gelegen war.[19] In diese Zeit des territorialen Ausbaus auf münsterischer wie Steinfurter Seite wird der Bau der Schwanenburg fallen, die zum Schutz der Steinfurter Besitzungen bei Rheine gedacht gewesen sein dürfte. Neben der Stammburg in Burgsteinfurt und der 1238 gemeinsam mit den Herren von Lohn ererbten Burg Bredevoort war die Schwanenburg die dritte Wehranlage der Steinfurter. 1284 hatte Baldewin allerdings einen Teil an Bredevoort an den münsterischen Bischof abgetreten. Möglicherweise wurde erst jetzt das Projekt Schwanenburg angegangen. Baldewin von Steinfurt dürfte demzufolge als ihr Bauherr anzusetzen sein.[20] Ausschlaggebend für die Sicherung der Steinfurter Besitzungen an der Ems könnte auch das Beispiel des erzwungenen Verkaufs der Herrschaft Horstmar an den münsterischen Bischof gewesen sein.[21]

In diese Phase des steinfurtischen und münsterischen Herrschaftsausbaus (1280–1343) fällt auch der Bau der Steinfurter Burg Ovelgönne, die gemeinschaftlich mit den Herren von Solms zu Ottenstein auf einer Insel der Vechte unweit Schöppingens errichtet worden sein soll. Sie wird erstmals 1343 genannt. Der Name der Feste – übel gegönnt – zeigt schon, dass ihre Entstehung in eine Zeit konkurrierender Herrschaftsansprüche fällt.[22]

Die Zerstörung der nur vier Jahrzehnte nachweisbaren Schwanenburg (1303–1343) hängt ebenfalls mit dem Konkurrenzkampf um Rheine zusammen.[23] Hier besaß die Abtei Herford aus karolingischer Zeit umfangreiche Rechte und Besitzungen, die Tecklenburger Grafen hatten die Vogtei inne. Durch den Ort verlief zudem die wichtige Verbindungsstraße, die das Oberstift mit dem Ems- und Friesland verband. Besitzungen nannte der münsterische Bischof in den Kirchspielen Emsbüren, Emsdetten, Rheine, Saerbeck, Salzbergen und Schepsdorf sein Eigen. Ebenso verfügte hier das Domkapitel über Güterbesitz, der somit auf die Zeit vor 1000 zurückgeht, als Kapitel und Bischof ihren Besitz aufteilten. An der Emsstraße waren aber durch ihre seit 1280 erworbenen Besitzungen im Norden auch die Edelherren von Steinfurt interessiert. Die Spannungen begannen, als Bischof Ludwig von Hessen Rheine befestigen ließ. Die Befestigung musste er aber auf Druck der Grafen von der Mark und von Tecklenburg 1323 wieder niederlegen. 1327 unternahm der Bischof einen erneuten Versuch, sich Rheine zu bemächtigen, indem er dem Wigbold in diesem Jahr die Stadtrechte verlieh, das kurz zuvor wieder befestigt worden war.

Der durch diese Maßnahmen provozierte Konflikt mit Steinfurt ging ab 1341 in die heiße Phase. Bischof Ludwig von Hessen war damals Schuldner der Edelherren, denen er wertvolles Stiftsgut verpfänden musste. Zudem hatte Ludolf von Steinfurt 1338 mit der Stadt Münster ein Schutz- und Trutzbündnis geschlossen, worin beide Parteien versprachen, sich gegenseitig ihre Städte und Festungen zu öffnen. Sie gelobten, im Angriffsfall einander beizustehen. Dieser Akt richtete sich gegen den Bischof, der damals auch mit dem Domkapitel im Streit lag, das wiederum mit der Stadt Münster verbündet war. Dass das Verhältnis zerrüttet war, zeigt der Sühnebrief zwischen Münster und Steinfurt, aus dem hervorgeht, dass der Edle von Steinfurt sich beklagt habe, von Bischof Ludwig als „de Goes“ beschimpft worden zu sein. Hier wurde also das Steinfurter Wappentier, der Schwan, verunglimpft und mit einer Gans verglichen. Der Schwan wurde ostentativ auch für die Bezeichnung der Schwanenburg verwendet.[24] Als Bischof Ludwig nun mit dem Grafen Adolf von der Mark einen Pakt schließen konnte, war der politische Zeitpunkt gekommen, gegen die Steinfurter Edelherren vorzugehen. Die Männer des Bischofs und des Grafen griffen im Januar 1343 die Schwanenburg an und zerstörten diese. Zudem machten sie zahlreiche Gefangene, darunter den Sohn des Steinfurters und den Edlen Giselbert von Bronchhorst. Graf Rainald von Geldern vermittelte im Februar den Frieden, der vorsah, dass Ludolf von Steinfurt 1000 Mark an den Bischof zahlen musste. Erst nach Übergabe des Betrages wurden die Gefangenen freigelassen. Ferner verfügte Graf Rainald, dass keiner der Gegner im Gogericht der Gegenpartei ohne deren Erlaubnis eine Befestigung anlegen dürfe. Damit war ein Wiederaufbau der Schwanenburg nicht mehr möglich. Durch die Niederlage büßten die Steinfurter ihre Besitzungen an der Ems ein. Im Juni 1343 verkaufte Ludolf daher alle Besitzungen und Rechte bei Rheine für 800 Mark an den münsterischen Bischof: den Wellinchof, die Erben Koken, Greving und upper Lage in der Nähe von Rheine mit allen Leuten und Gerechtsamen, auch die Mühle bei Rheine und die Fischerei in der Ems von der Stadt bis zum Schladebusch. Ferner veräußerte er den Standort der Schwanenburg („campum in quo fundatum erat quondam nostrum castrum prope Rene“). Allen steinfurtischen Besitz in der Stadt Rheine nebst Insassen und Gerechtsamen trat er an das Stift Münster ab. Auch gelobte er für sich und seine Erben, niemals einen Rechtsstreit wegen dieser Güter zu beginnen.[25] Ein 1346 geschlossener Vertrag beendete die gegenwärtigen und zukünftigen Streitigkeiten.[26] Damit war das Ringen um Rheine beendet. Die Edelherren von Steinfurt konnte der münsterische Bischof allerdings nicht aus seinem Territorium verdrängen.


[1] Westfälisches Urkundenbuch, Bd. 8, Nr. 163; Bd. 10, Nr. 84; Inventare der nichtstaatlichen Archive des Kreises Coesfeld, Münster 1904, Nr. 21, S. 84.

[2] Die münsterischen Chroniken des Mittelalters, hrsg. v. Julius Ficker, Münster 1851, S. 44f.

[3] Ebd., S. 128.

[4] Soweit zu sehen, erstmals erwähnt bei Peter Grosfeld, Beiträge zur Geschichte der Pfarrei und Stadt Rheine, Münster 1875, S. 15 Anm. 36, der von einer alten Sage spricht.

[5] Das Tafelgutverzeichnis des Bischofs von Münster 1573/74, Bd. 1: Das Amt Rheine-Bevergern, bearb. v. Leopold Schütte, Münster 2014, S. 160: „Item eynn stucke, belegen inn denn Hoeneschenn Mersche, de Tangenborch gnant“.

[6] Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 274. Vgl. auch ebd., Nr. 267, S. 1: „dem nunmehr gantz destruirten hauße Schwanenborgh“. 

[7] Wilhelm Kohl, Das Bistum Münster. Die Diözese, Bd. 1, Berlin u. New York 1999, S. 429.

[8] Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Msc. I („Ältere Sammlung“), Nr. 97, S. 701f.

[9] Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Kloster Gravenhorst / Urkunden, Nr. 10; Druck: Osnabrücker Urkundenbuch, Bd. 3, Nr. 260; Manfred Wolf (Bearb.), Die Urkunden des Klosters Gravenhorst, Münster 1994, S. 15

[10] Ob allerdings die Ruinen der Schwanenburg auf Gemälden des Malers Jacob van Ruisdael († 1682) abgebildet sind, ist doch recht fragwürdig und bedarf noch des genauen Nachweises. Ralph Schippers, Grabung Aufgabe künftiger Generationen, in: Westfälische Nachrichten vom 13.01.2022.

[11] Abbildung des Dokumentes bei Bernhard Gehling, Die Schwanenburg in der Bauernschaft Heine, in: Rheine. Gestern, heute, morgen 32 (1993), Heft 2, S. 16–32, hier S. 19f.

[12] Ebd., S. 21.

[13] Bodendenkmalpflege, Fundpunktverwaltung, Mkz 3711,79.

[14] Osnabrücker Urkundenbuch, Bd. 2, Nr. 406; Inventar des fürstlichen Archivs zu Burgsteinfurt. Bestand A: Allgemeine Regierungssachen der Grafschaften Bentheim und Steinfurt, bearb. v. Alfred Bruns u. Wilhelm Kohl, Münster 1971, S. 122–125.

[15] Bodendenkmalpflege, Fundpunktverwaltung, Mkz 3711,79.

[16] Hermann Josef Pape, „Die Schwanenburg muss 100 Jahre älter sein“, in: Westfälische Nachrichten vom 11.02.2010.

[17] Walther Loewe, Das Gerichtswesen der Grafschaft Steinfurt, Münster 1913, S. 7–17; Ingeborg Hoeting, Studien zur Geschichte der Herrschaft Steinfurt, vornehmlich um 1500, Münster (Westfalen), Univ., Mag.-Arb., 1985, S. 51–58.

[18] Otto Nerlich, Der Streit um die Reichsunmittelbarkeit der ehemaligen Herrschaft und späteren Grafschaft Steinfurt bis zum Flinteringischen Vertrage (1569), Münster 1913, S. 33.

[19] Loewe, Gerichtswesen, S. 17f.

[20] So auch Hoeting, Studien, S. 55 u. S. 72 mit Anm. 316, der älteren Literatur (Karl Döhmann, Walther Loewe) folgend.

[21] Nerlich, Streit, S. 30.

[22] Hoeting, Studien, S. 73.

[23] Das Folgende nach: Hildegard Friemann, Die Territorialpolitik des münsterischen Bischofs Ludwig v. Hessen, Münster 1937; Kohl, Diözese, Bd. 1 (wie Anm. 7), S. 145–155.

[24] Josef Niesert, Codex diplomaticus Steinfordiensis oder Urkundensammlung zur Geschichte der Herrschaft Steinford, Bd. 1, Münster 1834, S. 169-175, hier S. 172.

[25] Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Domkapitel Münster / Urkunden, Nr. 0 – IV D Nr. 34.

[26] Niesert, Codex , Bd. 1, Münster 1834, S. 177f.

Vor 875 Jahren: Lengerich tritt in das Licht der Geschichte

Von Dr. Christof Spannhoff

Die Ersterwähnung Lengerichs ist zwar bei weitem nicht die früheste Ortsnennung in der Region, aber trotzdem etwas Besonderes. Der Name der heutigen Stadt findet sich nämlich anfänglich in einer Königsurkunde. Kein Geringerer als Konrad III. (1093–1152), aus der Familie der Staufer und seit 1138 römisch-deutscher König, veranlasste die erstmalige Niederschrift des Ortsnamens. Und zwar bestätigte er auf Bitten des Abtes Wibald von Corvey in einer Urkunde die Privilegien und Besitzungen des Stifts Herford. Ferner versprach er für sich und seine Nachfolger, den Frauenkonvent immer reichsunmittelbar zu erhalten. Unter den damals verbrieften Gütern befanden sich auch welche im Ort „Liggerike“, der zwischen „Ibbenbure“ (Ibbenbüren) und „Linen“ (Lienen) genannt wird. Daraus ist ersichtlich, dass es sich um das heutige Lengerich am Teutoburger Wald handelt. Dieses Ereignis fand auf dem Reichstag in Frankfurt zwischen dem 19. und 23. März 1147 statt und jährt sich somit aktuell zum 875. Mal. Natürlich bedeutet diese Ersterwähnung nicht die Gründung des Ortes. Der Name und die zugehörige Siedlung Lengerich sind bereits sehr viel älter. Nur besitzt man darüber leider keine schriftlichen Nachrichten. Doch nicht nur für die Lengericher heute, sondern auch für die Herforder Äbtissin und ihre Stiftsdamen damals war das königliche Privileg ein Grund zum Feiern. Damit glaubte man nämlich, einen langen Streit endlich beendet zu haben, dessen Ursache bereits drei Jahrhunderte zurücklag. Schon im 9. Jahrhundert statteten Kaiser Ludwig der Fromme (834) und dessen Sohn König Ludwig der Deutsche (855) das Mönchskloster Corvey und das Frauenstift Herford zu beider Versorgung mit Besitzungen und Zehntrechten im Osnabrücker und Emsland aus, die eigentlich den Bischöfen von Osnabrück zustanden. Der Zehnt war ursprünglich eine Abgabe des zehnten Teils landwirtschaftlicher Erträge, die zur Unterhaltung der Bischöfe dienen sollte. Die Osnabrücker Bistumsvorsteher bemühten sich daher immer wieder, die verlorenen Einnahmen zurückzugewinnen. Besonders findig ging dabei Bischof Benno II. von Osnabrück vor, der von 1068 bis zu seinem Tod 1088 die Geschicke seiner Diözese lenkte. Er gab zahlreiche Urkundenfälschungen und -verfälschungen in Auftrag, die den Osnabrücker Anspruch auf die Corveyer und Herforder Rechte beweisen sollten. Damit fuhr er letztlich auch ganz gut, denn bis zum Jahr 1900 sollte ihm keiner auf die Schliche kommen. Aber dann durfte der aus Glandorf gebürtige münsterische Germanist Franz Jostes (1858–1925) die Osnabrücker Dokumente genauer untersuchen und erkannte zahlreiche Imitationen. Diese groß angelegte Fälschungsaktion Bennos in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts brachte Corvey und Herford allerdings in arge Bedrängnis: Mussten sie jetzt etwa doch die Einnahmen aus Zehntrechten und anderen Gütern an Osnabrück abtreten? Aus der Zeit zwischen 1103 und 1106 ist das Fragment einer Liste überliefert, in der die dem Kloster Corvey verlorengegangenen Besitzungen aufgezählt sind. Auch das Stift Herford dürfte damals herbe Verluste erlitten haben. Es verwundert daher nicht, dass der tatkräftige Abt Wibald von Corvey (1098–1158, seit 1146 Abt von Corvey) Mitte des 12. Jahrhunderts den Versuch unternahm, die alten Zustände wiederherzustellen. Erfolg versprach dabei die gute Beziehung des Klostervorstehers zu König Konrad III. Wibald unterstützte die Königswahl des Staufers 1138, war in Konrads Hofkanzlei tätig und Gesandter des Herrschers beim Papst in Rom. 1147 erging dann auch wirklich zunächst eine königliche Urkunde für das verbundene Damenstift Herford, die die umstrittenen Rechte und Besitzungen wieder dem Stift zuwies. Die Herforder Güter werden darin noch einmal aufgezählt: Rheine mit Wettringen und Schöppingen, Bünde mit Rödinghausen und weiteren Orten sowie Ibbenbüren, Lengerich und Lienen. Diese Herforder Ansprüche waren nun also von höchster Stelle abgesichert. Später sollten jedoch – zumindest was Ibbenbüren, Lengerich und Lienen angeht – die Grafen von Tecklenburg den Herforder Äbtissinnen ihre Rechte erneut streitig und damit das Leben schwer machen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Link zur Urkunde von 1147

Literatur

Martin Kroker, Kaiser, Könige und fromme Frauen. Das Reichsstift Herford in ottonischer, salischer und staufischer Zeit, in: Fromme Frauen und Ordensmänner. Klöster und Stifte im heiligen Herford, hrsg. v. Olaf Schirmeister, Bielefeld 2000, S. 77–126.

Thomas Vogtherr, Original oder Fälschung? Die Osnabrücker Kaiserurkunden des Mittelalters, in: Der Dom als Anfang. 1225 Jahre Bistum und Stadt Osnabrück, hrsg. v. Hermann Queckenstedt u. Bodo Zehm, Osnabrück 2005, S. 109–133.

Thomas Vogtherr, Die Suche nach den Osnabrücker Kaiser- und Königsurkunden des Hochmittelalters um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in: Osnabrücker Mitteilungen 108 (2003), S. 57–67.

VORSICHT: Nichts als Scharlatanerie!

Das Buch „Geographische Namen im Hl. Römischen Reich Deutscher Nation“ kostet zwar 149,80 Euro, ist aber nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt ist.

Von Dr. Christof Spannhoff

„Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“, heißt ein bekanntes Sprichwort, dessen Richtigkeit sich wieder einmal in einer jüngst erschienenen Publikation gezeigt hat. Mit „Geographische Namen im Hl. Römischen Reich Deutscher Nation“ legen Siegfried G. Schoppe, Christian M. Schoppe und Stephan A. Schoppe ein Machwerk vor, das auf 622 Seiten eine krude Überzeugung verfolgt.[1] Diese gestaltet sich nach bekanntem Muster: Die drei Autoren sprechen den seit Jacob Grimm (1785–1863) entwickelten wissenschaftlichen Methoden der Namenkunde sämtliche Daseinsberechtigung ab, da sie vermeinen, den einzigen richtigen Weg gefunden zu haben, um alle Ortsnamen im Bereich des Alten Reiches erklären zu können. Daraus ergibt sich dann zwangsläufig, dass alle bisher vorgelegten Namenerklärungen anderer Forscher als falsch angesehen werden müssten, denn diese verfingen sich „schriftgläubig“ in Fallstricken. Die Autoren selbst seien hingegen „ergebnisoffen“ (S. 24f.). Eine solche Meinung öffentlich zu vertreten, zeugt schon von ausgeprägtem Narzissmus oder anders ausgedrückt: von großer Dummheit – vor allem, wenn das vorgelegte Ergebnis in keiner Weise das halten kann, was es verspricht.

Dabei will das Schoppe-Opus durchaus einen wissenschaftlichen Anstrich vorgaukeln: Es stellt Band 254 der Reihe „PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse“ des Verlages Dr. Kovač, Hamburg, dar, der sich selbst als „Fachverlag für wissenschaftliche Literatur“ bezeichnet. Ein fachliches Lektorat durch den Verlag scheint hier allerdings nicht erfolgt zu sein, wie auch einige Schreib- und Formatierungsfehler (z.B. S. 48, 600, 609) sowie das Fehlen eines ganzen Abschnitts zeigen (S. 618). Die hier angekündigte „unfreiwillige Komik“ bleiben die Verfasser schuldig.

Doch zunächst zu den drei Autoren selbst, die allesamt sprachwissenschaftliche und historische Laien sind, obwohl sie sich durchaus mit akademischen Titeln schmücken. Vater Siegfried G. Schoppe, ein studierter Wirtschaftswissenschaftler, war bis 2009 Professor an der Universität Hamburg. Seine Söhne und Mitautoren sind der Jurist Dr. Stephan A. Schoppe und der – zwar unbetitelte, aber ebenfalls mit Eindruck machender Mittelinitiale versehene – Steuerberater Christian M. Schoppe. Die Schoppes sind in der historischen Fachwelt bereits berühmt-berüchtigt, weil sie quasi im Vorbeigehen die großen Rätsel der Geschichte lösen: Sie meinen, den Ort der Varus-Schlacht gefunden oder das sagenumwobene Atlantis lokalisiert zu haben – um nur zwei prägnante Beispiele zu nennen.[2] Dabei fällt schon bei diesen beiden Abhandlungen auf, dass hier vielfach mit dilettantischen Ortsnamenherleitungen gearbeitet wird, um zum angeblichen Ziel zu gelangen. Auch darüber hinaus lässt die Methodik des Autoren-Trios sehr zu wünschen übrig, wie eine Rezension des Althistorikers Peter Kracht schonungslos dargelegt hat (Peter Kracht, Gemetzel an der Scherzgrenze). Vater Schoppe entblödete sich aber trotzdem nicht, der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel 2007 einen offenen Brief zu senden, in dem er – auf Grundlage seiner wenig belastbaren „Forschungen“ – die Einstellung der Vorbereitungen der Feierlichkeiten zum 2000. Jahrestag der Varusschlacht 2009 verlangte. Merkel war die Schirmherrin für das länderübergreifende Ausstellungsvorhaben „Imperium – Konflikt – Mythos“. Rund 13 Millionen Euro kostete das Projekt in Kalkriese, Detmold und Haltern. Schoppe forderte die Kanzlerin auf, dem „Treiben Einhalt zu gebieten“ (Kalkriese-Kritik: Thesen, Antithesen und die Kanzlerin).

Diese Schoppes machen sich nun also auch über die Toponyme im Gebiet des Alten Reiches her. Sie behaupten, eine Kernsilben-Methode (KS) entwickelt zu haben, mit deren Hilfe sie 40.000 geographische Namen erklären können. Die „historische Methode der Urkundenforschung“ (S. 9) komme zu falschen Ergebnissen, weil zum einen die Schriftlichkeit nicht weit genug in die Vergangenheit zurückreiche, zum anderen die mittelalterlichen Urkunden z.T. Fälschungen seien, Abschriften-Mängel und krampfhafte Latinisierungen aufwiesen sowie zum Dritten falsche Formen bis zum heutigen Tag konserviert hätten. Schon anhand dieser platten Populär-Weisheiten wird dem historischen Sprachwissenschaftler klar, dass die Autoren allenfalls an der Oberfläche ernstzunehmenden sprachhistorischen Philologenhandwerks gekratzt haben.

Die Schoppes vertreten ferner die These, dass der Entstehungszeitpunkt des Großteils der betrachteten Ortsnamen bereits in die Steinzeit zurückreiche. Hier zeigt sich, dass sie auch in archäologischer Hinsicht großen Nachholbedarf haben. Wenn sie die Megalithgrab-Kultur als Beweis für das Alter der mit diesen in Verbindung stehenden Ortsnamen anführen, dann wissen sie nicht, dass man sehr gut daran tut, zwischen Platz- und Siedlungskontinuität zu unterscheiden. Die archäologische Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass mit ständigen Siedlungsabbrüchen, Siedlungsverlegungen und Neu- bzw. Wiederbesiedlung der ehemals aufgegebenen Siedlungsplätze zu rechnen ist. Solche Vorgänge überstehen Ortsnamen allerdings in der Regel nicht, wie die schon zahlreichen Wüstungsnamen in historischer Zeit lehren. Nun gibt es durchaus hochaltertümliche geographische Namen. Dabei handelt es sich vor allem um diejenigen größerer Gewässer. Dass diese Namen auch durch die schriftlosen Jahrhunderte erhalten geblieben sind und Siedlungsbewegungen überstanden haben, hängt also zum einen mit ihrer überregionalen Bedeutung zusammen, zum anderen mit ihrer stabilitas loci. Denn ein Fluss verlegt sein Bett nur in einem bestimmten Korridor. Bei Siedlungsnamen, die von wandernden Bevölkerungsgruppen vergeben werden, sieht das ganz anders aus!

Nachdem die Autoren nun also die „historische Methode“ mit wenigen Sätzen weggeschwatz haben, was einzig dazu dient, sich recht einfach der mühevollen und zeitraubenden Quellenarbeit sowie des wissenschaftlich präzisen Arbeitens zu entledigen, wenden sie sich ihrer „etymologischen Methode“ mit der Identifizierung von mutmaßlichen Kernsilben (KS) zu, die angeblich komparatistisch-statistisch ermittelt worden seien. Was dann allerdings folgt, ist ein sprachwissenschaftliches Desaster namens „Forschungsstand und Forschungsansatz“, das den Untersuchungen der vergleichenden Sprachwissenschaft sowie jeglicher Beschreibung spottet. Jedem Indogermanisten werden hier die Haare zu Berge stehen, ob dieses himmelschreienden Unfugs. Kaum eine indogermanische Basis, die hier Erwähnung findet, ist korrekt wiedergegeben. Aber auch der normale deutsche Muttersprachler dürfte überrascht sein: Denn die Schoppes behaupten doch allen Ernstes, die Namenwörter Berg und Burg meinten eigentlich Bach: „Berg kommt wie Burg von > Broc (engl. Brook = Bach); siehe Kluge, Etymologisches Wörterbuch, S. 103“ (S. 83). Das steht in dieser Form allerdings nicht im „Kluge“, sondern lediglich, dass Berg und Burg sprachlich verwandt sind, was auch nicht zu bestreiten ist. Dass es sich allerdings um Metathese zu Broc handelt, ist eine Erfindung der Schoppes.    

Es schließt sich dann eine lange Liste von Ortsnamen an, die an beliebig gewonnene KS angeschlossen werden. Wenn die Autoren glauben, dass in dieser Weise methodische vergleichende Sprachforschung funktioniert, dann sind sie gewaltig auf dem Holzweg. Es seien ein paar nur schwer verdauliche Kostproben gegeben. Zum Ortsnamen Hörstel (Kreis Steinfurt) wird ausgeführt: „aus den ältesten urkundl. Schreibweisen ergibt sich eindeutig Horst- und -lo(o) für Bruchwald und Moor (Loo-se, Speller Dose), wie in 48683 Hörste-loe/Ahaus; also Bruch-torf. Die Endung -lo als loh (kelt. Gehölz) zu deuten, wie es Korsmeier tut, geht fehl; denn es gibt in der Region keine -lohe-/-lohen-ON; wohl aber z.B. zahlreiche Hausnamen Loose sowie ON Loose, 49545 Tecklenburg; in Hörstel-West finden sich die FN: Braune Mörken, Fern-rodder Bach, Torfmoor-see sowie Torflöcher im Galgenkamp, Hörsteler Feld; allesamt klare Moor-Hinweise“ (S. 231). Das ist schon viel Text im Vergleich mit den anderen Eintragungen in dem Buch, aber eine Erklärung ist diese assoziative, pseudointellektuelle Zusammenstellung in keiner Weise. Zudem widersprechen sich die Autoren hier selbst, denn sie greifen ja doch auf die ach so unzuverlässige schriftliche Überlieferung zurück, um das Element -lo im Ortsnamen Hörstel überhaupt fassen zu können, das ja in der heutigen Lautgestalt gar nicht mehr zu erkennen ist. An diesem argumentativen Wirrwarr wird deutlich, wes Geistes Kind das Schoppe-Trio ist. Hier lassen die krude Urlaut-Theorie Emil Brandstätters oder die fadenscheinige Methodik Hans Bahlows grüßen, die in der wissenschaftlichen Namenkunde bereits berühmt-berüchtigt sind (was die Autoren anscheinend nicht wissen). Letzterer erscheint sogar im Literaturverzeichnis der Schoppes und er wird auch im Text mehrfach als spiritus rector genannt. Das Buch ist also gar nicht so innovativ, wie die Autoren vorgeben.

Das hier Gesagte belegen zudem die Ausführungen zum Namen Tecklenburg, dessen Behandlung ebenfalls die fragwürdige Vorgehensweise entlarvt: „Tecklen-burg wie Teck-ling-hausen: früher im Ort mit Zeichenburg gedeutet; später von Bahlow mit idg. *tek für Schmutzwasser bzw. einen Fluss Tekene in Verbindung gebracht – entsprechend Teck und Tecknau; vgl. auch Theiken-meer: Torfmoor-See am Hümmling (kein Zeichen- oder Zeugenmeer) und Teckentrup, Tek-lenburg/Lemwerder und Tek-lote/Bochholt. Der Kalkberg, auf dem heute die mittelalterliche Burg-ruine liegt, wurde lange vorher in prähist. Zeit wegen seiner nassen Umgebung benamt (siehe dort die Moore: Loose, Sundern und Brochterbeck rundum – wie fast alle Berge im heutigen deutschen Sprachraum seit grauer Vorzeit (Harz, Westerwald, Wasgenwald, Rhön, Rheinhardswald). Die älteste Schreibweise im 12. Jh. mit D statt mit T: Degene-borch verrät den wahren ON-Sinn: -borch von KS *b(o)r ist nicht Burg, sondern Bruch; gemeint war also das Umland des Kalkfelsens, nicht der steil aufragende Felsen als solcher; Deng-ene- geht wie Deng-larn, Deggen-/Dengen-dorf auf die KS *ng = Sumpf zurück, hier vokalisiert mit e- als -eng(en) entsprechend -angen, -ingen, -ongen, -ungen; idg. *teng = gr. τεγγω, lat. tengo, dt. tunken: benässen, weichmachen (Sumpf); siehe > Teckling-hausen am Feldberg/Biggesee. Tecklen-burg, -bruch bedeutet also einfach Lage in einer sumpfigen Niederung der Münsterschen Bucht, umgeben von Bruch und Auwald der abfließenden Bäche, insbesondere der Ibbenbürener Aa vom Habichtswald (siehe dort) in Richtung NW und die Floethe von Brochter-beck (sic!) nach Westen; siehe Teklen-burg, = bruch/Lemwerder und > Tek-lote, =moor/Bochholt. Die Deutung über Ziegen/Zicken durch Korsmeier und Spannhoff ist völlig inakzeptabel; ON nach Nutztieren gibt es nicht; auch die frühere Übersetzung durch die Heimatforschung mit Zeichenburg (Tekene-borg) ist inakzeptabel. Alternativ käme noch in Frage: gr. τεκμαιρειν: bezeugen, bestimmen, anordnen: eine Thingstätte, von der es aber keine Überlieferung gibt, so dass auch das unwahrscheinlich ist“ (S. 480f.). Gleiches wird dann auf S. 614 in Kurzform wiederholt.

Ganz durchsichtig wird der Unfug bei der Deutung des Namens Dorfbauerschaft, den es in vielen westfälischen Orten gibt. Zum einen führen die Schoppes Dorf auf ihre KS *dr zurück, die Sumpf bedeute. Bauerschaft gehöre zu einer KS *b()r mit der Bedeutung Bruch, Auwald (S. 77, 134, 580, 602f.). Allerdings entsteht die Organisationsform der Bauerschaft in Nordwestdeutschland erst im Hochmittelalter, die spezielle Ausprägung der Dorfbauerschaft nachweislich sogar erst in der Frühen Neuzeit! Wer diese, dem Systemzwang geschuldeten Ausführungen also für bare Münze nimmt, dem ist nicht mehr zu helfen!

An die Namenliste schließt sich ein – für das doch sehr ambitionierte Vorhaben der Deutung von 40.000 Namen – recht spärliches Literaturverzeichnis von gerade einmal sieben Seiten an, das zudem durch nicht existente Titel aufgebläht wird. So zitieren die Schoppes einen Titel Jürgen Udolphs mit „Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe. Onomastik im europäischen Raum“ (Münster 2013ff.). Nur ist das keine eigenständige Publikation oder Reihe, sondern der Name eines Forschungsprojektes. Hier scheint die völlige Ahnungslosigkeit und das fehlende wissenschaftliche Handwerkszeug der Autoren deutlich auf. Fußnoten oder Anmerkungsapparat fehlen selbstverständlich gänzlich, weil ein genaues Nachweisen viel Arbeit ist. Diese wollten sich die Autoren anscheinend nicht machen. So muss der Leser denn vielfach raten, in welchem Titel der Literaturliste er denn diesen oder jenen Sachverhalt finden könnte.

Den Abschluss bildet die sogenannte Fallstudie „Orts- und Flurnamen des Landkreises Steinfurt“, die aber vielmehr eine Abrechnung darstellt mit dem Band „Die Ortsnamen des Kreises Steinfurt“ (Westfälischen Ortsnamenbuch 13) von Claudia Maria Korsmeier, der 2020 erschienen ist. Die Schoppes haben hier persönliche Bezüge, denn Vater Schoppe stammt gebürtig aus Hörstel im Kreis Steinfurt. Das Persönliche zeigt sich auch an der starken Zunahme der Polemik in diesem Kapitel. Die Argumentation bleibt allerdings windig und unseriös wie zuvor.

Wenn im gesamten Buch einmal etwas annähernd Richtiges getroffen wurde, was sehr selten vorkommt, so ist dies reiner Zufall und keinesfalls auf die Zuverlässigkeit der Methodik zurückzuführen. Das Buch ist vollkommen unbrauchbar und eine Verschwendung zeitlicher und materieller Ressourcen. Die Autoren haben viel ihrer Lebenszeit vergeudet! Es bleibt noch einmal zu wiederholen: Das Buch ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wurde!

Und doch hat es weitere Ableger generiert. Der Unfug der Kernsilben-Theorie wird auch angewandt in:

– Siegfried G. Schoppe, Hamburger Straßen-, Brücken- und Flurnamen – grundlegend neu erklärt, Hamburg 2022 (PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse 257)

– Siegfried G. Schoppe, Orts-, Flur- und Straßennamen im Kreis Steinfurt, Hamburg 2022 (PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse 258)

– Siegfried G. Schoppe, Bremer und Bremerhavener Straßen- und Flurnamen, Hamburg 2022 (PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse 260).  

Das wirft sowohl ein schlechtes Licht auf den Verlag als auch auf die Universität Hamburg, deren Emeritus Siegfried G. Schoppe ist.    

Vgl. auch die Rezension von Harald Bichlmeier.

Ein Wort in eigener Sache: Orts-, Flur- und Straßennamen im Kreis Steinfurt

Noch schlimmer als im oben beschriebenen Buch geht es in dem Ableger-Band zu den Orts-, Flur- und Straßennamen im Kreis Steinfurt zu (169 Seiten für stolze 76,80 Euro), den Siegfried G. Schoppe allein verantwortet.[3] Möglicherweise wollten seine Söhne die offen geäußerte Polemik nicht mittragen. Hier nun zeigt sich, dass es dem Autor auch um eine Abrechnung mit denjenigen geht, die seiner Meinung über den historischen Hintergrund der Reinhildis-Legende in Riesenbeck widersprechen. Zu diesem Thema hatte sich Schoppe 2018 in der ihm eigenen unwissenschaftlicher Manier – es gibt wieder einmal keinerlei Fußnoten, die die Grundlagen seiner Behauptungen präzise nachwiesen – ebenfalls in einem Buch geäußert.[4] Diesen Gegnern – zwölf an der Zahl – widmet er in süffisanter Weise sein Machwerk über die Steinfurter Toponyme. Und seine Schrift stellt natürlich eine recht unbeholfene Entgegnung zu Claudia Maria Korsmeiers Buch „Die Ortsnamen des Kreises Steinfurt“ dar, das 2020 erschienen ist:[5] „Dieses Buch wurde provoziert durch den gescheiterten Versuch von Claudia Maria Korsmeier (CMK), die Ortsnamen des Kreises Steinfurt zu erklären […]; dort sind durchweg mit wenigen Zufallstreffern sämtliche Namen falsch gedeutet, so dass es hier dringend einer Korrektur bedarf“ (S. 8). Und weiter: „Die Lehre aus dem Versagen der ON-Deutungen […] kann sein, dass Germanisten und Archivare bzw. Urkundenforscher nur neue Namen seit dem Mittelalter deuten sollten, aber auf keinen Fall frühere Namen, weil ihnen dazu die Kompetenz fehlt; insbesondere fehlen ihnen auch jegliche Erfahrungen in Boden- und Gewässerkunde. […] Die Urlandschaft der Norddeutschen Tiefebene einschließlich der Münsterschen Bucht ist aber nun einmal von Marsch, Moor, Morast und Nassheide geprägt und nicht von Bergen, Höhen, Tälern und Wäldern, wie es die deutschen Mittelgebirge sind; dementsprechend enthalten die F[lur]N[amen] und infolgedessen auch die O[rts]N[amen] hauptsächlich Wasser- bzw. Gewässer-Morpheme aus prähistorischen Sprachschichten, die nicht überliefert und daher nicht bekannt sind; mit Urkunden und alt-deutschen Sprachen, die nur das letzte Jahrtausend erfassen, lassen sich nur neue ON erklären, die im M[ittel]A[lter] entstanden sind und die häufig Morpheme wie rod-e, leb-en und mühl-en enthalten“ (S. 9). Das ist schon ein starkes Stück! Solche Aussagen schreien danach, belegt zu werden. Aber das kann Schoppe natürlich nicht leisten.

Er ist sich ferner nicht zu schade, wissentlich falsche Anschuldigungen in die Welt zu setzen. So behauptet er etwa, Verfasser dieser Rezension habe für den Rufnamen Ubbo statt Ibbo im Ortsnamen Ibbenbüren plädiert (S. 9, polemisch zugespitzt wiederholt S. 135). Das habe ich aber nachweislich nie getan, sondern mich stets gegen den legendären Ub(b)o und immer für einen Rufnamen Ibbo ausgesprochen! Diese Anschuldigung ist also schlicht und einfach erlogen! Das lässt schon tief blicken und entlarvt die Vorgehensweise Schoppes. Solche Verleumdungen finden sich nämlich häufiger. So ist anlässlich der Straßennamen Aant-pool, -straße, die Schoppe zu einem angeblichen „*(aa) nt = Sumpf-, Moorwasser“ und „*p (oo) l = Trübwasser, Pfuhl, engl. pool“ stellt, zu lesen: „Heimatforscher wie Spannhoff sehen hier in Ibbenbüren einen Ententeich und erkennen nicht, dass es sich um einen viel älteren Namen handelt, als dass er mit seiner plattdeutschen Heimatsprache erklärt werden könnte; überdiese [!] eignen sich Tiere und Pflanzen überhaupt nicht für die Benennung von Gewässern.“ (S. 11). Ich habe mich allerdings noch nie zum durchsichtigen Gewässernamen Aantpohl geäußert, obwohl ich ihn selbstredend zu mittelniederdeutsch ânt, âned, ênde ‚Ente‘ stellen würde! Generell möchte mich Schoppe zum Heimatforscher abqualifizieren, obwohl ich – ganz im Gegensatz zu ihm – das Fach studiert habe, in dem er hier herumdilletiert. Auch die Sprachwissenschaftlerin Claudia Maria Korsmeier wird kurzerhand zur „Heimatforscherin“ gemacht (S. 18), die zudem auch noch wenig ortskundig sei (S. 155). Seine Diffamierungen gipfeln darin, dass er einige der ohnehin wenigen (zehn!) Titel in seinem Literaturverzeichnis absichtlich verfälscht, was daran zu erkennen ist, dass er teilweise seine Zusätze kursiv setzt. Das ist einfach nur affig! Vor allem vor dem Hintergrund, dass er selbst nicht den leisesten Schimmer davon hat, worüber er schreibt – wunderschön offenbart in seiner Aussage: „Der hier verwendete Buchstabe F sollte kein unüberwindliches Rätsel sein; er steht für das Kollektiv b/b, f/f, p/p, pf, v, w; am ndd. Wort Dübel, Düvel im Kontrast zum oberdeutschen Wort Teufel läßt sich schön zeigen, dass die Buchstaben austauschbar sind; und auch d mit t“ (S. 10). Schoppe meint nicht Buchstaben, sondern Laute. Und auch die Althochdeutsche Lautverschiebung ist ihm anscheinend noch nie begegnet. Das passiert Laien, wie Schoppe einer ist, sehr gern. Über das Laienhafte seines Vorgehens versucht er hingegen hinwegzutäuschen, indem er ganz ungeniert seine akademischen Titel missbraucht und Kompetenzen vorgaukelt, die er einfach nicht besitzt (S. 10).

Ein Zitat der österreichischen Psychiaterin Heidi Kastner bringt es auf den Punkt: „Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen“!  


[1] Siegfried G. Schoppe; Christian M. Schoppe u. Stephan A. Schoppe, Geographische Namen im Hl. Römischen Reich Deutscher Nation, Hamburg 2021 (PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse 254).

[2] Dies., Varusschlacht. arminius-varusschlacht.de, Norderstedt 2007; Christian M. Schoppe, Siegfried G. Schoppe, Atlantis und die Sintflut. Die erste Hochkultur versank 5510 vor Christus im Schwarzen Meer, Norderstedt 2004.

[3] Siegfried G. Schoppe, Orts-, Flur- und Straßennamen im Kreis Steinfurt, Hamburg 2022 (PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse 258).

[4] Ders., Sächsisches Land- und römisches Zivilrecht im Konflikt bei kirchlichen Vermögenszuwendungen im Mittelalter. Der Fall der westfälischen „Alleinerbin Reinheldis“, Hamburg 2018. Dazu kurz und knapp Gerd Althoff, Reinhildis. Eine Heilige im Spiegel zeitgenössischer und späterer Quellen, in: Reinhildis, Miterbin Christi, hrsg. v. Heimatverein Riesenbeck e.V., 1. Aufl., Riesenbeck 2020, S. 14–23.

[5] Claudia Maria Korsmeier, Die Ortsnamen des Kreises Steinfurt, Bielefeld 2020 (Westfälisches Ortsnamenbuch 13).

Woher kommt der Name Knoblauchsberg?

Von Dr. Christof Spannhoff

Knoblauch ist nicht gerade ein Element, für das die westfälische Küche bekannt ist. Dafür sind eher mediterrane Speisen berühmt. Und doch gibt es in Tecklenburg einen Knoblauchsberg, an dem ein idyllischer Camping-Platz zum Urlaubmachen einlädt.[1] Der Knoblauchsberg ist auch – solange man denken kann – die Heimat der Tecklenburger Bürgerschützen von 1786 mit Schießstand und Schützenhalle, die schon so manchen sportlichen Schießwettkampf und schöne Feier gesehen haben.[2] Man könnte nun meinen, der Name sei wegen des enthaltenen Bestandteils Knoblauch nicht alt oder sei vielleicht ein „Verhörer“ der Geometer, die Anfang des 19. Jahrhunderts die Region vermaßen und den Urkataster zur genauen Grundsteuererhebung erstellten. Doch weit gefehlt. Der Name Knoblauchsberg reicht in seiner niederdeutschen Form bereits bis in das 14. Jahrhundert zurück und ist damit wesentlich älter als manch anderer Flurname. In einer Urkunde des Jahres 1357 wird festgehalten, dass vor dem Grafen Nikolaus von Tecklenburg-Schwerin der Ritter Cunrad von Horne dem Tecklenburger Vogt Johann Hoiffnagel die Oppenhove im Kirchspiel Lengerich für 19 Mark Osnabrücker Pfennige verkaufte, und diese Oppenhove lag „vnnder den Knuflickes Berge zu Teckelenburgk“, also unterhalb des Tecklenburger Knoblauchsbergs.[3]

Doch was bedeutet der Name des Knoblauchsberges, „von dem niemand weiß, weshalb er so heißt“, wie es in einem langen Bericht der Zeitschrift GEO über „Die Bürgerschützen vom Knoblauchsberg“ im Juli 1981 heißt.[4] Aufgrund des alten Belegs von 1357 ist der Name der Bodenerhebung wirklich zur Pflanzenbezeichnung Knoblauch zu stellen, mittelniederdeutsch knuflôk ‚Knoblauch‘.[5] Dass dieser bereits im Mittelalter bekannt und auch zur Speisenbereitung verwendet wurde, zeigt ein Arzneibuch des Jahres 1484: „Merke, de spise schal nicht to hete [vgl. englisch hot in der Bedeutung ’scharf‘] krudet sin, alse mit pepere, engeuer, knuflok“, was übersetzt heißt: „Die Speise soll nicht zu scharf sein, wie mit Pfeffer, Ingwer, Knoblauch“.[6] 1447 gruben im Zuge der Soester Fehde belagernde Soldaten „cyppoln, Knuffloff und wat se funden yn den garthoven vor unser stad“, also Zwiebeln und Knoblauch aus den Küchengärten vor Soest aus der Erde.[7] Die Auswirkungen des Knoblauchs nennt auch bereits der braunschweigische Chronist Hermann Bote in seiner 1519 verfassten Satireschrift „De Koker“: „Brandewîn unde knuflôk / dat stinket dorch seven gaten.“ – Branntwein und Knoblauch, das stinkt durch sieben Gassen.[8] Nach Westfalen gelangte der Knoblauch mit der Christianisierung über die Klostergärten, in denen er kultiviert wurde. Er wurde als Heilmittel gegen Bisswunden durch Hunde oder Schlangen, Haarausfall, Zahnschmerzen, Hautausschläge, Lungenleiden oder Menstruationsstörungen empfohlen.[9]

Der Knoblauch im „Kreuter Buch“ des Hieronimus Bock aus dem Jahr 1546.

Der Knoblauch im Knoblauchsberg ist aber kein regionales Unikum. In einem Schatzungsregister aus dem Jahr 1537 steht verzeichnet, dass der Lengericher Einwohner „Wagen Peter“ 15 Schillinge „vom Knuffelox Campe“, also vom Knoblauchskamp, zu zahlen hatte. Möglicherweise lag dieser Kamp, also ein eingezäunter Acker oder eine Wiese, in der Nähe des Tecklenburger Berges.[10]

Im Namen des Tecklenburger Knoblauchsberg steckt also wirklich die Bezeichnung der Pflanze aus der Gattung des Lauchs (Allium). Vielleicht handelte es sich auch um eine wilde Art des Gewächses. Eine Besonderheit ist die bereits frühe Erwähnung des Flurnamens, denn ein älterer Beleg wird aufgrund der Überlieferungslage kaum zu erwarten sein. Dieser Zufallsfund kommt daher zur rechten Zeit, denn 2023 könnten die Tecklenburger Schützen mit Fug und Recht das Jubiläum „666 Jahre Knoblauchsberg“ feiern.

[1] http://www.knoblauchsberg.de/ (Zugriff: 22.07.2020).

[2] Die Bürgerschützen vom Knoblauchsberg, in: Geo. Das neue Bild der Erde, Heft 7 (Juli 1981), S. 100–112, hier S. 102. Der Artikel ist einzusehen unter: https://www.bsv-tecklenburg.de/Die-B.ue.rgersch.ue.tzen-vom-Knoblauchsberg.htm (Zugriff: 22.07.2020).

[3] Fürstliches Archiv Rheda, Bestand E II, Nr. A 97 (3): Verzeichnis der Tecklenburger Urkunden 1328–1567, erstellt 1572, Blatt 87r.

[4] wie Anm. 2.

[5] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. 2, S. 505f.

[6] Ebd., Bd. 2, S. 581 (Stichwort kruden).

[7] Urkundenbuch der Stadt Göttingen, Bd. 1: Bis zum Jahre 1400, Hannover 1863, Nr. 225, S. 196–202, hier S. 201.

[8] Hermann Bote, Der Köker. Mittelniederdeutsches Lehrgedicht aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, hrsg. v. Gerhard Cordes, Tübingen 1963, S. 50, Vers 1557f.

[9] Kurt Heyser, Die Alliumarten als Arzneimittel im Gebrauch der abendländischen Medizin, in: Kyklos. Jahrbuch für Geschichte und Philosophie der Medizin 1 (1928), S. 64–102.

[10] Geldpachtregister der Grafschaft Tecklenburg 1537, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Sammlung FOT 586, S. 39.

Das Geheimnis des Wullbrinks in Lienen

Von Dr. Christof Spannhoff

Bei der Benennung von Straßen und Wegen wird häufig auf örtliche Flurnamen zurückgegriffen. Durch die amtliche Festschreibung bleiben diese so auch für die Nachwelt erhalten. Das ist eine gute Praxis, denn viele Flurnamen bieten für die jeweilige Ortsgeschichte wichtige Hinweise oder haben spannende Geschichten zu erzählen. Das zeigt auch das Beispiel des Lienener Flur- und Straßennamens Wullbrink.

Die ursprüngliche Flurbezeichnung ist mit dem häufig anzutreffenden niederdeutsche Wort Brink gebildet, das eine große Bedeutungspalette aufweist. Es kann sowohl ‚Rand, Ackerrain, Grenzland‘ als auch ‚Hügel, Grenzhügel, Abhang, erhöhte Rasenfläche, Grasanger, Weide‘ oder ‚unbebautes Land, Gemeindeplatz‘ bedeuten. Johann Aegidius Klöntrup (1755–1830) definiert den Brink 1798 in seinem Osnabrücker „Rechtswörterbuch“ nicht nur als einen ‚kahlen Hügel‘, sondern als ‚überhaupt ein ungebauetes Land‘.[1] Auch das „Idioticon Osnabrugense“, ein vom Osnabrücker Gymnasialrektor Johann Christoph Strodtmann (1717–1756) 1756 verfasstes Wörterbuch der Osnabrücker Mundart, erklärt das Wort Brinck wie folgt: „1) ein Hügel. Davon heissen einige hiesige Berge Osterbrink, Westerbrink u.s.f. […] 2) Ein Fleck Landes, das weder umgegraben, noch umgepflügt wird, es mag Gras darauf stehen, oder nicht. Daher nennt man auch einen Grasanger Brink. […].“[2] Auch im Tecklenburger Land wird mit Brink oft ein Hügel oder eine Anhöhe bezeichnet, wie auch der Lienener Sienebrink zeigt.[3] Dieser Befund passt auch zum Wullbrink, der früher ebenfalls eine Geländeerhebung benannte, die aber später durch Sandabbau verschwunden ist.[4]

Doch was steckt im ersten Teil des Namens? Was meint das Wull-? In seiner 1889 verfassten Kirchenchronik berichtet der Lienener Pfarrer Wilhelm Kriege (1829–1913), dass sich auf dem Wullbrink nach der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr 9. n. Chr. Reste des römischen Heeres verschanzt haben sollen, bevor sie von den Einheimischen endgültig niedergemacht worden waren. Der Wullbrink wird hier also als eine Art „Wallbrink“ gedeutet. Die Erzählung ist sicherlich nicht alt, sondern gehört in das nationalromantische 19. Jahrhundert, als der Sieg der Germanen über die Römer breit rezipiert wurde. Man denke nur an das monumentale Hermannsdenkmal bei Detmold, das vor dem gleichen patriotischen Hintergrund zwischen 1838 und 1875 entstand.[5]

So wie die Geschichte von den sich verschanzenden römischen Soldaten eine Sage ist, kann aber auch die Erklärung des Wullbrinks als „Wallbrink“ in das Reich der Legende verwiesen werden. Denn die ältesten Belege weisen in eine ganz andere Richtung. In einem Verzeichnis der Kirchenländereien aus dem Jahr 1672 notierte der damaligen Pfarrer Alhard Theodor Snethlage unter Nr. 21: „Wulffe Brinck 3 Scheffelsaat“.[6] Damit ist mit Sicherheit das Gebiet des heutigen Wullbrinks gemeint. 1676 wird ein Stück Ackerland auf dem „Wulffen Brinck“ bzw. „Wolfs-Brinck“ verkauft.[7] Durch diese Belege sind aber alle anderen Erklärungen der neueren Heimatforschung hinfällig, die nur von der Form Wull- ausgehen. Die schwer zu sprechende Abfolge von vier Konsonanten -l-, -f-, -b-, -r- (Viererkonsonanz) in der Bezeichnung „Wulfbrink“ hat dann dazu geführt, dass das -f- ausgestoßen wurde, um die Aussprache zu erleichtern. So wurde aus dem Wulffe-, Wulffbrink schließlich der Wullbrink. Eine ähnliche lautliche Entwicklung finden wir im Ortsnamen Wullen bei Witten, der um 1220 noch „Wolfdale“ heißt, um 1412 dann „Woldail“, um 1420 „Wolvesdail“, 1486 „Wulden“.[8]

Im ersten Teil des Namens Wulffe Brinck/Wullbrink steckt also eindeutig das niederdeutsche Wort wulf für den ‚Wolf‘.[9] Zu vergleichen ist der Name Wulverliet in Westerkappeln, der 1580 in der Personenbezeichnung „Wessel in der Wulvelith“, 1621 als „Wulfelieth“ (beide noch ohne -r-) vorkommt.[10] Es stellt sich nun allerdings die Frage, ob mit dem Lienener Flurnamen Wulffe Brinck/Wullbrink das Raubtier aus der Familie der Hunde, Canis lupus, gemeint ist oder eine Pflanze namens Wulf oder Wülfkes. So wurde nämlich früher im Osnabrücker und Tecklenburger Land mundartlich das Wollgras (Eriophorum) bezeichnet wegen der langen Blütenhüllfäden der Früchte, die wie Wattebäusche aussehen und an das Fell des Tieres erinnern.[11] Für den Lienener Flurnamen Wulffe Brinck/Wullbrink dürfte die Waagschale allerdings zugunsten Isegrimms ausschlagen, denn in einem weiteren Kaufvertrag aus dem Jahr 1676 ist auch von in der Nähe (im Ostern-Esch) gelegenen „Wulffen Bäumen“ die Rede.[12] Bei diesen wird es sich um eine Baumgruppe gehandelt haben, in der zum Zweck des Fangens von Wölfen sogenannte Wolfsangeln befestigt wurden. Mit Ködern umwickelt hängte man diese besonderen Eisenkonstruktionen mit drei oder vier spitzen Haken so hoch in die Bäume, dass der Wolf danach springen musste. Im Maul öffneten sich dann die Haken oder das Tier blieb mit dem Gaumen an einem Zacken hängen. Das an der Wolfsangel hängende Wolf verendete dabei meist qualvoll.[13]

 

Wölfe springen nach Ködern an den Wolfsangeln, die in einen Baum gehängt wurden. Abbildung aus dem „Dictionnaire de toute espèce de chasses“ von 1811 (Lexikon aller Jagdarten).

Dass es in Lienen bis mindestens ins 17. Jahrhundert Wölfe gegeben hat, belegt die Bestrafung der Lienener Bauern Upmeyer und Schulte-Uffelage in Dorfbauer mit der Abgabe von drei Scheffeln Hafer, weil sie zu spät zur Wolfsjagd erschienen waren.[14] 1668 entließ Graf Mauritz von Tecklenburg die Bürger der Stadt Tecklenburg aus der Verpflichtung zur Teilnahme an den Wolfsjagden in Lienen.[15]

[1] Johann Aegidius Klöntrup, Alphabetisches Handbuch der besonderen Rechte und Gewohnheiten des Hochstifts Osnabrück. Mit Rücksicht auf die benachbarten westfälischen Provinzen, 3 Bde., Osnabrück 1798–1800, Bd. I, S. 193.

[2] Johann Christoph Strodtmann, Idioticon Osnabrugense. Ein Hochzeits-Geschenk an den Herrn Professor und Consistorial-Assessor Schütze bey der Verbindung desselben mit der Demoiselle Esmarchinn, Leipzig u. Altona 1756, S. 32.

[3] Christof Spannhoff, Der Ursprung des Flurnamens Sienebrink, in: Ders., Von Schale bis Lienen. Streifzüge durch die Geschichte des Tecklenburger Landes, Norderstedt 2012, S. 144–146.

[4] Wilhelm Wilkens, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 186f.

[5] Ebd.

[6] Verzeichnüß alles Landes Wiesen vnd Weide, so an den Pastorat zu Lynen gehörig. Anno 1672. Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Fürstabtei Herford, Akten, Nr. 437, Blatt 26r–27v.

[7] Kaufbrief Arndt Jobst Metger vom 6. Juni 1676. Archiv Heimatverein Lienen, unverzeichnet.

[8] Mit den Nachweisen: Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Bochum 2010, S. 120.

[9] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. 5, S. 786.

[10] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 12f.

[11] Joseph Tiesmeyer, Die Pflanzen im Volksmunde des Osnabrücker Landes I, in: 45. Jahresbericht des Westfälischen Provinzial-Vereins für Wissenschaft und Kunst (1916/17), S. 53–67, hier S. 65.

[12] Kaufbrief Jürgen Pellemeyer vom 6. Juni 1676. Archiv Heimatverein Lienen, unverzeichnet.

[13] Gerd van den Heuvel, Die Ausrottung eines „gefährlichen Untiers“. Wolfsjagden in Niedersachsen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 76 (2004), S. 71–102.

[14] Friedrich Ernst Hunsche (Bearb.), Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v. d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965, S. 38.

[15] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Urkunden, Nr. 297.

Kein adeliges Gut, sondern ein „normaler“ Bauernhof

Die Ursprünge des Strakenhoffs in Lienen

Von Dr. Christof Spannhoff

Mit dem Abriss der maroden Gebäudereste an der Glandorfer Straße im Dezember 2017, die bereits am 3. Juni 2004 durch ein Feuer zur Brandruine wurden und über 13 Jahre dem weiteren Verfall preisgegeben waren, sind auch die letzten Spuren einer alten Lienener Hofstelle verschwunden, der von der lokalen Heimatforschung eine besondere Relevanz für die Ortsgeschichte zugeschrieben wurde: dem sogenannten Strakenhoff.[1] Sein Verschwinden aus dem Ortsbild ist daher ein guter Grund, seine Anfänge noch einmal genauer zu betrachten.

Der am 3. Juni 2004 durch Brand zerstörte Strakenhoff (Foto: Chr. Spannhoff, 2003)

Die Idee, dass der Strakenhoff in der Vergangenheit eine besondere Bedeutung gehabt haben müsse, wurde durch eine Aussage des Lienener Amtmanns Johann Leonhard Arendt genährt. Auf eine behördliche Anfrage „was es mit dem Strakenhof in Hinsicht der adelichen Rechte für eine Bewandniß habe“, antwortete dieser am 16. Januar 1806: „Gedachter Strakenhof ist nicht ganz contributionsfrey, sondern es müssen von dem Besitzer nach dessen Angaben 5 Reichsthaler 6 Groschen Contribution jährlich entrichtet werden. Übrigens muß derselbe auch alle bürgerlichen Lasten tragen. In der älteren Zeit hat er zu dem sogenannten Straken-Erbe gehört, und glaube ich, von alten Leuten gehört zu haben, daß der Strakenhof davon der Stamm ist, da die übrigen zu gedachtem Straken-Erbe gehörigen Gründe vereinzelt sind.“[2] Anscheinend haben die vom Amtmann genannten „adelichen Rechte“ die Phantasie der Heimatforscher beflügelt. Folglich wurden die Anfänge des angeblich „freiadeligen“ Strakenhoffs einerseits mit der mittelalterlichen Adelsfamilie von Lienen[3], andererseits mit dem Lienener Fronhof der Herforder Äbtissin (dem sogenannten Ebdinghof)[4], aber auch mit einem Edlen Ruothward, der 1097 der Osnabrücker Kirche einen Fronhof (curia) in Lienen schenkte[5], in Verbindung gebracht. Auch eine Zusammengehörigkeit mit einem bäuerlichen Anwesen nebst Mühle namens Strake (1280 „Strakenmolen“[6]) in Glane am Remseder Bach oder einem Osnabrücker Bürger Rudolf Strake, der Mitte des 14. Jahrhunderts erscheint[7], ist erwogen worden, lässt sich allerdings nicht belegen.[8] Auch dass der Hof ein ehemaliges gräfliches Forst- oder Jagdhaus oder von einer Gräfte umgeben gewesen sei, ist nicht nachzuweisen.[9]

Der Strakenhoff im Jahr 1956 (Archiv Heimatverein Lienen)

Die urkundliche Überlieferung spricht dagegen eine ganz andere Sprache: Erstmals erwähnt wird der Lienener Strakenhoff 1469. Am 25. Januar des Jahres verkaufte Graf Claes von Tecklenburg unter Vorbehalt der Wiederlöse einem Johann Struve ein wüstes Erbe mit Namen „Straken erve“, darüber hinaus einen Kotten genannt „de Deuenter“ (Denter) und einen Teich genannt „Erpesdyk“, die alle nicht weit „van dem dorpe to Lynen“ gelegen waren.[10] 1497 wird besagtem Johann Struve die noch ausstehende Zehntschuld vom „Straken erve“ an das Kloster Iburg erlassen.[11] Noch um 1550 mussten vom „Strakenhuess“ jeweils drei Scheffel Hafer, Gerste und Roggen als Zehntabgabe an die Iburger Mönche entrichtet werden.[12] Die Bezeichnung als „Erbe“ (erve) und die Zehntpflicht zeigen an, dass es sich beim Strakenhoff um einen ganz „normalen“ Bauernhof und kein adeliges Gut gehandelt hat. Die Bauernstätte wurde bereits früh wüst, weil die wirtschaftende Bauernfamilie ausgestorben war oder den Hof verlassen hatte, und fiel an die Grundherren, die Tecklenburger Grafen, zurück. Deshalb war der Hof später auch gräflicher Domänenbesitz.[13] In der Folge veräußerten die Grafen stückweise Teile der Hof- und Ackerflächen, etwa 1469 an den genannten Johann Struve.[14] Bereits um 1550 und 1610 ist ebenfalls von einem verkauften Grundstück (Kamp) die Rede, das „Strakenhuess hoffe“ bzw. einfach „Strakenhoff“ genannt wurde und zum Besitz des Lienener Vogtes gehörte.[15] Zwischen 1676 und 1707 wurden dann die verbliebenen Reste veräußert.[16] Die zwischenzeitlich verfallene Hofstelle erwarb um 1707 der Lienener Pfarrer Eberhard Samuel Snethlage, der die Hofgebäude wieder herstellen ließ.[17] In der Folge ging der Strakenhoff durch Heirat und Erbfolge an die Familien Kortmann, Berkemeyer, Stapenhorst und schließlich Mitte des 19. Jahrhunderts an Heuschkel über, die letzte Besitzerfamilie des Strakenhoffs.[18]

[1] Friedrich Ernst Hunsche, Rittersitze, adelige Häuser, Familien und Vasallen, Bd. 1: Der ehemaligen Grafschaft Tecklenburg, Tecklenburg 1988, S. 166–168; Wilhelm Wilkens, Lienen. Die Geschichte seiner Häuser, Lienen 1993, S. 141–144; Ders., Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 105–107 u. S. 125.

[2] Hunsche, Rittersitze, S. 167 nach angeblichen Vasallen-Tabellen der Rittergüter in der Grafschaft Tecklenburg 1795-1807 im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen in Münster (LAV NRW AW) im Bestand Landratsamt Tecklenburg, Akten.

[3] Hunsche, Rittersitze, S. 170.

[4] Ebd., S. 164. Zur Kritik daran: Wilkens, Lienen (1993), S. 178.

[5] Wilkens, Lienen (2004), S. 106. Diese Sicht noch nicht bei Wilkens, Lienen (1993).

[6] Urkundenbuch des Klosters Iburg, bearb. v. Horst-Rüdiger Jarck, Osnabrück 1985 (Osnabrücker Urkundenbuch 5), Nr. 64 (1280 Oktober 24, Original).

[7] Urkundenbuch der Stadt Osnabrück 1301–1400, bearb. v. Horst-Rüdiger Jarck, Osnabrück 1989 (Osnabrücker Urkundenbuch 6), Nr. 699 (1360 Juli 14, Original); Nr. 906 (1375 Februar 6, Original).

[8] Wilkens, Lienen (1993), S. 142; Wilkens, Lienen (2004), S. 106.

[9] Hunsche, Rittersitze, S. 167; Wilkens, Lienen (1993), S. 142. Dass der Strakenhoff ein gräfliches Forsthaus gewesen sei, geht dabei auf die Familienchronik Snethlage, 1935/36 von Oscar-Ernst Snethlage zusammengestellt, zurück. Bei Wilkens, Lienen (2004) ist davon keine Rede mehr.

[10] LAV NRW AW, Grafschaft Tecklenburg, Urkunden, Nr. 286 (1469 Januar 25, Original).

[11] Urkundenbuch Iburg, Nr. 313 (1497 Mai 19, Original). Zum Zehnten in der Region: August Suerbaum, Der Zehnte im Landkreis Osnabrück vom späten Mittelalter bis zur Ablösung,  in: Osnabrücker Mitteilungen 70 (1961), S. 24–86.

[12] Registrierung der Zehntpflichtigen des Klosters Iburg in den Kirchspielen Lengerich und Lienen (um 1550). LAV NRW AW, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 43, S. 9 u. 11. Siehe auch: Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. 1, Norderstedt 2007, S. 62 u. 64.

[13] Hunsche, Rittersitze, S. 167.

[14] wie Anm. 10.

[15] Wie Anm. 12 und Donation des Grafen Adolf von Bentheim-Tecklenburg an den Vogt Conrad Hollenberg zu Lienen über einen Kamp an der Ostseite seiner Behausung, unter dem zu der Vogtei daselbst beigehörenden Kamp, der Starkenhoff (!) genannt, belegen und anstossend. Anno 1610. LAV NRW AW, Manuskripte VII, Nr. 2104 (Kopiar der Obligationen der Grafen von Tecklenburg 1584–1617), Blatt 67v–68r.

[16] Hunsche, Rittersitze, S. 167.

[17] Ebd., S. 166f. Dass Hof (villa) und Haus (domus) 1708 wieder hergerichtet waren, belegt ein Wappenstein, der sich über der Tür des Hauses befand und folgende Inschrift trug: „Anno 1708. E[berhard]. S[amuel]. Snethlage, V[erbi]. D[omini]. M[inister] Linensis – A[nna]. B[ernhardine]. Alstein coniuges desertam villam et domum Strackenhoff cura sumptibus et opere suis heredibus posuerunt“. Zur Auflösung des Namens A. B. Alstein siehe Wilkens, Lienen (1993), S. 142.

[18] Zur weitere Geschichte des Strakenhoffs: Hunsche, Rittersitze, S. 166–168; Wilkens, Lienen (1993), S. 141–144; Wilkens, Lienen (2004), S. 125.

Ambter > Ampter > Antrup

Zum Ortsnamen Antrup bei Lengerich (Kreis Steinfurt)

Von Dr. Christof Spannhoff

Der heutige Bauerschaftsname Antrup bei Lengerich (Kreis Steinfurt) ist zwar in seiner gegenwärtigen Form eine kleine „Mogelpackung“, aber doch gibt er einen aufschlussreichen Einblick in die Ortsgeschichte.

Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als handele es sich bei dem hier betrachteten Antrup um einen der vielen niederdeutschen Ortsnamen auf –dorp mit den Varianten –drup, –trup, –torp oder –tarp. Diese Namen gehören zu altniederdeutsch thorp, mittelniederdeutsch dorp, althochdeutsch dorf ‚(Einzel)-Hof, Siedlung, Wohnstätte, Dorf‘. Das Wort ist urverwandt mit lateinisch trabs ‚(Dach)-Balken, Sparren‘ und gehört somit zu der Gruppe der Zaun- und Gerüstwörter, die von der Umzäunung selbst auf die gehegte Stelle übergegangen sind. Die vielen Bedeutungen des Wortes sind möglich, weil der Zaun erst das eingefriedete Gebiet schafft. Der Zaun bewirkt das Dorf. Ohne ihn wäre es nicht das, was es ist, nämlich ein umfriedetes, durch den Zaun aus der Umgebung herausgenommenes Grundstück. Somit ist unter einem Dorf also ursprünglich ein durch eine lebende Hecke oder einen toten Zaun abgeteilter Wohnplatz zu verstehen. Im Streusiedlungsgebiet konnte dies sogar nur ein einzelnes Gehöft gewesen sein. Denn in früheren Zeiten waren Siedlungsplätze stets umzäunt.[1]

Belege Antrup (Lengerich)

1621: Lengercke. Ollendorp Ambter[2]

1629: Allendorp vnd Ambter[3]

1631: Allendorp Ampter[4]

1634: Allendorp Ambter[5]

1643: Antrup[6]

1673: Antrup[7]

1755: Brsch. Andrup et Aldrup[8]

Die älteren Belege des Ortsnamens zeigen jedoch, dass das Wort –dorp mit seinen Varianten –drup, –trup, –torp oder –tarp hier nicht enthalten ist. Es handelt sich vielmehr um eine spätere Angleichung der Lautgruppe –ter an –trup, die vermutlich durch die Zweitglieder der benachbarten Lengericher Ortsnamen Aldrup und Intrup bedingt war. Dass aus dem verbleibenden Amb-, Amp– dann ein An– wurde, ist damit zu erklären, dass im Mittelniederdeutschen ein m im Silbenauslaut zu einem n werden konnte.[9] Dieser Vorgang ereignete sich aber erst, nachdem das b bzw. p ausgefallen war, um die Mitlautfolge mbt / mpt (Dreierkonsonanz) leichter aussprechen zu können. Es ist also von folgender Lautentwicklung auszugehen (* kennzeichnet eine nicht belegte, sondern erschlossene Form): Ambter / Ampter > *Ambtrup / *Ambtrup > *Amtrup > Antrup

Analyse

Die historischen Formen des Ortsnamens Antrup, der überhaupt erst nach 1600 in der Überlieferung erscheint, sind also Ambter oder Ampter. Auf diesen lässt sich somit folgende Erklärung aufbauen:

1) Der Ortsname ist in die Bestandteile Ambt– bzw. Ampt– und –er zu zerlegen. Die Lautgruppe –er ist dabei als Suffix anzusprechen (vgl. Bürger), das über die Stufen –ara < –wara aus ursprünglich germanisch *warjôz ‚Bewohner‘ entstanden ist. Dieses Suffix begegnet zur Bildung von Einwohnernamen seit dem Frühmittelalter in der Form –er. Es lebt bis heute fort, z.B. in der Lengerich-er.[10] Der Ortsname Ambter / Ampter > Antrup ist dann in diesem Fall ursprünglich eine Personengruppenbezeichnung gewesen, die auf den Ort übertragen wurde.[11]

2) Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass Ambter / Ampter aus einer attributiven Verwendung *Ampter / Ambter Ort / Bauerschaft o.ä. unter Wegfall der Siedlungsbezeichnung „Ort / Bauerschaft“ entstanden ist. Der Name wäre dann mit Hölter bei Ladbergen vergleichbar, das auf die Wendung Holter Ort (1643) / Holter Bauerschaft (1755) zurückgeht und dann zu Hölter verkürzt wurde.[12] Hier ist das –er dann ebenfalls als Suffix zu erklären (s.o.).

In beiden Fällen bleibt nach Abzug des Suffixes die Basis Ambt– oder Ampt– übrig, die zum Wort ambt, ammet ‚Amt, Aufgabenkreis, Zunft, Gilde, Villikation / Hofverband‘ gehört, das auf älteres ambet < ambacht / ambaht zurückgeht.[13] Ambter / Ampter meint also entweder

1) ‚diejenigen, die zu einem Amt gehörten‘ oder gemeint ist

2) ‚ein zu einem Amt gehöriger (Wohn-)Ort‘.[14]

Erklärung

Doch was soll das bedeuten? Zu welchem Amt gehörten die Antruper ursprünglich? Als Amt oder lateinisch officium wurde auch der Verband eines Fronhofes (lateinisch curtis oder curia) bezeichnet. In Lengerich findet sich ein solcher mit dem Herforder Schultenhof zu Aldrup. Laut der ältesten Heberolle des Stiftes vom Ende des 12. Jahrhunderts lagen in der Nähe des Aldruper Fronhofes, der damals noch Lenkerike hieß[15], elf Bauernstätten (mansici), von denen zwei wüst (deserti) waren.[16] Hinzu kamen noch weitere zugehörige Bauernstellen in Wechte, Hohne und Ladbergen. Diese elf Stätten in Aldrup-Antrup erscheinen in den späteren Registern nicht mehr. Vielleicht wurden sie bereits direkt unter dem Fronhof geführt, woher sich auch ihre spätere Gruppenbenennung als Ambter / Ampter ‚die zum Amt / Herrenhof Gehörigen‘ erklären könnte. Genauer lässt sich diese Frage aufgrund der spärlichen Quellenlagenicht mehr klären. Die frühen Antruper dürften also ursprünglich diejenigen Bauern gewesen sein, die zu diesem Schultenhof zählten und in dessen Nähe lebten. Diese Deutung erklärt zudem sehr schön, warum die Bauerschaften Aldrup und Antrup nicht nur räumlich beieinanderliegen, sondern auch in Steuerregistern und anderen Unterlagen zusammen aufgeführt sind. Die Entstehung des späteren Bauerschaftsnamens Antrup / Ambter / Ampter hängt also sehr wahrscheinlich mit dem Herforder Fronhof in Aldrup zusammen. Allerdings frühestens nach 1600 etablierte sich Antrup als eigener Bezirk und wurde – zumindest namentlich – von Aldrup getrennt. Ein solcher Vorgang ist nicht selten: So bildeten sich zum Beispiel um 1600 vielerorts erst die Dorfbauerschaften aus.[17] Auch die spätere Lienener Bauerschaft Kattenvenne, die zuvor zu Meckelwege gehört hatte und deren Name bereits 1312 als ton Kattenvenne genannt wird, entstand erst um 1650.[18]

Dass das Wort Amt durchaus in Ortsnamen vorkommen kann, beweist das niederösterreichische Amstetten (1128 Ambsteten).[19] Der Name der Wüstung Porterhausen bei Herford zeigt im Erstglied ebenfalls eine Funktionsbezeichnung, wie sie noch 1415 erläutert wird: „spectantes ad officium Porterhusen proprie to dem poertampte; dabit annuatim abbatisse 1 talentum cere et portenarie aut illi, qui officium portarie sub se habuerit“.[20] Der Name erklärt sich somit aus der Funktion der Siedlung, die zum Unterhalt des portenarius der Abtei Herford und der in Herford tätigen Corveyer Mönche gegründet worden ist. Der Bestandteil Porter– geht dabei auf mittellateinisch portenarius ‚Pförtner‘ zurück (mittelniederdeutsch pôrtener, pôrtner).[21]

Ähnliche Ortsnamen

Es existieren noch weitere, heute ähnlich lautende Ortsnamen, die wegen ihrer historischen Formen allerdings nicht mit dem Lengericher Antrup zu vergleichen sind. So gibt es ein Andorpe bei Recke, das 1189 aber noch Anripe hieß[22] und damit zu Andrup bei Haselünne ( 947 Anarupe) oder Andorf bei Bersenbrück (1247 Anrepe) gehört[23], die an niederdeutsch ripe, rîp ‚Rand, Kante, Ufer‘ anzuschließen sind.[24]

In Saerbeck-Westladbergen findet sich ferner ein Andruper Weg, der einen Namen *Andrup voraussetzt. Für einen solchen ließen sich aber bisher keine historischen Belege ermitteln.

Ein weiteres Antrup, das wegen seiner gleichen Lautgestalt und seiner räumlichen Nähe abschließend etwas eingehender betrachtet werden soll, ist ein Hof namens Antrup bei Leeden (heute Lotter Str. 25). Im Gegensatz zu den bisher genannten heutigen Orten Antrup / Andrup handelt es sich hier wirklich um einen Namen mit dem Grundwort –torp, –trup, Varianten zu mittelniederdeutsch dorp (s.o.).

Belege Antrup (Leeden)

1494: Oventorp[25]

1511: Oventorp[26]

1580: Oventrup[27]

1621: Aventrup[28]

1634: Aventrup[29]

1643: Antrup[30]

1673: Antrup[31]

1755: Antrup[32]

Den erste Teil der Namens Oven-, später zerdehnt zu Aven[33], könnte man sprachlich ohne Probleme zu einem Rufnamen weiblich Ova, männlich Ovo (schwacher Genitiv: Oven; vgl. OttoOtten, AnnaAnnen) stellen.[34] Oventorp wäre dann die ‚Siedlung einer Ova oder eines Ovo‘.[35] Allerdings wird dem Leedener Namen eher eine Flurbezeichnung zuvor liegen, denn neben Oventorp kommt 1494 und 1511 im angrenzenden osnabrückischen Hagen ein Gert tor Aven bzw. Gert tor Oven vor.[36] Diese Flurbezeichnung Oven / Aven, die sich durch die niederdeutsche Präposition tor ‚zur’ als solche zu erkennen gibt, scheint auf den ersten Blick zu mittelniederdeutsch ouw(e) ‚Aue‘ zu gehören. Oventorp / Aventrup wäre dann die ‚Auen-Siedlung‘.[37] Allerdings begegnet das niederdeutsche Wort für die Aue stets als ouw, ouwe, owe, ow, ou.[38] Die Hofstelle Oventorp / Aventrup / Antrup liegt zudem nicht in der Niederung, sondern in erhöhter Lage am Fuß des Looser Berges. Somit ist nach einem anderen Anschluss zu suchen. Wie es auch den Flurnamen ter Neden (etwa in Alsum bei Duisburg[39]), zu mittelniederdeutsch neden ‚unten‘, gibt, so wird auch tor Oven / Aven zu mittelniederdeutsch oven(e) ‚oben‘ gehören und damit eine höher gelegene Stelle benannt worden sein.[40]

Auf jeden Fall ist aufgrund der historischen Belege das Leedener Antrup sprachlich vom Lengericher Antrup zu trennen.

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[1] Theodor Baader, Dorf. Wort und Sache in der Siedlungskunde, in: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 79 (1956), S. 71–84; William Foerste, Zur Geschichte des Wortes Dorf, in: Studium generale 16 (1963), S. 422–433; Rudolf Schützeichel, ‚Dorf’. Wort und Begriff, in: Das Dorf der Eisenzeit und des frühen Mittelalters. Siedlungsform – wirtschaftliche Funktion – soziale Struktur, hrsg. v. Herbert Jankuhn, Rudolf Schützeichel u. Fred Schwind, Göttingen 1977, S. 9–36; Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Lüdenscheid. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Lüdenscheid 2004, S. 158 f.

[2] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 40.

[3] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 233, fol. 164v.

[4] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 234, fol. 192v.

[5] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 235, fol. 221r.

[6] Leesch, Höferegister, S. 115. Es folgt: Oldendarp.

[7] Ebd., S. 139. Es geht voraus: Bauerschaft Aldrup

[8] Ebd., S. 180.

[9] Agathe Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, §§ 229, 263.

[10] Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Bochum 2010, S. 111.

[11] Dazu auch Adolf Bach, Deutsche Namenkunde, 4 Halbbde., Heidelberg 1952–1956, Bd. 2,1 § 203c, § 220.

[12] Christof Spannhoff, Die Ortsnamen Ringel, Hölter und Schwege, in: Ders., Alles für die Katz’? Eine historische Anthologie zum Jubiläum „700 Jahre Kattenvenne“, Norderstedt 2013, S. 111–120. Vgl. dazu auch die Ortsnamen Dalmer bei Beckum (875 Dalehem > 1504 Dalem > *Dalm > *Dalmer Burscap > Dalmer) und Hörster bei Beelen (um 1336 Horst in par.[rochia] Belen > 1384 tor Horst > 1589 Hörster Bauerschaft > um 1800 Hörster). Claudia Maria Korsmeier, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 95f. u. 217f.

[13] Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erweiterte Aufl., Duisburg 2014, S. 110f.

[14] Ein möglicher mit r-Suffix gebildeter Gewässername *Ambter o.ä. ist wegen des aufgrund seiner archaischen Bildungsweise vorauszusetzenden hohen Alters eher unwahrscheinlich. Zudem findet sich auch kein entsprechender Bachlauf im Bereich Antrups. Denn Gewässer mit einem alten Namen weisen stets eine gewisse Größe und Länge auf. Vgl. dazu: Christof Spannhoff, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 45–49.

[15] Vgl. ausführlich dazu Christof Spannhoff, Ein umzäunter Wohnplatz. Ortsnamen sind immer auch eine wichtige Geschichtsquelle [zum Ortsnamen Lengerich], in: Unser Kreis 2017. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 30 (2016), S. 149–154; Ders., Lengerich (Historischer Atlas westfälischer Städte 11), Münster 2018, S. 4f.

[16] Einkünfte- und Lehns-Register der Fürstabtei Herford sowie Heberollen des Stifts auf dem Berge bei Herford, bearb. v. Franz Darpe, Münster 1892, S. 39.

[17] Hunsche, Friedrich Ernst, Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v.d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965, S. 190, S. 249 u. S. 257.

[18] Christof Spannhoff, Kattenvenne im Jahr 1312, in: Ders., Alles für die Katz’? Eine historische Anthologie zum Jubiläum „700 Jahre Kattenvenne“, Norderstedt 2013, S. 9–37.

[19] Elisabeth Schuster, Art. Amstetten, in: Deutsches Ortsnamenbuch, hrsg. v. Manfred Niemeyer, Berlin u. Boston 2012, S. 33.

[20] Darpe, Einkünfte- und Lehns-Register, S. 230.

[21] Birgit Meineke, Die Ortsnamen des Kreises Herford, Bielefeld 2011, S. 216f.

[22] Christof Spannhoff, Von Alstedde bis Wolfer. Ortsnamenstudien aus dem Tecklenburger Land, Norderstedt 2017, S. 16f.

[23] Jürgen Udolph, Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin u.a. 1994, S. 90f.

[24] Dazu ausführlich Udolph, Studien, S. 87–99.

[25] Leesch, Höferegister, S. 90.

[26] Ebd., S. 90.

[27] Ebd., S. 36.

[28] Ebd., S. 36.

[29] Ebd., S. 37.

[30] Ebd., S. 112.

[31] Ebd., S. 138.

[32] Ebd., S. 174.

[33] Zur Zerdehnung o > a vgl. Agathe Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, §§ 39–41, besonders §§ 88–91. Ferner: Agathe Lasch, „Tonlange“ Vocale im Mittelniederdeutschen, in: Dies., Ausgewählte Schriften zur niederdeutschen Philologie, hrsg. v. Robert Peters u. Timothy Sodmann, Neumünster 1979, S. 262–280; Agathe Lasch, Die mittelniederdeutsche Zerdehnung, in: Dies., Ausgewählte Schriften zur niederdeutschen Philologie, hrsg. v. Robert Peters u. Timothy Sodmann, Neumünster 1979, S. 281–307.

[34] Wilhelm Schlaug, Studien zu den altsächsischen Personennamen des 11. und 12. Jahrhunderts, Lund 1955, S. 215.

[35] Vgl. dazu Birgit Meineke, Die Ortsnamen des Kreises Lippe, Bielefeld 2010, S. 37f.: Avenhaus; Dies., Die Ortsnamen des Kreises Minden-Lübbecke, Bielefeld 2016, S. 316f.: Ovenstädt.

[36] Leesch, Höferegister, S. 90. Dazu: Bernhard Kewitz, Coesfelder Beinamen und Familiennamen vom 14. bis 16. Jahrhundert, Heidelberg 1999, S. 528.

[37] So stellt Kewitz den 1534 erwähnten Coesfelder Namen Albert tor Aven zu mittelniederdeutsch ouw, ouwe, owe, ow, ou. Kewitz, Beinamen, S. 307f. u. S. 528f.

[38] Das zeigt sich selbst sehr deutlich bei den von Kewitz zusammengestellten Belegen. Vgl. Anm. 33.

[39] Franz Rommel, Alsum und Schwelgern: zur Geschichte des untergegangenen Rheindorfes und der Hafenlandschaft in Duisburgs Nordwesten, Duisburg 1974, S. 28 u. S. 41f. mit einem Pendant ter Boven.

[40] Vgl. dazu Meineke, Ortsnamen Lippe, S. 37f,: Avenhaus; Dies., Die Ortsnamen der Stadt Bielefeld, Bielefeld 2013, S. 162: Ontrup; Dies., Ortsnamen Minden-Lübbecke, S. 316f.: Ovenstädt.

Denkmal gegen Fahnenband?

Der Lienener Kaiserstein existiert bereits seit 121 Jahren

Von Dr. Christof Spannhoff

Kaisereichen wurden in Lienen – spätestens seit den ab 1983 von den örtlichen Schützenvereinen abgehaltenen Kaiserschießen – bereits viele gepflanzt.[1] Aber der Lienener Kaiserstein ist im Ort und der Umgebung einmalig. An der Abzweigung des Postdamms von der Iburger Straße steht dieses Denkmal bereits seit 121 Jahren. Errichtet wurde die Findlingspyramide mit dem Reliefbild Kaiser Wilhelms I. (1797–1888, seit 1871 deutscher Kaiser) 1899 anlässlich der Feier des 25jährigen Bestehens des Kriegervereins Lienen, der 1874 gegründet worden war. So ist es für die Nachwelt auch auf der Rückseite des Ehrenmales festgehalten:

„Dem Andenken

Kaiser Wilhelms I.

Der Kriegerverein Lienen

1874 bei seiner 25. Jubelfeier

1899“.

„Das reichliche Vorhandensein von Findlingen in den postglazialen Landschaften war den Landwirten ein Ärgernis, so dass sie gerne bereit waren, die lästigen Brocken im Wege eines mehr oder weniger freiwilligen Spanndienstes zur Verfügung zu stellen. Darin bestand hierzulande in der wilhelminischen Zeit der Trick, relativ monumentale Denkmäler kostengünstig herzustellen“, schreibt der Historiker und Stadtarchivar Rolf Westheider über die nationalen Denkmäler im Versmolder Stadtpark, der im Lauf der Zeit zum „Abstellplatz der Geschichte“ avancierte.[2]

Der Kaiserstein in Lienen um 1910. Postkarte: Heimatverein Lienen

Die Idee, ein solches Bauwerk zu Ehren des ersten Kaisers in Lienen zu errichten, hatte sich der örtliche Kriegerverein aber mit Sicherheit beim Lienener Männergesangverein Loreley und den Lienener Schützen abgeschaut, die schon ein Jahr zuvor einen Stein für den ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) an der Holperdorper Straße (Abzweig Malepartusweg) gesetzt hatten. Hinzu kam aber vermutlich noch ein weiterer Grund: Denn der Kriegerverein Lienen wünschte sich zu seinem 25jährigen Bestehen ein Fahnenband, das unbedingt durch den damals amtierenden Kaiser, Wilhelm II. (1859–1941, seit 1888 deutscher Kaiser), verliehen werden sollte. Ein entsprechender Antrag beim Tecklenburger Landrat vom 22. Februar 1899 wurde aber zunächst nicht sonderlich befürwortet, weil sich der Lienener Verein hinsichtlich nationaler Gesinnung nicht mehr hervorgetan hatte als andere. Zudem gab es Schwierigkeiten mit den Inhalten der Satzung. Die Errichtung eines Kaiserdenkmals war in dieser Frage natürlich ein Pluspunkt. Und schließlich verlieh Wilhelm II. das ersehnte Fahnenband in den preußischen Farben (Schwarz und Weiß) und mit einem mit dem preußischen Wappen versehenen Nagel am 29. September 1899 dann doch, das vom Landrat in einer Feierstunde am Sonntag, dem 15. Oktober 1899, um 17 Uhr übergeben wurde.[3]

Der Lienener Kaiserstein heute. Foto: Ute Peters / Heimatverein Lienen

Aber warum ist eigentlich auf der 1899 errichteten Pyramide nicht der damals regierende Monarch abgebildet, sondern sein zu diesem Zeitpunkt bereits seit elf Jahren verstorbener Großvater? Im Gegensatz zu seinem Enkel war Wilhelm I. als Gründer des deutschen Reiches in die Geschichte eingegangen. Er war die Symbolfigur der deutschen Einheit, die Gesellschaft, Nation, Staat und Monarchie miteinander verband. Das ist auch der Grund dafür, dass es nur wenige Denkmäler für Wilhelm II., umso mehr aber für Wilhelm I. gab und gibt. Etwa 30 Monumente für den einen stehen hier deutschlandweit über 150 Standbilder für den anderen gegenüber.[4] Eines davon ist der Lienener Kaiserstein von 1899.

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[1] Christof Spannhoff, Schlaglichter aus der Vereinsgeschichte, in: 1893–2018 – Mit Tradition in die Zukunft. Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Schützenvereins Lienen von 1893 e.V., hrsg. v. Schützenverein Lienen von 1893 e.V., Lienen 2018, S. 144–180, hier S. 171.

[2] Rolf Westheider, Park-Geflüster. Geschichten aus dem Stadtpark Versmold (Die Versmold-Edition. Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv Versmold. Neue Reihe 1), Versmold 2020, S. 16 (auch online: https://www.versmold.de/de-wAssets/docs/unsere-stadt/Geschichte/Versmold_Edition_1_Stadtpark.pdf ).

[3] Gemeindearchiv Lienen, Bestand B 698 „Kriegervereine im Amte Lienen“.

[4] Vgl. zur damaligen nationalen Denkmalpolitik: Sebastian Schröder, Porta Westfalica, in: Westfälische Erinnerungsorte. Beiträge zum kollektiven Gedächtnis einer Region, hrsg. v. Lena Krull (Forschungen zur Regionalgeschichte 80), Paderborn 2017 (2. Aufl. 2018), S. 143–155.

Jahrelang kopflos

Der Lienener Bismarckstein hat eine bewegte Geschichte

Von Dr. Christof Spannhoff

Wenn man sie zum Sprechen bringt, erzählen Gedenksteine spannende Geschichten aus der Vergangenheit. Diese Denkmäler sollten deshalb unbedingt erhalten, gepflegt und somit ein Teil der lokalen Erinnerungskultur bleiben. Ein solcher „Stein mit Historie“ ist auch der sogenannte Bismarckstein, der sich heute im Bereich der Kurve der Holperdorper Straße am alten Lienener Bahnhof befindet.

Der Lienener Bismarckstein heute. Fotos: Ute Peters / Heimatverein Lienen

Wie sein Name schon andeutet, erinnert dieses Denkmal ursprünglich an den deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck. Dieser wurde am 1. April 1815 in Schönhausen an der Elbe geboren und starb am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh östlich von Hamburg. Von 1862 bis 1890 war er preußischer Ministerpräsident, von 1867 bis 1871 zugleich Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes sowie von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches, an dessen Gründung er maßgeblichen Anteil hatte. Für dieses Verdienst wurde der vormalige Graf 1871 durch Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) in den Fürstenstand erhoben. Mit dem Enkel des ersten Kaisers, Wilhelm II. (1859–1941), kam es dann allerdings nach dessen Thronbesteigung 1888 zu Konflikten, die dazu führten, dass Fürst Bismarck 1890 seinen Dienst quittieren musste. Diese Entlassung hatte in Deutschland eine beispiellose Bismarckverehrung zur Folge, die sich nach dem Tod des ehemaligen Kanzlers noch verstärkte: Straßen und Plätze, Zechen und Schiffe, Kolonialgebiete und Gebirge oder sogar die Zubereitungsart von Heringsfilets wurden nach ihm benannt („Bismarckhering“). In Deutschland pflanzte man zudem zahlreiche Bismarckeichen und setzte Bismarcksteine oder -denkmäler. Schätzungsweise 100 Exemplare sind davon heute noch erhalten.[1]

Einweihung des Bismarcksteins am 1. April 1898 durch Mitglieder des Gesangvereins Loreley und die Lienener Schützen. Foto: Wilhelm Kriege / Heimatverein Lienen

Zu diesen gehört auch das Lienener Stück, das die Mitglieder des Männergesangvereins Loreley und des Schützenvereins Lienen zum 83. Geburtstag Bismarcks im Jahr 1898 einweihten. Drei Jahre zuvor hatten sie an gleicher Stelle „zum 80.“ bereits eine Bismarckeiche gepflanzt.[2] Ursprünglich stand das Denkmal an der Abzweigung des Malepartusweges beim Anwesen Hunsche (heute Holperdorper Str. 14). Anlässlich der Errichtung des Steins wurde auch eine Fotographie vom Fotoamateur Wilhelm Kriege gemacht[3], die die Vereine – vertreten durch die Vorsitzenden A. Hußmann (Gesangverein), H. Schomberg und Schriftführer G. Fletemeyer (beide Schützenverein) – am 18. Mai an den ehemaligen Reichskanzler „als Zeichen der dankbarsten Verehrung“ schickten. Bismarck bedankte sich mit einem Antwortschreiben vom 23. Mai durch seinen Leibarzt und Privatsekretär Rudolf Chrysander (1865–1950).[4] Die Lienener kamen mit ihrer Ehrung also gerade noch rechtzeitig, denn nur wenige Wochen später schloss Bismarck für immer die Augen.

Der Bismarckstein um 1910. Postkarte: Heimatverein Lienen

Der Bismarckstein in den 1960er Jahren. Fotos: Fritz Peters / Heimatverein Lienen

Dagegen entwickelte das Denkmal seit dieser Zeit ein gewisses Eigenleben: Sein Sockel, der anfangs nicht einmal einen halben Meter hoch war und aus kleineren Bruchsteinen bestand, wurde immer wieder verändert. So erhöhte man ihn später durch große Findlinge.[5] Im Sommer 1972 kam es dann wegen des Ausbaus der Holperdorper Straße zu einer Versetzung des Steins an seine heutige Stelle.[6] Zwischenzeitlich war das Denkmal, das neben der Inschrift „v. Bismarck“ und der Jahreszahl 1898 auch das bronzene Konterfei des Reichskanzlers aufwies, jedoch jahrelang seines Bildnisses beraubt. Erst 2005 stiftete der Heimatverein Lienen unter Vorsitz von Friedel Stegemann einen neuen Bismarckkopf, der von dem Künstler Leo Janischowsky nach einer alten Fotovorlage angefertigt wurde. Janischowsky schuf auch den im selben Jahr aufgestellten Krammetsvogelfänger am Haus des Gastes – ein weiteres Lienener Denkmal, allerdings aus jüngerer Zeit.[7]

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[1] Thomas Gräfe, Bismarck-Mythos und Politik. Die Mythisierung und Politisierung der Bismarckverehrung durch die Parteien und Verbände des nationalen Lagers zur Wilhelminischen Zeit 1890–1914, Hamburg 2014; Ders., Tourismusförderung oder nationalistische Kultstätten? Die Bismarcktürme in Vlotho und Porta Westfalica 1902-1952, in: Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford 26 (2019), S. 212–237.

[2] Friedrich Schmedt, Lienen in alten Ansichten, Bd. 1, Zaltbommel/NL 1978, Nr. 98; Christof Spannhoff, Schlaglichter aus der Vereinsgeschichte, in: 1893–2018 – Mit Tradition in die Zukunft. Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Schützenvereins Lienen von 1893 e.V., hrsg. v. Schützenverein Lienen von 1893 e.V., Lienen 2018, S. 144–180, hier S. 152.

[3] Schmedt, Lienen, Nr. 98.

[4] Maria Wellmeyer, Bismarckstein in neuer Umgebung: Gedenkstein wurde umgesetzt. Auszug aus Protokollbuch, in: Tecklenburger Landbote vom 1. August 1972.

[5] Das zeigen die Abbildungen des Denkmals zwischen 1898 und 1910.

[6] Wellmeyer, Bismarckstein.

[7] Spannhoff, Schlaglichter, S. 154f.

Als der König durch Lienen kam

Stein am Alten Farmhaus erinnert an Wege- und Brückenbau vergangener Tage

Von Dr. Christof Spannhoff

Wenn man sie zum Sprechen bringt, erzählen Gedenksteine spannende Geschichten aus der Vergangenheit. Diese Denkmäler sollten deshalb unbedingt erhalten, gepflegt und somit ein Teil der lokalen Erinnerungskultur werden. Auch in der Sandsteinmauer zum Alten Farmhaus befindet sich ein solcher Stein. Auf seiner Schauseite zeigt er drei Felder: In der Mitte findet sich die Inschrift ANNO 1772. Diese Datierung ist auf beiden Seiten flankiert von den Schriftzeichen FR, die sich unter einer Krone befinden. Die bekrönten Buchstaben FR stehen für das lateinische „Fridericus Rex“, was zu Deutsch „König Friedrich“ bedeutet.

Der Stein in der Mauer beim Alten Farmhaus ist ein ehemaliger Brückenstein aus dem Jahr 1772. Foto: Heimatverein Lienen

 

1772 ist damit kein anderer als Friedrich II. von Preußen (1712–1784) gemeint, der als „der Große“ in die Geschichte eingegangen ist. Seit 1740 war dieser preußische Herrscher auch Landesherr der Grafschaft Tecklenburg, die de facto 1707, endgültig 1729 dem brandenburgisch-preußischen Staatsverband angehörte.[1] Doch was hat es mit dem königlichen Stein auf sich? Sein Ursprung liegt im Wege- und Brückenbau des 18. Jahrhunderts: Um 1750 wurden die Wege und Straßen in Lienen noch als „in sehr miserabelen Umständen“ bezeichnet. Ein geharnischter Erlass der preußischen Regierung in Minden vom 30. Mai 1751 befahl daher allen Untertanen, sich auf amtliche Anweisung der Wegebesserung zu unterziehen. Sie sollten allerdings dazu „tüchtige Leute und keine Weiber oder Kinder“ schicken, was anscheinend in der Vergangenheit der Fall gewesen war. Bei Weigerung wurden Züchtigungen und Gefängnisstrafen in Aussicht gestellt. Diese drakonischen Maßnahmen wurden ergriffen, weil der König für Juni des Jahres seine Durchfahrt durch Lienen und Lengerich auf der Reise nach Emden avisiert hatte. Das Dorf erhielt aus diesem Grunde ein neues Steinpflaster von 186 Fuß (etwa 57 Meter) Länge und 16 Fuß (etwa 5 Meter) Breite, das sich aber 1760 bereits wieder in desolatem Zustand befand. 1768 wurde erneut die Passage des preußischen Königs durch Lienen erwartet und darum wieder „Wegebesserung“ befohlen. Damals war die Brücke über den „Sürkenbach“, der entlang des heutigen Weges „Zum Teich“ und der Schulstraße floss, zerfallen und musste erneuert werden. Nach der Vorstellung des Lienener Amtmanns Christian Ernst Arendt (Amtmann von 1724 bis 1774) sollte diese nicht aus Holz, sondern aus Steinen gebaut werden. Aber erst 1772 wurde die Brücke schließlich fertiggestellt. Davon zeugt noch der Stein in der Mauer beim Alten Farmhaus. Der aus Hausteinen errichtete Übergang wurde deshalb auch „Friedrichs-Brücke“ genannt.[2] Auch in Ladbergen soll sich die „Königsbrücke“ angeblich die Initialen des Königs getragen haben.[3] 1910 wurde die Lienener Brücke im Zuge der Anlage eines neuen Straßenpflasters und der Verrohrung des Sürkenbaches abgebrochen. Den Brückenstein bewahrte man allerdings als Andenken im Garten des Amtshauses, der heutigen Gemeindeverwaltung, auf.[4] Später gelangte er an seinen heutigen Standort.

Die Befestigung der Straßen in Lienen, aber auch andernorts, war ein Dauerthema. Die sogenannte Kuhstraße (heute Iburger Straße) wurde als ein „wahrer Morast“ bezeichnet, generell das Lienener Straßenpflaster 1778 als derart ruiniert beschrieben, dass Wagen darin zerbrechen könnten.[5]

Wenn der König durch Lienen kam, mussten aber nicht nur die Wege in Stand gebracht sein, sondern auch Pferde für den Wagen des Monarchen gestellt werden. Als der Nachfolger des alten Fritz‘, Friedrich Wilhelm II. (1744–1797, ab 1786 König), 1788 auf der Reise von den Niederlanden nach Potsdam durch die nördliche Grafschaft Tecklenburg kam, waren aus Lienen 60 Pferde für dessen Station in Osnabrück zu liefern. Allein für die Kutsche des Königs waren acht Rappen notwendig, die von den Bauern Hußmann, Jasper, Altekruse, Meyer in Westerbeck, Johann Dothage, Altevogt, Wieneke und Teeske gestellt wurden. Der Kattenvenner Bauer Gerddothage erlitt damals bei der Überführung der Pferde nach Osnabrück einen Beinbruch.[6] Das Kinderlied „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp“ mit der Warnung vor dem Brechen der Beine auf dem Weg „über Stock und über Steine“ hat also einen durchaus historischen Hintergrund.

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[1] Harm Klueting, Grafschaft und Großmacht. Mindermächtige Reichsstände unter dem Schutz des Reiches oder Schachfiguren im Wechselspiel von Großmachtinteressen: Der Weg der Grafschaft Tecklenburg vom gräflichen Territorium zur preußischen Provinz, in: Menschen und Strukturen in der Geschichte Alteuropas. Festschrift für Johannes Kunisch zur Vollendung seines 65. Lebensjahres, hrsg. v. Helmut Neuhaus u. Barbara Stollberg-Rilinger, Berlin 2002, S. 103-131. Hier auch ausführliche Quellen- und Literaturverweise.

[2] Adolf Hagedorn, Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Lienen und des Kreises Tecklenburg 1700-1815, in: Heimatjahrbuch des Kreises Tecklenburg 1925, S. 7-76, hier S. 69.

[3] Hans-Claus Poeschel, Alte Fernstraßen in der mittleren westfälischen Bucht, Münster 1968, S. 59 u. 73.

[4] Hagedorn, Beiträge S. 69.

[5] Ebd. S. 70.

[6] Ebd., S. 70.