War die Lienener Kirche ursprünglich eine Johannis-Kirche?

Dr. Christof Spannhoff

Vor dem Übertritt der Tecklenburger Grafen und ihrer Untertanen zum reformierten Bekenntnis Ende des 16. Jahrhunderts besaß auch die heute evangelische Kirche in Lienen (heute Kreis Steinfurt) – wie alle anderen Kirchen in der alten Grafschaft Tecklenburg – ein Patrozinium. Das heißt, sie war einem Heiligen geweiht und unter dessen Obhut gestellt. Eine Reliquie des Patrons befand sich vermutlich im Altar des Gotteshauses. Mit der Einführung des reformierten Bekenntnisses 1587/88 und der damit einhergehenden Ablehnung des Heiligen- und Reliquienkultes verschwand auch dieser heilige Patron (Zur Einführung der Reformation in der Grafschaft Tecklenburg siehe: Schindling/Rohm, S. 182–198). Nach über 400 Jahren hat sich an ihn in der Bevölkerung aber keinerlei Erinnerung mehr erhalten. Somit ist der Historiker gefragt, Anhaltspunkte zu finden, um den ursprünglichen Schutzheiligen der Lienener Kirche rekonstruieren zu können.

Rekonstruktionsversuche

Bereits 1934 hatte der Historiker Joseph Prinz eine Studie über die Entstehung und mittelalterliche Entwicklung des Bistums Osnabrück, zu dem ursprünglich auch Lienen gehörte, veröffentlicht. Darin stellte er fest, dass die Lienen benachbarte Kirche in Glane eine Tochtergründung von Lienen war (Prinz, S. 77 u. S. 188). Das lässt sich auch urkundlich bestätigen: 1253 werden die Siedlungen in Glane und Ostenfelde noch als Teile des Kirchspiels bzw. der Pfarrei Lienen bezeichnet (OUB III, Nr. 65), zehn Jahre später (1263) gehören Teile Ostenfeldes kirchlich zum bereits eigenständigen, von Lienen nun abgepfarrten Kirchspiel Glane (OUB III, Nr. 281). Da aber die Glaner Kirche das Patrozinium des Heiligen Jacobus des Älteren besaß und bis heute besitzt, folgerte Prinz im Umkehrschluss, dass auch Lienen ursprünglich eine dem Heiligen Jacobus maior geweihte Kirche gewesen sein müsse. Mit der Gründung der Pfarrei Glane von Lienen aus sei somit auch das Patrozinium von Lienen nach Glane gelangt, eine Übertragung, die – laut Prinz – bei Mutter- und Tochterkirchen nicht ungewöhnlich sei. An dieser Schlussfolgerung ist jahrzehntelang nicht gezweifelt worden. Deshalb fand sie auch in das 1992 erschienen Standardwerk „Die Patrozinien Westfalens“ Eingang, das Lienen unter dem Patrozinium Jacobus maior aufführt (Ilisch/Kösters, S. 327).

Jacobus maior oder Johannes der Täufer?

Nun ist aber von Wilhelm Wilkens festgestellt worden, dass die Lienener „Kirmes“, also der Kirchweihtag, noch im 18. Jahrhundert auf den Montag nach dem Johannistag (24. Juni) fiel (1614 hielt man die „Kirmes“ allerdings am 4. Juli ab, also zwei Wochen nach Johannis; Wilkens, Lienen, S. 25f.). Dieser Umstand gab zu der Vermutung Anlass, dass die Lienener Kirche ursprünglich ein Johannis-Patrozinium besessen haben könnte. Der Verdacht erhärtete sich, als Wilhelm Wilkens zudem noch zwei in diesem Zusammenhang bedeutsame Flurnamen an der Lienener Grenze zu Hagen a. T.W. und Ostenfelde (heute Bad Iburg) nachweisen konnte: „St. Johans Rasten“ oder „Johannes Rast“ und die „Johannes Welle“. Als „St. Johans Rasten“ oder „Johannes Rast“ wurden im katholischen Hagen bis ins 19. Jahrhundert hinein die auf Lienener Gebiet gelegenen Duvensteine bezeichnet (erstmals 1592 als „sanct Johans Rasten“ nachzuweisen. Rottmann, S. 219 u. 225) und mit der „Johannes Welle“ benannten die katholischen Ostenfelder Einwohner eine an der Grenze befindliche Quelle. Aus den Johannis-Flurorten erschließt Wilkens eine vorreformatorische Johannes-Prozession mit dem Bildnis des Heiligen, analog zu den Prozessionen zu Ehren und mit Bild der Lengericher Kirchenpatrona Margarethe, die sich auch im Flurnamen „Margarethen-Egge“ manifestierte, oder des Glaner Patrons Jacobus (Große-Dresselhaus, S. 54; Rottmann, S. 224f.). Der in der weiteren Umgebung mehrfach anzutreffende Flurname „Hilligenstohl“, vor allem an Pfarreigrenzen, dürfte mit derartigen Umgängen in Zusammenhang stehen und eine Station benennen, an der das Heiligenbild zur Andacht abgesetzt wurde.

Aus diesen Hinweisen folgert Wilhelm Wilkens, dass die Lienener Kirche in der Zeit vor der Reformation Johannes dem Täufer geweiht gewesen ist (Wilkens, Lienen, S. 25).

Bestätigung durch Urkundenfund

Doch sind diese Belege ausreichend für eine derartige Schlussfolgerung?

Sie sind es! Denn hinzu tritt noch der erst kürzlich vom Verfasser gemachte Fund einer Urkunde im Archiv der freiherrlichen Familie von der Horst, die aus der Zeit vor der Annahme des reformierten Bekenntnisses in der Grafschaft Tecklenburg (1587/88) stammt und deren Inhalt das Patrozinium der Lienener Kirche zweifelsfrei beweist (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Familie von der Horst [Dep], Urkunden, Nr. 139): Am 4. Januar 1576 übergab Gräfin Anna von Tecklenburg ihrem Drosten Friedrich von der Horst zum Unterhalt seines noch unmündigen Sohnes Rave Arendt das durch den Tod Cordt Meiers erledigte „St. Johannislehn“ der Pfarrkirche zu Lienen. Das auch als „Pfründe S. Johannis“ bezeichnete Lehn der Lienener Kirche hatte also bis zu seinem Tode ein Cordt Meier, Sohn des gräflich-tecklenburgischen Kanzlers, dem 1560 die Pfarrei Lienen übertragen worden war, besessen (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Fürstabtei Herford, Landesarchiv, Akten, Nr. 437). Diese Angabe zeigt, dass diese Pfründe ursprünglich dem Unterhalt des Lienener Pfarrers diente. Die Vergabe an den Nicht-Kleriker Rave Arendt von der Horst 1576 lässt vermuten, dass der damalige Lienener Pfarrer Eberhard Klinge, der ebenfalls im Januar 1576 ordiniert wurde (Hunsche, S. 119), bereits direkt von der Tecklenburger Gräfin besoldet wurde und der Pfründe nicht mehr bedurfte, so dass das „Sanct Johannislehn“ zu anderer Vergabe zur Verfügung stand.

Der Inhalt dieser Urkunde ist somit ein handfester Beleg für das ursprüngliche Patrozinium des Gotteshauses. Die Lienener Kirche war also ursprünglich keine Jacobi-, sondern eindeutig eine Johannis-Kirche!

In seinem 2014 erschienenen Beitrag mit dem ungelenken und wenig spezifischen Titel „Frühzeitliche Gegebenheiten und Geschehnisse im Gemeinwesen Lienen“ nimmt Wilhelm Wilkens diesen wichtigen Quellenfund auf, qualifiziert ihn aber zum „i-Pünktchen“ (Wilkens, Gegebenheiten, S. 29) ab. Diese Abwertung ist allerdings völlig verfehlt, weil diese durch intensives und zeitaufwendiges Quellenstudium gemachte Entdeckung erst den direkten schriftlichen Beleg einer zuvor lediglich indiziengestützten Vermutung ausmacht. Diese Urkunde beweist erst mit letzter Sicherheit, was Wilkens zuvor nur vermuten konnte! Deshalb ist dieser Urkundenfund von äußerster Wichtigkeit für die Lienener Kirchen- und Ortsgeschichte und verdient eine angemessene Würdigung.

Transkription der Urkunde vom 4. Januar 1576

Die Schreibung folgt dem Original. Lediglich die Groß- und Kleinschreibung wurde zum besseren Verständnis den heutigen Regeln angeglichen. Erläuterungen zum Text sind in eckigen Klammern gegeben.

Regest

1576 Januar 4, Tecklenburg:

Die verwitwete Gräfin Anna von Tecklenburg, Bentheim und Steinfurt, Frau zu Rheda und Wevelinghoven übergibt ihrem Drosten Friedrich von der Horst zu Behuf seines Sohnes Rave Arndt, solange derselbe nicht zum mündigen Alter gekommen ist, das durch den Tod Cordt Meiers erledigte St. Johannislehn der Pfarrkirche zu Lienen.

Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen (Münster), Familie von der Horst (Dep.), Urkunden, Nr. 139.

Text

Wir Anna Grauin [Gräfin] zu Tekelenburch Bentheim vnd Steinfurt, Fraw zu Rheda vnd Weuelinckhouen Wittib vrkundenn vnd bekennen mith diesem besiegelten Brieff vor vns, vnser Erben vnd meninglich nachdem Sanct Johannislehn der Pfarrkirchen jn vnser Grafschaft Tekelenburch, Linen, durch thodtlichen Abganck Cordt Meiers anders diuoliert [zurückgefallen] vnd heimgeuallen, als haben wir jn deses Erledigung vnd Vanierung [Verschwinden] Jure Patronatus [durch Patronatsrecht] wie rechte Ware [dingliches Nutzungsrecht] Collatorie [durch Kollationsrecht] vnd Lehenherr die ermelte Pfründt S. Johannis mith allen vnd jeden ihren Nutzungen, Gefellen vnd Zugehorungen lauterlich [gänzlich, ausschließlich] den ernuesten vnseren Drosten vnd lieben Getreuwen Friedrichen von der Horst, wegen seiner vns ein Zeitlanck geliesteten [!] [geleisteten] vnd bewiesenen empzigen Diensten zu Behuff [zum Zweck] seines Sohnes Raue Arenndt verliehen vnd eingereumbt, also dergestaldt vnd Meinung, das gedachter vnser Junge Raue Arendt die Vicarie, mith allen ihren Pertinentzien Zugehorungen vnd Einkommens haben, besitzen vnd genießen soll vnnd magk, so lange vnd zu der Zeit, daß er vogtbar oder wehrachtich wirt, auff den Vall vnd nicht ehe, soll vns oder vnsern Erben die mehrgemelte Pfründt ohn sein oder jemandtz Beeindrechtigung, Exeption [Ausnahme], Niefunde [ohne Betrug und Hintergedanken] oder Disputation [Berechnung, Erwägung] wiederumb veruallen sein vnd vns williglich eingerechet werden, darmith wir oder vnser Mithgesatzte nach vnsern Wolgeuallen zu gebehren vnd vnsers Gutachtens zu handlen haben p. Wir geloben auch vor vns vnd vnsere mithbeschriebene mehrgerümte Drosten jn stehender Vormundtschaft seines Sohns, vnd vorthan vnsern Jungen Raue Arendt bei der Possession vnd Vbergaab, die jn maßen obgedachte Zeit vnnd nicht lenger zu manuteriren [bewahren], zu schützen vnd zu handthaben. Darwieder wir oder die vnsere nichtz, so von Minsschen [Menschen] erdacht ist oder noch werden kan, pretendirn oder vorwenden sollen noch wollenn. p Alles getrewelich vnd ohn Geuherdt [Gefahr], des zu wahrer Vrkundt, auch stetter vnnd vester Haltunge haben wir Anna Grauin [Gräfin] obgemelt vnsern Nhamen mith eigen Hantenn aufs Spatium [Zwischenraum], vnd vnser Jnsiegell an diesen Brieff wißendlich heften laßen, so geben ist zu Tekelenburch am vierten Tage des Monatz Jannuarij jm Jahre ein tausenndt fünfhundert siebentzigk sechs [1576]. p[.] Anna[.]

(An Pergamentstreifen angehängt das Siegel Annas.)

Quellen und Literatur

Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Familie von der Horst (Dep), Urkunden, Nr. 139.

Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Fürstabtei Herford, Landesarchiv, Akten, Nr. 437.

OUB = Philippi, Friedrich u.a. (Bearb.), Osnabrücker Urkundenbuch, 7 Bde., Osnabrück 1892–1996.

Große-Dresselhaus, Friedrich, Die Einführung der Reformation in der Grafschaft Tecklenburg, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 41 (1918), S. 1–112.

Hunsche, Friedrich Ernst (Bearb.), Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v. d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965.

Ilisch, Peter u. Kösters, Christoph (Bearb.), Die Patrozinien Westfalens von den Anfängen bis zum Ende des alten Reiches, hrsg. v. Institut für Religiöse Volkskunde Münster, Münster 1992.

Prinz, Joseph, Das Territorium des Bistums Osnabrück, Göttingen 1934.

Rottmann, Rainer, Hagen am Teutoburger Wald. Ortschronik, hrsg. v. d. Gemeinde Hagen, Osnabrück 1997.

Schindling, Anton u. Rohm, Thomas, Tecklenburg, Bentheim, Steinfurt, Lingen, in: Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung, hrsg. v. Anton Schindling u. Walter Ziegler, Bd. 3: Der Nordwesten, Münster 1991, S. 182–198.

Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004.

Wilkens, Wilhelm, Frühzeitliche Gegebenheiten und Geschehnisse im Gemeinwesen Lienen, in: Kattenvenne. Das Dorf mit seiner Entwicklung, hrsg. v. d. Kattenvenne 1312 eG, Lengerich 2014, S. 22–44.

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Der Hof- und Familienname Lieneke

Von Dr. Christof Spannhoff

Im zweiten Band der Kattenvenner Ortsgeschichte, der im November 2014 erschienen ist, finden sich auch mehrere Beiträge des Theologen Wilhelm Wilkens, in denen er sich an ortsgeschichtlichen und namenkundlichen Themen versucht. Die Betonung liegt allerdings auf „versucht“, denn Wilkens ist weder in geschichtlichen noch sprachwissenschaftlichen Fragen kompetent. Dazu fehlen ihm sowohl die methodischen Fähigkeiten als auch die notwendige Quellen- und Literaturkenntnis. Dass dieses harte, aber sachlich fundierte Urteil gerechtfertigt ist, zeigt sich z.B. auch an seinen Ausführungen zum Lienener Hof- und Familiennamen Lieneke.

Wilkens schreibt: „Lieneke (Nr. 11, Westerbecker Damm 2) ist wie Lienen aus der Lage am Bach, dem alten Wasserwort lien hervorgegangen.“[1] Wie fast immer bei seinen Namendeutungen geht Wilkens von der heutigen Form des Namens aus und gibt dann zu dessen Erklärung ein mutmaßliches „Sumpf- oder Wasserwort“ an. Diese Wörter bezieht er gerne aus der Sammlung Hans Bahlows. Doch hat die sprachwissenschaftliche Namenkunde bereits seit über einem halben Jahrhundert nachgewiesen, dass Bahlows Inventar angeblicher vorgeschichtlicher oder sogar kelto-ligurischer Sumpf- und Wasserwörter größtenteils frei erfunden ist.[2]

Zwar gibt es ein uraltes Wasserwort lîn (î ist ein langes i)[3], doch ist das hier nicht zur Erklärung des Namens Lieneke heranzuziehen, weil Wilkens nicht die ältesten Belege des Namens beachtet hat!

Der Name Lieneke erscheint erstmals in einer Urkunde aus dem Jahr 1429. Damals übergab Herman de Scroder, Vogt des Junkers zu Tecklenburg, dem Stift Freckenhorst Aleken Lyndemans, Tochter des Ehepaares Johan Lyndeman und Metten, mit ihren Kindern Johann und Requyn aus dem Kirchspiel Lienen für Johann, Gerd und Aleken, Kinder des Ebbeken des Molleners und dessen verstorbener Ehefrau Styne.[4] 1429 hießen Familie und Hof also noch Lyndeman. Auch in einem Tecklenburger Register über mehrere Abgaben aus dem Jahr 1468 erscheint unter Lienen Lyndeman to Westerbeke (Geldschuld), aber auch bereits Lyndeke (Rindergeld).[5] Das zeigt, dass sich der Name in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts von Lyndeman zu Lyndeke und später mit Ausfall des Dentals d zu Lyneke, Lieneke veränderte. Im Schuldschweineregister von 1494 heißt der Hof immer noch Lyndeke[6], 1580 dann Lineke[7].

Die älteren Belege zeigen, dass der Hof- und Familienname Lieneke zu der Baumbezeichnung Linde (tilia), altsächsisch/altniederdeutsch linda, lindia[8], mittelniederdeutsch linde ‚Linde‘[9], zu stellen ist. In der Nähe des Hofes müssen sich ursprünglich also ein oder mehrere Lindenbäume befunden haben. Ein Lindengehölz findet sich z.B. bereits um 890 im Ortsnamen in Lindlohon ‚Linden-Wald‘ im Münsterland (zu altsächsisch *lo[h] ‚Hain, Niederwald‘, lohon ist dazu der Dativ Plural).[10] Als Einzelbaum diente die Linde vielfach als Grenzbaum oder als Wegemarke. Ein Lindenbaum stand aber auch häufig an ländlichen Fest- oder Gerichtsplätzen. 1290 saß die Herforder Äbtissin anlässlich ihrer Rundreise zu ihren westfälischen Besitzungen „sub tilia iuxta Iburgh“, also unter der Linde bei Iburg zu Gericht.[11] 1408 bestätigen Ladewych Hake und seine Söhne an einer Breite Landes bei Iburg, die dem verstorbenen Johann von Oesede gehörte, keinen Anspruch zu haben. In der Urkunde darüber heißt es: „dat zee in der breden landes, de dar schut upp de lynden belegen tusschen Yborgh und der lynden“.[12] 1439 verkauft Johann van Riiest eine Breite Land auf der Suttheide (Südheide) bei Iburg an Johann Kremese und Frau: „de brede landes, de beleghen ys by der lynden up der Suetheyde under Yburch“.[13] Diese Linde auf der Suttheide wird bereits 1358 erwähnt: „Buckesbrede […] up der Suthede prope tyliam“.[14]

Wie ist nun der Übergang von Lyndeman zu Lyndeke zu erklären, der sich bereits im Register von 1468 findet? Der Name Lyndeman ist eine Zusammensetzung mit dem Grundwort mittelniederdeutsch man ‚Mensch, Mann‘[15]. Der Lyndeman war also derjenige, der an einer oder bei mehreren Linden wohnte und nach diesem Wohnplatz von seinen Mitmenschen benannt wurde. Die Namenform Lyndeke ist hingegen nicht mit dem Grundwort man gebildet, sondern mit einem k-Suffix, mit dem im Niederdeutschen – vor allem in Personennamen – Verkleinerungs- oder Koseformen gebildet wurden.[16] Lyndeke meint also wörtlich übersetzt so viel wie der ‚kleine Lynde(man)‘.

Es zeigt sich also, dass im Namen Lieneke kein altes Wasserwort steckt, wie Wilkens unterstellt, sondern die Baumbezeichnung Linde. Damit offenbart sich wieder einmal, dass Wilkens, weil er die ältesten Belege nicht zur Kenntnis nimmt, einem Fehlschluss aufgesessen ist. Mit seiner nachlässigen Arbeitsweise richtet er großen Schaden für die Orts- und Regionalgeschichte an, weil er suggeriert – nicht zuletzt durch die Nennung seines theologischen Doktortitels – sich intensiv mit der Materie auseinandergesetzt zu haben, aber dann doch nur sehr oberflächlich arbeitet. Dadurch führt er seine Leser hinters Licht.

[1] Wilkens, Wilhelm, Frühzeitliche Gegebenheiten und Geschehnisse im Gemeinwesen Lienen, in: Kattenvenne. Das Dorf mit seiner Entwicklung, hrsg. v. d. Kattenvenne 1312 eG, Lengerich 2014, S. 22–44, hier S. 31.

[2] Bahlow, Hans, Deutschlands geographische Namenwelt. Etymologisches Lexikon der Fluss- u. Ortsnamen alteuropäischer Herkunft, Frankfurt a. M 1985. Zur Methodik und Arbeitsweise Bahlows und damit auch Wilkens‘, die in krassem Widerspruch zur wissenschaftlichen Namenforschung steht vgl. die Rezensionen: Schützeichel, Rudolf, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 101 (1965), S. 343; Hessmann, Pierre, in: Deutsche Literaturzeitung für Kritik der internationalen Wissenschaft 87 (1966), S. 595-597; Wesche, Heinrich, in: Niederdeutsches Jahrbuch 89 (1966), S. 184-191; Kleiber, Wolfgang, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, Jg. 118, Bd. 203 (1967), S. 285-286; Hartig, Joachim, in: Anzeiger für deutsches Altertum 79 (1968), S. 49-54; Reichardt, Lutz, Nachfolger Hans Bahlows, in: Beiträge zur Namenforschung, N.F. 31 (1996), S. 398-406.

[3] Spannhoff, Christof, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 45–49.

[4] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Freckenhorst, Urkunden, Nr. 247 d.

[5] Fürstliches Archiv Rheda, Bestand Rheda, Urkunden, Nr. 68.

[6] Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974, S. 92.

[7] Ebd., S. 66.

[8] Tiefenbach, Heinrich, Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary, Berlin/New York 2010, S. 243.

[9] Schiller, Karl / Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. II, S. 700.

[10] Derks, Paul, Die Siedlungsnamen des Stadt Lüdenscheid. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Lüdenscheid 2004, S. 112–115.

[11] Finke, Heinrich, Die Urkunden des Bisthums Paderborn vom Jahr 1201–1300, Münster 1894 (Westfälisches Urkundenbuch IV), Nr. 2104 (Original).

[12] Urkundenbuch des Klosters Iburg, bearb. v. Horst-Rüdiger Jarck, Osnabrück 1985 (Osnabrücker Urkundenbuch V = OUB V), Nr. 214 (Original).

[13] OUB V, Nr. 242 (Original).

[14] OUB V, Nr. 165 (Original).

[15] Schiller/Lübben, Wörterbuch III, S. 18f.

[16] Udolph, Jürgen, Suffixbildungen in alten Ortsnamen Nord- und Mitteldeutschlands, in: Suffixbildungen in alten Ortsnamen, hrsg. v. Thorsten Andersson u. Eva Nyman, Uppsala 2004, S. 137–175, hier S. 142f.

Hohne – Siedlung an der niedrig gelegenen Stelle

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Lengericher Ortsteil Hohne feierte 2013 das Jubiläum seiner schriftlichen Ersterwähnung vor mindestens 925 Jahren. Ein Grund, sich mit dem Namen der Siedlung selbst zu befassen, denn auch er hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Um sein Geheimnis zu lüften, müssen zunächst die ältesten Formen des Namens gesichtet werden: Zwischen 1082 und 1088 erscheint die Siedlung als Hone.[1] Im Heberegister des Stiftes Herford aus dem 12. Jahrhundert ist Hanon verzeichnet.[2] 1256 heißt es Hounen bzw. Honen[3], 1284 Honen.[4] Mundartlich wird der Ort Hauhne genannt.[5] Von diesen Formen hat die sprachliche Analyse auszugehen.

Ein germanisches Wort *hûn ‚Fäulnis, Dreck, Mist, Sumpf, Morast‘, das auch Gabriele Böhm in der Ortschronik „Hohne – Bauerschaft am Deetweg“ (1999) zur Erklärung des Namens annimmt[6], muss fern bleiben, weil es zum einen lediglich auf recht unsicherer Basis erschlossen worden und somit seine Existenz überhaupt fraglich ist (* kennzeichnet eine erschlossene Form).[7] Zum anderen passt der lange Stammvokal û von *hûn nicht zu dem langen Stammvokal ô, â in Hone, Hanon, da der Wechsel zwischen ô und â sowie die mundartliche Form mit au (Hauhne) verbindlich auf westgermanisch au verweist.[8] Damit ist zwingend ein Wortstamm westgermanisch *haun– zu erschließen, auf den der Name Hohne zurückzuführen ist. Daraus ergeben sich zwei mögliche Anschlüsse: Hohne könnte der Dativ Singular von altsächsisch hôh, mittelniederdeutsch , hôge, hôch ‚hoch‘ sein (germanisch *hauga-, *hauha)[9], wie etwa in Hoenhorst, Kreis Warendorf (entstanden aus „to der hohen Horst [Wald]“).[10] Doch ist der Name Hohne bereits früh überliefert, so dass in den alten Belegen eine nicht kontrahierte (zusammengezogene) Form *Hohune/*Hohone/*Hogene zu erwarten gewesen wäre.[11]

Weniger Probleme bereitet dagegen ein Anschluss von Hohne an germanisch *hauna– ‚niedrig‘.[12] Belegt ist das Wort mit dieser Bedeutung nur noch in der ostgermanischen Sprache Gotisch: hauns ‚niedrig‘. Daneben hat das Wort bereits sehr früh auch die Bedeutung ‚demütig, schimpflich, schmachvoll‘ angenommen, die die ursprüngliche Bedeutung ‚niedrig‘ vollkommen verdrängte. Unser heutiges Wort Hohn ‚Schadenfreude, Spott‘, das ebenfalls auf germanisch *hauna– zurückgeht, lässt kaum noch die ursprüngliche Verwandtschaft mit ‚niedrig‘ erkennen.[13] Seine lautliche Gestalt aber gleicht dem Ortsnamen Hohne bis heute! Der Name Hohne benannte ursprünglich also eine im Vergleich zu seiner Umgebung niedriger gelegenen (Siedlungs-)Stelle. Zudem zeigt die Bedeutungsentwicklung von germanisch *hauna-, dass der Name Hohne bereits sehr alt ist, denn bereits im Altenglischen, Altsächsischen und Althochdeutschen hat das ihm zugrunde liegende Wort *hauna– die Bedeutung ‚schimpflich, schmachvoll, elend‘ angenommen. Da die Bedeutung ‚niedrig‘ nur noch im Gotischen des 4. Jahrhunderts n. Chr. nachzuweisen ist, dürfte der Ortsname Hohne wahrscheinlich ebenfalls mindestens dieses Alter aufweisen.

[1] Philippi, Friedrich u.a. (Bearb.), Osnabrücker Urkundenbuch, 7 Bde., Osnabrück 1892–1996, Bd. I, Nr. 201 (im Folgenden OUB); OUB V, Nr. 8 (Original). Zur Datierung: Spannhoff, Christof, Exkurs I: Zur Datierung der Ersterwähnung des Namens Lienen, in: Spannhoff, Christof, Der Orstname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 57–74.

[2] Einkünfte- und Lehns-Register der Fürstabtei Herford sowie Heberollen des Stifts auf dem Berge bei Herford, bearb. v. Franz Darpe, Münster 1892, S. 39 (Original).

[3] OUB III, Nr. 155; OUB V, Nr. 47 (Original).

[4] OUB IV, Nr. 133; OUB V, Nr. 67 (Original).

[5] Becker, Margrit, Wu et unnen in Hauhne lechter wörd, in: Böhm, Gabriele, Hohne. Bauerschaft am Deetweg, hrsg. v. d. Gemeinschaft der Hohner Vereine, Greven 1999, S. 133–138.

[6] Vogelsang, Friedrich; Böhm, Gabriele, 3700 Jahre Hohner Siedlungsgeschichte, in: Böhm, Gabriele, Hohne. Bauerschaft am Deetweg, hrsg. v. d. Gemeinschaft der Hohner Vereine, Greven 1999, S. S. 45–52, hier S. 48.

[7] Vries, Jan de, Nederlands etymologisch woordenboek, 3. Druck, met aanvullingen, verbeteringen en woordregisters door Felicien de Tollenaere, Leiden u.a. 1992, S. 272. Zur Kritik siehe: Devleeschouwer, J., Nervische hydroniemen, in: Naamkunde 4 (1972), S. 21–25, hier S. 23.

[8] Niebaum, Hermann, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen. Die Mundart von Laer (Landkreis Osnabrück), Köln u. Wien 1974, S. 356 u. S. 380f.; Müller, Gunter, Das Vermessungsprotokoll für das Kirchspiel Ibbenbüren von 1604/05. Text und namenkundliche Untersuchungen, Köln u.a. 1993, S. 50 u. S. 53.

[9] Heidermanns, Frank, Etymologisches Wörterbuch der germanischen Primäradjektive, Berlin u. New York 1993, S. 285f.

[10] Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 205f.

[11] Laur, Wolfgang, Historisches Ortsnamenlexikon von Schleswig Holstein, 2., völlig veränderte u. erw. Aufl., Neumünster 1992, S. 340.

[12] Heidermanns, Wörterbuch, S. 286f.

[13] Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. Aufl., Berlin 2002, S. 418.