Als das Brot nach Westfalen kam…

Klöster und Stifte vermittelten reiche Backkultur

Von Dr. Christof Spannhoff

Brot ist mit Sicherheit eines der wichtigsten und ältesten menschlichen Grundnahrungsmittel. Seit der Jungsteinzeit („Neolithische Revolution“) baut der Mensch Getreide an, aus dem Mehl gewonnen und Brot hergestellt werden konnte. Auch für den norddeutschen Raum lässt sich das belegen. So fand man bei einer Moorgrabung bei Oldenburg (Trichterbecherkultur) Brotreste aus dem Neolithikum. Die ältesten Brote waren eine Art Fladenbrot, die in Backtellern aus Ton und später Backpfannen gebacken wurden, wie sie für Skandinavien in der Jungsteinzeit und im frühen Mittelalter gefunden wurden. Backöfen sind für den germanischen Bereich für die ältere Eisenzeit in Dänemark und vermehrt in der Römerzeit auch für Norddeutschland zu belegen. Im Frühmittelalter bestanden die Brotfladen, die in Skandinavien gefunden wurden, aus Gersten- und/oder Hafermehl. Daneben fanden sich auch Fladen aus Erbsen und Kiefernborke. Ähnliche Brote werden auch die Einwohner Norddeutschlands in dieser Zeit zu sich genommen haben. Schenkt man den antiken Autoren Glauben (z.B. Caesar, De bello Gallico IV, 1 oder Florus, Epitomae I, 38), so ernährten sich die germanischen Völker aber generell eher weniger von Getreidespeise. Diese Ansicht stimmt mit den archäologischen Funden für die Germania Magna, also das nicht von den Römern besetzte, „freie“ Germanien, überein. Während im norddeutschen und skandinavischen Raum die Brot- und Backkultur also noch sehr einfach war, hatte sie sich in Süddeutschland durch kulturelle Beziehungen zu Süd- und Südosteuropa sowie zum Orient – vor allem vermittelt durch die römische Kultur – bereits weiterentwickelt.

Nach Norddeutschland und Westfalen gelangte diese reiche Brotkultur dann schließlich im Zuge der Christianisierung Ende des 8. und Anfang des 9. Jahrhunderts. Im Christentum, das im Vorderen Orient entstanden ist, wo sich bereits früh eine vielfältige Backkultur nachweisen lässt, hatte das Brot eine lange Tradition und galt als wichtige und geheiligte Speise. Vor allem die Gründung von Klöstern förderte in Westfalen die Ausbreitung verschiedener Brotsorten. Zu den Abgaben der den Klöstern und kirchlichen Einrichtungen pflichtigen Bauern gehörte im Hochmittelalter auch Brot in unterschiedlichen Sorten (die Belege schon bei Jostes, S. 41f.). So hatte z.B. der Schulte (villicus) zu Ostenfelde zwischen Lienen und Bad Iburg-Glane in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zwei Malter (Hohlmaß) Brot an das Frauenstift Herford zu liefern. Er war einer der insgesamt nur drei Herforder Schulten (neben zu Bech und Hundesbroc), die Brot an die Stiftsdamen geben mussten (CTW IV, S. 28, 29, 38).

Um das Jahr 1000 gab es im süddeutschen Raum eine Vielzahl an Brotsorten. Die Benedictiones ad mensas (Tischsegnungen) aus dem Stift St. Gallen nennen Brotkuchen, mondförmiges Brot, gesottenes Brot, geröstetes und mit Salz bestreutes Brot, Eierbrot, mit Hefe und mit Sauerteig getriebenes Brot, Oblaten, ungesäuertes Brot, Spelt-, Weizen-, Roggen-, Gersten- und Haferbrot, neugebackenes Brot, kaltes und warmes sowie unter glühender Asche gebackenes Brot. Dazu kamen unter den Nachgerichten Kuchen und Wähen. Brote aus Hafer und Gerste galten dabei als minderwertig. Eine ähnliche Vielfalt dürfte zu dieser Zeit auch in Westfalen anzunehmen sein. Mit dem aufblühenden Städtewesen im hohen Mittelalter entwickelten sich dann das Bäckerhandwerk und die Brotbackkunst weiter.

Quellen und Literatur

CTW IV = Lehnsprotokolle der Fürstabtei Herford, bearb. v. Franz Darpe, hrsg. v. Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Münster 1892 (Codex traditionum Westfalicarum IV).

Roy W. Davies, Art. Brot, § 3: Brot im römischen Bereich, in: Realenzyklopädie der Germanischen Altertumskunde (RGA) 3 (1978), S. 548f.

Franz Jostes, Nachträge zum mittelniederdeutschen Wörterbuche, in: Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, Jg. 1888 (1889), Heft XIII, S. 39–43, S. 41f.: „Altwestfälische Brodarten“.

Max Währen, Art. Brot, § 1: Mittelmeerraum als Einflußzone, § 2: Vorgeschichte, in: Realenzyklopädie der Germanischen Altertumskunde (RGA) 3 (1978), S. 545–548.

Max Währen, Art. Brot, § 4: Frühgeschichte, frühes Mittelalter, in: Realenzyklopädie der Germanischen Altertumskunde (RGA) 3 (1978), S. 549–552.

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Osterbräuche im Tecklenburger Land

Von Dr. Christof Spannhoff

Das Osterfest rückt näher und mit ihm auch das Vollziehen einer Vielzahl von Osterbräuchen – allen voran das Osterfeuer.

Osterfeuer

Im 19. Jahrhundert war man der festen Überzeugung, die Osterfeuer gingen bereits in germanische Zeit zurück und seien dann von der christlichen Kirche im Sinne der Verbreitung des Christentums vereinnahmt und instrumentalisiert worden (Grimm, Mythologie, S. 347-349). Doch ist die Volkskunde heute der Ansicht, dass die Osterfeuer ein rein christlicher Brauch sind (so schon Jostes, S. 80). In Westfalen lässt sich ein Osterfeuer überhaupt erstmals 1342 nachweisen. Graf Konrad von der Mark schenkte damals der Antonius-Bruderschaft in Hörde einen Weinberg. Dafür sollte sie „up hillige Paschendag“ ein Feuer entzünden und Gott für die Erlösung vom Teufel danken (Sartori, S. 161). Das Osterfeuer erscheint hier also als christliche Stiftung, die offenbar keinen Vorgänger hatte. Doch dürfte bei dem ursprünglich frommen Brauch des Osterfeuers in Westfalen schnell das weltliche Treiben überhandgenommen haben. Denn die Osterfeuer in der Grafschaft Tecklenburg wurden – wie auch die Feuer andernorts seit dem 16. Jahrhundert – bei ihrer ersten schriftlichen Erwähnung 1691 von der evangelischen Kirchensynode bereits wieder in Frage gestellt („18. Ob nicht die Osterfeuer in dieser Grafschaft [Tecklenburg; C.S.] gänzlich müssen abgeschaffet und bei Strafe verboten werden? Affirm. [Es wird zugestimmt; C.S.]“, Tecklenburger Synode am 10. Juni 1691 in Lienen; Jacobson, S. 407).

1716 wurde dann das Aufschichten und Abbrennen von Osterfeuern in den preußischen Gebieten Westfalens – also auch in der Grafschaft Tecklenburg – bei Gefängnisstrafe verboten (Text des Erlasses vom 16. März 1716 bei: Sauermann, Ostern in Westfalen, S. 327). Danach scheinen die Osterfeuer eingestellt worden zu sein. Erst 1852 stiftete der Tecklenburger Kommerzienrat Meese 200 Taler, von deren Zinsen das Holz für ein Osterfeuer auf dem Kalten Berg in Tecklenburg finanziert werden sollte, und belebte damit den Brauch in der Umgebung von Tecklenburg wieder neu (Sauermann, Ostern in Westfalen, S. 343).

Ursprünglich hatte jede Nachbarschaft ein eigenes Feuer. Genutzt wurde dazu das Abfallholz, das bei dem winterlichen Beschneiden der Wallhecken und Obstbäume anfiel. Nur im Dorf wurde ein gemeinschaftlicher Holzstoß entzündet. Dabei kam es zur Konkurrenz um das größere Feuer und deshalb auch häufig zum vorzeitigen Abbrennen des jeweils anderen Holzstapels, wenn dieser nicht streng bewacht wurde (Sauermann, Vom alten Brauch, S. 65f.).

Ostern

Der Name des Festes Ostern ist mit dem Wort für die Himmelrichtung Osten verwandt und geht auf eine Bezeichnung für die Morgenröte in den germanischen Sprachen zurück. In der Liturgie des christlichen Festes spielte diese eine herausragende Rolle, weil auf den Tagesanbruch der Zeitpunkt der Auferstehung Christi gesetzt wurde. Ostern benannte also ursprünglich als „Fest der Morgenröte“ den Auferstehungszeitpunkt Jesu Christi (Kluge, S. 672). Eine germanische Licht-Göttin Ostara, die von Jacob Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts als Namengeberin des Festes propagiert wurde, wird heute mit sehr guten Gründen abgelehnt (Derks, Uedem, S. 42, Anm. 267; Knobloch, Ursprung).

Osterei

Der Brauch, an Ostern Ostereier zu verspeisen, hat seinen Ursprung in einer zu diesem Termin fälligen Abgabe. Vor allem an Klöster waren zu dieser Jahreszeit Zins-Eier abzuliefern (Pfeiffer, S. 959), die dann auf der Festtagstafel der Nonnen und Mönche landeten. Hinzu kam, dass Eier in der Fastenzeit nicht verzehrt werden durften. So sammelte man die in dieser Zeit anfallenden Eier, kochte sie, um sie haltbar zu machen, und hatte dadurch zu Ostern einen größeren Bestand, der verzehrt werden musste (Sauermann, Ostern in Westfalen, passim). Für den westfälischen Bereich ist das Verspeisen von Eiern zu Ostern wohl erstmals Ende des 15. Jahrhunderts fassbar (das Dokument stammt entweder aus dem Jahr 1487 oder 1498). Die Freckenhorster Schwestern bekamen damals neben anderen Lebensmitteln zwei Eier als Festtagsration. Nach 1570 erhielten nachweislich auch die Freckenhorster Ministranten (Messdiener) an Ostern ein Ei (Friedlaender, S. 177). 1690 ist bezeugt, dass die Mönche des Klosters Iburg an Ostern sogar gefärbte Eier (ova colorata) zum Abendessen bekamen (Rost, Manuale, S. 25). Aus dieser herrschaftlichen Abgabe entwickelte sich dann auch in der bäuerlichen Bevölkerung der Brauch, Eier zum Osterfest zu verschenken. Das Sammeln von Ostereiern durch Bauernkinder ist bereits in Werner Rolevincks „Buch zum Lobe Westfalens“ erwähnt, das 1478 erschienen ist (Rolevinck, S. 87). Der Osterhase – in anderen westfälischen Regionen auch der Fuchs oder der Kranich (Sauermann, Vom alten Brauch, S. 65, Abb. 89) – als Überbringer der Ostereier ist erst seit dem 17. Jahrhundert bezeugt (Pfeiffer, S. 959). Neben den Ostereiern aßen die Familien im Tecklenburger Land um 1900 vor allem Sauerkrauteintopf mit Mettwurst und Schweinebacke (Sauermann, Vom alten Brauch, S. 65).

An vielen westfälischen Orten fanden mindestens seit dem 19. Jahrhundert an Ostern Spiele und Wettkämpfe (Ball- oder Kegelspiele) statt, die vielfach von den Jugendlichen durchgeführt wurden. Aber auch Spiele rund um das Osterei waren weit verbreitet. Im Tecklenburger Land warf man am Ostermontag gelb gefärbte Eier mit voller Kraft in die Höhe, die dann herunterfallend heil bleiben mussten, um zu gewinnen (Sartori, S. 158).

Quellen und Literatur

  • Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Gemeinde Uedem am Niederrhein. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Uedem 2007.
  • Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarb. unter d. Leitung v. Wolfgang Pfeiffer, 3. Aufl., München 1997.
  • Friedlaender, Ernst (Hrsg.), Die Heberegister des Klosters Freckenhorst nebst Stiftungsurkunde, Pfründeordnung und Hofrecht, Münster 1872.
  • Grimm, Jacob, Deutsche Mythologie, Göttingen 1835.
  • Jacobson, Heinrich Friedrich, Urkunden-Sammlung von bisher ungedruckten Gesetzen nebst Uebersichten gedruckter Verordnungen für die evangelische Kirche von Rheinland und Westfalen: als Anhang zur Geschichte des rheinisch-westfälischen evangelischen Kirchenrechts, Königsberg 1844.
  • Jostes, Franz, Westfälisches Trachtenbuch. Volksleben und Volkskultur in Westfalen die jetzigen und ehemaligen westfälischen und schaumburgischen Gebiete umfassend, 2. Aufl., bearb. u. erw. v. Martha Bringemeier, Münster 1961.
  • Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002.
  • Knobloch, Johann, Der Ursprung von neuhochdeutsch Ostern, englisch Easter, in: Die Sprache 5 (1959), S. 27-45.
  • Rolevinck, Werner, Das Buch zum Lobe Westfalens. Nach der Ausgabe Hermann Bückers von 1953, neu bearb. u. hrsg. v. Anneliese Raub, Münster 2002.
  • Rost, Maurus, Manuale monasterii Iburgensis super consuetudinibus eiusdem. Handbuch des Iburger Klosters über dessen Gewohnheiten, hrsg. u. übersetzt v. Alfons Dalsing, Osnabrück 1986.
  • Sartori, Paul, Westfälische Volkskunde, 2. Aufl., Leipzig 1929.
  • Sauermann, Dietmar (Hrsg.), Ostern in Westfalen. Materialien zur Geschichte eines volkstümlichen Kirchenfestes, Münster 1986.
  • Sauermann, Dietmar (Hrsg.), Vom alten Brauch in Stadt und Land. Ländliches Brauchtum im Jahreslauf in Bildern und Berichten aus dem Archiv für Westfälische Volkskunde, 4. Aufl., Münster 1996.

Woher kommt die Bezeichnung für das Karfreitagsgebäck Struwen?

Von Dr. Christof Spannhoff

In den katholischen Gegenden Westfalens, vor allem im Münsterland, gibt es ein typisches Fastengericht, das traditionell am Karfreitag verzehrt wird: die Struwen. Dabei handelt es sich um kleine Hefepfannkuchen, die in reichlich Fett ausgebacken werden. Vielfach werden dem Teig auch noch Rosinen beigegeben. Nach dem Backen werden die Fladen mit Zimt und Zucker bestreut.

Doch woher kommt eigentlich die Bezeichnung für dieses Gebäck? Was bedeutet Struwen? Es handelt sich um ein niederdeutsches Wort, dessen hochdeutsche Entsprechung Strauben ist: ein süßes Backwerk aus Pfannkuchenteig, das vor allem im süddeutschen Raum bekannt ist. Auch im Niederländischen ist das Wort erhalten. Struif bedeutet hier ‚Pfannkuchen‘ oder ‚Omelette‘. Nach Skandinavien sind Gebäck und Bezeichnung vermutlich durch die Wirtschaftsbeziehungen der Hanse gelangt. Schwedisch struva bezeichnet einen ‚Spritzkuchen‘.[1]

Das Wort Struwen ist bereits sehr alt. Es gehört zu altsächsisch bzw. altniederdeutsch strûf ‚schuppig, struppig, gesträubt‘. Dieses Wort wird in den sogenannten „Isidorglossen aus Straßburg“, die im 10. oder 11. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, zweimal genannt. Einmal erscheint es in dem Abschnitt, der mit De piscibus ‚Von den Fischen‘ überschrieben ist. Dort wird lateinisch tortuosa ‚gewunden, verwickelt, verworren‘ mit struua (lies: struva) übersetzt. Ein weiteres Mal ist struua unter der Überschrift De pecoribus ‚Vom Vieh‘ die Übersetzung für pillis in contrarium versis ‚struppiges, gesträubtes Fell‘.[2] Im Mittelniederdeutschen bedeutet strûf ‚empor starrend, rauh, uneben, nicht glatt ‘.[3] Das Gebäck hat seine Bezeichnung also von der unebenen Oberfläche, die nach dem Backen in heißem Fett entsteht, erhalten.

Doch seit wann werden Struwen eigentlich verzehrt? Der früheste Beleg für dieses Backwerk stammt aus dem Jahr 1090. Damals ordnete Bischof Erp von Münster das Präbendenwesen in der Abtei Freckenhorst. In der darüber ausgestellten Urkunde heißt es, dass die Stiftsdamen an 25 Festtagen „ad cęnam […] genus cibi, quod vulgo struua [lies: struva] dicitur“, also ‚zur Mahlzeit die Art Speise, die gewöhnlich struva genannt wird‘, bekommen sollten.[4] Wie die Struven damals zubereitet wurden, geht aus der Urkunde nicht hervor. Dass Struwen eine Mehlspeise waren, zeigt eine Lippische Rechnung aus dem Jahr 1456: meel to den struven to backende. Im „Teuthonista of Duytschlender“ aus dem Jahr 1475, einem (nieder-)deutsch-lateinischen Wörterbuch des Gerard van der Schueren, wird struyve mit lateinisch placenta, scribilita oder laganum, also ‚Kuchen‘ bzw. Eierkuchen, dünner, in Öl gebackener Kuchen‘, übersetzt. Ein ausführliches Struwen-Rezept findet sich in einem ostfriesischen Kochbuch aus dem Jahr 1656: „Om struyven te mengen en backen. Men neemt 4 ayeren, 5 lepel melck, een weynich safferan en wat suyker, fyn weten meel, dat door en ander gemenget, tot dat het styf wort, en dan met een mangelstock rolt soo dun al ment krygen kann, dan by stuckjes afgesneden, mit een rolleken kruys gemaeckt en dan in ofgeklarede botter gebacket.“[5] Das ostfriesische Rezept zeigt, dass zum einen die Struwen ursprünglich nicht auf Westfalen oder das Münsterland beschränkt waren und zum anderen, dass die Zubereitungsart sicherlich regional sehr unterschiedlich gewesen ist, denn die Zutaten weichen doch erheblich von den heutigen, im Münsterland gebräuchlichen Ingredienzien ab. Woraus also die 1090 erwähnten Struwen bestanden, wissen wir nicht. Sie werden sich vermutlich von der heutigen Form unterschieden haben. Sicher ist nur, dass die mittelalterlichen Struwen aus Mehl bestanden und in Fett gebacken wurden. Kontinuität besitzt somit nur die Bezeichnung Struwen für ein Gebäck mit besonderer Zubereitungsart (Fettgebäck), dessen Zutaten sich aber im Lauf der Jahrhunderte verändert haben dürften.

[1] Ernst Heinrich Segschneider, Heißwecken als Fastnachtsgebäcke im Hanseraum, in: Nahrung und Tischkultur im Hanseraum, hrsg. v. Günter Wiegelmann u. Ruth Mohrmann, Münster 1996, S. 429–461, hier S. 458.

[2] Heinrich Tiefenbach, Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary. Berlin u. New York 2010, S. 378.

[3] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. IV, S. 444f.

[4] Regesta Historiae Westfaliae, Codex Diplomaticus I, bearb. v. Heinrich August Erhard, Nr. 165 (S. 130). Als Erster scheint Franz Jostes diesen Beleg entdeckt zu haben. Franz Jostes, Nachträge zum mittelniederdeutschen Wörterbuche, in: Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, Jg. 1888 (1889), Heft XIII, S. 39–43, hier S. 42 („Altwestfälische Brodarten“). Auch Wilhelm Kohl, Das (freiweltliche) Damenstift Freckenhorst, Berlin u.a. 1975, S. 93 weist bereits auf diese Speise hin. Vgl. ferner: Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erweiterte Aufl., Münster 2014, S. 716.

[5] Schiller/Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, Bd. IV, S. 444f.

Die Niendür im Niederdeutschen Hallenhaus

Worum handelt es sich bei einer Niendür und was bedeutet dieses Wort eigentlich?

Von Dr. Christof Spannhoff

Im Tecklenburger Land gibt es noch viele alte und liebevoll restaurierte Fachwerkbauernhäuser vom Typ des sogenannten Niederdeutschen Hallenhauses. Bei diesem Haustyp handelt es sich um ein Wohnstallhaus der bäuerlichen Bevölkerung, das zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert aufkam und bis zu seinem Niedergang im 19. Jahrhundert in der norddeutschen Tiefebene weite Verbreitung fand. Es ist somit ein sogenanntes Einhaus, bei dem Wohnung, Stallraum und Erntelager in einem großen Hauskörper zusammengefasst sind (Eiynck, Dach und Fach).

Der Hauptzugang

Den Hauptzugang zu diesem Haus bildet das große Dielentor, das in Lienen und in vielen anderen Gegenden des niederdeutschen Raumes Niendür genannt wird. Die Tür war sowohl senkrecht als auch waagerecht geteilt, also vierteilig. Die obere Hälfte wurde als Üöwerschlag bezeichnet. Die Niendür befindet sich oft auf einer dem Wetter abgewandten Seite des Hauses, weil sie – oder zumindest der Üöwerschlag – selbst im Winter geöffnet war, um Licht und Luft in das ansonsten dunkle, mit nur kleinen Fenstern ausgestattet Hallenhaus zu lassen (Sartori, Volkskunde, S. 22–25).

Was bedeutet die Bezeichnung Niendür?

Doch was steckt eigentlich hinter der Bezeichnung Niendür? Sprachlich gesehen ist sie eine Zusammensetzung aus zwei Wörtern. Das Grundwort ist leicht zu erkennen. Es ist das niederdeutsche Wort dür „Tür“. Doch um welche Art „Tür“ handelt es sich? Welches Wort steckt im Bestimmungswort, dem ersten Teil von Niendür? Um diese Frage zu beantworten, hilft der Blick in ein altes Wörterbuch: Anfang des 19. Jahrhunderts verfasste der 1755 in Glane (heute Stadt Bad Iburg, Landkreis Osnabrück) geborene Jurist und Dialektforscher Johann Aegidius Rosemann genannt Klöntrup (+ 1830) ein „Niederdeutsch-Westphälisches Wörterbuch“, in dem er die südosnabrücker Mundart seines Geburtsortes aufnahm (Klöntrup, Wörterbuch, Bd. 1, S. 7*–14*). Heute ist dieses Wörterbuch eine wichtige Quelle für die Sprache, die im südlichen Osnabrücker Land in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gesprochen wurde. Einen Eintrag widmete Klöntrup dabei auch dem Wort Niendür. Er merkt an, dass die Bezeichnung ursprünglich eigentlich niedendür lautete (Klöntrup, Wörterbuch, Bd. 2, Sp. 23). Der erste Dental d fiel aber wohl bereits in mittelniederdeutscher Zeit aus, weil er zwischen zwei Vokalen stand (vgl. auch: rüde > rü‘e „Hund“; lüde > lü‘e „Leute“; Lasch, Grammatik, § 326). So entstand aus niden die Form nien. Das sowohl hoch- als auch niederdeutsche Wort niden ist heute kaum noch gebräuchlich (Kluge, Wörterbuch, S. 652). Es bedeutet „unten“ und ist etwa noch in dem ebenfalls mittlerweile selten gewordenen hiernieden „hier unten“ zu finden (Kluge, Wörterbuch, S. 412). Klöntrup führt auch niederdeutsche Verwendungsweisen des Wortes auf: nihen inne’n Huse „unten im Hause, nach der Haupttür hin“ und nien ut „vorne heraus“ (Klöntrup, Wörterbuch, Bd. 2, Sp. 23). Die Niendür ist also die „Untertür“ oder „untere Tür“.

Das Benennungsmotiv

Doch warum wurde das große Dielentor des Hallenhauses so benannt? Der Philologe und Volkskundler Paul Sartori (1857–1936) schreibt in seiner „Westfälischen Volkskunde“, dass sich die Niendür am niedrigsten Punkt des Hauses befand, weil die Diele zur großen Tür hin Gefälle hatte (Sartori, Volkskunde, S. 22–25; Vgl. auch: Hartmann, Bilder, S. 64). So konnten Wasser und andere Flüssigkeiten in Richtung Eingang/Ausgang geregelt ablaufen und flossen nicht zum Herd oder blieben als Lache auf der Diele stehen. Das Gegenstück zur Niendür war die sogenannte Bovendür, also die „Obertür“ oder „obere Tür“ (zu niederdeutsch boven, buoven, buaven = oben; Klöntrup, Wörterbuch, Bd. 1, Sp. 118), eine Seitentür neben der Herdstelle, durch die man in den Garten gelangte (Schepers, Haus, S. 70). Analog dazu nannte man den Teil der Diele an der Niendür das Nienenne „untere Ende“ und den Bereich am Herd Höwedenne „Kopfende“ (zu niederdeutsch houet, hoved, howet „Haupt, Kopf“; Klöntrup, Wörterbuch, Bd. 1, Sp. 362).

Die Niendür ist also nichts anderes als die „Untertür“ oder „untere Tür“.

Literatur

  • Eiynck, Andreas, Alles unter Dach und Fach. Bauen und Wohnen in altem Fachwerk auf dem Lande, 2. Aufl., Rheda-Wiedenbrück 1990.
  • Hartmann, Hermann, Bilder aus Westfalen. Sagen, Volks- und Familienfeste, Gebräuche, Volksaberglaube und sonstige Volksthümlichkeiten des ehemaligen Fürstenthums Osnabrück, Osnabrück 1871.
  • Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002.
  • Kramer, Wolfgang u.a. (Bearb.), Niederdeutsch-westphälisches Wörterbuch von Johan Gilges Rosemann genannt Klöntrup, 2 Bde., Hildesheim 1982–1984.
  • Lasch, Agathe, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974.
  • Sartori, Paul, Westfälische Volkskunde, 2. Aufl., Leipzig 1929.
  • Schepers, Josef, Haus und Hof westfälischer Bauern, 7., neubearb. Aufl., Münster 1994.

Woher kommt das niederdeutsche Wort Enket ‚Tinte‘?

Von Dr. Christof Spannhoff

„Et schriewet olle ut densülwen Enketpott, siä de Buer to den Gerichtshiärn“ (Simon, Sagwörter, Nr. 862, S. 125 – hier vom Verfasser in die Lautung der Tecklenburger Mundart übertragen) lautet ein altes niederdeutsches Sprichwort, das besagt, dass alle Menschen vor Gericht gleich sein sollen. Als Sinnbild dafür steht in diesem Spruch das Tintenfass, mit dessen Inhalt alle gerichtlichen Schriftstücke verfasst werden. Doch woher kommt eigentlich die niederdeutsche Bezeichnung für die Tinte, also Enket?

Ursprung in Konstantinopel

Die Ursprünge des Wortes führen weit aus dem niederdeutschen Sprachraum Norddeutschlands hinaus bis nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Hier entwickelte sich ein griechisch-lateinisches Mischwort encaustum, incuastum, das die purpurrote Tinte der oströmischen Kaiser bezeichnete. Übersetzt heißt es eigentlich „Eingebranntes“. Daher wird auch die Ansicht vertreten, dass es sich bei encaustum, incaustum um ‚gekochte Tinte‘ handelte, sich die Bezeichnung also ursprünglich auf den Herstellungsvorgang bezog. Ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. breitete sich das Wort von Konstantinopel nach Westen hin aus und verdrängte das lateinische Wort atramentum ‚das Schwarzmachende, das Schwarze, Rußschwarz‘, wie der Römer ihre Schreibflüssigkeit nannten. Nach dem Philologen und Mediävisten Jan de Vries (1890–1964) wurde das Wort für die Purpurtinte encaustum, incaustum vermutlich zu der Zeit ins Germanische entlehnt, als Trier Sitz römischer Kaiser war. Von dort aus gelangte das Wort in die Niederlande und nach Norddeutschland. Durch Wortverkürzungsprozesse wurde dann aus encaustum wohl zunächst encautum und schließlich enket. Da die größtenteils schriftlosen Bewohner Norddeutschlands eher weniger Bedarf an der Schreibflüssigkeit Tinte gehabt haben dürften, ist das Wort wohl erst mit der Christianisierung Norddeutschlands um 800 n. Chr. verstärkt in dieses Gebiet eingedrungen. Die Nord- und Nordseegermanen bedurften keiner Tinte, da sie ihre wenigen Schriftzeichen, die sogenannten Runen, in die Trägermaterialien (Steine, Hölzer, Metallgegenstände) einritzten. Das englische Verb to write ‚schreiben‘, das unserem hochdeutschen ritzen entspricht, zeigt das bis heute. Die christlichen Missionare brachten auch die lateinische Schrift mit in ihr Missionsgebiet und damit natürlich auch die Schreibflüssigkeit und ihre Bezeichnung derselben: encaustum > enket.

Hinweis auf die Missionierung Norddeutschlands

Die Verbreitung des Wortes Enket, Inket kann aber auch eine Antwort auf die Frage geben, woher die Prediger kamen und welche Teile Norddeutschlands sie missionierten. Das Wort Enket, Inket stammt nämlich eindeutig aus dem Rheinland, während in norddeutschen Gebieten, die von angelsächsischen Glaubensboten christianisiert wurden, das Wort Black für die Tinte (aus angelsächsisch blæc, noch heute englisch black ‚schwarz‘) vorherrscht. Dieses Wort ist allerdings germanischen Ursprungs und stellt einfach eine volkssprachliche Übersetzung von atramentum (s.o.) dar. Germanisch *blaka– bedeutet ‚schwarz‘. Es ist auch die Grundlage von niederdeutsch blaken ‚rußen, (qualmend) brennen‘. Da das Wort die lautliche germanische Entsprechung zu lateinisch flagrâre ‚brennen, lodern‘ ist, ergibt sich, dass die Urbedeutung von blak– ‚schwarz‘ also im Verbrennen von Holz zu suchen ist. Mit der Kohle konnte dann auch gefärbt und es konnten Schriftzeichen gezogen werden.

Das hochdeutsche Wort Tinte ist übrigens auch lateinischen Ursprungs. Es ist eine Verkürzung (mittelhochdeutsch noch tincte) des Lehnwortes lateinisch aqua tincta ‚gefärbtes Wasser‘, zum Verb ting(u)ere ‚färben‘.

Literatur

  • Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen, bearb. v. Albert L. Lloyd u.a., Göttingen u.a. 1988-, Band 5 (2014), Sp. 96–98
  • Foerste, William, Der wortgeographische Aufbau des Westfälischen, in: Der Raum Westfalen, Bd. 4.1: Wesenszüge seiner Kultur, hrsg. v. Hermann Aubin u. a., Münster 1958, S. 1–117, hier S. 21f.
  • Heidermanns, Frank, Etymologisches Wörterbuch der germanischen Primäradjektive, Berlin u. New York, 1993, S. 128f.
  • Müller, Gertraud; Frings, Theodor, Germania Romana II: Dreißig Jahre Forschung romanische Wörter, Halle/Saale 1968, S. 103f.
  • Sagwörter. Plattdeutsche Sprichwörter aus Westfalen, hrsg. v. Irmgard Simon, Münster 1988

Überlegungen zur Etymologie von niederdeutsch blaken, blacken ‚rußen, (qualmend) brennen‘

Von Dr. Christof Spannhoff

Blâker

Wissen Sie, was ein Blâker ist? Die alten Osnabrücker bezeichneten mit diesem Wort einen Wandleuchter (Strodtmann, Idioticon, S. 351). Der Begriff gehört zum niederdeutschen Verb blâken, blacken ‚rußen, (qualmend) brennen‘ und stellt also ein Nomen agentis dar, eine ‚Täterbezeichnung‘, gebildet mit dem Suffix -er (wie etwa backen und Bäcker, jagen und Jäger etc.). Ein Blâker ist also wörtlich übersetzt ein ‚Rußer‘ oder ‚Brenner‘.

Doch woher kommt eigentlich das niederdeutsche Wort blâken, blacken? Das Verb geht auf eine germanische Form *blakôn ‚brennen, anbrennen, flackern‘ zurück. Zum Wortfeld gehört auch ein Adjektiv *blaka– ‚schwarz, angebrannt‘. Die Bedeutung ‚flackern‘ findet sich etwa in altnordisch blaka, blakra ‚hin- und herschlagen‘, mittelniederländisch blaken ‚schlottern, flackern‘, neuisländisch, färöisch, neunorwegisch dialektal blaka ‚fächeln, flattern‘, schwedisch dialektal bläksa ‚fächeln‘.

Black ‚Tinte, schwarze Flüssigkeit‘

Zu dieser Familie gehört auch das Wort Black ‚Tinte, schwarze Flüssigkeit‘. Diese Bezeichnung für die Schreibflüssigkeit mit dieser speziellen Bedeutung kam zustande, indem man das lateinische Wort für die Tinte, atramentum ‚das Schwarzmachende, das Schwarze, Rußschwarz‘, einfach mit dem germanischen Wort für das Farbadjektiv schwarz – germanisch *blaka– – übersetzte.

Das Wort für die Tinte hat sich auch in Zusammensetzungen manifestiert: So wurde das Tintenfass im Mittelniederdeutschen als Blackhorn bezeichnet. Das zeigt, dass die Tinte in ein Rinderhorn oder das Horn eines anderen Tieres gefüllt wurde. Blackpulver war das ‚Tintenpulver‘, Blackvisch der ‚Tintenfisch‘. Auch Schimpfwörter wurden mit dem Wort für die Schreibflüssigkeit gebildet: Blackschiter ‚Blackscheißer‘ als abfällige Bezeichnung für den Gelehrten im Sinne von ‚Buchstaben-/ Schriftenscheißer‘. Die Verwendung von Tierhörnern als Aufbewahrungsgefäße für die Schreibflüssigkeit hat vermutlich auch dazu geführt, dass man das Tintenfass als geringschätziges Synonym für den Kopf verwendete. So heißt ein mittelniederdeutscher Ausspruch: „He krigt een up sein blakhorn“ – „Er bekommt einen Schlag auf den Kopf“ oder „Du krigst en’n an’t blakhören“ – „Du bekommst einen (Schlag) an den Kopf“.

„Semantische Kluft“: ‚glänzen, weiß‘ vs. ‚schwarz‘

Die sprachwissenschaftliche Forschung hat allerdings Schwierigkeiten damit, das Wortfeld um germanisch *blakôn, *blaka– auf die indogermanische Wurzel *bʰelg-/*bʰleg ‚glänzen‘ zurückzuführen, zu der auch hochdeutsch blank ‚blinkend, glänzend, weiß‘ gehört, da eine angebliche „semantische Kluft zwischen ‚glänzend, weiß‘ und ‚schwarz‘“ bestehe (Zitat: Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen 2, Sp. 155).

Doch löst sich dieser vermeintliche Widerspruch auf, wenn man sich die ursprüngliche Entstehung dieses Wortfeldes vergegenwärtigt. Seinen Sitz im Leben der vorgeschichtlichen Menschen hatte die Wortfamilie im Zusammenhang mit dem Verbrennen von Holz. Noch heute kann man die Bedeutungsentwicklung beim sommerlichen Grillen nachvollziehen: Ein Stück schwarze Holzkohle mit glatter Oberfläche glänzt in der Sonne. Verbrennt man dann die schwarze, glänzende Holzkohle und glüht sie bei ausreichender Hitze, erscheint sie weiß. Damit ist die vermeintliche „semantische Kluft“ überwunden. Die Bedeutungsbreite der hier betrachteten Wortfamilie zwischen ‚schwarz‘, ‚weiß‘ und ‚glänzend‘ stellt vor diesem Hintergrund keinen Widerspruch mehr dar, denn die breite Bedeutungspalette hat sich durch die genaue Beobachtung des Lager- oder Herdfeuers durch die vorgeschichtlichen Menschen ausgebildet. So konnten mit dieser Wurzel gebildete Wörter sowohl die Bedeutung ‚schwarz‘ als auch ‚weiß‘ annehmen.

Literatur

  • Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen, bearb. v. Albert L. Lloyd u.a., Göttingen u.a. 1988-, Band 2 (1998), Sp. 154f.
  • Heidermanns, Frank, Etymologisches Wörterbuch der germanischen Primäradjektive, Berlin u. New York, 1993, S. 128f.
  • Pokorny, Julius, Indogermanisches Etymologisches Wörterbuch, 3 Bde., Bern u. München 1959–1969, Bd. I, S. 124f.
  • Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. I, S. 350.
  • Strodtmann, Johann Christoph, Idioticon Osnabrugense, Leipzig u. Altona 1756.
  • Torp, Alf, Wortschatz der germanischen Spracheinheit, 4. Aufl., Göttingen 1909 (Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen 3), S. 146.
  • de Vries, Jan, Altnordisches etymologisches Wörterbuch, Leiden 1961, S. 42.

Ladbergen – Siedlung bei den Grenzhügeln

Der Ursprung des Ortsnamens Ladbergen.

Von Dr. Christof Spannhoff

Ortsnamen erzählen Geschichte. Die in ihnen enthaltenen Wörter geben uns Auskunft über die Beschaffenheit der Landschaft zum Zeitpunkt der Namengebung, verweisen auf menschliches Siedeln, Kultivieren und Wirtschaften und verraten etwas über die verkehrsgeografischen oder sozialen und rechtlichen Gegebenheiten vergangener Zeiten. Weil die Wörter, mit denen die Ortsnamen gebildet wurden, häufig einer älteren Sprachstufe angehören und uns heute fremd erscheinen, ist die Deutung von Ortsnamen nicht immer einfach.

Zudem können sich Namen im Laufe der Zeit durch sprachliche Prozesse wandeln, so dass ihre ursprüngliche Bedeutung in ihrer heutigen Form nicht mehr zu erkennen ist. Deshalb ist die Suche nach den ältesten Belegen eines Ortsnamens unabdingbare Voraussetzung, wenn man der Bedeutung auf die Spur kommen möchte.

Die Ergebnisse der Analyse von Ortsnamen sagen zudem etwas über das Benennungsmotiv aus, warum ein Ort seinen Namen trägt. Mit anderen Worten: Die Erklärung eines Namens legt oftmals offen, was für unsere Vorfahren wichtig war. Dies wird auch bei einem Deutungsversuch des Namens Ladbergen deutlich:

Die ältesten Belege

Erstmals erwähnt ist er als Hlacbergon im Freckenhorster Heberegister, das nach neueren Forschungen in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts (also nach 1050) datiert wird. 1149 heißt es Lakberge, 1170 Lagberge, 1176 Lacbergch, 1246 Latberge und 1284 Lacbergen. Diese Auflistung der frühesten Belege zeigt, dass bei einer Untersuchung des Namens von der Grundform *Lakbergen auszugehen ist (Schneider, S. 79).

Es handelt sich bei der Form *Lakbergen um ein Kompositum (Zusammensetzung wie Haus-Tür) mit dem Grundwort –berg, das im Dativ Plural steht. Daraus ist zu schließen, dass der Ortsname aus einer Wendung *to/bî den Lakbergen „zu/bei den Lakbergen“ entstanden ist.

Doch um welche Art Berge mag es sich in der doch flachen Umgebung von Ladbergen handeln?

Die namenkundliche Forschung hat herausgearbeitet, dass auch kleine Erhöhungen mit dem Wort Berg benannt werden konnten und es somit weniger auf die absolute Höhe einer Bodenerhebung ankommt als auf den relativen Höhenunterschied zur Umgebung. Die Bezeichnung Berg konnten auch kleine Bodenerhebungen tragen (Udolph, S. 102–111).

Lake oder Lak?

Im Bestimmungswort des Namens könnte man nun das niederdeutsche Wort lake „Lache, stehendes Gewässer“ vermuten, doch wäre dann eine Form *Lakebergen oder *Lakenbergen zu erwarten gewesen. Zudem überzeugt diese Deutung aus inhaltlichen Gründen nicht vollständig (Kombination von Gewässerwort mit Bodenerhebung?). Die überlieferten Formen weisen außerdem eindeutig auf *Lakbergen, nicht auf *Lake(n)bergen.

Die Antwort auf die Frage, worum es sich bei diesen *Lakbergen gehandelt hat, findet sich in einer Grenzbeschreibung des Klosters Neustadt am Main aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts. Darin wird ein Lachberc – ein künstlich aufgeworfener Grenzhügel – genannt (von hochdeutsch lach, niederdeutsch lak – ursprünglich ein in einen Baum geschnittenes Zeichen zur Grenzmarkierung, wodurch der Baum zum „lecken“, d.h. zum Absondern von Flüssigkeit gebracht worden ist; später übertrug sich das Wort lach/lak auf das Grenzzeichen selbst). Die niederdeutsche Form des althochdeutschen Wortes lachberc würde *Lakberc, im Dativ Plural *Lakbergen lauten (Bauer, S. 75).

Damit entspricht das Wort exakt der oben erschlossenen Ausgangsform des Namens *Lakbergen und führt zu folgender Erklärung:

Der Name Ladbergen dürfte ursprünglich eine „Siedlung bei den Grenzhügeln, bei den Grenzzeichen“ bezeichnet haben.

Welche Grenze?

Zu fragen wäre nun noch, welche Grenze mit diesen künstlichen Grenzzeichen markiert wurde. Die ältesten linearen und nicht-natürlichen Grenzen in unserer Region waren die Grenzen der Diözesen (Bistümer), die mit der Christianisierung Westfalens Ende des 8. und Anfang des 9. Jahrhunderts festgelegt wurden. Auch diese Feststellung passt ins Bild, denn auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Ladbergen – nördlich des Dorfes – verlief einst die Grenze zwischen den Bistümern Münster und Osnabrück.

Nachtrag

Dass künstliche Hügel in Nordwestdeutschland als „Berge“ Eingang in Ortsnamen finden konnten, beweist auch der Ortsname Dreibergen bei Helle (Gemeinde Bad Zwischenahn), der auf eine dreihügelige Turmhügelburg („Motte“, zu französisch la motte ‚Erdhaufen‘) zurückgeht. Der wenig erhöhte Hügel III entstand um das Jahr 1000, die fünf bis sieben Meter hohen Hügel II und I wurden etwa Mitte des 12. Jahrhunderts angelegt (Eckert, S. 110-113).

Quellen und Literatur

Bauer, Reinhard, Die ältesten Grenzbeschreibungen in Bayern und ihre Aussagen für Namenkunde und Geschichte, München 1988.

Eckert, Jörg, Burgen im Oldenburger Land im archäologischen Befund, in: Adelige Herrschaft und Herrschaftssitze in Nordwestdeutschland im Mittelalter, hrsg. v. Gerd Steinwascher, Edewecht 2016,  S. 103-117.

Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974.

Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881.

Schneider, Heinrich, Die Ortschaften der Provinz Westfalen bis zum Jahre 1300 nach urkundlichen Zeugnissen und geschichtlichen Nachrichten, Münster 1936.

Udolph, Jürgen, Burg in Flurnamen, in: Südniedersachsen. Zeitschrift für regionale Forschung und Heimatpflege 27 (1999), S. 102–111.

Die Bewohner der Grafschaft Tecklenburg im Jahr 1672

Von Dr. Christof Spannhoff

Beschreibung des Wersener Pfarrers Gerhard Arnold Rump aus dem Jahre 1672.

Wie der Wersener Pfarrer Gerhard Arnold Rump seine Tecklenburger Mitmenschen sah, darüber gibt er in seiner Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg aus dem Jahr 1672 mit dem Titel „Des Heil. Röm. Reichs uhralte hochlöbliche Graffschafft Tekelenburg […]“ Auskunft. Diese Beschreibung ist eine wichtige kulturgeschichtliche Quelle, weil der Verfasser – selbst Kind des Tecklenburger Landes (Rump wurde am 13. November 1629 in Tecklenburg geboren und war zum Zeitpunkt der Abfassung seiner Beschreibung als Pfarrer im Kirchspiel Wersen tätig) – seine Mitmenschen und ihre Lebensverhältnisse sehr gut kannte.

„Von dero Einwohner Leben und Sitten“

Im dritten Kapitel des ersten Teils mit dem Titel „Von dero Einwohner Leben und Sitten“ schreibt er (S. 23–25): „Die Einwohner dieser Grafschaft seind wie ins gemein alles Westfählische Volck nicht heßlich sondern schön und hübsch auch zimblich=guter Natur / starck von Leibe und kühn von Gemüthe“. Als besonders positiven kulturellen Einfluss wertet Rump immer noch die Christianisierung, die seinerzeit bereits gut neun Jahrhunderte in der Vergangenheit lag. Der christliche Glaube habe mit der Zeit veranlasst, dass zur Zeit der Abfassung von Rumps Schrift, fast alle „gemeinen Bewohner und Haußleute“ des Tecklenburger Landes ihre Kinder „von Jugend auff“ fleißig zu Schule schickten, wo sie Lesen, Rechnen und Schreiben lernten. Zudem stand auf dem damaligen Lehrplan der Unterricht in der ganzen Heiligen Schrift, sowohl im Neuen als auch im Alten Testament. Die Tecklenburger besäßen in ihren Häusern neben der Bibel „auch andere nützliche Bücher zu täglichen Gebrauch und gottseliger Ubung“. Der landsässige Adel und die wohlhabenden Einwohner der Tecklenburger Grafschaft sandten ihre Kinder auf „weitberühmte hohe Schulen“ innerhalb und außerhalb Deutschlands, wo sie die „freyen Künste“ und fremde Sprachen erlernten. Aus dem Tecklenburger Land seien daher berühmte Rechtsgelehrte, erfahrene Mediziner und tüchtige Theologen („fleißige Lehrer Göttliches Worts“) und Lehrer hervorgegangen und werde solches auch weiterhin geschehen, so Rump. Konkrete Beispiele bleibt er allerdings schuldig. Das Schulwesen und die Bildung der Tecklenburger sah Rump also als recht gut an.

Titel RumpDie Titelseite von Rumps Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg.

Handel, Essgewohnheiten und Feierlichkeiten

Vom Handel schreibt der Pfarrer: „Viele von den Einwohnern in der Stadt / wie auch auff den Dörffern treiben Kauffmannschafft / handeln sonderlich mit Linnenwand nach Amsterdam / Embden und Bremen / üben auch sonsten allerley Handwercke: Das Weiber=Volck ist mit fleißig in Spinnen und Weben“. Es scheint sich hier um die Ergebnisse der Förderung der Leinwandherstellung durch den Tecklenburger Grafen nach dem Dreißigjährigen Krieg zu handeln. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war die Leinenproduktion ein wichtiger Wirtschaftszweig des Tecklenburger Landes. Jedoch gelang anschließend nicht der Schritt zur industriellen Fertigung wie im benachbarten Ravensberg.

Ferner geht Rump in diesem Kapitel auf die Essgewohnheiten und Festivitäten ein: „Ihre gemeine Speise ist häußerlich und sparsamblich / der Tranck Bier / oder auch wol (des Winters sonderlich) der berühmte Grüßing.“ Bei letztgenanntem Getränk handelte es sich um ein mit Gagelstrauch versetztes Kräuterbier. „Das junge Volck macht sich gerne lustig mit singen und springen auff den Kirchmessen / Hochzeiten / Kindtauffen / Haußbörungen / Kistenfüllungen und dergleichen Gastereyen.“ Unter den „Haußbörungen“ verstand man damals die Richtfeste, unter den Kistenfüllungen das Zusammenstellen und Verpacken des Brautschatzes, was zunächst in einer Kiste, später auf einem Wagen geschah. Berücksichtigung findet auch das Erbrecht in Rumps Beschreibung: „Unter den Freyen erbet der elteste Sohn der Eltern liggende Gühter; Unter den Leibeigenen aber gemeiniglich der Jüngste.“ Abschließend bemerkt der Wersener Pfarrer noch: „Und ob wol diese Grafschafft zwischen dem Stifft Münster und Oßnabrück belegen / so den Gregorianischen Calender angenommen und gebrauchen / so ist sie doch alß eine allodial Kayserliche freye Grafschafft / bey den gebrauch des alten Calenders bißher allzeit verblieben.“

Quelle

Rump, Gerhard Arnold, Des Heil. Röm. Reichs uhralte hochlöbliche Graffschafft Tekelenburg, Bremen 1672, 1. Nachdruck Bremen 1935, 2. Nachdruck Tecklenburg 1988.

Wer war Gerhard Arnold Rump?

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Verfasser der ältesten Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg war Pfarrer des Tecklenburgischen Dorfes Wersen (heute Gemeinde Lotte)

Im Jahre 1672 erschien in Bremen bei dem Buchdrucker Herman Brauer die älteste Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg unter dem ausschweifenden Titel „Des Heil. Röm. Reichs uhralte hochlöbliche Graffschafft Tekelenburg / Aus viel und mancherley alten glaubwürdigen Geschicht=Büchern und Briefschafften / zwar kurtz / aber doch eigend= und ordentlich aus schuldiger Liebe des Vatterlandes beschrieben / und Auff resp. Gn. Befehl / Geheiß und Begehren hoher und vornehmer Leute ans Licht gegeben Durch Gerhardum Arnoldum Rumpium, Tekeleburgensem, V.D.M in Wersen“.

Wer war Gerhard Arnold Rump?

Doch wer war der Verfasser dieser 144-seitigen Schrift, die für die Zeit ihrer Abfassung – die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts – wertvolle Informationen über den Zustand sowie Land und Leute der Grafschaft Tecklenburg enthält? – Aus dem Titel geht hervor, dass der Autor – latinisiert Gerhardus Arnoldus Rumpius – oder deutsch Gerhard Arnold Rump – aus Tecklenburg gewesen ist, der als Pfarrer in Wersen tätig war (V.D.M. = Verbi Divini Minister = Diener des göttlichen Worts). Er wurde am 13. November 1629 in Tecklenburg als jüngster Sohn des dortigen Stadtpfarrers Arnold Rump und der Regine Wassenberg geboren. Ebenfalls Geistlicher in Tecklenburg war Arnold Rumps Vater Dietrich Rump seit 1574 gewesen (+ 27. Juni 1606). Dieser Vorfahr Dietrich (lateinisch Theodor) Rump wurde anno 1540 in Nottuln westlich von Münster geboren.

Ausbildung

Gerhard Arnold Rump begann seine Ausbildung sicherlich an der Tecklenburger Lateinschule, ab 1643 soll er in Osnabrück die Schule besucht haben. In Bremen studierte er Theologie, später, ab 1651, an der reformierten Universität in Kassel. Im gleichen Jahr taucht sein Name auch in den Matrikeln der Universitäten Genf und Basel auf. Im November 1652 beendete Rump sein Studium in Basel bei dem Alttestamentler Theodor Zwinger. Rump kehrte in seine Heimat Tecklenburg zurück und wurde am 19. März 1653 zum zweiten Prediger in Westerkappeln ernannt. Dort heiratete er am 17. Juni 1654 Anna Elsabein von Bippen, eine Tochter des örtlichen gräflichen Vogts. Am 8. April 1655 wurde Rump als Pfarrer in Wersen eingesetzt, der er bis zu seinem Tode am 20. Januar 1691 blieb.

Motivation des Verfassers

Welche Motivation aber bewegte Rump, sein Werk zu verfassen? Die Historikerin Brigitte Jahnke vermutet nachvollziehbar, dass er aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation seiner Pfarrei Wersen bestrebt war, eine der lukrativeren Pfarrstellen zu erhalten, die jedoch in der Tecklenburger Grafschaft nicht breit gesät waren. Daher könnte Rumps Interesse darin bestanden haben, sich mit seinem Werk beim Tecklenburger Grafen, der als summus episcopus („oberster Bischof“) seiner reformierten Grafschaft die Pfarrstellen besetzte, bekannt und beliebt zu machen. Dies könnte auch die Widmung erklären, die das Werk sowohl dem regierenden Grafen Mauritz von Bentheim-Tecklenburg (1623–1674) als auch seinen drei Söhnen Wilhelm, Hans Adolf und Friedrich Mauritz als möglichen Nachfolgern sowie den Burgmännern und Besitzern der landtagsfähigen Häuser der Grafschaft zueignete. Der Rest der gräflichen Familie blieb von der Zueignung unbeachtet. Offiziell verfasste Rump seine Geschichte der Grafschaft Tecklenburg aus Liebe zu seiner Heimat, was er durch die Reime bekräftigte:

Ich weiß nicht mit was Süssigkeit

Des Vatterlands Anmüthigkeit

Den Menschen zeucht also daß Er

Solchs in Vergeß stellt nimmermehr (S. 8)

Wers Vatterlands Geschicht beschreibt / Ein nütz- und köstlich Arbeit treibt (S. 14).

Quellen und Literatur

  • Jahnke, Brigitte, Der Tecklenburger Geschichtsschreiber Gerhard Arnold Rump. Mit einem Anhang: Auszug aus dem ersten Kirchenbuch der evangelischen Kirchengemeinde Wersen, in: Tecklenburger Beiträge I, hrsg. v. Geschichts- und Heimatverein Tecklenburg, Tecklenburg 1988, S. 54–66.
  • Krusy, Hans (Bearb.), Genealogia Rumpiorum, in: Deutsche Stammtafeln, Bd. 6, hrsg. v. Johannes Hohlfeld, Leipzig 1938, S. 172–187.
  • Rump, Gerhard Arnold, Des Heil. Röm. Reichs uhralte hochlöbliche Graffschafft Tekelenburg, Bremen 1672, 1. Nachdruck Bremen 1935, 2. Nachdruck Tecklenburg 1988.

„En aulen Rü’en is quaut to bengeln“ – Sprichwörter als Geschichtsquelle

Von Dr. Christof Spannhoff

Sprichwörter geben einen spannenden Einblick in die Vergangenheit hier ein niederdeutsches Beispiel.

„En aulen Rü’en is quaut to bengeln“ lautet ein altes Tecklenburger Sprichwort und stellt das niederdeutsche Gegenstück dar zum hochdeutschen Lehrspruch „Ein alter Hund ist schwer an die Kette zu gewöhnen.“ Doch ist diese hochdeutsche Übertragung etwas zu frei bzw. zu modern gewählt und verstellt somit den geschichtlichen Einblick in den Umgang mit Haustieren in vergangenen Jahrhunderten, den der niederdeutsche Spruch noch heute bietet.

Sprichwörter als Geschichtsquelle

Gerade das niederdeutsche Tätigkeitswort bengeln ist der Schlüssel, der die Tür in die Vergangenheit öffnet. Es leitet sich vom Hauptwort Bengel ab, das einen „Stock“ oder „Knüppel“ bezeichnet. Das „Deutsche Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm erklärt den Begriff mit „prügeln“. Das ist sicherlich ein Bedeutungsaspekt des Wortes, doch trifft er nicht den Sinn im Sprichwort.

Tierhaltung vergangener Zeiten

Sicherlich bekamen Hunde in der Vergangenheit als erzieherische Maßnahme den Stock zu spüren, doch will die hochdeutsche Variante des Spruchs den Hund „an die Kette legen“, also an der freien Bewegung hindern. Im Kontext der Bewegungseinschränkung ist auch die in diesem Fall notwendige Bedeutung des Verbs bengeln zu suchen. Eine schlüssige Verbindung lässt sich im Bereich des Jagdwesens vergangener Zeiten finden. Vor 1800 besaßen der Landesherr und der ansässige Adel das Jagdrecht. Von der Landbevölkerung durfte keinerlei Jagd ausgeübt werden. Zuwiderhandlungen wurden unter schwere Strafen gestellt.

Tecklenburgische Dorfordnung von 1755

In der Dorfordnung für die Grafschaft Tecklenburg aus dem Jahr 1755 heißt es dazu: „dahingegen sollen auch die Unterthanen, so zur Jagd nicht berechtigt sind, sich alles Jagens, Schießens, Schleifen- und Strickelegens enthalten, ihre Hunde ohne einen Knüppel von 1 ½ Schuh nicht laufen lassen.“ In diesem Jagdverbot für den gemeinen Mann wird auch die Bedeutung des Wortes bengeln in Verbindung mit Hunden ersichtlich. Damit die frei im Dorf und auf den Bauernhöfen umher laufenden Haus- und Hofhunde nicht dem ebenfalls frei lebenden Wild nachjagen oder dieses reißen konnten, wurde ihnen ein längerer Stock (1 ½ Schuh: ca. 50 cm) um den Hals quer vor die Beine gehängt. So konnten die Hunde sich nur langsamen Schrittes frei fortbewegen. Im schnellen Lauf aber stolperten sie über den sich in ihren Vorderläufen verhaspelnden Stab und stürzten oder zogen sich schwere Blessuren zu. Das „Bengeln“ der Hunde war also dazu gedacht, das Wild für die Jagd der wenigen Jagdberechtigten zu schützen. Vermutlich ist in diesem Kontext auch der sprichwörtliche „geprügelte Hund“ zu sehen (der Hund, dem man einem Prügel vor die Beine gebunden hat, damit er nicht wildert, und deswegen langsam und bedächtig geht als Übertragung auf einen bedächtig gehenden Menschen, eben: „Wie ein geprügelter Hund schleichen“).

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Hund mit einem vor den Hals gebundenen Knüppel, der ihn am Jagen des Wildes hindern soll.
Holzschnitt von Tobias Stimmer (1539–1584).

Bild: Kaiser, Hundeleben

Schwere Zeiten für Hund und Katz‘

Doch war diese Form der Unterdrückung des Jagdtriebs noch relativ human. Andere Verordnungen (Sauerland anno 1685) sahen die Amputation eines Vorderlaufes vor, um die Hunde am Wildern zu hindern. Eine Gefahr vor allem für Jungvögel stellten auch die Katzen dar. Um das beliebte Wildbret zu schützen, sollten diesen Tieren laut Verordnung die Ohren direkt am Kopf abgeschnitten werden (Sauerland anno 1747). Schwere Zeiten für die besten Freunde des Menschen! (Knack

Literatur

  • Die „Tecklenburger Dorfordnung von 1755“ findet sich abgedruckt in: Holsche, August Karl, Historisch-topographisch-statistische Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg, Berlin u. Frankfurt/Oder 1788, S. 405–454.
  • Knackstedt, Wolfgang, Bei der Jagd blieb für die Bauern nicht viel übrig, in: Bilderbogen der westfälischen Bauerngeschichte, hrsg. v. Hermine v. Hagen u. Hans-Joachim Behr, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, Münster 1986, S. 132–135.
  • Kaiser, Hermann, Ein Hundleben. Von Bauernhunden und Karrenkötern. Zur Alltagsgeschichte einer geliebten und geschundenen Kreatur, Cloppenburg 1993.