Wann wurde die Tecklenburger Leinen-Legge eingerichtet?

Zwei niederländische Kaufleute gaben den Gründungsimpuls

Von Dr. Christof Spannhoff

Für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Tecklenburg war die Gründung einer Leinen-Legge durch den Grafen Mauritz von Bentheim-Tecklenburg (1615–1674) Mitte des 17. Jahrhunderts bedeutend. Diese war eine Prüfstelle, in der die landesherrlichen Legge-Bediensteten die Qualität und Quantität des Leinens durch fachliche Kontrolle feststellten und durch offiziellen Siegelabdruck mit dem Legge-Stempel direkt auf dem Gewebe bestätigten. Je nach Position dieses Zeichens konnte man die Güte der Leinwand erkennen. In der Legge wurden die Stoffe von den Händlern vor- und ausgelegt, weshalb die Einrichtung auch so heißt, wie sie heißt: Denn die Bezeichnung Legge ist eine Substantivbildung zum niederdeutschen Verb leggen ‚legen‘ (vgl. binden und Binde oder suchen und Suche).[1] Dadurch, dass alles in der Grafschaft Tecklenburg gefertigte Leinen die Tecklenburger Legge passieren musste, war sie auch zentraler Umschlagplatz für das regionale Textil, das von dort seinen Weg in die Absatzgebiete bis nach Übersee, etwa nach Südamerika fand.[2] Doch der Tecklenburger Landesherr wollte nicht nur den Handel mit der Leinwand befördern, sondern auch die Wirtschaft der Stadt: Durch die Legge kamen auch viele Menschen nach Tecklenburg, die sich hier bei den lokalen Händlern mit alltäglichen und besonderen Gütern eindecken konnten oder in den Gasthäusern einkehrten.[3] Allerdings ist bisher in der Tecklenburger Ortsgeschichtsschreibung nicht eindeutig geklärt, wann denn eigentlich genau die örtliche Legge eingerichtet wurde. Friedrich Ernst Hunsche gibt in seiner 1976 erschienenen Stadtgeschichte Tecklenburgs „um 1660“ an.[4] Diese Datierung geht vermutlich auf ein erhaltenes Legge-Siegel zurück, das neben dem Tecklenburger Wappen die Jahreszahl 1660 zeigt. Ein 1791 hergestelltes Exemplar wird im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster verwahrt.[5] Andere Forscher nennen als Einrichtungszeitpunkt die Jahre 1650 oder 1654.[6] Doch welche Jahreszahl ist nun richtig? Die Antwort vermag eine Akte im Niedersächsischen Landesarchiv in Osnabrück zu geben. Die Anfänge der Tecklenburger Legge gehen nach den dort zu findenden Informationen auf zwei niederländische Kaufleute zurück. Diese hatten zunächst den Händlern der Stadt Osnabrück angeboten, als „Faktoren“ (Großhändler) alle Leinwand zu übernehmen und abgabenfrei nach Amsterdam einzuführen. Allerdings lehnten die Osnabrücker diese Offerte ab. Graf Mauritz von Bentheim-Tecklenburg hingegen schlug in das Angebot ein. Am 6. Oktober 1659 schloss er mit den Kaufleuten Hendrich ten Caten und Pieter Capoin in Amsterdam einen Vertrag auf zwanzig Jahre, in „syne Stadt Tecklenborch ofte in den dorpe Lengerike eene nieuwe Legge tot de Lynwandten [to] fonderen“.[7] Während Pieter Capoin in Vergessenheit geriet, wird der „Holländer nahmens ten Katen“ noch um 1710 – also gut 50 Jahre später – als „Erfinder“ der Tecklenburger Leinenprüfstelle erinnert.[8] Kurz nach der Eröffnung der Legge, die in einem 1577 errichteten Torhaus am Tecklenburger Marktplatz untergebracht wurde, erließ der Graf ein Ausfuhrverbot für das in seiner Grafschaft hergestellte Leinen. So musste jeglicher Handel über die Prüfstelle des Burgstädtchens erfolgen.[9] Die Anfänge der Tecklenburger Legge liegen also im Jahr 1659. Das ist in diesem Jahr 360 Jahre her. Bis die Legge allerdings vollständig eingerichtet war, dürfte es noch ein paar Wochen gedauert haben, weshalb der Legge-Stempel vermutlich die Jahreszahl 1660 zeigt. Die Tecklenburger Legge war eine der ersten landesherrlichen Leinenprüfstellen, die im Zuge obrigkeitlich gelenkter Gewerbeförderung entstanden sind. Die älteren Einrichtungen in Münster, Osnabrück und Warendorf gingen vielmehr auf innerstädtische Initiativen zurück.[10]

[1] Wilfried Reininghaus, Die vorindustrielle Wirtschaft in Westfalen. Ihre Geschichte vom Beginn des Mittelalters bis zum Ende des alten Reiches, 3 Bde., Münster 2018, Bd. 2, S. 682.

[2] Edith Schmitz, Leinengewerbe und Leinenhandel in Nordwestdeutschland (1650–1850), Köln 1967, S. 30–32; Markus Küpker, Weber, Hausierer, Hollandgänger. Demographischer und wirtschaftlicher Wandel im ländlichen Raum: Das Tecklenburger Land 1750–1870, Frankfurt/New York 2008, S. 76–98.

[3] Aufgrund der ursprünglich strategischen Bergsituation war Tecklenburg von den neuzeitlichen Handelsverkehrswegen recht abgeschnitten, wie ein um 1710 verfasster Bericht ausführt. Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 263: Pastorat zu Lengerich (1600–1719), Bl. 64.

[4] Friedrich Ernst Hunsche, Tecklenburg 1226–1976. Suburbium – Wicbeld – Stadt, hrsg. v. d. Stadt Tecklenburg, Lengerich 1976, S. 113.

[5] Peter Ilisch, Leggestempel von Tecklenburg, Münster 2011 (LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte/Westfälisches Landesmuseum, Münster: Das Kunstwerk des Monats, Februar 2011). https://www.lwl.org/landesmuseum-download/kdm/archiv/2011/kdm_02_2011.pdf (Zugriff. 14.05.2019).

[6] Zusammenstellung bei: Christof Jeggle, Leinen aus Münster/Westfalen im 16. und 17. Jahrhundert, Diss. FU Berlin 2009, S. 80. https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/5889 (Zugriff: 14.05.2019).

[7] Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Osnabrück, Rep. 130, Nr. 114, fol. 76; Hans Jürgen Warnecke, Leinwand, Wolle, Baumseide. Herstellung und Handel im und nach dem Dreißigjährigen Krieg im Münsterland, in: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 42 (1997), S. 103–123, hier S. 122f. Siehe auch: Hans-Werner Niemann, Leinenhandel im Osnabrücker Land. Die Bramscher Kaufmannsfamilie Sanders 1780 –1850, Bramsche 2004, S. 52, der sich für das Jahr 1659 auf Konrad Machens, Der Osnabrücker Leinenhandel, unvollendetes Typoskript (1970) im Niedersächsischen Landesarchiv, Standort Osnabrück, S. 4, beruft.

[8] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 263: Pastorat zu Lengerich (1600–1719), Bl. 64.

[9] Niemann, Leinenhandel, S. 53.

[10] Jeggle, Leinen, S. 80.