Weinanbau in Tecklenburg

Von Dr. Christof Spannhoff

Seit nunmehr 30 Jahren wird in Tecklenburg Weinfest gefeiert (erstmals 1989) und bereits seit 1987 gibt es in dem Burgstädtchen auch wieder einen Weinberg. Damals wurden zwischen März und Mai 100 Rebstöcke auf 500 Quadratmetern unterhalb der Jugendherberge angepflanzt.[1] Dabei knüpften die Verantwortlichen der Verkehrs- und Wirtschaftsgemeinschaft Tecklenburg (VWG) an eine bis dahin längst vergangene Zeit an. Denn in Tecklenburg wurde vermutlich bis in die Frühe Neuzeit hinein Wein angebaut. Nur noch der Straßenname „Am Weingarten“ auf der Südseite des Ortes erinnerte an diese Zeit, bis dann der neue Weinberg Ende der 1980er Jahre angelegt wurde.

Die Geschichte des Tecklenburger Weinbaus ist aber nicht nur eine Geschichte geänderter westfälischer Trinkgewohnheiten, sondern auch eine Geschichte des heimischen Klimas der letzten 1000 Jahre. Denn die mehrere Jahrhunderte andauernde Unterbrechung der Produktion von Rebensaft war auch einer Kälteperiode geschuldet, die heute als die „Kleine Eiszeit“ bezeichnet wird. Durch den Rückgang der Temperaturen verschob sich auch die Weinbaugrenze in Deutschland nach Süden.

Die Anfänge des Weinbaus in Tecklenburg dürften – wie andernorts in Westfalen auch – im Wärmeoptimum des Hochmittelalters liegen. 1183/1190 besaßen die Klöster Corvey und Abdinghof bei Paderborn nachweislich heimische Weinberge. Das sind die ersten Nachrichten überhaupt für westfälischen Weinbau. Um 1370 legte der münsterische Bischof unterhalb seiner Burg Telgte einen Weinberg an.[2] In dieser Zeit dürften spätestens auch die Tecklenburger Grafen einen Weinberg angelegt haben.

Allerdings stammen die ersten Hinweise, die sich überhaupt vom Tecklenburger Weinbau erhalten haben, erst aus einer Zeit, als die „Kleine Eiszeit“ bereits begonnen hatte. Es ist daher fraglich, ob damals überhaupt noch Wein angebaut und geerntet wurde, oder ob es sich bei diesen Nachrichten nur um Relikte aus mittelalterlicher Zeiten handelte: 1577 finden wir in einem Tecklenburger Schatzungsregister einmal den Hofnamen „Wingardener“.[3] Der Besitzer des Hofes besaß zwei Kühe, ein Rind und zwei Schweine, für die er Abgaben zu zahlen hatte. Der Hofname geht aber eindeutig auf einen Flurnamen „Wingarden“ zurück, in dessen Nähe der Hof lag. Möglicherweise ist dieser Wingarden mit dem südlichen Tecklenburger Weinberg identisch.

Zudem muss es auf der Tecklenburger Nordseite einen weiteren Weinberg gegeben haben, denn in einem anderen Schatzungsregister von 1580 erscheint unter den Einwohnern des Kirchspiels Ledde ein „Frederich vff den Wingartten vnder Tecklenburg“.[4] Auch dieser Eintrag verweist auf einen Flurnamen „Wingartten“, von dem allerdings nicht zu sagen ist, ob zur Erwähnungszeit auch noch Wein angebaut wurde oder ob der Weingarten damals bereits nur noch ein Name war.

In einem Inventar des Grafen Adolf von Tecklenburg aus dem Jahr 1623/24 findet sich unter den Ländereien ein „apffelhoff am Weingarten“.[5] Hier ist also von einem Apfelgarten in unmittelbarere Nachbarschaft zu einem Weingarten die Rede. Es könnte damit also noch ein in Nutzung stehender Weinberg gemeint gewesen sein. Auch bei Schloss Neuhaus bei Paderborn und Schönholthausen (Kreis Olpe) wurden 1618/20 die dortigen Weinberge noch bewirtschaftet.[6]

In seiner Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg aus dem Jahr 1672 weiß der Autor, der Wersener Pfarrer Gerhard Arnold Rump, dann allerdings nichts mehr von Weinanbau in Tecklenburg. In seiner Aufzählung der Erzeugnisse der Grafschaft Tecklenburg schreibt er nur von gutem Bier, das hier gebraut werde.[7] Hier zeigt sich deutlich eine weitere Entwicklung: Das seit dem Spätmittelalter haltbarer gewordene Bier und der aufkommende Branntwein stellten eine ernsthafte Konkurrenz für den westfälischen Wein dar, den sie schließlich gänzlich im 17. Jahrhundert verdrängten.[8]

 

[1] Ruth Jacobus, Stets das Wohl der Stadt im Blick. 30 Jahre VWG, in: Westfälische Nachrichten/Tecklenburger Landbote vom 28. Januar 2017.

[2] Wilfried Reininghaus, Die vorindustrielle Wirtschaft in Westfalen. Ihre Geschichte vom Beginn des Mittelalters bis zum Ende des alten Reiches, 3 Bde., Münster 2018, Bd. 1, S. 358f.

[3] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen (LAV NRW AW), Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 225, fol 69r.

[4] LAV NRW AW, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 226, fol. 69v.

[5] Inventar des Nachlasses des Grafen Adolf von Tecklenburg von 1623, LA NRW AW, Sammlung Fot., Nr. 593, S. 101.

[6] Reininghaus, Wirtschaft, S. 360.

[7] Gerhard Arnold Rump, Des Heil. Röm. Reichs uhralte höchlöbliche Graffschafft Tekelenburg, Bremen 1672, S. 18–22.

[8] Reininghaus, Wirtschaft, S. 360.

Wann wurde Glandorf erstmals schriftlich erwähnt?

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Name des Ortes Glandorf im heutigen Landkreis Osnabrück erscheint erstmals in der Form „in Glanathorpe“ in einer Urkunde des Bischofs Benno II. von Osnabrück (1068–1088). In diesem Schriftstück bekundet der Osnabrücker Bischof, dass auf seine Veranlassung der Edle Volchard, als er Domherr zu Osnabrück werden wollte, der Kirche des heiligen Clemens zu Iburg (ecclesię sancti Celmentis in Iburg) den Hof in Helfern (curtem Halveri) mit drei Hörigen (cum tribus mancipiis), eine Hufe in Büttrup (in Budelingthorpe) mit zwei Hörigen und eine Hufe in Hesseln (mansum in Haselino) mit einem Hörigen und dem Recht, zur Zeit der Eichelmast 30 Schweine und einen Eber in die Glandorfer Mark zu treiben, übertragen hat. Er erhielt dafür ein Geldlehen von drei Pfund auf Lebenszeit für sich und seine Erben Aveza, Adalger und Konrad.[1] Allerdings hat das im Original überlieferte Dokument zwei Schönheitsfehler: Es enthält zum einen keinen Ausstellungsort und ist zum anderen nicht datiert. Da die Ersterwähnung eines Ortsnamens aber sehr häufig die Grundlage für Ortsjubiläen darstellt[2], ist ein fehlendes Entstehungsdatum des Schriftstückes natürlich sehr misslich. Es stellt sich daher die Frage, ob sich die Urkunde zeitlich näher einordnen lässt. Eine genauere Datierung kann hierbei aber weniger auf Basis äußerer Merkmale als vielmehr aufgrund inhaltlicher Hinweise erfolgen:

Zunächst einmal lässt sich die Entstehungszeit des Dokuments grob durch die Amtszeit des Ausstellers der Urkunde, des Osnabrücker Bischofs Benno II., auf die zwei Jahrzehnte zwischen 1068 und 1088 eingrenzen. Einen weiteren Anhalt bietet der in dem Schriftstück ebenfalls genannte Vogt (advocatus) Liudolf. Diesen identifiziert der Historiker Joseph Prinz als den damaligen Vogt der Osnabrücker Kirche.[3] Da ab September 1074 ein anderer Osnabrücker Kirchenvogt namens Eberhard in der Überlieferung erscheint[4], kann Liudolf dieses Amt nur bis spätestens zu diesem Zeitpunkt ausgeübt haben. Liudolf scheint also der Vorgänger (Vater) von Eberhard gewesen zu sein. Durch diesen Umstand ergibt sich, dass auch die Urkunde, in der Liudolf noch als amtierender Kirchenvogt erscheint, vor September 1074 ausgestellt worden sein dürfte. „September 1074“ ist also der sogenannte terminus ante quem, also der Zeitpunkt, vor dem das Dokument ausgestellt wurde.[5] Damit ist die Entstehungszeit der Urkunde mit guten Gründen nun bereits auf die Jahre zwischen 1068 und 1074 einzugrenzen.

Einen terminus post quem, also den Zeitpunkt, nach dem das Dokument abgefasst worden ist, gewinnt man durch den Adressaten oder Empfänger der Urkunde: die Iburger Clemens-Kirche. Allerdings ist ihr Entstehungsdatum bisher nicht zweifelsfrei geklärt. Für Ihre Entstehungszeit werden zwei Daten angesetzt: Die Lebensbeschreibung des Osnabrücker Bischofs Benno II. (Vita s. Bennonis II episcopi Osnabrugensis), die zwischen 1090 und 1100 vom Iburger Abt Norbert verfasst wurde[6], erwähnt den Bau der Kirche nach einem Ereignis, das im Sommer 1073 stattfand.[7] Damit ergäbe sich ein Entstehungszeitraum der fraglichen Urkunde zwischen Sommer 1073 und Sommer 1074.[8] Allerdings hat der Archivar Horst-Rüdiger Jarck eine andere Entstehungszeit der Iburger Clemens-Kirche vorgeschlagen. Die Erwähnung des Baus der Kirche steht nämlich in keinem kausalen und zeitlichem Zusammenhang mit dem zuvor berichteten Ereignis zum Jahr 1073.[9] Die Einrichtung der Kirche muss also nicht erst nach 1073, sondern könnte auch bereits früher erfolgt sein. Dafür gibt es einen weiteren Anhalt. Denn es existiert ein Dokument, das die Gründung der Iburger Clemens-Kirche auf das Jahr 1070 datiert. Dabei handelt es sich um eine Weihenotiz für die Kirche und die Reliquien im Hochaltar, die das Datum 23. November 1070 aufweist: anno dominice incarnationis millesimo LXX; indictione VIIII; VIIII Kl. Decembris hec basilica a venerabili Pennone Osnabruggensi episcopo dedicata est… („Im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1070, Indiktion 9, 9 Tage vor den Kalenden des Dezembers ist diese Kirche vom ehrwürdigen Osnabrücker Bischof Benno geweiht worden“)[10] Doch auch diese Notiz birgt ein Problem. Es handelt sich nämlich nicht um das ursprüngliche Original, sondern um ein erneuertes und erweitertes Schriftstück, das erst nach 1106 entstanden sein kann. Diese Datierung ergibt sich daraus, dass in der erhaltenen Weihenotiz Reliquien genannt werden, die erst 1106 nach Iburg kamen.[11] Jarck hält das Weihedatum des 23. Novembers 1070 aber trotzdem für belastbar, weil es eine Besonderheit aufweist, die eine mögliche nachträgliche Fälschung nicht aufweisen würde: die Indiktionszahl. Darunter versteht man eine Jahresbezeichnung des Mittelalters. Ihr Zyklus ist 15jährig und beginnt drei Jahre vor der christlichen Zeitrechnung. Man errechnet die Indiktionszahl dadurch, dass man die Jahreszahl (z.B. 1070) um drei vermehrt und dann durch 15 teilt: 1070 + 3 = 1073 : 15 = 71 Rest 8. Die Indiktionszahl für das Jahr 1070 wäre also 8 (VIII). Die Datierung der Weihenotiz enthält aber die Indiktionszahl 9 (VIIII). Diese Indiktionszahl erklärt sich dadurch, dass die Weihenotiz nach der damals gebräuchlichen Indiktio Bedana datiert ist, die das Jahr bereits am 24. September beginnen lässt. Diese Besonderheit hätte ein möglicher neuzeitlicher Fälscher nicht wissen können. Für das Jahr 1070 spricht nach Jarck zudem die Tradition im Kloster Iburg, die dessen Gründung auch noch in der Frühen Neuzeit auf 1070 festlegt.[12] Somit ergibt sich für die Urkunde, in der der Ortsname Glandorf erstmals erwähnt wird, ein Entstehungszeitraum, der nicht genauer als zwischen 1070 und 1074 angesetzt werden kann.

Hinsichtlich der Frage einer belastbaren Grundlage für ein Ortsjubiläum ist allerdings das Jahr 1074 anzusetzen, denn in diesem Jahr dürfte das Dokument auf jeden Fall vorgelegen haben. Die Feier eines Ortsjubiläums zur 950. Wiederkehr der ersten Erwähnung des Ortsnamens Glandorf ist also im Jahr 2024 zu empfehlen.

 

[1] Osnabrücker Urkundenbuch (OUB), Bd. I, Nr. 162, Original. Neuedition: OUB V, Nr. 3. Danach auch die Identifizierung von Budelingthorpe als Büttrup. Da der Bearbeiter des ersten Bandes des Osnabrücker Urkundenbuches, Friedrich Philippi, die spätere Argumentation von Joseph Prinz (s.u.) noch nicht kannte, datiert Philippi die Urkunde auf zwischen 1070 und 1088.

[2] Ingrid Heeg-Engelhart, Die erste Erwähnung eines Ortes. Anmerkungen zur Problematik historischer Jubiläen und deren Erforschung, in: Historische Jubiläen. Planung – Organisation – Durchführung, hrsg. v. Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V., München 2000, S. 87–105; Hans Roth, Historische Jubiläen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, in: ebd., S. 7–18, hier S. 10–12.

[3] Joseph Prinz, Das Territorium des Bistums Osnabrück, Göttingen 1934, S. 103f. mit S. 104, Anm. 1.

[4] OUB I, Nr. 170, Abschrift Anfang des 18. Jahrhunderts.

[5] Der Datierung auf 1074 schließt sich auch an Günther Wrede, Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975–1980, Bd. 1, S. 185, Nr. 490. Merkwürdigerweise übernimmt auch Horst-Rüdiger Jarck in OUB V, Nr. 3 die Datierung von Prinz, obwohl er um die Problematik des Ansatzes der Weihe eines Iburger Clemensaltars erst 1073/74 weiß (s.u.). Horst-Rüdiger Jarck, Zur Gründungsdatierung des Klosters Iburg, in: Iburg. Benediktinerabtei und Schloß. Beiträge zum 900. Jahrestag der Klostergründung, zusammengestellt v. Manfred G. Schnöckelborg, hrsg. v. der Stadt Bad Iburg, Bramsche 1980, S. 49–56. Vgl. dazu auch in anderem Zusammenhang Christof Spannhoff, Zur Datierung des Güterverzeichnisses Bischof Bennos II. von Osnabrück für das Kloster Iburg, in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2017, S. 95–104.

[6] Zur Datierung der Vita Bennonis II: Michael Tangl, Das Leben des Bischofs Benno II. von Osnabrück von Norbert, Abt von Iburg. Nach d. neuen Ausg. d. Monumenta Germaniae in den Scriptores rerum Germanicarum, Leipzig 1910. Die Vita muss nach 1090 abgefasst worden sein, weil im Text der Tod des Gegenkönigs Hermann von Salm (+ 1090) erwähnt wird, und muss vor 1100 entstanden sein, weil Clemens (+ 1100) als amtierender Papst genannt ist. Daraus ergibt sich eine Datierung zwischen 1090 und 1100.

[7] Vita Bennonis II episcopi Osnabrugensis auctore Norberto abbate Iburgensi, bearb. v. Harry Bresslau, in: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores in Folio 30, Teil 2, Leipzig 1934, S. 869–892, Kapitel 15, S. 880f.

[8] Hierauf fußt auch die Datierung von Prinz für die Urkunde auf 1074. Prinz, Territorium, S. 103f.

[9] Jarck, Gründungsdatierung, S. 50–52.

[10] OUB I, Nr. 161 = OUB V, Nr. 1. Eberhard wird zwar nicht als advocatus genannt. Da er aber an erster Stelle der Zeugenreihe noch vor dem Waldric, dem Grafen der Grafschaft, in der der Sachverhalt verhandelt wurde, genannt wird, dürfte man auf diese Stellung schließen können.

[11] Jarck, Gründungsdatierung, S. 52f.

[12] Jarck, Gründungsdatierung, S. 53. Jarck führt zudem weitere neuzeitliche Hinweise an, die ebenfalls auf die Altarweihe im Jahr 1070 bzw. vor 1072 deuten. Ebd., S. 54f.

Vom Barlo(h) zur Barlage

Zur Entwicklung eines Flur- und Familiennamens (Bardelmeier, Barlage)

Von Dr. Christof Spannhoff

Familiennamen geben Einblicke in die Verhältnisse der Zeit, in der sie entstanden sind. Ein Teil dieses Namentyps geht ursprünglichen auf die Bezeichnung der Wohnstätte zurück, wo die Namenträger lebten. In diesen Wohnstätte-Namen haben sich oftmals auch ältere Flurnamen erhalten, was daher rührt, dass Wohnstätten häufig nach ihrer geographischen Lage bezeichnet wurden. Wenn man also den Entstehungsort eines Namens durch die Lokalisierung der Wohnstätte genau feststellen kann, lässt sich auch die im Namen enthaltene Flurbezeichnung verorten, wodurch weitergehende Aussagen für die Lokalgeschichte gemacht werden können.

Der Flurname Barlage

Zu einem solchen Familiennamen gehört auch der Hofname Bardelmeier (Ellerhooksweg 1, 49536 Lienen, Kreis Steinfurt). Der Name erscheint erstmals 1643 in den Tecklenburger Viehlisten in der Form Barlemeyer[1], 1755 und 1774 als Barrelmeyer[2], 1833 schließlich Bardelmeyer[3]. Die Belege zeigen, dass das –d erst später eingeschoben worden und für die Deutung des Namens ohne Belang ist.[4] Aufgrund der Nähe der Stätte zur noch heute so bezeichneten Flur Barlage ist zudem anzunehmen, dass die 1580 genannte Hofstelle Kerstien uff der Barlage (1621 Cerstien upr Baerlage, 1634 Kerstien uffr Barlage)[5] ebenfalls mit der Hofstelle Bardelmeier gleichzusetzen ist. Aus sprachlicher und historischer Sicht ist nun der Zusammenhang der Namen Barlage und Bardelmeier interessant. Aufgrund der Ähnlichkeit der Namen im Erstglied (bar-) und wegen der räumlichen Nähe der benannten Objekte (Flurstück und bäuerliche Stätte) zueinander, ist eine Beziehung beider Namen zu unterstellen. Der Flurname ist eine Zusammensetzung mit dem Grundwort mittelniederdeutsch lage ‚Lage, Stelle, Platz‘, das zur Wortfamilie um liegen und legen gehört.[6] Das Bestimmungswort ließe sich an mittelniederdeutsch bar ‚nackt, bloß‘ anschließen.[7] Der Flurname hätte demnach eine nackte – d.h. mit wenig Vegetation bewachsene – Stelle bezeichnet.

Der Familienname Bardelmeier

Doch mahnt die Analyse des Familiennamens Bardelmeier zur Vorsicht. Der älteste Beleg des Namens von 1643 (s.o.) zeigt, dass er eindeutig mit dem Grundwort –meyer gebildet wurde. Dieses Grundwort wurde in Anlehnung an die großen Meier-Höfe (von lateinisch maior domus ‚Verwalter eines Herrenhofes, einer Villikation‘) später – nach Auflösung der Villikationsverfassung – auch in Verbindung mit einem näher bestimmenden Zusatz (Beispiele: Feld-meier, Fang-meier, Horst-meier etc.[8]) zur Benennung von kleineren landwirtschaftlichen Stätten verwendet.[9] Schwieriger ist jedoch das Bestimmungswort zu ergründen: Barle- oder Barrel-. Der Vergleich mit ähnlichen Namen lässt vermuten, dass hier eine Zusammensetzung mit dem Grundwort lo(h) ‚Wald in Niederwaldwirtschaft, Nutzwald‘ vorliegt[10], ursprünglich also eine Form *Barlo(h) anzunehmen ist. Zu vergleichen ist etwa die lautliche Entwicklung von 1277 Ringelo[11] zu Ringel (bei Lengerich, Kreis Steinfurt), 1282–1306 Setlo[12] zu Settel (bei Lengerich/Steinfurt), um 1150 Espelo[13] zu Espel (bei Lingen/Ems) für die Form Barrel- sowie 1621 Verlo zu 1634 Verle (heute noch im Hof- und Familiennamen Verlemann[14] und schließlich 1254 Barlo[15] zu Barle (Wüllen/Ahaus) für die Form Barle-. Auch die Form Bardel, die in der heutigen Schreibung des Namens Bardelmeier begegnet, ist eine mögliche lautliche Entwicklung aus *Barlo(h), wie der älteste Beleg des Ortsnamens Bardel bei Gildehaus zwischen Bentheim und Gronau beweist: 1188 in Barlo > Bardel[16]. Vor allem die beiden letzten zum Vergleich herangezogenen Namen stützen die Vermutung, dass auch dem Bestandteil Barle im Namen Barlemeyer eine ursprüngliche Flurbezeichnung *Barlo(h) zuvor liegt. Barlemeyer wäre demnach also derjenige gewesen, der am *Barlo(h) siedelte, eben der *Barlo(h)-meyer.

Barlage oder *Barlo(h)?

Doch heißt die in unmittelbarer Nähe der Stätte gelegenen Flur Barlage, nicht *Barlo(h). Dieser vermeintliche Widerspruch löst sich folgendermaßen auf: Es ist hier ein Grundwortwechsel von lo(h) > lage anzunehmen, wie er in zahlreichen Flurnamen auf –lage von namenkundlicher Seite nachgewiesen worden ist.[17] Entweder handelt es sich hier um eine Anpassung an ein verbreiteteres und verständlicheres Grundwort[18] oder der Wechsel ist in Zusammenhang mit der menschlichen Rodungstätigkeit zu sehen. Durch Rodung könnte so aus dem als *Barlo(h) bezeichneten wirtschaftlich genutzten Gehölz die freie, unbewaldete und landwirtschaftlich in anderer Weise genutzte Fläche Barlage geworden sein.

Das Bestimmungswort bar

Abschließend ist noch nach dem Bestimmungswort im Namen *Barlo(h) zu fragen. Ein Anschluss an mittelniederdeutsch bar ‚nackt, bloß‘ (s.o.) scheint aus semantischen, also die Bedeutung betreffenden Gründen nicht sinnvoll zu sein; denn was soll man sich unter einem ‚nackten, unbewaldeten Wald‘ vorstellen?

Der Germanist Paul Derks hat sich eingehender mit den Barlo/Barle-Namen befasst und stellt das Bestimmungswort zu mittelniederdeutsch bar ‚Planke, Sparren, Riegel, Schranke‘. Ein Barlo ist also ein ‚Nutzwald, aus dem Planken, Sparren, Riegel oder Schranken gewonnen wurden‘. Zur Untermauerung dieses Anschlusses führt Derks semasiologische Parallelen an: Stiepel an der Ruhr/Bochum (890 Stipula, 1001 Stipelo) und Stiepel/Arnsberg (1204 Stipele), die er zum altsächsischen Wort *stip oder *stîp ‚Stock, Latte, Planke‘ (vgl. westfälisch stiepel ‚Stütze, Zaunstange‘) stellt, sowie Stockel östlich Brüssels (1147 Stocla) zu altsächsisch stok ‚Stock‘.[19] Ein noch heute durchsichtiges Beispiel ist der Flurname Thunbarken-Busch bei Lehrden (Kreis Rotenburg/Wümme)[20], der auf ein Gehölz (zu mittelniederdeutsch busk, busch) zur Gewinnung von ‚Zaun-Stangen‘ (thunbarke, zu mittelniederdeutsch tûn ‚Zaun‘ und bake ‚Stange‘ oder barke ‚Birke‘).[21] Alle diese ursprünglichen Flurnamen bezeichneten also den ‚Nutzwald‘ (lo[h]), der nach dem Erzeugnis benannt worden ist, das er den bäuerlichen Nutzern lieferte, also Stangen, Planken, Latten, Stöcke. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist auch die Entstehung und Motivierung des Flurnamens *Barlo(h) in Lienen-Westerbeck zu erklären.

 

[1] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 122.

[2] Ebd., S. 198 u. S. 256.

[3] Ebd., S. 309.

[4] Agathe Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, § 248, S. 139.

[5] Schatzungs- und sonstige Höferegister, S. 68f.

[6] Michael Flöer u. Claudia Maria Korsmeier, Die Ortsnamen des Kreises Soest, Bielefeld 2009, S. 497.

[7] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. I, S. 151.

[8] Schatzungs- und sonstige Höferegister, S. 110, 290, 193

[9] Gunter Müller, Schulte und Meier in Westfalen, in: Gedenkschrift für Heinrich Wesche, hrsg. v. Wolfgang Kramer u.a. Neumünster 1979, S. 143–164.

[10] Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Gemeinde Weeze am Niederrhein. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen. Mit einem Ausblick nach Geldern und Goch, Weeze 2006, S. 65.

[11] Die Urkunden des Klosters Gravenhorst, bearb. v. Manfred Wolf, Münster 1994, Nr. 35

[12] Alfred Bruns, Die ältesten Lehenbücher und Lehenregister der Edelherrschaft Steinfurt (1236ff.) 1282–1439, in: Tradita Westphaliae. Quellen zur westfälischen Geschichte, hrsg. v. Wolfgang Bockhorst, Münster 1987, S. 9–112, S. 29, A 12

[13] Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Gladbeck in Westfalen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Gladbeck/Westf. 2009, S. 153.

[14] Schatzungs- und sonstige Höferegister, S. 30f. u. 26.

[15] Derks, Weeze, S. 66.

[16] Ebd.

[17] vgl. Henning Siebel, Die norddeutschen Flur- und Siedlungsnamen auf –lage/-loge. Maschinenschriftliche Magisterarbeit Münster 1970 (Universitäts- und Landesbibliothek Münster, CB 3961), S. 155171

[18] Kirstin Casemir, Die Ortsnamen des Landkreises Wolfenbüttel und der Stadt Salzgitter, Bielefeld 2003, S. 451–453, hier S. 452.

[19] Derks, Weeze, S. 66.

[20] Ulrich Scheuermann, Die Flurnamen des westlichen und südlichen Kreises Rotenburg (Wümme), Rotenburg/Wümme 1971, S. 249.

[21] Schiller/Lübben, Wörterbuch, Bd. I, S. 143 (bake), Bd. I, S. 340 (birkemeier, barkemeier ‚Trinkgefäß aus Birkenholz‘), Bd. I, S. 458 (busk, busch), Bd. IV, S. 630 (tûn).