Ambter > Ampter > Antrup

Zum Ortsnamen Antrup bei Lengerich (Kreis Steinfurt)

Von Dr. Christof Spannhoff

Der heutige Bauerschaftsname Antrup bei Lengerich (Kreis Steinfurt) ist zwar in seiner gegenwärtigen Form eine kleine „Mogelpackung“, aber doch gibt er einen aufschlussreichen Einblick in die Ortsgeschichte.

Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als handele es sich bei dem hier betrachteten Antrup um einen der vielen niederdeutschen Ortsnamen auf –dorp mit den Varianten –drup, –trup, –torp oder –tarp. Diese Namen gehören zu altniederdeutsch thorp, mittelniederdeutsch dorp, althochdeutsch dorf ‚(Einzel)-Hof, Siedlung, Wohnstätte, Dorf‘. Das Wort ist urverwandt mit lateinisch trabs ‚(Dach)-Balken, Sparren‘ und gehört somit zu der Gruppe der Zaun- und Gerüstwörter, die von der Umzäunung selbst auf die gehegte Stelle übergegangen sind. Die vielen Bedeutungen des Wortes sind möglich, weil der Zaun erst das eingefriedete Gebiet schafft. Der Zaun bewirkt das Dorf. Ohne ihn wäre es nicht das, was es ist, nämlich ein umfriedetes, durch den Zaun aus der Umgebung herausgenommenes Grundstück. Somit ist unter einem Dorf also ursprünglich ein durch eine lebende Hecke oder einen toten Zaun abgeteilter Wohnplatz zu verstehen. Im Streusiedlungsgebiet konnte dies sogar nur ein einzelnes Gehöft gewesen sein. Denn in früheren Zeiten waren Siedlungsplätze stets umzäunt.[1]

Belege Antrup (Lengerich)

1621: Lengercke. Ollendorp Ambter[2]

1629: Allendorp vnd Ambter[3]

1631: Allendorp Ampter[4]

1634: Allendorp Ambter[5]

1643: Antrup[6]

1673: Antrup[7]

1755: Brsch. Andrup et Aldrup[8]

Die älteren Belege des Ortsnamens zeigen jedoch, dass das Wort –dorp mit seinen Varianten –drup, –trup, –torp oder –tarp hier nicht enthalten ist. Es handelt sich vielmehr um eine spätere Angleichung der Lautgruppe –ter an –trup, die vermutlich durch die Zweitglieder der benachbarten Lengericher Ortsnamen Aldrup und Intrup bedingt war. Dass aus dem verbleibenden Amb-, Amp– dann ein An– wurde, ist damit zu erklären, dass im Mittelniederdeutschen ein m im Silbenauslaut zu einem n werden konnte.[9] Dieser Vorgang ereignete sich aber erst, nachdem das b bzw. p ausgefallen war, um die Mitlautfolge mbt / mpt (Dreierkonsonanz) leichter aussprechen zu können. Es ist also von folgender Lautentwicklung auszugehen (* kennzeichnet eine nicht belegte, sondern erschlossene Form): Ambter / Ampter > *Ambtrup / *Ambtrup > *Amtrup > Antrup

Analyse

Die historischen Formen des Ortsnamens Antrup, der überhaupt erst nach 1600 in der Überlieferung erscheint, sind also Ambter oder Ampter. Auf diesen lässt sich somit folgende Erklärung aufbauen:

1) Der Ortsname ist in die Bestandteile Ambt– bzw. Ampt– und –er zu zerlegen. Die Lautgruppe –er ist dabei als Suffix anzusprechen (vgl. Bürger), das über die Stufen –ara < –wara aus ursprünglich germanisch *warjôz ‚Bewohner‘ entstanden ist. Dieses Suffix begegnet zur Bildung von Einwohnernamen seit dem Frühmittelalter in der Form –er. Es lebt bis heute fort, z.B. in der Lengerich-er.[10] Der Ortsname Ambter / Ampter > Antrup ist dann in diesem Fall ursprünglich eine Personengruppenbezeichnung gewesen, die auf den Ort übertragen wurde.[11]

2) Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass Ambter / Ampter aus einer attributiven Verwendung *Ampter / Ambter Ort / Bauerschaft o.ä. unter Wegfall der Siedlungsbezeichnung „Ort / Bauerschaft“ entstanden ist. Der Name wäre dann mit Hölter bei Ladbergen vergleichbar, das auf die Wendung Holter Ort (1643) / Holter Bauerschaft (1755) zurückgeht und dann zu Hölter verkürzt wurde.[12] Hier ist das –er dann ebenfalls als Suffix zu erklären (s.o.).

In beiden Fällen bleibt nach Abzug des Suffixes die Basis Ambt– oder Ampt– übrig, die zum Wort ambt, ammet ‚Amt, Aufgabenkreis, Zunft, Gilde, Villikation / Hofverband‘ gehört, das auf älteres ambet < ambacht / ambaht zurückgeht.[13] Ambter / Ampter meint also entweder

1) ‚diejenigen, die zu einem Amt gehörten‘ oder gemeint ist

2) ‚ein zu einem Amt gehöriger (Wohn-)Ort‘.[14]

Erklärung

Doch was soll das bedeuten? Zu welchem Amt gehörten die Antruper ursprünglich? Als Amt oder lateinisch officium wurde auch der Verband eines Fronhofes (lateinisch curtis oder curia) bezeichnet. In Lengerich findet sich ein solcher mit dem Herforder Schultenhof zu Aldrup. Laut der ältesten Heberolle des Stiftes vom Ende des 12. Jahrhunderts lagen in der Nähe des Aldruper Fronhofes, der damals noch Lenkerike hieß[15], elf Bauernstätten (mansici), von denen zwei wüst (deserti) waren.[16] Hinzu kamen noch weitere zugehörige Bauernstellen in Wechte, Hohne und Ladbergen. Diese elf Stätten in Aldrup-Antrup erscheinen in den späteren Registern nicht mehr. Vielleicht wurden sie bereits direkt unter dem Fronhof geführt, woher sich auch ihre spätere Gruppenbenennung als Ambter / Ampter ‚die zum Amt / Herrenhof Gehörigen‘ erklären könnte. Genauer lässt sich diese Frage aufgrund der spärlichen Quellenlagenicht mehr klären. Die frühen Antruper dürften also ursprünglich diejenigen Bauern gewesen sein, die zu diesem Schultenhof zählten und in dessen Nähe lebten. Diese Deutung erklärt zudem sehr schön, warum die Bauerschaften Aldrup und Antrup nicht nur räumlich beieinanderliegen, sondern auch in Steuerregistern und anderen Unterlagen zusammen aufgeführt sind. Die Entstehung des späteren Bauerschaftsnamens Antrup / Ambter / Ampter hängt also sehr wahrscheinlich mit dem Herforder Fronhof in Aldrup zusammen. Allerdings frühestens nach 1600 etablierte sich Antrup als eigener Bezirk und wurde – zumindest namentlich – von Aldrup getrennt. Ein solcher Vorgang ist nicht selten: So bildeten sich zum Beispiel um 1600 vielerorts erst die Dorfbauerschaften aus.[17] Auch die spätere Lienener Bauerschaft Kattenvenne, die zuvor zu Meckelwege gehört hatte und deren Name bereits 1312 als ton Kattenvenne genannt wird, entstand erst um 1650.[18]

Dass das Wort Amt durchaus in Ortsnamen vorkommen kann, beweist das niederösterreichische Amstetten (1128 Ambsteten).[19] Der Name der Wüstung Porterhausen bei Herford zeigt im Erstglied ebenfalls eine Funktionsbezeichnung, wie sie noch 1415 erläutert wird: „spectantes ad officium Porterhusen proprie to dem poertampte; dabit annuatim abbatisse 1 talentum cere et portenarie aut illi, qui officium portarie sub se habuerit“.[20] Der Name erklärt sich somit aus der Funktion der Siedlung, die zum Unterhalt des portenarius der Abtei Herford und der in Herford tätigen Corveyer Mönche gegründet worden ist. Der Bestandteil Porter– geht dabei auf mittellateinisch portenarius ‚Pförtner‘ zurück (mittelniederdeutsch pôrtener, pôrtner).[21]

Ähnliche Ortsnamen

Es existieren noch weitere, heute ähnlich lautende Ortsnamen, die wegen ihrer historischen Formen allerdings nicht mit dem Lengericher Antrup zu vergleichen sind. So gibt es ein Andorpe bei Recke, das 1189 aber noch Anripe hieß[22] und damit zu Andrup bei Haselünne ( 947 Anarupe) oder Andorf bei Bersenbrück (1247 Anrepe) gehört[23], die an niederdeutsch ripe, rîp ‚Rand, Kante, Ufer‘ anzuschließen sind.[24]

In Saerbeck-Westladbergen findet sich ferner ein Andruper Weg, der einen Namen *Andrup voraussetzt. Für einen solchen ließen sich aber bisher keine historischen Belege ermitteln.

Ein weiteres Antrup, das wegen seiner gleichen Lautgestalt und seiner räumlichen Nähe abschließend etwas eingehender betrachtet werden soll, ist ein Hof namens Antrup bei Leeden (heute Lotter Str. 25). Im Gegensatz zu den bisher genannten heutigen Orten Antrup / Andrup handelt es sich hier wirklich um einen Namen mit dem Grundwort –torp, –trup, Varianten zu mittelniederdeutsch dorp (s.o.).

Belege Antrup (Leeden)

1494: Oventorp[25]

1511: Oventorp[26]

1580: Oventrup[27]

1621: Aventrup[28]

1634: Aventrup[29]

1643: Antrup[30]

1673: Antrup[31]

1755: Antrup[32]

Den erste Teil der Namens Oven-, später zerdehnt zu Aven[33], könnte man sprachlich ohne Probleme zu einem Rufnamen weiblich Ova, männlich Ovo (schwacher Genitiv: Oven; vgl. OttoOtten, AnnaAnnen) stellen.[34] Oventorp wäre dann die ‚Siedlung einer Ova oder eines Ovo‘.[35] Allerdings wird dem Leedener Namen eher eine Flurbezeichnung zuvor liegen, denn neben Oventorp kommt 1494 und 1511 im angrenzenden osnabrückischen Hagen ein Gert tor Aven bzw. Gert tor Oven vor.[36] Diese Flurbezeichnung Oven / Aven, die sich durch die niederdeutsche Präposition tor ‚zur’ als solche zu erkennen gibt, scheint auf den ersten Blick zu mittelniederdeutsch ouw(e) ‚Aue‘ zu gehören. Oventorp / Aventrup wäre dann die ‚Auen-Siedlung‘.[37] Allerdings begegnet das niederdeutsche Wort für die Aue stets als ouw, ouwe, owe, ow, ou.[38] Die Hofstelle Oventorp / Aventrup / Antrup liegt zudem nicht in der Niederung, sondern in erhöhter Lage am Fuß des Looser Berges. Somit ist nach einem anderen Anschluss zu suchen. Wie es auch den Flurnamen ter Neden (etwa in Alsum bei Duisburg[39]), zu mittelniederdeutsch neden ‚unten‘, gibt, so wird auch tor Oven / Aven zu mittelniederdeutsch oven(e) ‚oben‘ gehören und damit eine höher gelegene Stelle benannt worden sein.[40]

Auf jeden Fall ist aufgrund der historischen Belege das Leedener Antrup sprachlich vom Lengericher Antrup zu trennen.

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[1] Theodor Baader, Dorf. Wort und Sache in der Siedlungskunde, in: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 79 (1956), S. 71–84; William Foerste, Zur Geschichte des Wortes Dorf, in: Studium generale 16 (1963), S. 422–433; Rudolf Schützeichel, ‚Dorf’. Wort und Begriff, in: Das Dorf der Eisenzeit und des frühen Mittelalters. Siedlungsform – wirtschaftliche Funktion – soziale Struktur, hrsg. v. Herbert Jankuhn, Rudolf Schützeichel u. Fred Schwind, Göttingen 1977, S. 9–36; Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Lüdenscheid. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Lüdenscheid 2004, S. 158 f.

[2] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 40.

[3] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 233, fol. 164v.

[4] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 234, fol. 192v.

[5] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 235, fol. 221r.

[6] Leesch, Höferegister, S. 115. Es folgt: Oldendarp.

[7] Ebd., S. 139. Es geht voraus: Bauerschaft Aldrup

[8] Ebd., S. 180.

[9] Agathe Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, §§ 229, 263.

[10] Paul Derks, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Bochum 2010, S. 111.

[11] Dazu auch Adolf Bach, Deutsche Namenkunde, 4 Halbbde., Heidelberg 1952–1956, Bd. 2,1 § 203c, § 220.

[12] Christof Spannhoff, Die Ortsnamen Ringel, Hölter und Schwege, in: Ders., Alles für die Katz’? Eine historische Anthologie zum Jubiläum „700 Jahre Kattenvenne“, Norderstedt 2013, S. 111–120. Vgl. dazu auch die Ortsnamen Dalmer bei Beckum (875 Dalehem > 1504 Dalem > *Dalm > *Dalmer Burscap > Dalmer) und Hörster bei Beelen (um 1336 Horst in par.[rochia] Belen > 1384 tor Horst > 1589 Hörster Bauerschaft > um 1800 Hörster). Claudia Maria Korsmeier, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 95f. u. 217f.

[13] Leopold Schütte, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erweiterte Aufl., Duisburg 2014, S. 110f.

[14] Ein möglicher mit r-Suffix gebildeter Gewässername *Ambter o.ä. ist wegen des aufgrund seiner archaischen Bildungsweise vorauszusetzenden hohen Alters eher unwahrscheinlich. Zudem findet sich auch kein entsprechender Bachlauf im Bereich Antrups. Denn Gewässer mit einem alten Namen weisen stets eine gewisse Größe und Länge auf. Vgl. dazu: Christof Spannhoff, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 45–49.

[15] Vgl. ausführlich dazu Christof Spannhoff, Ein umzäunter Wohnplatz. Ortsnamen sind immer auch eine wichtige Geschichtsquelle [zum Ortsnamen Lengerich], in: Unser Kreis 2017. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 30 (2016), S. 149–154; Ders., Lengerich (Historischer Atlas westfälischer Städte 11), Münster 2018, S. 4f.

[16] Einkünfte- und Lehns-Register der Fürstabtei Herford sowie Heberollen des Stifts auf dem Berge bei Herford, bearb. v. Franz Darpe, Münster 1892, S. 39.

[17] Hunsche, Friedrich Ernst, Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v.d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965, S. 190, S. 249 u. S. 257.

[18] Christof Spannhoff, Kattenvenne im Jahr 1312, in: Ders., Alles für die Katz’? Eine historische Anthologie zum Jubiläum „700 Jahre Kattenvenne“, Norderstedt 2013, S. 9–37.

[19] Elisabeth Schuster, Art. Amstetten, in: Deutsches Ortsnamenbuch, hrsg. v. Manfred Niemeyer, Berlin u. Boston 2012, S. 33.

[20] Darpe, Einkünfte- und Lehns-Register, S. 230.

[21] Birgit Meineke, Die Ortsnamen des Kreises Herford, Bielefeld 2011, S. 216f.

[22] Christof Spannhoff, Von Alstedde bis Wolfer. Ortsnamenstudien aus dem Tecklenburger Land, Norderstedt 2017, S. 16f.

[23] Jürgen Udolph, Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin u.a. 1994, S. 90f.

[24] Dazu ausführlich Udolph, Studien, S. 87–99.

[25] Leesch, Höferegister, S. 90.

[26] Ebd., S. 90.

[27] Ebd., S. 36.

[28] Ebd., S. 36.

[29] Ebd., S. 37.

[30] Ebd., S. 112.

[31] Ebd., S. 138.

[32] Ebd., S. 174.

[33] Zur Zerdehnung o > a vgl. Agathe Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, §§ 39–41, besonders §§ 88–91. Ferner: Agathe Lasch, „Tonlange“ Vocale im Mittelniederdeutschen, in: Dies., Ausgewählte Schriften zur niederdeutschen Philologie, hrsg. v. Robert Peters u. Timothy Sodmann, Neumünster 1979, S. 262–280; Agathe Lasch, Die mittelniederdeutsche Zerdehnung, in: Dies., Ausgewählte Schriften zur niederdeutschen Philologie, hrsg. v. Robert Peters u. Timothy Sodmann, Neumünster 1979, S. 281–307.

[34] Wilhelm Schlaug, Studien zu den altsächsischen Personennamen des 11. und 12. Jahrhunderts, Lund 1955, S. 215.

[35] Vgl. dazu Birgit Meineke, Die Ortsnamen des Kreises Lippe, Bielefeld 2010, S. 37f.: Avenhaus; Dies., Die Ortsnamen des Kreises Minden-Lübbecke, Bielefeld 2016, S. 316f.: Ovenstädt.

[36] Leesch, Höferegister, S. 90. Dazu: Bernhard Kewitz, Coesfelder Beinamen und Familiennamen vom 14. bis 16. Jahrhundert, Heidelberg 1999, S. 528.

[37] So stellt Kewitz den 1534 erwähnten Coesfelder Namen Albert tor Aven zu mittelniederdeutsch ouw, ouwe, owe, ow, ou. Kewitz, Beinamen, S. 307f. u. S. 528f.

[38] Das zeigt sich selbst sehr deutlich bei den von Kewitz zusammengestellten Belegen. Vgl. Anm. 33.

[39] Franz Rommel, Alsum und Schwelgern: zur Geschichte des untergegangenen Rheindorfes und der Hafenlandschaft in Duisburgs Nordwesten, Duisburg 1974, S. 28 u. S. 41f. mit einem Pendant ter Boven.

[40] Vgl. dazu Meineke, Ortsnamen Lippe, S. 37f,: Avenhaus; Dies., Die Ortsnamen der Stadt Bielefeld, Bielefeld 2013, S. 162: Ontrup; Dies., Ortsnamen Minden-Lübbecke, S. 316f.: Ovenstädt.

Denkmal gegen Fahnenband?

Der Lienener Kaiserstein existiert bereits seit 121 Jahren

Von Dr. Christof Spannhoff

Kaisereichen wurden in Lienen – spätestens seit den ab 1983 von den örtlichen Schützenvereinen abgehaltenen Kaiserschießen – bereits viele gepflanzt.[1] Aber der Lienener Kaiserstein ist im Ort und der Umgebung einmalig. An der Abzweigung des Postdamms von der Iburger Straße steht dieses Denkmal bereits seit 121 Jahren. Errichtet wurde die Findlingspyramide mit dem Reliefbild Kaiser Wilhelms I. (1797–1888, seit 1871 deutscher Kaiser) 1899 anlässlich der Feier des 25jährigen Bestehens des Kriegervereins Lienen, der 1874 gegründet worden war. So ist es für die Nachwelt auch auf der Rückseite des Ehrenmales festgehalten:

„Dem Andenken

Kaiser Wilhelms I.

Der Kriegerverein Lienen

1874 bei seiner 25. Jubelfeier

1899“.

„Das reichliche Vorhandensein von Findlingen in den postglazialen Landschaften war den Landwirten ein Ärgernis, so dass sie gerne bereit waren, die lästigen Brocken im Wege eines mehr oder weniger freiwilligen Spanndienstes zur Verfügung zu stellen. Darin bestand hierzulande in der wilhelminischen Zeit der Trick, relativ monumentale Denkmäler kostengünstig herzustellen“, schreibt der Historiker und Stadtarchivar Rolf Westheider über die nationalen Denkmäler im Versmolder Stadtpark, der im Lauf der Zeit zum „Abstellplatz der Geschichte“ avancierte.[2]

Der Kaiserstein in Lienen um 1910. Postkarte: Heimatverein Lienen

Die Idee, ein solches Bauwerk zu Ehren des ersten Kaisers in Lienen zu errichten, hatte sich der örtliche Kriegerverein aber mit Sicherheit beim Lienener Männergesangverein Loreley und den Lienener Schützen abgeschaut, die schon ein Jahr zuvor einen Stein für den ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) an der Holperdorper Straße (Abzweig Malepartusweg) gesetzt hatten. Hinzu kam aber vermutlich noch ein weiterer Grund: Denn der Kriegerverein Lienen wünschte sich zu seinem 25jährigen Bestehen ein Fahnenband, das unbedingt durch den damals amtierenden Kaiser, Wilhelm II. (1859–1941, seit 1888 deutscher Kaiser), verliehen werden sollte. Ein entsprechender Antrag beim Tecklenburger Landrat vom 22. Februar 1899 wurde aber zunächst nicht sonderlich befürwortet, weil sich der Lienener Verein hinsichtlich nationaler Gesinnung nicht mehr hervorgetan hatte als andere. Zudem gab es Schwierigkeiten mit den Inhalten der Satzung. Die Errichtung eines Kaiserdenkmals war in dieser Frage natürlich ein Pluspunkt. Und schließlich verlieh Wilhelm II. das ersehnte Fahnenband in den preußischen Farben (Schwarz und Weiß) und mit einem mit dem preußischen Wappen versehenen Nagel am 29. September 1899 dann doch, das vom Landrat in einer Feierstunde am Sonntag, dem 15. Oktober 1899, um 17 Uhr übergeben wurde.[3]

Der Lienener Kaiserstein heute. Foto: Ute Peters / Heimatverein Lienen

Aber warum ist eigentlich auf der 1899 errichteten Pyramide nicht der damals regierende Monarch abgebildet, sondern sein zu diesem Zeitpunkt bereits seit elf Jahren verstorbener Großvater? Im Gegensatz zu seinem Enkel war Wilhelm I. als Gründer des deutschen Reiches in die Geschichte eingegangen. Er war die Symbolfigur der deutschen Einheit, die Gesellschaft, Nation, Staat und Monarchie miteinander verband. Das ist auch der Grund dafür, dass es nur wenige Denkmäler für Wilhelm II., umso mehr aber für Wilhelm I. gab und gibt. Etwa 30 Monumente für den einen stehen hier deutschlandweit über 150 Standbilder für den anderen gegenüber.[4] Eines davon ist der Lienener Kaiserstein von 1899.

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[1] Christof Spannhoff, Schlaglichter aus der Vereinsgeschichte, in: 1893–2018 – Mit Tradition in die Zukunft. Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Schützenvereins Lienen von 1893 e.V., hrsg. v. Schützenverein Lienen von 1893 e.V., Lienen 2018, S. 144–180, hier S. 171.

[2] Rolf Westheider, Park-Geflüster. Geschichten aus dem Stadtpark Versmold (Die Versmold-Edition. Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv Versmold. Neue Reihe 1), Versmold 2020, S. 16 (auch online: https://www.versmold.de/de-wAssets/docs/unsere-stadt/Geschichte/Versmold_Edition_1_Stadtpark.pdf ).

[3] Gemeindearchiv Lienen, Bestand B 698 „Kriegervereine im Amte Lienen“.

[4] Vgl. zur damaligen nationalen Denkmalpolitik: Sebastian Schröder, Porta Westfalica, in: Westfälische Erinnerungsorte. Beiträge zum kollektiven Gedächtnis einer Region, hrsg. v. Lena Krull (Forschungen zur Regionalgeschichte 80), Paderborn 2017 (2. Aufl. 2018), S. 143–155.

Jahrelang kopflos

Der Lienener Bismarckstein hat eine bewegte Geschichte

Von Dr. Christof Spannhoff

Wenn man sie zum Sprechen bringt, erzählen Gedenksteine spannende Geschichten aus der Vergangenheit. Diese Denkmäler sollten deshalb unbedingt erhalten, gepflegt und somit ein Teil der lokalen Erinnerungskultur bleiben. Ein solcher „Stein mit Historie“ ist auch der sogenannte Bismarckstein, der sich heute im Bereich der Kurve der Holperdorper Straße am alten Lienener Bahnhof befindet.

Der Lienener Bismarckstein heute. Fotos: Ute Peters / Heimatverein Lienen

Wie sein Name schon andeutet, erinnert dieses Denkmal ursprünglich an den deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck. Dieser wurde am 1. April 1815 in Schönhausen an der Elbe geboren und starb am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh östlich von Hamburg. Von 1862 bis 1890 war er preußischer Ministerpräsident, von 1867 bis 1871 zugleich Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes sowie von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches, an dessen Gründung er maßgeblichen Anteil hatte. Für dieses Verdienst wurde der vormalige Graf 1871 durch Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) in den Fürstenstand erhoben. Mit dem Enkel des ersten Kaisers, Wilhelm II. (1859–1941), kam es dann allerdings nach dessen Thronbesteigung 1888 zu Konflikten, die dazu führten, dass Fürst Bismarck 1890 seinen Dienst quittieren musste. Diese Entlassung hatte in Deutschland eine beispiellose Bismarckverehrung zur Folge, die sich nach dem Tod des ehemaligen Kanzlers noch verstärkte: Straßen und Plätze, Zechen und Schiffe, Kolonialgebiete und Gebirge oder sogar die Zubereitungsart von Heringsfilets wurden nach ihm benannt („Bismarckhering“). In Deutschland pflanzte man zudem zahlreiche Bismarckeichen und setzte Bismarcksteine oder -denkmäler. Schätzungsweise 100 Exemplare sind davon heute noch erhalten.[1]

Einweihung des Bismarcksteins am 1. April 1898 durch Mitglieder des Gesangvereins Loreley und die Lienener Schützen. Foto: Wilhelm Kriege / Heimatverein Lienen

Zu diesen gehört auch das Lienener Stück, das die Mitglieder des Männergesangvereins Loreley und des Schützenvereins Lienen zum 83. Geburtstag Bismarcks im Jahr 1898 einweihten. Drei Jahre zuvor hatten sie an gleicher Stelle „zum 80.“ bereits eine Bismarckeiche gepflanzt.[2] Ursprünglich stand das Denkmal an der Abzweigung des Malepartusweges beim Anwesen Hunsche (heute Holperdorper Str. 14). Anlässlich der Errichtung des Steins wurde auch eine Fotographie vom Fotoamateur Wilhelm Kriege gemacht[3], die die Vereine – vertreten durch die Vorsitzenden A. Hußmann (Gesangverein), H. Schomberg und Schriftführer G. Fletemeyer (beide Schützenverein) – am 18. Mai an den ehemaligen Reichskanzler „als Zeichen der dankbarsten Verehrung“ schickten. Bismarck bedankte sich mit einem Antwortschreiben vom 23. Mai durch seinen Leibarzt und Privatsekretär Rudolf Chrysander (1865–1950).[4] Die Lienener kamen mit ihrer Ehrung also gerade noch rechtzeitig, denn nur wenige Wochen später schloss Bismarck für immer die Augen.

Der Bismarckstein um 1910. Postkarte: Heimatverein Lienen

Der Bismarckstein in den 1960er Jahren. Fotos: Fritz Peters / Heimatverein Lienen

Dagegen entwickelte das Denkmal seit dieser Zeit ein gewisses Eigenleben: Sein Sockel, der anfangs nicht einmal einen halben Meter hoch war und aus kleineren Bruchsteinen bestand, wurde immer wieder verändert. So erhöhte man ihn später durch große Findlinge.[5] Im Sommer 1972 kam es dann wegen des Ausbaus der Holperdorper Straße zu einer Versetzung des Steins an seine heutige Stelle.[6] Zwischenzeitlich war das Denkmal, das neben der Inschrift „v. Bismarck“ und der Jahreszahl 1898 auch das bronzene Konterfei des Reichskanzlers aufwies, jedoch jahrelang seines Bildnisses beraubt. Erst 2005 stiftete der Heimatverein Lienen unter Vorsitz von Friedel Stegemann einen neuen Bismarckkopf, der von dem Künstler Leo Janischowsky nach einer alten Fotovorlage angefertigt wurde. Janischowsky schuf auch den im selben Jahr aufgestellten Krammetsvogelfänger am Haus des Gastes – ein weiteres Lienener Denkmal, allerdings aus jüngerer Zeit.[7]

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[1] Thomas Gräfe, Bismarck-Mythos und Politik. Die Mythisierung und Politisierung der Bismarckverehrung durch die Parteien und Verbände des nationalen Lagers zur Wilhelminischen Zeit 1890–1914, Hamburg 2014; Ders., Tourismusförderung oder nationalistische Kultstätten? Die Bismarcktürme in Vlotho und Porta Westfalica 1902-1952, in: Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford 26 (2019), S. 212–237.

[2] Friedrich Schmedt, Lienen in alten Ansichten, Bd. 1, Zaltbommel/NL 1978, Nr. 98; Christof Spannhoff, Schlaglichter aus der Vereinsgeschichte, in: 1893–2018 – Mit Tradition in die Zukunft. Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Schützenvereins Lienen von 1893 e.V., hrsg. v. Schützenverein Lienen von 1893 e.V., Lienen 2018, S. 144–180, hier S. 152.

[3] Schmedt, Lienen, Nr. 98.

[4] Maria Wellmeyer, Bismarckstein in neuer Umgebung: Gedenkstein wurde umgesetzt. Auszug aus Protokollbuch, in: Tecklenburger Landbote vom 1. August 1972.

[5] Das zeigen die Abbildungen des Denkmals zwischen 1898 und 1910.

[6] Wellmeyer, Bismarckstein.

[7] Spannhoff, Schlaglichter, S. 154f.