Der Flur-, Hof- und Familienname Buddenkuhle

Flurnamen können einen spannenden Einblick in die vormoderne Landwirtschaft geben.

Von Dr. Christof Spannhoff

Durch den Bau der Bundesautobahn 1 in den 1960er-Jahren waren zur Aufschüttung der Straßentrasse große Mengen Sand erforderlich, die oftmals direkt vor Ort abgebaut wurden. Im Bereich des Streckenabschnitts in Lengerich (Kreis Steinfurt) entstand durch diese Maßnahme der Buddenkuhl-See, der heute zu einem Naherholungsgebiet mit angrenzendem Campingplatz geworden ist. Doch welchen Ursprung hat sein Name, der auch im amtlichen Straßennamen An der Buddenkuhle erscheint?

Historische Belege

Der Name geht zurück auf den gut 100 Meter östlich gelegenen Hof Buddenkuhl. In diesem Hofnamen selbst hat sich ein alter Flurname erhalten. 1580, 1621 und 1643 wird der Hof als Buddenkule, 1634, 1673, 1755 und 1774 als Buddenkuhle, 1831 schließlich als Buddenkuhl in alten Steuerregistern verzeichnet (Leesch, S. 48, 49, 118, 159). Die historischen Belege des Namens zeigen, dass es sich um eine Zusammensetzung (wie HausTür) mit dem Grundwort mittelniederdeutsch –kuhle „Grube, Vertiefung, Loch, Höhle, Mulde, künstliche Bodenvertiefung“ handelt (Schiller-Lübben II, S. 592; Mittelniederdeutsches Handwörterbuch, II, Sp. 699). Doch was verbirgt sich im Bestimmungswort budden?

Es ist anzunehmen, dass hier die Mehrzahlform von englisch bud, mittelniederdeutsch but, bud „Kalb“ vorliegt (Derks, S. 180). Der Germanist Heinrich Dittmaier führt eine Vielzahl von Ortsnamen an, in denen die Bezeichnung für das Jungrind enthalten sein könnte (Dittmaier, § 63). Somit dürfte das Vorkommen dieses Wortes in Ortsnamen als gesichert gelten.

Das Bestimmungswort budden

Der Gebrauch des Wortes ist für das Münsterland z.B. in Unterlagen des Klosters Vinnenberg, nördlich von Warendorf gelegen, nachzuweisen. Im sogenannten „Wechselbuch“ werden in einer Besitzstandsauflistung („Erbtag“) aus dem Jahr 1400 (?; Datierung unsicher) drei butte verzeichnet, die zwischen einem varn „Bullen“ (Schiller-Lübben V, S. 207) und einer sterke „junge Kuh“ (Schiller-Lübben IV, S. 390) genannt werden. In einer weiteren Besitzstandsaufnahme eines anderen landwirtschaftlichen Anwesens aus dem Jahr 1499 findet sich der Eintrag: „Item I koe [Kuh] myt enen kalve [Kalb]. I butteke(n)“. Auf einem dritten Erbtag des gleichen Jahres wird schließlich festgehalten: „eyn stercke [junge Kuh] unde eyn butt“ (Wechselbuch Vinnenberg, S. 183, 185, 188). Die Belege zeigen, dass es sich bei mittelniederdeutsch bud, but wohl um ein junges männliches Rind (im Gegensatz zu stercke) handeln muss. Durch hochdeutschen Einfluss dürfte sich daraus das Wort butz „junges Rind, Zwischenstufe zwischen Kalb u. Rind“ (Rheinisches Wörterbuch I, Sp. 1186) entwickelt haben. Somit handelte es sich bei der Buddenkuhle wahrscheinlich um eine „Kälberkuhle“.

Diese Bodenvertiefung dürfte entweder, wenn sie mit Wasser gefüllt war, dem jungen Hornvieh als Tränke (siehe für wassergefüllte kuhlen die Belege bei Schiller-Lübben II, S. 592) oder als windgeschützter, trockener Schlaf- bzw. Ruheplatz gedient haben (vgl. jägersprachlich kuhle „Schlafplatz des Wildes“). Eine semantische Parallele findet sich wohl z.B. im Wüstungsnamen + Cogrove „Kuhgrube“ bei Eschershausen (Landkreis Holzminden; Casemir-Ohainski, S. 55f.).

Zudem dürfte das Wort mittelniederdeutsch bud, but „Rind“ im Plural auch im Gewässernamen Buddenbecke „Kälberbach, Rinderbach“ in Emsdetten-Westum (zu mittelniederdeutsch bike, beke „Bach“; Schiller-Lübben I, S. 209), der sich in einem Hofstättennamen erhalten hat (1669: Buddenbecke; Feldmann, Höfe, S. 218), und in einem 1623 genannten Westerkappelner Flurnamen Buddenwysche „Kälberwiese, Rinderwiese“ vorliegen (zu mittelniederdeutsch wisch, wisk[e] „Wiese“; Schiller-Lübben V, S. 739; Flurnamenbeleg: Inventar, S. 107).

Fazit

Der Flurname Buddenkuhle – die „Kälberkuhle“ – verweist also auf vormoderne Rinderhaltung an dieser Stelle. Zudem belegt der Flurname, dass bereits in vormoderner Zeit das Rindvieh nach verschiedenen Altersstufen und Geschlecht eingeteilt und durch eigene Be-griffe unterschieden wurde und nach diesen Klassifizierungen getrennt von einander gehalten worden sein dürfte.

Quellen und Literatur

Casemir, Kirstin u. Ohainski, Uwe, Die Ortsnamen des Landkreises Holzminden, Bielefeld 2007.

Das Wechselbuch des Klosters Vinnenberg 1465–1610, hrsg. v. d. Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung, Warendorf 1994.

Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Gladbeck in Westfalen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Gladbeck/Westf. 2009.

Dittmaier, Heinrich, Die (h)lar-Namen. Sichtung und Deutung, Köln u. Graz 1963.

Feldmann, Bernhard, Die Höfe des Münsterlandes und ihre grundherrlichen Verhältnisse, Münster 1995.

Inventar des Nachlasses des Grafen Adolf von Tecklenburg von 1623 (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Sammlung FOT, Nr. 593).

Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974.

Mittelniederdeutsches Handwörterbuch, v. Agathe Lasch und Conrad Borchling. Fortgeführt v. Gerhard Cordes, Bd. II (G–R), Neumünster 2004.

Rheinisches Wörterbuch, bearb. u. hrsg. v. Josef Müller, ab Bd. VII v. Karl Meisen, Heinrich Dittmaier u. Matthias Zender, 9 Bde., Bonn u. Berlin 1928–1971.

Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881.

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