Woher kommt der Name Knoblauchsberg?

Von Dr. Christof Spannhoff

Knoblauch ist nicht gerade ein Element, für das die westfälische Küche bekannt ist. Dafür sind eher mediterrane Speisen berühmt. Und doch gibt es in Tecklenburg einen Knoblauchsberg, an dem ein idyllischer Camping-Platz zum Urlaubmachen einlädt.[1] Der Knoblauchsberg ist auch – solange man denken kann – die Heimat der Tecklenburger Bürgerschützen von 1786 mit Schießstand und Schützenhalle, die schon so manchen sportlichen Schießwettkampf und schöne Feier gesehen haben.[2] Man könnte nun meinen, der Name sei wegen des enthaltenen Bestandteils Knoblauch nicht alt oder sei vielleicht ein „Verhörer“ der Geometer, die Anfang des 19. Jahrhunderts die Region vermaßen und den Urkataster zur genauen Grundsteuererhebung erstellten. Doch weit gefehlt. Der Name Knoblauchsberg reicht in seiner niederdeutschen Form bereits bis in das 14. Jahrhundert zurück und ist damit wesentlich älter als manch anderer Flurname. In einer Urkunde des Jahres 1357 wird festgehalten, dass vor dem Grafen Nikolaus von Tecklenburg-Schwerin der Ritter Cunrad von Horne dem Tecklenburger Vogt Johann Hoiffnagel die Oppenhove im Kirchspiel Lengerich für 19 Mark Osnabrücker Pfennige verkaufte, und diese Oppenhove lag „vnnder den Knuflickes Berge zu Teckelenburgk“, also unterhalb des Tecklenburger Knoblauchsbergs.[3]

Doch was bedeutet der Name des Knoblauchsberges, „von dem niemand weiß, weshalb er so heißt“, wie es in einem langen Bericht der Zeitschrift GEO über „Die Bürgerschützen vom Knoblauchsberg“ im Juli 1981 heißt.[4] Aufgrund des alten Belegs von 1357 ist der Name der Bodenerhebung wirklich zur Pflanzenbezeichnung Knoblauch zu stellen, mittelniederdeutsch knuflôk ‚Knoblauch‘.[5] Dass dieser bereits im Mittelalter bekannt und auch zur Speisenbereitung verwendet wurde, zeigt ein Arzneibuch des Jahres 1484: „Merke, de spise schal nicht to hete [vgl. englisch hot in der Bedeutung ’scharf‘] krudet sin, alse mit pepere, engeuer, knuflok“, was übersetzt heißt: „Die Speise soll nicht zu scharf sein, wie mit Pfeffer, Ingwer, Knoblauch“.[6] 1447 gruben im Zuge der Soester Fehde belagernde Soldaten „cyppoln, Knuffloff und wat se funden yn den garthoven vor unser stad“, also Zwiebeln und Knoblauch aus den Küchengärten vor Soest aus der Erde.[7] Die Auswirkungen des Knoblauchs nennt auch bereits der braunschweigische Chronist Hermann Bote in seiner 1519 verfassten Satireschrift „De Koker“: „Brandewîn unde knuflôk / dat stinket dorch seven gaten.“ – Branntwein und Knoblauch, das stinkt durch sieben Gassen.[8] Nach Westfalen gelangte der Knoblauch mit der Christianisierung über die Klostergärten, in denen er kultiviert wurde. Er wurde als Heilmittel gegen Bisswunden durch Hunde oder Schlangen, Haarausfall, Zahnschmerzen, Hautausschläge, Lungenleiden oder Menstruationsstörungen empfohlen.[9]

Der Knoblauch im „Kreuter Buch“ des Hieronimus Bock aus dem Jahr 1546.

Der Knoblauch im Knoblauchsberg ist aber kein regionales Unikum. In einem Schatzungsregister aus dem Jahr 1537 steht verzeichnet, dass der Lengericher Einwohner „Wagen Peter“ 15 Schillinge „vom Knuffelox Campe“, also vom Knoblauchskamp, zu zahlen hatte. Möglicherweise lag dieser Kamp, also ein eingezäunter Acker oder eine Wiese, in der Nähe des Tecklenburger Berges.[10]

Im Namen des Tecklenburger Knoblauchsberg steckt also wirklich die Bezeichnung der Pflanze aus der Gattung des Lauchs (Allium). Vielleicht handelte es sich auch um eine wilde Art des Gewächses. Eine Besonderheit ist die bereits frühe Erwähnung des Flurnamens, denn ein älterer Beleg wird aufgrund der Überlieferungslage kaum zu erwarten sein. Dieser Zufallsfund kommt daher zur rechten Zeit, denn 2023 könnten die Tecklenburger Schützen mit Fug und Recht das Jubiläum „666 Jahre Knoblauchsberg“ feiern.

[1] http://www.knoblauchsberg.de/ (Zugriff: 22.07.2020).

[2] Die Bürgerschützen vom Knoblauchsberg, in: Geo. Das neue Bild der Erde, Heft 7 (Juli 1981), S. 100–112, hier S. 102. Der Artikel ist einzusehen unter: https://www.bsv-tecklenburg.de/Die-B.ue.rgersch.ue.tzen-vom-Knoblauchsberg.htm (Zugriff: 22.07.2020).

[3] Fürstliches Archiv Rheda, Bestand E II, Nr. A 97 (3): Verzeichnis der Tecklenburger Urkunden 1328–1567, erstellt 1572, Blatt 87r.

[4] wie Anm. 2.

[5] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. 2, S. 505f.

[6] Ebd., Bd. 2, S. 581 (Stichwort kruden).

[7] Urkundenbuch der Stadt Göttingen, Bd. 1: Bis zum Jahre 1400, Hannover 1863, Nr. 225, S. 196–202, hier S. 201.

[8] Hermann Bote, Der Köker. Mittelniederdeutsches Lehrgedicht aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, hrsg. v. Gerhard Cordes, Tübingen 1963, S. 50, Vers 1557f.

[9] Kurt Heyser, Die Alliumarten als Arzneimittel im Gebrauch der abendländischen Medizin, in: Kyklos. Jahrbuch für Geschichte und Philosophie der Medizin 1 (1928), S. 64–102.

[10] Geldpachtregister der Grafschaft Tecklenburg 1537, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Sammlung FOT 586, S. 39.

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