Denkmal gegen Fahnenband?

Der Lienener Kaiserstein existiert bereits seit 121 Jahren

Von Dr. Christof Spannhoff

Kaisereichen wurden in Lienen – spätestens seit den ab 1983 von den örtlichen Schützenvereinen abgehaltenen Kaiserschießen – bereits viele gepflanzt.[1] Aber der Lienener Kaiserstein ist im Ort und der Umgebung einmalig. An der Abzweigung des Postdamms von der Iburger Straße steht dieses Denkmal bereits seit 121 Jahren. Errichtet wurde die Findlingspyramide mit dem Reliefbild Kaiser Wilhelms I. (1797–1888, seit 1871 deutscher Kaiser) 1899 anlässlich der Feier des 25jährigen Bestehens des Kriegervereins Lienen, der 1874 gegründet worden war. So ist es für die Nachwelt auch auf der Rückseite des Ehrenmales festgehalten:

„Dem Andenken

Kaiser Wilhelms I.

Der Kriegerverein Lienen

1874 bei seiner 25. Jubelfeier

1899“.

„Das reichliche Vorhandensein von Findlingen in den postglazialen Landschaften war den Landwirten ein Ärgernis, so dass sie gerne bereit waren, die lästigen Brocken im Wege eines mehr oder weniger freiwilligen Spanndienstes zur Verfügung zu stellen. Darin bestand hierzulande in der wilhelminischen Zeit der Trick, relativ monumentale Denkmäler kostengünstig herzustellen“, schreibt der Historiker und Stadtarchivar Rolf Westheider über die nationalen Denkmäler im Versmolder Stadtpark, der im Lauf der Zeit zum „Abstellplatz der Geschichte“ avancierte.[2]

Der Kaiserstein in Lienen um 1910. Postkarte: Heimatverein Lienen

Die Idee, ein solches Bauwerk zu Ehren des ersten Kaisers in Lienen zu errichten, hatte sich der örtliche Kriegerverein aber mit Sicherheit beim Lienener Männergesangverein Loreley und den Lienener Schützen abgeschaut, die schon ein Jahr zuvor einen Stein für den ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) an der Holperdorper Straße (Abzweig Malepartusweg) gesetzt hatten. Hinzu kam aber vermutlich noch ein weiterer Grund: Denn der Kriegerverein Lienen wünschte sich zu seinem 25jährigen Bestehen ein Fahnenband, das unbedingt durch den damals amtierenden Kaiser, Wilhelm II. (1859–1941, seit 1888 deutscher Kaiser), verliehen werden sollte. Ein entsprechender Antrag beim Tecklenburger Landrat vom 22. Februar 1899 wurde aber zunächst nicht sonderlich befürwortet, weil sich der Lienener Verein hinsichtlich nationaler Gesinnung nicht mehr hervorgetan hatte als andere. Zudem gab es Schwierigkeiten mit den Inhalten der Satzung. Die Errichtung eines Kaiserdenkmals war in dieser Frage natürlich ein Pluspunkt. Und schließlich verlieh Wilhelm II. das ersehnte Fahnenband in den preußischen Farben (Schwarz und Weiß) und mit einem mit dem preußischen Wappen versehenen Nagel am 29. September 1899 dann doch, das vom Landrat in einer Feierstunde am Sonntag, dem 15. Oktober 1899, um 17 Uhr übergeben wurde.[3]

Der Lienener Kaiserstein heute. Foto: Ute Peters / Heimatverein Lienen

Aber warum ist eigentlich auf der 1899 errichteten Pyramide nicht der damals regierende Monarch abgebildet, sondern sein zu diesem Zeitpunkt bereits seit elf Jahren verstorbener Großvater? Im Gegensatz zu seinem Enkel war Wilhelm I. als Gründer des deutschen Reiches in die Geschichte eingegangen. Er war die Symbolfigur der deutschen Einheit, die Gesellschaft, Nation, Staat und Monarchie miteinander verband. Das ist auch der Grund dafür, dass es nur wenige Denkmäler für Wilhelm II., umso mehr aber für Wilhelm I. gab und gibt. Etwa 30 Monumente für den einen stehen hier deutschlandweit über 150 Standbilder für den anderen gegenüber.[4] Eines davon ist der Lienener Kaiserstein von 1899.

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[1] Christof Spannhoff, Schlaglichter aus der Vereinsgeschichte, in: 1893–2018 – Mit Tradition in die Zukunft. Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Schützenvereins Lienen von 1893 e.V., hrsg. v. Schützenverein Lienen von 1893 e.V., Lienen 2018, S. 144–180, hier S. 171.

[2] Rolf Westheider, Park-Geflüster. Geschichten aus dem Stadtpark Versmold (Die Versmold-Edition. Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv Versmold. Neue Reihe 1), Versmold 2020, S. 16 (auch online: https://www.versmold.de/de-wAssets/docs/unsere-stadt/Geschichte/Versmold_Edition_1_Stadtpark.pdf ).

[3] Gemeindearchiv Lienen, Bestand B 698 „Kriegervereine im Amte Lienen“.

[4] Vgl. zur damaligen nationalen Denkmalpolitik: Sebastian Schröder, Porta Westfalica, in: Westfälische Erinnerungsorte. Beiträge zum kollektiven Gedächtnis einer Region, hrsg. v. Lena Krull (Forschungen zur Regionalgeschichte 80), Paderborn 2017 (2. Aufl. 2018), S. 143–155.

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