Jahrelang kopflos

Der Lienener Bismarckstein hat eine bewegte Geschichte

Von Dr. Christof Spannhoff

Wenn man sie zum Sprechen bringt, erzählen Gedenksteine spannende Geschichten aus der Vergangenheit. Diese Denkmäler sollten deshalb unbedingt erhalten, gepflegt und somit ein Teil der lokalen Erinnerungskultur bleiben. Ein solcher „Stein mit Historie“ ist auch der sogenannte Bismarckstein, der sich heute im Bereich der Kurve der Holperdorper Straße am alten Lienener Bahnhof befindet.

Der Lienener Bismarckstein heute. Fotos: Ute Peters / Heimatverein Lienen

Wie sein Name schon andeutet, erinnert dieses Denkmal ursprünglich an den deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck. Dieser wurde am 1. April 1815 in Schönhausen an der Elbe geboren und starb am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh östlich von Hamburg. Von 1862 bis 1890 war er preußischer Ministerpräsident, von 1867 bis 1871 zugleich Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes sowie von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches, an dessen Gründung er maßgeblichen Anteil hatte. Für dieses Verdienst wurde der vormalige Graf 1871 durch Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) in den Fürstenstand erhoben. Mit dem Enkel des ersten Kaisers, Wilhelm II. (1859–1941), kam es dann allerdings nach dessen Thronbesteigung 1888 zu Konflikten, die dazu führten, dass Fürst Bismarck 1890 seinen Dienst quittieren musste. Diese Entlassung hatte in Deutschland eine beispiellose Bismarckverehrung zur Folge, die sich nach dem Tod des ehemaligen Kanzlers noch verstärkte: Straßen und Plätze, Zechen und Schiffe, Kolonialgebiete und Gebirge oder sogar die Zubereitungsart von Heringsfilets wurden nach ihm benannt („Bismarckhering“). In Deutschland pflanzte man zudem zahlreiche Bismarckeichen und setzte Bismarcksteine oder -denkmäler. Schätzungsweise 100 Exemplare sind davon heute noch erhalten.[1]

Einweihung des Bismarcksteins am 1. April 1898 durch Mitglieder des Gesangvereins Loreley und die Lienener Schützen. Foto: Wilhelm Kriege / Heimatverein Lienen

Zu diesen gehört auch das Lienener Stück, das die Mitglieder des Männergesangvereins Loreley und des Schützenvereins Lienen zum 83. Geburtstag Bismarcks im Jahr 1898 einweihten. Drei Jahre zuvor hatten sie an gleicher Stelle „zum 80.“ bereits eine Bismarckeiche gepflanzt.[2] Ursprünglich stand das Denkmal an der Abzweigung des Malepartusweges beim Anwesen Hunsche (heute Holperdorper Str. 14). Anlässlich der Errichtung des Steins wurde auch eine Fotographie vom Fotoamateur Wilhelm Kriege gemacht[3], die die Vereine – vertreten durch die Vorsitzenden A. Hußmann (Gesangverein), H. Schomberg und Schriftführer G. Fletemeyer (beide Schützenverein) – am 18. Mai an den ehemaligen Reichskanzler „als Zeichen der dankbarsten Verehrung“ schickten. Bismarck bedankte sich mit einem Antwortschreiben vom 23. Mai durch seinen Leibarzt und Privatsekretär Rudolf Chrysander (1865–1950).[4] Die Lienener kamen mit ihrer Ehrung also gerade noch rechtzeitig, denn nur wenige Wochen später schloss Bismarck für immer die Augen.

Der Bismarckstein um 1910. Postkarte: Heimatverein Lienen

Der Bismarckstein in den 1960er Jahren. Fotos: Fritz Peters / Heimatverein Lienen

Dagegen entwickelte das Denkmal seit dieser Zeit ein gewisses Eigenleben: Sein Sockel, der anfangs nicht einmal einen halben Meter hoch war und aus kleineren Bruchsteinen bestand, wurde immer wieder verändert. So erhöhte man ihn später durch große Findlinge.[5] Im Sommer 1972 kam es dann wegen des Ausbaus der Holperdorper Straße zu einer Versetzung des Steins an seine heutige Stelle.[6] Zwischenzeitlich war das Denkmal, das neben der Inschrift „v. Bismarck“ und der Jahreszahl 1898 auch das bronzene Konterfei des Reichskanzlers aufwies, jedoch jahrelang seines Bildnisses beraubt. Erst 2005 stiftete der Heimatverein Lienen unter Vorsitz von Friedel Stegemann einen neuen Bismarckkopf, der von dem Künstler Leo Janischowsky nach einer alten Fotovorlage angefertigt wurde. Janischowsky schuf auch den im selben Jahr aufgestellten Krammetsvogelfänger am Haus des Gastes – ein weiteres Lienener Denkmal, allerdings aus jüngerer Zeit.[7]

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[1] Thomas Gräfe, Bismarck-Mythos und Politik. Die Mythisierung und Politisierung der Bismarckverehrung durch die Parteien und Verbände des nationalen Lagers zur Wilhelminischen Zeit 1890–1914, Hamburg 2014; Ders., Tourismusförderung oder nationalistische Kultstätten? Die Bismarcktürme in Vlotho und Porta Westfalica 1902-1952, in: Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford 26 (2019), S. 212–237.

[2] Friedrich Schmedt, Lienen in alten Ansichten, Bd. 1, Zaltbommel/NL 1978, Nr. 98; Christof Spannhoff, Schlaglichter aus der Vereinsgeschichte, in: 1893–2018 – Mit Tradition in die Zukunft. Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Schützenvereins Lienen von 1893 e.V., hrsg. v. Schützenverein Lienen von 1893 e.V., Lienen 2018, S. 144–180, hier S. 152.

[3] Schmedt, Lienen, Nr. 98.

[4] Maria Wellmeyer, Bismarckstein in neuer Umgebung: Gedenkstein wurde umgesetzt. Auszug aus Protokollbuch, in: Tecklenburger Landbote vom 1. August 1972.

[5] Das zeigen die Abbildungen des Denkmals zwischen 1898 und 1910.

[6] Wellmeyer, Bismarckstein.

[7] Spannhoff, Schlaglichter, S. 154f.

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