Weinanbau in Tecklenburg

Von Dr. Christof Spannhoff

Seit nunmehr 30 Jahren wird in Tecklenburg Weinfest gefeiert (erstmals 1989) und bereits seit 1987 gibt es in dem Burgstädtchen auch wieder einen Weinberg. Damals wurden zwischen März und Mai 100 Rebstöcke auf 500 Quadratmetern unterhalb der Jugendherberge angepflanzt.[1] Dabei knüpften die Verantwortlichen der Verkehrs- und Wirtschaftsgemeinschaft Tecklenburg (VWG) an eine bis dahin längst vergangene Zeit an. Denn in Tecklenburg wurde vermutlich bis in die Frühe Neuzeit hinein Wein angebaut. Nur noch der Straßenname „Am Weingarten“ auf der Südseite des Ortes erinnerte an diese Zeit, bis dann der neue Weinberg Ende der 1980er Jahre angelegt wurde.

Die Geschichte des Tecklenburger Weinbaus ist aber nicht nur eine Geschichte geänderter westfälischer Trinkgewohnheiten, sondern auch eine Geschichte des heimischen Klimas der letzten 1000 Jahre. Denn die mehrere Jahrhunderte andauernde Unterbrechung der Produktion von Rebensaft war auch einer Kälteperiode geschuldet, die heute als die „Kleine Eiszeit“ bezeichnet wird. Durch den Rückgang der Temperaturen verschob sich auch die Weinbaugrenze in Deutschland nach Süden.

Die Anfänge des Weinbaus in Tecklenburg dürften – wie andernorts in Westfalen auch – im Wärmeoptimum des Hochmittelalters liegen. 1183/1190 besaßen die Klöster Corvey und Abdinghof bei Paderborn nachweislich heimische Weinberge. Das sind die ersten Nachrichten überhaupt für westfälischen Weinbau. Um 1370 legte der münsterische Bischof unterhalb seiner Burg Telgte einen Weinberg an.[2] In dieser Zeit dürften spätestens auch die Tecklenburger Grafen einen Weinberg angelegt haben.

Allerdings stammen die ersten Hinweise, die sich überhaupt vom Tecklenburger Weinbau erhalten haben, erst aus einer Zeit, als die „Kleine Eiszeit“ bereits begonnen hatte. Es ist daher fraglich, ob damals überhaupt noch Wein angebaut und geerntet wurde, oder ob es sich bei diesen Nachrichten nur um Relikte aus mittelalterlicher Zeiten handelte: 1577 finden wir in einem Tecklenburger Schatzungsregister einmal den Hofnamen „Wingardener“.[3] Der Besitzer des Hofes besaß zwei Kühe, ein Rind und zwei Schweine, für die er Abgaben zu zahlen hatte. Der Hofname geht aber eindeutig auf einen Flurnamen „Wingarden“ zurück, in dessen Nähe der Hof lag. Möglicherweise ist dieser Wingarden mit dem südlichen Tecklenburger Weinberg identisch.

Zudem muss es auf der Tecklenburger Nordseite einen weiteren Weinberg gegeben haben, denn in einem anderen Schatzungsregister von 1580 erscheint unter den Einwohnern des Kirchspiels Ledde ein „Frederich vff den Wingartten vnder Tecklenburg“.[4] Auch dieser Eintrag verweist auf einen Flurnamen „Wingartten“, von dem allerdings nicht zu sagen ist, ob zur Erwähnungszeit auch noch Wein angebaut wurde oder ob der Weingarten damals bereits nur noch ein Name war.

In einem Inventar des Grafen Adolf von Tecklenburg aus dem Jahr 1623/24 findet sich unter den Ländereien ein „apffelhoff am Weingarten“.[5] Hier ist also von einem Apfelgarten in unmittelbarere Nachbarschaft zu einem Weingarten die Rede. Es könnte damit also noch ein in Nutzung stehender Weinberg gemeint gewesen sein. Auch bei Schloss Neuhaus bei Paderborn und Schönholthausen (Kreis Olpe) wurden 1618/20 die dortigen Weinberge noch bewirtschaftet.[6]

In seiner Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg aus dem Jahr 1672 weiß der Autor, der Wersener Pfarrer Gerhard Arnold Rump, dann allerdings nichts mehr von Weinanbau in Tecklenburg. In seiner Aufzählung der Erzeugnisse der Grafschaft Tecklenburg schreibt er nur von gutem Bier, das hier gebraut werde.[7] Hier zeigt sich deutlich eine weitere Entwicklung: Das seit dem Spätmittelalter haltbarer gewordene Bier und der aufkommende Branntwein stellten eine ernsthafte Konkurrenz für den westfälischen Wein dar, den sie schließlich gänzlich im 17. Jahrhundert verdrängten.[8]

 

[1] Ruth Jacobus, Stets das Wohl der Stadt im Blick. 30 Jahre VWG, in: Westfälische Nachrichten/Tecklenburger Landbote vom 28. Januar 2017.

[2] Wilfried Reininghaus, Die vorindustrielle Wirtschaft in Westfalen. Ihre Geschichte vom Beginn des Mittelalters bis zum Ende des alten Reiches, 3 Bde., Münster 2018, Bd. 1, S. 358f.

[3] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen (LAV NRW AW), Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 225, fol 69r.

[4] LAV NRW AW, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 226, fol. 69v.

[5] Inventar des Nachlasses des Grafen Adolf von Tecklenburg von 1623, LA NRW AW, Sammlung Fot., Nr. 593, S. 101.

[6] Reininghaus, Wirtschaft, S. 360.

[7] Gerhard Arnold Rump, Des Heil. Röm. Reichs uhralte höchlöbliche Graffschafft Tekelenburg, Bremen 1672, S. 18–22.

[8] Reininghaus, Wirtschaft, S. 360.

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