Der Alltag der Bewohner Ladbergens vor 400 Jahren

nach den Tecklenburger Accidentalia von 1611/12

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie sah der Alltag der Bewohner Ladbergens vor 400 Jahren, also im Jahr 1611 aus? Diese Frage ist nur schwierig zu beantworten, da die aus dieser Zeit erhaltenen Quellen, die Informationen zu diesem Bereich enthalten, nicht gerade zahlreich sind. Es sind häufig nur einzelne Fragmente der Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens, die auf uns gekommen sind. Daher kann das Bild des alltäglichen Daseins der Menschen, das wir aus dieser Zeit anfertigen können, immer nur Stückwerk sein. Einzelne Lebensbereiche der Menschen Ende  des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts sind von den sogenannten „Tecklenburger Accidentaliae“, die sich im Fürstlichen Archiv zu Rheda befinden, erfasst.[1] Es handelt sich dabei um Gebührenauflistungen der gräflich-tecklenburgischen Verwaltung, in denen die Einnahmen aus den „ungewissen Gefällen“ und den „Brüchten“ verzeichnet wurden. Unter den ungewissen Gefällen verstand man Abgaben, die nicht in regelmäßigen Abständen wiederkehrten, sondern „ungewiss“ und somit an bestimmte Ereignisse im Leben des eigenbehörigen Bauern gebunden waren, wie die Heirat, die ein Auffahrtsgeld („Infuhr“) des Ehepartners, der auf die bäuerliche Stätte „auffuhr“, also einheiratete, nach sich zog. Auch der Tod des Bauern, für den der „Sterbfall“, die Hälfte der persönlichen Habe des Verstorbenen, zu bezahlen war, zählte zu den „ungewissen Gefällen“.[2] Ferner wurden Beträge verzeichnet, die die gräfliche Verwaltung aus Freikäufen oder dem Wechsel von Eigenbehörigen an einen anderen Herrn einzog.[3]

Mit „Brüchten“ (auch Brüche, niederdeutsch Broke) bezeichnet man Strafzahlungen, die sich aus dem „Bruch“ der Rechtsordnung ergaben.[4] Diese Rechtsordnung war in der Tecklenburger Polizeiordnung von 1612 festgeschrieben worden.[5] Danach wurden unter Strafe gestellt: Wucher, Fastnachtswesen, Mai- und Pfingsbräuche, Vogelschießen, Kranzbier (Erntefest), alle Arbeit („Hauß vnnd Veldtarbeit, alß Backen, Brawen, Dreschen, Seyen, Meyen, Flöten [Flößen], Korn, Stein, Holtz, oder andere Wharen, in vnnd auß zu fhüren, Item aller Handtierung, in Kauffen vnnd Verkauffen“) und Verzehr von Alkoholika während der sonntäglichen Predigt, „Unzucht und Hurerey“, also außer- oder vorehelicher Beischlaf, Übermäßigkeit bei Hochzeiten und Taufen (Kindbieren), Zauberei, Wahrsagen, Vagabundieren, Betteln und Stehlen sowie alle weiteren Übertretungen der „Christlichen Anordnungen“, also natürlich auch alle sonstigen Verbrechen und Straftaten.

Diese Einnahmen der gräflichen Verwaltung wurden chronologisch für alle Orte der damaligen Grafschaft Tecklenburg (Ladbergen, Ledde, Leeden, Lengerich, Lienen, Lotte, Schale, Tecklenburg, Wersen, Westerkappeln) für jeweils ein Jahr, das von Mai bis Mai gerechnet wurde, in einem Heft notiert. Überliefert sind Tecklenburger „Accidentaliae“ – Gebührenauflistungen – für die Jahre 1575/76, 1576/77, 1583/84, 1584, 1588/89, 1598/99, 1606/07, 1611/12, 1615/16, 1616/17 und 1620/21, also auch ein Verzeichnis für die Zeit vor genau 400 Jahren mit dem Titel: „Accidentalia Brüche vnd Verfelle vff Mey Anno 1611 angehendt vnd vff Mey Anno 1612 wider endigende“[6], das zahlreiche familiengeschichtlich aufschlussreiche Informationen enthält. Im Folgenden sollen die Ladbergen betreffenden Angaben aus diesem Jahr präsentiert werden.

Die Abschrift erfolgt buchstabengetreu; lediglich die Groß- und Kleinschreibung wurde zum besseren Verständnis dem heutigen Gebrauch angeglichen, da sich keine sinnvolle Verwendung erkennen lässt. Die römischen Zahlen des Originals wurden durch arabische Ziffern ersetzt. Zur besseren Übersichtlichkeit wurde eine Nummerierung der einzelnen Einträge vorgenommen, die im Original nicht vorhanden ist. Mit eckigen Klammern werden Ergänzungen des Verfassers gekennzeichnet.

 Anno 1611 vff Mey angehende

1) Ladtbergen den 26ten May [1611] die Hillebrantsche hatt gedinget vnd gehandlet, das sie jhren Shone Peter vff Hinrichs Katten [Kotten] vff der Haar bringen mag gibt zur Infuhr 9 ggl. [Goldgulden].

2) Ladtbergen den 15 Juny [1611] die Schulte zur Borch zu Schmedehausen jst befunden, das er vber die Schnaeten [Grenze] der Ladtberger Marcke einen alten eichen Schnaetboem solange Zeit gelegen hingeholet, gibt derwegen zur Straff ½ ggl. [Goldgulden].

3) [Ladtbergen den 15 Juny 1611] Rodtlandt zu Schmedehausen ist gleichfalß befunden, das er Eschman eine Hake entfremdet von seiner Wissche hingeholet, jedoch dieselbe wieder zur Platz gebracht gibt zur Straff 1 ggl. [Goldgulden].

4) [Ladtbergen den 15 Juny 1611] Des Schuemachers Junge Hinrich Abtragt gethaen, das er des Wibbelers Sohne Adam ein weinig gebluetwundet gibt zur Straffe 1 ggl. [Goldgulden].

5) Ladtbergen [den 29ten Juny 1611], Meister Hermans Frawe nach Absterben jhres Mans sein Nachlaß gedinget gibt meinem gn[edigen] Herrn 3 ggl. [Goldgulden].

6) Ladtbergen [den 29ten Juny 1611] Hinrich Loeman zu Greuen [Greven] Abtrag gethaen, das er mit Budden Dochter jn Vnpflicht [vorehelicher Beischlaf] gelegen, gibt zur Abtragt 4 ggl. [Goldgulden].

7) Ladtbergen [den 13ten July 1611] Johan vff dem Grauen [Graven = Graben], gibt für seiner Frauwen Versterb daselbst Armuth gewesen 1 ggl. [Goldgulden].[7]

8) Ladtbergen, den 27ten July [1611], Herman zum Fledder Abtragt gethaen, das er Hanemeiers Annen vberfallen vnd geschlagen gibt zur Straffe 1 ggl. [Goldgulden].

9) Ladtbergen den 3ten Augusti [1611], die alte vnd junge Hanrathsche [Honroth] Abtraght gethaen, das sie sich mit einander blütig und blaw geschlagen geben zur Straff 2 ggl. [Goldgulden].[8]

10) Ladtbergen den 24ten Augusti [1611], des Stinekers Sone Tonnies Abtragt gethaen, das er Conhorstes Dochter Gerdruth beschlaffen gibt für die Vnpflicht [vorehelicher Beischlaf] 6 ggl. [Goldgulden].[9]

11) Ladtbergen den 26ten Augusti [1611], Herman Veltwissche nach Absterben seines Vatters sein Nachlaß gedingt gibt meinem gn[edigen] Herrn 10 ggl. [Goldgulden].

12) Ladtbergen [den 21ten Septembris 1611], Determans zu West Ladtbergen hatt allhie Abtragt gethaen, das er Westhouen Knecht vnd Hasenkampes Sohn an jhren Ehren geschmehet vnd gescholden gibt zur Straffe 2 ggl. [Goldgulden].

13) Ladtbergen [den 12ten Octobris 1611], Steffen Weitkamp nach Absterben seiner Frawen so jn Meister Hermans Backhause gewhonet jhr Nachlas gedinget 2 ggl. [Goldgulden].

14) Ladtbergen den 2ten Decembris [1611] Herman vff dem Moer nach Absterben seiner Frawen jhr Nachlaß gedingt gibt meinem gn[edigen] Herren 7 ggl. [Goldgulden].

15) Meyholtingeß Brüche zu Ladbergenn Anno p [etc.] 1611

Snetkamp ein saren[10] [sar/sor = trocken] Stam – 1 ggl. [Goldgulden].

Fledderman ein Stam – 1 ggl. [Goldgulden].

Maneke Töger[11] gehouwen – 1 ggl. [Goldgulden].

Berleman ein saren[12] Stam – 1 ggl. [Goldgulden].

Storck Büsschen gehauwen – 1 ggl. [Goldgulden].

16) Herbstholtinck

Nüssemeier Zaunrichtunge – 2 ggl.

Bremer Zaunrichtunge – 2 ggl.

Fledderman einen newen Graben gemacht – ½ ggl.

17) Ladtbergen den 28ten Januarii [1612] ist gedinget vnd gehandelt das Johan Schröer seine Dochter Greten jn des Crusen Kotten bringen mag gibt zur Jnfuhr 8 ggl. [Goldgulden].

18) [Ladtbergen den 28ten Januarii 1612] Die Cruse bringt seine Dochter Elsen in des Schröers Kotten gibt zur Jnfuhr 8 ggl. [Goldgulden].

19) Ladtbergen [den 6ten Februarii 1612] Die alte Manekesche fharet vff Hermans Kotteken vff dem Moer gibt zur Jnfhur 4 ggl. [Goldgulden].

20) Ladtbergen den 28ten Martii [1612] die Kotter Abtragt gethaen das er Barckman mit Dieberei betzichtiget welches er nit beweisen khondte gibt derwegen zur Straffe 3 Marck.

21) Ladtbergen den 30ten Martii [1612] des Stinekers Sone Johan gibt zur Abtragt, das er den Schulten daselbst geschlagen ½ ggl. [Goldgulden].

22) Ladtbergen [den 30ten Martii 1612] Snetkamp nach Absterben seiner Mutter jhr Nachlaß gedinget gibt meinem gn[edigen] Herrn 9 ggl. [Goldgulden].[13]

23) [Ladtbergen] den 25ten Aprilis [1612] Storckes Sohne Johan Abtragt gethaen, das er Haer Lambert, seinen Arm blütig vnd blaw geschlagen gibt zur Straffe 1 ggl. [Goldgulden].

24) [Ladtbergen den 25ten Aprilis 1612] Berndt Riekeringes Dochter Gerdruth fharet vff Meister Hermans Kotteken gibt meinem gn[edigen] Herrn zur Jnfuhr 3 ggl. [Goldgulden].[14]

25) [Ladtbergen den 25ten Aprilis 1612] Sommer Herman zu Hane [Hohne] gibt für seiner seligen Frauwen Nachlaß 1 ½ ggl. [Goldgulden].

26) [Ladtbergen den 25ten Aprilis 1612] Noch gibt Johan Sutbroeck wegen desselben Versterbs, weil die verstorbene Fraw auf dem selbigen Kotten geboren 4 ggl. [Goldgulden].

27) Diese hernachbeschriebene geben jhärlichs Geleide[-]Geldt, das sie jm Lande Kauffschlagen vnd Handlen mügen:

Herman Veltwissch gibt 1 ggl. [Goldgulden].

Hinrich Veltwissch 1 ggl. [Goldgulden].

28) Diese geben für den Schaffewin [Gebüren für das Recht auf Schafhaltung]

Fledderman zu Ladtbergen 1 ggl. [Goldgulden].

Maneke zu Ladtbergen 1 ggl. [Goldgulden].

Elßhoue [Elshoff] 1 ggl. [Goldgulden].

Anmerkungen

[1] Die Bestände des Fürstlichen Archivs zu Rheda sind über das LWL-Archivamt für Westfalen, Jahnstraße 26, 48147 Münster (http://www.archive.nrw.de/Archivaemter/WAA/KontaktUndOeffnungszeiten/index.html) einzusehen und zu benutzen.

[2] Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, Münster 2007, S. 354 u. S. 617f.

[3] Ebd., S. 683f. u. S. 256-258.

[4] Ebd., S. 135-140.

[5] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten, Nr. 170. Der Text der Polizeiordnung ist abgedruck in: Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. 1, Norderstedt 2007, S. 225-234.

[6] Fürstliches Archiv Rheda, Rheda Akten VI, Nr. 379. Vgl. auch: Spannhoff, Christof, Brüchtenregister als Quelle der ländlichen Alltagsgeschichte, in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2009, S. 140-146.

[7] Vgl. auch: Untiet, Willi, „Mit Guth und Blut eigen“. Bäuerliches Leben in Ladbergen vor 1900. 1. Archivbericht, hrsg. v. d. Gemeinde Ladbergen, Ladbergen 1993, S. 50.

[8] Ebd., S. 50.

[9] Ebd., S. 50.

[10] sar/sor = trocken. Siehe: Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881, Bd. IV, Bremen 1878, S. 293.

[11] Tog = Zweig. Siehe: Strodtmann, Johann Christoph, Idioticon Osnabrugense. Ein Hochzeits-Geschenk an den Herrn Professor und Consistorial-Assessor Schütze bey der Verbindung desselben mit der Demoiselle Esmarchinn, Leipzig u. Altona 1756, S. 248 u. 255.

[12] sar/sor = trocken. Siehe: Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881, Bd. IV, Bremen 1878, S. 293.

[13] Vgl. auch: Untiet, Willi, „Mit Guth und Blut eigen“. Bäuerliches Leben in Ladbergen vor 1900. 1. Archivbericht, hrsg. v. d. Gemeinde Ladbergen, Ladbergen 1993, S. 50.

[14] Ebd., S. 50. Die übrigen bei Untiet nach den Aufzeichnungen von Wilhelm Hülsmeier (vgl. ebd., S. 47) zitierten Einträge lassen sich in der „Accidentalia“ aus dem Jahr 1611/12 nicht finden!

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