Geschichte des Markkottens Fieler in Lienen-Meckelwege

Von Dr. Christof Spannhoff

Die Geschichte des Kottens Fieler in Lienen-Meckelwege (früher Meckelwege 22, heute Mautweg 1) reicht in das frühe 17. Jahrhundert zurück. Doch was versteht man eigentlich unter einem Kotten?

Die Kotten

Im Mittelniederdeutschen meint kote ‚Hütte, geringes Haus‘, im Altenglischen cot, cote ‚Hütte, Häuschen, im Altnordischen kot ‚kleine Hütte‘, norwegisch køyta bedeutet eine ‚Waldhütte aus Zweigen‘, mittelniederländisch cot, cote eine ‚Höhle, schlechte Hütte oder einen Stall‘ usw. Das Wort ist eng verwandt mit dem englischen cottage und der norddeutschen Kate. Im Grunde ist ein Kotten in Westfalen und den angrenzenden Gegenden ein kleines Fachwerkaus. Allerdings ist das, was heute landläufig unter dem Ausdruck verstanden wird, nicht einheitlich. Vielfach wird im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff auf kleine oder schlecht gebaute Heuerlingshäuser bezogen. Doch sind aus historischer Perspektive mit der Bezeichnung Kotten ganz bestimmte Gebäude gemeint, die in der geschichtlichen Rangfolge ländlicher Gebäude zwischen Bauernhaus und Heuerlingshaus stehen und an dieser Stelle näher beschrieben werden sollen.

Wie die historischen Belege zeigen, ist der Begriff des Kottens von Anfang an mit dem Kennzeichen der Kleinheit verbunden. Deshalb wird er bis heute mitunter recht geringschätzig gebraucht. Der Makel, der zu dieser Abwertung führte, war der geringe Landbesitz, mit dem eine Kottenstelle ausgestattet war und auch die im Vergleich zu anderen Bauernstätten geringere Größe des Wohnhauses. Im Besitzdenken der ländlichen Gesellschaft waren die Bewohner eines Kottens, die Kötter genannt wurden, also „kleine Leute“ – Menschen mit wenig Besitz, geringem gesellschaftlichen Ansehen und mangelndem Einfluss. Doch waren die Kötter in der sozialen Hierarchie vergangener Zeiten durchaus keine einheitliche Gruppe. Zumindest kann man die Kötterstellen in die sogenannten Erb- oder Pferdekotten und die Markkotten gliedern. Während zu einem Erb- oder Pferdekotten zumeist eine zur Versorgung ausreichende Landwirtschaft gehörte, mussten die Besitzer eines Markkottens zusätzlich einen Handwerksberuf oder Nebenverdienst (etwa Leinwandherstellung, Wanderarbeit) ausüben. Markkotten wurden – wie der Begriff zeigt – auf Markengrund, also auf Gemeinheitsflächen errichtet. Auch der Begriff Pferdekotten deutet die soziale Unterscheidung aufgrund des Besitzes oder des Fehlens von Pferden an. Die größeren Kotten entstanden vielfach bereits im 13. und 14. Jahrhundert, während die Markkotten vom 15. bis 18. Jahrhundert errichtet wurden. Die Errichtung von Kotten, vor allem auf Markengrund, führte aber vielfach zu Konflikten mit den Altbauern, weil diese fürchteten, dass ihre Nutzungsrechte an den Gemeinheitsflächen geschmälert werden könnten. Deshalb wurde mit Argusaugen über jede Neuansiedlung gewacht. Möglicherweise rührt das geminderte soziale Ansehen der Kötter zu einem gewissen Grad auch hierher. Die Kötter standen allerdings nicht am untersten Ende der ländlichen Gesellschaft. In der sozialen Rangfolge kamen hinter ihnen noch die Brinksitzer und Heuerleute sowie Tagelöhner, Mägde und Knechte. Die größeren Kotten konnten zudem einen recht umfangreichen Gebäudebestand aufweisen, der sich aus Wohnhaus, Scheune, Backhaus, Leibzucht und Heuerhaus zusammensetzte. Die Kötterstätten waren also das verkleinerte Abbild der größeren Bauernstätten.[1]

Gründung kurz vor dem Jahr 1612

Erstmals erwähnt wird der Kotten Fieler in einem Tecklenburger Schatzungsregister von 1621. Damals zahlte Hinrich in dem Wie 10 Schillinge und 6 Pfennige an Schatzung.[2] Dass es sich bei Hinrich in dem Wie um den späteren Kotten Fieler handelt, beweist ein Frondienstregister von 1755, in dem der Kotten als Henrich Wiehemann oder Viggeler bezeichnet wird.[3] Wenn der Kotten Fieler auch erst 1621 erstmals genannt wird, so ist seine Entstehung doch auf die Jahre kurz vor 1612 zu datieren. Denn am 30. Mai 1612 berichtete der Osnabrücker Rentmeister in Iburg der Osnabrücker Regierung, dass die Tecklenburgischen Beamten im Kirchspiel Lienen auf der Grenze (Schnad) in der Nähe von Imhorst (Glandorf-Averfehrden, Bremer Weg 2) und Knapheide (Lienen-Meckelwege 17, heute Glandorfer Damm 57) einem Mann aus Bevern eine Hausstätte nebst acht bis zehn Scheffelsaat – etwa ein Hektar – Land verkauft hatten. Dieser Mann, bei dem es sich um den Nachbarn von Fieler namens Pietig (früher Meckelwege 23, heute Mautweg 3) handelte[4], ließ dann umgehend ein bereits fertig gezimmertes Haus auf einer Reihe von Wagen nachkommen und sogleich errichten. Nach Aussage des Rentmeisters waren in verhältnismäßig kurzer Zeit bereits fünf weitere Kotten in Lienen auf diese Weise errichtet worden, und zwar zum Nachteil der Glandorfer, weil das Vieh der neuen Ansiedler leicht auf „des Kirchspiels Glandorf beste Grasweide, die Wöste genannt“, gelangen konnte.[5] Zu den genannten Kotten, die in kurzer Zeit bis 1612 errichtet wurden, dürfte neben Pietig auch Fieler bzw. Hirnich in dem Wie gehört haben.

Eigenbehörigkeit

Die Besitzer des Kottens Fieler waren dem Tecklenburger Grafen eigenbehörig. Die Grafen waren also sowohl Grund- als auch Leibherr. Für die Überlassung des Kottens musste Fieler Abgaben an den Grundherrn zahlen. Dafür besaß der jeweilige Besitzer ein Erbrecht an der Stätte, so dass er den Kotten an seine Nachkommen weitergeben konnte. Wenn eine Heirat auf dem Kotten bevorstand, musste dem Grafen ein Auffahrtsgeld für die Braut gezahlt werden, wenn ein Bewohner der Stätte verstarb, erbte der Graf die Hälfte des Nachlasses. Diese Abgaben erwuchsen aus seiner Position als Leibherr.[6] Nach 1707 trat der preußische König als Rechtsnachfolger der Grafen von Tecklenburg in diese Stellung ein. Hinzu kamen noch weitere Dienste. 1709 beschwerte sich die Meckelweger Bauern Beineke, Bägener, Knapheide, Franz und Fieler darüber, dass sie über Gebühr für den Postdienst herangezogen wurden. Die genannten Bauern mussten nämlich bereits im 17. Jahrhundert für den Tecklenburger Grafen Briefe von Tecklenburger nach Rheda bringen. Mit dem Herrschaftswechsel 1707 änderte sich nun der Zustellort. Statt wie früher nach Rheda mussten nun ein- bis zweimal in der Woche Briefe nach Bielefeld gebracht werden. Bei ihrem Dienst seien sie früher noch durch drei weitere Kötter in Lengerich und gelegentlich durch Schlosssoldaten in Tecklenburg, die ebenfalls als Läufer eingesetzt wurden, tatkräftig unterstützt worden. Ihre Bitte, die Lengericher Kötter wieder in Dienst zu nehmen, wurde erfüllt.[7]

Landwirtschaft und Viehhaltung

Der Beiname in dem Wie zeigt, dass sich Hinrich Anfang des 17. Jahrhunderts an einem Wald ansiedelte (zu mittelniederdeutsch wide, wede, wie ‚Wald‘).[8] Hier konnte er weiteres Ackerland roden und so seinen anfänglich geringen Grundbesitz erweitern. Dass dieses Vorgehen nicht ohne Konflikte mit den Nachbarn auf Glandorfer Seite vonstattenging, zeigen frühe Streitigkeiten bereits Mitte des 17. Jahrhunderts wegen einiger Grundstücke, die Fieler und Pietig zu ihren Gärten geschlagen hatten.[9] Die Vergrößerung der Stätte dürfte sich aber auch in der Erhöhung der Steuerabgaben spiegeln. 1634 musste Hinderich in der Wie 12 Schillinge und drei Pfennige zahlen[10], also fast zwei Schillinge mehr als noch 1621.

Hinrich in dem Wie oder Fieler setzte aber auch auf Viehhaltung. Seine Tiere konnte er durch die Berechtigung sowohl in der Meckelweger als auch in der Glandorfer Mark (Allmende; Gemeinheitsbesitz) versorgen. Sogar am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648), im Jahr 1643, hatte Hinrich Wyheman drei Kühe.[11] 1688 nannte Fieler auch Pferde sein eigen. Im Sommer dieses Jahres pfändeten die Markgenossen der Glandorfer Bauerschaft Averfehrden das von den Meckelwegern eigenmächtig auf das Glandorfer Moor zur Weide getrieben Vieh, insgesamt sieben Pferde und 12 „Kuhbiester“. Unter anderem wurden damals auch Viehlers Pferde gepfändet – und zwar mit der Begründung, „weil an selbigem Kotten niehmalen Pferde gewesen“. Die Glandorfer gestanden Fieler also keine Pferdehaltung zu, weil sie ihre eigenen Ressourcen dadurch gefährdet sahen. Die Pferde wurden aber bereits am nächsten Tag kostenfrei zurückgegeben.[12] 1673 musste Hinrich Wiehemann zwei Pachthühner an den Tecklenburger Grafen zahlen.[13] Es wurde also auch Federvieh auf der Stätte gehalten.

Bewohner der Stätte

1723 lebten auf dem Hof ein Hinrich in Wier, seine Frau und ein Kind über 10 Jahren.[14] 1731 heiratete Johan Everdt Henrich in der Wiehe eine Anna Engel Pietig.[15] 1755 wohnten auf dem Kotten des Henrich Wiehmann dessen Frau, ein Verwandter, der über 60 Jahre alt war, ein Sohn über 12 Jahren, zwei Töchter unter 12 Jahren sowie die Witwe des Joost Hastmann, die noch unter 60 Jahren war.[16] 1773 lebten Johann Bernhard Fieler und dessen Frau Anna Margaretha auf dem Kotten. Sie hatten zwei Kinder und auch die Eltern Wilhelm und Engel Fieler lebten mit ihnen unter einem Dach.[17] Nachdem seine erste Frau gestorben war, heiratete der Witwer Johann Bernhard 1798 erneut, und zwar die Witwe Anna Maria Nieremers (Niemöller) aus Lienen-Holzhausen. Im am 27. März geschlossenen Ehevertrag versprach die Braut, die Auffahrtsgelder an den Grundherrn, den preußischen König, zu bezahlen. Den Eheleuten wurden 14 Wirtschaftsjahre eingeräumt. Nach deren Ablauf sollte der aus erster Ehe stammende, damals 14 Jahre alte Sohn die Stätte ungehindert übernehmen können. Sofern die Braut ihren Mann überleben würde, sollte sie jährlich drei Pistolen (Geldeinheit) oder zwei Scheffelsaat Landes an der Westseite auf dem Kampe, ferner das nötige Leinenzeug sowie eine Kuh im Stall und ein Huhn auf der Diele und überdies einen „Anspann“, also das Nutzungsrecht an einer Kutsche erhalten, um auf Verwandtenbesuch fahren zu können.[18]

Gebäude und Flächen der Stätte

Im Siebenjährigen Kriege (1756–1763) wurde die Stätte von französischen Truppen niedergebrannt und musste neu aufgebaut werden.[19] Trotzdem wurde bereits 1776 ein neues sieben Fach  großes neues Zweiständer-Fachwerkaus errichtet (Fach = Raum zwischen den Balken eines Fachwerkhauses).

Der Wert der Fielerschen Stätte wurde 1784 auf 740 Reichstaler veranschlagt. Das Wohnhaus wurde mit 100 Reichstalern bewertet, eine Scheune mit 20, das Ackerland mit 560, das Wiesen- und Weideland mit 20 und das Gartenland mit 40 Reichstalern. An Flächen gehörten ein Malter- und sechs Scheffelsaat zum Kotten, wovon ein Malter und vier Scheffelsaat Ackerland waren.[20] Erst nach der Markenteilung Anfang des 19. Jahrhunderts konnte Ernst Rudolph Fieler seinen Grundbesitz wesentlich um 47 Morgen vergrößern.[21] Ernsts Sohn Friedrich Jacob Fieler, geboren am 19. Februar 1844, und seine Frau Katharina Wilhelmine Elisabeth Möller (verheiratet 1875[22]) verkauften Anfang 1881 die Städte an Heinrich Schierhölter. Fielers verzogen nach Ledde, wo sie den Hof Bünte übernahmen.[23] 1882 ließ Schierhölter den Kotten umbauen.

 

[1] Vgl. dazu: Heinrich Stiewe, Kleinkötter, Hoppenplöcker und Straßenkötter. Vom Hausbau der „kleinen Leute“ in Lippe, in: Dörfliche Gesellschaft und ländliche Siedlung, hrsg. v. Uta Halle u.a., Bielefeld 2001, S. 146–174.

[2] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 64. Wilhelm Wilkens bringt die Stätte mit einer angeblich 1590 genannten Anna vor dem Wiehe in Verbindung. Da aber diese Anna auch noch 1621 und später neben Hinrich in dem Wie genannt wird, kann diese Gleichsetzung nicht stimmen. Wilhelm Wilkens, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 268. Vgl. dagegen Christof Spannhoff, Der Ortsname Meckelwege, in: Ders., Alles für die Katz’? Eine historische Anthologie zum Jubiläum „700 Jahre Kattenvenne“, Norderstedt 2013, S. 92–100, hier S. 98, Anm. 37.

[3] Bernhard Messing, Geschichte der Familie und des Hofes Schierhölter in Glandorf, Münster 1926, S. 59 u. 88, Endnote 262.

[4] Christof Spannhoff, Die Bauernstellen Krämer und Pietig wurden 2012 400 Jahre alt, https://christofspannhoff.wordpress.com/2014/12/04/die-bauernstellen-kramer-und-pietig-wurden-2012-400-jahre-alt/

[5] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 74, Endnote 19.

[6] Vgl. dazu: Christof Spannhoff, „in Gnaden erlaßen und in völlige Freyheit gesetzet“. Freibriefe für Lienener Einwohner als genealogische und sozialhistorische Quelle, Norderstedt 2009.

[7] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Akten 216, Bl. 165 f.; Messing, Geschichte Schierhölter, S. 60 f.

[8] Siehe dazu ausführlich Spannhoff, Meckelwege, S. 92–100.

[9] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 88, Endnote 261.

[10] Leesch, Höferegister, S. 65.

[11] Ebd., S. 124.

[12] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 60.

[13] Leesch, Höferegister, S. 143.

[14] Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. 1, Norderstedt 2007, S. 433.

[15] Wilhelm Wilkens, Die drei Wiehe-Höfe in Meckelwege, Westfälische Nachrichten/Tecklenburger Landbote Nr. 191 vom 17.08.1996 (nach den Lienener Kirchenbüchern).

[16] Leesch, Höferegister, S. 203.

[17] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 60.

[18] Gemeindearchiv Lienen, Fach 29, Nr. 2.

[19] Wilkens, Lienen, S. 268.

[20] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 61.

[21] Ebd., S. 61. Ernsts Frau war Catharina Gertrud Altevogt. Ein Sohn, Rudolf Wilhelm, wanderte 1841 nach Amerika aus. Friedrich Ernst Hunsche, Auswanderer-Chronik der Gemeinde Lienen, Lengerich 1990, Nr. 712.

[22] Wilkens, Lienen, S. 268.

[23] Messing, Geschichte Schierhölter, S. 61. Wilkens, Lienen, S. 268 nennt das Jahr 1882.

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