Sunedersunort – ein angeblicher Lienener Flurname

Von Dr. Christof Spannhoff

In der Edition der mittelalterlichen Lehnbücher der Bischöfe von Osnabrück, die 1932 von Hermann Rothert besorgt worden ist, findet sich auch das Lehnbuch des Bischofs Heinrich von Holstein, das aus den Jahren 1402 bis 1404 stammt. Überliefert ist das Dokument lediglich in einer einzigen Abschrift, die in der Mitte des 15. Jahrhunderts angefertigt wurde. Grundlage der Edition von Rothert war also kein Originaldokument, sondern eine freilich zeitnahe, aber doch spätere Kopie – und durch das handschriftliche Abschreiben können sich Fehler in den Text einschleichen, vor allem bei Eigennamen von Örtlichkeiten oder Personen, die dem Kopisten nicht geläufig waren. Auf Seite 69 der Edition wird vermerkt, dass Haseke de Varendorpe vom Bischof mit mehreren Gütern belehnt wurde. Unter anderem finden sich darunter auch Besitzungen in Lienen (heute Kreis Steinfurt): die casa Tobeken to den Mekelvelde, ein Fischteich (piscina) Hilghemannes und eine Besitzung namens Sunedersunort, ferner ein Anwesen genannt der Borgherwort im Kirchspiel Lienen (Rothert, S. 69). Doch was verbirgt sich hinter dem Örtlichkeitsnamen Sunedersunort.

Deutungen aufgrund der Form Sunedersunort

Bisher ist der Name als Flurname gedeutet worden, der mit dem Grundwort mittelniederdeutsch ord / ort ‚Spitze, Ecke, Winkel‘ gebildet wurde (Schütte, S. 500). Nach Wilhelm Wilkens deutet der Name auf „weites sumpfiges Gelände“ hin. Er schreibt: „nederort, durch doppeltes sun als besonders naß charakterisiert“ (Wilkens, S. 262). Doch lässt Wilkens den Leser im Unklaren, welche genaue Bedeutung die von ihm isolierte Lautgruppe „sun“ denn haben soll bzw. woher er das vermeintliche Wort und woraus er seine Bedeutung gewonnen hat. Es wird sich herausstellen, dass die Deutung von Wilkens bereits von einer falschen Lautform ausgeht und allein schon deshalb gegenstandslos ist.

Falsche Lesart

Es handelt sich bei der Form Sunedersunort um eine falsche Lesung des Namens. Bereits im Register zur Edition der mittelalterlichen Lehnbücher der Osnabrücker Bischöfe, das 1935 von Joseph Prinz erstellt wurde, findet sich diese Form des Namens nicht. Prinz schreibt Sunedersuuort (Prinz, S. 139). Hinzu tritt eine Urkunde vom 12. November 1412, aus der hervorgeht, dass vor Albert Stedebrent, Richter zu Herford, Hinrich Ledebur und seine Frau Elzike sowie Hinrich, beider Sohn, mit Zustimmung ihrer Kinder Lenike und Gosten, dem Johan Korve (Korff), Sohn des verstorbenen Herman Korve, und seiner Frau Leniken für 400 Rheinische Gulden zahlreiche Güter verkauften, darunter: Flakken Kotten zu Mekelwede in Lynen, Hilghenmannes Dick, Sweders Haus und Borgners Haus ebendort. Diese Güter stammten aus dem Besitz des verstorbenen Amelung von Varendorpe (Spannhoff, S. 596). Es handelt sich also um dieselben Güter, mit denen Haseke de Varendorpe 1402/1404 vom Osnabrücker Bischof belehnt wurde. Das vermeintliche Sunedersunort ist also identisch mit Sweders Haus von 1412. Das bedeutet Folgendes: Sunedersunort muss als *Suuedersuuort gelesen werden. Da sich n und u im spätmittelalterlichen Schriftbild sehr ähnlich sehen, sind sie hier verwechselt worden (vgl. auch die von Joseph Prinz angeführte Form!). Zwei aufeinanderfolgende uu stehen allerdings für den Lautwert von w (vgl. den englischen Ausdruck für den Buchstaben w = double-u). Somit ergibt sich die Form *Swederswort.

Deutung

Aufgrund der im Lehnbuch von 1402/1404 direkt nachfolgend genannten Örtlichkeit Borgherwort ist der Name *Swederswort folgendermaßen zu erklären: Der Name ist – wie auch Borgherwort – ein Kompositum mit dem Grundwort word, wort, wurt ‚Hausgrundstück, Hausstätte, eingezäunte Hofstätte‘ (Schütte, S. 694-697; Schiller/Lübben V, S. 790). Im Bestimmungswort begegnet der Rufname Sweder im Genitiv mit Zeichen der starken Flektion -s- (Hartig, S. 214). Der Name ist also als „Hausstätte / Hofstätte eines Sweder“ zu erklären (vgl. auch die 1412 erscheinende Form Sweders Haus, die diese Deutung bestätigt). Somit gibt der Name *Suuedersuuort keinen Hinweis auf ein „weites sumpfiges Gebiet“, den Wilhelm Wilkens dem Namen entnehmen will. Und wieder ist ein vermeintlicher Lienener „Sumpf“, der durch die laienhafte Erklärung eines Ortsnamens erfunden worden ist, durch eine eingehendere Analyse „trockengelegt“ worden!

Quellen und Literatur

  • Hartig, Joachim, Die münsterländischen Rufnamen im späten Mittelalter, Köln u.a. 1967.
  • Prinz, Joseph (Bearb.), Die mittelalterlichen Lehnbücher der Bischöfe von Osnabrück. Register, Osnabrück 1935 (im Nachdruck Osnabrück 1977 als Anhang eingebunden).
  • Rothert, Hermann (Bearb.), Die mittelalterlichen Lehnbücher der Bischöfe von Osnabrück, Nachdruck d. Ausg. Osnabrück 1932-35, Osnabrück 1977.
  • Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881.
  • Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, Münster 2007.
  • Spannhoff, Christof (Bearb.), Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, Bd. 1, Norderstedt 2007.
  • Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004.

 

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