Finkener – der Vogelfänger

Von Dr. Christof Spannhoff

Unsere Familiennamen sind ein bemerkenswertes Stück Kulturgeschichte. Sie sind in der Vergangenheit entstanden und somit oftmals Relikte einer uns heute fremden Lebenswelt. Das gilt auch für den Familiennamen Finkener. Die Träger dieses Namens im Tecklenburger Land stammen von der gleichnamigen Hofstätte in Lienen, Holzhausen 19, heute Kattenvenner Str. 86 (Rethemeyer). Die historischen Belege des Namens offenbaren seine ursprüngliche Bedeutung: 1580 Vinckenfenger, 1621 Vinckenfenger, 1634 Finkenfenger, 1643 Finckener.[1] Der Name Finkener ist also aus einer Berufsbezeichnung entstanden. Der Finkenfänger war aber nicht ausschließlich auf das Fangen von Finken spezialisiert, sondern mit diesem Begriff wurde im Allgemeinen der Vogelfänger bezeichnet.[2] Der erste Träger des Namens Finkener verdiente also seinen Lebensunterhalt mit dem Fangen von Vögeln. Diese Tätigkeit brachte ihm seinen Namen ein. Später änderte sich allerdings die Bildungsweise des Namens. Handelte es sich ursprünglich noch um eine Zusammensetzung aus den beiden selbständigen mittelniederdeutschen Wörtern vinke ‚Fink, Vogel‘[3] (im Genitiv Singular oder Nominativ/Genitiv Plural) und fenger ‚Fänger‘ (Nomen agentis zu vangen ‚fangen‘)[4], so erscheint der Name später als Ableitung mit -er-Suffix zur „Täterbezeichnung“ (Nomen agentis, also derjenige, der etwas tut), vom mittelniederdeutschen Wort vinke ‚Fink, Vogel‘.

Der Vogelfang wurde im Münsterland vor allem in den Heide- und Moorgebieten als Zuerwerb von ärmeren Menschen ausgeführt. Die gefangenen Vögel dienten aber nicht der Erweiterung des eigenen Speisezettels, sondern wurden als Delikatesse verkauft. Besonders begehrt war die Wacholderdrossel, auch Krammetsvogel genannt, weil ihr Fleisch durch ihre Hauptnahrung – die Wacholderbeeren – ein besonderes Aroma hatte. Die kleinen Singvögel wurden mit allen Innereien gegessen. Allenfalls der Magen wurde vor dem Verzehr entnommen.

Doch war der Vogelfang kein leichtes Unterfangen. Zunächst einmal durfte nicht jeder eine Vogelfalle, den sogenannten Vogelherd, einrichten. Dazu war eine besondere Berechtigung notwendig, die z.B. an bestimmte Höfe gebunden war. Zudem war die Fangzeit auf wenige Wochen im Herbst begrenzt. Anfang Oktober trafen große Schwärme von Wacholderdrosseln in die Heidegebiete Norddeutschlands ein, die aus Skandinavien kamen und auf dem Weg nach Süden hier Station machten. Zu dieser Zeit war ihre Lieblingsspeise – die Wacholderbeeren – gerade reif geworden. Um aber die Wacholderdrosseln fangen zu können, bedurfte es sorgfältiger Vorbereitung, Geduld und Reaktionsvermögens. Zunächst musste ein Vogelherd eingerichtet werden. Dazu wurden die umgebenden Bäume entastet und entrindet, so dass sie abstarben und nur noch kahle Baumstämme in den Himmel ragten. Der Anflug der Vögel wurde somit nicht durch Äste oder Laub gestört. Zudem mussten die Wacholderdrosseln angelockt werden. Dazu diente das sogenannte Gestrick. Dabei handelte es sich um ein kleines Beet, das sehr dicht mit kurzen Zweigen voller Wacholderbeeren besteckt wurde. Zudem wurden noch zahlreiche Beeren ausgelegt. Doch die Menge der Lieblingsspeise allein reichte nicht aus. Der Vogelfänger lockte die Krammetsvögel auch noch mit zahmen Artgenossen an, die durch ihr Flattern und Singen die wilden Tiere auf den vorbereiteten Platz aufmerksam machten. Diese Lockvögel hatte der Vogelfänger in früheren Jahren gefangen, mit nach Hause genommen und dort gezähmt. Sie wurden sowohl in Käfigen neben dem Fangplatz aufgestellt als auch mit Ledergeschirr und Leine an einem sogenannten Wippbalken angebunden. Der Balken war beweglich. Nahte ein Vogelschwarm, ließ der Vogelfänger den Balken „wippen“, so dass die an ihn angebundenen Vögel den Boden unter den Füßen verloren und zu flattern und singen begannen.

Ließ sich dann eine wilde Wacholderdrossel auf dem Gestrick nieder, wurde sie mittels eines Fangnetzes gefangen. Das Netz funktionierte wie eine Mausefalle. Durch federnde Seile, die mit einem Abzugsriegel verbunden waren, konnte das Netz blitzschnell über das gesamte Gestrick geklappt werden – und die Krammetsvögel waren darunter gefangen. Mit einem Schlag konnten so zwanzig bis dreißig Drosseln gefangen werden.

Doch auch der Vogelfänger selbst musste sich tarnen, um die Vögel nicht zu verschrecken. Neben dem Gestrick wurde dazu ein Unterstand errichtet, der „Hoffnungskuhle“ genannt wurde. Sie ragte nur als kleiner Hügel empor und war mit Gras- und Heidesoden, sogenannten Plaggen, abgedeckt. Von seinem Versteck aus konnte er durch eine Klappe den Himmel beobachten und durch einen schmalen Schlitz das Gestrick im Auge behalten. Von seinem Versteck aus konnte der Vogelfänger auch den Wippbalken und den Abzugsbalken bedienen.

1929 wurde dem Vogelfang durch ein Naturschutzgesetz ein Riegel vorgeschoben und die letzten Vogelfänger mussten ihre Tätigkeit endgültig einstellen.[5]

An den Vogelfang in der Region erinnert neben dem Familiennamen Finkener heute noch das vom Heimatverein Lienen aufgestellte Denkmal des „Krammetsvogelfängers“ am Haus des Gastes am Dorfteich.

Zum Thema: Krammetsvogel

Die regionale Bezeichnung Kammetsvogel für die Wacholderdrossel ist durch Verschleifung aus mittelhochdeutsch kranewitvogel (14. Jahrhundert) entstanden. Das Wort gehört wiederum zu mittelhochdeutsch kranewite, mittelniederdeutsch *kranewide ‚Wacholder‘. Eigentlich bedeutet kranewite soviel wie ‚Kranichholz‘, da es aus den Bestandteilen kran ‚Kranich‘ und wite ‚Holz, Wald‘ zusammengesetzt ist. Die Bezeichnung entstand vermutlich deshalb, weil – neben der Wacholderdrossel – auch der Kranich die Beeren des Wacholders gern frisst. Möglicherweise war aber auch der Vergleich der hochgewachsenen, schlanken Wacholderbüsche mit dem langen Hals des Kranichs ausschlaggebend. Aufgrund dieser Ähnlichkeit heißt nämlich das Hebewerkzeug Kran ebenfalls nach dem Vogel.[6]

[1] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 62f., 123.

[2] Karl Schiller u. August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. V, S. 257.

[3] Ebd., S. 256f.

[4] Ebd., S. 197f.

[5] Hermine von Hagen, Der Vogelfang war bescheidener Zuerwerb, in: Damals auf dem Lande, hrsg. von Hermine von Hagen, 4., durchges. Aufl., Münster-Hiltrup 1990, S. 116–118.

[6] Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002, S. 534.

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