Der Ursprung des Familiennamens Menebröker

Von Dr. Christof Spannhoff

Unsere heutigen Familiennamen können einen spannenden Einblick in die Vergangenheit geben, so auch der Familienname Menebröker.

Familiennamen aus Flurnamen

Der Familienname geht auf einen gleichnamigen Hof in Leeden zurück (Leesch, S. 175). Es handelt sich um eine Ableitung mit dem niederdeutschen Suffix –ker (mit Assimilation des zweiten k) oder –er zur Täterbezeichnung (wie z.B. Gründ-ker ‚derjenige, der im Grunde – einer Bodenvertiefung – wohnt‘; Bäum-ker ‚derjenige der am Schlagbaum wohnt‘; oder: Brau-er ‚derjenige, der braut‘; Web-er ‚derjenige, der webt‘ etc.). Der Name wurde abgeleitet von einem zwingend vorauszusetzenden Flurnamen *Menebrôk. Der Hof Menebröker befand sich in der Nähe zu diesem *Menebrôk und diese Lage motivierte die Benennung des Hofes und der dort lebenden Familie. Doch was hat man sich unter einem *Menebrôk vorzustellen? Der Flurnamen ist eine Zusammensetzung (Kompositum) aus zwei Wörtern mit dem Grundwort mittelniederdeutsch brôk ‚Bruch: eine tiefliegende von Wasser durchsetzte und mit Gehölz bestandene Fläche, Sumpf‘ (Schiller-Lübben I, S. 427f.).

Doch um welche Art Sumpf handelte es sich? Was bedeutet das Bestimmungswort mene? Zur Beantwortung dieser Frage hilft der Vergleich mit ähnlich gebildeten Namen weiter. So gibt es einen Hof Mennewisch in Westerkappeln (Leesch, S. 14, 16). Auch diesem Namen geht eine Flurbezeichnung voran, die zu mittelniederdeutsch wisch oder wisk(e) ‚Wiese‘ zu stellen ist (Schiller-Lübben V., S. 739). Zu diesen Namen gesellt sich auch der Ortsname Melle (Landkreis Osnabrück), der 1169 in der Form Menele, 1217 als Menelo erscheint (Wrede II, S. 39). Das Grundwort ist in diesem Fall mittelniederdeutsch (h) ‚Gehölz, Busch in Niederwaldwirtschaft‘ (Schiller-Lübben II, S. 709f.). Als Bestimmungswort findet sich in allen drei Namen entweder das mittelniederdeutsche Adjektiv mên, meine ‚allgemein‘ oder das Hauptwort mene ‚Gemeinschaft‘ (Schiller-Lübben III, S. 65), die beide auch in den mittelniederdeutschen Wörtern men(e)dênst ‚Gemeindienst‘, menemarket ‚gemeine Mark‘, menemester ‚Vorsteher der Gemeinschaft‘, menewerk ‚Gemeinwerk, -lasten‘, mênsamheit, mênsaminge, mênschoppinge ‚Gemeinschaft‘ und mênheit ‚Gemeinheit‘ verfugt sind (Schiller-Lübben III, S. 63-72). Ein menelo war also der gemeinsam genutzte Wald, eine mennewische die gemeinschaftlich genutzte Wiese und ein *Menebrôk eben die zusammen genutzte sumpfige Gehölzfläche.

Die „Markgenossenschaft“

Diese Form einer Sozial- und Wirtschaftsgemeinschaft wird als „Markgenossenschaft“, die Mitglieder derselben als „Markgenossen“ (mittelniederdeutsch markenoten, latinisiert commarchiones) bezeichnet (Waldwörterbuch, S. 98). Die Markgenossen bewirtschaften gemeinschaftlich die nicht ackerbaulich genutzten Flächen, die sogenannten Marken oder Allmenden, in extensiver Weise zur Viehweide, zum Holzhieb für Brenn- und Bauholz und zum Plaggenstich (Plagge = Gras-, Heide- oder Torfsode, die mit Stalldung zur Düngung der Äcker vermengt wurde; Waldwörterbuch, S. 109). Ein Hinweis auf eine solche Wirtschaftsform findet sich für die Region recht früh bereits im Jahr 1118. Damals tagte ein Holzgericht (Hölting) in Oeseder Bauerschaft Dröper (heute Stadt Georgsmarienhütte), während dessen Abhaltung ein Vertrag zwischen dem Kloster Iburg und den ansässigen Markgenossen geschlossen wurde, in dem die Nutzungsrechte des Klosters an Mast und Holz in den Gemeinschaftsflächen festgelegt wurden (OUB I, Nr. 230).

Konflikt zwischen Bauern und Bischof

Ein ebenfalls früher Beleg für eine Markgenossenschaft stammt aus der Lebensbeschreibung („Vita Bennonis“) des Osnabrücker Bischofs Benno II (+ 1088) vom Anfang des 12. Jahrhunderts. Im 14. Kapitel wird berichtet, dass während Bennos I. Regierung (1052-1067), Bennos II. Vorgänger im Bischofsamt, die Markgenossen von Glane (heute Stadt Bad Iburg) in einem Jahr reicher Eichelernte, ihre Schweine zur Mast in den Iburger Burgberg trieben und außerdem Eicheln zur späteren Vorratshaltung in Säcken sammelten und wegschafften. Über dieses Vorgehen gerieten die Beteiligten mit dem Osnabrücker Bischof in Streit, weil dieser meinte, dass der Iburger Burgberg kein Gemeinheitswald sei, der von den Glaner Markgenossen genutzt werden konnte, sondern sein privates Eigentum.

Die gemeinschaftliche, extensive Nutzung natürlicher Rohstoffe hat also bereits eine sehr lange Geschichte und der Familienname Menebröker erinnert noch an diese vormoderne Sozial- und Wirtschaftsform. Zudem belegt die Zusammensetzung des Names mit dem Bestimmungswort mene und dessen Bedeutung, dass es sich bei einer Flur, die mit dem Wort brôk bezeichnet wurde, nicht um eine ungenutzte, unwirtliche Fläche abseits menschlicher Siedlung handelte, sondern dieses Gebiet durchaus in landwirtschaftlicher, wenn auch nur extensiver, gemeinschaftlicher Nutzung stand.

Quellen und Literatur

  • Leesch = Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974.
  • OUB I = Philippi, Friedrich u.a., (Bearb.), Osnabrücker Urkundenbuch, 7 Bde., Osnabrück 1892-1996, Bd. I: Die Urkunden der Jahre 772 – 1200, Osnabrück 1892.
  • Schiller-Lübben = Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881.
  • Waldwörterbuch = Bei der Wieden, Brage; Borgemeister, Bettina, Niedersächsisches Waldwörterbuch. Eine Sammlung von Quellenbegriffen des 11. bis 19. Jahrhunderts, Melle 1993.
  • Wrede, Ortsverzeichnis = Wrede, Günther, Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975-1980.

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