Averfehrden – Siedlung jenseits der Übergangsstelle

Von Dr. Christof Spannhoff

Ortsnamen erzählen Geschichte. Die in ihnen enthaltenen Bezeichnungen geben uns Auskunft über die Beschaffenheit der Landschaft unserer Heimat zum Zeitpunkt der Namengebung, verweisen auf menschliches Siedeln, Kultivieren und Wirtschaften und verraten uns etwas über die verkehrsgeographischen oder sozialen und rechtlichen Gegebenheiten vergangener Zeiten. Weil die Wörter, mit denen die Ortsnamen gebildet wurden, häufig einer wesentlich älteren Sprachstufe angehören und uns heute fremd erscheinen, ist die Deutung von Ortsnamen nicht immer einfach. Hinzu kommt, dass sich Namen im Laufe der Zeit durch sprachliche Prozesse wandeln können und somit ihre ursprüngliche Bedeutung in ihrer heutigen Form nicht mehr erkennbar ist. Deshalb ist die Suche nach den ältesten Belegen eines Ortsnamens unabdingbare Voraussetzung, wenn man seiner Bedeutung auf die Spur kommen möchte.

Älteste Belege des Namens sind unabdingbare Voraussetzung

Welche ursprüngliche Bedeutung verbirgt sich aber hinter dem Ortsnamen Averfehrden bei Glandorf (Landkreis Osnabrück)? Die ältesten Belege des Namens reichen ins 16. Jahrhundert zurück. Auervierde (1565), Auervehrden (nach 1605), Auerue(h)rder Bauerschaft (1601/1634), Auerferde (1651), Averfehrde (1723), Averfehrden (1772), Aververden (1772), Averfehrte (1788, 1808), Averfehrdten (1811) und Averfehrden (1821, der Buchstabe u repräsentiert in den älteren Belegen den Lautwert von v).

Averfehrden hieß vor dem 16. Jahrhundert Nordendorp

Die mit diesem Namen bezeichnete Siedlung (Bauerschaft) hieß vor dem 16. Jahrhundert Nordendorp: to den Nordendorpe in parr.[ochia] Glandorpe (1402), Nordendorp (1512, unter Westendorf), Narendörfer (1751, zu den Belegen der Namens Averfehrden und Nordendorp siehe: Wrede, Ortsverzeichnis I, S. 37.).

Der Name Nordendorp enthält im Grundwort altsächsisch thorp, mittelniederdeutsch dorp, althochdeutsch dorf in der Bedeutung ‚Siedlung, Wohnstätte, Dorf‘. Das Wort Dorf kann dabei Siedlungsplätze vom Einzelhof (vgl. z.B. den Hofnamen Austrup) bis zur größeren Gruppensiedlung bezeichnen (Derks, Gladbeck, S. 77).

Glandorf ist geographischer Bezugspunkt

Das Bestimmungswort des Namens ist mittelniederdeutsch norden in der Bedeutung ’nördlich, nach Norden hin gelegen‘. Wie die Namen der Glandorfer Bauerschaften Sudendorf (die nach Süden hin gelegenen Siedlung, mit mittelniederdeutsch suden – ’südlich gelegen‘ im Bestimmungswort) und Westendorf (die nach Westen gelegene Siedlung, mit altsächsisch westan, mittelniederdeutsch westen – ‚von Westen, nach Westen, im Westen‘ im Bestimmungswort) zeigen, ist der geographische Bezugspunkt für die Motivierung des orientierten Siedlungsnamens ‚Nordendorp‘ ebenfalls der Kirchort Glandorf.

Auch der Name Averfehrden ist ein orientierter Siedlungsname, der ebenfalls die Glandorfer Kirche als geographischen Bezugspunkt hat. Sein Bestimmungswort ist mittelniederdeutsch over ‚über, jenseits‘. Die Schreibung von a für o, wie sie sich hier im Wechsel zwischen aver und over (vgl. die beiden noch heute in Hof- und Siedlungsnamen konservierten Varianten: Averbeck, Averdiek, Averesch, Averhage, aber Overbeck [bei Ladbergen]) darstellt, ist ein im Niederdeutschen vom Nordniedersächsischen ausgehendes Phänomen des 15. Jahrhunderts. Es handelt sich um die Zerdehnung von kurzem o zu langem a in offener Tonsilbe. In den westfälischen Dialekten konnte sich diese Zerdehnung von o für a jedoch nicht völlig durchsetzen. (Vgl. Derks, Gladbeck, S. 47f. und Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, §§ 88 u. 89, 1).

Siedlung jenseits des Weges oder der Übergangsstelle

Das Grundwort des Siedlungsnamens ist das gleiche wie im Namen Verden (an der Aller). Dieser Ort wird 810 Verdi, 932 als Ferdiun erwähnt und bedeutet ‚bei den Leuten an der Überfahrtsstelle‘ zum altsächsischen Substantiv fard, Dativ bzw. Lokativ ferdi ‚Weg, Übergangsstelle‘, das vom altsächsischen Verb faran ‚gehen, fahren‘ abgeleitet ist [Berger, S. 282]. Der Name Averfehrden bedeutet also ‚Siedlung jenseits [von Glandorf aus gesehen] des Weges oder der Übergangsstelle‘.

Literatur:

  • Wrede, Ortsverzeichnis = Wrede, Günther, Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975-1980.
  • Derks, Gladbeck = Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Gladbeck in Westfalen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchung, Gladbeck 2009.
  • Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik = Lasch, Agathe, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2. unveränd. Aufl., Tübingen 1974.
  • Berger = Berger, Dieter, Geographische Namen in Deutschland. Herkunft und Bedeutung der Namen von Ländern, Städten, Bergen und Gewässern, 2. überarb. Aufl., Mannheim u.a. 1999.

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