Der Westerkappelner Bachname Hischebach

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie ist der Westerkappelner und Wersener Bachname Hischebach zu erklären? In der Vergangenheit hat der Verfasser den Gewässernamen zu mittelniederdeutsche heesche ‚heiser, schwer atmend‘[1] gestellt und somit als ursprüngliches Benennungsmotiv des Namens das Fließgeräusch des Baches vermutet.[2] Allerdings haben sich nunmehr historische Belege angefunden, die von dieser Erklärung Abstand nehmen lassen.

Am Hischebach lag auf Wersener Gebiet auch die sogenannte Hischemühle, die vermutlich mit dem Wasser des Hischebachs betrieben wurde. Diese Mühle wird in einem Tecklenburger Lehnsverzeichnis aus dem Jahr 1541 zweimal erwähnt – und zwar in einem lateinischen Eintrag als Hysekemollen in parochia Wersen[3], also ‚Hysekemollen im Kirchspiel Wersen‘, und in einer mittelniederdeutschen Notiz als de Hizekemollen im kerspel van Wersen[4]. Eine frühere Belehnung mit der Mühle fand bereits 1490 statt, so dass die Mühle schon damals bestanden haben muss.[5]

Dass der Name dieser Hysekemollen mit dem Hischebach in Zusammenhang steht, zeigt die weitere Entwicklung des Namens der Mühle bzw. ihres Besitzers:

1580 Hißkemoller

1621 Hißkemoller

1634 Hißkemöller

1643 Hiskemoller

1755 Hiskemöller

1774 Hischemöller

1831 Hischemöller[6]

Die Belege von 1774 und 1831 zeigen das gleiche Bestimmungswort wie im Namen Hischebach. Somit ist bei den Namen von Mühle und Bach vom gleichen Ursprung auszugehen.

Die älteren Belege aus dem Jahr 1541 zeigen allerdings auch, dass der Name Hysekemollen bzw. Hizekemollen und somit auch der Name des Hischebachs anders als bisher erklärt werden müssen. Es ist nämlich weniger an mittelniederdeutsch heesche ‚heiser, schwer atmend‘ zu denken als an einen spätmittelalterlich belegten niederdeutschen männlichen Rufnamen Hisko, Hisseke, Hyseke, Hysseke[7] oder den entsprechenden Frauennamen Hisseke, Hissika[8].

Daraus ergibt sich, dass es sich bei der Hysekemollen bzw. Hizekemollen um die Mühle eines Besitzers Hisko u.ä. oder einer Besitzerin Hissika gehandelt hat. Eher als der Müller bzw. die Müllerin ist hier der Grundherr / die Grundherrin der Mühle anzunehmen.[9]

Der Bach hat seinen Namen dann entweder von der Mühle (dann wäre eine Klammerform anzunehmen: *Hysekemollenbach > durch Ausfall des Mittelgliedes zu *Hysekebach > Hischebach) oder direkt von dem Besitzer / der Besitzerin (‚Bach eines Hisko, einer Hissika‘) erhalten, dem auch die Mühle gehörte.

Ein Problem ergibt sich allerdings aus dieser Erklärung: Wenn ein Rufname im Bestimmungswort des Namens vorliegt, müsste er eigentlich im Genitiv erscheinen, also in diesem Fall Hisken-. Evtl. ist das n bereits vor der ersten schriftlichen Erwähnung des Namens geschwunden, und zwar aus Gründen der Sprecherleichertung, da durch die Kombination mit dem Grundwort -molle/-möller m auf n folgt, also zwei Labiale aufeinandertrafen.

Oder sollte etwa im Bestimmungswort kein Rufname vorliegen, sondern das mittelniederdeutsche Wort hîsch, hîsche, hisk, hiske ‚Rechtsgemeinschaft, Geschlecht, Familie, Familiengemeinschaft, Haus, Hausgemeinschaft, Hausstand, Ehepaar mit den Familienangehörigen und dem Gesinde, Familienzweig, Erbstamm, Mietspartei‘[10] ?

[1] Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. 2, S. 258f.

[2] Spannhoff, Christof, Düte – der rauschende Flusslauf, in: Ders., Von Schale bis Lienen. Streifzüge durch die Geschichte des Tecklenburger Landes, Norderstedt 2012, S. 68f.; Ders., Namen sind Nachrichten. Die Ortsbezeichnungen in Westerkappeln erzählen Geschichte(n), in: Unser Kreis 2011. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 24 (2010), S. 66–73. Ich nehme diese Erklärung hiermit ausdrücklich zurück.

[3] Bockhorst, Wolfgang, Ein Tecklenburger Lehnsverzeichnis von 1541, in: Tradita Westphaliae, hrsg. v. Wolfgang Bockhorst, Münster 1987, S. 155–219, hier Nr. 61, S. 176.

[4] Ebd., Nr. 146, S. 188.

[5] Ebd.; Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, Urkunden, Nr. 332a.

[6] Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974, S. 80, 81, 82, 130, 213, 266, 322.

[7] Klatt, Ingeborg, Das s-(z-)Suffix als Bildungssuffix. Ein Beitrag zu seiner Herleitung unter besonderer Berücksichtigung der niederdeutschen Personennamen, Berlin 1938, S. 123 mit Belegen aus dem Groninger Urkundenbuch, Nr. 1067 (1400), 1092 (1401), 1182 (1404) und 1074 (1400).

[8] Hartig, Joachim, Die münsterländischen Rufnamen im späten Mittelalter, Köln u.a. 1967, S. 180.

[9] Linde, Roland, Ortsnamen und Grundherrschaft im Frühmittelalter. Das Beispiel des Tafelgutes der Bischöfe von Paderborn, in: Total Regional: Studien zur frühneuzeitlichen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift für Frank Göttmann zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Mareike Menne u. Michael Strohmer, Regensburg 2011, S. 33–52; Schubert, Ernst, Entwicklungsstufen der Grundherrschaft im Lichte der Namenforschung, in: Die Grundherrschaft im späten Mittelalter, hrsg. v. Hans Patze, Bd. 1, Sigmaringen 1983, S. 75–95.

[10] Schiller/Lübben II, S. 272.

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