Die Entstehung der nordwestdeutschen Bistumsgrenzen

Von Dr. Christof Spannhoff

Wie entstanden die Bistumsgrenzen in Nordwestdeutschland im Mittelalter? Anlass diese Frage zu stellen, gibt ein Zeitungsartikel von Wilhelm Wilkens vom 27. Juli 2015 in den Westfälischen Nachrichten/Tecklenburger Landbote, in dem er dem Verfasser vorwirft, in einer Untersuchung über den sogenannten Hrutansten die Grenzpunkte eines Bannforstes, der im Jahr 965 dem Osnabrücker Bischof Drogo von Kaiser Otto I. verliehen wurde, „unhistorisch […] konstruiert“ zu haben, weil die „religionsgeschichtliche Situation“ ausgeklammert worden sei. Wilkens geht dabei davon aus, dass ein 1447 festgehaltener Verlauf der bischöflichen Jagdgrenze mit dem Grenzzug der Urkunde von 965 und damit der ursprünglichen Osnabrücker Bistumsgrenze identisch sei. Doch widerspricht diese Ansicht den neueren geschichtswissenschaftlichen Erkenntnissen, die gezeigt haben, dass frühmittelalterliche Grenzen sich von großräumigen Flächen unbesiedelter Gebiete mit zunehmendem Siedlungsausbau im Hochmittelalter (ca. 1050 bis 1250) zu Grenzlinien am Ausgang des Mittelalters entwickelt haben. Somit können die Grenzflächen des Frühmittelalters (ca. 500 bis 1050) nicht mit den Grenzlinien des Spätmittelalters (ca. 1250 bis 1500) oder erst der Frühen Neuzeit (1500 bis 1800) deckungsgleich sein. Im Fall des Osnabrücker Bannforstbezirks hätte Wilkens bereits auffallen müssen, dass das Gebiet, das sich von Fürstenau und dem Dümmer-See im Norden bis zum Ort Enger und dem Osning im Süden sowie dem Heiligen Meer im Westen erstreckte, mit nur neun Grenzpunkten markiert werden konnte. Dieser Bezirk hatte bei Verbindung der einzelnen Grenzpunkte einen Umfang von gut 180 km. Im Durchschnitt fand sich also alle 20 km ein Grenzpunkt. Aus heutiger Sicht ist das eine mehr als ungenauer Grenzbeschreibung, doch für frühmittelalterliche Verhältnisse war diese Markierung vollkommen ausreichend, weil Grenzen damals eben noch keine Linien, sondern unkultivierte Flächen waren:

Nach den Sachsenkriegen Karls des Großen musste ein Gebiet, das dem Umfang des heutigen Nordwestdeutschlands entspricht, christianisiert werden. Dazu konnte sich an keinen kirchenrechtlichen Vorgaben orientiert werden, weil keine entsprechenden Grundlagen (z.B. Städte) vorhanden waren. Die Kirche im alten Sachsen war also vor allem eine Missionskirche, die erst allmählich zu festeren Strukturen finden konnte. Karl der Große bestimmte Missionsbezirke, die der Obhut der Metropolen Köln und Mainz unterstellt wurden. Er begründete aber keinesfalls Bistümer mit genauen Grenzen. Die Missionsbezirke waren nicht fest umrissen, allenfalls grob an Landschaften orientiert. Die späteren Bistumsgrenzen sind also das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses. Die neuen sächsischen Diözesen waren im Frühmittelalter noch nicht klar definiert, sie hatten keine festen Grenzen, waren veränderbar. Erst der Investiturstreit (1076–1122) bedingte rechtliche Festlegungen, in deren Folge sich feste Grenzen ausbilden konnten. Noch die Reichsteilung von 843 nahm keine Rücksicht auf irgendwelche kirchlichen Strukturen, weil diese bis dato noch nicht entwickelt waren. Das gleiche Phänomen gilt auch für die Grafschaften, die ebenfalls nicht als ausgebildete Einheiten in die Geschichte eintreten. Grundlage sowohl für die Grafschaft als auch für die Diözese war ein personales Verhältnis. Eine Grafschaft als ursprünglicher Rechtsbezirk erstreckte sich nur soweit, wie auch die Autorität des jeweiligen Grafen reichte. Geherrscht wurde primär über Leute, erst sekundär über das Land, auf dem sie saßen.

Grenzen entwickelten sich also beweglich. Die Bistumsgrenzen wurden etwa zunächst durch Klostergründungen an ihren Rändern markiert. Klöstern kommt also auch eine wichtige raumbestimmende Wirkung zu. Die Grenzen, die im Frühmittelalter zunächst unbesiedelte und unkultivierte Flächen darstellten, bewegten sich erst allmählich im Verlauf des Mittelalters aufeinander zu. Erst, wenn es zu Konflikten kam, wurden sie stellenweise verbindlich festgelegt.

Somit kann die Grenze des Osnabrücker Bannforstes von 965 nicht mit der Osnabrücker Jagdgrenze von 1447 identisch sein. Damit fällt aber auch ein wichtiges Argument für die Gleichsetzung des 965 genannten Hrutanstens mit der heutigen Grafentafel weg.

Literatur (Auswahl)

Wilhelm Wilkens, Zu Recht gefeiert. Lienen ist 1050 Jahre alt, in: Westfälische Nachrichten/Tecklenburger Landbote vom 27. Juli 2015.

Christof Spannhoff, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014.

Theo Kölzer, Die Urkunden Ludwigs des Frommen für Halberstadt (BM2 535) und Visbek (BM2 702) und ein folgenreiches Mißverständnis, in: Archiv für Diplomatik 58 (2012), S. 103–123.

Thomas Vogtherr, Visbek, Münster, Halberstadt: Neue Überlegungen zu Mission und Kirchenorganisation im karolingischen Sachsen, in: Archiv für Diplomatik 58 (2012), S. 125–145.

Caspar Ehlers, Sachsen als sächsische Bischöfe. Die Kirchenpolitik der karolingischen und ottonischen Könige in einem neuen Licht, in: Streit am Hof im frühen Mittelalter, hrsg. v. Matthias Becher u. Alheydis Plassmann, Göttingen 2011, S. 95–120.

Matthias Hardt, Zur funktionalen Diskontinuität zentraler Orte im karolingisch-ottonischen Sachsen und seinen Markengebieten, in: Frühgeschichtliche Zentralorte in Mitteleuropa, hrsg. v. Jiří Macháček u. Šimon Ungermann, Breclav 2011, S. 451–458.

Caspar Ehlers, Die Integration Sachsens in das fränkische Reich 751–1024, Göttingen 2007.

Steffen Patzold, Den Raum der Diözese modellieren? Zum Eigenkirchen-Konzept und zu den Grenzen der potestas episcopalis im Karolingerreich, in: Les élites et leurs espaces. Mobilité, Rayonnement, Domination (du VIe au XIe siècle), hrsg. v. Philippe Depreux u.a., Turnhout 2007, S. 225–245.

Manfred Balzer, Siedlungs- und Besitzvoraussetzungen für die Gründung von Bischofssitzen im westlichen Sachsen, in: Westfalen 84 (2006), S. 159–194.

Edeltraud Klueting, Die karolingischen Bistumsgründungen und Bistumsgrenzen in Sachsen, in: Bistümer und Bistumsgrenzen vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, hrsg. v. ders. u.a., Rom u.a. 2006, S. 64–80.

Matthias Hardt, Linien und Säume, Zonen und Räume an der Ostgrenze des Reiches im frühen und hohen Mittelalter, in: Grenze und Differenz im frühen Mittelalter, hrsg. v. Walter Pohl u. Helmut Reimitz, Wien 2000, S. 39–56.

Timothy Reuter, Ein Europa der Bischöfe: Das Zeitalter Burchards von Worms, in: Bischof Burchard von Worms 1000–1025, hrsg. v. Wilfried Hartmann, Mainz 2000, S. 1–28.

Hans-Joachim Schmidt, Kirche, Staat, Nation. Raumgliederung der Kirche im mittelalterlichen Europa, Weimar 1999.

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