Lienen und Kattenvenne im Dreißigjährigen und Siebenjährigen Krieg

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Dreißigjährige Krieg

In das Jahr 2013 fällt der 365. Jahrestag des „Westfälischen Friedens“. Die unter diesem Namen zusammengefassten Verhandlungen beendeten aber nicht nur den bekannten „Dreißigjährigen Krieg“, sondern auch den achtzig Jahre andauernden niederländischen Unabhängigkeitskrieg (1568-1648).[1] Beide Konflikte zogen auch Lienen in Mitleidenschaft. Eine wichtige Quelle stellen u.a. die Tecklenburger Schatzungsregister aus jener Zeit dar. Die Viehlisten von 1643[2] zeigen die kriegerischen Auseinandersetzungen deutlich: Zahlreiche Höfe waren fünf Jahre vor Kriegsende (1648) nicht mehr in der Lage, die Steuern für ihr Vieh aufzubringen. Über den Hof Bischof (Thieplatz) heißt es: „Johan Bisschup pauper (arm) daselbst sein zwey arme tochter, haben zwei Kühe“.[3] Auch Lienemann (Standort heutige Apotheke Zur Robbe) wird als „pauper“ (arm) geführt. Dort wohnten „zwey alte lhame Weiber“, die zwei Kühe besaßen.[4] Ebenfalls konnten „Claus Hollenberch“ und die „Wittib Kramersch“, die beide eine Kuh hielten, den Steuerbetrag nicht aufbringen.[5] Den Zusatz „pauper“ trugen zudem der „Alte[r] Sellemeyer“ in der Bauerschaft Meckelwege[6], „Jurgen Rogge“, „Older Ridder“ und der Bewohner von „Mindorps Lifftucht“ in Holperdorp.[7] Direkte Kriegseinwirkungen werden bei den Höfen Wesselmann in Westerbeck[8] und Heitgreß in Kattenvenne sichtbar. Zu beiden wird vermerkt, dass sie zweimal abgebrannt waren.[9] Die Kühe der Westerbecker Bauern Hörstebrock und Herman Brüninck werden als geliehen bezeichnet, da sie „genommen“ bzw. „beraubt“ worden waren.[10] Lübbermann hatte keinen Viehbestand mehr, ebenso Starke und Niehus, der Hof Holthaus war verlassen und ein stattliches Anwesen wie Ahmann in Meckelwege hatte nur noch ein Pferd und eine Kuh an Viehbestand aufzuweisen.[11] Weiterhin auffällig ist der desolate Zustand der Pferde in allen Bauerschaften des Kirchspiels, die als alt, blind und lahm beschrieben werden – Folgen des Krieges![12]

Bei vormodernen Kriegen handelte es sich allerdings nicht um kontinuierlich andauernde Kriegseinwirkungen, sondern vielmehr um zahlreiche kriegerische Handlungen, die von längeren Kriegspausen unterbrochen wurden. Für Lienen lässt sich folgendes Bild zeichnen: Bereits im Jahre 1596 wurde neben den Kirchspielen Hagen, Laer (Bad Laer), Glane und Glandorf auch Lienen geplündert.[13] Ende 1608 raubten Soldaten in Laer, Glane und Lienen. Ein Jahr später zogen weitere Truppen über Lengerich und Lienen ins Osnabrückische. Ebenfalls 1609 fielen siebzig Reiter ins Tecklenburgische ein, die von Glane nach Lienen kamen. 1616 war der Hof Schäfer im Wiehe (Glandorfer Damm 56) in „Schuld und Beschwerung geraten“.[14] 1623 hauste Christian von Braunschweig in der Iburger Gegend. Als Kontribution mussten 10.000 kg Brot, 400 Fass Bier, 50 Fuder Hafer und Schlachtvieh geliefert werden.[15] 1625 lagen niederländische Truppen in Belm bei Osnabrück, die dann nach Tecklenburg zogen und schließlich Lienen besetzten. In einer Akte vom 7. Juli 1625 heißt es, dass vier Soldaten auf den Höfen Niemöller und Drücker in Holzhausen insgesamt 1 Daler, 2 ½ Schillinge und 1 ½ Pfennig verzehrt hatten.[16] 1626 ist von Kriegsdrangsalen auf dem Hof Tiemann in Höste die Rede.[17] Tiemann verlegte seinen Hof deswegen weiter nach Süden.[18] Weitere Kriegseinwirkungen schlagen sich im 1609 begonnenen Lagerbuch der evangelischen Kirchengemeinde Lienen nieder.[19] Aufgrund der Kriegslasten konnten 1628 die aus der Armenkasse aufgenommenen Gelder von den Kreditnehmern kaum noch verzinst werden. Am Sonntag, den 05.05.1633, plünderten die kaiserlichen Truppen, die vor Osnabrück lagen, die Kirche zu Lienen, kurz danach waren es die Schweden. 1634 konfiszierten die Schweden wieder das Lienener Armengeld. Eine letzte Eintragung stammt aus dem Jahre 1636: „Vierziehen dage na paschen [Ostern] etzliche reuber am Middags eingefallen, haben Leute unversehens überfallen, Leute gewundet, auch einen Kleinen vorrath armen gelds weggenommen.“[20] – unruhige Zeiten!

Der Siebenjährige Krieg[21]

Als Siebenjähriger Krieg, oder auch dritter Schlesischer Krieg, wird der Konflikt zwischen Frankreich, England, Österreich, Russland und Preußen in den Jahren zwischen 1756 und 1763 bezeichnet.

Doch auch die westfälische Grafschaft Tecklenburg und das Kirchspiel Lienen wurden in Mitleidenschaft gezogen. Nach dem Sieg über den Herzog von Cumberland 1756 wurden die Gebiete westlich der Weser von französischen Truppen besetzt. So erhielt Lienen am 13. April 1757 eine französische Besatzung, die bis zum 7. März 1758 blieb. Neben der die Bevölkerung drückenden Einquartierung verlangten die Besatzer auch hohe Abgaben. Die Franzosen beanspruchten von den Gemeinden des Tecklenburger Landes Winter-Quartier-Gelder. Als diese nicht sofort aufgebracht werden konnten, erschien am 2. Februar 1758 ein Exekutionskommando in Lienen, um die Gelder zwangsweise einzutreiben. Am 6. März wurde der Lienener Amtmann Arendt aufgefordert, sich umgehend 100 Brote zu beschaffen, die er an diejenigen Bauern austeilen sollte, die Dragoner (berittene Infanterie) im Quartier und für diese kein Brot mehr hatten. Damals lagen nämlich vom 2. bis 8. März zwei französische Regimenter in Lienen. Das geforderte Brot sollte von den Bauern gebacken werden, die keine Einquartierung erdulden mussten. Für die Offiziere sollten die fünf Bäcker des Bezirks sofort Weizenmehl erhalten und daraus Weißbrot herstellen. Für die Pferde wurde Roggen verlangt. Die Truppen lagen auf den Höfen Schulte-Uffelage (10 Dragoner, 10 Pferde), Ibershoff (24 Dragoner, 30 Pferde), Holtmeier (ein Offizier, 14 Dragoner, 15 Pferde), Schomberg (31 Dragoner, 31 Pferde), Arnd Jobst Metger (drei Offiziere, zwei Knechte, 21 Dragoner, 26 Pferde), Kibbe (56 Dragoner, 56 Pferde). Selbst Heuerleute waren von Einquartierungen nicht verschont. Die errechneten Kosten beliefen sich auf 5428 Taler. Als die Franzosen abgezogen waren, rückten unmittelbar Hannoversche Truppen unter Ferdinand von Braunschweig nach.

Doch die Lienener Bevölkerung hatte nicht nur unter den Einquartierungen zu leiden, sondern auch unter den zahllosen Fuhrdiensten, die Wagen und Pferde, die eigentlich im landwirtschaftlichen Betrieb benötigt wurden, banden. So mussten die Lienener Einwohner 1758 25 sechsspännige Wagen für Magazin-Fuhren nach Bielefeld stellen. Da aber nur 11 Wagen in Bielefeld erschienen, wurde ein militärisches Exekutionskommando angedroht. Im November wurden erneut 25 Sechsspänner gefordert. 1759 beklagte sich der Lienener Amtmann über die Einwohner seines Bezirks. Er schrieb, dass er sich „allezeit mit den Bauern herumscheren müsse“, wenn es darum ging, Abgaben und Kriegsdienstleistungen zu erbringen. Auch der Ladberger Amtmann Strücker beschwerte sich über die Lienener. Wegen eines Transports von Kanonen nach Wesel hatte die Grafschaft Tecklenburg 220 angeschirrte Pferde zu stellen. Aus Lienen wurden 31 Pferde gefordert. Die Lienener dachten aber gar nicht daran, ihre Pferde abzugeben. Sie blieben also aus. Amtmann Strücker, der den Transport zu organisieren hatte, schreib verzweifelt: „es sei möglich, daß durch die Liener Negligence [Nachlässigkeit; C.S.] und Ungehorsam die ganze Weseler Belagerung ins Stocken gerät.“ Die Kanonen wurden nämlich zur Belagerung der Franzosen in Wesel benötigt. Doch ihre Weigerung nützte den Lienener Bauern wenig. Die fehlenden Pferde wurden gewaltsam abgeführt. Auch die Tiere hatten unter diesen Fuhren zu leiden. Dem Westerbecker Bauern Hörstebrock starb ein Pferd bei besagtem Kanonentransport.

Ihre stetige Weigerung, Abgaben und Dienste für die durchziehenden Truppen zu leisten, brachte den Lienenern eine Rüge durch die Tecklenburger Amtsbehörde ein. In einem Schreiben vom 24. Februar 1762 an den Amtmann Arendt heißt es: „Es sind keine Bauern, die sich so saumselig betragen, als die Lienen’schen. Es wird wohl nicht an dem Herrn Amtmann, sondern an ihrer [der Bauern; C.S.] Art liegen.“

Wenige Tage später hatte der Polizei-Führer Georg Heinrich Kriege die zwangsweise Gestellung von Fuhrwerken nach Meppen zu veranlassen. Als sich einige Lienener Bauern abermals weigerten, diese Dienste zu leisten, schritt der Polizeiführer mit seinen Schützen ein und sperrte die Widerstand leistenden Personen mit Waffengewalt in das Amtshaus. Die Kolone Hörstebrock und Spanhoff entzogen sich allerdings dieser Verhaftung durch Abwesenheit.[22] Der Bauer Schomberg wurde auf das Bitten der Frau des Amtmanns freigelassen. In Holzhausen fand am 6. März 1762 eine ähnliche Aushebung statt, weshalb wiederum einige sich weigernde Bauern in Arrest kamen. Einen Tag darauf schrieb der Polizeiführer Kriege an den Amtmann Arendt: „Ich habe heute Holtmeier, Ibershoff und Schomberg nicht nur einmal, sondern dreimal zu mir bestellen lassen, allein stünden auch 10 Groschen Strafe dabei, so kommen sie nicht, sondern flüchten alle, es ist jetzo, wenn sie zu mir kommen sollen, als wenn sie zum Teufel sollten.“ Die Bauern wussten indes, warum sie sich nicht beim Polizeiführer einfanden, waren diese Besuche in den Tagen des Siebenjährigen Krieges doch stets mit Zahlungen oder unliebsamen Arbeiten verbunden. Als am 7 Juli 1762 ein Teil vom Korps Scheiter in Lienen einrückte, wurden Zug- und Ordonanzpferde vom Polizeiführer Kriege verlangt. Dieser versuchte verzweifelt die Tiere zu beschaffen, doch konnte er sie nicht auftreiben, weil alle Pferde beiseite gebracht worden waren. Da er aber, wie aus seinem Schreiben hervorgeht, „mit einer Prügelsuppe gewiß wäre traktiret worden, welche aber nicht zu empfangen, er es vorgezogen hätte, mit den Untervögten zu entweichen“. Die Einquartierung blieb eine Nacht und requirierte bei Ebbeler und Altevogt die nötige Fourage [Pferdefutter]. Der Polizeiführer aber befand sich in so großer Bedrängnis, dass er beabsichtigte, „sein Haus gleich anderen zu verlassen und preiszugeben“.

Am 29. November 1762 rückten in Lienen 550 Engländer vom Regiment Stuard ein, die am 30. November weiter nach Hopsten marschierten. In Lengerich lag im Dezember 1762 ein Korps kranker Engländer. 1762 mussten die Lienener Einwohner den in Lengerich eingefallenen 3000 Soldaten vom Dragoner-Regiment der britischen Legion binnen sechs Stunden 16 Rinder, sechs Hammel, Butter und andere Viktualien [Lebensmittel], zudem acht gesattelte Pferde und zehn bespannte Leiterwagen abliefern. Im Winter 1762/63 bezogen vier Bataillone englischer Infanterie in der Grafschaft Quartier. Zwar blieb Lienen davon verschont, musste aber Hafer, Heu und Stroh liefern.

Von diesen im Tecklenburger Land stationierten englischen Soldaten kehrte einer nachweislich seiner Einheit den Rücken und blieb für den Rest seines Lebens in Kattenvenne: der englische Soldat Wilm Robert Aldey (später auch: Halladey, Hallerdy, Hallerdei). Am 30.10.1763 vermählte er sich mit der Lienenerin Anna Catharina Brundiek und siedelte sich zusammen mit ihr und „mit 26 Talern Vermögen“ als Schneider in der Bauerschaft Kattenvenne an.[23]

Doch auch nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges, verursachten dessen Folgen weiterhin Kosten für die Gemeinde. So mussten 1787 – 24 Jahre nach Kriegsende – immerhin noch drei Veteranen versorgt werden: 1) Johann Wilhelm Hülck oder Blömker (1. Bataillon Neuwied’sches Regiment), bei Kloster Wohlstadt verwundet, in Kattenvenne wohnend, 2) Wilm Bernhard Vahrenhorst (Grenadier Bataillon Magdeburg) aus Kattenvenne, ebenfalls bei Kloster Wohlstadt verwundet, 1763 beurlaubt, aber nicht zum Regimemnt zurückgekehrt, 3) Jürgen Kuck aus Holzhausen (in Wittenbrocks Heuerhaus) 1764 vom 2. Bataillon Neuwied’schen Regiments in die Heimat desertiert – schwere Zeiten!

Druckfassung in: Kattenvenne? – Kattenvenne! Beiträge zur Geschichte eines Dorfes im Münsterland, hrsg. v.d. Kattenvenne 1312 eG, 2., überarb. Aufl., Lengerich 2013, S. 57–59.

[1] Berger, Eva, Dem Frieden die Zukunft. 1618-1648. Sozialgeschichtliche Beiträge aus dem Kreis Steinfurt: Der Dreißigjährige Krieg und die Hoffnung auf Frieden, Steinfurt 1998.

[2] Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, bearb. v. Wolfgang Leesch, Münster 1974, S. 97–131, Lienen: S. 120–126.

[3]  Ebd., S. 120.

[4] Ebd., S. 120.

[5] Ebd., S. 121.

[6] Ebd., S. 124.

[7] Ebd., S. 125.

[8] Ebd., S. 122.

[9] Ebd., S. 124.

[10] Ebd., S. 122.

[11] Ebd., S. 124.

[12] Ebd., S. 125.

[13] Stüve, Johann Carl Bertram, Geschichte des Hochstifts Osnabrück, 3 Bde., Osnabrück 1853-1882, Bd. II: 1508 bis 1623, Osnabrück 1872, S. 377.

[14] Hunsche, Friedrich Ernst, Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v. d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965, S. 254; Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004, S. 267.

[15] Stüve, Geschichte II, S. 471, Hunsche, Lienen, S. 41.

[16] Hunsche, Lienen, S. 41, Anm. 67.

[17] Hunsche, Lienen, S. 243.

[18] Wilkens, Lienen, S. 225.

[19] Wilkens, Wilhelm, Das Lagerbuch von Lienen und die Spuren eines langen Krieges, in: Unser Kreis 1998. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt, S. 126–130.

[20] Ebd., S. 127.

[21] Das Folgende nach: Hagedorn, Adolf, Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Lienen und des Kreises Tecklenburg 1700-1815, in: Heimatjahrbuch des Kreises Tecklenburg 1925, S. 7–76, hier S. 30–37.

[22] Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. I, Norderstedt 2007, S. 515.

[23] Hunsche, Friedrich Ernst, Auswanderer-Chronik der Gemeinde Lienen, Lengerich 1990, Nr. 867.

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