Die Jelze – der Gelb-Bach

Von Dr. Christof Spannhoff

Welchen Ursprung hat der Lienener Gewässername Jelze? Da ältere Belege bislang fehlen, muss von der heutigen Namensform ausgegangen werden. Der niederdeutsche Name Jelze mutet für den Sprachwissenschaftler recht ungewöhnlich an, denn er enthält ein z, das im Lautsystem des Niederdeutschen nicht vorkommt. Deshalb ist anzunehmen, dass der Buchstabe z im Namen für ein scharfes, stimmloses s steht.[1] Zu vergleichen ist etwa die Entwicklung des Flussnamens Efze (< 1267 Effesa)[2], des niederländischen Ortsnamens Gilze (< 1012–1018 Gilisa)[3] oder Seelze bei Hannover (< 1180 Selessen, 1385 Tzelse)[4]. Somit ist für die Analyse des Namens von der Form *Jelse auszugehen. Der Gewässername ähnelt von seiner Bildungsweise her den Flussnamen Ilse (bei Bad Laasphe; 1515 die Ulsse, 1569 die Ulse)[5] oder Werse[6]. Diese Namen sind mit einem s-Suffix gebildet worden, das über einen langen Zeitraum produktiv gewesen ist.[7] So finden sich sowohl vor als auch nach Christi Geburt Gewässernamen, die dieses unselbständige Wortbildungselement enthalten (Suffix = Nachsilbe, Endsilbe. Vgl. gesundGesundheit mit dem Suffix –heit). Zu den vor Christi Geburt entstandenen Gewässernamen gehört die Ems, römerzeitlich Amissis, Amisia[8], zu indogermanisch *am– ‚Flussbett, Graben, Kanal’, an die das s-Suffix mit Bindevokal –isi angehängt wurde. Diese Wortwurzel *am- des nicht überlieferten, sondern rekonstruierten Indogermanischen wurde aus dem Vergleich hethitischer, albanischer und griechischer Wörter gewonnen.[9] In altsächsischer Zeit ist der Gewässername im Raumnamen Emisga Mitte des 9. Jahrhunderts verfugt.[10] Durch den Bindevokal des Suffixes i wurde das a der Stammsilbe zu e umgelautet.[11] Die übrigen Vokale wurden dann im Laufe der Zeit ebenfalls zu e abgeschwächt: Amisia > *Emisia > Emisa > Emesa > *Emese > Emse > Ems.[12]

Ein Beispiel für die Verwendung des s-Suffixes in germanischen Gewässernamen, die wohl nach Christi Geburt entstanden sind, ist der Moersbach in Moers, der Anfang des 10. Jahrhunderts bereits als Ortsname in Murse < *Môr-isa ‚Sumpf-Bach‘, zu altniederdeutsch môr, althochdeutsch muor ‚Sumpf, Moor‘, erscheint.[13]

Somit ist auch für den Gewässernamen Jelze < *Jelse bei Lienen eine solche Bildung anzunehmen und von einer Grundform *Jal-isi / *Jal-isa oder *Jel-isi / *Jel-isa auszugehen. Doch an welchen Stamm wurde das s-Suffix angehängt? Da sich im Germanischen kein sinnvoller Anschluss für *jal– bzw. *jel– finden lässt und weil im Niederdeutschen vielfach der Übergang von g zu j zu beobachten ist (vgl. z.B. die niederdeutsche Form des Rufnamens Georg > Jürgen, Jörgen)[14], ist vielmehr von der Grundform *Gal-isi / *Gal-isa oder *Gel-isi / *Gel-isa auszugehen. Dass der Übergang von g zu j auch in Lienen anzutreffen ist, zeigen die historischen Belege des Gemenbaches, die mit Jemenbach wechseln.[15] Bestätigung erfahren diese Überlegungen durch die Form Gelsenbeck, die auf einer Karte aus dem Jahr 1782 erscheint.[15a] Aus diesen Überlegungen ergeben sich drei Erklärungsmöglichkeiten für den Bachnamen Jelze:

Zum einen könnte der Name zum Wortfeld um das Verb gellen ‚tönen, rufen, schreien‘, altsächsisch gellan ‚Laut geben‘[16] gehören. Die Jelze wäre dann ein ‚Gell-Bach‘ gewesen, also nach seinem Fließgeräusch benannt worden, was keine Seltenheit ist.[17]

Zum anderen könnte der Name zu altsächsisch gêl ‚ausgelassen, geil‘[18] gestellt werden und somit durch die Fließgeschwindigkeit des Gewässers motiviert worden sein. Dass dieses Wortfeld in Gewässernamen vorkommen kann, zeigen die Gailenbäche[19] oder Geilgräben[20].

Zum Dritten könnte der Name zur Farbe gelb, altsächsisch gelu ‚gelb, goldglänzend, safranfarben‘ zu stellen sein.[21] Der Benennungsgrund wäre dann die gelbliche Färbung des Gewässers gewesen. Die Farbe gelb in Gewässernamen belegen die zahlreiche Gehlenbäche[22], Gel(b)bäche[23] oder Goldbäche[24].

Dass die dritte Erklärung die wahrscheinlichste ist, zeigt die Bezeichnung des Jelzen-Baches auf einer Karte aus dem Jahr 1782.[25] Hier wird er als „Gehlenbeck“ bezeichnet, was dann eine moderne Übersetzung des alten *Gel-isa / *Gel-isi > *Jel-isi / *Jel-isa > *Jelse > *Jelze darstellt. Die Jelze ist also sehr wahrscheinlich ein ‚Gelb-Bach‘ gewesen.

[1] Möglich wäre auch eine Entstehung des z durch sogenannten Zetazismus, bei dem sich ein k-Laut zu einem z-Laut entwickelt. In diesem Fall wäre der Gewässername Jelze mit einem k-Suffix gebildet worden. Da dieser Lautwandelprozess aber für das nördliche Westfalen bisher nicht nachgewiesen ist, ist wahrscheinlicher von einer Bildung mit einem s-Suffix auszugehen. Diese Annahme wird auch durch die in der Umgebung zu findenden Gewässernamen, die eindeutig mit einem s-Suffix gebildet wurden, bestätigt.

[2] Debus, Friedhelm, Artikel –apa, in: Deutsches Ortsnamenbuch, hrsg. v. Manfred Niemeyer, Berlin u. Boston 2012, S. 35.

[3] Greule, Albrecht, Deutsches Gewässernamenbuch. Etymologie der Gewässernamen und der zugehörigen Gebiets-, Siedlungs- und Flurnamen, Berlin 2014, S. 175.

[4] Ebd., S. 583.

[5] Ebd., S. 241.

[6] Ebd., S. 585.

[7] Udolph, Jürgen, Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin u.a. 1994, S. 199–218; Derks, Paul, Der Siedlungsname Sinsen, Marl 2003; Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Gemeinde Weeze am Niederrhein. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen. Mit einem Ausblick nach Geldern und Goch, Weeze 2006, S. 16.

[8] Mela, Pomponius, Kreuzfahrt durch die Alte Welt [De Chorographia]. Zweisprachige Ausgabe v. Kai Brodersen, Darmstadt 1994, III c. 30: in oceanum Amissis, Visurgis et Albis – „in den Ozean [fließen] Ems, Weser und Elbe“. Cornelius Tacitus, P[ublius], Annalen. Lateinisch und deutsch, hrsg. v. Erich Heller, München u. Zürich 1982 (Ende des 1. Jahrhunderts), I c. 60: per Bructeros ad flumen Amisiam – „durch [das Gebiet der] Brukterer zum Fluß Ems“. – Zusammenstellung der Belege bei Rasch, Gerhard, Antike geographische Namen nördlich der Alpen. Mit einem Beitrag von Hermann Reichert „Germanien in der Sicht des Ptolemaios“, hrsg. v. Stefan Zimmer unter Mitwirkung v. Hasso Heiland, Berlin u. New York 2005, S. 15.

[9] Krahe, Hans, Unsere ältesten Flussnamen, Wiesbaden 1964, S. 42.

[10] Die Vitae sancti Liudgeri, hrsg. v. Wilhelm Diekamp, Münster 1881, I, Kapitel 22.þ

[11] Gallée, Johan Hendrik, Altsächsische Grammatik, 3. Aufl.: mit Berichtigungen u. Literatur-Nachträgen v. Heinrich Tiefenbach, Tübingen 1993, § 46.

[12] Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 128; Schmid, Wolfgang P[aul], Ems, § 1: Namenkundliches, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 7 (1989), S. 274.

[13] Mit den Nachweisen bei Derks, Weeze, S. 17.

[14] Lasch, Agathe, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974, § 342.

[15] Gemeindearchiv Lienen, A 180: Die Wiederherstellung der Jemen-Brücke auf der Landstraße nach Lengerich bei Wittmanns (1828). Katasteramt Steinfurt, 5047-1-01-Nr. 2 (Flurübersicht 1828): „Iemenhuss“.

[15a] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A 271: Grenzabschnitte und Markennutzungen bei Lienen und Ostenfelde, auch den Hüls, Rotheide und Grenze zwischen Liener und Glandorfer Plaggenstich (1782).

[16] Tiefenbach, Heinrich, Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary, Berlin u. New York 2010, S. 121.

[17] Schröder, Edward, Bachnamen und Siedlungsnamen in ihrem Verhältnis zu einander, in: Ders., Deutsche Namenkunde. Gesammelte Aufsätze zur Kunde deutscher Personen- und Ortsnamen, 2., stark erw. Aufl., besorgt v. L.[udwig] Wolff, Göttingen 1944, S. 356–367, hier S. 359; Ders., Flußnamen, in: Ders., Deutsche Namenkunde. Gesammelte Aufsätze zur Kunde deutscher Personen- und Ortsnamen, 2., stark erw. Aufl., besorgt v. L.[udwig] Wolff, Göttingen 1944, S. 368–374, hier S. 373; Bach, Adolf, Deutsche Namenkunde, 3 Bde., Heidelberg 1952–56, Bd. 2: Die deutschen Ortsnamen, Teil 1: Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, zur Satzfügung, Wortbildung und -bedeutung der deutschen Ortsnamen, Heidelberg 1953, § 298, 4; Krahe, Flussnamen, S. 20, 22 u. 25; Spannhoff, Christof, Düte – der rauschende Flusslauf, in: Ders., Von Schale bis Lienen. Streifzüge durch die Geschichte des Tecklenburger Landes, Norderstedt 2012, S. 68f.; Vgl. auch: Spannhoff, Christof, Namen sind Nachrichten. Die Ortsbezeichnungen in Westerkappeln erzählen Geschichte(n), in: Unser Kreis 2011. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt 24 (2010), S. 66–73.

[18] Tiefenbach, Handwörterbuch, S. 120.

[19] Greule, Gewässernamenbuch, S. 162.

[20] Ebd., S. 169.

[21] Tiefenbach, Handwörterbuch, S. 122.

[22] Greule, Gewässernamenbuch, S. 169, 171.

[23] Ebd., S. 170, 171.

[24] Ebd., S. 184.

[25] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung A (KSA), Nr. 60: Grenzabschnitte bei der Leeder Mühle, Leeden-Budken-Heide, bei Leeden zwischen Klaus- und Hohler Berg, Leeden-Behrenbruch am Klausberg, bei Lienen und Iburg am Urberg. Teil des Ostenfelder und Liener Waldes (sechs Einzelkarten) (Nebenkarte Nr. 2), 1782.

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