Was bedeutet das Wort Uchte?

Von Dr. Christof Spannhoff

Wenn Menschen im Tecklenburger Land an hohen kirchlichen Festtagen wie Weihnachten oder Ostern einen Frühgottesdienst besuchen, dann gehen sie zur sogenannten „Uchte“. Doch woher kommt eigentlich dieser etwas merkwürdig anmutende Begriff? Wie in vielen anderen Fällen hat sich in dieser Bezeichnung für die Frühmesse ein sehr altes Wort erhalten, das im heutigen aktiven Sprachgebrauch geschwunden ist. Das Wort Uchte für den Gottesdienst hängt eng mit dem Zeitpunkt dessen Feier zusammen. Es bedeutet nämlich ‚frühe Morgenzeit, Morgendämmerung‘.[1] Die Arbeitsphase vor dem Frühstück hieß früher ebenfalls Uchtewiärk.[2] Während heute die Oster- oder Weihnachts-Uchten zumeist zu etwas humaneren Zeiten um sechs Uhr zelebriert werden, fanden sie früher zwischen drei und fünf Uhr morgens in der Frühe statt.[3] Der richtige Zeitpunkt für die Feier ergibt sich aber aus der Herkunft des Wortes selbst. Eine Uchte muss eigentlich zum Zeitpunkt des Sonnenaufganges begangen werden, denn ursprünglich hat das Wort die Himmelsrichtung Osten ausgedrückt. In dieser Bedeutung steckt es auch im Ortsnamen Ochtrup (Kreis Steinfurt; 1134 Ohthepe).[4] Ochtrup bedeutet ‚Ucht-Bach‘ (apa, epe ‚Wasser, übertragen auch Bach, Fließgewässer‘[5]), also das im Osten befindliche oder in östliche Richtung fließende Gewässer. Der Osten wird aber seit jeher mit dem Sonnenaufgang gleichgesetzt. So steckt das Wort Osten auch in Ostern, dem ‚Fest der Morgenröte, dem Auferstehungszeitpunkt des Herrn‘.[6] Die Wortbedeutungen ‚Osten‘ und ‚Morgendämmerung‘ hängen also eng zusammen.

Das Alter des germanischen Wortes Uchte zeigt sich auch daran, dass es bereits im Gotischen im 4. Jahrhundert n. Chr. als ûhteigs ‚zeitig‘ vorkommt.[7] Im Altsächsischen, der ältesten Sprachstufe des Niederdeutschen, bedeutet ûhta (lies: ûchta) ‚frühe Morgenzeit‘. Die Altsachsen bezeichneten auch den Hahn als den ûhtfugal, den ‚Vogel der Morgendämmerung‘.[8] Später erweiterte sich die Bedeutung des Wortes Uchte aber auch auf die Abendzeit vor dem Sonnenuntergang, also auf die Dämmerung im Allgemeinen. So definiert das „Idioticon Osnabrugense“, ein vom Osnabrücker Gymnasialrektor Johann Christoph Strodtmann 1756 verfasstes Wörterbuch der Osnabrücker Mundart, das Wort Uchte als ‚die Demmerung, sowohl des Morgens, als des Abends‘ und Ucht werken als ‚des Morgens und Abends bey Licht arbeiten‘.[9]

[1] Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, 2. überarb. u. erweiterte Aufl., Münster 2014, S. 751.

[2] Jostes, Franz, Westfälisches Trachtenbuch. Volksleben und Volkskultur in Westfalen die jetzigen und ehemaligen westfälischen und schaumburgischen Gebiete umfassend, 2. Aufl., bearb. u. erw. v. Martha Bringemeier, Münster 1961, S. 77–80.

[3] Hellenthal, Verena, Weihnachten im Münsterland, Erfurt 2013, S. 93.

[4] Korsmeier, Claudia Maria, Art. Ochtrup, in: Deutsches Ortsnamenbuch, hrsg. v. Manfred Niemeyer, Berlin u. Boston 2012, S. 470.

[5] Casemir, Kirstin u.a., Die Ortsnamen des Landkreises Helmstedt und der Stadt Wolfsburg, Bielefeld 2011, S. 234f.

[6] Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002, S. 672.

[7] Nach Korsmeier, Ochtrup, S. 470.

[8] Tiefenbach, Heinrich, Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary, Berlin u. New York 2010, S. 424.

[9] Strodtmann, Johann Christoph, Idioticon Osnabrugense. Ein Hochzeits-Geschenk an den Herrn Professor und Consistorial-Assessor Schütze bey der Verbindung desselben mit der Demoiselle Esmarchinn, Leipzig u. Altona 1756, S. 256.

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