Überlegungen zur Etymologie von niederdeutsch blaken, blacken ‚rußen, (qualmend) brennen‘

Von Dr. Christof Spannhoff

Blâker

Wissen Sie, was ein Blâker ist? Die alten Osnabrücker bezeichneten mit diesem Wort einen Wandleuchter (Strodtmann, Idioticon, S. 351). Der Begriff gehört zum niederdeutschen Verb blâken, blacken ‚rußen, (qualmend) brennen‘ und stellt also ein Nomen agentis dar, eine ‚Täterbezeichnung‘, gebildet mit dem Suffix -er (wie etwa backen und Bäcker, jagen und Jäger etc.). Ein Blâker ist also wörtlich übersetzt ein ‚Rußer‘ oder ‚Brenner‘.

Doch woher kommt eigentlich das niederdeutsche Wort blâken, blacken? Das Verb geht auf eine germanische Form *blakôn ‚brennen, anbrennen, flackern‘ zurück. Zum Wortfeld gehört auch ein Adjektiv *blaka– ‚schwarz, angebrannt‘. Die Bedeutung ‚flackern‘ findet sich etwa in altnordisch blaka, blakra ‚hin- und herschlagen‘, mittelniederländisch blaken ‚schlottern, flackern‘, neuisländisch, färöisch, neunorwegisch dialektal blaka ‚fächeln, flattern‘, schwedisch dialektal bläksa ‚fächeln‘.

Black ‚Tinte, schwarze Flüssigkeit‘

Zu dieser Familie gehört auch das Wort Black ‚Tinte, schwarze Flüssigkeit‘. Diese Bezeichnung für die Schreibflüssigkeit mit dieser speziellen Bedeutung kam zustande, indem man das lateinische Wort für die Tinte, atramentum ‚das Schwarzmachende, das Schwarze, Rußschwarz‘, einfach mit dem germanischen Wort für das Farbadjektiv schwarz – germanisch *blaka– – übersetzte.

Das Wort für die Tinte hat sich auch in Zusammensetzungen manifestiert: So wurde das Tintenfass im Mittelniederdeutschen als Blackhorn bezeichnet. Das zeigt, dass die Tinte in ein Rinderhorn oder das Horn eines anderen Tieres gefüllt wurde. Blackpulver war das ‚Tintenpulver‘, Blackvisch der ‚Tintenfisch‘. Auch Schimpfwörter wurden mit dem Wort für die Schreibflüssigkeit gebildet: Blackschiter ‚Blackscheißer‘ als abfällige Bezeichnung für den Gelehrten im Sinne von ‚Buchstaben-/ Schriftenscheißer‘. Die Verwendung von Tierhörnern als Aufbewahrungsgefäße für die Schreibflüssigkeit hat vermutlich auch dazu geführt, dass man das Tintenfass als geringschätziges Synonym für den Kopf verwendete. So heißt ein mittelniederdeutscher Ausspruch: „He krigt een up sein blakhorn“ – „Er bekommt einen Schlag auf den Kopf“ oder „Du krigst en’n an’t blakhören“ – „Du bekommst einen (Schlag) an den Kopf“.

„Semantische Kluft“: ‚glänzen, weiß‘ vs. ‚schwarz‘

Die sprachwissenschaftliche Forschung hat allerdings Schwierigkeiten damit, das Wortfeld um germanisch *blakôn, *blaka– auf die indogermanische Wurzel *bʰelg-/*bʰleg ‚glänzen‘ zurückzuführen, zu der auch hochdeutsch blank ‚blinkend, glänzend, weiß‘ gehört, da eine angebliche „semantische Kluft zwischen ‚glänzend, weiß‘ und ‚schwarz‘“ bestehe (Zitat: Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen 2, Sp. 155).

Doch löst sich dieser vermeintliche Widerspruch auf, wenn man sich die ursprüngliche Entstehung dieses Wortfeldes vergegenwärtigt. Seinen Sitz im Leben der vorgeschichtlichen Menschen hatte die Wortfamilie im Zusammenhang mit dem Verbrennen von Holz. Noch heute kann man die Bedeutungsentwicklung beim sommerlichen Grillen nachvollziehen: Ein Stück schwarze Holzkohle mit glatter Oberfläche glänzt in der Sonne. Verbrennt man dann die schwarze, glänzende Holzkohle und glüht sie bei ausreichender Hitze, erscheint sie weiß. Damit ist die vermeintliche „semantische Kluft“ überwunden. Die Bedeutungsbreite der hier betrachteten Wortfamilie zwischen ‚schwarz‘, ‚weiß‘ und ‚glänzend‘ stellt vor diesem Hintergrund keinen Widerspruch mehr dar, denn die breite Bedeutungspalette hat sich durch die genaue Beobachtung des Lager- oder Herdfeuers durch die vorgeschichtlichen Menschen ausgebildet. So konnten mit dieser Wurzel gebildete Wörter sowohl die Bedeutung ‚schwarz‘ als auch ‚weiß‘ annehmen.

Literatur

  • Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen, bearb. v. Albert L. Lloyd u.a., Göttingen u.a. 1988-, Band 2 (1998), Sp. 154f.
  • Heidermanns, Frank, Etymologisches Wörterbuch der germanischen Primäradjektive, Berlin u. New York, 1993, S. 128f.
  • Pokorny, Julius, Indogermanisches Etymologisches Wörterbuch, 3 Bde., Bern u. München 1959–1969, Bd. I, S. 124f.
  • Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. I, S. 350.
  • Strodtmann, Johann Christoph, Idioticon Osnabrugense, Leipzig u. Altona 1756.
  • Torp, Alf, Wortschatz der germanischen Spracheinheit, 4. Aufl., Göttingen 1909 (Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen 3), S. 146.
  • de Vries, Jan, Altnordisches etymologisches Wörterbuch, Leiden 1961, S. 42.

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