Ladbergen – Siedlung bei den Grenzhügeln

Der Ursprung des Ortsnamens Ladbergen.

Von Dr. Christof Spannhoff

Ortsnamen erzählen Geschichte. Die in ihnen enthaltenen Wörter geben uns Auskunft über die Beschaffenheit der Landschaft zum Zeitpunkt der Namengebung, verweisen auf menschliches Siedeln, Kultivieren und Wirtschaften und verraten etwas über die verkehrsgeografischen oder sozialen und rechtlichen Gegebenheiten vergangener Zeiten. Weil die Wörter, mit denen die Ortsnamen gebildet wurden, häufig einer älteren Sprachstufe angehören und uns heute fremd erscheinen, ist die Deutung von Ortsnamen nicht immer einfach.

Zudem können sich Namen im Laufe der Zeit durch sprachliche Prozesse wandeln, so dass ihre ursprüngliche Bedeutung in ihrer heutigen Form nicht mehr zu erkennen ist. Deshalb ist die Suche nach den ältesten Belegen eines Ortsnamens unabdingbare Voraussetzung, wenn man der Bedeutung auf die Spur kommen möchte.

Die Ergebnisse der Analyse von Ortsnamen sagen zudem etwas über das Benennungsmotiv aus, warum ein Ort seinen Namen trägt. Mit anderen Worten: Die Erklärung eines Namens legt oftmals offen, was für unsere Vorfahren wichtig war. Dies wird auch bei einem Deutungsversuch des Namens Ladbergen deutlich:

Die ältesten Belege

Erstmals erwähnt ist er als Hlacbergon im Freckenhorster Heberegister, das nach neueren Forschungen in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts (also nach 1050) datiert wird. 1149 heißt es Lakberge, 1170 Lagberge, 1176 Lacbergch, 1246 Latberge und 1284 Lacbergen. Diese Auflistung der frühesten Belege zeigt, dass bei einer Untersuchung des Namens von der Grundform *Lakbergen auszugehen ist (Schneider, S. 79).

Es handelt sich bei der Form *Lakbergen um ein Kompositum (Zusammensetzung wie Haus-Tür) mit dem Grundwort –berg, das im Dativ Plural steht. Daraus ist zu schließen, dass der Ortsname aus einer Wendung *to/bî den Lakbergen „zu/bei den Lakbergen“ entstanden ist.

Doch um welche Art Berge mag es sich in der doch flachen Umgebung von Ladbergen handeln?

Die namenkundliche Forschung hat herausgearbeitet, dass auch kleine Erhöhungen mit dem Wort Berg benannt werden konnten und es somit weniger auf die absolute Höhe einer Bodenerhebung ankommt als auf den relativen Höhenunterschied zur Umgebung. Die Bezeichnung Berg konnten auch kleine Bodenerhebungen tragen (Udolph, S. 102–111).

Lake oder Lak?

Im Bestimmungswort des Namens könnte man nun das niederdeutsche Wort lake „Lache, stehendes Gewässer“ vermuten, doch wäre dann eine Form *Lakebergen oder *Lakenbergen zu erwarten gewesen. Zudem überzeugt diese Deutung aus inhaltlichen Gründen nicht vollständig (Kombination von Gewässerwort mit Bodenerhebung?). Die überlieferten Formen weisen außerdem eindeutig auf *Lakbergen, nicht auf *Lake(n)bergen.

Die Antwort auf die Frage, worum es sich bei diesen *Lakbergen gehandelt hat, findet sich in einer Grenzbeschreibung des Klosters Neustadt am Main aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts. Darin wird ein Lachberc – ein künstlich aufgeworfener Grenzhügel – genannt (von hochdeutsch lach, niederdeutsch lak – ursprünglich ein in einen Baum geschnittenes Zeichen zur Grenzmarkierung, wodurch der Baum zum „lecken“, d.h. zum Absondern von Flüssigkeit gebracht worden ist; später übertrug sich das Wort lach/lak auf das Grenzzeichen selbst). Die niederdeutsche Form des althochdeutschen Wortes lachberc würde *Lakberc, im Dativ Plural *Lakbergen lauten (Bauer, S. 75).

Damit entspricht das Wort exakt der oben erschlossenen Ausgangsform des Namens *Lakbergen und führt zu folgender Erklärung:

Der Name Ladbergen dürfte ursprünglich eine „Siedlung bei den Grenzhügeln, bei den Grenzzeichen“ bezeichnet haben.

Welche Grenze?

Zu fragen wäre nun noch, welche Grenze mit diesen künstlichen Grenzzeichen markiert wurde. Die ältesten linearen und nicht-natürlichen Grenzen in unserer Region waren die Grenzen der Diözesen (Bistümer), die mit der Christianisierung Westfalens Ende des 8. und Anfang des 9. Jahrhunderts festgelegt wurden. Auch diese Feststellung passt ins Bild, denn auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Ladbergen – nördlich des Dorfes – verlief einst die Grenze zwischen den Bistümern Münster und Osnabrück.

Nachtrag

Dass künstliche Hügel in Nordwestdeutschland als „Berge“ Eingang in Ortsnamen finden konnten, beweist auch der Ortsname Dreibergen bei Helle (Gemeinde Bad Zwischenahn), der auf eine dreihügelige Turmhügelburg („Motte“, zu französisch la motte ‚Erdhaufen‘) zurückgeht. Der wenig erhöhte Hügel III entstand um das Jahr 1000, die fünf bis sieben Meter hohen Hügel II und I wurden etwa Mitte des 12. Jahrhunderts angelegt (Eckert, S. 110-113).

Quellen und Literatur

Bauer, Reinhard, Die ältesten Grenzbeschreibungen in Bayern und ihre Aussagen für Namenkunde und Geschichte, München 1988.

Eckert, Jörg, Burgen im Oldenburger Land im archäologischen Befund, in: Adelige Herrschaft und Herrschaftssitze in Nordwestdeutschland im Mittelalter, hrsg. v. Gerd Steinwascher, Edewecht 2016,  S. 103-117.

Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974.

Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881.

Schneider, Heinrich, Die Ortschaften der Provinz Westfalen bis zum Jahre 1300 nach urkundlichen Zeugnissen und geschichtlichen Nachrichten, Münster 1936.

Udolph, Jürgen, Burg in Flurnamen, in: Südniedersachsen. Zeitschrift für regionale Forschung und Heimatpflege 27 (1999), S. 102–111.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s