Was ist ein Esch?

Von Dr. Christof Spannhoff

In den östlichen Niederlanden und im Nordwesten Deutschlands trifft man häufig auf den Flurnamen Esch. Doch was verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung?

In der Geologie bezeichnet der Terminus Plaggenesch eine spezielle Bodenform, die durch menschliche Tätigkeit – die sogenannte Plaggendüngung – entstanden ist. Unter Plaggendüngung versteht man das Aufbringen von Gras- und Heidesoden auf das Ackerland zur Düngung. Die Plaggen wurden dabei meistens zuvor als Stallstreu verwendet, wobei sie mit dem Dung der Tiere angereichert wurden. Diese Plaggenesch-Böden sind gekennzeichnet durch eine Aufhöhung der Geländeoberfläche und die Entstehung tiefgründig humoser Horizonte. Alle Böden, die diese Merkmale aufweisen, werden als Plaggenesche bezeichnet.

Weitere Verwendungen des Begriffs

Neben diesem geologischen Fachbegriff existiert aber noch die historische und gegenwärtige Flurbezeichnung Esch. Das Vorkommen dieses Flurnamens ist auf die östlichen Niederlande und den nordwestdeutschen Raum begrenzt. Für das Münsterland lässt sich die Bezeichnung Esch in Siedlungsnamen bereits im 9. Jahrhundert nachweisen (Ternsche bei Lüdinghausen: Ternetsca; Langenesch bei Olfen: Langonethsca). Erstmals erwähnt wird das Wort Esch in der gotischen Bibelübersetzung des Bischofs Wulfila († 383 n. Chr.) in der Form atisk (Akkusativ Singular) und bezeichnet hier einfach das „Ackerfeld“. Im Altsächsischen ist das Wort zufällig nicht belegt. Doch kann man durch das althochdeutsche Wort ezzisc (Saat) und die münsterländischen Siedlungsnamen des 9. Jahrhunderts die altsächsische Form *etisk rekonstruieren. Im Mittelniederdeutschen kommt das Wort als êsch oder esch „Saatland“ vor. Der sprachliche Befund an sich lässt also auf keine besondere Wirtschaftsform (Plaggendüngung) schließen. Die Flurbezeichnung Esch ist somit inhaltlich nicht unbedingt identisch mit dem Fachbegriff Plaggenesch und kann auch Flächen bezeichnen, die nicht den speziellen geologischen Bodentyp aufweisen (Müller, S. 53–55).

Definition

Der Osnabrücker Jurist Johann Ägidius Klöntrup (1755–1830) beschreibt im ersten Band seines dreibändigen Werkes mit dem Titel „Alphabetisches Handbuch der besonderen Rechte und Gewohnheiten des Hochstifts Osnabrück mit Rücksicht auf die benachbarten westfälischen Provinzen“ aus dem Jahr 1798 die Eschfluren und ihre Bewirtschaftung näher – zu einer Zeit also, als die Eschfluren noch in der herkömmlichen Weise genutzt und bewirtschaftet wurden. Zunächst definiert Klöntrup den Esch als „ein zum Ackerbau bestimmtes Feld, das mehrere zusammen bauen [bebauen].“ Den Esch macht hier also nicht ein spezielles Düngungsverfahren aus, sondern die gemeinschaftliche Nutzung der an dieser Flur Berechtigten.

Nutzung des Esches

Die einzelnen Parzellen der beteiligten Eschnutzer waren nicht durch kleine Wälle („Aufwürfe“) oder Zäune gegeneinander abgegrenzt, sondern lediglich durch „Furchen“ und vereinzelt gesetzte Markierungssteine. Die „Genossen eines Esches“, wie Klöntrup die beteiligten Nutzer nennt, seien oftmals eine eigene genossenschaftliche Organisationsform, eine „Innung“. Alle Mitglieder derselben hatten das Recht, nach der Ernte ihr Vieh auf den Esch zu treiben und auf den Stoppeln und Ernteresten zu weiden. Aus diesem Grunde durften die Parzellen des Esches nicht eingefriedet werden, was die Gemeinschaftsweide und damit die Rechte des einzelnen Mitberechtigten hätten stören können.

Ausnahme

Eine Ausnahme war im Fürstbistum Osnabrück allerdings erlaubt. Im Iburger Gödingsspruch vom 15 Mai 1674 wurde zugestanden, dass ein am Esch beteiligter Nutzer seine Parzelle für vier Jahre einhegen durfte, nur musste gewährleistet sein, dass diese zeitlich befristete Einfassung vom Ackerland des Nachbarn so weit entfernt war, dass der Nachbar nicht am Pflügen seines Ackers behindert wurde.

Neben der fehlenden strikten Trennung der einzelnen Ackerparzellen mittels Einfriedungen unterschied sich der Esch von den übrigen Ackerflächen, den sogenannten Kämpen (von lateinisch campus „gehegtes Feld“), zudem durch seinen größeren Umfang und die gemeinschaftliche Besitzstruktur, da ein Kamp in der Regel eine kleinere Fläche aufwies und nur einen Besitzer hatte.

In einigen Fällen kam es vor, dass der Eigentümer einer Eschparzelle nicht Mitglied der Eschgenossenschaft war. In diesem Fall hatte dieser zwar das Recht, sein Vieh nach der Ernte auf seiner Parzelle weiden zu lassen, hatte aber dafür zu sorgen, dass es nicht auf die übrigen Teile des Esches übergriff. Er musste es also durch einen Hirten hüten lassen.

Flurzwang

Die gemeinschaftliche Nutzung des Esches sah ebenfalls vor, dass kein Beteiligter seine Ackerstücke vor Bartholomäus (24. August) umpflügen durfte, da dieses Vorgehen ebenfalls die gemeinschaftliche Stoppelweide beeinträchtigt hätte, weil durch das Pflügen ein Teil potentieller Weidefläche entfiel. Bei Zuwiderhandlung musste eine Entschädigung an die anderen Nutzungsberechtigten gezahlt werden. Das Verfassungsorgan der Eschgemeinschaft war die Bauersprache („Bursprauke“), die Zusammenkunft der Eschberechtigten, in der über die Land- und Gewannenwege, die Stoppelweide und Pflugart, die Einfriedung sowie andere Belange die Eschflur betreffend beraten wurde. Den Vorsitz dieser Bauersprache führte oftmals der Holzgraf, der Vorsitzende des Holzgerichtes (Hölting; Klöntrup I, S. 340–342).

Erläuterung der Zeichen

* = keine in der schriftlichen Überlieferung belegte, sondern nach den Regeln des Lautwandels aus nah verwandten Sprachen und Sprachstufen erschlossene Wortform.

ê = langer Vokal e

† = gestorben

Quellen und Literatur

Klöntrup, Johann Aegidius, Alphabetisches Handbuch der besonderen Rechte und Gewohnheiten des Hochstifts Osnabrück mit Rücksicht auf die benachbarten westfälischen Provinzen, 3 Bde., Osnabrück 1798–1800.

Westfälischer Flurnamenatlas, bearb. v. Gunter Müller, Lieferung 1, Münster 2000, S. 53–55.

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