„En aulen Rü’en is quaut to bengeln“ – Sprichwörter als Geschichtsquelle

Von Dr. Christof Spannhoff

Sprichwörter geben einen spannenden Einblick in die Vergangenheit hier ein niederdeutsches Beispiel.

„En aulen Rü’en is quaut to bengeln“ lautet ein altes Tecklenburger Sprichwort und stellt das niederdeutsche Gegenstück dar zum hochdeutschen Lehrspruch „Ein alter Hund ist schwer an die Kette zu gewöhnen.“ Doch ist diese hochdeutsche Übertragung etwas zu frei bzw. zu modern gewählt und verstellt somit den geschichtlichen Einblick in den Umgang mit Haustieren in vergangenen Jahrhunderten, den der niederdeutsche Spruch noch heute bietet.

Sprichwörter als Geschichtsquelle

Gerade das niederdeutsche Tätigkeitswort bengeln ist der Schlüssel, der die Tür in die Vergangenheit öffnet. Es leitet sich vom Hauptwort Bengel ab, das einen „Stock“ oder „Knüppel“ bezeichnet. Das „Deutsche Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm erklärt den Begriff mit „prügeln“. Das ist sicherlich ein Bedeutungsaspekt des Wortes, doch trifft er nicht den Sinn im Sprichwort.

Tierhaltung vergangener Zeiten

Sicherlich bekamen Hunde in der Vergangenheit als erzieherische Maßnahme den Stock zu spüren, doch will die hochdeutsche Variante des Spruchs den Hund „an die Kette legen“, also an der freien Bewegung hindern. Im Kontext der Bewegungseinschränkung ist auch die in diesem Fall notwendige Bedeutung des Verbs bengeln zu suchen. Eine schlüssige Verbindung lässt sich im Bereich des Jagdwesens vergangener Zeiten finden. Vor 1800 besaßen der Landesherr und der ansässige Adel das Jagdrecht. Von der Landbevölkerung durfte keinerlei Jagd ausgeübt werden. Zuwiderhandlungen wurden unter schwere Strafen gestellt.

Tecklenburgische Dorfordnung von 1755

In der Dorfordnung für die Grafschaft Tecklenburg aus dem Jahr 1755 heißt es dazu: „dahingegen sollen auch die Unterthanen, so zur Jagd nicht berechtigt sind, sich alles Jagens, Schießens, Schleifen- und Strickelegens enthalten, ihre Hunde ohne einen Knüppel von 1 ½ Schuh nicht laufen lassen.“ In diesem Jagdverbot für den gemeinen Mann wird auch die Bedeutung des Wortes bengeln in Verbindung mit Hunden ersichtlich. Damit die frei im Dorf und auf den Bauernhöfen umher laufenden Haus- und Hofhunde nicht dem ebenfalls frei lebenden Wild nachjagen oder dieses reißen konnten, wurde ihnen ein längerer Stock (1 ½ Schuh: ca. 50 cm) um den Hals quer vor die Beine gehängt. So konnten die Hunde sich nur langsamen Schrittes frei fortbewegen. Im schnellen Lauf aber stolperten sie über den sich in ihren Vorderläufen verhaspelnden Stab und stürzten oder zogen sich schwere Blessuren zu. Das „Bengeln“ der Hunde war also dazu gedacht, das Wild für die Jagd der wenigen Jagdberechtigten zu schützen. Vermutlich ist in diesem Kontext auch der sprichwörtliche „geprügelte Hund“ zu sehen (der Hund, dem man einem Prügel vor die Beine gebunden hat, damit er nicht wildert, und deswegen langsam und bedächtig geht als Übertragung auf einen bedächtig gehenden Menschen, eben: „Wie ein geprügelter Hund schleichen“).

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Hund mit einem vor den Hals gebundenen Knüppel, der ihn am Jagen des Wildes hindern soll.
Holzschnitt von Tobias Stimmer (1539–1584).

Bild: Kaiser, Hundeleben

Schwere Zeiten für Hund und Katz‘

Doch war diese Form der Unterdrückung des Jagdtriebs noch relativ human. Andere Verordnungen (Sauerland anno 1685) sahen die Amputation eines Vorderlaufes vor, um die Hunde am Wildern zu hindern. Eine Gefahr vor allem für Jungvögel stellten auch die Katzen dar. Um das beliebte Wildbret zu schützen, sollten diesen Tieren laut Verordnung die Ohren direkt am Kopf abgeschnitten werden (Sauerland anno 1747). Schwere Zeiten für die besten Freunde des Menschen! (Knack

Literatur

  • Die „Tecklenburger Dorfordnung von 1755“ findet sich abgedruckt in: Holsche, August Karl, Historisch-topographisch-statistische Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg, Berlin u. Frankfurt/Oder 1788, S. 405–454.
  • Knackstedt, Wolfgang, Bei der Jagd blieb für die Bauern nicht viel übrig, in: Bilderbogen der westfälischen Bauerngeschichte, hrsg. v. Hermine v. Hagen u. Hans-Joachim Behr, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, Münster 1986, S. 132–135.
  • Kaiser, Hermann, Ein Hundleben. Von Bauernhunden und Karrenkötern. Zur Alltagsgeschichte einer geliebten und geschundenen Kreatur, Cloppenburg 1993.

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