War die Lienener Kirche ursprünglich eine Johannis-Kirche?

Dr. Christof Spannhoff

Vor dem Übertritt der Tecklenburger Grafen und ihrer Untertanen zum reformierten Bekenntnis Ende des 16. Jahrhunderts besaß auch die heute evangelische Kirche in Lienen (heute Kreis Steinfurt) – wie alle anderen Kirchen in der alten Grafschaft Tecklenburg – ein Patrozinium. Das heißt, sie war einem Heiligen geweiht und unter dessen Obhut gestellt. Eine Reliquie des Patrons befand sich vermutlich im Altar des Gotteshauses. Mit der Einführung des reformierten Bekenntnisses 1587/88 und der damit einhergehenden Ablehnung des Heiligen- und Reliquienkultes verschwand auch dieser heilige Patron (Zur Einführung der Reformation in der Grafschaft Tecklenburg siehe: Schindling/Rohm, S. 182–198). Nach über 400 Jahren hat sich an ihn in der Bevölkerung aber keinerlei Erinnerung mehr erhalten. Somit ist der Historiker gefragt, Anhaltspunkte zu finden, um den ursprünglichen Schutzheiligen der Lienener Kirche rekonstruieren zu können.

Rekonstruktionsversuche

Bereits 1934 hatte der Historiker Joseph Prinz eine Studie über die Entstehung und mittelalterliche Entwicklung des Bistums Osnabrück, zu dem ursprünglich auch Lienen gehörte, veröffentlicht. Darin stellte er fest, dass die Lienen benachbarte Kirche in Glane eine Tochtergründung von Lienen war (Prinz, S. 77 u. S. 188). Das lässt sich auch urkundlich bestätigen: 1253 werden die Siedlungen in Glane und Ostenfelde noch als Teile des Kirchspiels bzw. der Pfarrei Lienen bezeichnet (OUB III, Nr. 65), zehn Jahre später (1263) gehören Teile Ostenfeldes kirchlich zum bereits eigenständigen, von Lienen nun abgepfarrten Kirchspiel Glane (OUB III, Nr. 281). Da aber die Glaner Kirche das Patrozinium des Heiligen Jacobus des Älteren besaß und bis heute besitzt, folgerte Prinz im Umkehrschluss, dass auch Lienen ursprünglich eine dem Heiligen Jacobus maior geweihte Kirche gewesen sein müsse. Mit der Gründung der Pfarrei Glane von Lienen aus sei somit auch das Patrozinium von Lienen nach Glane gelangt, eine Übertragung, die – laut Prinz – bei Mutter- und Tochterkirchen nicht ungewöhnlich sei. An dieser Schlussfolgerung ist jahrzehntelang nicht gezweifelt worden. Deshalb fand sie auch in das 1992 erschienen Standardwerk „Die Patrozinien Westfalens“ Eingang, das Lienen unter dem Patrozinium Jacobus maior aufführt (Ilisch/Kösters, S. 327).

Jacobus maior oder Johannes der Täufer?

Nun ist aber von Wilhelm Wilkens festgestellt worden, dass die Lienener „Kirmes“, also der Kirchweihtag, noch im 18. Jahrhundert auf den Montag nach dem Johannistag (24. Juni) fiel (1614 hielt man die „Kirmes“ allerdings am 4. Juli ab, also zwei Wochen nach Johannis; Wilkens, Lienen, S. 25f.). Dieser Umstand gab zu der Vermutung Anlass, dass die Lienener Kirche ursprünglich ein Johannis-Patrozinium besessen haben könnte. Der Verdacht erhärtete sich, als Wilhelm Wilkens zudem noch zwei in diesem Zusammenhang bedeutsame Flurnamen an der Lienener Grenze zu Hagen a. T.W. und Ostenfelde (heute Bad Iburg) nachweisen konnte: „St. Johans Rasten“ oder „Johannes Rast“ und die „Johannes Welle“. Als „St. Johans Rasten“ oder „Johannes Rast“ wurden im katholischen Hagen bis ins 19. Jahrhundert hinein die auf Lienener Gebiet gelegenen Duvensteine bezeichnet (erstmals 1592 als „sanct Johans Rasten“ nachzuweisen. Rottmann, S. 219 u. 225) und mit der „Johannes Welle“ benannten die katholischen Ostenfelder Einwohner eine an der Grenze befindliche Quelle. Aus den Johannis-Flurorten erschließt Wilkens eine vorreformatorische Johannes-Prozession mit dem Bildnis des Heiligen, analog zu den Prozessionen zu Ehren und mit Bild der Lengericher Kirchenpatrona Margarethe, die sich auch im Flurnamen „Margarethen-Egge“ manifestierte, oder des Glaner Patrons Jacobus (Große-Dresselhaus, S. 54; Rottmann, S. 224f.). Der in der weiteren Umgebung mehrfach anzutreffende Flurname „Hilligenstohl“, vor allem an Pfarreigrenzen, dürfte mit derartigen Umgängen in Zusammenhang stehen und eine Station benennen, an der das Heiligenbild zur Andacht abgesetzt wurde.

Aus diesen Hinweisen folgert Wilhelm Wilkens, dass die Lienener Kirche in der Zeit vor der Reformation Johannes dem Täufer geweiht gewesen ist (Wilkens, Lienen, S. 25).

Bestätigung durch Urkundenfund

Doch sind diese Belege ausreichend für eine derartige Schlussfolgerung?

Sie sind es! Denn hinzu tritt noch der erst kürzlich vom Verfasser gemachte Fund einer Urkunde im Archiv der freiherrlichen Familie von der Horst, die aus der Zeit vor der Annahme des reformierten Bekenntnisses in der Grafschaft Tecklenburg (1587/88) stammt und deren Inhalt das Patrozinium der Lienener Kirche zweifelsfrei beweist (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Familie von der Horst [Dep], Urkunden, Nr. 139): Am 4. Januar 1576 übergab Gräfin Anna von Tecklenburg ihrem Drosten Friedrich von der Horst zum Unterhalt seines noch unmündigen Sohnes Rave Arendt das durch den Tod Cordt Meiers erledigte „St. Johannislehn“ der Pfarrkirche zu Lienen. Das auch als „Pfründe S. Johannis“ bezeichnete Lehn der Lienener Kirche hatte also bis zu seinem Tode ein Cordt Meier, Sohn des gräflich-tecklenburgischen Kanzlers, dem 1560 die Pfarrei Lienen übertragen worden war, besessen (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Fürstabtei Herford, Landesarchiv, Akten, Nr. 437). Diese Angabe zeigt, dass diese Pfründe ursprünglich dem Unterhalt des Lienener Pfarrers diente. Die Vergabe an den Nicht-Kleriker Rave Arendt von der Horst 1576 lässt vermuten, dass der damalige Lienener Pfarrer Eberhard Klinge, der ebenfalls im Januar 1576 ordiniert wurde (Hunsche, S. 119), bereits direkt von der Tecklenburger Gräfin besoldet wurde und der Pfründe nicht mehr bedurfte, so dass das „Sanct Johannislehn“ zu anderer Vergabe zur Verfügung stand.

Der Inhalt dieser Urkunde ist somit ein handfester Beleg für das ursprüngliche Patrozinium des Gotteshauses. Die Lienener Kirche war also ursprünglich keine Jacobi-, sondern eindeutig eine Johannis-Kirche!

In seinem 2014 erschienenen Beitrag mit dem ungelenken und wenig spezifischen Titel „Frühzeitliche Gegebenheiten und Geschehnisse im Gemeinwesen Lienen“ nimmt Wilhelm Wilkens diesen wichtigen Quellenfund auf, qualifiziert ihn aber zum „i-Pünktchen“ (Wilkens, Gegebenheiten, S. 29) ab. Diese Abwertung ist allerdings völlig verfehlt, weil diese durch intensives und zeitaufwendiges Quellenstudium gemachte Entdeckung erst den direkten schriftlichen Beleg einer zuvor lediglich indiziengestützten Vermutung ausmacht. Diese Urkunde beweist erst mit letzter Sicherheit, was Wilkens zuvor nur vermuten konnte! Deshalb ist dieser Urkundenfund von äußerster Wichtigkeit für die Lienener Kirchen- und Ortsgeschichte und verdient eine angemessene Würdigung.

Transkription der Urkunde vom 4. Januar 1576

Die Schreibung folgt dem Original. Lediglich die Groß- und Kleinschreibung wurde zum besseren Verständnis den heutigen Regeln angeglichen. Erläuterungen zum Text sind in eckigen Klammern gegeben.

Regest

1576 Januar 4, Tecklenburg:

Die verwitwete Gräfin Anna von Tecklenburg, Bentheim und Steinfurt, Frau zu Rheda und Wevelinghoven übergibt ihrem Drosten Friedrich von der Horst zu Behuf seines Sohnes Rave Arndt, solange derselbe nicht zum mündigen Alter gekommen ist, das durch den Tod Cordt Meiers erledigte St. Johannislehn der Pfarrkirche zu Lienen.

Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen (Münster), Familie von der Horst (Dep.), Urkunden, Nr. 139.

Text

Wir Anna Grauin [Gräfin] zu Tekelenburch Bentheim vnd Steinfurt, Fraw zu Rheda vnd Weuelinckhouen Wittib vrkundenn vnd bekennen mith diesem besiegelten Brieff vor vns, vnser Erben vnd meninglich nachdem Sanct Johannislehn der Pfarrkirchen jn vnser Grafschaft Tekelenburch, Linen, durch thodtlichen Abganck Cordt Meiers anders diuoliert [zurückgefallen] vnd heimgeuallen, als haben wir jn deses Erledigung vnd Vanierung [Verschwinden] Jure Patronatus [durch Patronatsrecht] wie rechte Ware [dingliches Nutzungsrecht] Collatorie [durch Kollationsrecht] vnd Lehenherr die ermelte Pfründt S. Johannis mith allen vnd jeden ihren Nutzungen, Gefellen vnd Zugehorungen lauterlich [gänzlich, ausschließlich] den ernuesten vnseren Drosten vnd lieben Getreuwen Friedrichen von der Horst, wegen seiner vns ein Zeitlanck geliesteten [!] [geleisteten] vnd bewiesenen empzigen Diensten zu Behuff [zum Zweck] seines Sohnes Raue Arenndt verliehen vnd eingereumbt, also dergestaldt vnd Meinung, das gedachter vnser Junge Raue Arendt die Vicarie, mith allen ihren Pertinentzien Zugehorungen vnd Einkommens haben, besitzen vnd genießen soll vnnd magk, so lange vnd zu der Zeit, daß er vogtbar oder wehrachtich wirt, auff den Vall vnd nicht ehe, soll vns oder vnsern Erben die mehrgemelte Pfründt ohn sein oder jemandtz Beeindrechtigung, Exeption [Ausnahme], Niefunde [ohne Betrug und Hintergedanken] oder Disputation [Berechnung, Erwägung] wiederumb veruallen sein vnd vns williglich eingerechet werden, darmith wir oder vnser Mithgesatzte nach vnsern Wolgeuallen zu gebehren vnd vnsers Gutachtens zu handlen haben p. Wir geloben auch vor vns vnd vnsere mithbeschriebene mehrgerümte Drosten jn stehender Vormundtschaft seines Sohns, vnd vorthan vnsern Jungen Raue Arendt bei der Possession vnd Vbergaab, die jn maßen obgedachte Zeit vnnd nicht lenger zu manuteriren [bewahren], zu schützen vnd zu handthaben. Darwieder wir oder die vnsere nichtz, so von Minsschen [Menschen] erdacht ist oder noch werden kan, pretendirn oder vorwenden sollen noch wollenn. p Alles getrewelich vnd ohn Geuherdt [Gefahr], des zu wahrer Vrkundt, auch stetter vnnd vester Haltunge haben wir Anna Grauin [Gräfin] obgemelt vnsern Nhamen mith eigen Hantenn aufs Spatium [Zwischenraum], vnd vnser Jnsiegell an diesen Brieff wißendlich heften laßen, so geben ist zu Tekelenburch am vierten Tage des Monatz Jannuarij jm Jahre ein tausenndt fünfhundert siebentzigk sechs [1576]. p[.] Anna[.]

(An Pergamentstreifen angehängt das Siegel Annas.)

Quellen und Literatur

Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Familie von der Horst (Dep), Urkunden, Nr. 139.

Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Fürstabtei Herford, Landesarchiv, Akten, Nr. 437.

OUB = Philippi, Friedrich u.a. (Bearb.), Osnabrücker Urkundenbuch, 7 Bde., Osnabrück 1892–1996.

Große-Dresselhaus, Friedrich, Die Einführung der Reformation in der Grafschaft Tecklenburg, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 41 (1918), S. 1–112.

Hunsche, Friedrich Ernst (Bearb.), Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v. d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965.

Ilisch, Peter u. Kösters, Christoph (Bearb.), Die Patrozinien Westfalens von den Anfängen bis zum Ende des alten Reiches, hrsg. v. Institut für Religiöse Volkskunde Münster, Münster 1992.

Prinz, Joseph, Das Territorium des Bistums Osnabrück, Göttingen 1934.

Rottmann, Rainer, Hagen am Teutoburger Wald. Ortschronik, hrsg. v. d. Gemeinde Hagen, Osnabrück 1997.

Schindling, Anton u. Rohm, Thomas, Tecklenburg, Bentheim, Steinfurt, Lingen, in: Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung, hrsg. v. Anton Schindling u. Walter Ziegler, Bd. 3: Der Nordwesten, Münster 1991, S. 182–198.

Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004.

Wilkens, Wilhelm, Frühzeitliche Gegebenheiten und Geschehnisse im Gemeinwesen Lienen, in: Kattenvenne. Das Dorf mit seiner Entwicklung, hrsg. v. d. Kattenvenne 1312 eG, Lengerich 2014, S. 22–44.

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