Der Hof- und Familienname Lieneke

Von Dr. Christof Spannhoff

Im zweiten Band der Kattenvenner Ortsgeschichte, der im November 2014 erschienen ist, finden sich auch mehrere Beiträge des Theologen Wilhelm Wilkens, in denen er sich an ortsgeschichtlichen und namenkundlichen Themen versucht. Die Betonung liegt allerdings auf „versucht“, denn Wilkens ist weder in geschichtlichen noch sprachwissenschaftlichen Fragen kompetent. Dazu fehlen ihm sowohl die methodischen Fähigkeiten als auch die notwendige Quellen- und Literaturkenntnis. Dass dieses harte, aber sachlich fundierte Urteil gerechtfertigt ist, zeigt sich z.B. auch an seinen Ausführungen zum Lienener Hof- und Familiennamen Lieneke.

Wilkens schreibt: „Lieneke (Nr. 11, Westerbecker Damm 2) ist wie Lienen aus der Lage am Bach, dem alten Wasserwort lien hervorgegangen.“[1] Wie fast immer bei seinen Namendeutungen geht Wilkens von der heutigen Form des Namens aus und gibt dann zu dessen Erklärung ein mutmaßliches „Sumpf- oder Wasserwort“ an. Diese Wörter bezieht er gerne aus der Sammlung Hans Bahlows. Doch hat die sprachwissenschaftliche Namenkunde bereits seit über einem halben Jahrhundert nachgewiesen, dass Bahlows Inventar angeblicher vorgeschichtlicher oder sogar kelto-ligurischer Sumpf- und Wasserwörter größtenteils frei erfunden ist.[2]

Zwar gibt es ein uraltes Wasserwort lîn (î ist ein langes i)[3], doch ist das hier nicht zur Erklärung des Namens Lieneke heranzuziehen, weil Wilkens nicht die ältesten Belege des Namens beachtet hat!

Der Name Lieneke erscheint erstmals in einer Urkunde aus dem Jahr 1429. Damals übergab Herman de Scroder, Vogt des Junkers zu Tecklenburg, dem Stift Freckenhorst Aleken Lyndemans, Tochter des Ehepaares Johan Lyndeman und Metten, mit ihren Kindern Johann und Requyn aus dem Kirchspiel Lienen für Johann, Gerd und Aleken, Kinder des Ebbeken des Molleners und dessen verstorbener Ehefrau Styne.[4] 1429 hießen Familie und Hof also noch Lyndeman. Auch in einem Tecklenburger Register über mehrere Abgaben aus dem Jahr 1468 erscheint unter Lienen Lyndeman to Westerbeke (Geldschuld), aber auch bereits Lyndeke (Rindergeld).[5] Das zeigt, dass sich der Name in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts von Lyndeman zu Lyndeke und später mit Ausfall des Dentals d zu Lyneke, Lieneke veränderte. Im Schuldschweineregister von 1494 heißt der Hof immer noch Lyndeke[6], 1580 dann Lineke[7].

Die älteren Belege zeigen, dass der Hof- und Familienname Lieneke zu der Baumbezeichnung Linde (tilia), altsächsisch/altniederdeutsch linda, lindia[8], mittelniederdeutsch linde ‚Linde‘[9], zu stellen ist. In der Nähe des Hofes müssen sich ursprünglich also ein oder mehrere Lindenbäume befunden haben. Ein Lindengehölz findet sich z.B. bereits um 890 im Ortsnamen in Lindlohon ‚Linden-Wald‘ im Münsterland (zu altsächsisch *lo[h] ‚Hain, Niederwald‘, lohon ist dazu der Dativ Plural).[10] Als Einzelbaum diente die Linde vielfach als Grenzbaum oder als Wegemarke. Ein Lindenbaum stand aber auch häufig an ländlichen Fest- oder Gerichtsplätzen. 1290 saß die Herforder Äbtissin anlässlich ihrer Rundreise zu ihren westfälischen Besitzungen „sub tilia iuxta Iburgh“, also unter der Linde bei Iburg zu Gericht.[11] 1408 bestätigen Ladewych Hake und seine Söhne an einer Breite Landes bei Iburg, die dem verstorbenen Johann von Oesede gehörte, keinen Anspruch zu haben. In der Urkunde darüber heißt es: „dat zee in der breden landes, de dar schut upp de lynden belegen tusschen Yborgh und der lynden“.[12] 1439 verkauft Johann van Riiest eine Breite Land auf der Suttheide (Südheide) bei Iburg an Johann Kremese und Frau: „de brede landes, de beleghen ys by der lynden up der Suetheyde under Yburch“.[13] Diese Linde auf der Suttheide wird bereits 1358 erwähnt: „Buckesbrede […] up der Suthede prope tyliam“.[14]

Wie ist nun der Übergang von Lyndeman zu Lyndeke zu erklären, der sich bereits im Register von 1468 findet? Der Name Lyndeman ist eine Zusammensetzung mit dem Grundwort mittelniederdeutsch man ‚Mensch, Mann‘[15]. Der Lyndeman war also derjenige, der an einer oder bei mehreren Linden wohnte und nach diesem Wohnplatz von seinen Mitmenschen benannt wurde. Die Namenform Lyndeke ist hingegen nicht mit dem Grundwort man gebildet, sondern mit einem k-Suffix, mit dem im Niederdeutschen – vor allem in Personennamen – Verkleinerungs- oder Koseformen gebildet wurden.[16] Lyndeke meint also wörtlich übersetzt so viel wie der ‚kleine Lynde(man)‘.

Es zeigt sich also, dass im Namen Lieneke kein altes Wasserwort steckt, wie Wilkens unterstellt, sondern die Baumbezeichnung Linde. Damit offenbart sich wieder einmal, dass Wilkens, weil er die ältesten Belege nicht zur Kenntnis nimmt, einem Fehlschluss aufgesessen ist. Mit seiner nachlässigen Arbeitsweise richtet er großen Schaden für die Orts- und Regionalgeschichte an, weil er suggeriert – nicht zuletzt durch die Nennung seines theologischen Doktortitels – sich intensiv mit der Materie auseinandergesetzt zu haben, aber dann doch nur sehr oberflächlich arbeitet. Dadurch führt er seine Leser hinters Licht.

[1] Wilkens, Wilhelm, Frühzeitliche Gegebenheiten und Geschehnisse im Gemeinwesen Lienen, in: Kattenvenne. Das Dorf mit seiner Entwicklung, hrsg. v. d. Kattenvenne 1312 eG, Lengerich 2014, S. 22–44, hier S. 31.

[2] Bahlow, Hans, Deutschlands geographische Namenwelt. Etymologisches Lexikon der Fluss- u. Ortsnamen alteuropäischer Herkunft, Frankfurt a. M 1985. Zur Methodik und Arbeitsweise Bahlows und damit auch Wilkens‘, die in krassem Widerspruch zur wissenschaftlichen Namenforschung steht vgl. die Rezensionen: Schützeichel, Rudolf, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 101 (1965), S. 343; Hessmann, Pierre, in: Deutsche Literaturzeitung für Kritik der internationalen Wissenschaft 87 (1966), S. 595-597; Wesche, Heinrich, in: Niederdeutsches Jahrbuch 89 (1966), S. 184-191; Kleiber, Wolfgang, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, Jg. 118, Bd. 203 (1967), S. 285-286; Hartig, Joachim, in: Anzeiger für deutsches Altertum 79 (1968), S. 49-54; Reichardt, Lutz, Nachfolger Hans Bahlows, in: Beiträge zur Namenforschung, N.F. 31 (1996), S. 398-406.

[3] Spannhoff, Christof, Der Ortsname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 45–49.

[4] Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Freckenhorst, Urkunden, Nr. 247 d.

[5] Fürstliches Archiv Rheda, Bestand Rheda, Urkunden, Nr. 68.

[6] Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974, S. 92.

[7] Ebd., S. 66.

[8] Tiefenbach, Heinrich, Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary, Berlin/New York 2010, S. 243.

[9] Schiller, Karl / Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875–1881, Bd. II, S. 700.

[10] Derks, Paul, Die Siedlungsnamen des Stadt Lüdenscheid. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Lüdenscheid 2004, S. 112–115.

[11] Finke, Heinrich, Die Urkunden des Bisthums Paderborn vom Jahr 1201–1300, Münster 1894 (Westfälisches Urkundenbuch IV), Nr. 2104 (Original).

[12] Urkundenbuch des Klosters Iburg, bearb. v. Horst-Rüdiger Jarck, Osnabrück 1985 (Osnabrücker Urkundenbuch V = OUB V), Nr. 214 (Original).

[13] OUB V, Nr. 242 (Original).

[14] OUB V, Nr. 165 (Original).

[15] Schiller/Lübben, Wörterbuch III, S. 18f.

[16] Udolph, Jürgen, Suffixbildungen in alten Ortsnamen Nord- und Mitteldeutschlands, in: Suffixbildungen in alten Ortsnamen, hrsg. v. Thorsten Andersson u. Eva Nyman, Uppsala 2004, S. 137–175, hier S. 142f.

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