Hohne – Siedlung an der niedrig gelegenen Stelle

Von Dr. Christof Spannhoff

Der Lengericher Ortsteil Hohne feierte 2013 das Jubiläum seiner schriftlichen Ersterwähnung vor mindestens 925 Jahren. Ein Grund, sich mit dem Namen der Siedlung selbst zu befassen, denn auch er hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Um sein Geheimnis zu lüften, müssen zunächst die ältesten Formen des Namens gesichtet werden: Zwischen 1082 und 1088 erscheint die Siedlung als Hone.[1] Im Heberegister des Stiftes Herford aus dem 12. Jahrhundert ist Hanon verzeichnet.[2] 1256 heißt es Hounen bzw. Honen[3], 1284 Honen.[4] Mundartlich wird der Ort Hauhne genannt.[5] Von diesen Formen hat die sprachliche Analyse auszugehen.

Ein germanisches Wort *hûn ‚Fäulnis, Dreck, Mist, Sumpf, Morast‘, das auch Gabriele Böhm in der Ortschronik „Hohne – Bauerschaft am Deetweg“ (1999) zur Erklärung des Namens annimmt[6], muss fern bleiben, weil es zum einen lediglich auf recht unsicherer Basis erschlossen worden und somit seine Existenz überhaupt fraglich ist (* kennzeichnet eine erschlossene Form).[7] Zum anderen passt der lange Stammvokal û von *hûn nicht zu dem langen Stammvokal ô, â in Hone, Hanon, da der Wechsel zwischen ô und â sowie die mundartliche Form mit au (Hauhne) verbindlich auf westgermanisch au verweist.[8] Damit ist zwingend ein Wortstamm westgermanisch *haun– zu erschließen, auf den der Name Hohne zurückzuführen ist. Daraus ergeben sich zwei mögliche Anschlüsse: Hohne könnte der Dativ Singular von altsächsisch hôh, mittelniederdeutsch , hôge, hôch ‚hoch‘ sein (germanisch *hauga-, *hauha)[9], wie etwa in Hoenhorst, Kreis Warendorf (entstanden aus „to der hohen Horst [Wald]“).[10] Doch ist der Name Hohne bereits früh überliefert, so dass in den alten Belegen eine nicht kontrahierte (zusammengezogene) Form *Hohune/*Hohone/*Hogene zu erwarten gewesen wäre.[11]

Weniger Probleme bereitet dagegen ein Anschluss von Hohne an germanisch *hauna– ‚niedrig‘.[12] Belegt ist das Wort mit dieser Bedeutung nur noch in der ostgermanischen Sprache Gotisch: hauns ‚niedrig‘. Daneben hat das Wort bereits sehr früh auch die Bedeutung ‚demütig, schimpflich, schmachvoll‘ angenommen, die die ursprüngliche Bedeutung ‚niedrig‘ vollkommen verdrängte. Unser heutiges Wort Hohn ‚Schadenfreude, Spott‘, das ebenfalls auf germanisch *hauna– zurückgeht, lässt kaum noch die ursprüngliche Verwandtschaft mit ‚niedrig‘ erkennen.[13] Seine lautliche Gestalt aber gleicht dem Ortsnamen Hohne bis heute! Der Name Hohne benannte ursprünglich also eine im Vergleich zu seiner Umgebung niedriger gelegenen (Siedlungs-)Stelle. Zudem zeigt die Bedeutungsentwicklung von germanisch *hauna-, dass der Name Hohne bereits sehr alt ist, denn bereits im Altenglischen, Altsächsischen und Althochdeutschen hat das ihm zugrunde liegende Wort *hauna– die Bedeutung ‚schimpflich, schmachvoll, elend‘ angenommen. Da die Bedeutung ‚niedrig‘ nur noch im Gotischen des 4. Jahrhunderts n. Chr. nachzuweisen ist, dürfte der Ortsname Hohne wahrscheinlich ebenfalls mindestens dieses Alter aufweisen.

[1] Philippi, Friedrich u.a. (Bearb.), Osnabrücker Urkundenbuch, 7 Bde., Osnabrück 1892–1996, Bd. I, Nr. 201 (im Folgenden OUB); OUB V, Nr. 8 (Original). Zur Datierung: Spannhoff, Christof, Exkurs I: Zur Datierung der Ersterwähnung des Namens Lienen, in: Spannhoff, Christof, Der Orstname Lienen. Eine sprachliche und geschichtliche Studie, Norderstedt 2014, S. 57–74.

[2] Einkünfte- und Lehns-Register der Fürstabtei Herford sowie Heberollen des Stifts auf dem Berge bei Herford, bearb. v. Franz Darpe, Münster 1892, S. 39 (Original).

[3] OUB III, Nr. 155; OUB V, Nr. 47 (Original).

[4] OUB IV, Nr. 133; OUB V, Nr. 67 (Original).

[5] Becker, Margrit, Wu et unnen in Hauhne lechter wörd, in: Böhm, Gabriele, Hohne. Bauerschaft am Deetweg, hrsg. v. d. Gemeinschaft der Hohner Vereine, Greven 1999, S. 133–138.

[6] Vogelsang, Friedrich; Böhm, Gabriele, 3700 Jahre Hohner Siedlungsgeschichte, in: Böhm, Gabriele, Hohne. Bauerschaft am Deetweg, hrsg. v. d. Gemeinschaft der Hohner Vereine, Greven 1999, S. S. 45–52, hier S. 48.

[7] Vries, Jan de, Nederlands etymologisch woordenboek, 3. Druck, met aanvullingen, verbeteringen en woordregisters door Felicien de Tollenaere, Leiden u.a. 1992, S. 272. Zur Kritik siehe: Devleeschouwer, J., Nervische hydroniemen, in: Naamkunde 4 (1972), S. 21–25, hier S. 23.

[8] Niebaum, Hermann, Zur synchronischen und historischen Phonologie des Westfälischen. Die Mundart von Laer (Landkreis Osnabrück), Köln u. Wien 1974, S. 356 u. S. 380f.; Müller, Gunter, Das Vermessungsprotokoll für das Kirchspiel Ibbenbüren von 1604/05. Text und namenkundliche Untersuchungen, Köln u.a. 1993, S. 50 u. S. 53.

[9] Heidermanns, Frank, Etymologisches Wörterbuch der germanischen Primäradjektive, Berlin u. New York 1993, S. 285f.

[10] Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011, S. 205f.

[11] Laur, Wolfgang, Historisches Ortsnamenlexikon von Schleswig Holstein, 2., völlig veränderte u. erw. Aufl., Neumünster 1992, S. 340.

[12] Heidermanns, Wörterbuch, S. 286f.

[13] Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. Aufl., Berlin 2002, S. 418.

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